Ein einsames Kirchlein mitten im Walde hat immer etwas Verträumtes; es
ist so, als hätten die Häuser der Menschen, deren Heiligtum es war, das
Kirchlein verlassen, so daß es nun ganz allein zurückgeblieben ist, bis
die Bäume des Waldes an seine Mauern hinanwuchsen; oder als wäre es,
einsamkeitssüchtig und der Welt überdrüssig vom Tale heraufgeflogen, um
fürder recht als ein Einsiedel hoch oben im grünen, stillen Forste zu
träumen.
In solch einem Kirchlein vertritt dann die Waldfrömmigkeit und der
Märchenzauber des Wanderers etwa mangelnden Glauben; und er kniet in dem
Heiligtume ehrlich und wundergläubig wie ein Kind.
Ich habe im Sommer heuer solch ein einsames Kirchlein mitten im
Hochwalde gefunden; es sah etwa wie eine kleine Dorfkirche aus, die sich
aber seltsam genug an einen hohen und runden Turm anschmiegte: so daß es
gleich den Anschein weckte, als wäre an einen alten Wartturm später die
Kapelle angebaut worden. Ich war durch den schönen Wald wie immer in dem
Gefühle gegangen, durch einen Dom zu schreiten, so daß ich lächelnd
nunmehr das kleine Gotteshaus mitten in der Heiligkeit des Domes
gewahrte. Die Tür der Kapelle war leicht geöffnet und das Innere des
Kirchleins hell und freundlich. Ich legte meinen Wanderhut auf eine der
wenigen Bänke und ging auf ein Grabmal zu, das an der einen Seitenwand
sich vom Boden erhob. Es war das langgestreckte Grabmal eines adeligen
Fräuleins, und ihre Gestalt war aus dem Sandstein herausgemeißelt, so
daß sie mit gefalteten Händen wie in ihrem Sarge da auf der Erde lag.
Auf ihrem Gesichte spielte der Sonnenschein, der durch das Fenster der
gegenüberliegenden Wand hereinleuchtete, aber seltsam bläulich
schimmernd, so daß ich den Strahl gleich zu dem Fenster zurückverfolgte
und dort mitten in dem Fenster eine blaue Glasscheibe gewahrte, von
einem so tiefen und satten Blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Da
schaute ich mir das Gesicht der Schlummernden noch einmal an, ich beugte
mich darüber, aber so, daß der bläuliche Schimmer nicht verdeckt wurde,
und blickte nun in ein zartes, leidverklärtes Antlitz von einer solchen
Reinheit der Linien, von einem so schmerzlich erkämpften Frieden, daß
ich auf das innigste ergriffen ward. Schlicht gescheiteltes Haar
umrahmte die eingesunkenen Schläfen, die Augen wölbten die zarten Lider
wie große Kugeln vor, eine stolze, edelgeformte Nase ragte zwischen den
eingefallenen, verhärmten Wangen umso ausgeprägter empor, aber das
Wunder war doch der schmale und beinahe lächelnde Mund, um den ein
Frieden, eine heilige Ruhe lagerten, wie sie der Tod nur solchen Lippen
läßt, die viel, unendlich viel gelitten haben.
Da setzte ich mich auf den Grabstein hin, ich fing wohl träumend die
blauen Strahlen mit meinen Händen auf und goß sie dann wieder über das
bleiche Totengesicht und las aus den süßherben Zügen ihre Geschichte.
Und jetzt, da ich sie niederschreibe, ist es mir hier in meinem Zimmer
wie ein Wunder, daß weit von hier, hoch in den Wäldern droben, ein
Kirchlein steht und daß dort durch ein tiefblaues Kirchenfenster die
Sonne auf ein schmales Angesicht scheint, seit Jahrhunderten und wohl
noch jahrhundertelang, ein Angesicht voll Leid und erkämpftem Frieden.
* * * * *
Meilenweit, hügelauf, hügelab Tannenwald um das weiße Schloß. Die Täler
hinab bis an die Meierhöfe und kleinen Dörfer, die Berglehnen hinan und
über die Bergrücken rauschender oder heiligstiller Forst mit
sturmerprobten Bäumen bestanden; oben von dem einsamen Rundturme mit
seinem spitzigen Dachhütlein schweift der Blick wie über ein
großwelliges Meer über die hellgrünen Baumkronen in der Nähe, über die
schon ferneren dunkelgrünen Wipfelfelder, über das bläuliche Grün der
Forste am Horizonte, die wie breite Moosflächen sich an den runden
Himmelsrand schmiegen. Und drüber über dem besonnten und doch so dunklen
Grün schwebt auf breiten Schwingen ein Adler oder wiegt sich wohlig ein
Edelfalke. Deutsche Waldlandschaft, Besitz des Grafen Otto Eberstein,
der mit seinen fünfzig Jahren mächtig und eigensinnig in seinem Schlosse
sitzt und doch schon ein Greis sein sollte, so viele Pfade und Steige
hat die Sorge und das Leid zum Schlosse gefunden. Er war ein gar
lebensfreudiger Herr gewesen, der neben dem Fürsten sitzen durfte und
dessen Schimmel gleich hinter des Kaisers Rappen in das Geschirr
schäumte, wenn sie prächtig zum Reichstage ritten. Dann hatte ihn eine
edle Fürstentochter zum Gatten erwählt, und sie hatten ein glückliches
Jahr in dem weißen Schlosse verlebt und der Forst hatte Ja und Amen dazu
gerauscht: bis die Tochter Berta geboren ward, ein glückliches Ereignis
und doch allen Elends Anfang. Denn die junge Mutter verfiel in eine
schwere, hitzige Krankheit, aus der ihr Leib genas, indes ihr Gemüt
verwirrt blieb in einer tiefen Schwermut, daraus sie nie wieder genesen
sollte.
Sie saß die erste Zeit nach ihrer Krankheit trübselig auf ihrem Lager,
auf ihre entstellten, schlaffen Brüste niederstarrend oder im Spiegel
die verlorene Frische ihrer Wangen suchend, als könnte ihre Schönheit
unmöglich wiederkehren: so tiefe Runen hatten die Schmerzen der Geburt
und die Leiden ihres Siechtums in ihr zartes, mondscheinblasses Gesicht
geschrieben. Dann lachte sie traurig auf und barg sich hinter dem
Linnen, wenn der Graf sie besuchen kam und wollte sich um keinen Preis
zeigen: so häßlich schien sie sich, so zerstört deuchte sie ihr
Liebesglück, so abscheulich ihr Körper und ihr Antlitz, daß sie immer
wieder aufjammerte, nun werde der Graf sein Liebesverlangen bei
schöneren Frauen stillen. Und einmal ward sie von der Amme überrascht,
da sie sich eben über die Wiege des Kindes beugte mit funkelnden,
rachegierigen Augen, und dann blitzschnell den Säugling in die Höhe hob,
wohl um ihn an der Wand zu zerschmettern. Da war ihr die starke
Bauernmagd noch rechtzeitig in die Arme gefallen und hatte das Kind
gerettet. Die Gräfin aber wurde von dem Tage an in einen fernen Teil des
Schlosses gebracht und dort wohl bewacht, daß sie nicht mehr zum Kinde
kommen konnte.
Dort lebte die Kranke denn die jungen Jahre ihres Lebens dahin mit der
Wärterin und späterhin mit der Amme, da das Kind ihrer nicht mehr
bedurfte, trübselig vor sich hinstarrend und immer seltener in einen
jener fürchterlichen Wutausbrüche verfallend, daraus sie noch elender
und siecher hervorging.
So daß die mutterlose Berta eine traurige und liebeleere Kindheit
verträumte.
Denn der Graf hatte wohl die ersten Monate in inniger, liebreicher
Teilnahme sein verwirrtes Ehegemahl betreut, da er jeden Morgen von
neuem gehofft hatte, der böse Schleier, der sich um ihr Gemüt gelegt
hatte, müsse sich endlich heben und die Augen der Gräfin wieder klar,
heiter und warm zu ihm emporblicken. Aber Tag um Tag, Woche um Woche
verging, aus den Augen der Kranken starrte ihn ein schreckhaftes
Nichterkennen, eine böse Angst an, und der Sonnenstrahl, der ihre einst
so schönen, blauen Augen traf, wurde fahl und grau, wenn er aus ihren
düsteren Augensternen zurückkehrte; so daß der Jammer mit knochigen
Fingern immer fester des Grafen Herz umkrallte, bis daß er hoffnungslos,
gleichgültig und endlich fast feindselig sich gegen sein Weib auflehnte
und immer seltener das Gemach der Kranken aufsuchte.
Zu Berta hatte er eine verwitwete Verwandte ins Schloß berufen, die in
Trauerkleidern das verschüchterte Kind leitete und die auch das
Trauerkleid von ihrer Seele nicht abstreifen konnte, so liebevoll und
zart sie auch mit dem Kinde umging. Und in den ersten Jugendjahren war
es für das Kind immer noch ein Fest, wenn die Amme einmal herüberkam und
mit ihr schön tat. Denn der Vater verstand die holde Kunst schlecht,
eines Kindes Seele zu eröffnen und ihr ein Lachen, ein Jubeln, ein
Jauchzen zu entlocken, das die eigene Seele wieder jung zu machen und
ihre Flügel zu lösen vermag.
So war das Kind zehn Jahre alt geworden und ein kluges, stilles und
verträumtes Kind mit den tiefsten und klarsten blauen Kinderaugen und
sah versonnen und traumverloren in die Welt, die ihr aus Zimmern,
seltsamen Menschen und Waldesrauschen bestand und darin ihr, ohne daß
sie wußte was, etwas fehlte, das ihre Augen hätte aufleuchten lassen.
Und es war wieder einmal die Amme bei ihr gewesen und hatte ihr
abergläubische und wunderbare Märchen erzählt bis in die Dämmerung.
Berta hatte sich an ihre Kniee geschmiegt und sie hundertmal umarmt und
ihr immer wieder verstohlen zugeflüstert: »Ach, Amme, du bist gut!« Bis
einer der Diener von der Gräfin drüben sie holte; die sei wieder schlimm
geworden. Da war die Amme davongeeilt, um nach ihrer Kranken zu schauen.
Und hatte nicht gemerkt, daß das Kind, durch das Dunkel und die Märchen
verwirrt, ihr nachschlich, wohl weil seine Liebe es der guten Amme
nachdrängte, vielleicht auch, weil es etwas ahnte oder fürchtete in
seinem erwachten Kinderherzen, ein tiefes Geheimnis, das man ihm
verbarg, und das es entdecken wollte.
So geschah es, daß Berta auf dem dunklen Gange durch die verbotene Tür
schlüpfte und plötzlich in einem hohen, erleuchteten Zimmer stand, darin
eine große Frau mit aufgelösten Haaren schreiend und händeringend
umherirrte und sich dann erschöpft auf die Erde hinkauerte, den Kopf
jammernd zwischen den Knieen verbergend. Dann hob die Frau ihr Haupt
wieder empor und starrte plötzlich mit dem weit offenen Munde einer
Maske und mit entsetzten Blicken zur Türe, wo das Kind zitternd stand,
und dann stieß der starre Mund einen furchtbaren Schrei aus. Da hatte
die Amme aber auch schon das Kind erblickt und hatte es schnell aus der
Tür gedrängt und mit einem der Diener in sein Zimmer geschickt.
Es zitterte und war ganz bleich geworden, es hatte den Mund offen wie
jene Frau drüben, nur daß es nicht schreien konnte, und endlich in den
Armen seiner Pflegemutter löste sich das Entsetzen des Kindes, ein
heißer Tränenquell sänftigte sein verwirrtes Gemüt. Und so lag Berta die
ganze Nacht in den Armen ihrer Pflegerin, die mild auf sie einsprach und
die ihr Gesicht eng an des Kindes bleiche Wangen drückte, als wolle sie
alle bösen Geister davon abhalten.
Nach diesem Abend, der das Mädchen um viele Jahre älter machte, wurde
die kranke Gräfin mit der Amme in den runden einsamen Turm oben im Walde
gebracht, zu dem ein schattiger Waldpfad wohl eine Stunde lang vom
Schlosse emporklomm; so daß in den folgenden Nächten denen im Schlosse
unten ein neues Sternlein aufleuchtete, die Ampel im friedlosen
Schlafgemach der Gräfin.
Das Kind aber verblieb noch einige Monate im Schlosse. Es war sehr
nachdenklich und schreckhaft geworden, aus dem Schlafe schrie es oft und
verzerrte das Gesicht wie in einer großen Angst und stöhnte aus seinen
Träumen. Da wußte sich der Graf, dem das scheue Wesen seines Kindes
unheimlich war, nach langer Beratung mit seiner Base und dem Pfarrer
keinen andern Rat, als sie aus dem Hause zu geben. Und Berta kam zu den
Feldegg, armen Rittersleuten, die dem Grafen eine Meierei verwalteten
und die stundenweit vom Schlosse in einem Tale hausten; hier verblieb
Berta durch viele Monate.
* * * * *
Die ersten Wochen weilte die Base bei dem Mädchen. Dann aber fuhr sie
von dannen, da sie sah, wie wohl die neue Umgebung und die Güte der
Meiersleute auf das Gemüt des Kindes wirkten. Die waren brave Menschen,
denen von ihren Kindern nur ein Knabe geblieben war, Leon, der etwa
vierzehn Jahre zählen mochte, und sie freuten sich über die
Auszeichnung, nunmehr die Tochter ihres Herrn pflegen zu dürfen; was
ihnen in ihrer bedrängten Lage gewiß zum Vorteile gereichen mußte. Sie
waren einst selbst wohlbegütert gewesen, aber durch Wetterschäden,
allerlei Krankheiten und Unglück heruntergekommen, so daß sie gern ein
Lehen des Grafen empfingen.
Nun nahm sich also Frau Anna, Leons Mutter, des armen Grafenkindes mit
all der überschüssigen Liebe an, die ihren verstorbenen Kindern
zugedacht war; und sie verhätschelte und verzärtelte das Kind, das
anfangs solche Liebe gar nicht verstand; denn die brave Rittersfrau
wußte wohl um das traurige Geschick des mutterlosen Kindes und empfand
es in ihrem frommen Gemüte als eine himmlische Gnade, daß sie es nun
pflegen und ihm die Mutter ersetzen dürfe. Und ihrem Leon hatte sie in
einer jener fürs ganze Leben unvergeßlichen Stunden, da Herz zu Herzen
spricht, erklärt, wie unglücklich Berta trotz ihres Ranges und Reichtums
sei, da sie ohne Mutter lebe, und der gute, geweckte Knabe hatte als
Antwort und Beweis, daß er sie verstanden habe, die Mutter weinend und
wortlos umarmt und immer wieder an sich gedrückt und ihr dann
geschworen, er wolle die junge Gräfin wie ein Ritter schützen.
Und der Knabe hielt sein Versprechen. Er war schlank und wohlgebildet
und hatte jene pagenhafte Art, die Knaben von seiner Art die gröberen
Altersgenossen fliehen und die Einsamkeit mit ihrem Rauschen und Raunen
lieben läßt; so daß mit vierzehn Jahren viel mehr Dichter in den Landen
herumträumen, als das Leben später zuläßt. Er betrachtete das Grafenkind
mit bewundernder Scheu, weil sie viel Leids erlebt hatte und weil sie
des Grafen Kind war. Und er freute sich, daß sie in seinen Märchen so
gut die traurige Prinzessin oder verlassene Königin vorstellen konnte,
die auf ihren Ritter wartet.
Berta gab ihm denn auch gern ihre Hand, wenn sie in den Wald gingen,
gesittet wie bei Hofe, und lauschte seinen Worten, denn er wußte gar
manches, was sie noch nicht gelernt hatte. Und im dichten Waldesschatten
sitzend, erzählten sie einander von ihrem Leben.
»Ich will einmal was Großes werden,« sagte er, »der Vater möchte mich zu
einem Soldaten machen, aber ich will lieber ein Gelehrter werden oder
ein berühmter Arzt oder ein Papst, der in Rom wohnt. Und die Mutter,
meine liebe Mutter« ..... da unterbrach er sich aber, denn er hatte
einen flüchtigen Blick auf Berta getan und nun schwieg er betroffen
still. Die zwei großen, blauen Augen neben den seinigen taten ihm leid,
sie waren so traurig, und plötzlich schlang er den Arm um die Schultern
seiner Gespielin: »Du mußt immer bei uns bleiben, bei uns ist es schön
und, wenn ich ins Kloster komme, um zu lernen, mußt du an meiner Statt
bei der – bei dem Vater und der Mutter bleiben. Im Sommer kehre ich dann
immer wieder zu euch heim und dann wollen wir mitsammen in den Wald
gehen und ich will dein Lehrer sein. Willst du, willst du?« fragte er in
der eindringlichen Art von Kindern.
»Ja, ich will,« sagte sie. »Aber du mußt auch einmal zu uns aufs Schloß
kommen.« Dabei rückte sie noch einmal so eng an Leon heran und senkte
ihre Stimme und flüsterte ihm ins Ohr: »Und dann mußt du über den
dunklen Gang in das hohe Zimmer gehen, wo die arme traurige Frau ist,
und mußt ihr sagen, sie dürfe nicht so traurig sein und solle mit uns
kommen! Willst du, willst du?«
»Deine Mutter,« sagte Leon geheimnisvoll und stolz, daß er um das
Geheimnis wußte. »Ist das meine Mutter?« brachten die bleichen Lippen
Bertas mühsam hervor. »Ich habe keine Mutter! Wenn sie meine Mutter ist,
die arme, erschrockene Frau drüben, warum lassen sie mich nicht zu ihr?
Warum hat sie die Arme so vor sich ausgestreckt, wie sie mich
erblickte?« Und sie streckte die Hände weit von sich und machte das
entsetzte Larvengesicht wie damals, da sie bei der Kranken gewesen war.
Darauf wußte der Knabe aber keine Antwort, und sie saßen eng umschlungen
unter dem alten Baume, und sie weinte, während der Knabe die von Tränen
Erschütterte nur immer an sich hielt und streichelte.
»Mutter,« fragte Leon in der Dämmerung, da sie allein miteinander waren,
»Mutter, sprich, warum weiß Berta nicht, daß die kranke Frau in dem
großen Zimmer im Schlosse ihre Mutter ist? Warum weint sie und glaubt,
daß sie keine Mutter habe?«
Da stand die Mutter auf und holte Berta und sagte ihr mild und sanft,
daß jene bleiche Frau im Saale eben ihre Mutter sei, eine gute, liebe
Mutter, nur daß sie krank sei, denn ein Nebel habe sich vor ihre Augen
gesenkt, so daß sie weder den Grafen, noch auch ihr eigenes geliebtes
Kind sehen könne und immer nach ihnen begehre und sie herbei wünsche.
Wenn dann der Graf zu ihr käme und liebreich zu ihr spreche, dann glaube
sie ihm nicht, und kein Arzt habe sie bisher heilen können. Aber einmal
werde gewiß der große Arzt kommen, der sie erlösen und heilen werde!
»Und der werde ich sein,« sagte der Knabe.
»Du nicht, du wahrhaftig nicht,« sprach erschrocken die Mutter, »an dich
habe ich bei diesen Worten nicht gedacht, so sei Gott meiner Seele
gnädig und behüte dich!« Und sie bekreuzte den Knaben.
»Ich will aber Berten ihre Mutter gesund machen und Berta glücklich,«
trotzte der Knabe. »Und darum will ich im Kloster fleißig lernen und
dann noch lernen und immer lernen, bis ich ein berühmter Arzt sein
werde. Und dann will ich die Frau Gräfin gesund machen und Berta soll
sich freuen und lachen!« Und er fügte tiefsinnig hinzu: »Denn du mußt
wissen, Mutter, daß Berta noch nicht gelacht hat, seit sie bei uns ist,
und ich habe ihr doch schon die Geschichte vom dummen Peter erzählt,
über die du selbst immer lachen mußt!«
»Ich aber habe sie schon lachen gesehen,« sagte die Mutter. »In der
Nacht habe ich mich mit dem Kienspan in der Hand an ihr Bett gesetzt,
und da hat sie immer, wenn das Licht über ihr Gesicht huschte, aus dem
Schlafe gelacht. Siehst du, genau so wie jetzt, nicht laut, aber ihr
Gesicht hat gelacht. Und da hat sie sicher ein schönes Märchen
geträumt!« »Ja,« sagte Berta eifrig, »und Leon ritt auf einem Pferde und
es war Winter und das Pferd hatte Pelzschuhe an den Füßen!«
Da lachten sie alle drei und Bertas Stimme lachte laut mit.
* * * * *
Als der Herbst gekommen war und der Knabe von Berta Abschied nehmen
sollte, da führte er sie noch einmal in den Wald hinaus zu ihrem
Lieblingsplätzchen und sie waren beide beklommen und traurig.
»Du hast es gut, Berta,« sagte Leon, »du wirst den Winter über bei uns
bleiben, ich aber muß fort und kann erst in ein oder zwei Jahren wieder
zurück.«
»Warum in zwei Jahren?« fragte Berta erschrocken.
»Weil ich jetzt Chorknabe werden soll. Da muß ich auch über den Sommer
im Kloster bleiben. Aber vielleicht lassen sie mich im nächsten Jahre
noch heim und behalten mich erst übers Jahr im Kloster.«
»Ich will aber nicht, daß du wegbleibst!« sagte Berta fast zornig, »und
wenn ich es meinem Vater sage, so wird er es den Klosterleuten
verbieten!«
»Bis dahin hast du mich längst vergessen,« meinte der Knabe, »was liegt
dir denn an mir!«
Da schaute ihn das Mädchen mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an
und es mußte ihr sehr nahe gehen, denn langsam überzogen sich ihre Augen
mit einem feuchten Schimmer und der ward zu Tränen, die groß und schwer
über ihre Lider sickerten. Und sie konnte nichts sagen, kein Wörtlein,
weil ihre Lippen so zitterten. Der Knabe stand ganz ratlos neben ihr und
wußte auch nichts Gescheiteres zu tun und weinte auch. Und dann gingen
die beiden Hand in Hand und immer wieder aufschluchzend nach Hause.
»Daß nur die Mutter nichts sieht!« sagte Leon.
»Daß nur die Mutter nichts merkt!« schluchzte Berta. Und es war ihnen,
als ob nun ein schweres Geheimnis, fast wie ein Verbrechen, sie beide
noch enger aneinander kette, und wußten doch nicht, was sie getan
hatten. Und als Leon am nächsten Tage davonfuhr, da hob er, als die
Mutter unter dem Tore just wegschaute, die zum Beten gefalteten Hände
gegen Berta und sie nickte ihm voll Einverständnisses zu, obgleich sie
beide nicht wußten, was Geheimnisvolles sie damit ausdrücken wollten.
Und der Wagen verschwand im Walde.
* * * * *
Aber es kam doch anders, als die Kinder geglaubt hatten. Als Leon im
nächsten Jahre nach Hause fuhr und vom Berge oben die Meierei im Tale
unten friedlich liegen sah, da klopfte ihm das Herz fast schmerzlich bei
dem Gedanken, daß er nun Berta wiedersehen werde, nach der er sich das
ganze Jahr so sehr gesehnt hatte. Aber seine Lippen sprachen dabei die
Worte: »Liebe, liebe Mutter, wie sehn’ ich mich nach dir! Du liebe,
liebe ....« und schon sprachen die Lippen auch weiter – »liebe, kleine
Berta, wie wirst du mich mit deinen traurigen Augen ansehn!«
Dann aber erschrak er über den Verrat seiner Lippen und schloß die
Augen, um recht innig an die Mutter zu denken und jeden andern Gedanken
zu verscheuchen. Aber er mußte zwischendurch manchmal Berta sagen, oder
er kehrte das Wort um und sagte Atreb vor sich hin in spielerischer
Knabenart, Atreb und Noel, wie wenn sie beide aus der biblischen
Geschichte wären!
Der Wagen hielt vor dem Tore, der Kutscher hatte durch Peitschenknall
die Hofleute benachrichtigt, und da stand der Vater und lachte in den
Sonnenschein und die Mutter lief ihrem Buben entgegen. Nur Berta fehlte.
Und dann lag Leon in den Armen der Mutter und bekam vom Vater den Kuß,
der ihn von dem ernsten, zärtlichkeitskargen Manne immer so erregte, und
mußte viel erzählen und berichten, und dann ging er an Mutters Hand
durch die Zimmer und Ställe und Wirtschaftsräume und erfuhr alles Neue,
das sich auf dem Hofe begeben hatte.
In dem dunklen Gange hinter der Tenne nahm er sich ein Herz und fragte:
»Was ist denn auf dem Schlosse Neues? Lebt die Gräfin noch?«
Da huschte ein Lächeln über Mutters Gesicht und sie antwortete mild und
legte dabei ihre Hand auf Leons Haupt: »Berta kommt heuer nicht zu uns,
sie ist jetzt in ein adeliges Stift gegeben worden, wo sie einige Jahre
bleiben soll, um Sitte und höfische Art zu lernen. Und die Gräfin lebt
in dem Turme im Walde und ist nicht gesund geworden.«
Da senkte der Knabe sein bleiches Gesicht und die Mutter merkte wohl,
daß eine Hoffnung in seinem Herzen gebrochen sei; sie sah auch seine
zuckenden Lippen, da sie aus dem Dunkel traten. Sie drückte des Knaben
Haupt wärmer an sich und sprach: »Die arme Gräfin!« Als glaubte sie, daß
den Knaben das traurige Geschick der kranken Frau so schmerzte.
Und dann kam Leon wieder ins Kloster und wurde Chorknabe und im Jahre
darauf verfiel er in eine schwere Krankheit, von der er sich nur langsam
erholte, und er war einundzwanzig Jahre alt, als er das Kloster verließ,
um nach Italien zu ziehen und dort in den tiefen Schacht der
Wissenschaft hinabzusteigen.
Vorher aber blieb er noch einige Wochen zu Hause und die Augen seiner
Eltern blickten besorgt auf das bleiche Gesicht des schlanken Jünglings
und fürchteten sich vor der Trennung.
Die Pflicht erforderte es, daß Leon sich erst dem Förderer seiner
Studien, dem Grafen, vorstelle und ihn um weitere Gnade anflehe.
Und so ritt er denn eines Morgens langsam den Talweg dahin, nicht wie
ein Soldat, der er hätte werden sollen, sondern recht als ein Scholare,
müde auf dem Pferde sitzend und dem Rößlein ganz die Wahl der Gangart
überlassend; so daß die Sonne schon recht im Sinken war, als er das
weiße Schloß Eberstein erreichte.
»Ist der gnädige Herr Graf daheim?« fragte er den Pförtner am Burgtore.
»Der komme abends heim! Aber die Gräfin Berta sei zu Hause, ob der
Ritter nicht der sein Anliegen vorbringen wolle?«
»Wenn mich die Gräfin gnädig anhören mag?« sagten da seine Lippen. Aber
sein Herz war wieder ganz kindisch geworden und eine demütige Angst
quälte es. Denn er hatte doch oft in den letzten Jahren an jenen Sommer
gedacht, und die Erinnerung war ihm lieb und innigwert geblieben. »Und
meldet einen ehrerbietigen Gruß des Ritters Leon Feldegg von der Meierei
im Tale, ob sich die Gräfin seiner noch erinnern mag?«
Wenn nur sein Herz nicht so schmerzlich geschlagen hätte! Das tat es
seit der Krankheit immer, wenn er erregt war. Und jetzt hatte es doch
wirklich keine Ursache dazu! sagte sich Leon, als er allein war. Die
Kinderträume paßten doch wahrhaftig nicht mehr in sein gelehrtes Haupt.
Ob sie wohl noch der Wochen in der Meierei gedenken möchte! Und er sah
Berta neben seiner Mutter stehen, als er damals ins Kloster gefahren
war, und er sah ihr nachdenkliches Kindergesicht ihm zuwinken. Da kam
aber auch schon der Pförtner und führte ihn ins Schloß, wo ihn die junge
Gräfin erwarte.
* * * * *
Sie trat ihm an der Schwelle des großen Zimmers entgegen, darin sonst
ihr Vater seine Geschäfte zu erledigen pflegte. Es war dunkel auf dem
Gange und er konnte im ersten Augenblicke, nachdem er sich tief verneigt
hatte, ihr Gesicht nicht sehen; wohl aber sah er gegen die Helle des
Zimmers eine große Mädchengestalt und hörte eine holde Stimme: »Tretet
ein zu mir, Ritter Leon!«, die ihm wie ein Orgelton durch die Seele
ging. Und nun er hinter ihr in den hohen Saal eintrat, umfing sein Blick
verwundert und ungläubig ihre schlanke, edle Gestalt, und er errötete,
da sie sich ihm zuwendete und er ihres Busens sanfte Wölbung streifte,
weil es ihm ein Wunder schien, daß die Jungfrau das Kind von damals sein
sollte. Und ihm ward bang und weh bei diesem Gedanken.
Dann standen sie einander gegenüber und sahen einander an. Er stammelte
einige verlorene Worte von Dankbarkeit, von Schuld und Pflicht, bis sie
ihm die Hände entgegenstreckte und ihn herzlich begrüßte. Sie erinnerte
sich seiner so gut aus jener Kinderzeit, wenn er freilich indessen auch
ein Gelehrter geworden sei, der an ernstere Dinge denken müsse als an
jene Kindertage. Sie sagte dies alles mit ihrer dunklen Stimme und so
vollendet und überlegen, daß Leon, verwirrt und erstaunt, seiner Worte
nicht mächtig war und endlich mit wärmerer Betonung, als der Sitte
entsprechen mochte, erzählte, wie oft er jener Zeit gedacht und wie er
bei jedem: Ave Maria, Mutter ...., aber da stockte er, denn er hatte
sagen wollen, daß er bei seiner Rückkehr ins Kloster damals als Knabe
sich vorgenommen habe, beim Worte ›Mutter‹ im Vaterunser immer an Bertas
Mutter zu denken, und daß er diese Sitte dann schon aus Gewohnheit
beibehalten habe. Nun erschrak er, da ihm dies Geständnis entfliehen
wollte, er wurde rot und sein Herz fing wiederum zu zerren an, daß er
tief atmen mußte, um es zu meistern.
Gräfin Berta hatte ihn rot und bleich werden sehen, und, fast ohne daß
sie es wußte, trat sie ganz nahe an Leon heran und fragte ihn, ob er
auch immer wohl gewesen sei und wie es Mutter und Vater ergehe, und ob
die liebe Frau Anna noch so munter sei. Da konnte er denn viel und
freudig berichten, wenngleich es ihn bedrängte, daß er nicht nach Bertas
Mutter im Turme oben fragen solle.
Und dann sagte er unvermittelt: »Ich will mir jetzt von Eurem gnädigen
Herrn Vater die Erlaubnis erbitten, nach Italien an die hohe Schule zu
gehen, die Geheimnisse der Medizin zu erfahren und ein Arzt zu werden.«
»Wie Ihr Euch schon damals vorgenommen habt,« sagte Berta. Dann
schwiegen sie eine Weile still, plötzlich füllten schwere Tränen Bertas
Augen und mit zuckenden Lippen sprach sie: »Ich danke Euch!«
Und als ob die Tränen auch gleich ihr ganzes Leid vor ihre Seele
brächten, fuhr sie fort: »Leon, Ihr wißt ja nicht, wie unglücklich ich
bin!«
»Gräfin Berta, liebe, liebe Berta, Ihr unglücklich?! Und ich denke Euch
in Stolz und Glück! Was quält euch, Berta, liebe Gräfin Berta, sagt mir,
was macht Euch unglücklich?«
Leon schien es, als ob Berta wanke, und er fing die Bebende auf: »Wenn
ich Euch helfen könnte! Meine arme, liebe ...«
Da richtete sie sich empor, ihre Augen waren voll Angst und sahen
hilflos und hilfesuchend in die Augen Leons: »Wer könnte mir helfen! Ich
schreie nach Mitleid, nach ein wenig Mitleid und Güte und man gibt mir
kaltes Geschmeide und leere Worte und Kleider. Ich bin unglücklich!« Und
die Augen mit den Händen bedeckend: »Unglücklich!«
Und da verschwanden zwischen ihren eng aneinander gedrängten Körpern wie
in einer Versenkung die Jahre, seit sie einander nicht gesehen hatten,
und das Kind Berta lehnte wieder an der Brust des Knaben Leon, sie
fühlten, daß sie aufeinander all die Jahre gewartet hatten. Und er
sprach in ihr abenddunkles Haar, das seine Lippen berührten, immer die
gleichen Worte des Mitleids: »O du mein armes, liebes Liebes!«
Sie kämpfte mit den Tränen, die sie erschütterten, und suchte ein Wort
und konnte keines finden, das ihre Lippen erschlossen hätte, so fest
drückte das Leid sie aufeinander, und endlich hatte sie das Wort
gefunden und schrie es aus ihrer Seele empor: »Mitleid! Nur ein
Tränentröpflein Mitleid!«
Da führte er die Erregte zu dem breiten Stuhle, wohl des Grafen Sitz,
wenn er die Verwalter oder Bauern verhörte, und ließ sie sanft
niedergleiten. Er kniete zu ihr nieder und sprach still und mild auf sie
ein. Und sprach so still und sanft, daß sie plötzlich die Stimme seiner
Mutter nach langen Jahren hörte und daß ihr Herz sich beruhigte.
»Wann wollt Ihr mir Euer Leid vertrauen, daß ich über Eure Rettung
sinne?« fragte er. »Wann kann ich Euch wiedersehen?«
»Morgen, bei der Mutter Turm, beim Abendglockenläuten!« sagte sie.
Und dann erhoben sie sich, sie standen einander gegenüber Hand in Hand
und ihre Augen ruhten lange ineinander. Sie sagten nichts als ihre Namen
und wußten doch, daß sie einander alles, alles gesagt hatten......
Und Leon war es, als er dann allein in dem Saale auf den Grafen wartete,
als ob die Wände ihm immer noch die Worte Berta und Leon zuriefen, und
er hatte keinen andern Gedanken und hörte entzückt auf diese einfache
Melodie.
Dann sprach er mit dem Grafen nicht mehr als der schüchterne Scholare,
er sprach offen und frei mit ihm als ein Ritter, und der Graf verhieß
ihm auch fürder Schutz und Unterstützung.
Das Rößlein aber wunderte sich, als Leon in den Abend hinein heimritt,
wie sich der Ritter so verändert hatte. Und wenn es auch nicht verstand,
was er mit den Worten ›mein Rößlein in Pelzstiefeln!‹ meinte, so mußte
es doch etwas Liebes sein, denn dann streichelte der Ritter ihm gar
zärtlich den Hals. Und seine Glöcklein klangen hell durch die Stille.
* * * * *
Als Leon nachts heimgekommen war, da war sein Herz so voll Hoffnung,
weil das holde, schlanke Mädchen sich ihm so warm vertraut hatte, daß
der jugendliche Stolz über den Empfang ihrer Liebe ihn fast jubeln
machte. Aber langsam fiel, Tropfen auf Tropfen, Leid in seinen Becher,
Leid über das unbekannte Geschick seiner Herrin, Leid, das seine Seele
erzittern ließ, innigstes Mitleid mit der Geliebten, daß er die Stunde
des Wiedersehens nicht so sehr aus Sehnsucht nach dem Angesicht seiner
Erwählten herbeiwünschte, als aus dem Verlangen, ihr Gutes zu sagen,
ihre Hände zu streicheln und ihres Leides Ursache zu erfahren, um ihr
beizustehen. Denn der Mutter Siechtum allein konnte es jetzt wohl nimmer
sein, was sie so schmerzlich erregte.
Nachmittag klomm denn sein Pferd den steilen Weg zum runden Turm hinan,
der über die Tannen emporragte. Dann schwang sich Leon aus dem Sattel,
wand die Zügel um einen Stamm und schaute zum Turm empor, der auf dem
Gipfel des Berges Wache stand und weit ins Land hinausblickte.
»Wie viel Elend du birgst,« sagte Leon halblaut vor sich hin, »Elend für
deine Bewohnerin und tieferes Leid für das arme Mädchen, das so würdig
wäre, glücklich zu sein und ihre schönen Augen von deiner Höhe über
ihres Vaters Land schweifen zu lassen.«
Dann trat er zwischen den Bäumen hervor und setzte sich auf die
Steinbank, die, aus seinen Quadern gebildet, den Turm umgriff und mit
Moos überwachsen war. Dort unten sah er das weiße Schloß und in jenem
Tale drüben mußte seiner Eltern Haus stehen; aber er konnte es nicht
finden. Und von fernher schwang sich der Abendglocke Klang über die
Wipfel, daß er fromm seine Hände faltete. Und als er »Ave Maria, Mutter
....« sagte, da hörte er den Huftritt eines Pferdes, er stand auf und
half Berta aus dem Sattel.
»Bist du so allein durch den Forst geritten?« fragte er besorgt. Und
sie fühlten gar nicht, daß sie einander von jetzt ab wieder du sagten;
so innig hatten beide seit ihrem Wiedersehen aneinander gedacht und so
ununterbrochen im Herzen zueinander gesprochen.
»Wen sollte ich fürchten? Wer viel innerlich Leids erlebt, lacht der
sichtbaren Gefahren!« Und als fühlte sie den Wert jedes Augenblickes,
als fahre sie in einer oft durchdachten Rede zu sprechen fort, warf sie
sich jetzt leidenschaftlich an Leons Brust, sie dämpfte den Laut ihrer
Stimme nicht, sie loderte ihm züngelnd entgegen: »Meine Mutter ist mir
mehr als gestorben, wenn sie auch da oben im Turmgemache atmet! Und mein
Vater, höre, Leon, mein Vater haßt mich, ich bin ihm zu viel, ich
hindere ihn, wenn er sich auch durch mich wenig hindern läßt. Du guter
Leon, wenn du wüßtest, wie unendlich viel Schmach und Schimpf ich dulden
muß, wie oft ich mich in meiner Mutter früheres Krankengemach flüchte
vor den Blicken der, der ..« ihr Mund sträubte sich, das Wort zu sagen –
»der Schamlosen, die mir den Vater geraubt hat, die im Tore stand an
seiner Seite, da ich mit meiner Sehnsucht im Herzen aus dem Stifte
heimkehrte, die von meiner Mutter in Worten spricht, daß ich vor Leid
vergehen möchte, indes der Vater seinen Humpen schwingt und ihr zulacht!
Leon, ich ziehe mit dir, ich ziehe mit dir, wohin es auch sei, wie
könnte ich denn jetzt allein hier weiter leben!«
Sie schwieg erschöpft und ihre tiefen, blauen Augen blickten sehnsüchtig
und hoffend zu ihm empor. Da hörte sie von seinen stummen, zuckenden
Lippen ungesprochene Worte in ihr Ohr klingen, Worte der Liebe und des
Mitleids, und sie lächelte glückselig, da sein Mund sich auf den ihren
senkte.
Und dann setzten sie sich eng aneinandergelehnt auf die Bank und ihre
Rede war immer das eine Wort »ich liebe dich« und »ich liebe dich«, und
in ihren Küssen war Sehnsucht und Dank und Erfüllung, bis sie scheiden
mußten.
* * * * *
Leon hatte beim Heimreiten lange überlegt, ob er der Mutter von seiner
Liebe erzählen solle; denn er fühlte, daß ihr daraus viel Sorge
erwachsen würde. Aber er wußte auch, daß er allein zu schwach sei, eine
Entscheidung zu treffen. Hatte ihn doch schon eben in allen den süßen
Augenblicken des Glückes beim Turme fast störend der eine Gedanke
gequält, daß Berta mit ihm fliehen wollte. Was ihn hätte beglücken und
entzücken sollen, sein Blut zum Sieden hätte bringen müssen, das
beunruhigte ihn, das störte ihm sein Glück. Die Gefahren der Reise, der
Haß und die sichere Verfolgung des Grafen, das Ungemach für seine Eltern
und viel Unausgedachtes und rasch beim Aufkeimen in seiner Seele
Unterdrücktes: eine Fülle von ungewohnten, peinigenden Vorstellungen
drängte sich nun zwischen seine Liebe und die Geliebte. »Ich kann doch
nicht wie mit einer Vagantin mit der Grafentochter herumziehen!«
wiederholte er. Und so kam er zu Hause an.
Vater war noch im Forsthause draußen und so saß er mit der Mutter allein
in der Stube; und langsam, langsam kamen ihm die Worte von den Lippen,
die hellen und die dunklen, seine Hoffnungen und Sorgen.
Die Mutter hatte sich wohl gedacht, daß Leon seiner Kinderträume nicht
ledig geworden sei, nun hörte sie auch von Bertas Liebe zu ihrem Sohne.
Sie sann dem Gehörten eine Weile schweigend nach, dann ließ sie die
Hände in den Schoß fallen.
»Ihr seid jung und liebet euch,« sagte sie dann, »so müßt ihr auch den
Mut für eine Liebe haben! Und ihr werdet viel Liebe, viel Mut und viel
Ausdauer brauchen!«
»Und soll ich Berta jetzt mit mir nehmen?« fragte Leon hastig.
»Deine Frage, mein Junge, ist schon Antwort genug!« sagte die kluge
Frau. »Sie wird nicht mehr davon sprechen! Aber vielleicht läßt sie ihr
Vater, nachdem du weggeritten, zu mir, und, wenn sie nicht für längere
Zeit bei uns leben kann, sie wird schon Wege finden, zu mir zu kommen!
Und wenn du Gelegenheit hast, uns einen Brief zu senden, dann wird sie
wohl ein Brieflein dabei finden!«
Leon hatte erleichtert genickt, er hatte, da er ihre Hände küßte,
gefühlt, daß er ihrer würdig werden müsse und daß ihn diese edle Frau
nicht mehr als Knaben, sondern als Mann wiedersehen solle. Er reckte
sich empor, er dachte an Berta und fühlte sich stark und sicher.
Dann kam er mit Berta noch mehrere Male zusammen und die Mutter hatte
recht gehabt. Berta scheute sich, auf ihre Worte beim ersten
Zusammentreffen zurückzukommen, sie sprach nicht mehr davon und dankte
im Herzen Leon, der so feinfühlig war, sie nicht beschämen zu wollen.
Sie umarmten und küßten einander beim tränenvollen Abschied und
gelobten sich ewige Liebe und Treue; er erzählte ihr von seiner
Gewohnheit beim Aveläuten und sie versprachen einander, den Abendglocken
ihre Grüße mitzugeben, daß die sie einander entgegen schwängen. Und dann
wandte sich Leon zum letzten Male auf dem Pferde um und nahm ihr letztes
Schleierwinken in seiner übervollen Seele mit nach Italien.
* * * * *
Er hatte vorerst zwei volle Jahre auf der welschen Universität bleiben
wollen. Die ersten Monate hatte ihn die wache Erinnerung an seine Braut,
wie er sie in seinen Zwiegesprächen mit seinem Herzen nannte, aufrecht
erhalten. Dann hatte er einen hochgelehrten Lehrer gefunden, dem er das
Leiden der kranken Gräfin vorgetragen, und dem der Casus viel Nachdenken
und gründliches Meditieren verursacht hatte. Denn er hatte den deutschen
Studenten lieb gewonnen und wollte ihm gern helfen. Er hatte ihm denn
endlich auch ein Arkanum für die Gräfin versprochen und dabei den
einsilbigen Scholaren selbst in seine Kur genommen, nachdem er seinen
Puls lange geprüft und ihm wiederholt zur Ader gelassen hatte. Denn
Leon fühlte sich matt und schrieb dies dem schlaffen Süden zu, indes
wohl sein Heimweh nach dem Norden und sein altes Herzübel an ihm zehren
mochten.
Als es denn nach ein und einem halben Jahre wieder Frühling werden
wollte, da kam ein unstillbares Drängen über ihn, daß er seinem
gelehrten Meister erklärte, er müsse wieder nordwärts ziehen, ihm sei,
als ob ein geheimer Zauber ihn heimdränge; ob der verehrte Lehrer ihm
nun das Mittel für die kranke Gräfin schon jetzt geben könne.
Da führte ihn der Gelehrte in seine Studierstube und brachte zwischen
allerlei seltsamen Kolben und Gefäßen eine Tafel hellen Fensterglases
hervor, die in einem Bleirahmen gefaßt war.
»Dies Glas, das dich so unscheinbar dünkt, nimm mit nach deiner Heimat.
Und hänge es vor das Fenster des Turmgemachs, darin deine hohe Kranke
dahinsiecht. Sie wird durch dieses Fenster schauen, und ich verrate dir,
es ist ein wunderbares Glas mit geheimen und tiefen Tugenden begabt, das
die übergroße und dem gemeinen Laienverstande darum krankhaft scheinende
Sehnsucht aus den Augen der Hindurchschauenden ziehet, und so sie lange
genug durch das Glas geschaut haben wird, Wochen, Monde, und vielleicht
Jahre lang, dann werden ihre Augen klar und sie wird geheilt sein!
Vergiß aber eines nicht, wenn du jetzt heimreitest. Du darfst dieses
künstliche und außerordentliche Glas nicht etwa einem Knechte in die
Hand geben oder gar in deinen Halftersack stecken, das könnte sich an
der zarten Komplexion seines Aufbaues sündhaft rächen, sondern mußt es
in Händen nach Hause bringen, daß ihm kein Leids geschehe und es immer
an der Luft sei. Und wenn die Heilung naht, dann wird das Glas selbst
der Herold sein durch seine Farbe! Und nun reite heim und möge das
heiltüchtige Fenster auch deinen schwachen Körper stärken und
kräftigen!«
Leon dankte seinem Meister in heißen Worten und versprach ihm, so ihn
hoffentlich bald wieder ein beglückteres Ziel hierher führe, ihm zu
berichten und würdiger zu danken; wobei er ein überaus heiteres Bild vor
Augen hatte.
So zog er von dannen und ritt als ein gar seltsamer Reiter nach Norden.
Er hielt die Glasscheibe in Händen vor sich hin oder stützte sie aufs
Knie, wenn eine Hand den Zügel ergreifen mußte. Auch stieg er auf den
beschwerlichen Alpensteigen vom Pferde, den Zügel um den Arm
geschlungen, und ließ das Rößlein hinter sich hertraben, indem er wie
eine Monstranz das Glas in Händen trug. Viele Wochen vergingen so, ehe
er jenseits der Alpen war, und viele Wochen, ehe er sich seiner Heimat
näherte. Und je müder er wurde, je schmäler und dunkler sein Gesicht, je
öfter er Halt machen mußte, um sein fast versagend Herz zu beruhigen, um
so heißer ward seine Sehnsucht nach Hause, da ihn eine große und
schmerzliche Angst gefangen hielt; in welcher Sehnsucht und Angst ihm
das Bild seiner Geliebten verloren ging also, daß er Tage und Nächte
lang versuchte, sich daran zu erinnern, ohne dazu imstande zu sein. Und
krank und elend, mit Armen, die vom ewigen Halten des Heilfensters fast
zu Holz verdorrt waren, mit einem Herzen, das eine bleischwere Müdigkeit
am Schlagen hinderte, kam er eines Morgens vor die Täler seiner Heimat.
* * * * *
Er hatte daran gedacht, erst seine Eltern zu begrüßen, seine geliebte
Mutter zu umarmen und seinem lauschenden Vater von seinen Studien und
dem wunderseltsamen Italien zu erzählen; und gleich zu erfahren, was
auf dem Schlosse Neues sich begeben; denn er hatte nun viele Monde lang
keinen Brief von Hause bekommen und wußte nicht, ob sein Schreiben je in
die Hände seiner Mutter und seiner Braut gelangt war. Als er aber in dem
Tale dahinritt, von dem aus die Wege nach seinem Elternhause und dem
Schlosse abzweigten, da war ein auffällig großes Leben auf der Straße,
viele Wagen fuhren dahin und Edelknechte ritten an ihm vorüber, als ob
gerade heute Gerichtstag auf dem Schlosse wäre. Da stieg er, immer von
seiner großen Angst gepeinigt, vom Pferde und setzte sich an den Weg,
jemanden zu fragen. An einen Ritter wagte er sich nicht, da er vom
langen Reiten verstaubt und gering aussah, und so erbat er von einem
Bäuerlein Bescheid, was Ursach das Leben auf der Straße habe. Der
schaute ihn schier ungläubig an, ob er denn nicht wisse, daß morgen die
Hochzeit sei.
»Die Hochzeit?« zitterten die bleichen Lippen Leons.
»Nun, des Landgrafen Hochzeit mit der Tochter unseres Grafen,« sagte
gleichmütig der Bauer und wollte weitererzählen. Aber er blieb mit
offenem Munde stehen, da der Frager aufgesprungen war und die
verstaubte Tafel in seinen Händen als einen Schild vor sich hielt.
»Berta? Berta?« schrie er dabei; und er sah so verändert und nicht von
dieser Erde aus, daß dem Bauer angst und bange wurde und er mit großen
Schritten weglief. Leon aber war indessen schon einem anderen Wanderer
entgegengelaufen, er fragte auch ihn, was auf dem Schlosse sich begebe.
Und er hatte kaum die Antwort gehört, so lief er drei Weibern entgegen,
die mit schweren Körben bepackt, daherhumpelten, und die antworteten ihm
gar nicht erst und hielten ihn für trunken, weil er so seltsam
schwankte, und riefen ihm zu, daß morgen erst Freibier auf dem Schlosse
fließen werde; da möge er sich nur für morgen seinen Saufsack ordentlich
ausleeren! Leon aber sagte ganz geistesabwesend immer nur »meine Braut,
meine Braut!« und »so etwas ist doch nicht möglich!« und dann stieg er
mühselig auf sein Pferd und wollte es in einen rascheren Trab bringen;
wozu das arme, müde Tier aber nicht zu bewegen war.
So saß er auf dem Gaule, hielt das Glas in seinen steifen Händen und
ritt auf dem Waldpfade gegen das Schloß, indes die andern auf der
breiten Straße blieben. Er sah nicht, daß er endlich seinen seit
Monaten ersehnten, geliebten Wald erreicht hatte, er hörte nicht das
Rauschen seiner Bäume, darnach ihn so heiß verlangt hatte, und schaute
abwesend den Lerchen nach, die sich jubelnd in den Äther warfen.
»Das ist der Schluß!« sagte er den Bäumen, und die nickten dazu, »das
also ist der Schluß!« Als er aber gegen Mittag das weiße Schloß zwischen
den Bäumen durchblitzen sah, da blieb das Pferd von selbst stehen, und
da Leons Augen die weißen Mauern erschauten, da war das Weh zu groß in
ihm, da blendete ihn das grelle Hell des Schlosses zu stark und er
weinte, daß das Pferd sich immer wieder nach seinem Herrn umschaute. Der
stieg denn aus dem Sattel, legte das Glas neben sich hin und schluchzte
in das Moos auf der Erde. Und das Rößlein beschnupperte seinen Herrn und
verstand ihn nicht.
* * * * *
Leon hatte sich endlich aufgesetzt, ein irres, wehes Lächeln war um
seine Lippen, und immer wieder sagte er kopfschüttelnd: »So etwas ist
doch nicht möglich, das gibt es doch nur in Liedern, so die Burschen am
Abend in den Dörfern singen:
Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
Kam just der Hochzeitszug heraus,
Feinsliebchen unter dem Schleier.«
Er sang die Strophe leise und schwermütig vor sich hin und dann lachte
er laut auf. »Das also ist die ewige Treue, die sie mir geschworen, das
ist die Liebe, die mich Narren stündlich ihrer gedenken ließ. Gott im
Himmel droben, was kann ich denn jetzt noch tun? Soll ich vor sie
hintreten, daß sie mich höhnt und fragt, wer der schmutzige Knecht sei,
der es wagt, die Landgräfin mit sinnlosen Worten zu belästigen? Und soll
ich warten, bis sie mit ihrem feinen Vater mich vom Hofe peitschen läßt?
Ich Narr, der ich ihre Augen für wahr nahm, ihre Küsse für rein! Aber
ich muß ihr doch sagen, daß sie eine Gauklerin ist, ich muß es ihr
sagen, daß ich sie erkannt habe! Und wenn es nur wäre, daß ich ihre
Hochzeit störe, ich muß, ich muß mit ihr sprechen! Aber wie kann ich an
sie herankommen? Wie wird sie heute unter ihren Brautkleidern und
Hochzeitsgeschmeiden für mich zu sprechen sein! Ich will ihr einen Brief
schicken!« rief er vom Boden sich erhebend, »ich schreibe ihr einen
Brief! Daß ich das Heilmittel für ihre Mutter bringe. Ich bestelle sie
zum Turme, dort will ich ihrer warten, ich habe ja Zeit, dort will ich
ihr ins Gesicht ...«
Er erschrak vor seiner lauten Stimme, dann nahm er seine Schreibtafel
und schrieb ihr in hastigen Worten von seiner Rückkunft, wie er sich
freue – Tränen liefen ihm in seine Zeilen –, wie er sich freue, daß er
noch zur Hochzeit zurecht gekommen sei, und daß er für die Frau Gräfin
das versprochene Gesundmittel heimgebracht habe; und er fügte bei: denn
ich halte, was ich versprochen. Beim runden Turme wolle er ihr das
Arkanum übergeben; er werde bis zum Abend dort warten.
Dann suchte er seinen Beutel, ein letztes Geldstück funkelte ihm
entgegen, das nahm er mit dem zusammengefalteten Briefe und schlich bis
zum Tore des Schlosses. Und als er dort einen Diener sah, fragte er ihn,
ob er das Gold verdienen wolle. Er müsse nur sogleich dies Brieflein zur
Gräfin Braut bringen und ihm dann melden, ob er die Botschaft geheim
bestellt habe. Dann, als der Diener zurückkam und sein Goldstück
empfangen hatte, bestieg Leon sein Pferd, nun fühlte er fast Freude über
seine Rache und ritt den steilen Waldpfad hinan zum Turme. Und er hatte
die Glastafel in Händen, ohne sie zu fühlen, so gewohnt war er, sie zu
halten.
»Wenn meine Mutter wüßte, daß ich nun doch zur rechten Zeit gekommen
bin, wie würde sie mich in die Arme nehmen, wie würde sie mit mir
weinen!« Er klagte leise vor sich hin, er dachte an alle
Leidensstationen, die ihm noch bevorstanden, aber kein Gedanke war in
seinem Herzen, daß vielleicht Berta auch unglücklich sein könnte, daß
auch sie viel großes Leid erfahren, vielleicht größeres, als er ahnen
konnte! Eine ungeheure Bitterkeit erfüllte ihn, die Beschämung des
verschmähten Liebhabers und betrogenen Geliebten, er nannte sich Tölpel
und leichtgläubiger Tropf, und dabei hielt er die Glasscheibe in Händen
und hob sie bei jedem holperigen Schritte seines Pferdes, daß ihr ja
nichts geschehe. Und er sang mit zuckenden Lippen das Burschenlied:
»Und als er kam vor Liebchens Haus, Liebchens Haus,
Kam just der Hochzeitszug heraus,
Feinsliebchen unterm Schleier.«
Die Sonne senkte sich schon gegen die westlichen Berge, als er oben beim
Turme ankam. Er versorgte seinen Gaul und legte die Scheibe neben die
Bank beim Turme. Er selbst saß auf der Erde nieder und stützte seinen
schweren Kopf in die Hände. »Hier will ich warten. Ob sie wohl kommen
wird? Wenn nur mein Herz nicht gar so schmerzen wollte!« – Er hatte in
der Tasche noch eine letzte Brotrinde gefunden, daran kaute er nun, denn
er fühlte sich schwach zum Vergehen und eine schreckliche Mattigkeit
lähmte ihm die Glieder. »Mir ist zum Sterben,« hauchte er. Sein Kopf
fiel auf die Bank nieder, so lag er da und starrte vor sich hin.........
›Nur jetzt nicht sterben!‹ dachte er, ›nur jetzt nicht! Ich muß erst mit
Berta gesprochen haben, o! nur ein paar Worte, damit sie wisse, wie sie
mich elend gemacht hat!‹
So sterbensmatt er sich fühlte, so hob er sich doch ein wenig empor und
krampfte die Hände zusammen, denn er dachte, daß er Berta bei den
Schultern fassen, ihr seine Verachtung und seinen Fluch ins Gesicht
schleudern wolle. Er sah ihre Augen vor sich, die erschreckten, blauen
Augen, die entsetzt zu ihm aufblickten, und er fühlte, daß sie ihn in
seiner grenzenlosen, heißen Erregung bewundern und lieben müsse. Und
dann wollte er die Glasscheibe emporheben und ihr überreichen. Mit den
Worten des Meisters: ›Wenn jemand ein tiefes Leid erfahren und voll
Sehnsucht und verwirrter Liebe sei, dann solle er durch das Glas
schauen, Monde, Monde lang, dann werde die Sehnsucht in das Glas
übergehen und die Seele rein werden!‹ Und er wollte dann Berta sagen,
sie möge das Glas ihrer Mutter bringen, er gebe es ihr, wie er
versprochen, ob er gleich selber ....
»Nein, das will ich ihr nicht sagen,« stöhnte er, »daß sie den Triumph
nicht erlebe, mich gedemütigt zu sehen! Da will ich lieber vor ihren
Augen die Scheibe zerbrechen, in tausend Splitter, wie sie mein Herz
zerbrochen!«
Da hörte er Pferdegewieher; er erhob sich müde, müde und mit zerrendem
Herzen und da, er hob abwehrend die Hand, da stand Berta vor ihm.
»Leon,« schrie sie, »Leon, mein einziges Glück auf Erden, meine Hoffnung
und Zuversicht, Leon, mein Geliebter, du kommst mich retten,« und sie
weinte, sie schluchzte, sie umarmte ihn, sie drückte ihn stürmisch an
sich, sie küßte und liebkoste ihn, »du meine letzte Zuversicht, du mein
einzig Geliebter, Leon, Leon, mein Retter!«
Leon hing an ihrem Halse, er fühlte, wie seine Beine unter ihm
schwanden, er fühlte, wie sein Herz ihm die ganze Brust füllte, um die
Rippen zu zersprengen, seine Rechte schwamm durch die Luft: »Das ist zu
viel, das verdiene ich nicht, meine Braut« .....
Sie sah ihm ins Gesicht; es war totenbleich und mit Schweiß bedeckt, da
ließ sie seinen Körper auf die Bank niedergleiten: »Um des Himmels
willen, Leon, fasse dich, mein Gott, er wird mir doch jetzt nicht ......,
meine Hoffnung, mein Glück, Leon, mein Leon!«
Sie nestelte an seinem Wams, sie trocknete sein Gesicht, da ward ihm
leichter und endlich lispelte er ihr ins Ohr:
»Das Glück hat mich so schwach gemacht! O Berta, meine arme, liebe
Braut, ich bin unwürdig, erzähle mir nur rasch, was haben sie dir getan?
Um Gottes willen, sprich rasch, verzeih mir, Berta, verzeih mir, eh es
zu spät ist!«
Und sie legte ihren Arm unter sein Haupt, und in wahnsinniger Angst,
denn er keuchte wie im Fieber, erzählte sie ihm, wie ihr Vater den
einzigen Brief Leons, den sie erhalten, gefunden habe, wie er sie vor
den Dienern und seiner ...., vor ›ihr‹ mit einem häßlichen Schimpfwort
geschmäht, wie er sie verflucht und geschworen habe, sie solle bald auf
andere Gedanken kommen; wie sie dann gefangen gehalten wurde, wie sie
dann in die Stadt geschleppt und dem jungen Landgrafen zugeführt worden
sei und wie sie sicher Gift genommen hätte, wenn sie nicht immer noch
auf seine Wiederkunft gehofft hätte: »Und jetzt bist du da, mein lieber,
lieber Leon, und jetzt wird alles gut werden!«
»Alles gut,« hauchte Leon. Er wollte sich mühselig aufsetzen, aber er
glitt fast von der Bank, da faßte ihn Berta und unterstützte ihn, daß er
an ihrer Seite hing, den Kopf schwer an ihrer Schulter. Er wies mit der
Hand auf das Glasfenster und erzählte ihr mit stockenden Worten, was für
eine Bewandtnis es mit dem Glase habe.
»Mein einzig Geliebtes, meine Braut!« sagte er dann mit klarer Stimme,
»ich habe an dir gezweifelt, ich habe dich ob deiner Untreue verflucht,
dafür muß ich jetzt sterben. Du Reine, du Treue!« – Und mit der letzten
Kraft, die er fand, sagte er: »Küsse mich, vergib mir!« Dann griff er
nach seinem Herzen, »Mutter,« schrie er gequält und wund, »Mutter,« und
dabei wollte er Berta noch zulächeln, aber da streckte der Tod schon
seinen Körper, es war ihm, als ob er noch aufstehen könne, ihm zu
entfliehen, er erhob sich ein wenig, dann fiel er auf den Schoß Bertas
nieder, sein Kopf sank hintenüber, er war tot ...
Und Berta saß da, der Körper des Geliebten lag über ihren Knieen, ihre
Rechte stützte seinen Kopf, auf ihrer Linken lagen seine Kniee, und sie
beugte ihr Antlitz über sein Gesicht, über sein totes, entstelltes
Gesicht ...
Ringsum aber war Abend, tiefer dunkelblauer Abend im Walde, Waldfrieden
und heilige Stille. Und in diesem unendlich süßen Veratmen der Natur saß
Berta da, ihren ersehnten Geliebten als Leichnam auf den Knieen, ihre
Augen sahen verständnislos in sein Gesicht, ängstliche Seufzer eines
Kindes im Dunkel wimmerten von ihren Lippen. »Leon,« sagte sie, wie sie
den lieben Namen wohl tausendmal in den Abend gesagt hatte, »Leon!« aber
er antwortete nicht, obgleich er doch da auf ihren Knieen, schwer und
lastend, lag, und auf einmal wurde ihr klar, daß dieser Leon, ihr Leon,
ein Lebloses, Gewesenes sei. Ein rasender Schmerz lohte jäh in ihrer
Brust empor, plötzlich löste sich der Krampf in ihrer Kehle, sie atmete
tief auf, tief, als ob sie lange, endlos lange nicht geatmet hätte, und
dann stieß sie einen Schrei aus, wie ein gequältes Tier, schrie mit
entsetzlicher, ihre Kraft höhnender Stimme, einer Stimme, davor die
Vögel des Waldes flohen und die sie vor sich hertrieb wie ein
Gewittersturm, einer Stimme, die den Turm erschütterte und die in ihrer
furchtbaren Stärke nicht erlahmte, die jenseits des Tales drüben an die
Felsen anprallte und von dort zurückgellte; und sie schrie und wußte
nicht, daß sie schrie, es war ihre Erlösung und sie mußte schreien, auf
Leben und Tod schreien, jetzt das Haupt neigend, dem Toten in die tauben
Ohren, nicht Worte oder Sätze, nur ihren fürchterlichen Schrei, wie ihre
Mutter damals geschrieen hatte, da sie zum ersten Male in ihr Zimmer
getreten war, jetzt den Kopf in den Nacken werfend und zum Himmel
schreiend, emporstoßend den Schrei ihrer gequälten Jugend, ihrer
zerstörten Hoffnungen, ihrer verletzten Scham und ihrer Angst. Sie
schrie und wußte nicht, daß die Amme aus dem Turme getreten war,
emporgeschreckt durch die furchtbare Stimme, und daß hinter ihr, der
Amme unbewußt, die wahnsinnige, zum Skelett abgemagerte Gräfin sich zur
Tür geschlichen hatte. Und Berta schrie und sah den freien Platz vor dem
Turme sich mit Menschen füllen, sah Fackeln erschrockene Lichter und
gespenstige Schatten auf den Waldboden werfen und sah doch nichts und
schrie; ihr Schrei war heiser geworden, ihre Lippen waren geschwollen,
und jetzt ritt ihr Vater und ihr Bräutigam heran und sprangen von den
Rossen, denn sie waren der Entflohenen durch den Wald nachgejagt und
waren nun in das gräßliche Schreien hereingeritten, als ahnten sie, daß
sie hier die Gesuchte finden müßten. Der Graf war zurückgetaumelt, als
er seine Tochter sah und auf ihren Knieen den fremden Mann, den er nicht
kannte.
»O, du elende Dirne!« schrie er in seinem jähen Zorne, »hintergehst du
mich so?« und er stürzte sich durch den Kreis der Fackelträger zu der
Schreienden vor, er zerrte an dem Manne, den sie im Schoße liegen hatte,
daß er schwer zu Boden fiel, und da sah er, daß der Mann tot war, und
schlug eine fürchterliche Lache auf und schlug sich den Schenkel und
lachte: »So hab ich dich mit deinem Liebsten gestört! Herr Landgraf,
Euren Nebenbuhler fürchtet nicht, der gibt kalte Küsse, der tut Euch
nichts mehr in diesem Leben!«
Da hatte sich Berta schon über ihren Geliebten geworfen, sie deckte ihn
mit ihrem Körper zu und wehrte dem Vater mit der drohend erhobenen
Rechten.
»Rührt ihn nicht an, wagt nicht ihn anzurühren!«
Eine atemraubende Erregung hielt alle gefangen, alle Blicke starrten auf
die drei, den Vater, die Tochter, und ihren toten Geliebten, und niemand
merkte, wie aus dem Turme eine hagere und gebeugte Greisin sich
wegschlich, mit Blicken aus einer anderen Welt die beleuchtete Gruppe
anstarrend, und dann im dunklen Walde verschwand ....
Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf
die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und
verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute
glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und
konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann
beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann
die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich
zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten
nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom
anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der
bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und
bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und
sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren
Teil haben!«
Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war
finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten,
warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort
fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr
ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie
beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und
zogen zu Tale.
* * * * *
Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder
schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen
hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die
Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und
Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter.
Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und
wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als
vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe
ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr
Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer
Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter
Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne
streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt
durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.
Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß
Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß
und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert
hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen
gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre
erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen
waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider
über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich
vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und
der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der
Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie
ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber.
Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer
wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die
Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust
sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das
Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße
Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der
Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern
verborgen.
Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte
sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote,
indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen.
Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod
Bertas zu melden.
Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.
* * * * *
Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie
ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale
träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein
an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der
Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.
Und als ich mich damals im Sommer von dem Grabmale erhob, um wieder in
den rauschenden Wald einzutreten, da schaute ich noch einmal zu dem
blauen Fenster empor und dachte mir, wie es so vollkommen zu der Liebe
und Güte der Mutter Leons passe, daß sie in das neuerbaute Kirchlein
oben am runden Turme die wundersame Glastafel gespendet hat, durch die
nun der Sonnenstrahl so freundliche Lichter auf das Angesicht der
Schlummernden zaubert....