Es lebe die Propaganda der Tat!!«

Der Sendling Lenins ließ sich in einen Stuhl fallen -- stürzte ein Glas

Branntwein hinunter. Und mit eisig kühlem Vivisektorenblick musterte er

die wüste Schar seiner Hörer, die ihn tobend, armefuchtelnd umdrängten.

»Wat söhlt wi moken -- Genosse? Wat köhnt wi dauh'n? Du hest doch'n

Plon, Kierl -- spuck'n mol ut!«

Dragomiroff empfand: Die Zündschnur glomm. Nun mochte ein anderer

pusten, sie in Brand zu halten. Er gab dem Genossen Tietgens das Wort.

Tedje stand auf. In seinen dunklen Augen glosteten drei Höllen auf

einmal: Wollust, Zerstörungswut -- und die gelbste, tückischste,

stinkendste aller Schwefelflammen: der Neid. ... Der Neid des

Unfruchtbaren auf die Könner, des Athleten auf die Gedankenriesen, des

Glaubensleeren auf die Glaubensstarken.

»Jungs!« zischte er, »dei ›Dütschland‹ lopt morgen nich von'n Stopel --

wi blost ehr in dei Luft!! In'n Keller von dei Maschinenbuhalle, doar

stohn dree Kisten Dynamit!!«

Was -- -- -- hatte er gesagt -- der Tedje?!

Die »Deutschland« in die Luft blasen -- mit -- Dynamit?! -- Die -- --

»Deutschland« --?!

Starr saßen sie plötzlich, die jungen Burschen -- glotzten blöden,

jählings erblaßten Gesichts im Kreis -- --

Die Wodkadünste, die Phrasennebel rissen, verflatterten ... Eine Tat

reckte sich auf, scheußlich, irrsinnig -- eine fratzenhafte Ausgeburt

der Hölle ...

Selbst für diese zerrütteten, verrohten Gestalten zu aberwitzig, zu

bestialisch ...

Anders Niemann saß regungslos. Er hatte hundertfachen Schreckenstod

geschaut -- seine Nerven hatten gezuckt wie unter glühenden Zangen --

sein Herz hatte nicht gebebt. Jetzt bebte es.

Die »Deutschland« in die Luft gesprengt ... War's auszudenken?

Dragomiroff -- nun ja, Halbasien -- -- ein Tier mit Menschenantlitz und

Menschensprache, aber mit Wolfsinstinkten ...

Aber Tedje -- --! War das möglich -- dann -- was war dann nicht zu

fürchten -- von der Masse, der entfesselten, der zuchtentsprungenen --?!

Anders Niemann saß in fieberndem Lauschen und Schauen. War's möglich --

sie -- konnten ihn dulden -- -- -- -- diesen -- diesen Plan?!

Sie fielen nicht über ihn her, über diesen höllenentstiegenen Satan --

schlugen nicht mit ihren sehnigen deutschen Werkerfäusten das Hirn zu

Brei, das diesen gräßlichen Gedanken ausgespien?! Ihm und -- -- seinem

Helfershelfer, diesem Sohn einer deutschen Mutter?!

Nein -- sie überlegten -- -- hinter dieser und jener niederen Stirn, in

dem und jenem unstet flackernden Augenpaar glomm's schon auf -- eine

scheußliche, quallige Zerstörungswollust ...

Ja, sie wankten, sie taumelten, diese Haltlosen, Glaubenslosen,

Willenlosen -- stürzten hinein in den Mahlstrom des Irrsinns, der

aus dem giftgeschwollenen Maul des Höllenfremdlings zu ihren Seelen

emporbrandete, ersäufte, hinwegschwemmte, was gut, gesund, eigen -- was

deutsch in ihnen war. Der Osten siegte -- das Nihil ...

Die Ungestalt über die Gestalt, das Chaos über den Kosmos ... Ahriman

über Ormuzd ...

»Verdammi -- ick bün dobi!!«

Clas Mönkebüll hatte es gerufen -- der blauäugige Holste, der Schumann

und Brahms zu spielen wußte und den schmerzlichen Wahn im Herzen trug,

er hätte ein Künstler werden können, hätte des Elends würgende Faust

ihm nicht das Werkzeug der Seele gestumpft ...

»Ick ook! Ick ook!«

Dort und dort reckte sich eine arbeitsharte Faust ... immer mehr --

immer mehr ...

Sinn war in Unsinn verwandelt, Schaffenskraft in Zerstörungswut, Tat in

Untat ...

Waren's noch Menschen, Deutsche, Brüder -- die beisammenhockten, den

scheußlichen Plan durchsprachen bis in alle Einzelheiten, die Rollen

verteilten, die Stunde, die Minute des Vollbringens festlegten, das --

Chaos organisierten --

Anders Niemann blieb noch immer ganz regungslos. Unvorbereitet stand er

dem Entsetzlichen gegenüber, das sich plötzlich hirnerstarrend vor ihm

aufreckte.

Mitwisser -- dieses -- dieses Geheimnisses?! Dieses -- dieses Planes

--!!

Ja -- nun wandte sich's gegen ihn, was er seit einem Jahre,

reinen Herzens, getan und gelebt. Er war in diese Welt der Tiefe

hinabgestiegen, ein Liebender, ein Suchender -- und sah sich plötzlich

nun verstrickt, hineingezerrt in ein entsetzliches Geheimnis -- er,

Georg Freimanns Sohn.

Was tun?!

Die »Deutschland« -- Georg Freimann -- die H. T. L. -- die United

Transatlantic Lines -- das Vaterland -- das alles war eins -- das alles

wollten sie vernichten, diese Verrückten, mit einem einzigen Streich --

einem Bubenstreich -- einem Satansstreich -- --

Heinz -- Anders -- Mann -- Sohn -- Deutscher -- was tun?!

Im Sinnen war's ihm plötzlich, als stäche eine glühende Nadel ihm ins

Hirn. Aufblick: Tedje --! Er belauert, wittert mich! Vorsicht --!!

Anders Niemann fühlte ein Würgen, als griffe eine drosselnde Faust nach

seiner Kehle. Nur jetzt nicht erkannt, durchschaut, zertreten werden!!

Einen Augenblick lang meinte er, klar zu sehen -- wähnte nun erst zu

wissen, was sein Weg war -- meinte plötzlich zu begreifen, daß dies der

eigentliche Sinn seines Handelns habe sein sollen: daß er des grausen

Anschlags Mitwisser hatte werden sollen ... und so der Retter ... der

»Deutschland« ... Deutschlands ...

Aber nein, es war ja ganz anders gewollt, geplant, ausgeführt ... ganz,

ganz anders -- --

Ein Spion -- -- ein Spitzel wider Willen? Wahnwitzige Schrulle des

Geschicks -- --. Zwölf Monate Kamerad unter Kameraden, Freund unter

Freunden, Stubengenoß, Tischgenoß -- dem sie alle vertraut -- den eine

-- -- liebte.

Und nun: Denunziant -- Verräter?!

Unmöglich, Heinz Freimann -- unmöglich!!

Die hohe Sendung, die dich in die Tiefe geführt, sie wäre nicht

nur gescheitert -- sie wäre auch -- geschändet ... dein Sehnen zur

scheußlichen Fratze entstellt ...

Nein -- das war unmöglich -- gab's denn kein anderes Mittel, das

Unausdenkbare zu verhindern?!

Und Anders Niemann warf sich dem Mahlstrom entgegen. Er bat ums Wort.

Er beschwor die Kameraden, abzustehen von ihrem grauenvollen Vorhaben.

»Kameraden!« rief er, »ick begriep dat nich: Dei ›Dütschland‹, dei

hebbt wi doch mokt, alltausomen hebbt wi s' mokt! Nich blot dei

Inschenöre, nich blot Timmermanns -- du un du un du un ick, wi hebbt

unsen Sweit un uns' Gedanken un -- ick kann't nicht beter seggen, wi

hebbt en Stück von uns' Hart 'rinbugt in dat Schipp!«

»Hahaha!!« lachten da um die Wette der bärtige Russe, der ungeschlachte

Tedje.

»So ist's recht!« knarrte Dragomiroff. »Deutscher Knechtssinn!

Unausrottbar! Wer bist du denn, junger Mann, daß du's besser weißt, was

dem Arbeiter frommt, als ich, der Vorkämpfer des siegreichen russischen

Proletariats, he?! Oder dein Kollege Tietgens hier, der Vertrauensmann

der glorreichen Volksrepublik des Ostens?«

Anders Niemann ließ sich nicht den Mund verbieten. Heiß schwoll ihm

das Herz. Arbeiter sein, das durfte doch nicht heißen, das Werk seiner

Hände verachten und hassen! Liebe müsse bei dem Tagwerk sein, sonst sei

es sinnlos und verflucht! Mit wildem Flehen rang er um das Herz der

Brüder. Vollendet stehe da drüben das große, gemeinsame Werk -- vom

rechnenden messenden Kopf ersonnen, aufgetürmt von der tausendfältig

schaffenden Hand ... Morgen solle es hinaus in die freie Flut, um

später, nach weiteren Monaten harter Arbeit der werkelnden Faust,

hinauszufliegen und denen da draußen in aller Welt zu verkünden, daß

Deutschland noch aufrecht stehe -- daß es Erdrosselungskrieg und

Erdrosselungsfrieden überstanden habe und leben, leben, leben wolle ...

Freilich, davon könne Dragomiroff nichts verstehen -- er sei ein Russe,

ein Fremdling ... Und arbeiten habe noch kein Mensch den jemals gesehen

...

»Tedje, Clos!« beschwor er die Freunde, »wi hebbt tausomen vel

hunnertdusend Niete mokt in dei ›Dütschland‹ -- is dat nich uns' Wark,

dat Schipp, is dat nich uns' Kind?!«

In Clas Mönkebülls heißem Gesichte sah Anders den Abglanz seiner Glut

wühlen und flammen ... Aber noch etwas anderes erkannte er in des

Freundes Auge: etwas, das ihn seit Wochen zuweilen angeglotzt aus des

treuen Burschen zerquältem Gesicht: etwas wie dumpf schwelender Haß ...

Und -- Tedje?!

Kiek den Duckmäuser! Tut sich auf einmal als Klugschwätzer auf --

will mir meinen schönen Racheplan vermasseln! Der Schleicher, der

scheinheilige -- um den meine Antje sich härmt! Na teuf, mien Jung!

Dragomiroff hatte lauernd, abwartend beobachtet, wie des Matrosen

Worte wirken würden. Er sah, wie sie eindrangen, dort und dort, in die

verwilderten, verstörten Herzen. Jetzt war's Zeit.

»Hast du nun genug gequatscht, du Schwätzer, du Pope, du

Scheinheiliger?« schrie er wutverzerrten Gesichts. »Ich will dir

helfen, du Esel, klüger sein zu wollen als wir, die Vorkämpfer der

proletarischen Freiheit! -- Genossen! Wer steht zu unserm Plan? Wer

will der vorderste sein am großen Vernichtungswerk, das den Götzen

Mammon zertrümmern soll? Wer legt die Zündschnur -- wer setzt sie in

Brand?!«

Nur zwei traten vor: Tedje Tietgens und -- -- Clas Mönkebüll ...

Arm in Arm stellten sie sich, auf Dragomiroffs Geheiß, in der Kameraden

Mitte. Der Russe nahm sie mit Handschlag in Eid und Pflicht und gab

ihnen einen knallenden Weihekuß. Und so die anderen alle -- sie,

die sich verpflichtet hatten, die ständigen Wächter der Werft von

hinten anzuschleichen und mit zähem Messerschnitt in die Gurgel zu

erledigen. -- »Dann aber, Genossen,« schloß Dragomiroff, »dann, wenn

die Tat geglückt ist -- dann heißt es: Zu den Waffen! Denn die Weißen

stehen bereit, unsere Tat wird auch für sie das Signal. Dann heißt's

die Kameraden fortreißen, ehe die zur Besinnung kommen. Es lebe die

Propaganda der Tat!«

Dann winkte er Tedje zu sich heran.

»Tietgens!« flüsterte er ihm heiser ins Ohr, »gib acht auf den

Quatschkopp, den Niemann -- der Hund ist gefährlich!«

»Dat will'k woll gleuwen, Genosse!« zischte Tedje zurück. »Clos

Mönkebüll sall em op dei Hacken blieben! Verlot di op mi, den'n Kierl

lot wi nich ut Sicht!«

* * * * *

Und nun: der Wirrwarr und Lärm des Aufbruchs ... Heinz raffte sich aus

seinem krampfigen Grübeln. Er hatte Klarheit. Was galt Heinz Freimanns

Leben, was galt selbst seine Ehre -- wo es um alles ging?! Nein -- wer

solches plante, der hatte das Recht auf Treue verwirkt ...

Wenn der Anschlag mißglückt -- mißglückt, weil er verraten ist -- Tedje

Tietgens wird wissen, an wen er sich zu halten hat. An den Kollegen,

den er einmal mit der Tochter seines Chefs hat spazierengehen gesehen

... und das bedeutet ein gräßliches Ende -- vielleicht ein spurloses

Verschwinden ... Was tut's? Die ihn lieben, werden wissen, wie und für

was er gestorben ist ...

Aber schweigen? Den Plan dieser Schreckenstat kennen und schweigen?!

Unmöglich ...

In einem Nebelmeer von Zigarettenqualm schwamm das unterirdische Gelaß

-- alles umdrängte den Russen, verlangte noch letzte Weisungen ...

Heinz hatte sich bis zur Tür durchgepirscht. Ein rascher Späherblick

in der Runde -- nein -- niemand beobachtete ihn ... und mit einem Ruck

war er im stockfinstern Flur, tappte sich die wohlbekannten triefenden

Wände entlang, glitschige Stufen hinauf, öffnete eine geheime Tür

nach der andern mit kundigem Druck -- stand im Flur des Vorderhauses,

verschwand in der Telephonzelle, in der sonst die verlorenen Kinder,

die unter Mudder Lores Fuchtel ihre armseligen Leiber feilhielten, mit

ihren Freunden ihre Sonntagsverabredungen trafen. Das aber entging ihm,

daß mit Katzentritten vier Füße ihm nachgeschlichen waren -- daß zwei

Männergestalten dicht neben der Telephonzelle in der Wand verschwunden

waren -- in einem geheimen Versteck, aus dem man jedes Gespräch

belauschen konnte ...

Er hob den Hörer, verlangte die Nummer der Villa Carstensen ...

»Hier bei Senator Carstensen ...«

»Hallo -- kann ich Fräulein Ilse sprechen? Bitte sofort -- es ist

äußerst dringlich ...«

Er lauschte in bebendem Warten. Klangen nicht draußen Tritte?

»Ilse Carstensen ...«

»Hier Heinz ... Ilse, ich muß dich unbedingt sofort sprechen ...«

»Unmöglich, Heinz -- du weißt doch, die Amerikaner -- in einer halben

Stunde beginnt der Empfang bei euch zu Hause -- ich bin gerade bei der

Toilette ...«

Ein Bild stieg sekundenlang vor des Mannes Augen auf ... eine Vision --

beglückend und fern wie ein nie erreichbares Sehnsuchtsland ...

»Wann kannst du dich frei machen?«

»Frühestens nach dem Abendessen, ich denke etwa um halb zehn ...«

»Das wird zur Not genügen. Also höre, Ilse: Ich werde um punkt halb

zehn im Auto an unserer Gartentür vorfahren, auf dem Harvestehuder Weg

... Du erwartest mich, steigst zu mir ein, wir fahren einmal um den

Häuserblock herum, ich sage dir schnell, was zu sagen ist -- und in

fünf Minuten kannst du wieder bei euren Gästen sein ... einverstanden?«

»Ja, Heinz -- kannst du mir nicht wenigstens eine Andeutung --?«

»Telephonisch unmöglich ... Es bleibt dabei: um halb zehn an unsrer

Gartenpforte! Laß mich nicht im Stich, es steht viel, es steht alles

auf dem Spiel ... Auf Wiedersehen, mein Herz ...«

»Auf Wiedersehen ...«

Mit einem Ruck riß Heinz die Tür der Telephonzelle auf -- spähte umher,

ob er unbelauscht geblieben sei -- alles leer, alles still ... Völlig

beruhigt kehrte Heinz um, legte aufs neue den ganzen Weg bis zum

Versteck der Verschwörung zurück und mischte sich unter die Genossen,

die noch immer erregt schwatzend beisammenhockten.

Kaum war er hinter der geheimen Tür verschwunden, welche aus dem Flur

des Vorderhauses in das unterirdische Labyrinth führte, da öffnete sich

neben der Telephonzelle die Wand, und mit wutverzerrten Gesichtern

traten Tedje und Clas aus dem Versteck hervor.

»So'n Hund, so'n entfomtigen Hund!« knirschte Tedje. »Clas, ick mutt

di wat seggen: Düssen Anders, düssen Kierl, de mien Swester 'n Kopp

verdreiht hett -- den'n heff ick -- vor drei Dag heff ick'n seihn, as

hei sick mit Fräulein Carstensen in dei Passage an'n ollen Steinweg

dropen hett -- un is mit ehr in 'ne lüttje Konditorei verswunnen

-- un doar hebbt sei 'n Stünn' un länger tausomen snackt ... Un nu

telephoniert hei 'ne gewisse Ilse, und seggt tau ehr: Hier Heinz ...«

»Verdammi --!« zischte Clas, »verdammi! Is dat denn meuglich, dat hei

-- dat uns' Anders Niemann --«

»-- en Spitzel is? En ganzen hundsgemeinen Spion un Verräter?! Wenn du

dat nu noch nich markt hest, Clos, denn lat di in Alsterdörp in dei

Idiotenanstalt opnehmen -- doar geheurst du hen, mien Jung!«

»Wat mokt wi mit em, Tedje, wat mokt wi blot?!«

»Dat 's nu dien Sok, Clos«, sagte Tedje mit tückischem Grinsen. »Ick

denk', du hest sowieso wat mit em aftaumoken, mit düssen Anders Niemann

odder ... Heinz ... Dunnerslag ... doar fallt mi wat in -- Heinz ... Im

Hause meiner Eltern, hett sei seggt ...«

Und mit atemlosen Worten erinnerte er den Freund: ob er sich denn

nicht mehr entsinnen könne, daß vor einem Jahr in ganz Hamburg davon

gesprochen worden sei, der Kapitänleutnant Heinrich Freimann, der

Sohn des Generaldirektors der H. T. L., eben als Kapitänleutnant

aus englischer Gefangenschaft zurückgekehrt, sei plötzlich spurlos

verschwunden?!

»Dat is hei, Clos! Strof mi Gott, dat is hei!!«

Clas Mönkebülls gutmütiges Musikantengesicht hatte sich längst in Grimm

und Glut verzerrt. Dem Kameraden, dem Kollegen hatte er Antje blutenden

Herzens gönnen müssen ... wehe aber, wenn dieser Kollege ein Schuft

war, ein Verräter, ein Weißer gar, ein -- nicht auszudenken -- ein

Bourgeois, ein ehemaliger Offizier ...

»Du weits nu Bescheid. Clos! Ick verlot mi ganz op di ... Hest 'ne

Waffe?«

»Heff ick!« knirschte Clas und ließ sein Messer einschnappen. »De kümmt

mi nich weg, Tedje.«

»Mok dien Sok' man gaud, Clos ... ick leg' ok 'n gaud Wort vör di in bi

mien Swester ...«

Da lächelte Clas melancholisch und beschattet. Im Augenblick, als er

die Hand zum Schwur dem Russen hingestreckt, hatte er in tiefer Seele

das dunkle Rauschen vernommen -- das er aus den Erzählungen seiner

Kriegskameraden kannte. Wem es erklungen war, der hatte des kommenden

Tages Morgenröte nicht mehr geschaut. --

»Dat 's vörbi, Tedje ... hüt nacht goht wi twei kaput ...«

»Meuglich --« murmelte Tedje ... »öwerst denn sall dei entfomigter

Slieker, dei Anders Niemann -- ne, dei Heinz Freimann -- dei sall denn

mit us twei tausom'n kaput gohn!!«

Wenige Augenblicke später stand Clas Mönkebüll neben Heinz -- der

bewegte sich wieder ganz harmlos inmitten der abschiednehmenden

Kameraden, die sich immer noch nicht von den Wodkaflaschen trennen

konnten.

»Kumm, Anders!« sagte Clas und stieß den Schlafkameraden vertraulich

mit dem Ellbogen an, »wüllt een' Lüttjen nehmen! Wer weit, ob dat nich

de letzte is!«

Anders Niemann fuhr herum. Diese Stimme -- unterirdisches Grollen

... dies Gesicht -- verändert, verzerrt ... Die aufrechte Gestalt wie

seltsam verkrümmt ... Reue?! Freilich, diese arme, arbeitsrissige Hand,

der die Läufer und Passagen immer mehr unter den Fingern wegrollten

-- sie hatte sich einem Werk des Wahnsinns verschworen ... ein

Fluchgezeichneter, ein Todgeweihter vielleicht ... unmöglich, ihm diese

Bitte abzuschlagen. Man wird sich rechtzeitig losmachen müssen.

»'t is recht, Clos -- wo goht wi hen?«

Clas Mönkebülls Augen flackerten irr und trüb. »Wat söhlt wi noch wied

lopen? Lot uns in Mudder Lor' ehr lütt' Kabuff sitten ... sei hett 'n

ollen lüttjen Köhm, so een' is in ganz Hamborg nich weddertaufinnen ...«

Im schlimmsten Falle, du Hund, kommst du aus Mudder Lores Dachsbau

überhaupt nicht wieder heraus! -- --

* * * * *

Tedje hatte sich als letzter von Dragomiroff getrennt. Nun war er

sich selber überlassen. Er schlenderte durch die engen Gassen des

unheimlichen Viertels zwischen Wexstraße und Neustädter Straße. Sein

Schädel dampfte, Gesicht und Hände zuckten im Krampfe.

Anders Niemann ein Spitzel ... ein Spion ... der verschollene Sohn

des Generaldirektors der H. T. L.! Und wohnt seit einem Jahr in

Mudders Jungsstübchen ... ißt an Vadders Tisch -- schafft auf der

Hammonia-Werft mit Clas und Tedje ... und macht die arme Antje Tietgens

verrückt ... Hund du -- Hund --!!

Was hat er nur gewollt?! Sekundenlang blitzte es durch Tedjes

brodelndes Hirn, ob doch irgendein Geheimnis dahinterstecken möchte

-- irgendein verborgenes Wollen, das anständig wäre und ehrenwert ...

Nein, nein -- es soll nicht sein! Er soll ein Schuft sein, nichts

weiter als ein ganz gemeiner Verräter. Jetzt ist's ja klar, er hat

spionieren wollen, nichts als spionieren! Na, und das ist ja auch

gelungen -- jetzt weiß er etwas, das lohnt, verdammi, das ganze Jahr

Verstellung!

Wirst dich verrechnet haben, Spion! Der starke Arm, der alle Räder

stehen lassen kann, wenn er will -- der greift nach deiner Gurgel! Wir

lassen dich nicht aus -- sollst danebenstehen und zusehen, wie die

stolze Hoffnung deines Vaters in die Luft geht -- und dann -- dann bist

du reif fürs Messer!

Und wenn du nicht mitgehen willst -- wenn du Anstalten machst, Alarm

zu schlagen, zu warnen -- dann -- schon vorher! Bei Clas bist du gut

aufgehoben -- schon um Antjes willen --!

Arme Antje ... Wenn nun morgen keiner von uns dreien wiederkommt?!

Sie wird weinen -- um wen? Nicht um den armen Clas, der sich hätte

totschlagen lassen für sie ... um den Bruder vielleicht ein paar

Tränchen ... aber die Augen aus dem Kopfe wird sie sich weinen -- um

den Schuft, um den Halunken, um den Verführer, um den Verräter ...

Nein ... Das darf nicht sein ... Sie soll wenigstens wissen, wer er

ist ... Sie soll -- sie soll nicht um ihn weinen ... einerlei, ob er

unter Clas' Messer verblutet oder heut nacht mit der »Deutschland« in

die Luft geht -- Antje Tietgens soll nicht um ihn weinen. Sie soll

erfahren, daß sie ihr Herz und ... wer weiß was sonst noch alles an

einen Lumpen und Verräter weggeschmissen hat. Sie wird sich grämen vor

Schande -- aber sie wird wenigstens nicht um ihn weinen. Das ist er

nicht wert ... Die Ehre soll er nicht mal im Tode genießen.

Also heim -- zu Antje ...

Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große

Rachewerk geht?! Was war's doch nur?!

Ah -- die Feine ...

Halb zehn an unserer Gartenpforte -- du erwartest mich, steigst zu mir

ins Auto -- --

Wirst vergebens warten auf deinen Bräutigam, schöne Zarentochter ...

Aber wie -- wenn statt seiner -- ein anderer im Auto säße --?!

Düwel, Düwel -- dit wier 'n Snack --!!

Mit einem Ruck blieb Tedje stehen -- mitten in einer der üblen Gassen,

an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf

Beute warteten.

Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha!

Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen --

trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ...

Das kommt nie wieder!

Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung -- vor der

Tat, die so leicht mißglücken kann -- -- Dynamitkisten sind keine

Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft

gehen ... Und vorher das da!

Düwel, Düwel -- so 'n Snack!

Esel und Schlappstiefel, wer da nicht zupackt!

War ja alles zum Lachen einfach, -- die zwei hatten's ja eingefädelt!

Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den

Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als

Helfershelfer -- ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich

in Stücke reißen -- schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle

ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie --

--

Aber schnell, schnell, in zehn Minuten ist Ladenschluß!

4

Mudder Lores »Bar« entbehrte nicht einer gewissen klebrigen

Gemütlichkeit. Hier hatte Anders Niemann nach mancher Sitzung des

»revolutionären Aktionskomitees« mit seinen Freunden scharf gezecht.

Und nun -- diese Abschiedsstunde ...

Da saß er ihm gegenüber, dem guten Gesellen, mit dem er unzählige

Stunden reinen Glücks erlebt -- wenn sie zusammen an Mudder Minings

klapprigem Pianino Beethovens und Brahms' Sonaten gespielt -- und sich

emporgeschwungen hatten über Enge und Niedrigkeit in strahlende Höhen

kampfgeläuterten Menschentums ... Und nun -- nun war's vielleicht das

letztemal ...

Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat

all man half so slimm.«

Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er

zusammenzuckte.

»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ...

blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...«

Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich -- Woher sollte er ...

Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust

zu tragen. Er litt ohne Grenzen.

»Wat hest du, Clos? Is di nich gaud --?!«

»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie

die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.«

Anders glaubte zu begreifen. Der Schwur ... die Freveltat, zu der

er sich im Wirbel des Augenblicks hatte dingen lassen ... dieser

wahnwitzige, fluchwürdige Plan -- -- Ach -- wenn man ihn retten könnte

...

»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen

hebbt ansnacken loten.«

»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein großes Glas

Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um

eine frische Füllung.

»Ick nich, Clos -- ick nich ...«

»Ne ... öwerst ick ...«

Ein ungeheures Mitleid schwoll in Anders Niemanns Seele. Wie er

verzweifelt rang, der treue Bursch, wider das Unausdenkbare, das der

Dämon aus dem Osten ihm eingeblasen ... Oder war's etwa das nicht

allein?! Immer wieder hoben sich des Freundes wirre Augen und sandten

einen Blick herüber, in dem noch mehr lag als nur Verzweiflung über

das eigene Schicksal ... ein Argwohn, ein Verdacht ... Nein, das war

unerträglich. Anders fühlte erst in dieser Stunde mit voller Klarheit:

Dieser junge Mensch aus der Tiefe war ihm wert und lieb geworden --

und dies das letzte Beisammensein vielleicht ... Wie immer der Ausgang

sein sollte, ob es zur Vollendung kam oder nicht -- Anders Niemann und

Clas Mönkebüll würden nie mehr zusammen arbeiten, plaudern, trinken,

musizieren ... O Wehmut ohne Grenzen ... o grausamer Irrsinn des Lebens

...

Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen -- wohl war zwischen

ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit

gewesen ... Dennoch -- ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn

eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes

und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern -- ein Anfang war

gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu

diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der

Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft

aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein

Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen

Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte

hineinzerren lassen?!

»Clos ... segg mi, dat -- dat bliwt, dat du hüt nacht -- ick kann't un

kann't nich gleuwen von di ...«

»Dat bliwt!!« sagte Clas hart.

Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn

verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel.

Rettung! Rettung!

Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache

des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen!

Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes

heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren

selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er,

das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie

beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem

Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ...

Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich

vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund

genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß

zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der

Schwur, den jener geleistet ...

»Clos -- du hest wat gegen mi -- segg't mi iehrlich, Clos!«

»Ick verstoh nich ...«

»Doch -- du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi --?«

Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah

dem Frager starr ins Auge und sagte:

»Geben Sei sick keine Meuh -- -- Herr -- Kapitänleutnant.«

Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?!

und seit wann?!

»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit

ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe -- Heinz Freimann ward

wiedergeboren.

»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich

will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist

meine Hand. Ich bin dein Freund -- du hast keinen besseren. Glaub'

mir's -- werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.«

»Geben Sei sick kein Meuh, Herr.«

Er stand auf, gab dem Frauenzimmer am Büfett einen Wink. Die

verschwand. Man hörte, daß sie die Tür hinter sich abriegelte. Nun

schritt Clas Mönkebüll zu der Tür, die zum Flur führte, schloß sie ab,

steckte den Schlüssel in die Tasche und trat auf Heinz Freimann zu.

»Wenn Sei vellicht noch en Vadderunser beden will'n --«

In seiner Hand blinkte das Messer.

Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den

Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien -- pah -- umsonst.

Er begriff nichts -- nichts als dies eine: Er war verloren.

Und plötzlich ein Blitzstrahl: Antje ... Was in diesen umdüsterten

Augen schwelte, war nicht allein der Haß der Klasse -- solch fressendes

Feuer entzündete nur verschmähte Liebe.

»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich

töten, weil ich um euren Plan weiß -- und weil du glaubst, daß ich ihn

verraten will. Ehrlich gestanden, ja -- ich hätte ihn verraten müssen,

wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas -- und wenn's mich meine

Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt -- habe euch angefleht mit

allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter,

nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten

-- muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst.

Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und mir noch etwas anderes

klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst,

ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten.

Tu's -- aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir -- und sag' ihr,

ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch

nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen

niemals berührt --!«

Da wurde Clas Mönkebülls gestraffter Körper plötzlich matt und

schwankte. In die grimmverzerrten Züge trat ein ungläubiges, irres

Staunen. Die zuckenden Lippen stammelten:

»Is -- dat -- wohr?! -- Is dat -- wohr --?«

»So wahr ich ein braver Soldat bin -- und dein guter Kamerad, dein

treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...«

Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe

herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't

nich dauhn ...«

»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden

Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher

... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...«

»Dei kümmt -- dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes

Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis -- krampfhaftes

Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick

-- mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte

-- es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen -- aber mit einem

krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß

auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu -- ein schwerer

Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. --

Heinz Freimann war gefangen.

5

»Öwersnappt sünd's, Mudder -- öwersnappt!« eiferte Vadder Tietgens.

»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll

Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as

ji freuer arbeit' hebbt -- nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß

köhnt wi jo nich wedder hoch komen!«

Da paffte Timm Tietgens eine mächtige Unmutwolke: »Ne, Mudder, dat mi

den'n Achtstünndag, dat mutt blieben ... öwerst se möten in dei acht

Stünn' ok würklich arbeiten un nicht ümmer diskurieren un debattieren

...«

Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens

blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen -- sie

fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres

gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt

seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ...

Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud -- ick warr doch

hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' -- dat is nix miehr

vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?«

»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man

tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...«

Und dann saß sie einsam -- lauschte dem Stundenschlag der unzähligen

Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes

walteten -- und sann -- sann -- sann ...

Nun feiern sie in der Villa Freimann -- die Glücklichen, die Reichen

... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ...

Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen, sie rechnen sich's allein

an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der

zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier

und Phantasie bliebe?! Nein -- die Faust hatte schon recht, sich zu

ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte

stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ...

die Freude ... der Stolz ...

Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der

träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur

gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer

ganzen Seelenmacht. -- Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft

dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus

Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den

Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ...

Und würde nun doch emporsteigen aus der Niederung -- empor in

seine helle Welt -- in die Welt des herrschsüchtigen Kopfes, des

triumphierenden Geistes, des Glanzes, der Feste -- empor zu seinen

Menschen, den Menschen seiner Rasse, seiner Klasse -- empor -- empor

zu -- der andern ... mit der sie ihn vor wenig Tagen, Schulter an

Schulter, durch die kahlen Bosketts am Glacis hatte schlendern gesehen

-- wie er hundertmal mit ihr geschlendert war -- mit der armen Antje ...

Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden,

in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte -- das Beste, was ein jedes

besessen -- eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und

Hoffnungen ...

Ach ja -- einmal ein Jahr aus seiner Welt in die andere

hinüberwechseln, aus der Höhe in die Tiefe steigen ... das konnte er,

das mochte er -- aber dann -- dann tat sie sich doch aufs neue zwischen

hüben und drüben auf, die ewige, die unausfüllbare Kluft zwischen

den zwei Völkern, die eines Blutes waren, eine Sprache redeten, eines

Staates Bürger waren -- eines Vaterlandes Kinder ...

Pah -- Vaterland!!

Ach -- es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten

überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die

»vaterlandslosen Gesellen ...«

O Heinz -- du hast das alles empfunden und verstanden -- du Guter -- du

Reiner -- du Großer im Wollen und Sehnen ... du willst sie schließen

helfen, die unüberbrückbare Kluft ...

Oh, wenn dir das gelänge -- ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig,

heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk -- deine Antje

wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in

dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ...

-- Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie

immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders --?!

Das Land unserer Liebe · 第 14 / 23 题