„Aber, Friedel, alternde Frau -- wenn man so was hört!” versuchte Ingo

zu trösten. „In zwanzig Jahren laß uns davon sprechen! Und selbst

dann -- hast du nicht oft von deiner lustigen Großmutter erzählt, daß

sie noch mit mehr als siebzig Jahren die Jüngste war von allen? Etwas

in uns wird immer jünger, lichter, geistiger; ein Herz voll Güte und

Poesie kennt kein Altern. Denk an den greisen Mistral in Maillane, von

dem du so entzückt warst!”

Als sie zu Lourdes kaum im Hotel abgestiegen waren, stürzte der

Troubadour mit der Nachricht herbei: „Friedel, Richard, ich hab' im

ersten Stock einen Salon mit Klavier entdeckt! Der Wirt gibt ihn mit

Vergnügen. Es sind wenig Gäste im Hotel; rechts und links nehmen wir

unsere Zimmer und musizieren den ganzen Abend. Friedel muß sich mal

wieder austoben, das seh' ich ihr schon lange an; was, Friedel?”

„Ein Klavier? Gutes Klavier? Her damit!”

Der Major, dem der Zustand seiner Gattin in den letzten Wochen Sorgen

gemacht hatte, war überglücklich. Sogleich nach dem Nacht-Imbiß ging

man hinauf, ohne sich im dunkelnden Lourdes viel umzusehen; und der

Gatte ließ eine Flasche Sekt kaltstellen, Friedels Leibgetränk.

Nun saß sie vor den Tasten und stürzte sich sofort mit Wucht und Wonne

in den zweiten Akt von Tristan und Isolde: „Nicht Hörnerschall tönt

so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht so wonnig daher”

... Sie spielte die Begleitung auswendig, sie sang und begleitete

sich selber. Und dazwischen, die Erwartungsszene mit Brangäne bei

beginnender Nacht mit Glut spielend und singend, rief und stieß sie in

allem Rausch der Darstellung manchmal hervor: „Ja, das ist das Weib --

Wagner kannte das Weib -- seht, wie kindlich jetzt -- jetzt begehrend,

zärtlich und wild -- alles -- eine Naturkraft” -- -- So spielte sie

hingerissen und hinreißend; und stand doch als Mensch und Künstlerin

immer wieder darüber.

Aber später, mitten im Liebestod -- „mild und leise, wie er lächelt”

-- sprang sie auf und brach ab. Ihre Kämme waren herausgefallen, ihr

Goldhaar flutete über den Rücken, ihre Wangen flammten im Fieber.

„Nein!” rief sie. „Nicht sterben! Auch nicht aus Liebe sterben!

Das ist zu gewaltig! Das darf man nicht am Klavier im Salon singen,

in engen Verhältnissen, als Gattin und Mutter -- das ist das Meer!

Uferlos! So etwas kann man nur erleben -- einmal erleben und im Erleben

vergehen!”

Sie warf sich in einen Sessel.

„Nein, nein, nein, ich will leben! Laß die Kämme liegen, Richard, laß

meine Haare fließen und meine Seele uneingedämmt! Komm, Ingo, lieber

Freund, spiel' mir einen beruhigenden Satz aus Bach! Nicht sterben,

Kinder -- überwinden!”

Es war sonst nicht ihre Art, einen musikalischen Abend derart zu

zerreißen. Ingo begab sich zögernd ans Klavier und holte aus seinem

umfassenden musikalischen Gedächtnis Töne der Beruhigung hervor.

Richard aber saß bei seiner Gattin auf der Lehne des Fauteuils

und streichelte besänftigend ihren angeschmiegten Kopf. Ihr Herz

hämmerte laut, ihre Pulse flogen, ihre Finger zuckten; sie stürzte

rasch einige Gläser Schaumwein hinunter, bis sich ihr aufgestörter

Künstler-Dämonismus langsam wieder beruhigte.

Nachher sang sie einige Lieder. Und dann saßen alle drei in einer

wohligen Plauderstimmung beisammen; und Friedel, in ihr Tuch gehüllt,

kam in ein lebhaftes Erzählen, durch das freilich Nervosität

hindurchzitterte.

„Heut' gehen wir überhaupt nicht zu Bett, Kinder, was?” schlug sie vor.

„Oh, wie hat mir das Stündchen am Klavier wohlgetan! Ich war so allein

in diesen Wochen. Kinderchen, seid ihr mir denn noch ein bißchen gut?

Ach, Richard, du glaubst nicht, wie ich mich nach unsren Jungen sehne!

Wollen wir nicht umkehren, Richard, ja?”

„Gewiß, mein Herz, das hab' ich mir ohnedies vorgenommen. In acht Tagen

sind meine Ferien zu Ende. Aber du bist mir dann hoffentlich hübsch

gehorsam, wenn ich in München den Arzt deinetwegen befrage?”

Sie wollte nichts vom Arzt wissen, geriet vielmehr in ein

zungengeläufiges Plaudern von tausend Dingen, besonders von ihren

Jugendtagen.

„Schon als ich Kind war, flogen mir bei großer und schöner Musik

Schauer über den Rücken”, plauderte sie; „ich spürte Musik körperlich.

Und es geht mir heute noch so. Es ist ein elektrisches Bad. Oh, ich

kann euch sagen, ich war ein unbändiges Kind, der Schrecken meiner

Verwandten, und liebte die Natur leidenschaftlich. Ich weiß noch, so

gegen das vierzehnte Jahr, als sich meine Freundinnen immer mehr für

Jünglinge interessierten, konnte ich das gar nicht verstehen, denn

bei meinem wilden Springen und Raufen fehlte mir jedes Gefühl für

sentimentalen Geschlechtsunterschied. Ich stand vor einem Rätsel,

meine Gespielinnen wurden mir fremd, ich war zum erstenmal grenzenlos

allein. Aber ich hatte mein ideales Elternhaus, wo nichts Unreines an

mein Ohr drang. O Kinder, ich bin in einem wilden Park voll von schönen

Blütenbäumen groß geworden! Oft war ich ganz mit Blüten überstreut,

wenn ich bis Abendrot und Mondlicht im Grase gelegen hatte und vor

Heimweh nach den Abendröten zu sterben vermeinte. Denn übergroße

Schönheit macht mir körperlichen Schmerz. Dort irgendwo, dort hinter

den glühenden Wolken, dort mußte meine Heimat sein. Und meine Seele

spannte -- halt, eins meiner Lieblingslieder schon damals!”

Sie lief ans Klavier und sang mit hingebender Innigkeit Schumanns

seelenvolles Abendlied: „Es war, als hätte der Himmel die Erde still

geküßt”.

„Wenn ich dann ins Haus zurückkam, hatte ich lange mit einer Art von

Betrunkenheit zu kämpfen, bis ich mich wieder in der Erden-Wirklichkeit

zurechtfand. In jenen Jahren wurde mein Großvater krank und lag viele

Monate in wunderbarem Seelenfrieden zu Bett. Keiner ging ungesegnet

von diesem Leidenslager hinweg; sein Gesicht war von himmlischer Güte.

Unsre lebhafte Großmutter, die ihm allabendlich vorgespielt hatte, war

kurz vorher gestorben. Und so fiel mir dreizehnjährigem Backfisch die

reizende Aufgabe zu, ihn abends durch Musik zu erfreuen. Ich saß mit

meinem dicken Zopf im riesengroßen Saal am Flügel, glühend vor Glück

und Begeisterung; und der Großvater lag nebenan im dunklen Zimmer,

in das nur ein Strahl von meiner Klavierlampe hineinfiel. Und nach

jedem Stück rief er ein Wort des Dankes. Oh, ich war selig vor Glück,

jemandem Schönes geben zu dürfen -- und und er sagte dann oft: ‚Kind,

das ist der Himmel auf Erden.’ Meist spielt' ich Mozart und Beethoven,

dann sämtliche Oratorien, die ich von Großmutter kannte, wobei ich alle

Stimmen ohne Ausnahme sang. Und da dies dem Großvater sehr behagte und

ihm niemand zu widersprechen wagte, so spielt' ich oft zum Leidwesen

der Mutter bis um Mitternacht ... Ihr seht, Kinder, so früh hat das

begonnen! Und ich habe mir die Unart heute noch nicht abgewöhnt.”

So erzählte die heute wieder von innen heraus leuchtende Künstlerin.

Und die verständigen Männer ließen sie lächelnd gewähren, stimmten

wohlgefällig bei und verallgemeinerten unmerklich das Gespräch zu

Bemerkungen über die Opferkraft und Zähigkeit der Frauen überhaupt.

„Wir sind wunderliche Geschöpfe”, sagte Friedel. „Ich fürchte mich,

im Finstren allein zu sein, ich bebe tagelang vor jeder unangenehmen

Aussprache; aber in großen Gefahren -- das wirst du mir bestätigen,

Richard -- kenn' ich keine Spur von Angst.”

Langsam leitete sich die Unterhaltung in immer ruhigerem Rhythmus zu

der Mission der Frau hinüber. Man knüpfte an Wagners Frauengestalten

an: die Erlösungskraft der Senta im Fliegenden Holländer, Elisabeths

heiligende Einwirkung auf Tannhäuser, Kundrys Entwicklung vom

Dämonismus zum Dienen. Dann erwähnte Ingo Pfitzners Armen Heinrich und

die Aufgabe der jungfräulichen Agnes, den kranken und verbitterten

Ritter in ein neues Leben zu führen.

„Es sind Walküren, solche Frauen,” sprach er, „sie führen den

kämpfenden Helden in heilige Hallen.”

„Man kann ebensogut sagen: es ist in ihnen die Madonna wirksam!” rief

Friedel. „Herrlich ist das Wesen der Madonna, dieses großartige Symbol

jungfräulicher Mütterlichkeit! Jungfrau und Mutter zugleich! Wissende

Reinheit! Der Protestantismus ist arm, daß er die Madonna nicht mehr

hat; und wir können den Malern nicht dankbar genug sein, daß sie diesen

Typus festgehalten haben. Über meinem Bett hängt oben Raffaels Madonna

Sixtina und unten Giorgiones schlafende Venus. Von der Venus zur

Madonna -- das ist unsre Entwicklung. Aber die Madonna ist das Höchste.”

So glitt das bedeutsam gewordene Reigenspiel des Gespräches ganz von

selber harmonisch hinüber zum Hirtenmädchen von Lourdes und zur Madonna

der Wundergrotte.

Da vernahmen sie draußen einen fernen, vielstimmigen Gesang. Und

als Richard Fenster und Laden öffnete, hatten sie, in die Nacht

hinausschauend, einen großartigen Anblick.

Die Kirchengebäude, die sich dort im Schatten der nächtlichen Pyrenäen

erhoben, erglühten von oben bis unten in einem überwältigenden

Goldglanz. Den Rändern und den Portalen entlang waren elektrische

Lämpchen entzündet, und nun stand die schlanke obere Kirche flammend

mitten in der Nacht, und ebenso unter ihr das große rundliche Portal

der Rosenkranzkirche. Ein feenhafter Anblick! Als ob die Gottheit

einen Tempel gebaut hätte aus Funken und Flammen, statt aus Steinen.

Dazu wogte der Männergesang einer Prozession herüber, deren Kerzen

nun durch die Frühlingsnacht sichtbar wurden; und man unterschied den

immer wiederholten Kehrreim: „~Ave, ave, ave, Maria!~” Es war ein

vielstimmiger Gruß an die Himmelskönigin, dargebracht mit Licht und

Schall, aus den Seelen von einigen tausend Gebirgsbewohnern.

„Herrlich!” sprach Friedel ergriffen und legte den Arm um ihres Gatten

Schulter. „Man möchte fromm werden und mitsingen.”

Und die andere Hand Ingo reichend fügte sie weich hinzu: „Kinder, wir

wollen einander gut bleiben, nicht wahr?”

„Ungeheure Organisationskraft!” bemerkte der Major gleichmütig und

meinte damit die katholische Kirche.

„Hier ist den Sinnen die Macht des Geistes eingeprägt und

eingezwungen”, fügte Ingo hinzu, der Friedels Händedruck etwas

zerstreut erwiderte. „An diesem Schauspiel werden diese Gebirgsbauern

lange zehren.”

Zum Überfluß dröhnten noch irgendwo Böllerschüsse; das alte Schloß

stand in bengalischer Beleuchtung; und vom Gipfel des Pic du Jer glühte

ein großes Kreuz gleichfalls in elektrischen Flämmchen hernieder.

„Was wollt ihr?” sprach Ingo duldsam, als der sehr protestantische

Major einige unwillige Bemerkungen fallen ließ. „Die Könige aus dem

Morgenlande brachten dem Kind in der Krippe Weihrauch, Myrrhen und

Gold, die Engel ihre Lobgesänge, die Hirten ihre Anbetung -- und

diese Pyrenäenhirten Beleuchtungen, Gesänge und Prozessionen. Das

Leben bildet mannigfache Formen, auch das religiöse Leben. Doch mich

interessiert vor allem die kleine Hirtin Bernadette Soubirou, die

diesen Ort berühmt gemacht hat.”

So zogen sich die drei Freunde nach melodischem ersten Abend zur

Nachtruhe zurück.

* * * * *

_Lourdes_, im Frühling.

Immer ernster wird meine Stimmung nach den Schwärmereien der Provence.

Ich bin in diesem Augenblick noch unentschlossen, ob ich Ihnen, meine

Damen, bei Ihrem gänzlichen Stillschweigen diese weiteren Blätter

senden darf und will. Frau Eleonorens bewährter Takt mag darüber

entscheiden.

Mit Spannung bin ich hier in Lourdes auf das Postamt gelaufen; hoffte

bestimmt, ein Lebenszeichen, einen Gruß, einen Dank von Ihnen zu finden

-- fand aber nur eine Karte von Schaller: „Meine Nichten sind hier in

Barcelona -- wann kommen Sie?”

Und kein Gruß von Ihnen. Keine Unterschrift.

Das ist alles.

Das ist der ganze Widerhall. Meine Briefe haben nichts in Ihnen

geweckt.

Nun, hier in Lourdes ist nicht Zeit und Ort, einem Verdruß nachzugeben.

Ich bin sogar ungalant genug, Ihnen zu bekennen, daß hier zwei andre

Damen im Brennpunkt meiner Teilnahme stehen: die kleine Seherin

Bernadette Soubirou und die Madonna der Grotte ...

* * * * *

... Ich bin voll von diesem Abend in Lourdes. In mein Zimmer herauf

rauschen die Wasser der Gave -- die Nacht ist feierlich still --

einzelne Sterne leuchten -- und die großen grauen Pyrenäenberge

umstehen das Tal in festlicher Hoheit.

Bei beginnender Nacht betrat ich den Platz vor der Kirche. Welche

Raumbehandlung! Alles stumm, kaum ein Spaziergänger; die Lichter

zittern und funkeln, abgemessen verteilt; und von selbst finde ich den

Weg zur Grotte, nachdem ich erst vor dem gekrönten Jungfrauenbild auf

dem Platz haltgemacht.

Vor der Grotte sind eine Anzahl nächtlicher Beter versammelt. Alles

schweigt, kniet, betet. Neben mir liegt auf dem Pflaster ein Mönch,

fern von den andren, hinter den andren; zum Schluß neigt er sich und

küßt die Erde. Mehr als hundert Kerzen flammen in der Grotte, eine

Pyramide von Lichtern, zu dem Bild empor, das dort oben rechts in

weißem Gewand und blauem Gürtel steht, genau an der Stelle, wo die

Gestalt durch Bernadette gesehen worden.

Welche Künstlerin, dieses arme vierzehnjährige Hirtenmädchen! Eine

Dichterin! Wie kam das Kind dazu, eine Gestalt dieser Art zu schauen,

die ihr von keinem Altarbild her bekannt war? Denn die Jungfrau Maria

der Bernadette ist eine Neuschöpfung. Das ist das Wunderbare. Immer hat

sie jene Gestalt in derselben Gewandung gesehen und genau beschrieben:

weißes Gewand, Schleier rechts und links am Gesicht herab, blauer

Gürtel, dessen zwei Schleifen bis fast zu den Füßen reichen, und auf

jedem nackten Fuß eine goldne Rose. Welche Schönheit! Die Gestalt hält

den Rosenkranz in Händen, macht ihrer kleinen Besucherin das Zeichen

des Kreuzes in neuer und großzügiger Form -- wie Bernadette es vorher

nicht pflegte --, lächelt oder ist traurig-ernst, spricht zu ihr: --

kurz, sie hat Leben, Bewegung, Natürlichkeit. Es ist nichts Starres, es

ist etwas Lebendiges. Und die Kleine ist traurig, wenn sie ihr nicht

erscheint, ist aber bei ihrem Anblick so entzückt, daß sich ihr Gesicht

verklärt -- derart verklärt und verschönt, daß die eigene Mutter kaum

noch ihr Kind erkennt. Ja, während einer der Erscheinungszeiten hält

das Kind versehentlich lange Zeit, wohl eine Viertelstunde, die Hand in

die brennende Kerze -- und die Hand der Verzückten bleibt unversehrt.

Was soll man sagen? Hat sich hier die himmlische Welt aufgetan? Hat

diese Kleine durch eine Ritze in das jenseitige Reich geschaut?

Und mit welcher Kraft und Umsicht hat sich die Kirche dieser Ereignisse

bemächtigt! Einst war hier Wildnis, jetzt steht da oben, gewaltig,

im Sternendunkel der Nacht, die weiße, schlanke Kirche. All diese

klug durchdachten Anlagen, all diese Kaufläden mit den Tausenden

von Figuren, Bildwerken und Andenken, all diese Hotels, diese

Hunderttausende von Menschen, die schon hierher gepilgert sind und

noch hierher pilgern werden, all diese Gebete, diese Kerzen, diese

Gottesdienste: -- alles veranlaßt durch ein armes Hirtenmädchen!

Ist dieses jungfräuliche Kind vergleichbar der Jungfrau von Orleans?

Hat sie die Aufgabe erhalten, Frankreich und die Welt von einem andren

Feind zu erlösen -- von niedren Leidenschaften und Krankheiten des

Leibes und der Seele?

Hier ist der Punkt.

Diese Madonna nennt sich „unbefleckte Empfängnis”. Was heißt das? Es

heißt das Reinigen der Beziehungen zwischen Mann und Weib. Das muß die

Erklärung sein, nichts andres. Es heißt Reinheit und Natürlichkeit

an Stelle der Entartung; es heißt Heiligung der Natur statt der

unsauberen Lüstlings-Unnatur. Gerade Frankreich mit seiner erotischen

und Ehebruchsliteratur, seiner Verherrlichung sinnlicher Kunst und

sinnlich-eindringlichen Geschmacks überhaupt -- grade das sinnliche

Frankreich mußte der Ausgangspunkt sein, wo die Gegenkraft einzusetzen

versuchte, fern von Paris, im äußersten Winkel, in diesem Gebirgstal

mit dem rauschend reinen Wasser. Ein heiligender Quell entrieselte der

Stelle, wo Bernadette auf Befehl der Jungfrau mit den Fingern grub, und

wurde in wenigen Tagen ein starker Brunnen: eine symbolische Handlung!

Es ist das Wasser des Lebens, des wahren, durch reine Natürlichkeit

der menschlichen Beziehungen wieder geheiligten und geadelten

Lebens. Wasser! Überreiztheiten des Alkohols entstellen die moderne

Zivilisation und dieses Weinland Südfrankreich: hier aber fließt das

silberklare Bergwasser unentstellten Lebens, das nicht reizt, das aber

_heilt_.

Tiefsinnig! Unerklärliche Genialität eines Kindes! Einer reinen

Jungfrau! Immer in Sagen und Märchen, diesem Niederschlag uralter

Weisheit, ist es ja das Kind oder die Jungfrau, denen Erlösungskraft

aus den Banden der Unnatur innewohnt.

Warum entzückt mich so, dort an der Riviera und hier in Lourdes,

immer wieder das Jungfräuliche? Was such' ich darin an symbolischem

Lebensgehalt?

Sie weiß von Welt und Zivilisation nichts; sie weiß nicht einmal, was

das Wort „unbefleckte Empfängnis” -- mit dem sich die Madonna zuletzt

vorstellt (~je suis l'immaculée conception~) -- überhaupt heißt. Sie

soll's dem Pfarrer sagen als dem natürlichen geistigen Mittelpunkt

des Ortes; schnell aus der Grotte ins Pfarrhaus laufend, murmelt

sie's immerzu vor sich hin, um das Wort ja nicht zu vergessen! Welche

menschliche Züge!

Man geht hier im Frühling, wenn keine Pilgermassen Staub aufwühlen,

in andauernder Ergriffenheit einher. Es ist unmöglich, sich diesen

einströmenden, eindrängenden, wie Bergwasser in uns einrauschenden

Gedanken zu entziehen. Ich war heute abend nur eine halbe Stunde

draußen; die melodischen Kirchenglocken schlugen an, als ich

hinausging; sie schlugen wieder an, als ich den großen, höchst

bedeutend wirkenden Platz vor der Kirche verließ.

Und die Wasser rauschen die ganze Nacht ...

Ich habe noch nicht an der Quelle getrunken ...

... Gibt es eine jenseitige Welt?

Und wenn es eine solche Welt gibt: warum soll sie unter den Mitteln,

sich mit uns zu verbinden, nicht auch dieses benutzen?

Gibt es aber eine jenseitige Welt voll von Kräften und Lichtgestalten,

die das geistige Fluidum unserer Erde bilden, die unsre geistige

Lufthülle sind, aber ebenso den ganzen Kosmos durchdringen, in den wir

ja eingebettet sind: ist dann das Sprechen mit ihnen so unsinnig? Ist

Gebet Unsinn?

Leben unsre Verstorbenen? Oder sind sie tot für immer? Ist nur das

Sichtbare wirkliches Leben? Gibt es nicht viele andre Daseinsformen?

Kann man Augen und Organe ausbilden für die geistige Welt? Sind

unsre großen Dichter, Künstler, Religionsstifter die _Seher_ dieser

geistigen Welt und kündigen von diesem realen, den andren Sterblichen

unsichtbaren, nur geahnten unbekannten Lande?

Das ist die eiserne Frage ...

* * * * *

... „~Pénitence!~” ruft die Erscheinung von Lourdes. Buße! Dreimal

ruft sie es eindringlich und mit einem so tieftraurigen Gesicht, daß

der mitfühlenden, magnetisch auf sie eingestellten Kleinen die Tränen

kommen. „Was soll ich tun?” ruft das Mädchen. -- „Bete für die Sünder!”

Und viele Menschen will die Jungfrau dort sehen, will sie dort beten

sehen: sie will eine _Gegenkraft_ entwickelt wissen.

Weiß und Blau sind darum die reinen Farben dieser Madonna. Und auf den

Füßen blühen goldene Rosen.

Indem man zu den Füßen dieser Himmelsfrau von diesem Wasser trinkt und

sich die Augen wascht, drückt man den Wunsch aus, mit dem Lebensstrom,

der von dieser Erscheinung ausging, in Verbindung zu treten. Es ist

nicht das Wasser als solches, das hilft: es ist der in uns selber

erwachende heilkräftige Wunsch, jener himmlischen Reinheit und

Gesundheit teilhaftig zu werden. Wunsch in uns und Wasser außer uns

wirken zusammen. Das Ich muß lebendig mitwirken, wenn Reinheit und

Schönheit zum Ich kommen sollen.

Die Best-Geheilten sind jene, die mit reinerem Herzen diese Stätte

verlassen ...

Schwer freilich, an Wunderheilung zu glauben! Schwer -- -- weil so

_einfach_? ...

Doch ich will nicht von den wirklichen oder angeblichen Heilungen

sprechen, die hier geschehen mögen. Was etwa sich ereignen mag an

Wahn oder gar an frommem Betrug, wenn im Hochsommer der stille Ort

fast erstickt unter den Zehntausenden von Pilgern, das ist eine Sache

für sich. Darüber mögen andre streiten. Mich fesselt dieses kleine

Menschenkind ...

In einer schimmernden Wolke pflegte ihr die Gestalt zu erscheinen, die

von sonst niemandem erblickt wurde; es war also ein Lichteindruck; und

eine schimmernde Wolke blieb noch ein Weilchen zurück, wenn die Gestalt

entschwunden war. Sie kam aus dem Licht, sie war Licht. Es mag wohl

eine elektromagnetische Verbindung zwischen Seherin und Erscheinung

bestanden haben. Reines Herz nebst reinem magnetischen Organismus --

das hat wohl in diesem besonders veranlagten Kinde anziehend auf die

jenseitige Welt gewirkt. Alles Schöne ist dem Licht verwandt und wird

am schönsten symbolisiert durch das Licht. Gemeine Sterbliche würden

geblendet werden durch des Lichtes Fülle.

Marias Lieblingsblume, neben der Rose der Liebe, ist die Lilie der

Reinheit und des Glaubens. Die Lilie wächst hoch und weiß über das

gewöhnliche Blumenmaß hinaus. Die Form ihrer Blüte ist ein Kelch, ein

weißer Kelch: geschaffen, um Licht und Tau einzunehmen, die himmlischen

Gaben. Ein Gralskelch! Die jungfräuliche Blume hält den Kelch empor und

füllt sich mit Licht von oben.

Gibt es doch noch etwas Höheres als die willensstarke Persönlichkeit?

Vielleicht -- Gefäß zu sein? Rein, still, empfangend von oben,

weitergebend nach unten? Wie die Lilie?

Ist das lilienhaft Jungfräuliche in solchem Sinne höher und himmlischer

als das Nur-Männliche? Erlöst uns Männer immer wieder die Jungfrau? ...

Und wie schwer war Bernadettes äußeres Leben! Sehr arm, sehr einfach,

doch gut erzogen, etwas zart als Kind, erlebte sie dann die Fülle ihres

Glückes binnen wenigen Monaten in jenen genialen Visionen. Dann aber,

als ihr Werk gesichert war und eingeweiht wurde, lag sie krank und

konnte an den Festen nicht teilnehmen. Als Klosterschwester starb sie

fern in Nevers, hat ihr mächtig anwachsendes Werk nie mehr gesehen. Muß

wohl sterben, wer die Götter geschaut hat?

Ihr Werk lebte, sie selber ging dahin.

Groß! ...

_Ingo_.

_Nachschrift._ Groß! Ja, mein Ingo, das ist groß. So haben wir

zwei es uns einst geschworen, einer edlen und großen Lebens- und

Kunstanschauung unser Dasein zu widmen. Und diese Blätter lassen mich

wieder an Dich glauben, mein Freund und Bruder! Aber willst Du diese

ernsten Gedanken wirklich an jenes unbedeutende Mädchen senden? Will

der Gralsucher wieder zum tändelnden Spielmann werden? Lieber, merkst

Du denn nicht, daß Du über den Eindrücken hier in Lourdes sowohl

sie als auch mich vergessen hast? Denk' an das Gespräch über die

Titanic: suchst Du des Lebens Sinn und Geheimnis, indem Du irgendeine

Braut suchst? Lieber Troubadour, unter Tränen will ich beten, daß Du

ausziehen mögest wie Saul, der Sohn des Kis: er suchte eine -- Eselin

und fand ein Königreich. Ich werde diese Blätter zu den unabgesandten

Briefen legen und Dir heute alles übergeben. Hier in Lourdes soll es

sich zwischen uns entscheiden. Ich bin krank; die Aufgabe, die ich an

Dir hatte, geht zu Ende. Bald bist Du auf törichter Brautschau -- und

ich eine Kranke unter Kranken.

Ach süßer Freund, die Sorge um Dich ist meine Krankheit!

_Friederike._

* * * * *

Krankheit und Verdüstrung der Frau von Trotzendorff rollten wieder wie

Wolken über jenes kurze Aufflammen der alten Gesundheit.

Sie stand in seelischen Kämpfen, von denen ihre Mitreisenden nichts

oder wenig ahnten. Oft saß sie allein an der Grotte und setzte sich mit

der Tatsache auseinander, daß sie den Freund verloren habe, daß Anmut

und Jugend ihn anziehe, daß sie selber unrettbar zu altern beginne.

Und das Gesicht der leidenden Künstlerin wurde bleich und verfallen.

Aber sie hatte ein meisterhaftes Talent, dergleichen nach außen hin zu

verbergen; unter dem Schein leichter Magenverstimmung, verursacht durch

die ölige südfranzösische Kost, wußte sie ihren Seelenkampf scherzend

ins Harmlose zu deuten.

Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart · 第 4 / 17 段