»Je, je, je! Ist das nun ein richtiger Brief, oder ist's 'n Schabernack?«
meinte der eine Wächter, und der andere brummelte: »Hm, hm, so'n Geschreibe
könnte schon ein Kasperle fertig bringen!«
Und dann legten alle beide die Finger an die Nasen und überlegten, ob sie
den Brief dem Herzog bringen sollten.
»Ja,« sagte der eine.
»Nein,« rief der andere.
»Recht -- nein,« antwortete der erste.
»Recht -- ja,« erwiderte der zweite.
Da rief der erste wieder ja und der zweite wieder nein, und schließlich
nahmen sie ein langes und ein kurzes Holz und zogen. Der erste zog das
lange, und da fiel es beiden ein, sie hatten gar nicht ausgemacht, ob das
lange oder das kurze Holz ja sein sollte.
Das Gestreite ging noch eine Weile hin und her, und es wäre viele Tage wohl
noch so gegangen, wenn nicht der Bauer Strohkopf aus Protzendorf gekommen
wäre. Den hielten die beiden Wächter für einen absonderlich klugen Mann,
und sie legten ihm Kasperles Brief vor und fragten: »Hat das Kasperle
geschrieben?«
Der Bauer Strohkopf nahm den Brief, las ihn bedächtig einmal, noch einmal,
denn das Lesen war ihm eine mühsame Sache, und endlich legte er den Finger
an die Stirn, schaute die beiden Wächter mitleidig an und sagte: »Na, da
steht doch Kasperle darunter, also muß er doch den Brief geschrieben
haben!«
»Aber,« rief der eine Wächter und legte wieder den Finger an die Nase,
»wenn sich doch jemand einen Spaß gemacht hätte?«
»Aber es steht doch Kasperle darunter!« Der Bauer Strohkopf lachte, es
klang, als rassle eine alte Pauke. »Dumm, dumm, dumm! So schlecht kann wohl
überhaupt niemand schreiben, wie der Brief geschrieben ist,« rief er. Ach,
lieber Himmel, und dabei konnte der Bauer selbst kaum schreiben!
Aber die Grenzwächter sagten, sie glaubten, er habe recht, und einer von
ihnen sollte den Brief zu dem Herzog tragen. Der ältere rief: »Allemal der
Älteste.«
»Nä,« rief der Bauer, »der Jüngste muß es sein, er hat die flinksten
Beine!«
Wieder sagten die beiden, der Bauer Strohkopf wäre doch erstaunlich klug,
und der dicke Bauer grinste und versprach ihnen, er würde ihnen einen
Schinken schicken, so sehr hatte ihm die Rede der Grenzwächter
geschmeichelt.
Der jüngere Wächter lief nun mit dem Bauer nach Protzendorf, denn der
wollte ihm einen Wagen geben, damit er schneller zum Herzog käme, und er
rannte so flink, daß der dicke Bauer kaum nachkommen konnte und unterwegs
meinte, es wäre doch besser gewesen, den älteren zu nehmen.
Das alles hörte Kasperle nicht, aber er sah den Grenzwächter rennen, und
sein kleines Kasperleherz bebte vor Angst. Zu dem Herzog gehen, vor dem er
sich so schrecklich fürchtete, es war wirklich sehr schwer! Und tiefbetrübt
rutschte er von der großen Tanne herab und schlich sich in das Waldhaus
zurück.
Der Wächter fuhr unterdessen mit dem Bauer Strohkopf in das Land hinein.
Dem war es auf einmal eingefallen, wenn er mitführe, könnte er gar noch
eine Belohnung erhalten. Die beiden langten ganz spät am Abend am Schloß
der Gräfin Rosemarie an, und der Wächter sagte: »Hier rasten wir.«
»Ja,« brummte der Bauer und dachte bei sich: Ich fahr' allein weiter, denn
dann sage ich dem Herzog zuerst die Botschaft. Es war dumm, daß ich den
Wächter mitnahm.
Dieser ging in das Schloß, um zu fragen, ob man ihm wohl gestatte, im
Heuschober zu schlafen, und drinnen erfuhr er, der Herzog sei gerade
angekommen. Er lief eiligst hinaus, sah den Bauer wer weiß wohin fahren,
ließ ihn ziehen und sagte drinnen gewichtig: »Ich bringe einen Brief von
Kasperle.«
»Bewahr' mich vor dein Ungetüm!« rief die alte Liesetrine. »Raus, raus! Mit
einem, der Kasperle kennt, will ich nichts zu schaffen haben.«
Da wäre beinahe der Wächter mit seinem schönen Kasperlebrief noch
hinausgeworfen worden. Er erhob aber seine Stimme laut und schrie so
heftig, daß es durch das ganze Schloß hallte: »Ich komme von Kasperle, ich
komme von Kasperle, Kaaasperle!«
Das hörte ein Diener des Herzogs, der sagte es dem zweiten Kammerdiener,
der wieder sagte es dem ersten Kammerdiener, der sagte es einem
Kammerherrn, der sagte es dem Oberhofmeister, und der sagte es schließlich
dem Herzog.
Und gerade plagte den Herzog August Erasmus das Zipperlein, als er von
Kasperles Brief erfuhr. Da ließ er sehr geschwinde den Wächter kommen, und
der übergab ihm den Brief. Der Herzog las und schüttelte den Kopf, und er
reichte den Brief seinem Oberhofmeister. Der las und schüttelte auch den
Kopf. Der Kammerherr aber, der dann den Brief zu lesen bekam, schüttelte
den Kopf, ohne zu lesen. Da sagte der Herzog: »Merkwürdig!« und alle im
Zimmer sagten auch: »Merkwürdig!«
Der Wächter mußte nun erzählen, wie er den Brief gefunden hatte, und er
sagte: »Er ist gewißlich von Kasperle; der Bauer Strohkopf sagt's auch.«
»Dummkopf!« brummte der Herzog, der es unschicklich fand, in seiner
Gegenwart von einem Bauern zu reden, der Strohkopf hieß.
»Strohkopf heißt er, halten zu Gnaden!« Der Wächter dachte, der Herzog habe
ihn nicht richtig verstanden. Da rief der wieder ärgerlich: »Dummkopf!«
»Strohkopf, halten zu Gnaden!« Puff, stieß ein Kammerherr den Wächter an,
er solle stille sein.
»Esel!« schrie der Herzog. »Geh er hinaus! Ich muß mich mit meinem ersten
Minister beraten, was ich tun soll.«
Da rannte der Wächter hinaus und schrie schon an der Türe: »Der Herr
Minister soll zum Herzog kommen!«
»Esel!« brüllte der Herzog.
»Der Herr Minister Esel soll zum Herzog kommen!« brüllte der Wächter, der
nicht anders meinte, als dies sei der Name des Ministers. Er selbst hielt
sich für so klug, daß er nicht dachte, jemand, selbst ein Herzog, könnte
ihn Dummkopf oder Esel schelten.
Der gute Minister aber wollte gerade in sein Bett steigen, als sich draußen
das Geschrei erhob. Er erschrak darob so sehr, daß er wieder aus seinem
Bette herausfiel und in der Verwirrung seinen Rock als Hose nahm und die
Hose als Jacke anziehen wollte. Zuletzt kam er aber doch in seine Sachen,
er ging in des Herzogs Zimmer, und der hielt ihm Kasperles Brief hin.
»Ich will das Kasperle haben,« rief der Herzog. »Meinetwegen mag die Gräfin
Rosemarie in acht Tagen den Geiger Michael heiraten.«
»Und der Graf von Singerlingen?« fragte der Minister.
»Der kriegt eine Prinzessin. Ich habe doch noch meine Base Gundolfine, die
will gerne einen Mann, und ich mag sie nicht heiraten. Der Graf von
Singerlingen tut mir schon den Gefallen und heiratet sie. Nun soll
geschwind an Kasperle geschrieben werden, wenn er zum Hochzeitstag mit
seinem Michael hierherkommt, dann erhält der die Gräfin Rosemarie und ich
mein Kasperle. Aber das ist ein großes, großes Geheimnis!«
Wutsch! legten alle den Finger auf den Mund, und ein Diener lief hinaus, um
den Wächter zu suchen, damit der nichts verrate. Er fand ihn, als der
gerade der alten Liesetrine von Kasperles Brief erzählte. Eben wollte er
sagen: »Der Geiger soll die Gräfin Rosemarie heiraten,« da schlug ihm der
Diener mit der Hand auf den Mund. Das klatschte tüchtig, und der Wächter
brachte kein Wörtlein heraus. Der Diener schleppte ihn zum Herzog, und dort
hatte der Minister gerade den Brief fertig geschrieben. Der lautete:
»Wir Herzog August Erasmus VI. von Himmelhoch sagen
Dir, Kasperle, daß alles vergeben und vergessen sein soll, was Du
einstmals Unnützes getan hast, auch daß Du Uns vor zwölf
Jahren einen Geldsack auf den Bauch geworfen hast, wenn Du
fortan so lange in Unseren Diensten sein willst, bis Wir sagen:
>Scher Dich zum Teufel!< Alsdann magst Du zum Teufel gehen.
Sei in vier Tagen mit dem Geiger Michael hier, er soll dann die
Gräfin Rosemarie heiraten. Hältst Du Uns aber zum Narren,
dann wehe Dir, Kasperle, dann ergeht es Dir ganz schlimm!
So ist mein Wort.«
»Punktum!« sagte der Herzog und klebte ein dickes, großes Siegel unter den
Brief. Den bekam der Wächter, und der dachte, es gäbe nun auch eine
Belohnung, aber die gab es nicht; der Herzog sagte, erst müsse er Kasperle
haben.
Da zog der Wächter ab, und weil es eine mondhelle Nacht war, ging er gleich
zurück. Als er ein Weilchen gewandert war, kam der Bauer Strohkopf hinter
ihm her. Der hatte im nächsten Ort erfahren, daß der Herzog bei der schönen
Gräfin Rosemarie weile. Nun war er arg wütend, denn im Schloß hatte man ihn
nicht einmal eingelassen. Der Herzog lag schon im Bett und der Wächter war
unterwegs.
»He, hollahe!« schrie der Bauer Strohkopf. Er dachte: Nun erfahre ich doch
etwas! Aber klatsch! da hielt sich der Landjäger die Hand vor den Mund, und
der gute Strohkopf konnte fragen, soviel er wollte, er erfuhr kein kleines
Wort.
Mitfahren tat sein Genosse schon, und von des Bauern Schinkenbroten
schmauste er auch, aber reden tat er nichts, fiel ihm nicht ein! Und in
Protzendorf sprang er sehr geschwinde vom Wagen und lief davon, und er
vergaß sogar das Dankeschönsagen. Na, manierlich war das wirklich nicht!