Gut ging es dem armen Kasperle nicht auf Burg Himmelhoch. Erst sollte er
mit dem Herzog Kaffee trinken, da versank er wieder mit seiner großen Nase
in der Kaffeetasse, was der Herzog sehr, sehr unschicklich fand. Dann mußte
Kasperle mit spazierenfahren und wie ein kleiner Diener hinten aufsitzen.
Kasperle fand das sehr lustig, und allemal, wenn jemand vorbeikam, lachte
er und schnitt Gesichter. Die Leute lachten, oder sie erschraken furchtbar
und liefen davon. Erst wußte der Herzog gar nicht, was das bedeuten sollte,
bis ihm Kasperle einfiel, er drehte sich um, und just da machte Kasperle
ein Gesicht wie die Prinzessin Gundolfine, und ein paar Kinder am Wege
kreischten laut.
Das war doch zu toll! Der Herzog nahm seinen Stock und schlug Kasperle auf
den Rücken. Potzwetter, tat das weh!
Und nicht einmal heulen durfte Kasperle, der Herzog drohte, er würde noch
mehr Schläge bekommen. Dazu befahl der Herzog: »Schneller fahren!« und der
Wagen sauste dahin, Kasperle hatte Mühe, nicht runterzufallen; ganz
verdutzt war er, als sie wieder vor dem Schlosse anhielten.
Abends mußte Kasperle dann dem Herzog etwas vorkaspern. Weil er aber vor
lauter Angst zum Abendessen nicht recht gegessen hatte, fing plötzlich sein
Magen an erschrecklich zu knurren. Der Herzog, der eben noch gelacht hatte,
zog gleich wieder ein verdrießliches Gesicht und sagte, das sei sehr, sehr
unschicklich. Magenknurren sei bei Hofe verboten.
»Aber im Waldhaus nicht.« Das wollte Kasperle ganz, ganz leise sagen, aber
seine Stimme rutschte ihm aus, und so hörte es der Herzog. Da bekam
Kasperle Schläge, nichts zu essen, wurde ins Bett geschickt und
eingeschlossen. Müde, hungrig weinte er sich in den Schlaf. Ach, es war
doch schwer, eines grilligen Herzogs Diener zu sein!
Als Kasperle aufwachte, dämmerte draußen erst der Morgen, und hinter der
kleinen Stadt glühte der Himmel im Frührot. Kasperle schaute zum Fenster,
er sah auch hinüber nach Schloß Lindeneck und das traurige Marlenchen fiel
ihm ein. Und weil Kasperle ein gutherziger kleiner Kerl war, dachte er sich
gleich aus, wie er das Marlenchen unterhalten wollte. Und damit er recht
schöne Gesichter schneiden konnte und Purzelbäume schlagen, fing er an, das
zu üben, und gerade wie er mitten drin war, kam Veit ins Turmstübchen.
Der lachte vergnügt. »O Kasperle,« sagte er, »was bist du für ein
schnurriger Kauz! Nun komm nur her und frühstücke! Der Haushofmeister läßt
dir sagen, du sollst dich erst ordentlich satt essen, damit du nachher beim
Herzog nicht wieder wie ein kleiner Vielfraß zulangst. Du sollst nämlich
mit dem Herzog frühstücken.«
Schön war diese Aussicht gerade nicht. Kasperle seufzte schwer, aber dann
befolgte er den guten Rat des Haushofmeisters. Er aß sich so plumpsatt, daß
er sich kaum noch rühren konnte. So wohl gerüstet ging er zum Frühstück des
Herzogs.
»Mach' eine schöne Verbeugung!« hatte Veit ihm geraten. Das wollte Kasperle
auch tun. Er verbeugte sich tief, weil er aber so vollgegessen war,
platzten ihm unversehens seine Hosenknöpflein, und das fand der Herzog nun
wieder sehr, sehr unschicklich.
Kasperle mußte das Zimmer verlassen, und die Hausverwalterin Babette nähte
ihm erst die Knöpflein wieder an. Das war eine gutmütige Frau, die ihren
Spaß an Kasperle hatte. Sie versprach ihm auch, sie wolle ihm einen neuen
Kittel nähen, einen von himmelblauer Seide.
»Lieber grün,« bettelte Kasperle.
»Meinetwegen auch grün, aber warum denn?«
Doch das sagte Kasperle nicht. Er dachte bei sich: Wenn ich ein grünes
Wämslein habe und durch den Wald laufe, sieht man mich nicht. Ein ganz
kleines bißchen dachte der Schelm nämlich ans Ausreißen. Wer weiß, der
Herzog sagte doch einmal etwas vom Teufel!
Jetzt freilich mußte er zum Herzog zurückgehen. Der war eigentlich kein
böser Mann, nur seit er seinen Ring verloren hatte, war er noch grilliger
als früher geworden. Unrecht tun wollte er niemand, aber weil ihn nie
jemand ob seiner üblen Launen gescholten hatte, dachte er, diese seien gar
nicht schlimm. In der Nacht hatte er an Kasperle gedacht, und der kleine
Kerl hatte ihm sehr leid getan. Er sann nach: Kasperle war doch noch nie an
einem Hofe gewesen, wie konnte er wissen, wie man sich da benehmen mußte!
Morgen bin ich recht gut gegen ihn, hatte sich der Herzog vorgenommen,
darum hatte er Kasperle auch zum Frühstück eingeladen.
Wenn aber Hosenknöpflein abplatzen, ist es dumm. Kasperle kam ganz scheu
mit den angenähten Knöpfles wieder herein, und zu seiner Verwunderung sagte
der Herzog freundlich: »Nun komm nur und frühstücke!«
Und weil der Herzog freundlich sein wollte, legte er Kasperle selbst auf:
Brötchen mit Schinken darauf, ein großes Stück Kuchen dazu, und er
ermahnte: »Nun iß nur, du bekommst mehr!«
Ja, wie kann aber ein Kasperle essen, wenn es so plumpsatt ist, daß ihm die
Hosenknöpfles abspringen!
Kasperle kaute und kaute, würgte, schluckte, -- es ging nicht mehr.
»Iß doch, trink' doch!« mahnte der Herzog. »Du bekommst noch mehr.«
Da seufzte Kasperle so tief, als säße er unten im Turmverlies. Und weil er
sich gar nicht zu helfen wußte, das Schinkenbrot durchaus nicht mehr in
seinen Magen hineinwollte, fing er an, bitterlich zu weinen. Dicke, dicke
Tränen kullerten in seine Schokoladentasse hinein, und der Herzog fühlte
tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Zum erstenmal brummte er ihn nicht an,
sondern sagte freundlich: »Geh in den Park, Kasperle, springe herum, damit
du mittags wieder hungrig bist.«
Kasperle war heilfroh, daß er hinausdurfte. Er schoß die Treppe hinab wie
eine Kugel, und kaum war er im Park, da rannte er, so schnell er konnte, an
das Bächlein bei der uralten großen Ulme.
Und wirklich saß das traurige Marlenchen dort, es drehte die Kieselsteine
im Wasser um und suchte den verlorenen Ring.
»Da bin ich!« Plitsch, platsch, schoß Kasperle in den Bach hinein und
Marlenchen sank vor Schreck wieder totenblaß am Ufer hin.
Und Kasperle hatte doch gedacht, sie würde über seinen Purzelbaum lachen!
Ach, hier war alles anders wie im Waldhaus! Kasperle legte sich neben das
blasse Marlenchen ins Gras und fing wieder bitterlich zu weinen an.
»Warum weinst du denn?« fragte da auf einmal ein feines Stimmchen.
»Weil ich -- alles verkehrt mache.« Kasperle schluchzte erbärmlich, und da
vergaß das traurige Marlenchen ihr eigenes bitteres Herzeleid. Es richtete
sich auf, fuhr mit dem Zeigefingerlein sachte über Kasperles Gesicht und
fragte: »Warum bist du denn hier?«
»Weil ich's versprochen habe.« Und Kasperle fing an, dem kleinen Mädchen
vom Waldhaus zu erzählen, von Michele und von Rosemarie.
»Du bist gut, weil du der schönen Rosemarie und deinem Michele geholfen
hast,« sagte Marlenchen da. Sie legte ihre kleine, weiße Hand in Kasperles
derbe, braune Patsche, und so saßen die beiden unglücklichen Kameraden an
dem Bächlein und Kasperle mußte immer mehr und mehr vom Waldhaus erzählen.
Ein paarmal huschte es wohl wie ein Scheinchen über Marlenchens trauriges
Gesicht, aber sie lachte noch nicht.
Kasperle merkte es zum erstenmal: einen wirklich traurigen Menschen bringt
auch ein Kasperle nicht so leicht zum Lachen.
Ein wenig froher sah Marlenchen aber doch aus, als in der Ferne des
Haushofmeister Pfeife ertönte und Kasperle Abschied nahm. Sie sagten beide
zusammen: »Morgen,« schüttelten sich die Hände, und wieder ging ein ganz
feiner, heller Schein über das Gesicht des traurigen Marlenchens; so wie
manchmal an ganz grauen Tagen die Sonne ein wenig hinter den Wolken
schimmert, war es.
Dies machte Kasperle sehr froh. Er hopste und sprang dem Schlosse zu, lief
mit Gepolter hinein, und der Haushofmeister hielt ihn noch zur rechten Zeit
am Hosenzipfel fest. »Du,« sagte der, »jetzt schling nicht so bei Tisch, es
sind noch Gäste da. Wirst du nicht satt, bekommst du nachher noch etwas.
Also fein still und brav sein!«
Das nahm sich Kasperle zu Herzen. Er aß wenig, saß auch ganz still und
bescheiden am Tischende. Alles ging gut, nur -- ein Kasperle ist eben ein
Kasperle. Da saß am Tisch ein fremder Graf, der hatte eine seltsame
Gewohnheit. Jedesmal wenn er einen Bissen verschluckte, kniff er die Augen
zu und nickte mit dem Kopf. Ein Weilchen sah Kasperle das an. Aber weil er
nun eben ein echtes Kasperle war, verzog er unwillkürlich sein Gesicht,
nickte, kniff die Augen zu, und es sah so pudelnärrisch aus, daß ein
Hofjunker, der ohnehin noch lieber lachte als ernst war, plötzlich leise
vor sich hin kicherte.
Wenn aber jemand lachte, dann war es um Kasperle geschehen. Er kniff wieder
die Augen zusammen, nickte wieder, und zwei junge Hofdamen kicherten vor
sich hin. Ein Kammerherr lachte, der alte, dicke Oberstallmeister aber, der
so etwas wie das Kasperle noch nicht gesehen hatte, lachte unversehens laut
auf. Es dröhnte nur so, und da lachte es da und lachte dort, nur etliche
Herren und Damen und der Herzog dazu saßen steif und ernsthaft da, über ein
Kasperle lacht nur, wer sich im Herzen einen Rest des alten Kinderfrohsinns
bewahrt hat. Menschen mit reinen, guten Herzen lachen leicht; die
Hochmütigen, Stolzen, Harten haben in ihrem Leben das reine, frohe Lachen
verlernt.
Der Herzog August Erasmus hätte wohl mitgelacht, ja es zuckte einmal um
seinen Mund, aber er war so schrecklich eingebildet auf seinen
Herzogstitel, da hielt er das Lachen nicht für würdevoll. Er sah streng zu
Kasperle hin, und der erschrak über den bösen Blick und tauchte vor Schreck
die Nase in seinen Kompotteller. Es spritzte hoch auf.
Der Herzog rümpfte die Nase. Nein, dieses Kasperle betrug sich zu schlimm!
Er winkte Veit. »Bring' ihn hinaus!« sagte er streng.
Da mußte Kasperle aufstehen und er dachte: Nun werde ich wieder
eingesperrt. Sein Gesicht wurde ganz traurig, und der Herzog sah dieses
traurige Kasperlegesicht und es war, als rede jemand zu ihm: Kasperle kann
doch nichts anderes sein als eben ein kleiner Schelm, der immer
herumkaspert!
Weil der Herzog aber immer meinte, alles, was er tue, sei recht und gut,
rief er Kasperle nicht zurück, und Veit sagte zu dem draußen: »Nun geh
geschwinde in deinen Turm, ich dringe dir nachher noch allerlei Gutes.«
Da stieg Kasperle in seinen Turm hinauf, kletterte wieder auf das
Fensterbrett und schaute dahin, wo Schloß Lindeneck aus den Baumwipfeln
hervorsah. Er dachte an das traurige Marlenchen, und auf einmal stieg ein
ganz bitterer Groll gegen den Herzog in des Kasperles Herz empor. Der trug
doch die Schuld an des Marlenchens Trauer; der Herzog und die Prinzessin
Gundolfine, die beiden waren es.
Kasperle sprang vom Fensterbrett herab, zerrte zwei Stühle heran, nahm
einen Stock, der in der Ecke lehnte, und bums, bums! schlug er auf die
Stühle ein. »Warte du, warte du!« schrie er.
»Ja, warte du!« sagte jemand und hielt Kasperle fest »Aber Kasperle, was
machst du denn?« Der alte Haushofmeister sah ganz verdutzt dem kleinen
Burschen in das bitterböse Gesicht.
»Ich hau' den Herzog da, und die Prinzessin da.« Kasperle riß sich los und
schlug unverdrossen auf die Stühle ein. »Klapp, du, klapp, du!«
»Jemine!« Sein guter, alter Freund sah Kasperle entsetzt an. »Aber
Kasperle,« rief er, »du bist doch ein abscheulicher Strick! Wenn das unser
Herr Herzog hörte, dann möchte es dir schlecht gehen. In das
allerfinsterste Loch würdest du gesteckt.«
Erschrocken ließ Kasperle den Stock sinken, und da er in das ehrlich
betrübte Gesicht des Haushofmeisters sah, kam er flink, schmiegte sich an
den an und bettelte: »Sei wieder gut!«
Ja, wieder gut, das war der alte Mann dem Unnützling schon; er seufzte aber
doch recht sehr, als er wieder das Turmgemach verließ. Wie würde das
werden! Irgendeine Dummheit stellte das Kasperle doch wieder an.
Er ahnte nicht, daß das Kasperle schon dabei war. Das dachte sich: Im Turm
ist's langweilig allein, ich hole mir etwas zum Spielen. Und flugs
entwischte er durch den geheimen Gang, geriet auf eine Hintertreppe und kam
in den Park hinaus, ohne daß ihn jemand sah. Draußen raffte er sich Blumen
zusammen, steckte sich Kieselsteine in sein Mützlein und fand zu seinem
großen Vergnügen auch etliche dicke Fröschlein, die er in die weiten
Taschen seines Kasperlegewandes tat. Dann lief er wieder zurück, irrte erst
eine Weile im Schloß herum und mußte sich ein paarmal verstecken, ehe er
seinen Turm wieder fand.
Dort tat er erst die Blumen in ein Glas, ordnete die Steine und war gerade
dabei, die Frösche aus den Hosensäcklein herauszunehmen, als Veit erschien.
»Flink, flink, Kasperle!« rief er. »Du sollst kommen. Der Herzog sitzt mit
seinen Gästen noch beim Kaffee; du sollst ihnen etwas vorkaspern. Nachher
gibt es auch Kuchen.«
Da ließ Kasperle alle seine Schätze im Stich, lief mit und wurde vom Herzog
viel gnädiger empfangen, als er gedacht hatte. »Mache einmal dein
Räubergesicht!« sagte der, »und auch das Teufelsgesicht.«
Und Kasperle schnitt flugs ein Gesicht nach dem andern, er drehte und wand
sich, stellte sich auch einmal auf den Kopf, steckte diesen durch die Beine
durch und grinste die Gäste so an, daß die laut lachten.
Der Herzog hielt eine Tasse Kaffee zierlich in der Hand, und er wollte
gerade ein wenig von der Schlagsahne naschen, die obenauf schwamm, als ein
dicker Frosch aus Kasperles Tasche herausplumpste, und plitsch, platsch,
sprang der in die Höhe, mitten in des Herzogs Tasse hinein!
»Mein Himmel, was ist das?« rief eine alte Gräfin, die neben dem Herzog
saß, als der seine Tasse fallen ließ. Doch da saß ihr der Frosch schon auf
dem Schoß. Sie schrie gellend auf und ein paar junge Fräulein kreischten
entsetzt: »Frösche, Frösche!«
»Wo denn?« Ein etwas kurzsichtiger Kammerherr bückte sich, und plitsch
sprang ihm ein Fröschlein mitten ins Gesicht.
Gab das ein Geschrei! »Frösche, Frösche!« quietschten die Damen immerzu,
sie hielten sich ihre Kleider fest zusammen und sprangen auf die Stühle.
Die Hofherren wollten die Frösche fangen, doch die waren schneller als sie
und hopsten hierhin und dahin. Der Herzog aber lehnte schreckensbleich in
seinem Sessel; vor Fröschen graulte er sich. Er stöhnte: »Wo kommen sie
her?«
Kasperle stand ganz verdattert da. Daß die Frösche aus seinen Hosensäcklein
gefallen waren, hatte nur Veit gesehen und der schwieg ganz still. Die
andern Diener aber riefen: »Sie sind sicher aus dem Garten
hereingesprungen.«
»Gewiß ist es ein Zeichen, daß es entweder schlechtes oder gutes Wetter
gibt,« flüsterte die alte Gräfin zitternd.
Der Herzog erhob sich bebend. »Ich muß mich in mein Bett legen,« stammelte
er, »ich bin zu sehr erschrocken.«
Und alle umdrängten den Herzog und bedauerten ihn, Kasperle aber schlich
sich fort; niemand beobachtete ihn. Nur Veit zog ihn ein wenig an den Ohren
und sagte: »Schelm du!« Dann ließ er ihn los und Kasperle rannte in den
Park, rannte dahin, wo das Bächlein floß, und er fand dort wirklich das
traurige Marlenchen. Vergnügt erzählte er, was ihm alles passiert war, und
wieder huschte es wie ein ganz matter, zarter Sonnenschein über das blasse
Gesicht der Kleinen.
»Du lernst noch lachen,« schrie Kasperle vergnügt und schlug vor Freude
einen riesengroßen Purzelbaum.
Doch das gefiel Marlenchen weniger, sie bat sanft: »Erzähle vom Waldhaus,
bitte, bitte!«
Wie gern erzählte Kasperle davon! Er kauerte sich am Bachrand nieder wie
ein kleiner Türke und sagte: »Wo soll ich anfangen?«
»Beim großen, alten Schrank, in dem du so schrecklich lange geschlafen
hast,« bat das traurige Marlenchen.
Kasperle schwätzte vergnügt. Auf der hohen Ulme, unter der die Kinder
saßen, wohnten Elstern; die ärgerten sich, denn so flink und lustig wie
Kasperle konnten selbst sie das Schwatzen nicht. Sie erhoben ihre Stimmen
und krächzten dazwischen. »Seid stille!« schrie Kasperle hinauf, und als
die Elstern sich darum gar nicht kümmerten, sondern immer lauter ihre
Stimmen erhoben, da kletterte Kasperle flugs ein Stück die Ulme hinan und
schnitt sein Räubergesicht.
Die Elstern fielen kreischend vor Schreck in ihr Nest zurück, und auf
einmal waren sie muckstill. Und wieder flog ein Scheinchen über der kleinen
Marlene Gesicht. »Ich kann die Elstern nicht leiden,« sagte sie, »sie haben
so böse Stimmen. Gut, daß sie mal stille sein müssen!«
»Ja,« rief Kasperle, »seid ganz stille, ich will --«
Ach, da tönte vom Schlosse her ein schrilles Pfeifen, und nun mußte auch
das arme Kasperle still sein. Er nahm betrübt Abschied, sie sagten wieder:
»Morgen«, schüttelten sich die Hände, und dann rannte Kasperle ins Schloß.
Er sollte mit dem Herzog spazierenfahren.
»Aber keine Gesichter schneiden!« Der Herzog drohte streng mit dem Finger,
und weil Kasperle ohnehin ein schlechtes Gewissen wegen der
Froschgeschichte hatte, saß er wirklich muckstill auf seinem Sitz.
Er war an diesem Abend überhaupt ungeheuer brav, denn der Herzog redete
noch immerzu von den Fröschen und wie die wohl in sein Gartenzimmer
gekommen seien. Da hatte Kasperle Angst, er könnte darum gefragt, werden,
darum schwieg er und saß still mit gesenkten Augen am Tisch.
Er wird noch, dachte der Herzog, ich werde ihn erziehen.
Am nächsten Morgen rannte dann Kasperle wieder in den Park und traf dort
das traurige Marlenchen. Er mußte wieder vom Waldhaus erzählen, mußte aber
wieder vorher die Elstern zum Schweigen bringen. Und wieder saß Marlenchen
da, still die Hände gefaltet, lauschte und das frohe Leuchten lag wieder
auf ihrem blassen Gesicht.
An diesem Tage überhörten beide beinahe des Haushofmeisters Pfeifen. Das
wurde schriller und schriller, und zuletzt hörte es Kasperle doch und er
rannte mit solcher Eile in das Schloß, daß er im Eifer über den großen
Lieblingshund des Herzogs einen Purzelbaum hinweg schlug. Dies gefiel Lord
sehr. Er schnappte vergnügt nach Kasperles Höslein, der wehrte sich, packte
Lord am Schwanz und beide kugelten und kegelten durch die große Halle. Es
gab einen argen Lärm. Lord bellte, Kasperle schrie, der Herzog kam
angerannt und rief: »Er frißt ihn, er frißt ihn!«
Er dachte, Lord wolle das Kasperle fressen, aber da stand das auf einmal
putzmunter auf seinen Beinen und grinste den Herzog an.
O der Schelm! Der Herzog merkte, daß die Geschichte nicht so schlimm
gewesen war, und er schalt über den Lärm und sagte, dafür müsse Kasperle
heute zur Strafe daheim bleiben, er dürfe nicht mit spazierenfahren.
O weh, das dumme, dumme Kasperle! Es lachte vor Vergnügen hellauf, und der
Herzog wurde bitterböse. Lachen, wenn er nicht mit ihm, dem Herzog,
spazierenfahren durfte, das ging doch über die Hutschnur!
»Die Schlüssel!« rief er, und der Haushofmeister mußte ihm die Schlüssel
bringen, die alle Türen des Schlosses aufschlossen. »Bringt Kasperle!«
gebot der Herzog streng und der Haushofmeister dachte: O weh, nun geht's
dem armen Kasperle bös, jetzt wird er gar in einen Keller gesperrt!
Und wirklich sperrte ihn der Herzog eigenhändig in ein kleines, finsteres
Kellerloch. Kasperle konnte weinen und schreien, soviel er wollte, schwipp,
schwapp, war er drin, rissel, rassel, drehte sich der Schlüssel im Schloß,
er war gefangen.
An diesem Nachmittag wartete das traurige Marlenchen lange, lange auf ihren
kleinen Freund, er kam nicht. Da erlosch der matte Freudenschein wieder auf
dem blassen Gesicht und Marlenchen ging traurig heim. Traurig saß es im
Schloßhof von Lindeneck am Brunnen, der ganz von Rosen umblüht war, und
dachte an das Kasperle. Warum war es nur nicht gekommen?
Das arme Kasperle saß unterdessen im dunklen Keller und konnte wirklich
nicht hinaus. Er versuchte es, sich durch das winzige Fenster zu zwängen,
es ging nicht. Er wollte die Türe öffnen, sie gab nicht nach. Er heulte und
schrie, niemand hörte ihn.
Da dachte das kleine Kasperle bitterböse an allerlei Schabernack, den er
dem Herzog spielen wollte, und dabei rannte er immer im Keller auf und ab,
auf und ab, und plötzlich stieß er wieder einmal an die Wand. Ganz hohl
klang es. Hei! dachte er, hier ist eine geheime Türe, hier kann ich raus.
Eine Türe war freilich da, aber hinaus ins Freie kam Kasperle nicht; nur in
einen Keller geriet er, in dem drei Fäßlein köstlichen Weines lagerten. Des
Herzogs Lieblingswein war es. Nun wußte Kasperle, wenn man aus einem Faß
den Zapfen herauszieht, dann läuft alles aus. Er zog einen Zapfen heraus,
den zweiten, den dritten. Das rieselte und rauschte, das duftete köstlich;
Kasperle hielt auch den Mund unter, schluckte und trank, aber da meinte er
plötzlich draußen ein Geräusch zu hören, und flugs rannte er in seinen
Keller zurück, zog die Türe zu, und bums fiel er, so kurz er war, auf den
Boden nieder und schlief ein. Er schlief und schlief und träumte von dem
traurigen Marlenchen; es war aber kein trauriges, sondern ein sehr
vergnügtes Marlenchen. Das sang und tanzte und lachte immerzu; nein, war
das lustig!
Und dabei saß Marlenchen unter dem Rosenbusch und weinte; es hatte
Sehnsucht nach seinem neuen kleinen Freund.