Eine neue Freundin

Gut ging es dem armen Kasperle nicht auf Burg Himmelhoch. Erst sollte er

mit dem Herzog Kaffee trinken, da versank er wieder mit seiner großen Nase

in der Kaffeetasse, was der Herzog sehr, sehr unschicklich fand. Dann mußte

Kasperle mit spazierenfahren und wie ein kleiner Diener hinten aufsitzen.

Kasperle fand das sehr lustig, und allemal, wenn jemand vorbeikam, lachte

er und schnitt Gesichter. Die Leute lachten, oder sie erschraken furchtbar

und liefen davon. Erst wußte der Herzog gar nicht, was das bedeuten sollte,

bis ihm Kasperle einfiel, er drehte sich um, und just da machte Kasperle

ein Gesicht wie die Prinzessin Gundolfine, und ein paar Kinder am Wege

kreischten laut.

Das war doch zu toll! Der Herzog nahm seinen Stock und schlug Kasperle auf

den Rücken. Potzwetter, tat das weh!

Und nicht einmal heulen durfte Kasperle, der Herzog drohte, er würde noch

mehr Schläge bekommen. Dazu befahl der Herzog: »Schneller fahren!« und der

Wagen sauste dahin, Kasperle hatte Mühe, nicht runterzufallen; ganz

verdutzt war er, als sie wieder vor dem Schlosse anhielten.

Abends mußte Kasperle dann dem Herzog etwas vorkaspern. Weil er aber vor

lauter Angst zum Abendessen nicht recht gegessen hatte, fing plötzlich sein

Magen an erschrecklich zu knurren. Der Herzog, der eben noch gelacht hatte,

zog gleich wieder ein verdrießliches Gesicht und sagte, das sei sehr, sehr

unschicklich. Magenknurren sei bei Hofe verboten.

»Aber im Waldhaus nicht.« Das wollte Kasperle ganz, ganz leise sagen, aber

seine Stimme rutschte ihm aus, und so hörte es der Herzog. Da bekam

Kasperle Schläge, nichts zu essen, wurde ins Bett geschickt und

eingeschlossen. Müde, hungrig weinte er sich in den Schlaf. Ach, es war

doch schwer, eines grilligen Herzogs Diener zu sein!

Als Kasperle aufwachte, dämmerte draußen erst der Morgen, und hinter der

kleinen Stadt glühte der Himmel im Frührot. Kasperle schaute zum Fenster,

er sah auch hinüber nach Schloß Lindeneck und das traurige Marlenchen fiel

ihm ein. Und weil Kasperle ein gutherziger kleiner Kerl war, dachte er sich

gleich aus, wie er das Marlenchen unterhalten wollte. Und damit er recht

schöne Gesichter schneiden konnte und Purzelbäume schlagen, fing er an, das

zu üben, und gerade wie er mitten drin war, kam Veit ins Turmstübchen.

Der lachte vergnügt. »O Kasperle,« sagte er, »was bist du für ein

schnurriger Kauz! Nun komm nur her und frühstücke! Der Haushofmeister läßt

dir sagen, du sollst dich erst ordentlich satt essen, damit du nachher beim

Herzog nicht wieder wie ein kleiner Vielfraß zulangst. Du sollst nämlich

mit dem Herzog frühstücken.«

Schön war diese Aussicht gerade nicht. Kasperle seufzte schwer, aber dann

befolgte er den guten Rat des Haushofmeisters. Er aß sich so plumpsatt, daß

er sich kaum noch rühren konnte. So wohl gerüstet ging er zum Frühstück des

Herzogs.

»Mach' eine schöne Verbeugung!« hatte Veit ihm geraten. Das wollte Kasperle

auch tun. Er verbeugte sich tief, weil er aber so vollgegessen war,

platzten ihm unversehens seine Hosenknöpflein, und das fand der Herzog nun

wieder sehr, sehr unschicklich.

Kasperle mußte das Zimmer verlassen, und die Hausverwalterin Babette nähte

ihm erst die Knöpflein wieder an. Das war eine gutmütige Frau, die ihren

Spaß an Kasperle hatte. Sie versprach ihm auch, sie wolle ihm einen neuen

Kittel nähen, einen von himmelblauer Seide.

»Lieber grün,« bettelte Kasperle.

»Meinetwegen auch grün, aber warum denn?«

Doch das sagte Kasperle nicht. Er dachte bei sich: Wenn ich ein grünes

Wämslein habe und durch den Wald laufe, sieht man mich nicht. Ein ganz

kleines bißchen dachte der Schelm nämlich ans Ausreißen. Wer weiß, der

Herzog sagte doch einmal etwas vom Teufel!

Jetzt freilich mußte er zum Herzog zurückgehen. Der war eigentlich kein

böser Mann, nur seit er seinen Ring verloren hatte, war er noch grilliger

als früher geworden. Unrecht tun wollte er niemand, aber weil ihn nie

jemand ob seiner üblen Launen gescholten hatte, dachte er, diese seien gar

nicht schlimm. In der Nacht hatte er an Kasperle gedacht, und der kleine

Kerl hatte ihm sehr leid getan. Er sann nach: Kasperle war doch noch nie an

einem Hofe gewesen, wie konnte er wissen, wie man sich da benehmen mußte!

Morgen bin ich recht gut gegen ihn, hatte sich der Herzog vorgenommen,

darum hatte er Kasperle auch zum Frühstück eingeladen.

Wenn aber Hosenknöpflein abplatzen, ist es dumm. Kasperle kam ganz scheu

mit den angenähten Knöpfles wieder herein, und zu seiner Verwunderung sagte

der Herzog freundlich: »Nun komm nur und frühstücke!«

Und weil der Herzog freundlich sein wollte, legte er Kasperle selbst auf:

Brötchen mit Schinken darauf, ein großes Stück Kuchen dazu, und er

ermahnte: »Nun iß nur, du bekommst mehr!«

Ja, wie kann aber ein Kasperle essen, wenn es so plumpsatt ist, daß ihm die

Hosenknöpfles abspringen!

Kasperle kaute und kaute, würgte, schluckte, -- es ging nicht mehr.

»Iß doch, trink' doch!« mahnte der Herzog. »Du bekommst noch mehr.«

Da seufzte Kasperle so tief, als säße er unten im Turmverlies. Und weil er

sich gar nicht zu helfen wußte, das Schinkenbrot durchaus nicht mehr in

seinen Magen hineinwollte, fing er an, bitterlich zu weinen. Dicke, dicke

Tränen kullerten in seine Schokoladentasse hinein, und der Herzog fühlte

tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Zum erstenmal brummte er ihn nicht an,

sondern sagte freundlich: »Geh in den Park, Kasperle, springe herum, damit

du mittags wieder hungrig bist.«

Kasperle war heilfroh, daß er hinausdurfte. Er schoß die Treppe hinab wie

eine Kugel, und kaum war er im Park, da rannte er, so schnell er konnte, an

das Bächlein bei der uralten großen Ulme.

Und wirklich saß das traurige Marlenchen dort, es drehte die Kieselsteine

im Wasser um und suchte den verlorenen Ring.

»Da bin ich!« Plitsch, platsch, schoß Kasperle in den Bach hinein und

Marlenchen sank vor Schreck wieder totenblaß am Ufer hin.

Und Kasperle hatte doch gedacht, sie würde über seinen Purzelbaum lachen!

Ach, hier war alles anders wie im Waldhaus! Kasperle legte sich neben das

blasse Marlenchen ins Gras und fing wieder bitterlich zu weinen an.

»Warum weinst du denn?« fragte da auf einmal ein feines Stimmchen.

»Weil ich -- alles verkehrt mache.« Kasperle schluchzte erbärmlich, und da

vergaß das traurige Marlenchen ihr eigenes bitteres Herzeleid. Es richtete

sich auf, fuhr mit dem Zeigefingerlein sachte über Kasperles Gesicht und

fragte: »Warum bist du denn hier?«

»Weil ich's versprochen habe.« Und Kasperle fing an, dem kleinen Mädchen

vom Waldhaus zu erzählen, von Michele und von Rosemarie.

»Du bist gut, weil du der schönen Rosemarie und deinem Michele geholfen

hast,« sagte Marlenchen da. Sie legte ihre kleine, weiße Hand in Kasperles

derbe, braune Patsche, und so saßen die beiden unglücklichen Kameraden an

dem Bächlein und Kasperle mußte immer mehr und mehr vom Waldhaus erzählen.

Ein paarmal huschte es wohl wie ein Scheinchen über Marlenchens trauriges

Gesicht, aber sie lachte noch nicht.

Kasperle merkte es zum erstenmal: einen wirklich traurigen Menschen bringt

auch ein Kasperle nicht so leicht zum Lachen.

Ein wenig froher sah Marlenchen aber doch aus, als in der Ferne des

Haushofmeister Pfeife ertönte und Kasperle Abschied nahm. Sie sagten beide

zusammen: »Morgen,« schüttelten sich die Hände, und wieder ging ein ganz

feiner, heller Schein über das Gesicht des traurigen Marlenchens; so wie

manchmal an ganz grauen Tagen die Sonne ein wenig hinter den Wolken

schimmert, war es.

Dies machte Kasperle sehr froh. Er hopste und sprang dem Schlosse zu, lief

mit Gepolter hinein, und der Haushofmeister hielt ihn noch zur rechten Zeit

am Hosenzipfel fest. »Du,« sagte der, »jetzt schling nicht so bei Tisch, es

sind noch Gäste da. Wirst du nicht satt, bekommst du nachher noch etwas.

Also fein still und brav sein!«

Das nahm sich Kasperle zu Herzen. Er aß wenig, saß auch ganz still und

bescheiden am Tischende. Alles ging gut, nur -- ein Kasperle ist eben ein

Kasperle. Da saß am Tisch ein fremder Graf, der hatte eine seltsame

Gewohnheit. Jedesmal wenn er einen Bissen verschluckte, kniff er die Augen

zu und nickte mit dem Kopf. Ein Weilchen sah Kasperle das an. Aber weil er

nun eben ein echtes Kasperle war, verzog er unwillkürlich sein Gesicht,

nickte, kniff die Augen zu, und es sah so pudelnärrisch aus, daß ein

Hofjunker, der ohnehin noch lieber lachte als ernst war, plötzlich leise

vor sich hin kicherte.

Wenn aber jemand lachte, dann war es um Kasperle geschehen. Er kniff wieder

die Augen zusammen, nickte wieder, und zwei junge Hofdamen kicherten vor

sich hin. Ein Kammerherr lachte, der alte, dicke Oberstallmeister aber, der

so etwas wie das Kasperle noch nicht gesehen hatte, lachte unversehens laut

auf. Es dröhnte nur so, und da lachte es da und lachte dort, nur etliche

Herren und Damen und der Herzog dazu saßen steif und ernsthaft da, über ein

Kasperle lacht nur, wer sich im Herzen einen Rest des alten Kinderfrohsinns

bewahrt hat. Menschen mit reinen, guten Herzen lachen leicht; die

Hochmütigen, Stolzen, Harten haben in ihrem Leben das reine, frohe Lachen

verlernt.

Der Herzog August Erasmus hätte wohl mitgelacht, ja es zuckte einmal um

seinen Mund, aber er war so schrecklich eingebildet auf seinen

Herzogstitel, da hielt er das Lachen nicht für würdevoll. Er sah streng zu

Kasperle hin, und der erschrak über den bösen Blick und tauchte vor Schreck

die Nase in seinen Kompotteller. Es spritzte hoch auf.

Der Herzog rümpfte die Nase. Nein, dieses Kasperle betrug sich zu schlimm!

Er winkte Veit. »Bring' ihn hinaus!« sagte er streng.

Da mußte Kasperle aufstehen und er dachte: Nun werde ich wieder

eingesperrt. Sein Gesicht wurde ganz traurig, und der Herzog sah dieses

traurige Kasperlegesicht und es war, als rede jemand zu ihm: Kasperle kann

doch nichts anderes sein als eben ein kleiner Schelm, der immer

herumkaspert!

Weil der Herzog aber immer meinte, alles, was er tue, sei recht und gut,

rief er Kasperle nicht zurück, und Veit sagte zu dem draußen: »Nun geh

geschwinde in deinen Turm, ich dringe dir nachher noch allerlei Gutes.«

Da stieg Kasperle in seinen Turm hinauf, kletterte wieder auf das

Fensterbrett und schaute dahin, wo Schloß Lindeneck aus den Baumwipfeln

hervorsah. Er dachte an das traurige Marlenchen, und auf einmal stieg ein

ganz bitterer Groll gegen den Herzog in des Kasperles Herz empor. Der trug

doch die Schuld an des Marlenchens Trauer; der Herzog und die Prinzessin

Gundolfine, die beiden waren es.

Kasperle sprang vom Fensterbrett herab, zerrte zwei Stühle heran, nahm

einen Stock, der in der Ecke lehnte, und bums, bums! schlug er auf die

Stühle ein. »Warte du, warte du!« schrie er.

»Ja, warte du!« sagte jemand und hielt Kasperle fest »Aber Kasperle, was

machst du denn?« Der alte Haushofmeister sah ganz verdutzt dem kleinen

Burschen in das bitterböse Gesicht.

»Ich hau' den Herzog da, und die Prinzessin da.« Kasperle riß sich los und

schlug unverdrossen auf die Stühle ein. »Klapp, du, klapp, du!«

»Jemine!« Sein guter, alter Freund sah Kasperle entsetzt an. »Aber

Kasperle,« rief er, »du bist doch ein abscheulicher Strick! Wenn das unser

Herr Herzog hörte, dann möchte es dir schlecht gehen. In das

allerfinsterste Loch würdest du gesteckt.«

Erschrocken ließ Kasperle den Stock sinken, und da er in das ehrlich

betrübte Gesicht des Haushofmeisters sah, kam er flink, schmiegte sich an

den an und bettelte: »Sei wieder gut!«

Ja, wieder gut, das war der alte Mann dem Unnützling schon; er seufzte aber

doch recht sehr, als er wieder das Turmgemach verließ. Wie würde das

werden! Irgendeine Dummheit stellte das Kasperle doch wieder an.

Er ahnte nicht, daß das Kasperle schon dabei war. Das dachte sich: Im Turm

ist's langweilig allein, ich hole mir etwas zum Spielen. Und flugs

entwischte er durch den geheimen Gang, geriet auf eine Hintertreppe und kam

in den Park hinaus, ohne daß ihn jemand sah. Draußen raffte er sich Blumen

zusammen, steckte sich Kieselsteine in sein Mützlein und fand zu seinem

großen Vergnügen auch etliche dicke Fröschlein, die er in die weiten

Taschen seines Kasperlegewandes tat. Dann lief er wieder zurück, irrte erst

eine Weile im Schloß herum und mußte sich ein paarmal verstecken, ehe er

seinen Turm wieder fand.

Dort tat er erst die Blumen in ein Glas, ordnete die Steine und war gerade

dabei, die Frösche aus den Hosensäcklein herauszunehmen, als Veit erschien.

»Flink, flink, Kasperle!« rief er. »Du sollst kommen. Der Herzog sitzt mit

seinen Gästen noch beim Kaffee; du sollst ihnen etwas vorkaspern. Nachher

gibt es auch Kuchen.«

Da ließ Kasperle alle seine Schätze im Stich, lief mit und wurde vom Herzog

viel gnädiger empfangen, als er gedacht hatte. »Mache einmal dein

Räubergesicht!« sagte der, »und auch das Teufelsgesicht.«

Und Kasperle schnitt flugs ein Gesicht nach dem andern, er drehte und wand

sich, stellte sich auch einmal auf den Kopf, steckte diesen durch die Beine

durch und grinste die Gäste so an, daß die laut lachten.

Der Herzog hielt eine Tasse Kaffee zierlich in der Hand, und er wollte

gerade ein wenig von der Schlagsahne naschen, die obenauf schwamm, als ein

dicker Frosch aus Kasperles Tasche herausplumpste, und plitsch, platsch,

sprang der in die Höhe, mitten in des Herzogs Tasse hinein!

»Mein Himmel, was ist das?« rief eine alte Gräfin, die neben dem Herzog

saß, als der seine Tasse fallen ließ. Doch da saß ihr der Frosch schon auf

dem Schoß. Sie schrie gellend auf und ein paar junge Fräulein kreischten

entsetzt: »Frösche, Frösche!«

»Wo denn?« Ein etwas kurzsichtiger Kammerherr bückte sich, und plitsch

sprang ihm ein Fröschlein mitten ins Gesicht.

Gab das ein Geschrei! »Frösche, Frösche!« quietschten die Damen immerzu,

sie hielten sich ihre Kleider fest zusammen und sprangen auf die Stühle.

Die Hofherren wollten die Frösche fangen, doch die waren schneller als sie

und hopsten hierhin und dahin. Der Herzog aber lehnte schreckensbleich in

seinem Sessel; vor Fröschen graulte er sich. Er stöhnte: »Wo kommen sie

her?«

Kasperle stand ganz verdattert da. Daß die Frösche aus seinen Hosensäcklein

gefallen waren, hatte nur Veit gesehen und der schwieg ganz still. Die

andern Diener aber riefen: »Sie sind sicher aus dem Garten

hereingesprungen.«

»Gewiß ist es ein Zeichen, daß es entweder schlechtes oder gutes Wetter

gibt,« flüsterte die alte Gräfin zitternd.

Der Herzog erhob sich bebend. »Ich muß mich in mein Bett legen,« stammelte

er, »ich bin zu sehr erschrocken.«

Und alle umdrängten den Herzog und bedauerten ihn, Kasperle aber schlich

sich fort; niemand beobachtete ihn. Nur Veit zog ihn ein wenig an den Ohren

und sagte: »Schelm du!« Dann ließ er ihn los und Kasperle rannte in den

Park, rannte dahin, wo das Bächlein floß, und er fand dort wirklich das

traurige Marlenchen. Vergnügt erzählte er, was ihm alles passiert war, und

wieder huschte es wie ein ganz matter, zarter Sonnenschein über das blasse

Gesicht der Kleinen.

»Du lernst noch lachen,« schrie Kasperle vergnügt und schlug vor Freude

einen riesengroßen Purzelbaum.

Doch das gefiel Marlenchen weniger, sie bat sanft: »Erzähle vom Waldhaus,

bitte, bitte!«

Wie gern erzählte Kasperle davon! Er kauerte sich am Bachrand nieder wie

ein kleiner Türke und sagte: »Wo soll ich anfangen?«

»Beim großen, alten Schrank, in dem du so schrecklich lange geschlafen

hast,« bat das traurige Marlenchen.

Kasperle schwätzte vergnügt. Auf der hohen Ulme, unter der die Kinder

saßen, wohnten Elstern; die ärgerten sich, denn so flink und lustig wie

Kasperle konnten selbst sie das Schwatzen nicht. Sie erhoben ihre Stimmen

und krächzten dazwischen. »Seid stille!« schrie Kasperle hinauf, und als

die Elstern sich darum gar nicht kümmerten, sondern immer lauter ihre

Stimmen erhoben, da kletterte Kasperle flugs ein Stück die Ulme hinan und

schnitt sein Räubergesicht.

Die Elstern fielen kreischend vor Schreck in ihr Nest zurück, und auf

einmal waren sie muckstill. Und wieder flog ein Scheinchen über der kleinen

Marlene Gesicht. »Ich kann die Elstern nicht leiden,« sagte sie, »sie haben

so böse Stimmen. Gut, daß sie mal stille sein müssen!«

»Ja,« rief Kasperle, »seid ganz stille, ich will --«

Ach, da tönte vom Schlosse her ein schrilles Pfeifen, und nun mußte auch

das arme Kasperle still sein. Er nahm betrübt Abschied, sie sagten wieder:

»Morgen«, schüttelten sich die Hände, und dann rannte Kasperle ins Schloß.

Er sollte mit dem Herzog spazierenfahren.

»Aber keine Gesichter schneiden!« Der Herzog drohte streng mit dem Finger,

und weil Kasperle ohnehin ein schlechtes Gewissen wegen der

Froschgeschichte hatte, saß er wirklich muckstill auf seinem Sitz.

Er war an diesem Abend überhaupt ungeheuer brav, denn der Herzog redete

noch immerzu von den Fröschen und wie die wohl in sein Gartenzimmer

gekommen seien. Da hatte Kasperle Angst, er könnte darum gefragt, werden,

darum schwieg er und saß still mit gesenkten Augen am Tisch.

Er wird noch, dachte der Herzog, ich werde ihn erziehen.

Am nächsten Morgen rannte dann Kasperle wieder in den Park und traf dort

das traurige Marlenchen. Er mußte wieder vom Waldhaus erzählen, mußte aber

wieder vorher die Elstern zum Schweigen bringen. Und wieder saß Marlenchen

da, still die Hände gefaltet, lauschte und das frohe Leuchten lag wieder

auf ihrem blassen Gesicht.

An diesem Tage überhörten beide beinahe des Haushofmeisters Pfeifen. Das

wurde schriller und schriller, und zuletzt hörte es Kasperle doch und er

rannte mit solcher Eile in das Schloß, daß er im Eifer über den großen

Lieblingshund des Herzogs einen Purzelbaum hinweg schlug. Dies gefiel Lord

sehr. Er schnappte vergnügt nach Kasperles Höslein, der wehrte sich, packte

Lord am Schwanz und beide kugelten und kegelten durch die große Halle. Es

gab einen argen Lärm. Lord bellte, Kasperle schrie, der Herzog kam

angerannt und rief: »Er frißt ihn, er frißt ihn!«

Er dachte, Lord wolle das Kasperle fressen, aber da stand das auf einmal

putzmunter auf seinen Beinen und grinste den Herzog an.

O der Schelm! Der Herzog merkte, daß die Geschichte nicht so schlimm

gewesen war, und er schalt über den Lärm und sagte, dafür müsse Kasperle

heute zur Strafe daheim bleiben, er dürfe nicht mit spazierenfahren.

O weh, das dumme, dumme Kasperle! Es lachte vor Vergnügen hellauf, und der

Herzog wurde bitterböse. Lachen, wenn er nicht mit ihm, dem Herzog,

spazierenfahren durfte, das ging doch über die Hutschnur!

»Die Schlüssel!« rief er, und der Haushofmeister mußte ihm die Schlüssel

bringen, die alle Türen des Schlosses aufschlossen. »Bringt Kasperle!«

gebot der Herzog streng und der Haushofmeister dachte: O weh, nun geht's

dem armen Kasperle bös, jetzt wird er gar in einen Keller gesperrt!

Und wirklich sperrte ihn der Herzog eigenhändig in ein kleines, finsteres

Kellerloch. Kasperle konnte weinen und schreien, soviel er wollte, schwipp,

schwapp, war er drin, rissel, rassel, drehte sich der Schlüssel im Schloß,

er war gefangen.

An diesem Nachmittag wartete das traurige Marlenchen lange, lange auf ihren

kleinen Freund, er kam nicht. Da erlosch der matte Freudenschein wieder auf

dem blassen Gesicht und Marlenchen ging traurig heim. Traurig saß es im

Schloßhof von Lindeneck am Brunnen, der ganz von Rosen umblüht war, und

dachte an das Kasperle. Warum war es nur nicht gekommen?

Das arme Kasperle saß unterdessen im dunklen Keller und konnte wirklich

nicht hinaus. Er versuchte es, sich durch das winzige Fenster zu zwängen,

es ging nicht. Er wollte die Türe öffnen, sie gab nicht nach. Er heulte und

schrie, niemand hörte ihn.

Da dachte das kleine Kasperle bitterböse an allerlei Schabernack, den er

dem Herzog spielen wollte, und dabei rannte er immer im Keller auf und ab,

auf und ab, und plötzlich stieß er wieder einmal an die Wand. Ganz hohl

klang es. Hei! dachte er, hier ist eine geheime Türe, hier kann ich raus.

Eine Türe war freilich da, aber hinaus ins Freie kam Kasperle nicht; nur in

einen Keller geriet er, in dem drei Fäßlein köstlichen Weines lagerten. Des

Herzogs Lieblingswein war es. Nun wußte Kasperle, wenn man aus einem Faß

den Zapfen herauszieht, dann läuft alles aus. Er zog einen Zapfen heraus,

den zweiten, den dritten. Das rieselte und rauschte, das duftete köstlich;

Kasperle hielt auch den Mund unter, schluckte und trank, aber da meinte er

plötzlich draußen ein Geräusch zu hören, und flugs rannte er in seinen

Keller zurück, zog die Türe zu, und bums fiel er, so kurz er war, auf den

Boden nieder und schlief ein. Er schlief und schlief und träumte von dem

traurigen Marlenchen; es war aber kein trauriges, sondern ein sehr

vergnügtes Marlenchen. Das sang und tanzte und lachte immerzu; nein, war

das lustig!

Und dabei saß Marlenchen unter dem Rosenbusch und weinte; es hatte

Sehnsucht nach seinem neuen kleinen Freund.

Kasperle auf Burg Himmelhoch · 第 32 / 45 题