Die Reise nach dem Schloß der Gräfin Rosemarie

»Ich möchte nur wissen, was unserem Kasperle fehlt!« sagte im Waldhaus die

schöne Frau Liebetraut zu ihrem Manne an diesem Abend.

Ja, der wußte es auch nicht, niemand wußte es, selbst Michele nicht.

Kasperle hing seine Nase wie eine Trauerweide ihre Zweige. Er redete nicht,

er lachte nicht, er schlug keine Purzelbäume, -- Kasperle war gar nicht

Kasperle.

»Er ist krank,« sagte Michele. Und er bat den kleinen Freund herzlich und

gut, er möge ihm sagen, was ihm fehle. Doch da brach Kasperle in ein

erschreckliches Geheule aus, er heulte und heulte, die Vögel verkrochen

sich vor Schreck in ihren Nestern, und die Rehe, die sonst bis an das

Waldhaus gelaufen kamen, rannten davon.

Nein, wie konnte Kasperle auch heulen!

Michele legte ihn ins Bett, und alle Waldhausleute saßen drum herum,

redeten ihm gut zu, trösteten und fragten nach seinem Herzeleid, aber

Kasperle schwieg. Er steckte seine Nase in die Kissen und tat, als ob er

schliefe. Da ließen sie ihn schließlich allein. Mutter Annettchen sagte:

»Er muß sich ausschlafen, dann wird es schon wieder gut sein.«

In dieser Nacht stand der Mond wieder über dem Waldhaus, sah wieder in das

Stübchen hinein, in dem Michele fest schlief, das Kasperle aber traurig auf

dem Bettrand hockte. Und wieder lockte und winkte der Mond, und Kasperle

stieg leise aus dem Fenster, schwang sich auf das Dach und sah über den

dunklen Wald hinweg. Dort ferne, ferne, wo die Berge dunkel gegen den

Nachthimmel standen, lag des Herzogs Waldschloß und das Schloß, in dem

Rosemarie wohnte.

»Hach!« Kasperle seufzte auf einmal so erschrecklich laut, und eine große,

dicke Eule, die neben dem Haus in einem Baum wohnte, purzelte vor Schreck

in ihr Nest zurück. Gerade hatte sie auf die Jagd fliegen und ein paar

Fledermäuse fangen wollen.

Kasperle kümmerte sich gar nicht um die erschrockene Eule, er ächzte noch

ein paarmal: »Hach, hach!« Dann kroch er traurig in das Kämmerlein zurück,

rollte sich wie ein Igel zusammen und -- schlief ein. Er schlief, bis statt

des Mondes die Sonne hoch und hell am Himmel stand, und über dem schönen

Wetter vergaß Kasperle ganz und gar seinen Kummer. Er schoß wieder mit

einem Purzelbaum die Treppe hinab, fiel mit seiner großen Nase beinahe in

seine Milchtasse, schluckte und schluckte, da trat Herr Severin in das

Zimmer und rief: »Nein, seht doch einmal diese Grenzwächter! Da haben sie

diesen dicken Brief über die Grenze geworfen, als ich vorhin spazierenging,

mir gerade vor die Füße.«

Alle guten Geister, bekam Kasperle einen Schreck! Er versank mit seinem

Gesicht ganz in der Milchtasse und heulte in die hinein: »Das ist für mich,

für mich!«

Herr Severin schüttelte erstaunt den Kopf über Kasperles wunderliches

Gebaren, und auch alle andern schüttelten die Köpfe, dann aber wickelte

Herr Severin das Päckchen aus; ein großer, feierlicher Brief, mit dem

herzoglichen Siegel versehen, kam zum Vorschein und darauf stand: »An

Kasperle.«

Potztausend! Meister Friedolin fiel das Schnitzmesser aus der Hand vor

Erstaunen, und alle sahen auf das heulende Kasperle. Selbst Michele dachte:

Er hat gewiß an der Grenze einen dummen Streich gemacht.

Kasperle auf Burg Himmelhoch · 第 13 / 45 题