»Ich komme nicht,« schrie Kasperle patzig.
Aber da hatte er sich doch in Veit verrechnet. Der kam mit langen Schritten
herbei, packte das Kasperle und trug es ohne weiteres dem Schlosse zu.
Nicht einmal recht Abschied nehmen konnte er von dem traurigen Marlenchen.
Das verdiente in dem Augenblick seinen Namen wirklich. Tief traurig sah es
dem lustigen kleinen Kameraden nach, bis sie ihn nicht mehr erblicken
konnte. Und als sie heimging mit gesenktem Kopf, da sagten die Wiesenblumen
zueinander: »Wie seltsam, Regentropfen fallen und der Himmel ist so blau.«
Die Regentropfen aber waren des traurigen Marlenchens bittere, bittere
Tränen.
Inzwischen gelangte Kasperle noch rechtzeitig in das Schloß. Und just als
sich der Herzog zum Mittagessen setzen wollte, rumpelte und rasselte es
draußen, die Prinzessin kam angefahren. Ein paar Minuten lang lief und rief
alles durcheinander. Der Herzog seufzte erschrecklich tief, denn ihm gefiel
der Besuch gar nicht. Das Kasperle stand ganz verdattert herum, da
schüttelte ihn jemand und raunte ihm zu: »Marsch, lauf in deinen Turm!
Sonst gibt es gleich Zank und Streit, wenn dich die Prinzessin erblickt.«
Der Haushofmeister war es. Kasperle ließ sich das nicht zweimal sagen. Er
rannte davon und kam dabei durch das Anrichtezimmer. Dort standen allerlei
schön verzierte Speisen, Schüsseln mit Kuchen und dergleichen, und Kasperle
dachte: Davon bekomme ich nun nichts. Plötzlich blieb er stehen, eine feine
rosenrote Torte hatte es ihm angetan, und eins, zwei, drei, nahm er die
Torte und trug sie in seinen Turm hinauf. Er war beinahe oben, da traf ihn
jemand; der gute, dicke Oberstallmeister war es. »Potzwetter!« rief der,
»wo willst du denn mit der Torte hin? Bist du Küchenjunge geworden?«
»Nä!« stammelte Kasperle und schielte den freundlichen Herrn scheu an. »Ich
-- ich will sie essen!«
»Die ganze Torte?«
Kasperle sah den Oberstallmeister an, sah die Torte an und dachte: Sie
langt schon für beide. Er sagte das auch ganz treuherzig und der dicke Herr
lachte herzhaft darüber. Weil er aber auch schon einen rechtschaffenen
Hunger hatte und wußte, nun würden noch viele Minuten vergehen bis zum
Mittagessen, rief er: »Kasperle, du bist ein Schlauerchen. Aber
meinetwegen, wir essen die Torte zusammen.«
Und dann setzten sie sich auf die Turmtreppe, der Oberstallmeister nahm
seinen Säbel, schnitt die Torte mittendurch, und dann schmausten sie höchst
einträchtig zusammen. Danach war Kasperle pumpelsatt, der Oberstallmeister
halbsatt, und als sie sich trennten, hatte Kasperle einen neuen Freund im
Schloß gewonnen.
Kasperle stieg sehr vergnügt in seinen Turm hinauf, kletterte auf das
Fensterbrett und sah sich die Welt von oben an. Dabei sah er zwei
Stockwerke tiefer zur Seite eine Anzahl Fenster offen stehen, die sonst
geschlossen waren. Und wie er so hinsah, steckte aus dem einen jemand
seinen Kopf heraus und das -- war die Prinzessin Gundolfine. Kasperle
purzelte vor Schreck in seinen Turm zurück. Eine ganze Weile lag er da und
schnappte nach Luft, so arg war er erschrocken.
Aber Kasperle war eben ein zu dummen Streichen und Schabernack aufgelegtes
Kasperle. Das dachte den ganzen langen Nachmittag an weiter nichts, als
daran, der Prinzessin als ein Gespenstlein zu erscheinen. Niemand kümmerte
sich um den Kleinen; zu Tisch wurde er nicht geholt, der Herzog wollte ihn
am liebsten seiner Base nicht zeigen. Zu essen brachte ihm auch niemand
etwas, weil der Oberstallmeister dem Haushofmeister von der verschwundenen
Torte erzählt hatte. Da dachte der: Das reicht bis zum Abendessen.
Hunger hatte Kasperle auch nicht, aber Langeweile. Er flitzte immer wieder
zu seinem Schranktürchen hinaus, und da alles ganz, ganz still blieb unten,
wagte er sich endlich weiter und geriet bei seinem Herumsuchen auf den
Schloßboden. Da gab es Türe an Türe, gab weite, offene Kammern. Kasperle
steckte überall seine Nase hinein, und als er einmal aus einer Fensterluke
blickte, sah er, daß er gerade über dem Zimmer der Prinzessin war.
»Hach!« Kasperle kreischte ganz laut, und dann sah er sich erschrocken um.
Der weite, leere Raum gab das Echo zurück, und Kasperle fürchtete sich ein
paar Augenblicke schrecklich. Dann merkte er aber, es war niemand da, nur
ein Mäuslein huschte eilig an ihm vorbei. Der kleine Schelm sah sich um. In
einer Ecke entdeckte er eine Anzahl Stäbe, aber als er einen zum Fenster
hinaussteckte, merkte er wohl, die reichten nicht bis an die Zimmer der
Prinzessin. Er flitzte in allen Winkeln und Ecken herum, und da fand
Kasperle endlich eine lange, lange Waschleine. Gerade als er die gefunden
hatte, meinte er von ferne Schritte zu hören. Er lief also eiligst in
seinen Turm zurück und war kaum ein paar Minuten darin, als Veit kam.
Kasperle saß ganz brav und bieder auf dem Fensterbrett und schaute hinaus,
und Veit hatte rechtes Mitleid mit dem kleinen Kerl. »Armes Kasperle,«
sagte er »gelt, das ist ein langweiliges Leben?«
Kasperle nickte eifrig, aber als Veit in seine Glitzeräuglein sah, sagte er
plötzlich: »Kasperle, mach' keine Streichlein! Du schaust recht wie ein
Bruder Unnütz und Vetter Dummheitenmacher drein.«
Da glitt Kasperle vom Fenstersims herab und hängte sich schmeichelnd an
Veits Arm, und der streichelte den Schelm, versprach ihm allerlei gute
Dinge zum Abendessen und sagte, heute dürfe er noch nicht herabkommen, der
Herzog habe Angst, die Prinzessin Gundolfine könnte ihm etwas antun. »Also
sei brav!« mahnte Veit noch.
Kasperle gab keine Antwort, er dachte mehr ans Unnütz- als ans Bravsein und
Veit dachte: Na, der stellt doch noch etwas an! Freilich, zum Turm kam er
nicht hinaus. Von dem geheimen Türlein, das der gute alte Haushofmeister
dem Schelm verraten hatte, ahnte Veit nichts.
Ein wenig später brachte er wirklich Abendbrot. Kasperle schmauste und
legte sich in sein Bett. Veit deckte ihn noch zu, und dann verschloß er
sorgfältig die Türe, brachte den Schlüssel dem Herzog, und der zeigte ihn
seiner Base und sagte: »Nun siehst du, jetzt ist Kasperle im Turm
eingeschlossen. Du brauchst dich also nicht zu fürchten.«
»Ein Kasperle ist ein halbes Gespenst,« brummte die Prinzessin, »wer weiß,
was der noch anstellt! Ich wollte, er läge unten im Schloßbrunnen.«
Nach dem feuchten, tiefen Schloßbrunnen hatte Kasperle gar keine Sehnsucht.
Der lag in seinem Bett, strampelte vor Vergnügen und schielte immer wieder
hinaus, ob es nicht bald dunkel werde. Als Dämmerung draußen über dem Lande
lag, wuschelte er sein Bett zusammen, nahm das Kopfkissen unter den Arm,
flitzte durch das verborgene Türlein und huschte durch die Bodenkammer.
Dort nahm er die längste Stange, band das Kopfkissen daran und versuchte
damit das offene Fenster der Prinzessin zu erreichen. Es langte gerade,
weiter nicht. Da zog Kasperle das Kopfkissen wieder hinauf, setzte sich auf
die Fensterbrüstung und dachte vergnügt: Nun kann es losgehen.
Das Warten wurde ihm freilich lang, denn die Prinzessin blieb bis spät in
die Nacht beim Herzog. Da wurde Kasperle schließlich müde, er kroch in die
Kammer zurück, kauerte am Boden nieder und schlief ein.
Als er erwachte, war es tiefstill ringsum, nirgends ein Laut zu hören.
Kasperle schaute zum Fenster hinaus. Unzählige Sterne glänzten am Himmel.
Es war eine helle, klare Nacht. Ein paar Fledermäuse huschten lautlos am
Bodenfenster vorbei, sonst rührte und regte sich nichts. Da stopfte
Kasperle flugs noch etliche Kieselsteine zwischen Kopfkissen und Bezug, und
dann steckte er seine Stange zum Fenster hinaus.
Die Prinzessin schlief noch nicht. Sie lag wach und dachte allerlei;
freundliche Gedanken hatte sie nicht, sie wollte den Grafen von
Singerlingen recht kränken und sann nach, durch was. Auf einmal rauschte
etwas Weißes an ihrem Fenster vorbei, klapp, schlug es an, -- weg war es.
Die Prinzessin rief erschrocken und sehr laut nach ihrer Kammerfrau, und
das unnütze Kasperle hörte das Rufen, denn das Fenster stand halb offen. Es
zog flugs sein Kopfkissen hinauf und lauschte. Unten sah jemand hinaus und
sagte: »Es ist nichts zu sehen.«
»Schließe das Fenster!« schrie die Prinzessin. Das Fenster klirrte, es war
wieder alles still.
Da fing plötzlich die Schloßuhr zu schlagen an, zwölfmal, die Geisterstunde
begann.
»Es ist unheimlich,« sagte die Prinzessin unten gerade. Da rauschte draußen
etwas Weißes an ihrem Fenster vorbei, klappte heftig an, und sie schrie
laut um Hilfe. Die Kammerfrau sah erschrocken hinaus, und da sah sie gerade
über sich das Kopfkissen schweben.
»Ein Gespenst, ein Gespenst!« kreischte sie, und ein paar Augenblicke
später hallte durch das Schloß Schreien und Hilferufen, und Kasperle nahm
sein Kopfkissen, so schnell er konnte, und witschte in seinen Turm.
Er kam gerade noch hinein, da klirrten draußen Schritte, und er mußte den
langen Stock mit ins Bett nehmen, weil er nicht schnell genug die Stricke
davon losbekam. Da wuschelte er sich so in sein Bett, daß nur die Nase
heraussah, und er tat, als schliefe er ganz fest. Er hörte draußen ein paar
Diener sich über die Gespensterfurcht unterhalten, hörte sie auf den Boden
gehen und wieder zurückkommen. Wieder war alles still.
Die Prinzessin Gundolfine zeterte und schrie zwar noch eine Weile in ihrem
Bett, und die arme Kammerfrau, die vor Angst bebte, mußte noch dreimal zum
Fenster hinaussehen; es war aber nichts zu erblicken.
Der Herzog lag in seinem Bett und schalt, Haushofmeister und Diener
schalten, und zuletzt schliefen alle ein.
Nur Kasperle schlief nicht. Der kugelte sich lachend in seinem Bett herum
und hörte draußen die Uhr schlagen: halb, dreiviertel; da kletterte er
wieder zum Turme hinaus, schleppte aber noch seinen Wasserkrug mit und
schlich sich wieder in die Bodenkammer.
Die Prinzessin war halb eingeschlafen, da ging es draußen klapp, klapp,
etwas Weißes rauschte am Fenster entlang. Diesmal sprang die Prinzessin
selbst auf und riß das Fenster auf. Es klirrte und krachte, dumpf dröhnte
die Uhr, und schwapp! bekam die Prinzessin so ein Güßlein, daß sie pustend
und stöhnend in das Zimmer zurücktaumelte.
Wieder tönten Hilferufe, Jammern, Kreischen; Türen klappten, Schritte
hallten und Kasperle lag gerade in seinem Bett, als er draußen des Herzogs
Stimme hörte. Der wollte selbst dem Gespenst zu Leibe gehen. »Kasperle kann
es nicht sein, der ist ja eingeschlossen, aber nachsehen will ich doch,«
hörte der kleine Schelm ihn sagen.
Der bekam einen argen Schreck. Er zog sich das Bett so fest über die Ohren,
daß nur seine Nase herausschaute, und tat, als ob er ganz fest schliefe.
Der Herzog kam in den Turm, sah Kasperle liegen, ließ ihm ins Gesicht
leuchten und murmelte: »Nein, nein, der kann es nicht gewesen sein, aber --
ich glaube, der denkt sogar im Schlaf an unnütze Dinge. Hm, hm,
merkwürdig!«
Der Herzog ging, der Haushofmeister drehte sich aber noch einmal um, und
als Kasperle ein bißchen blinkerte, sah er, wie sein alter Freund ihm
drohte.
Auf dem Boden, nirgends wurde etwas gefunden, nur einer bückte sich rasch
und hob etwas auf, die andern sahen es nicht, es war der Haushofmeister.
Und wieder gingen alle in ihre Betten. Bei der Prinzessin mußten aber außer
der Hofdame und der Kammerfrau noch drei Mädchen wachen, und alle graulten
sie sich schrecklich. Alle schliefen sie aber ein, und plötzlich wachten
alle von einem Zetergeschrei auf, das aber rasch verstummte.
»Jetzt hat das Gespenst geschrien.« Die Prinzessin sah käseweiß aus und
ihre Wächterinnen sahen ebenso käseweiß aus. Sie horchten alle zitternd,
aber alles blieb still. Daß Kasperle oben in seinem Bett lag und bitterlich
weinte, dies konnten sie nicht hören.
Kasperle hatte eben gespürt, daß der gute alte Haushofmeister auch einmal
einen unnützen Schelm tüchtig verwichsen konnte. Er war gerade
eingeschlafen, da hatte er unversehens klatsch, klatsch! gespürt, wie weh
Schläge tun. Darob hatte er so mörderlich gebrüllt. Er verstummte aber
gleich, als ihm der Haushofmeister ein Hosenknöpflein vor die Nase hielt
und sagte: »Kasperle, soll ich das dem Herzog zeigen und sagen, das hat das
Gespenst verloren?« O lieber Himmel, es ist schon schlimm, wenn einer
immerzu Hosenknöpfle verliert! Arg schlimm!
Kasperle schluchzte in sein Bett hinein und der alte gute Haushofmeister
fragte traurig: »Kasperle, warum bist du nur so unnütz?«
»Sie ist böse,« knurrte Kasperle zornig wie ein kleiner wütender Hund.
»Ja, das ist sie. Denk' aber an den Keller, Kasperle, und an -- die
Fässer!«
»Ich will's nicht wieder tun,« murmelte Kasperle bedrückt. Daß der gute
Haushofmeister aber auch alles herausbekam! Es wurde ihm ordentlich etwas
bange vor ihm, und scheu blinzelte er den alten Mann an.
Der mußte ein wenig lachen. »O Kasperle, du Strick!« sagte er, »du machst
doch sicher noch eine Dummheit, solange die Prinzessin da ist! Jetzt sperre
ich aber das Schranktürchen zu, sonst geisterst du noch einmal herum.«
Der Haushofmeister wollte gehen, da griff Kasperle bittend nach seiner
Hand, und der alte Mann strich ihm linde über den Kopf. »Armer kleiner
Kerl,« sagte er, »warum hat dich unser Herzog nicht in deinem Waldhaus
gelassen!«
Kasperle seufzte tief, tief, danach drehte er sich um und schlief wie ein
Rätzlein, schlief bis zum sonnigen Morgen. Und als er aufwachte, dachte er
an keine Gespensterei, nichts, nur daran, wie er wohl heute das traurige
Marlenchen sehen könnte.