2. Der Luftschiffer soll sich in horizontaler Lage befinden.

3. Eine schmale Tragflaeche, die eine umgekehrte Neigung hat als die

Haupttrageflaechen, ist zur Steuerung erforderlich.

4. Die Steuerung muss bewirkt werden koennen, ohne dass der Pilot seine

Stellung veraendert, und endlich

5. die seitliche Stabilitaet wird weit besser durch Verwinden der

Trageflaechen gewaehrleistet, als durch Koerperbewegungen.

Im Jahre 1901 vergroesserten die Wrights ihre Maschine auf 35

Quadratmeter und gaben den Trageflaechen eine Woelbung von 1:12. Somit

waren sie, was Groesse der Trageflaechen und ihre Woelbung anbelangt, auf

dieselben Groessen gekommen, wie sie von Lilienthal anfaenglich

konstruiert waren. Dieser hatte zwar eine geringere Woelbung 1:15 bzw.

1:18 zuletzt angewendet, aber er hatte festgestellt, dass die groesste

Hubkraft bei einer Kruemmungsflache von 1:12 vorhanden war, jedoch

gleichzeitig auch erfahren, dass das Gleichgewicht hierbei schwerer zu

halten war. Am 27. Juli begannen im Beisein Chanutes die neuen Versuche,

die bald zu einer Verringerung der Kruemmung fuehrten. Nach kurzer Zeit

schon gelang es ihnen wieder die alte Praxis zu erwerben und 100 Meter

weit zu gleiten; nach mehreren Tagen bereits konnten sie schon in einem

kraeftigeren Winde von 25 bis zu 45 km Geschwindigkeit durch die Luft

segeln. Die Erfolge bewirkten, dass die Wrights, die urspruenglich das

Fliegen nur als Sport betrachteten, nunmehr wissenschaftlich die

einschlaegigen Fragen zu loesen versuchten. Sie bauten sich mehrere

Modellmaschinen fuer Winddruckmessungen und machten eine grosse Reihe von

Versuchen mit den verschiedensten Oberflaechen, die unter einem Winkel

von 0-45 deg. in Intervallen von 2-1/2 Grad eingestellt waren.

So theoretisch wohl vorbereitet nahmen sie im August 1902 auf dem alten

Felde bei Kitty Hawk ihre Versuche wieder auf. Im Jahre 1900 hatte die

Breite ihres Fliegers 5,64 Meter betragen, die Tiefe 1,52 Meter, die

gesamte Oberflaeche mit Steuer 15,6 Quadratmeter und das Gewicht 21,8

Kilogramm. 1901 wurden die Groessenverhaeltnisse auf folgende Zahlen

gebracht: Breite 6,7 Meter, Tiefe 2,13 Meter, Oberflaeche 21,0

Quadratmeter, Gewicht 45,5 Kilogramm; 1902 auf 9,75 Meter, 1,52 Meter,

28,4 Quadratmeter und 53,0 Kilogramm.

Der Abstand der in Etagen angeordneten Haupttrageflaechen betrug etwa

1,40 Meter. Das vertikale Horizontalsteuer wurde verdoppelt und mit

seiner 1,3 Quadratmeter grossen Flaeche wie ein zweiteiliger Schwanz an

der hinteren Seite angebracht. Das Gestell, bestand aus Fichtenholz, das

mit Stahldraehten in Brueckenkonstruktion zusammengehalten wurde. Das

Verspannen der Draehte war auf geniale Weise durchgefuehrt in der Weise,

dass man beliebig spaeter die Draehte anziehen oder loesen konnte. Als

Material war Klaviersaitendraht benutzt worden. Die Bespannung der

Flaechen war mit Ballonstoff erfolgt, der eine geringe oder fast gar

keine Durchlaessigkeit fuer die Luft besitzt. Die erste Konstruktion aus

durchlaessigem Stoff hatte sich als ungeeignet erwiesen.

[Illustration: *Wrights Gleitflieger 10. Oktober 1902*

Der Start erfolgt mit Hilfe zweier Personen, die mit dem Flieger

gegen den Wind einen Sandhuegel hinab laufen. Der Lenker befindet

sich hierbei in wagerechter Lage.]

Wieder wurden die Versuche zunaechst an einer Fesselleine ohne Bemannung

begonnen, und erst, als die Stabilitaet der neuen Maschinen unzweifelhaft

feststand, begannen die Brueder mit den Gleitversuohen. Beide erlangten

alsbald eine ausserordentliche grosse Uebung und lernten vor allen

Dingen den Einfluss des mit wechselnder Richtung und Kraft blasenden

Windes kennen. Natuerlich blieben den beiden auch Unfaelle nicht erspart,

und gelegentlich erlitt auch ihre Maschine einige Havarien. Doch im

allgemeinen sind diese Zwischenfaelle nur gering zu nennen gegen die

grosse Anzahl der Fluege. Insbesondere ist es bemerkenswert, dass die

Landungen normalerweise immer sehr sanft vor sich gingen. Der

Flugmaschine hat man bekanntlich gerade vorgeworfen, dass die Landungen

meist mit sehr heftigem Stosse von statten gehen muessten, weil die Hilfe

des Gasauftriebes fehle. Der Vergleich, den man hierbei mit der Landung

eines Freiballons gezogen hat, hat sich als genau so unzutreffend

erwiesen, wie bei den Landungen mit schweren Motorballons, deren

Niedergehen auf die Erde man sich ohne heftigen Stoss gar nicht

vorstellen konnte. Vorzueglich bewaehrte sich gerade bei den Landungen das

vordere Hoehensteuer, das, im letzten Moment etwas gehoben, die Landung

besonders sanft gestaltete.

[Illustration: *Wilbur Wright*

in wagerechter Lage in seinem Gleitflieger von unten gesehen (1902)]

Die Gleitversuche gelangen schliesslich in diesem Jahre auch bei

Windgeschwindigkeiten bis zu 16,7 Metern in der Sekunde. Die Flugdauer

betrug im allgemeinen bis zu 15 Sekunden, doch wurde sie schliesslich

schon bis zu 26 Sekunden gesteigert. Im ganzen wurden im Jahre 1902 etwa

1000 Fluege unternommen, deren laengster bei einer Flugdauer von 26

Sekunden eine Strecke von 622,5 Metern betrug.

[Illustration: *Die Maschine mit der Startvorrichtung, von oben gesehen*

Rechts der Turm mit dem auf der Erde liegenden Fallgewicht, vom Turm

aus fuehrt die Leine zur Startschiene]

Nunmehr fassten die Brueder den Plan, einen Motor in ihre Maschine

einzubauen; sie nahmen deswegen zunaechst eingehende Messungen vor ueber

die Hubkraft ihres Apparates und stellten fest, welche Motorkraft zum

Heben ihrer Maschinen bei den verschiedenen Windgeschwindigkeiten

erforderlich war. Das Gewicht der Maschine von 1902 betrug 53,0

Kilogramm, dazu kamen die Gewichte der beiden Piloten: Wilbur Wright

61,4 Kilogramm und Orville Wright 65,2 Kilogramm, so dass also im ganzen

entweder 114,4 Kilogramm oder 118,2 Kilogramm zu heben waren. Es stellte

sich heraus, dass bei 25 km Windgeschwindigkeit die Hubkraft etwa 1-1/2

PS betrug, bei 40 km Geschwindigkeit 2 PS. Die Landung ging meist in

einem Winkel vor sich, der zwischen 6 Grad 10 Min. und 7 Grad 20 Min.

schwankte. Durch diesen geringen Winkel wurde die Landung ebenfalls sehr

erleichtert. Anfangs des Jahres 1903 wurden diese Versuche noch weiter

fortgesetzt, und gelegentlich, bei starkem Winde vermochte Wilbur

Wright 72 Sekunden in der Luft zu bleiben, wobei er durch den Wind

zeitweise ueber derselben Stelle am Boden in der Luft gehalten oder

zurueckgetrieben wurde. Die zurueckgelegte Strecke betrug bei diesem

Rekordflug nicht mehr als 30 Meter. Der geplante Motorflieger war fuer

ein Gewicht von 300 kg berechnet und sollte 8 PS besitzen. Die Schrauben

waren sehr einfach konstruiert und den in der Schiffahrt angewandten

nachgeahmt. Bei den Motorproben veraenderten sie jedoch die Form ihrer

Schrauben und gelangten zu der Form, die noch heute ihre Maschine

besitzt. Der Nutzeffekt betrug urspruenglich 66 Proz., demnach ein

Drittel mehr als bei den Schrauben, welche die Flugtechniker Maxim und

Langley angewandt hatten; heute soll er ueber 70 Proz. betragen. Ende

1903 begannen sodann die Flugversuche mit dem Motorflieger.

[Illustration: *Vorbereitungen zum Start*

Mehrere Personen ziehen an Seilen das Fallgewicht in die Hoehe. Das

aus eisernen Ringen bestehende Gewicht befindet sich in dem Turm

gerade in Mannshoehe. Deutlich ist die Verbindung des Seiles, das vom

Gewicht die Erde entlang zum Flieger fuehrt, zu sehen]

Der Motorflieger der Wrights.

Bei der Arbeit hatte die Flugmaschine verschiedene Veraenderungen

erfahren. Der Motor erhielt 16 PS und wog, Vergaser und Schwungrad

eingeschlossen, 62,7 Kilogramm. Es wurden zwei Propeller unmittelbar

hinter den Haupttrageflaechen angebracht, die sich in verschieden

gerichtetem Sinne mit 1200 Touren in der Minute drehten. Der Motor,

Viertakt-Benzinmotor mit 4 Zylindern, war in der Fabrik der Wrights

gebaut. In einer Stunde wurden 4,5 Kilogramm Benzin verbraucht.

Die Trageflaechen hatten eine Breite von 12,25 Metern, eine Tiefe von

6,12 Metern und eine Oberflaeche von 48 Quadratmetern. Am 17. Dezember

1903 wurden an einem kalten und windigen Tage zu Kill Devil bei Kitty

Hawk in Gegenwart von nur 5 Personen die ersten Flugversuche mit dem

Motorflieger unternommen. _Dieser Tag ist demnach als Geburtstag der

ersten freifliegenden mit eigener Kraft vorwaerts getriebenen

Flugmaschine anzusehen_. Allerdings hatte bereits im Jahre 1898 der

schon erwaehnte Flugtechniker Herring am Michigansee einen 9 Sekunden

langen Flug mit einem Flieger ausgefuehrt, aber die Wiederholung gelang

nicht; es war eben nur ein Sprung unter guenstigen Verhaeltnissen gewesen.

[Illustration: *Der Flieger beim Start am Ende seiner Ablaufschiene*

Von einem Militaerballon bei Rom aufgenommen. In der Mitte des Bildes

steht ein Offizier, rechts sitzen einige Soldaten]

Der Anflug erfolgte von einem 60 m hohen Huegel, die

Windgeschwindigkeit, die mit einem Anemometer gemessen wurde, betrug

9,72 m in der Sekunde zur selben Zeit, als der Windmesser der

meteorologischen Station zu Kitty Hawk etwa 12 m in der Sekunde

registrierte. Die Anfahrt wurde genau gegen den Wind gerichtet. Der auf

Schlittenkufen montierte Apparat glitt mittels eines nur 20 cm hohen

Rades auf einer Holzschiene zunaechst etwa 10,25 m vorwaerts und erhob

sich bei Einstellung des Steuers in schraeger Richtung bis zu einer Hoehe

von etwa 3 Metern, in welcher er in gerader Linie weiterflog. Der erste

Flug dauerte 12 Sekunden. Dies ist zwar eine bescheidene Leistung, war

jedoch von allerhoechster Bedeutung, da nunmehr die Konstrukteure sicher

waren, dass ihr Flieger mit Motor genau so stabil in der Luft war, wie

frueher ihr Gleitflieger. Ein zweiter und dritter Versuch dauerte schon

etwas laenger, und endlich bei dem vierten Versuch wurde eine Strecke von

260 Metern in 59 Sekunden zurueckgelegt. Die letzte Landung ging nur

deshalb so frueh vor sich, weil der Fuehrer das Steuer eine Kleinigkeit zu

stark gedreht hatte. Die Maschine folgte sofort diesem leisen Druck und

kam zum Boden herab, ehe der Pilot das Steuer wieder umzustellen

vermochte. Die Geschwindigkeit ueber dem Erdboden betrug 14,47 Meter in

der Sekunde, in der Luft bis zu 15,65 Meter.

[Illustration: *Der Drachenflieger 6 m ueber dem Felde*

von vorn seitwaerts gesehen. Aufnahme aus einem Militaerballon bei

Rom. Im Hintergrunde sieht man aus der Vogelperspektive Fussgaenger,

Reiter und Fahrzeuge an der sich hell abhebenden Strasse]

Als jedoch nach der Landung Wrights mit ihren Gaesten die Resultate

dieses bedeutsamen Tages besprachen, achteten sie in begreiflicher

Erregung nicht genuegend auf ihre Maschine. Ein ploetzlicher Windstoss hob

den Apparat empor, und obgleich einer der Zuschauer, ein Mann von

herkulischer Gestalt, hinzusprang und ihn noch an den Trageflaechen zu

halten versuchte, wurde er umgerissen, der Flieger vom Winde

emporgehoben und mit solcher Gewalt auf die Erde geworfen, dass er

schwere Beschaedigungen erlitt. [Footnote: The Wright Brother's Aeroplane

of Orville und Wilbur Wright,--The Century Magazine, September 1908.]

[Illustration: *Die erste Flugschule der Welt*

Wilbur Wright erklaert seinen Schuelern Tissandier, Kapitaen Lucas

Gerardville und Graf Lambert die Flugmaschine. Orville Wright steht

neben seinem Bruder. Rechts ist deutlich die gekreuzte Kette

sichtbar, welche die Bewegung vom Motor auf die linke Schraube

uebertraegt.]

Hierdurch erfuhren die Versuche eine Unterbrechung, und da gleichzeitig

der Winter zu weit vorgeschritten war, begaben sich die Brueder mit den

Resten ihrer Maschine in ihre Heimat zurueck. Hier machten sie sich

sofort an die Wiederherstellung bzw. an den Neubau ihres Fliegers. Als

wesentliche Aenderung ist hierbei der Einbau eines Motors von 25 PS zu

bemerken. Nunmehr wurden die Versuche auf der Huffmann-Praerie bei

Simms-Station, 17 Kilometer oestlich von Dayton in Ohio, fortgesetzt.

Bankdirektor Huffmann, der Besitzer dieses Landes, stellte den Bruedern

ein geeignetes Terrain zur Verfuegung. Die Versuche begannen im August

1904. Die Fortschritte waren anfangs nur gering, weil das schlechte

Wetter und heftige Regenguesse die Experimente sehr stoerten. Ausserdem

machte ihnen die Erhaltung des Gleichgewichtes noch viele

Schwierigkeiten; sie sahen ein, dass sie von der Loesung dieser wichtigen

Frage noch weit entfernt waren. Wir sehen sie deshalb fleissig weiter

ueben bis zu Ende des Jahres. Nur im Juli werden die Fluege zeitweise

ausgesetzt. Am 15. September bereits konnten sie 800 Meter mit einer

Kurve zuruecklegen, und am 26. September wird ein vollkommener Kreisflug

zustande gebracht, bei dem nach den Messungen eines Richardschen

Anemometers 1630 Meter in der Luft und 1400 Meter ueber dem Boden

zurueckgelegt wurden. Die Angaben des Windmessers hatten bei ruhiger Luft

stets mit der gemessenen Distanz uebereingestimmt. Die laengsten Fluege

fanden am 9. November und am 1. Dezember statt. An diesem Tage wurden

4-1/2 Kilometer mit einer Geschwindigkeit von 51 Kilometer in der Stunde

zurueckgelegt. Am 9. November war der mit einem Passagier bemannte

Flieger noch mit fuenfzig Pfund, am 1. Dezember sogar mit 70 Pfund

Eisenstangen belastet worden. Die Geschwindigkeit betrug 60 Kilometer in

der Luft und 75 Kilometer ueber dem Boden. Am 9. November erreichte die

Flugdauer 5 Minuten 4 Sekunden, am 1. Dezember 4 Minuten 52 Sekunden. Im

ganzen wurden im Jahre 1904 105 Landungen ausgefuehrt. Im Fruehjahr 1905,

bei Beginn der besseren Jahreszeit, wurden die Versuche fortgesetzt,

aber erst am 6. September gelang es, durch Zuruecklegung von 4,5

Kilometer den Rekord des Vorjahres zu schlagen. Am 26. September legten

sie eine Strecke von 17,961 Kilometern--10 englische Meilen--in 18

Minuten 9 Sekunden zurueck. Das Benzinreservoir reichte damals fuer 20

Minuten, jedoch gingen immer einige Minuten bei dem Ingangsetzen des

Motors verloren. Am 29. September wurden sogar 19,57 Kilometer in 19

Minuten und 55 Sekunden durchmessen.

[Illustration: *Wilbur Wright macht eine Fahrt mit Frau Hart O'Berg*

deren Kleider unten durch eine Schnur zusammengehalten werden.]

[Illustration: *Hoelzerne Startschiene*

im Hintergrunde der Turm mit dem Fallgewicht]

Bei allen diesen Versuchen fuehrten die Wrights schon Wendungen aus, bei

denen sie haeufig ueber den Koepfen der Zuschauer mehrfach hin und her

flogen und fast immer zu ihrem Landungsort zurueckkehrten. Schnell

steigerte sich nun die Flugdauer, nachdem die Erfinder ein groesseres

Benzinreservoir eingefuegt hatten. Am 3. Oktober betrug die zurueckgelegte

Strecke bereits 24,5 Kilometer, die in 25 Minuten und 5 Sekunden

durchflogen wurden, am 4. Oktober 33,45 Kilometer in 33 Minuten und 17

Sekunden, und am 5. Oktober deckten die Piloten eine Strecke von 38,956

Kilometern in 38 Minuten und 3 Sekunden. Dies war der Rekord, den sie in

der Naehe von Dayton erreichten.

Natuerlicherweise erlitten sie auch mehrfach Pannen. Gelegentlich

erhitzte sich ein Lager oder der Motor wurde warm, das Oel ging

vorzeitig aus und was der Kinderkrankheiten noch mehr sind. In der Folge

wohnten viele Einwohner von Dayton ihren Fluegen bei, aber man sprach

sich in den Zeitungen sehr wenig anerkennend darueber aus. Es wurde ueber

die kurze Dauer der Fluege gespottet, was darin seinen Grund hatte, dass

man von den langen Fluegen der europaeischen Lenkballons gelesen hatte und

einen Unterschied zwischen dem Flug eines aerostatischen und eines

aerodynamischen Luftschiffes nicht zu machen vermochte. Die Leute

hielten beides fuer dasselbe und wuerdigten deshalb die hervorragenden

Leistungen ihrer Landsleute absolut nicht. In den absprechenden

Zeitungsnachrichten liegt auch der Grund, dass man in Europa den Angaben

der Wrights keinen Glauben schenkte. Man versteifte sich darauf, wenn

wirklich die beiden Brueder solche langen Fluege ausgefuehrt haetten, so

wuerden die Amerikaner in weit hoeherem Masse Reklame fuer sie gemacht

haben. Man wuerde ihnen im Handumdrehen genuegend Geld zur praktischen

Verwertung ihrer Maschine gegeben haben.

Das Ringen der Wrights um Anerkennung.

Sobald die Nachricht von den Erfolgen des Jahres 1905 nach Europa

gelangt war, nahm sich der ruehmlichst bekannte franzoesische

Flugtechniker Artilleriehauptmann Ferber des Gegenstandes an und schrieb

zunaechst an den ihm persoenlich bekannten Chanute in Chicago, der ihm die

Angaben der Wrights bestaetigte. Im Oktober 1905 richteten alsdann die

beiden Wrights einen Brief an Ferber, der folgenden Wortlaut hatte:

Dayton, 9. Oktober 1905.

Geehrter Herr!

Als wir Ihren letzten Brief erhielten, fassten wir gerade die

Ergebnisse unserer Versuche zusammen und glaubten, auf Ihre Frage

ueber den praktischen Wert unseres Fliegers bald antworten zu koennen.

Wir haben laenger mit der Antwort warten muessen, als wir dachten. Wir

wollten erst laengere Fluege, als die in der letzten Saison abwarten,

die nur fuenf Minuten dauerten; heute koennen wir kuehn behaupten, dass

unser Flieger fuer kuenftige praktische Verwendung geeignet ist.

Unsere Versuche im vergangenen Monat haben uns gezeigt, dass wir

jetzt Maschinen bauen koennen, die wirklich fuer verschiedene Zwecke,

militaerische usw., brauchbar sind. Am 3. Oktober haben wir einen

Flug von 24,535 Kilometer in 25 Minuten 5 Sekunden gemacht. Dieser

Flug wurde dadurch beendet, dass sich ein Lager aus Mangel an Oel

heisslief. Am 4. Oktober haben wir eine Entfernung von 33,456

Kilometern in 33 Minuten 17 Sekunden erreicht. Wieder lief die

Transmission warm, aber wir konnten zum Abflugsplatz zurueckkehren,

ohne landen zu muessen. Am 5. Oktober dauerte unser Flug 38 Minuten 3

Sekunden und bedeckte eine Distanz von 39 Kilometern. Die Landung

wurde durch Benzinmangel erzwungen. Ein Oeler hatte der Ursache

abgeholfen, welche die frueheren Fluege verkuerzt hatte. Die Zuschauer

dieser Fluege begeisterten sich so, dass sie ihre Zunge nicht mehr

hueten konnten. Da unsere Versuche bekannt zu werden anfingen,

entschlossen wir uns, sie einzustellen, bis wir einen einsameren

Platz gefunden haetten.

Wir haben die letzten Jahre vollstaendig damit verbracht, unsern

Flieger zu vollenden, und wir haben wenig darueber nachgedacht, was

wir damit machen wuerden, wenn er fertig waere. Aber unsere jetzige

Absicht ist, ihn zuerst den Regierungen zu Kriegszwecken anzubieten,

und wenn Sie glauben, dass Ihre Regierung dafuer interessiert werden

koennte, so wuerden wir gern deshalb mit ihr in Verbindung treten.

Wir sind bereit, Maschinen nach Vertrag zu liefern, abnehmbar erst

nach einem Versuch ueber 40 Kilometer, wobei die Maschine einen

Lenker und einen Benzinvorrat fuer mehr als 100 Kilometer tragen

soll. Wir koennten auch einen Kontrakt machen, in dem die Strecke des

Versuchsfluges groesser als 40 Kilometer ist, aber dann waere der

Preis der Maschine hoeher.

Wir koennten diese Maschinen auch fuer mehr als eine Person Belastung

bauen.

Ergebenst

(gez.) W. und O. Wright.

Um sich von der Richtigkeit dieser Angaben zu ueberzeugen, richtete

Hauptmann Ferber an den ihm persoenlich bekannten Ingenieur Chanute ein

Schreiben, in dem er ihn bat, ihm ueber die Leistungen der Wrights

Auskunft zu geben. Er erhielt darauf folgenden Bescheid:

Chicago, 9. November 1905.

Lieber Hauptmann Ferber!

Soeben habe ich Ihren Brief vom 26. Oktober erhalten. Meiner Meinung

nach koennen Sie in die Angaben, die Ihnen die Brueder Wright ueber

ihre Versuche gemacht haben, vollstes Vertrauen setzen. Ich selbst

hatte nur Gelegenheit, einem kleinen Fluge ueber einen halben

Kilometer beizuwohnen, dagegen haben mir die Brueder woechentlich

Nachricht ueber ihre Versuche zukommen lassen, und Freunde, die

selbst Zeugen der Experimente waren, haben mir diese Angaben

bestaetigt, als ich, um einem geplanten Fluge von 60 Kilometer in der

Stunde beizuwohnen, vorige Woche in Dayton war. Leider konnte

dieser Flug infolge zu grossen Sturmes nicht stattfinden. Die

Wrights haben sich Frankreich, das die Fortschritte auf dem Gebiete

der Lenkballons seit dem Jahre 1885 geheimgehalten hat, zum Beispiel

genommen. Auf ihre Bitte haben die Zeitungen in Dayton ueber die

Versuche Schweigen bewahrt. Es ist wohl eine Indiskretion begangen

worden. Es wurde ein

Artikel veroeffentlicht, der aber bereits zurueckgezogen ist. Die

Wrights wollten Ihnen uebrigens am 4. November selbst schreiben.

Mit vorzueglicher Hochachtung

C. Chanute.

Am 4. November war inzwischen auch von den Wrights selbst nachfolgendes

Schreiben an Hauptmann Ferber eingetroffen:

Dayton, 4. November 1905.

Geehrter Herr!

Wir haben Ihren Brief vom 20. Oktober erhalten und machen Ihnen

unser Kompliment. Niemand in der Welt kann mehr als wir Ihre

Leistung anerkennen. Es ist aber ein grosser Sprung vom Aeroplan

ohne Motor, mit seiner leichten Kontrolle, zur Entdeckung

ausreichender und wirksamer Methoden, um Herr des so ungelehrigen

Aeroplans mit Motor zu werden. Nach den Experimenten so faehiger

Leute wie Langley, Maxim und Ader, die Millionen ausgegeben und

Jahre ohne Resultat daran gewandt haben, haetten wir es nicht fuer

moeglich gehalten, vor fuenf oder zehn Jahren eingeholt zu werden.

Frankreich ist eben guenstig gestellt. Aber wir glauben nicht, dass

das den Wert unserer Erfindung vermindern koennte. Denn, wenn es

bekannt wird, dass man in Frankreich Experimente mit Motorfliegern

gemacht hat, werden die anderen Nationen gezwungen sein, Zuflucht zu

unserm Wissen und unserer Praxis zu nehmen. Russland und Oesterreich

von Unruhen heimgesucht, ein Weltbrand kann jeden Augenblick

ausbrechen. Keine Regierung wird mit einer Flugmaschine im

Hintertreffen stehen wollen. Um ein Jahr frueher als die andern

fertig zu sein, wird man den Betrag, den wir fuer unsere Erfindung

fordern, gering finden.

Obwohl Sie in Frankreich voran sein moegen, werden Sie wuenschen,

unsere Erfindung zu kaufen, zum Teil, um die Kosten eigener Versuche

zu vermeiden, zum Teil, um sich ueber den Stand unserer Kunst bei den

Nationen zu unterrichten, die dabei sind, uns die Geheimnisse

unserer Maschine abzukaufen.

Aus diesen Gruenden wuerden wir darein willigen, unsern Preis fuer die

franzoesische Regierung auf eine Million Francs herabzusetzen,

zahlbar, nachdem der Wert unserer Erfindung in Gegenwart offizieller

Persoenlichkeiten durch einen Flug von 50 Kilometer in weniger als

einer Stunde festgestellt ist. Der Preis schliesst eine vollstaendige

Maschine ein, Instruktion ueber die Grundlagen unserer Kunst, Formeln

fuer den Bau unserer Maschine, Schnelligkeit, Oberflaeche usw.,

Instruktion von Personal fuer den Gebrauch der Maschine. Diese

Instruktion wuerde natuerlich in der gewuenschten Form gegeben werden.

Ihre ergebenen

(gez.) W. und O. Wright.

Hauptmann Ferber antwortete den beiden Bruedern, dass es unmoeglich waere,

auch nur die geringste Unterstuetzung von der franzoesischen Regierung zu

erhalten, wenn nicht zuvor eine aus franzoesischen und amerikanischen

Gelehrten bestehende Kommission die Maschine geprueft haette. Die Wrights

wollten aber das Geheimnis ihrer Erfindung sicher gewahrt wissen, und

hatten anderseits eine heilige Scheu vor dem Gutachten der am gruenen

Tisch arbeitenden Gelehrten, die ja schon haeufiger ein grosser Hemmschuh

fuer die Entwickelung der Luftschiffahrt gewesen waren; sie erklaerten

deshalb, von ihren Bedingungen nicht abgehen zu koennen. Eine ganze Reihe

von Veroeffentlichungen finden in der Folge noch statt, und selbst der

Aeroklub von Amerika, der eine Reihe Zeugnisse angesehener Mitbuerger von

Wright veroeffentlicht, vermochte niemand von der Wahrheit der Angaben

ueber die geheimnisvollen Flieger zu ueberzeugen, und ueberall belegte man

in Europa die Wrights mit dem wenig schoenen Ausdruck "die luegenden

Brueder". Verfasser, der die flugtechnischen Arbeiten seit langen Jahren

aufs genaueste verfolgt hatte, beschloss der Bedeutung der Sache wegen

keine Aufwendungen zu scheuen und selbst an Ort und Stelle in Dayton in

Ohio Nachforschungen anzustellen. Er reiste deshalb im Oktober 1907 dahin

und besuchte dort am 4. Oktober den alten Bischof Wright. Ausserdem

wurden eine Anzahl der angesehensten Buerger der Stadt Dayton, die etwa

85000 Einwohner zaehlt, eingehend befragt. Ein dem "Berliner

Lokalanzeiger" zur Verfuegung gestellter Bericht hierueber sei im folgenden

unter Weglassung der hier schon angegebenen Konstruktionseinzelheiten

wiedergegeben.

[Illustration: *Messen der Windgeschwindigkeit*

Wilbur Wright misst mit einem kleinen Anemometer--Windmesser, der

durch die sich im Winde drehenden Fluegel angibt, wieviel Meter in

der Sekunde die Luft vorwaertsstroemt--die Geschwindigkeit des Windes]

[Illustration: *Flieger-Werkstaette*

im Hangar bei Pau. Eine gewoelbte Trageflaeche ist rechts in ihrer

ganzen Ausdehnung zu sehen.]

Lokalanzeiger Nr. 588 vom 18. November 1907.

Die Flugmaschine der Gebrueder Wright.

Dayton (Ohio), Ende Oktober.

"'Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein

Charakterbild in der Geschichte', so kann man auch von dem

Drachenflieger der Gebrueder Wright sagen! Dass die beiden eine

Flugmaschine gebaut haben, weiss jeder Fachmann; auch glaubt man es

meist, dass sie mit dieser frei in der Luft geflogen sind; dass sie

aber laengere Strecken mit grosser Geschwindigkeit zurueckgelegt haben

und dabei wieder an die Abfahrtsstelle zurueckgekehrt sind, das wird

heute noch von den meisten Luftschiffern bestritten! Um die Sache zu

klaeren, habe ich hier an Ort und Stelle bei zehn Augenzeugen

eingehende Nachforschungen angestellt, auf Grund deren ich zu der

Ueberzeugung gelangt bin, dass alle Angaben ueber diese Flugmaschine

auf voller Wahrheit beruhen."

Es folgen nun einige Angaben ueber die ersten Versuche, alsdann faehrt

der Artikel wie folgt fort:

"Grosses Aufsehen erregten nun die am 12. Maerz 1906 von den

Erfindern veroeffentlichten Daten ueber die mit dem Motorluftschiff

erzielten Erfolge. Danach sollte schliesslich als beste Leistung am

5. Oktober 1905 ein Flug von 38,956 Kilometern in 38 Minuten 3

Sekunden vollendet worden sein. Wenn diese Angaben den Tatsachen

entsprachen, so war damit das Zeitalter des ballonlosen lenkbaren

Luftschiffes angebrochen! Die Fachwelt verhielt sich zunaechst

abwartend und dann ablehnend. Hierzu war auch aller Grund vorhanden.

Erst hiess es, die amerikanische Regierung habe die Flugmaschine fuer

eine Million Dollars angekauft; dann ploetzlich wurde dies

dementiert und man hoerte, Wrights versuchten in Frankreich ihre

Erfindung los zu werden. Die Verhandlungen zerschlugen sich aber,

weil die Konstrukteure die Forderung stellten, man solle ihnen ihr

Luftschiff unbesehen fuer eine Million Dollars abnehmen; allerdings

verpflichteten sie sich, nach Inkrafttreten des Vertrages den

Flieger in einem 50 Kilometer langen Fluge vorzufuehren. Auf solche

Abmachungen wollte aber niemand eingehen. Demnaechst hoerte man nichts

mehr von den Wrights, bis der Aeroklub von Amerika erklaerte, auf

Grund seiner Untersuchungen sei er zu der Ueberzeugung gekommen,

dass die Angaben der Brueder auf Wahrheit beruhten. Aus Interesse zur

Sache beschloss ich, an Ort und Stelle selbst Nachforschungen

anzustellen und die Angelegenheit zu klaeren. Zunaechst nahm ich

Fuehlung mit den beiden Konkurrenten der Wrights, Herring in New York

und Chanute in Chicago. Jener erklaerte mir, dass er nach Ruecksprache

mit Augenzeugen die gemachten Angaben nicht mehr bezweifeln koenne;

die Sache sei so einfach, dass er hoffe, mit Hilfe eines von ihm

erprobten leichten Motors, der nur 1 Pfund (etwa 3/4 deutsche Pfund)

pro Pferdekraft woege, die Leistungen bei weitem zu uebertreffen.

Chanute dagegen hatte selbst einen Flug von 3/4 Meile (1,2

Kilometer) gesehen und erkannte rueckhaltlos an, dass Wrights das

Flugproblem in tadelloser Weise geloest haetten. Die Maschine sei

aeusserst einfach, und der Flug habe sich in ueberraschend sicherer

Weise vollzogen. Er, Chanute, sei zu der Einsicht gekommen, dass die

Brueder auf dem richtigen Wege seien, und er habe deshalb schweren

Herzens seine langjaehrigen Versuche eingestellt, weil er mit ihnen

nicht mehr konkurrieren koenne. [Footnote: Siehe auch Seite 24 unten

und Seite 25.][Note: Dies ist der letzte Paragraph im Kapitel:

Nachfolger Lilienthals in England und Amerika] Auf meinen Wunsch

machte er mir einige Zeugen der Fluege namhaft.

[Illustration: *Wilbur Wright*

zeigt dem Koenig von Spanien, wie er bei Beginn des Starts mit der

rechten Hand den Sperrhebel loest, der die durch das Fallgewicht im

Zug befindliche Flugmaschine frei gibt.]

"Demnaechst begab ich mich mit einem berufenen Aeronauten, dem seit

15 Jahren in New York lebenden deutschen Ingenieur Karl Dienstbach,

nach Dayton in Ohio und besuchte hier den Vater den Brueder, den

alten anglo-amerikanischen Bischof Milton Wright. Der etwa 70jaehrige

Greis bestaetigte mir mit einfachen Worten, dass er dem laengsten

Fluge beigewohnt haette. Er sei zufaellig dazu gekommen; von staendiger

Sorge um das Schicksal seiner Soehne gequaelt, die sich so

wagehalsigen Fluguebungen hingegeben haetten, sei er haeufig auf das

Versuchsfeld gegangen und so Zeuge verschiedener Aufstiege geworden.

Ueber naehere Einzelheiten wollte er sich nicht aeussern. Haette ich

nach den Unterredungen mit den beiden Konkurrenten der Wrights noch

irgend welche Zweifel gehabt, sie waeren nach dem Besuche des Vaters

zerstreut worden. Ich meine, es kann nur wenige misstrauische Leute

geben, die diesem alten, ehrwuerdigen Priester nicht Glauben

schenken. Doch das persoenliche Gefuehl sollte bei dieser wichtigen

Sache kein bestimmendes Wort mitsprechen; es galt daher, auch

gaenzlich unparteiische Leute aufzusuchen.

"Wir 'verhoerten' des weiteren Mister C.S. Billmann, Sekretaer eines

Bankinstituts. In lebhafter Weise rief er aus: 'Well, sie fliegt!'

Dann schilderte er, wie ueberwaeltigend es ausgesehen habe, als die

Flugmaschine vom Boden emporgestiegen und in leicht wellenfoermiger

Bahn etwa in Baumhoehe ueber die Felder dahingeflogen sei; wie leicht

sie dem Steuer gehorcht haette und zur Landung gekommen sei; 'wie

eine Ente' habe sie sich auf den Boden niedergelassen. Auf naehere

Einzelheiten ueber die Konstruktion liess er sich jedoch auch nicht

ein. Er schloss mit den Worten, den Bruedern sei auch bester

pekuniaerer Erfolg zu wuenschen, sie seien feingebildete Leute, die in

harter Arbeit gross geworden waeren.

"Weit mitteilsamer war ein junger Apotheker, namens Reubens

Schindler, der als ungebetener Gast seinerzeit einem laengeren Fluge

beigewohnt hatte. Er sei an einem Tage, an dem er einen Probeflug

vermutet habe, dem Vater Wright von weitem gefolgt und so Zeuge

einer tadellosen Fahrt geworden. Zufaellig kam in die Apotheke auch

ein Arbeiter, der ebenfalls als Zaungast bei einem Flugversuch

zugegen gewesen war und uns unter breiter Darstellung auch der

nebensaechlichsten Umstaende die Angaben des Herrn Schindler

bestaetigte.

"Von hier aus lenkten wir unsere Schritte zu einem alten

Spenglermeister, Henry Webbert, der die Flugmaschine haeufig in der

Werkstatt seines Sohnes gesehen hatte. Dieser biedere

Handwerksmeister behandelte uns mit grosser Zurueckhaltung, machte

uns aber doch hoechst interessante Angaben ueber den Flug selbst und

ueber die Landung. Das Luftschiff sei so sanft auf den Boden

heruntergekommen, 'wie ein Truthahn, der vom Baume herabfliegt'. In

bezug auf die Geschwindigkeit uebertrieb der alte Herr allerdings

etwas mit der Behauptung, 50 Meilen (80 Kilometer) seien in einer

Stunde zurueckgelegt.

"Sehr viele Einzelheiten ueber die Konstruktion des Flugapparates

erfuhren wir sodann von einem deutschen Eisenwarenhaendler, namens

Frank Hamburger, der sehr scharf beobachtet hatte und seine

Schilderungen durch einige Skizzen anschaulicher zu machen suchte.

Auch der Apotheker William Foots zeigte fuer Technik groesseres

Verstaendnis und gab uns einzelne wertvolle Aufschluesse, waehrend der

Ingenieur Laurenz Wright zwar die Tatsache der Fluege bestaetigte, im

uebrigen aber jegliche Auskunft ueber Aussehen der Maschine

verweigerte.

[Illustration: *Wilbur Wright erklaert dem neben ihm sitzenden Koenig von

Spanien seine Flugmaschine*.]

"Zum Schluss gelang es uns, noch zwei hoechst wichtige Leute zu

sprechen: C.V. Ellis, hoeheren Justizbeamten, und Torrence Huffmann,

Praesident der groessten Bank der Stadt. Die Unterredung mit diesen

angesehenen Leuten war uns ganz besonders deshalb wertvoll, weil wir

von ihnen Aufschluss erhielten ueber die Gruende dafuer, dass in

Amerika nicht mehr Wesens von den bedeutenden Erfolgen der Wrights

gemacht worden ist. Nach den ersten wohlgelungenen Fluegen haetten die

Brueder eine grosse Anzahl Buerger zur Besichtigung eingeladen; beim

Herausbringen aus dem Schuppen sei aber das Luftschiff beschaedigt

worden, und deshalb waeren die Versuche aufgegeben worden. Das

enttaeuschte Publikum habe von da an der Sache ein grosses Misstrauen

entgegengebracht; die Wrights dagegen haetten seitdem niemand mehr

eingeladen und den Zeitpunkt weiterer praktischer Versuche

geheimgehalten. Der Bankpraesident meinte ausserdem, er sehe den

praktischen Wert der Maschine nicht ein; vor allem erscheine es ihm

als ein grosser Fehler, dass sie nur von einem langen Schienengleise

auffliegen koenne."

Es folgen sodann wieder einige Konstruktionseinzelheiten, und dann

schliesst der Bericht:

"Die Versuche haben auf einer rechteckigen, von Baeumen und einem

Schuppen umgebenen Wiese stattgefunden, die einen Umfang von etwa

einer Meile (1,6 Kilometer) hat. Beim laengsten Flug ist dieses Feld

etwa 30 Mal umflogen worden. Die Fluege sind sowohl bei ruhigem

Wetter als auch bei starkem Winde ausgefuehrt worden.

[Illustration: *Das hinten befindliche Horizontalsteuer*

ist bei der Landung beschaedigt. Man sieht oben rechts eine

gebrochene Holzstrebe herausragen.]

"Ich glaube, die Tatsache des Vorhandenseins der ersten praktisch

erprobten Flugmaschine kann wohl niemand mehr ernstlich bestreiten;

es ist unmoeglich, dass sich so viele angesehene Leute der

verschiedensten Berufsklassen und des verschiedensten Alters

verabredet haben sollten, einem Erfinder zuliebe das Blaue vorn

Himmel herunterzuluegen. Bei einem so langen 'Verhoer', das nach

vorher genau festgesetztem Programm angestellt worden ist, haetten

sie sich in einzelne Widersprueche verwickeln muessen. Es sei im

uebrigen bemerkt, dass ich aus Zeitmangel nur 10 Leute aufgesucht

habe; fast jeder einzelne hatte mir noch weitere Zeugen namhaft

gemacht. Warum nun aber weigern sich die Gebrueder Wright, ihren

Flieger eventuellen Kaeufern vor Abschluss des Vertrages in freiem

Fluge vorzufuehren? Wenn sie wirklich so grosse Erfolge erzielt

haben, haetten sie doch das Tageslicht nicht zu scheuen gehabt!

"Auch hierfuer glaube ich eine plausible Antwort gefunden zu haben.

Der Flieger ist eben so einfach, dass sie fuerchten, der Kaeufer

wendet nach Besichtigung keine so hohe Summe, wie eine Million

Dollars, an. Ausserdem glaube ich, dass eine sehr grosse Uebung dazu

gehoert, die Flugmaschine zu fuehren.

"Es wird nicht jeder Luftschiffer imstande sein, sofort damit

loszufahren, sondern es gehoert grosse Geschicklichkeit dazu, die

sich die Brueder Wright durch ihre zahlreichen Gleitfluege vorher

erworben hatten.

"Ich bin nun der Ansicht, dass wir jetzt, nachdem es erwiesen ist,

dass man auch mit Luftschiffen, deren Gewicht nicht durch Gasballon

getragen wird, fliegen kann, uns ernstlich der Konstruktion von

Flugapparaten zuwenden muessen. Dagegen bin ich der festen

Ueberzeugung, dass es nicht der hohen Summe von vier Millionen Mark

bedarf, wenn wir deutsche Ingenieure und Flugtechniker--ich nenne z.

B. Regierungsrat Hofmann in Berlin--mit dieser Aufgabe betrauen. Wir

werden dann sicher nicht den amerikanischen Erfindern nachstehen.

"Hauptmann a.D. Hildebrandt."

[Illustration: *Wright erteilt seinem Schueler Tissandier Unterricht*

Der Flieger steht mit seinen Schlittenkufen etwas ueber dem Erdboden.

Die linke Schraube mit Welle und gekreuzter Kettenuebertragung ist

deutlich sichtbar.]

Diese Veroeffentlichung fand auch auszugsweise Platz in verschiedenen

deutschen, amerikanischen, englischen und franzoesischen Zeitungen. Aber

nur wenige Leute waren auch durch diese Darstellung ueberzeugt, im

Gegenteil, mancher hervorragende deutsche Fachmann warf Verfasser noch

bis zum Juni 1908 vor, er habe sich arg duepieren lassen. Nunmehr kam

aber am 10. Februar 1908 aus New York die Nachricht, dass die

amerikanische Regierung 3 Aeroplane bestellt habe, einen bei den

Gebruedern Wright fuer 25000 Dollar, den zweiten bei dem hier schon

genannten Herring fuer 20000 Dollar und den dritten bei einem

Flugtechniker Skott in Chicago fuer 1000 Dollar. Die Bedingungen, unter

denen die Regierung die Abnahme der Flieger vollziehen wollte, waren

folgende: "Die Abnahmeversuche finden statt unter Aufsicht des

Signalkorps in Fort Myers in Virginia. Die verlangten Leistungen sind

folgende: 1. eine Schnelligkeitspruefung ueber eine Strecke von 16

Kilometer 900 Meter auf einer Fahrt hin und zurueck; 2. ein Flug von

einstuendiger Dauer ueber eine Strecke von 64,30 Kilometer--40

Meilen--ohne Zwischenlandung. Der Aeroplan muss mit zwei Personen

bemannt sein. Jede Maschine kann drei Abnahmefahrten unternehmen." Wenn

ein Apparat weniger als 40 Meilen in der Stunde zuruecklegt, so wird der

Kaufpreis vermindert. Bei einer geringeren Geschwindigkeit als 36 Meilen

in der Stunde wird die Maschine nicht abgenommen; wird dagegen eine

groessere Geschwindigkeit erreicht, so wird der Kaufpreis erhoeht. Bei

einer Geschwindigkeit von 60 Meilen in der Stunde wird er sogar fast

verdoppelt. Sobald irgend ein Punkt des Programms nicht genau

eingehalten werden sollte, wird 10 Proz. der gestellten Kaution

zurueckbehalten. Die Wrights hatten 2500 Dollar Kaution zu stellen. Im

Mai 1908 begaben sich nun die beiden Brueder in ihre alte Einoede zu Kill

Devil bei Kitty Hawk, wo sie, weit entfernt von den wenig Anerkennung

zeigenden Mitbuergern ihrer Heimatstadt, ungestoert arbeiten konnten.

[Illustration: *Koenig Eduard von England begibt sich auf dem Felde Pont

Long bei Pau zum Startplatz des Fliegers*

Rechts neben dem Koenig Lord Cunraven, hinter diesem Ingenieur

Rozendaal.]

[Illustration: *Minister Barthou im Aeroplan*

Rechts beginnt ein Gehilfe die Schraube anzuwerfen. Wright gibt

Zuendung. Der lange Zylinder enthaelt Benzin. Zwischen Wright und

Barthou ist der Wasserbehaelter sichtbar.]

Ihre Versuche hatten den Zweck, die waehrend der fast dreijaehrigen Pause

verlorene Uebung wieder zu erreichen. Es wurden eine Anzahl von Fluegen

in der Zeit vom 14. bis 16. Mai ausgefuehrt, die zunaechst in gerader

Linie gegen den Wind gingen und alsdann mit dem Ausfahren von Kreisen

endeten. Der laengste Flug dauerte 7 Minuten 29 Sekunden, und fuehrte bei

einer Windgeschwindigkeit von 8 Metern in der Sekunde ueber eine Strecke

von 8,03 Kilometern. Rekordfluege waren nicht beabsichtigt; die Fluege

wurden meistenteils nur von einem ausgefuehrt.

Schon am 10. April hatte sich in Frankreich infolge der Bemuehungen des

erst kuerzlich von der franzoesischen Regierung fuer seine Verdienste um

die Flugtechnik mit dem Kreuze der Ehrenlegion ausgezeichneten Herrn

Hart O'Berg unter Leitung von Lazare Weiller eine Gesellschaft gebildet,

die fuer die Summe von 500000 Francs die franzoesischen Patente der

Wrights ankaufen wollte. Am 1. Juni traf Wilbur Wright in Paris ein, um

dort mit Hilfe seines Bevollmaechtigten Hart O'Berg die Bedingungen zu

erfuellen.

[Illustration: *Die mit 2 Personen bemannte Flugmaschine*

schwebt auf dem Felde bei Pau ueber ihrem Hangar. In der Mitte sieht

man vor dem Zaune eine der kleinen, einraedigen Plattformen, auf

denen der Flieger vor dem Start mit den Seiten ruht]

Orville Wright blieb einstweilen in Amerika, wo er in Fort Myers am 3.

September mit den Abnahmefahrten begann. Als erster Passagier wurde in

dem Aeroplan der Leutnant Frank P. Lahm mitgenommen, der seinerzeit im

ersten Gordon-Bennett-Wettfliegen von Paris aus Sieger geblieben war.

Als zweiter Passagier wurde Major Squir vom Signalkorps mitgenommen, und

als dritter nahm am 17. September der Leutnant Selfridge an der Seite

Orvilles Platz. An jenem Tage war der Durchmesser der Schrauben um 3

Zentimeter vergroessert. In 30 Meter Hoehe riss ploetzlich einer der

Steuerdraehte; dadurch geriet der korrespondierende Draht, nunmehr

schlaff geworden, in die Schraube, der Flieger geriet ins Schwanken und

senkte sich aus 30 Meter etwas herab, ueberschlug sich sodann und stuerzte

mit einem heftigen Stoss auf den Boden. Orville Wright hatte einen

komplizierten Schenkelbruch, eine Stirnwunde und verschiedene

Kontusionen erlitten. Leutnant Selfridge stoehnte noch etwas und hauchte

bald sein Leben aus. Die Versuche in Amerika wurden nunmehr ausgesetzt,

da Orville Wright laengere Zeit zu seiner Wiederherstellung bedurfte. Er

hatte bereits sehr schoene Resultate erzielt und einen Weltrekord

geschaffen. Am 12. September 1908 hatte er einen Flug von einer Stunde

15 Minuten und 20 Sekunden in einer Hoehe von etwa 60 Metern

zurueckgelegt.

[Illustration: *Der Flieger im Fluge, von vorn gesehen*

Aufnahme aus einem Militaerballon bei Rom.]

Wilbur Wright hatte sich inzwischen mit Hart O'Berg nach Le Mans

begeben, wo er auf dem Rennplatze von Hunaudiere am 8. August seine

Versuche begann. Anfangs gelangen die Versuche nicht so gut, namentlich

deshalb nicht, weil Wright in der Betaetigung der Steuerhebel unsicher

geworden war. Die Maschine war fuer zwei Personen eingerichtet. Seine

ersten Versuche unternahm er allein; er musste sich also wieder an die

Steuerung allein gewoehnen. Da der Rennplatz zu klein war, siedelte er

bald nach dem Schiessplatz Auvours ueber, wo er sich einen kleinen

Schuppen bauen liess, in dem er seinen Aeroplan unterbrachte und auch

sich selbst einquartierte. Auf dem Rennplatz war der laengste Flug am 13.

August mit 8 Minuten 13 Sekunden ausgefuehrt worden. Die Versuche wurden

am 21. August auf dem Schiessplatze Auvours fortgesetzt. Den Dauerrekord

mit einem Passagier stellte er am 3. Oktober mit einem Fluge von 55

Minuten 37,2 Sekunden mit Franz Reichel vom "Figaro" auf. Am 18.

November schuf er mit 110 Metern Hoehe seinen Weltrekord, und am 21.

September schlug dann Wilbur Wright auch den Rekord seines Bruders,

indem er 1 Stunde 31 Minuten und 25 Sekunden in der Luft blieb und 66,6

Kilometer zuruecklegte. Am 16. September hatte er zum ersten Male einen

Passagier, den franzoesischen Luftschiffer Ernest Zens, mitgenommen.

Am 7. Oktober bestieg als erste Dame den Fuehrersitz Frau Hart O'Berg. In

der Folge sind dann eine grosse Anzahl von Fluegen mit den

verschiedensten Passagieren an Bord durchgefuehrt worden, und am 31.

Dezember stellte Wilbur Wright mit einem Fluge von 2 Stunden 20 Minuten

und 23 Sekunden den Dauerweltrekord auf. 124,7 Kilometer betrug die

hierbei zurueckgelegte Strecke. Er gewann damit den grossen Preis, der

von Michelin gestiftet war und 20000 Francs betrug.

[Illustration: *Orville, Katherine, Wilbur Wright*]

Die franzoesischen Patente wurden nunmehr von der Weiller-Gesellschaft

unter der Bedingung uebernommen, dass Wilbur Wright drei Schueler, die ihm

von der Gesellschaft bezeichnet wuerden, im Lenken seines Aeroplans

ausbilde. Er verlegte sein Versuchsfeld am 3. Januar nach Pau in

Suedfrankreich, wo ihm die Stadt bei Pontlong ein grosses Aerodrom erbaut

hatte. Seine ersten Schueler waren Paul Tissandier, Graf Lambert und der

Hauptmann der franzoesischen Genietruppen Lucas Gerardville. Bereits am

6. Januar fuehrte er hier seine ersten Fluege aus und errang sich am 8.

durch einen Flug von 112 Kilometern den Preis von Triaca. Am 15. Februar

fuhr Wilburs Schwester Katherine zum erstenmal im Aeroplan mit dem

Bruder. Am 17. Februar liess sich Koenig Eduard in Pau den Apparat

vorfuehren und wohnte einem Aufstiege bei, der eine halbe Stunde dauerte.

Fuenf Tage spaeter besichtigte Koenig Alfons von Spanien, der eigens von

San Sebastian gekommen war, die Flugmaschine. Am 6. Maerz wurden die

Brueder durch den Titel eines "Doktor-Ingenieurs", den ihnen die

Technische Hochschule in Muenchen verliehen, ausgezeichnet. Am 8. April

machte Wright mit seinen Schuelern den letzten Aufstieg in Pau, erklaerte

ihre Ausbildung fuer beendet und begab sich nach Rom, um seinen Aeroplan

dort der italienischen Regierung vorzufuehren und einen Schueler

auszubilden. Unmittelbar nach seiner Abreise von Pau wurde der dort

benutzte, ziemlich stark mitgenommene Apparat im Auftrage der

franzoesischen Regierung nach Paris geschafft, um dort im Konservatorium

der Kuenste und des Handwerks Aufstellung zu finden. Auch in Rom gelang

es Wilbur, ganz Italien durch seine hervorragenden Leistungen von seinem

grossen Koennen zu ueberzeugen. Am 24. April fuehrte er seinen Apparat dem

Koenige von Italien vor, und bereits am 28. April konnte sein Schueler,

der Genieleutnant Calderara, trotz starken Regens selbstaendig einen Flug

von 35 Minuten Dauer vollfuehren. Durch Aussetzen des Motors stuerzte der

Apparat damals aus einer Hoehe von drei Metern zur Erde herab, der

Lenker blieb unverletzt, waehrend das Steuer brach und die

Schraubenachse verbogen wurde. In kurzer Zeit konnten die Schaeden an der

Maschine aber beseitigt werden, und am 6. Mai sehen wir Calderara einen

neuerlichen Flug unternehmen, der aber infolge eines Ohnmachtsanfalles

des Aviatikers ein tragisches Ende nehmen sollte. In einer Hoehe von 40

Metern kippte der Aeroplan um, die Maschine stuerzte zu Boden und begrub

den Lenker unter ihren Truemmern. Die beiden Steuer waren gebrochen, die

Tragflaechen und die Spanndraehte verbogen und zerrissen. Calderara hatte

mehrere Brueche und eine Gehirnerschuetterung erlitten und wurde nach Rom

ins Spital gebracht. Bereits nach Monatsfrist war er geheilt. Auch die

Maschine war wiederhergestellt worden, so dass der Offizier am 19. Juli

abermals einen kurzen Flug unternahm. Spaeter wurde von seinem

behandelnden Arzte festgestellt, dass er zu Ohnmachtsanfaellen neige,

weshalb er das Lenken von Aeroplanen endgueltig aufgeben musste.

[Illustration: *Katherine und Orville Wright*

machen in Pau unter der Fuehrung des Franzosen Ernest Zens (links im

Korbe) ihre erste Freiballonfahrt]

Die Beschreibung der Wrightschen Flugmaschine.

Der Wrightsche Flieger ist ein Doppeldecker, der seinen Ursprung in den

Konstruktionen von Chanute hat. Zwei parallele, auf 1/20 ihrer Tiefe

gekruemmte, 12,5 Meter klafternde Flaechen haben 1,8 Meter Abstand

voneinander. Die Tiefe der Trageflaechen betraegt 2 Meter. Das aus Holz

bestehende Gerippe der Flaechen ist mit Baumwollstoff bespannt; ihre

Oberflaeche betraegt 50 Quadratmeter. Die konkave Seite ist nach unten

gerichtet. Die Kruemmung nimmt nach vorne hin zu, wo die vorderen Kanten

einige Zentimeter dick sind. Die Verspannung erfolgt in

Gitterkonstruktion durch Holz und Klaviersaitendraht. Das Material ist

amerikanisches Tannenholz, dass sich sowohl im Luftschiffbau, als auch

frueher schon im Bootsbau infolge grosser Festigkeit und geringen

Gewichts bewaehrt hat. Drei Meter vor den Hauptflaechen befindet sich das

Hoehensteuer, das aus zwei spindelfoermigen Flaechen besteht von 5,25

Zentimeter Breite und 0,80 Meter Tiefe. Zwischen den Hoehensteuern

befinden sich noch zwei halbmondfoermige vertikal angeordnete Flaechen.

Das Steuer fuer die Horizontale befindet sich 2,7 Meter entfernt hinter

den Trageflaechen. Es besteht aus zwei langen vertikalen Flaechen, die 1/2

Meter auseinanderstehen. Das Steuer kann auch in vertikaler Richtung

bewegt werden, um Beschaedigungen durch Aufstossen bei der Landung zu

vermeiden. Der Sitz fuer den Fuehrer und einen Begleiter befindet sich auf

der vorderen unteren Trageflaeche, wo sich hinter ihm der Motor und

rechts von ihm der Kuehler befindet. Der Motor ist ein Viertaktmotor

mit 4 Zylindern, er entwickelt 25 PS und wiegt in betriebsfaehigem

Zustande 90 Kilogramm, so dass also 3,6 Kilogramm auf eine Pferdestaerke

kommt. Er ist nach den ureigensten Ideen der Wrights gebaut, und macht

etwa 1400 Touren. Der Motor treibt zwei aus Holz gefertigte, mit Tuch

ueberklebte Schrauben von 2,80 Meter Durchmesser. Der Antrieb erfolgt

durch Ketten, die in Roehren geschuetzt laufen. Die Schrauben drehen sich

mit 450 Touren.

[Illustration: *Flug um den Michelin-Preis*

bei Sonnenuntergang am 31. Dezember 1908 auf dem Schiessplatz

Auvours bei Le Mans.]

[Illustration: Blick zwischen die Tragflaechen mit ihren Holzstreben.

Wilbur auf dem Fuehrersitz, links steht der Koenig von Spanien.]

Die Tourenzahl des Motors kann weder durch Gasdrosselung, noch durch

Verstellen des Zuendpunktes veraendert werden. Die Verminderung der

Fluggeschwindigkeit wird lediglich durch Aufrichten des Fliegers mittels

des Hoehensteuers bewirkt. Die Maschine ist auf Schlittenkufen montiert.

Die Steuerung erfolgt durch Betaetigung zweier rechts und links vom

Fuehrersitz befindlichen Hebel; die Vorwaerts- oder Rueckwaertsbewegung des

linken Hebels hat Fallen oder Steigen des Fliegers zur Folge. Mit dem

rechten Hebel wird das Horizontalsteuer und gleichzeitig auch die

Verwindung der Tragflaechen bewirkt. Gerade das letzte bedeutet eine

Haupteigenschaft des Wrightschen Fliegers.

[Illustration: *Hart O'Berg*

der Bevollmaechtigte von Wilbur und Orville Wright in seinem

Arbeitszimmer]

Durch die Verwindung wird die Stabilitaet des Fliegers in unsteten

Luftstroemen gehalten. Wenn beispielsweise ein Windstoss von links den

Apparat nach rechts kippen will, so vermehrt man auf der rechten Seite

den Luftwiderstand durch Vergroesserung der Woelbung, also durch Verwinden

der Flaeche nach unten. Gleichzeitig wird der Luftwiderstand links, wo

der seitliche ploetzliche Luftstrom auftrifft, vermindert durch

Verminderung der Woelbung, das heisst durch Verwinden der hinteren Flaeche

nach oben. In gleicher Weise, wie eben geschildert, muss verfahren

werden, wenn der Apparat eine Wendung nach rechts fahren soll. Alsdann

beschreibt die rechte Kante des Fliegers, die sich auf der inneren Seite

der Kurve befindet, einen kleineren Weg, als die linke Kante, die sich

auf der aeusseren Seite der Kurve befindet. Demnach legt die rechte Kante

einen kleineren Weg zurueck, als die linke, und man muss die

Geschwindigkeit rechts etwas einschraenken. Durch Verwinden der rechten

Flaeche nach unten erhoeht man den Luftwiderstand, vermindert also die

Schnelligkeit; durch Verwinden der linken Flaeche nach oben vermindert

man den Luftwiderstand und erhoeht demnach die Geschwindigkeit. Nach den

Mitteilungen Wrights kommt es dabei darauf an, anfangs zwar bei einer

Wendung das Steuer fuer die betreffende Richtung einzustellen, aber

moeglichst bald wieder umzulegen, um ein Kippen zu vermeiden. Beim

Balancehalten ist es erforderlich, genau das Gegenteil von dem zu tun,

was ein Radfahrer tut. Dieser legt sich nach innen in die Kurve und

bringt den Schwerpunkt nach innen. Bei der Flugmaschine muss man den

Schwerpunkt nach aussen halten, weil sonst der Apparat ins Kippen kommt.

Das Ausfuehren von Wendungen und das hierbei zur Erhaltung der seitlichen

Stabilitaet erforderliche Verwinden geschieht in der Weise, dass

beispielsweise der rechte Hebel nach vorwaerts gezogen wird, wodurch die

Steuerdrehung nach rechts erfolgt. Gleichzeitig drueckt man aber diesen

Hebel auch nach links, wodurch die Verwindung in der Weise eintritt,

dass die Kanten der rechten Trageflaechen nach unten und die der linken

nach oben gerichtet werden.

Kuerzlich haben die Wrights ein neues Patent eingereicht, in dem sie zwei

kleine vertikale Flaechen beschreiben, die noch durch einen dritten

ergaenzenden Hebel betaetigt werden. Diese vertikal stehenden kleinen

Flaechen sollen das Gauchissement, wie man die Verwindung im

Franzoesischen nennt, verstaerken und das Gegengewicht in der Balance

halten. Der Start der Wrightschen Flugmaschine erfolgt durch eine

besondere Vorrichtung, Pylon genannt. Wie schon erwaehnt, ruht die

Maschine in der Mitte mit den dort befindlichen Querverbindungen auf

einer Holzschiene. An den beiden Seiten wird sie durch je eine mit einem

kleinen Rad versehene Plattform im Gleichgewicht erhalten. Die Schiene

wird meist genau gegen den Wind gerichtet. Einige Meter hinter dem

Schienenanfang, genau in der Mitte hinter dem Flugapparat, wird ein 8

Meter hoher pyramidenfoermiger Turm aufgestellt, in dessen Mitte ein 700

Kilogramm schweres Gewicht sich befindet, das durch ein Seil, wie es die

Figur auf Seite 62[Note: Siehe unten] zeigt, mit dem Aeroplan in

Verbindung steht. Vor Beginn des Anfluges wird das Gewicht in dem Turm

hochgezogen und alsdann der Flugapparat durch eine Sperrklinke an der

Schiene befestigt. Sobald nun die Schrauben angeworfen sind und der

Motor seine volle Geschwindigkeit entwickelt hat, loest der Fuehrer die

Sperrklinke und alsbald zieht das fallende Gewicht den Aeroplan mit

allwachsender Geschwindigkeit nach vorwaerts. Das Hoehensteuer hat hierbei

eine Neigung nach unten, so dass durch den Winddruck der Apparat fest

gegen die Schiene gedrueckt wird. Gegen Ende der Schiene faellt das Ende

des Seils von selbst von dem Haken des Fliegers ab, der Fuehrer stellt

eine Kleinigkeit das Hoehensteuer ein und die Flugmaschine beginnt zu

schweben. Es kommt nun darauf an, in der Luft die Balance durch

fortwaehrende Betaetigung des linken Steuerhebels zu halten, wobei die

Bewegungen jedoch aeusserst gering sein muessen, weil der Flieger auf die

leiseste Anstellung der Flaechen reagiert.

[Illustration: *Schematische Zeichnung der Betaetigung der

Verwindungsvorrichtung*

Beim Seitwaertsschieben des Hebels A gehen die Schnuere in der

Pfeilrichtung von B nach A, von C und D nach B. Hierdurch werden die

Holzstreben CE und DP in der Pfeilrichtung nach unten gedrueckt und

damit die Kanten der oberen und unteren Trageflaechen ebenfalls nach

unten bewegt. Die Holzstreben nehmen nunmehr die Stellung HG und KI

ein. Die Verwindung der rechten Flaechen ist erreicht.

Von E und F fuehren Schnuere nach L. Diese werden folgegemaess

ebenfalls in der Pfeilrichtung nach unten bewegt und uebertragen die

Bewegung ueber L und M nach N und O. Die Holzstreben NP und OQ werden

nach oben gezogen und nehmen die Stellung RS und TU ein. Damit hat

der Fuehrer die Verwindung der linken Trageflaechen bewirkt.]

[Illustration: *Startpylon fuer die Flugmaschine*

Das Gewicht G haengt an einem Tau, das ueber die Rolle A zu der fast

am Ende der Holzschiene angebrachten Rolle B laeuft. Von hier geht

das Tau zur Maschine, wo es bei C an einem Haken befestigt ist.

Zwischen B und C befindet sich noch ein Flaschenzug, welcher der

besseren Uebersichtlichkeit halber auf der Zeichnung fortgelassen

ist.]

Rueckkehr der Wrights nach Amerika und Besuch Berlins.

Am 5. Mai haben sich Wilbur und Orville Wright mit ihrer Schwester

Katharina zunaechst nach England begeben, wo ihnen der dortige

Luftschifferklub eine goldene Medaille in feierlicher Sitzung uebergab

und die beiden Brueder zu Ehrenmitgliedern der Gesellschaft ernannte.

Alsdann reisten sie mit einem Schiff des Norddeutschen Lloyds nach New

York und wurden hier mit allen Ehren von den Mitgliedern des

amerikanischen Luftschifferklubs und einer zahlreichen Menschenmenge mit

grossem Jubel empfangen. Sie begaben sich von da in ihre Heimatstadt.

Als sie zur Mittagsstunde in Dayton ankamen, empfingen sie unter

Glockengelaeut und Kanonendonner mehr als tausend Menschen. Man brachte

die beiden Brueder in einem Wagen nach Hause, der von vier Schimmeln

gezogen wurde; in diesem Wagen hatte auch ihr Vater mit zwei

Lieblingsenkelkindern Platz genommen. Ein ganzer Zug von Wagen

begleitete sie sodann in feierlichem Zuge nach Hause. Am Abend bewegten

sich in der kleinen Strasse, wo sich das Haus des alten Bischofs

befindet, weit ueber 10000 Menschen, alte Freunde, Nachbarn und Mitbuerger

der Stadt, um sie zu begruessen. Die Stadtverwaltung hatte alle

oeffentlichen Gebaeude dekoriert und beflaggt, und die drei groesseren

Plaetze von Dayton herrlich illuminiert. Auch die Einwohner waren in

Beflaggung und Illumination nicht sparsam gewesen, so dass Dayton ein

praechtiges Bild gab, wie man es noch nie zuvor gesehen hatte.

[Illustration: *Schematische Ansicht der Trageflaechen nach der

Verbindung*]

Am 17. und 18. Juni hatte die Stadt eine grosse Feierlichkeit

veranstaltet, bei der drei goldene Medaillen den Bruedern ueberreicht

wurden: eine von der Nation, eine vom Staate Ohio und eine von der Stadt

Dayton. Doch die Mission der beiden Brueder war noch nicht erfuellt;

alsbald begaben sie sich nach Washington, wo Orville Wright die

Abnahmefahrten fuer die amerikanische Regierung begann. Nach anfaenglich

kleinen Havarien, die bei neuen Apparaten fast immer vorkommen, jedoch

in zwei, drei Fahrten bald beseitigt sind, zeigte der Flieger wieder,

was er leisten konnte, und schon am 20. Juli blieb Wright 80 Minuten in

der Luft und legte dabei in der Stunde 45 Meilen zurueck. Damit waren die

Bedingungen, welche die amerikanische Regierung gestellt hatte, erfuellt

und nunmehr konnte sich Orville nach Europa begeben, um Berlin sein

Koennen zu zeigen und Piloten auszubilden fuer die deutsche Gesellschaft

"Flugmaschine Wright", die aus der Motorluftschiff-Studiengesellschaft

und der Luftfahrzeug-Gesellschaft hervorgegangen ist, um Flieger nach

der Bauart der Brueder Wright und anderer Erfinder herzustellen. Damit

duerften wir auch in Deutschland bald so weit sein, dass der Flugsport

allgemeine Verbreitung findet.

* * * * *

Anhang: Korrespondenz von A. Hildebrandt.

A. Hildebrandt

Hauptmann a.D.

Berlin W. 30

Martin Luther-Strasse 10.

Die Brüder Wright Eine Studie ueber die Entwicklung der Flugmaschine von Lilienthal bis Wright · 第 6 / 10 题