Der Herzog August Erasmus wartete ungeduldig auf Kasperles Ankunft. Am
liebsten hätte er den kleinen Burschen in aller Morgenfrühe schon dagehabt,
doch als er den Weg berechnete, sah er ein, bis Mittag mußte er warten.
Vielleicht daß die beiden da mit der Post kamen. Und die schöne Rosemarie
wartete auch, sie sah gerade wie der Herzog immer ungeduldig zum Fenster
hinaus, und als die Post mit Traratrara angerasselt kam, liefen alle Leute
im Schloß zusammen und riefen: »Jetzt kommt Kasperle!«
Und Michael, dachte Rosemarie.
Aber da rumpelte und rasselte der Postwagen am Schloß vorbei, niemand stieg
aus, niemand nickte und winkte, es saß nämlich nur eine alte Frau drin, die
schlief ganz fest.
Trarira, trarira, da war die Post vorbei.
Der Herzog brummelte, die Gräfin Rosemarie seufzte und die alte Liesetrine
sagte so laut, daß es der Herzog gerade noch hören konnte: »Das dachte ich
mir gleich, das Kasperle kommt nicht. Ein Schabernack war's, weiter
nichts.«
Dies Wort ärgerte den Herzog gewaltig. Er geriet in eine bitterböse Laune,
und als Rosemarie sagte, die Reisenden würden gewiß bald kommen, grunzte er
sie an: »Morgen wird der Graf von Singerlingen geheiratet, punktum!«
»Jetzt kommt der Graf von Singerlingen,« meldete just da der
Haushofmeister. »Eben ist sein Wagen in den Schloßhof gefahren.«
O du lieber Himmel, erschrak da die arme Rosemarie! Sie wurde so weiß wie
die Rosen auf ihrer Mutter Grab, und ihre Kammerfrau sagte, dies sei eine
Ohnmacht, und Rosemarie müsse sich zu Bett legen.
»Trarira, trarira!« blies es da draußen auf der Landstraße, und Rosemarie
wurde wieder so rot wie die schönsten Rosen im Garten.
»Kasperle kommt, Kasperle kommt!« schrien alle, und selbst der Herzog
vergaß den armen Grafen von Singerlingen und eilte hinaus. Ganz verdutzt
sah sich der Graf von Singerlingen um, Niemand begrüßte ihn, niemand rief
hurra, und dabei sollte doch morgen seine Hochzeit sein.
»Trarira, trarira!« Eine große, schwerfällige Kutsche fuhr in den Schloßhof
ein, und alles schrie wieder: »Kasperle, hurra, Kasperle! Da ist er!«
Es war aber nicht Kasperle, sondern die Prinzessin Gundolfine, die eiligst
gekommen war, um den Grafen von Singerlingen zu heiraten.
Die Prinzessin war gar nicht sehr sanftmütig, und als alle »Kasperle« und
immer wieder »Kasperle« schrien, rief sie: »Zum Kuckuck, was ist das für
ein Gerufe hier! Ich bin eine Prinzessin und im Leben kein Kasperle! Das
ist eine Beleidigung! Und wo ist der Graf von Singerlingen, daß ich ihn
heiraten kann? Gleich will ich ihn sehen.«
Der Herzog erschrak, der Graf erschrak, denn er wußte noch gar nicht, daß
er die Prinzessin heiraten sollte, und Rosemarie wurde wieder so blaß wie
die Rosen auf der Mutter Grab. Die Kammerfrau rief wieder: »Das ist eine
Ohnmacht.« Die Prinzessin aber sagte: »So was gibt's nicht; wenn ich komme,
wird man nicht ohnmächtig, her mit dem Grafen, den ich heiraten soll!«
Da rief der Kammerdiener des Grafen von Singerlingen: »Jetzt wird mein Graf
ohnmächtig, er ist schon unter die Bank gefallen.«
Der gute Graf aber war gar nicht ohnmächtig geworden, der war von selbst
unter die Bank in der weiten Schloßhalle gerutscht. Er war so über die
Prinzessin erschrocken, die hatte eine Stimme, als säße sie tief unten in
einem Brunnenloch, und mit ihren Augen spießte sie den Grafen beinahe auf.
Nein, so eine Prinzessin wollte er nicht!
Wieder klang das »Trarira, trarira!« auf der Landstraße, und wieder riefen
alle: »Kasperle kommt!«
Aber es waren Hochzeitsgäste, der Schwager und die Schwester der jungen
Gräfin Rosemarie. Die fragten gleich: »Wo ist denn der Graf von
Singerlingen, den du heiraten sollst?«
»Den heirate ich,« schrie die Prinzessin.
»Nein, ich heirate die Gräfin Rosemarie,« rief der Graf. Und die arme
Rosemarie flüsterte zitternd: »Ich heirate den Geiger Michael.« Aber das
hörte niemand, denn alle redeten durcheinander.
Da entstand draußen ein wildes Geschrei: »Kasperle ist da, ja, bimmelimlim,
das Kasperle ist da!«
»Na, das ist schon gut,« sagte der Herzog, und er machte gleich ein ganz
vergnügtes Gesicht, »führt ihn nur herein!«
»Bimmelim, bimmelim!« klang's wieder, und dann kam ein Kasperle herein,
aber das war ein hölzernes Kasperle, und der Kasperlemann trug es auf dem
Arm. Das war doch zu toll!
Der Herzog schaute den Kasperlemann so wütend an, daß der vor Schreck
immerzu klingelte. Er dachte: Der Herzog hat mich doch rufen lassen! Warum
ist er denn so böse?
»Bimmelim, bimmelim, bimmelimlimlim!«
»Stille!« schrie der Herzog.
»Kasperle kommt, Kasperle kommt!« rief ein Diener. »Auf der Landstraße
kommt er angelaufen.«
Der Herzog war so neugierig auf Kasperle, daß er aufstand und durch den
Garten ging bis zum Tor, das nach der Landstraße hin führte.
Über den Garten sanken schon die Abendschatten, und der Herzog blieb an dem
Springbrunnen am Eingang stehen; hier wollte er Kasperle erwarten.
Kasperle war von dem eiligen Lauf arg müde, und er sagte zu Michele, als
sie sich nun beide dem Schlosse näherten: »Ich schlage Purzelbäume, da
geht's schneller.«
»Tu's nicht!« riet der Geiger.
Aber da tat es Kasperle schon: eins, zwei, drei und noch einen, und auf
einmal lagen Herzog und Kasperle im Brunnenbecken, denn Kasperle hatte den
Herzog einfach umgerannt.
Vier Beine guckten in die Luft, und alle schrien und liefen herbei, zogen
an den Beinen, und dann standen der Herzog und Kasperle nebeneinander, und
tropf, tropf, lief an beiden das Wasser herab.
Der Herzog fing mächtig an zu schelten, Kasperle aber erhob noch lauter
seine Stimme, er brach in ein rechtes, furchtbares Kasperlegeheul aus, und
allen, die mit am Tore standen, wurde es himmelangst. Der Herzog ließ vor
Schreck das Schelten sein. »Um Himmels willen,« rief er, »Kasperle ist
ertrunken!«
»Na, wenn einer ertrunken ist, schreit er doch nicht so mörderlich!«
brummte der alte Haushofmeister. Er nahm Kasperle, drehte ihn um und um,
stellte ihn bums! wieder auf seine Füße und da -- schwieg Kasperle.
Er sah sich um, bemerkte die vielen erschrockenen Gesichter, sah den Herzog
plitschnaß dastehen, und plötzlich kam ihn das Lachen an; er lachte und
lachte, wie eben nur ein Kasperle lachen kann, er schüttelte sich geradezu
vor Lachen. Erst lachte die Gräfin Rosemarie ganz, ganz leise mit, und dann
lachte der Graf von Singerlingen, der Herzog lachte, und auf einmal lachten
alle, lachten und lachten.
Nur die Prinzessin Gundolfine lachte nicht. Die machte ein Gesicht wie die
Frau im Essigkrug, und die alte Liesetrine lachte auch nicht, doch das
merkten die andern gar nicht. Schließlich sagte der Herzog, sein Bauch tue
ihm vor Lachen weh, und weil er auch plitschnaß war, riet ihm sein
Leibarzt, er möchte sich nur rasch ins Bett legen.
Ja, erwiderte der Herzog, das werde er tun, und morgen früh solle die
Hochzeit sein, heut wäre es doch zu spät. Aber erst müsse Kasperle
erzählen, warum er zu spät gekommen sei.
»Strohkopf,« rief Kasperle.
Das nahm aber nun der Herzog gewaltig übel, er dachte, Kasperle redete ihn
mit Strohkopf an. Er schwang deshalb seinen Stock und schlug Kasperle auf
den Rücken, das knallte gar sehr; Und gleich begann Kasperle wieder zu
heulen, Michele aber trat vor und erzählte dem Herzog, wer der Strohkopf
sei, und er sagte, Kasperle fange manchmal eine Geschichte in der Mitte an,
dann komme der Schluß und zuletzt der Anfang.
Während er sprach, heulte Kasperle wie eine Dachrinne, und dem Herzog wurde
es ganz weich und weh ums Herz. Er sagte, man solle Kasperle ins Bett
bringen und ihm ein gutes Abendbrot geben, und morgen wollten sie alle
Hochzeit feiern. Er nahm die Hand der Gräfin Rosemarie, nahm des Michele
Hand und ging mit beiden ins Schloß hinein. Der Graf von Singerlingen aber
stand da wie einer, dem eine Katze sein dickes Butterbrot aufgefressen hat.
Und wie er noch so starrte und staunte, trat die Prinzessin Gundolfine zu
ihm heran und sagte: »Morgen heiraten wir.«
Der arme Graf setzte sich vor Schreck bald auf die Erde, er dachte: Ach,
wie entrinne ich nur der Prinzessin! Und während alle in das Schloß gingen,
blieb er allein draußen; er setzte sich in eine Rosenlaube, und wenn er
nicht ein Graf und schon ziemlich alt gewesen wäre, dann hätte er
sicherlich geweint, so traurig war er.
Kasperle bekam neben seinem Freund Michele ein schönes Zimmer mit einem
seidenen Bett, und die schöne Rosemarie gab ihm einen Gutenachtkuß und
sagte, sie werde ihm immer dankbar bleiben.
Das war alles sehr schön, auch daß Michele noch wundersamer denn je auf
seiner Geige spielte, gefiel Kasperle sehr. Michele stand vor dem Schloß,
und seine Geige tönte süß und zart, jeder im Schloß hörte ihn spielen, und
selbst der Herzog hatte sich weit seine Fenster auftun lassen, und er
lauschte dem Spiel.
Rosemarie aber saß an ihrem Fenster und weinte vor lauter Glück. Sie wand
sich selbst ein grünes Kränzlein, das wollte sie morgen tragen, und sie
dachte: Nun werde ich so glücklich wie die schöne Liebetraut im Waldhaus.
Dann verstummte die Geige, es wurde still im Schloß, und der Mond, der zwar
schon ein etwas schiefes Gesicht hatte, kam hinter den hohen, alten Ulmen
hervor und sah neugierig in alle Zimmer hinein. Er sah Michele am Fenster
sitzen und von glücklichen Tagen träumen, er sah Rosemarie noch immer an
ihrem grünen Kränzlein winden, und er sah -- ja, was sah der Mond einmal
wieder! Das Kasperle sah er im Freien herumspazieren. Das hatte wieder
einen Weg hinaus gefunden. Ganz, ganz leise war es aus dem Zimmer
geschlüpft, selbst Michele hatte den Strick nicht gehört. Und dann war er
auf dem Treppengeländer hinuntergerutscht, das ging schnell und leise, und
war durch ein offenes Fenster in den Garten hinausgestiegen. In dem ging er
auf und ab. Er sah den Mond die Rosen sachte streicheln, er hörte die Bäume
rauschen und -- da rief jemand erschrocken: »Oho!«
Kasperle war beinahe über den Grafen von Singerlingen gefallen.
»Bums!« schrie er erschrocken.
»Na nu, wer rennt denn da herum?« fragte der Graf.
»Ich bin's!«
»Ei, potz Wetter, Kasperle! Du willst wohl gar schon wieder ausreißen?«
»Nä!« Kasperle seufzte tief.
Der Graf von Singerlingen seufzte noch tiefer. Endlich, sagte er:
»Kasperle, was hast du angerichtet!«
Kasperle senkte tief seine Nase. »Ich kann doch nichts dafür! Warum ist der
Herzog ins Wasser gefallen!« murmelte er.
»Jemine, du Dummkopf! Das meine ich doch nicht. Aber ich muß nun eine
Prinzessin heiraten, weil dein Michele die schöne Gräfin Rosemarie
bekommt.«
»Ist das schlimm?« fragte Kasperle verdutzt. »Ich denke, das ist fein.«
»_Die_ Prinzessin heiraten, ist schlimm!« Der Graf von Singerlingen sah so
traurig aus, daß Kasperle tiefes Mitleid mit ihm fühlte. Er hatte die
Prinzessin gar nicht angesehen, und er fragte zutraulich: »Wie sieht se
denn aus?«
»Schrecklich, wie -- Gift!« Der Graf ächzte, und Kasperle blickte ängstlich
zum Schlosse hin. Vor der Prinzessin begann er sich zu fürchten. »Wo wohnt
se denn?«
»Dort, das dritte Fenster, das offen steht.«
Sssim, ssim! huschten die Fledermäuse auf und ab an den beiden vorbei. Ein
paar flogen ganz dicht heran und klapp, da hatte Kasperle zwei in seinem
Mützlein gefangen. »Die laß ich in ihr Zimmer,« flüsterte er dem Grafen von
Singerlingen zu, »vielleicht reißt sie aus.«
»Unsinn,« wollte der Graf sagen, »bleib hier!« aber da war das Kasperle
schon weggeflitzt.
Efeu wuchs am Schloß empor, da war es für Kasperle kein schweres Klettern.
Er war eins, zwei, drei oben und ssim! huschten die Fledermäuse in das
Zimmer der Prinzessin.
Die war noch wach, beschaute sich gerade den Hochzeitsstaat für den
nächsten Tag, als ihr eine Fledermaus an der Nase vorbeischwirrte, eine
andere fuhr ihr ins Haar, und durch die Abendstille tönte das Geschrei der
Prinzessin.
Das ganze Schloß wurde davon munter, selbst der Herzog wachte auf. Er
fragte ärgerlich, was denn geschehen sei. Als man ihm sagte, Fledermäuse
seien im Zimmer der Prinzessin, brummte er, dies sei nicht schlimm, darum
brauche niemand so zu schreien.
»Kasperle, du bist aber ein arger Strick!« sagte unten der Graf von
Singerlingen.
Kasperle blickte ihn mit seinen schwarzen Äuglein ganz unschuldig an. »Ich
wollte sie ja nur weggraulen!« sagte er.
»Das gelingt dir nicht.«
»Doch und dann -- biste mir wieder gut?«
Da mußte der Graf lachen. »Geh du nur in dein Bett, du unnützes Kasperle!«
sagte er. »Ich bin dir schon nicht mehr böse.«
Der Graf von Singerlingen ging in das Schloß zurück. Böse war er nicht,
aber traurig. Er dachte: Wenn der Herzog nur nicht auf den Gedanken
gekommen wäre, mir die Prinzessin zur Frau zu geben! Dann hätte ich meine
Base Mauritia geheiratet, die ist zwar weder jung noch schön, aber sie kann
die allerbesten Puddings machen. Na, und das ist auch etwas wert! Das kann
die Prinzessin Gundolfine sicher nicht.
Und die Prinzessin dachte just in dem Augenblick: Besser einen Grafen als
überhaupt keinen Mann! Ich will mich auch recht schön putzen morgen. »He,
was ist denn das?« Sie blickte sich erschrocken um. Am Fenster, das jetzt
geschlossen war, war ein schwarzer Schatten aufgetaucht, aber gleich wieder
verschwunden. Die Prinzessin rief ihre Kammerfrau, und beide schauten nun
hinaus. Sie sahen aber nichts als lauter dicke, schwarze Schatten, sahen
nicht, wie sich das Kasperle in den uralten Efeu verkroch.
»Das war gewiß eine alte Eule,« sagte die Kammerfrau.
Dies nahm die Prinzessin ordentlich übel. »In meiner Gegenwart redet man
nicht von alten Eulen,« brummte sie, und dann sah sie noch einmal zum
Fenster hinaus. Es war aber nichts zu sehen, und da ging sie schließlich
beruhigt in ihr Bett.
Kasperle aber hockte im nachtstillen Garten. Er hatte der Prinzessin noch
ein paar Fledermäuse ins Zimmer lassen wollen, er meinte, dies sei ein
gutes Mittel, jemand wegzugraulen. Dabei hatte er aber etwas gesehen, das
ihm sehr, sehr sonderbar vorkam. Kasperle überlegte; im Waldhause hatten
sie doch alle die Haare auf dem Kopfe gehabt, und keiner hatte sie abends
neben sich gelegt. Die Prinzessin aber hatte ihre dicken, dunklen Zöpfe auf
einem Tische liegen gehabt. Sonderbar, höchst sonderbar! Vielleicht hatte
sie sich die Haare alle abgeschnitten und kam morgen ohne Haare. Ob sie da
dem Grafen von Singerlingen besser gefiel? Es war doch eine schwierige
Sache!
Kasperle seufzte, und dann sah er sich nach seinem Fenster um. Da war es,
er sah zwei Fenster nebeneinander, die standen offen, und hinter einem
schlief das Michele, hinter dem andern war seine Stube. Er kletterte also
wieder hinauf und dachte dabei: Hinab ging es leichter, da war doch noch
ein Blitzableiter da! Aber nun war er schon angelangt, und weil er
purzelmüde war, gedachte er auf Kasperleart ins Bett zu steigen. Er zog
sich gar nicht erst aus, sondern tat einen gewaltigen Hopser.
»Uff,« schrie jemand, »mir ist ein Stein auf den Magen gefallen! Hilfe,
Hilfe!«
Ei, da hatte das Kasperle wieder etwas angerichtet! Dem dicken
Oberhofmeister war er auf den Magen gesprungen. Der schrie ach und weh,
stöhnte, er müsse nun sterben, und ehe noch Kasperle entwischen konnte,
kamen ein paar Diener gerannt.
»Der Kasper war's,« rief der eine und hielt Kasperle am Hosenbödlein fest.
»Haue, Haue!« ächzte der Oberhofmeister, aber ehe Kasperle noch einen
Schlag bekommen hatte, erhob er seine Stimme und brüllte so mörderlich, daß
diesmal der Herzog nun wirklich vor Schreck beinahe starb.
Himmel, das ist Kasperle! dachte der Geiger Michael, und er kam eiligst
seinem kleinen Freund zu Hilfe. Türen taten sich auf, Stimmen schwirrten
durcheinander, keiner wußte recht, was geschehen war, nur der
Oberhofmeister wußte es, der rief, man solle den Doktor holen und Kasperle
hauen. Der eine Diener tat dies, der andere das, und es wäre Kasperle trotz
seines Zetergeschreis übel ergangen, wenn Michael nicht herbeigeeilt wäre.
Der entriß ripsch, rapsch Kasperle den Händen des Dieners, und trotzdem der
Oberhofmeister furchtbar schalt, lief er doch mit seinem kleinen Freunde
aus dem Zimmer.
Draußen aber prallte er mit einem zusammen, das war des Herzogs erster
Kammerdiener. Der sagte, Kasperle solle sofort zum Herzog kommen, der sei
ganz erschrecklich böse.
Dies war nun schlimm. Kasperle ließ die Nase hängen, er klammerte sich an
sein Michele an, und der ging wirklich ungerufen mit und trat mit an des
Herzogs Bett, in dem der ganz matt vor Schreck lag.
Wirklich, der Herzog sah sehr wütend drein. Der Geiger dachte: O mein
armes, armes Kasperle, wie wird dir das noch ergehen!
»Was hast du gemacht?« schrie der Herzog Kasperle an.
Der senkte den Kopf, seufzte tief und sagte, er sei nur ein bißchen zum
Fenster hinausgeklettert und in das verkehrte hinein. Na, und da war er
eben dem Oberhofmeister wie ein dicker kleiner Feldstein auf den Magen
gefallen!
»Kasperle,« rief der Herzog zornig, »über solche Dummheiten sind Wir sehr
böse, das tut man nicht bei Hofe. Und überhaupt, wie kannst du denn so
geschwinde zu einem Fenster hinausklettern?«
Kasperle sperrte seinen Mund weit auf. Das war doch leicht, zu einem
Fenster hinauszuklettern! »'s geht fix,« murmelte er.
»Soooo?« Dem Herzog fielen plötzlich die Fledermäuse ein, die im Zimmer
seiner Base herumgeschwirrt waren. »Geht Fledermäuse fangen auch so fix?«
fragte er.
»Na ob!« Kasperle grinste von einem Ohr bis zum andern, aber gleich
erschrak er sehr, denn der Herzog erhob drohend seinen goldenen Degen, der
immer an seinem Bette hängen mußte, und er sagte streng: »Kasperle, hüte
dich, sonst wirst du in einen Käfig gesperrt! Jetzt geh, und wehe dir, wenn
heute noch einmal solches Geschrei entsteht!«
Da ging Kasperle mit hängender Nase zum Zimmer hinaus, und draußen seufzte
der Geiger Michael tief. »Ach, mein Kasperle, mein armes Kasperle, wie
wird's dir ergehen!« sagte er traurig.
Kasperle brummelte: »Ach, gut!« Und bei sich dachte er: Vielleicht sagt er
doch einmal: »Geh zum Teufel!« Ich will's schon versuchen, daß er es sagt!