Aber sie wußten es schon lange. Zwei graue Wölfe saßen unter

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Anmerkungen zur Transkription:

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion

des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche

Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Das Kapitelverzeichnis ist an den Anfang des Textes verschoben worden.

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~gesperrt gedruckter Text~

+antiqua gedruckter Text+

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[Illustration: Das Lagerkind

Von

Charlotte Niese]

Die Buchausstattung ist von

Else Mehrle. Die Zeichnungen

zu diesem Bande sind von

Hans Schroedter. Druck von

Oscar Brandstetter, Leipzig.

+Copyright by Jos. Scholz+,

+Mainz 1914+

~Alle Rechte vorbehalten.~

[Illustration:

Das

Lagerkind

Geschichte aus dem deutschen Krieg]

Von

Charlotte Niese

Verlag von

Jos. Scholz in Mainz]

Kapitelverzeichnis.

Seite

Erstes Kapitel 5

Zweites Kapitel 19

Drittes Kapitel 34

Viertes Kapitel 45

Fünftes Kapitel 65

Sechstes Kapitel 95

Siebentes Kapitel 113

Achtes Kapitel 124

Neuntes Kapitel 150

Zehntes Kapitel 167

[Illustration]

[Illustration: Erstes Kapitel]

Die meisten Bewohner des Deutschen Reiches werden wissen, daß sich

die Elbe in die Nordsee ergießt, und daß die erste Handelsstadt

Deutschlands, das freie Hamburg, an den Ufern dieses Flusses liegt. Wer

von Hamburg abwärts in die graue Nordsee fährt, der sieht zu seiner

Rechten Holstein liegen, und an seiner Linken Hannover. Gleich hinter

Hamburg erhebt sich die holsteinische Stadt Altona, und ihr folgen eine

Reihe von hübschen Landhäusern. Das Ufer ist steil: von oben winken

Kirchtürme und Ortschaften: endlich kommt Blankenese, das noch heute

von Fischern bewohnt wird, darum aber gewiß kein Fischerdorf, sondern

ein aufstrebender Ort, größer als manche Stadt, ist. Weiter geht die

Fahrt. Überall Häuser, Ortschaften, Städte, bis die Nordsee erreicht

ist. Ja, Holstein ist ein schönes Land: wer es kennt, der weiß davon

zu berichten: aber auch Hannover, das andre Ufer, kann sich wahrlich

sehen lassen. Mit seinen aufstrebenden Städten, seinen reizenden

Dörfern, seiner roten Heide.

Ein gesegnetes Land: so sagen wohl die Menschen, die alles zuerst

sehen. Manchmal wundern sie sich: denn die da aus dem schönen Süden

kommen, denken wohl, im Norden gäbe es nur Eisbären und Wölfe.

Die Zeiten sind vorüber. Obs Eisbären vor grauer Zeit in

Norddeutschland gegeben hat, kann ich nicht sagen. Aber Wölfe hausten

hier noch vor knapp dreihundert Jahren. Damals, als der große Krieg,

den man den Dreißigjährigen nennt, das Land verwüstete.

Das war eine böse Zeit. Dazumal war die Ortschaft Altona sehr klein,

und die Hamburger lachten über sie. »All to nah --« neckten sie die

Fischer und Bauern, die sich dort angebaut hatten. Denn die Hamburger

fanden es unnötig, daß die holsteinischen Landesherren dicht vor ihren

Mauern eine Ortschaft aufstreben ließen. Wiederum aber sahen sie ein,

daß man es den Fischern und Bauern nicht verargen konnte, wenn sie sich

hart an den Fluß bauten, der ihnen nicht allein reichliche Fische,

sondern auch die Möglichkeit gab, einige kleine Reisen zu machen. Das

ging am besten auf dem Wasser. Zwar gab es wohl Landstraßen, die das

Land durchzogen, aber sie waren nicht gut im Stand, und dann erhob sich

auch, gleich hinter dem Dorfe Ottensen, das westwärts an Altona stieß,

ein großer Wald, in dem es nicht geheuer war. Es lagen auch hier, von

Wald umfriedet, mehrere Bauernhöfe und einige Dörfer, in denen es sich

zu Friedenszeiten gut leben ließ: wie aber das Kriegselend kam, da

gehörte schon Mut dazu, sich allein aus dem Schutz der Städte zu wagen.

Zuerst hatte der böse Krieg den Holsteinern und Hannoveranern nicht

viel getan. Sie hörten wohl von großen Schlachten und vielem Herzeleid,

das sich in andern Gegenden abspielte, aber diese Geschichten drangen

mehr aus der Ferne zu ihnen, und sie dachten nicht viel darüber nach.

Bis es dem Dänenkönig, dem Holstein gehörte, einfiel, sich auch an

diesem mörderischen Kriege zu beteiligen. Es erging ihm schlecht.

Er hielt sich auf seiten der Schweden; da fielen die Kaiserlichen

in Holstein ein und hausten dort grausam, wie es ihre Art war. Die

Schweden, die sie vertreiben wollten, gingen gleichfalls nicht

säuberlich mit den armen Schleswig-Holsteinern um, und wo die Dänen

erschienen, benahmen sie sich oft eben so schlecht wie die Feinde.

Da war es denn nicht zu verwundern, daß das Land verwüstet und

menschenleer wurde. Wer konnte, der floh in die Städte; aber viele

arme Bauern wurden von den Soldaten erschlagen und vielleicht vorher

noch zu Tode gepeinigt. Und auch denen, die auf den Ritterburgen

des Landes saßen, erging es nicht besser. Konnten sie sich nicht

verteidigen, oder wohnten hier Frauen und Kinder ohne männlichen

Schutz, so wurden sie grade so elend ermordet wie die Bauern oder

vertrieben und in Gefangenschaft geführt. Dies geschah alles am Anfang

des Dreißigjährigen Krieges; gegen das Ende wandte sich Christian

der Vierte, so hieß der Dänenkönig, einmal zur Veränderung gegen

die Schweden, mit denen er ehemals gut Freund gewesen war, und nun

fielen diese als Feinde über Holstein her, und was die Kaiserlichen

unverwüstet gelassen hatten, das wurde jetzt von den Schweden zerstört.

Es war eine traurige Zeit. Viele Menschen wußten nicht anders, als

daß es nur Krieg und niemals Frieden geben konnte. Sie wurden im

Elend geboren und kamen im Elend um. Daß es friedliche Landarbeit,

einträglichen Handel, behagliches Leben geben konnte, ahnten sie

nicht. Hinter jedem Heer folgten Scharen von Menschen, die man den

Troß nannte. Mit ihm waren kleine und halb erwachsene Kinder, Frauen

und manchmal auch alte Leute. Sie hatten keine Heimat, weil die ihre

zerstört war. Sie liefen mit den Soldaten, und wo diese einen Besitz,

einen Bauernhof fanden, an dem noch etwas zu rauben war, da holte sich

der Troß nachher die letzten Reste. Manchmal ging so ein Troß von den

Kaiserlichen zu den Schweden über, oder auch umgekehrt. Sie machten

es so wie die Soldaten, die auch oft ihre Dienste wechselten. Denn

allmählich wußte der gewöhnliche Mann wirklich nicht mehr, weshalb

eigentlich dieser Krieg geführt wurde und die Machthaber, die in

Stockholm, in Wien und Paris saßen, dachten nur darüber nach, wie sie

den größten Vorteil aus allem herausschlagen konnten. Über diesem

Nachdenken verging die Zeit, und das Elend wurde immer größer.

Nur in Hamburg merkte man nicht allzuviel vom Krieg. Die Stadt hatte

sich schöne Wälle und Mauern mit Kanonen darauf bauen lassen und ließ

weder die Schweden noch die Kaiserlichen ein. Gelegentlich versuchte

irgend ein Häuflein, bei den Hamburgern anzuklopfen, aber es wurde

mit blutigen Köpfen heimgeschickt, und daher war es in dieser festen

Stadt ein recht angenehmes Leben. Die Kaufleute trieben ihren Handel

wie sonst, und wenn sie auch ein starkes Söldnerheer haben mußten,

das die Wagen mit ihren Waren über Land begleitete, und wenn ihre

Handelsschiffe natürlich Kanonen hatten und kriegsgewohnte Mannschaft,

so ging in der Hansestadt das Leben im allgemeinen seinen ruhigen Gang,

und wer hier einmal wohnte, der freute sich seines Daseins und hütete

sich wohl, die feste Stadt und ihren Schutz zu verlassen.

Als daher Herr Jobst Hanekamp in Hamburg durch einen Boten erfuhr,

daß sein Neffe, der Hofbesitzer Fritz Hanekamp in der holsteinischen

Marsch, Haus und Hof den räuberischen Soldaten hatte opfern müssen

und selbst bei der Verteidigung seines Eigentums umgekommen war, da

bedauerte er dieses Unglück zwar sehr, aber er schrieb doch an die

Witwe, daß er leider nicht imstande wäre, etwas für sie zu tun. Die

Zeiten wären schlecht: sein Geschäft ginge rückwärts, und er müßte für

sein Alter sorgen. Er hätte aber gehört, daß Frau Jutta eine tüchtige

Frau wäre, und zwei Söhne sollte sie auch haben. Wer arbeiten könnte,

dem ginge es immer gut.

Es war grade kein erfreulicher Brief, den Frau Jutta Hanekamp nach

ihrem großen Unglück und nachdem sie arm geworden, erhielt. Aber er

kam zum Glück so verspätet an, daß sie lange gelernt hatte, nicht auf

die Hilfe des Oheims zu warten. Ein treuer Knecht war ihr geblieben,

der von der Elbe war. Da sie ihre Heimat verlassen mußte, weil alles

verbrannt und verwüstet war, so ging sie mit ihren Söhnen an die Elbe,

etwa eine Stunde landeinwärts vom Dorfe Ottensen. Dort war, mitten

im Walde gelegen, ein Stück Land mit einem Häuschen darauf, billig

zu haben. Mit dem Rest ihres geretteten Geldes kaufte sie es und

bewirtschaftete dies Fleckchen Land mit ihren Söhnen, die allmählich

heranwuchsen. Denn der treue Knecht starb an den Folgen einer Wunde,

die er im Kampf mit Wölfen davontrug. Weil die Menschen hier im Lande

immer spärlicher wurden, und die Dörfer zerstört waren, so kamen die

Wölfe zur Winterszeit von Norden her und ließen sich schwer wieder

vertreiben.

Also mußte Frau Jutta mit ihren Söhnen allein hausen, und sie tat es

mit Ruhe und Umsicht. Sie war eine Frau, die das Arbeiten gelernt

hatte, und wußte, daß man nicht immer über seinen Kummer nachdenken

durfte. Ihr kleiner Besitz lag ziemlich verborgen, und bis jetzt hatten

die umherziehenden Soldaten ihn nicht gefunden. Manchmal schien es

auch, als ob sie überhaupt verschwunden wären. Bis wieder eine böse

Zeit kam, und jedermann angstvoll dem kommenden Morgen entgegensah.

Es war im Monat März. Der Winter war streng gewesen, und die Elbe war

lange mit Eis bedeckt. Die Schiffahrt lag still, wer sein Brot mit

Fischen verdiente, hatte Not, sein Leben zu fristen. Aber die Fischer

schlugen Löcher ins Eis, und wenn sie keine Fische fingen, dann kamen

doch die Taucherenten und andre Wasservögel, die sich in den unters

Wasser geschobenen Netzen verstrickten und dann mit der Hand gegriffen

werden konnten. Das gab gute Braten, denn die Tiere waren fett, und ihr

weißgrauer Pelz gab Mützen, die nicht allein warm hielten, sondern an

denen Schnee und Regen abliefen, daß sie eigentlich niemals grundnaß

wurden.

Auf der Elbinsel Finkenwärder gabs heute ein gutes Essen. Hunderte

dieser Tauchervögel waren von den geschickten Fischern gefangen worden:

nun wurden sie gebraten oder geräuchert, und auf der ganzen Insel

rochs gut. Wer von den Finkenwärder Fischern etwas wußte, der gönnte

ihnen eine kräftige Mahlzeit, denn nicht vor langer Zeit waren die

Schweden von Holstein übers Eis gekommen, hatten bei den Finkenwärdern

geplündert und viele von ihnen erschlagen. Zum Glück nicht alle: die

jüngere Mannschaft war grade nach der Nordsee gewesen, um dort zu

fischen oder Seehunde zu erlegen, aus denen in Hamburg Tran gekocht

wurde und deren Felle zu allen möglichen Dingen zu gebrauchen waren.

Dieser jüngeren Mannschaft konnten die Schweden nichts anhaben; als

sie heimkehrte, rückten die Soldaten grade ab. Im Dorfe brannte es;

alte Männer und Frauen lagen erschlagen, und die Rückkehrenden konnten

sich freuen, daß die meisten Kinder versteckt worden waren und noch

lebten. Schlimm genug war es, was die Finkenwärder erlebten und

wehrlos erleben mußten. Denn der unselige Krieg zog so hin und her,

daß die Ausgeplünderten niemals wußten, wohin sie sich um Hilfe und

Gerechtigkeit wenden sollten.

Seit der Zeit mußten die Finkenwärder noch anders arbeiten, wie bisher,

weil ihr Wohlstand dahin war und sie kaum das trockne Brot hatten, um

sich satt zu essen. Da kamen die Tauchervögel sehr gelegen, grade in

ihre traurige Zeit, und wer noch lebte und essen konnte, dem war es zu

gönnen, daß er wirklich einmal gründlich satt wurde.

Über die Dorfstraße mit ihren kleinen Häusern, von denen etliche

notdürftig wieder zusammengeflickt waren, kam ein Mädchen. Sie mochte

elf oder zwölf Jahre alt sein, hatte halblange Haare wie ein Knabe und

ein verhungertes, blasses Gesicht. Ihre Augen waren blau, und über der

Nase hatte sie eine scharfe Falte, als wäre sie schon alt. Diese Falte

kam daher, weil sie sich angewöhnt hatte, scharf und vorsichtig umher

zu spähen. An einem Bein trug sie einen langen gelben Reiterstiefel,

am andern einen Holzschuh. Dann schlotterte ein zerrissener roter

Rock um sie, eine Jacke aus zerschlissenem Marderfell bedeckte ihren

Oberkörper, und im Gürtel steckte ein Messer. Wie sie langsam ging und

sich umsah, stand eine der Fischerfrauen, die an ihrem Fenster saß und

auf die Straße blickte, auf und schlug die Haustür zu. Denn ihr kam es

vor, als sähe das Kind zu ihr hin. So war es auch. Das Mädchen klopfte

an ihre Tür.

»Ich bin so hungrig!« sagte sie.

»Geh nur weiter!« rief ihr die Frau aus dem Fenster zu. »Meinetwegen

kannst du verhungern! Du bist ein Lagerkind!«

Damit meinte sie, daß das Kind aus irgend einem Troß des Heeres

stammte.

»Wollt Ihr mir nicht ein Stück Brot geben?«

»Gewiß nicht! Frag die Schweden, daß sie dir was geben! Die haben uns

alles weggenommen!«

Die Frau schalt noch hinter dem Mädchen her, als es schon weiter ging.

Es bettelte an verschiedenen Türen; und erhielt nichts. Eine Frau nahm

sogar ein Entengerippe, das sie eben abgenagt hatte, und warf es der

Bettlerin an den Kopf. Die nahm es ruhig auf, sah sich um und hielt

es einem halb verhungerten Wolfshund hin, der langsam hinter ihr her

ging. Es war ein großes Tier, mit einem gewaltigen Gebiß und glühenden

Augen. Aber es schien keine rechte Kraft zu haben und ging langsam und

schwerfällig. Das Gerippe verschlang es ohne weiteres, aber es sah das

Mädchen an, als wollte es sagen: Mußt du noch immer hungern?

Burga war von jeder Tür gewiesen worden. Es war den Fischern nicht zu

verdenken. Der Elbarm, der die Insel vom Herzogtum Lüneburg trennte,

war gleichfalls zugefroren, und böses Gesindel schlich sich herum. Die

Leute vom Troß waren oft noch schlimmer, als die Soldaten selbst. Es

waren boshafte Kinder darunter, die Feuer ansteckten und unschuldige

Tiere quälten; die Gutes mit Bösem vergalten und kein Gefühl zu haben

schienen. Also schlossen sich jetzt die Türen auch vor den Kindern, und

Burga durfte den Bratengeruch in der Nase spüren und mußte doch hungrig

einherwandern. Sie war nicht sehr unglücklich; sie war wirklich ein

Lagerkind, bald hier, bald dort umhergeworfen, und sie wußte nachgrade

so viel vom Krieg, daß sie es den Leuten kaum verdenken konnte, wenn

sie sie hungern ließen. Aber der Hunger tat weh, und wie sie jetzt an

dem kleinen Hafen stand, in dem die eingefrornen Fischerboote lagen, da

zog sie den Gürtel fester um den Leib.

»Wolf, wir kriegen nichts!« sagte sie zu dem Hund, der neben ihr

stand und winselte. »Wir kriegen nichts, mein Jung. Müssen weiter

marschieren!«

Auf einem Boote saß ein Junge und stopfte sich den Mund voll von

gebratnem Fleisch. Vor ihm lagen noch drei gebratne Vögel, und man sah

ihm an, daß er pumpsatt war. Wie Burga nun plötzlich vor ihm stand,

atmete er erschrocken auf und faßte seine Vögel fester.

»Gib mir einen ab!« bat sie, und er schüttelte den Kopf.

»Das darf ich nicht!« entgegnete er weise. »Du bist eine Räuberin; bei

meiner Großmutter sind Lagerkinder gekommen und haben ihre Katze ins

Feuer werfen wollen!«

Burga sah sich um. Der Junge saß ganz allein auf dem Boot: niemand war

in der Nähe. Also griff sie ohne weiteres zu den gebratnen Vögeln,

steckte einen fast ganz in den Mund, und warf den andern dem Hunde

hin. Der Junge stieß einen gellenden Hilferuf aus, und in demselben

Augenblick kam ein langer Fischer von den Häusern her. Er trug ein

Ruder in der Hand, und wie er auf Burga zuschritt, hob er es drohend.

»Was will die Landstreicherin?« fragte er, und Burga duckte sich

unwillkürlich. Sie war gewohnt, geschlagen und gestoßen zu werden,

und auch der Hund, obgleich er seine spitzen Zähne wies, stand mit

hängendem Kopfe. Da aber rührte irgend etwas das Herz des kleinen Klas

Stolz. War es, weil er zu satt war, um böse zu sein, oder tat ihm das

blasse Mädchen leid. Er rief plötzlich: »Sie hat mir nichts getan,

Vater, die Vögel habe ich ihr geschenkt!«

Und der große Klas Stolz ließ sein Ruder sinken, brummte etwas

Unverständliches und ging wieder davon. An seinem Boot waren einige

Bretter gelöst, die mußte er flicken.

Burga aß schweigend ihren Vogel, und der Hund Wolf zerknirschte die

Knochen mit den Zähnen. Beide standen regungslos, und Klas betrachtete

sie halb schläfrig. Er war so satt, daß er sich nicht rühren mochte,

daher war er gutmütiger als sonst.

»Wo kommst du her?« fragte er die Dirn, und sie deutete nach dem Süden.

»Da bin ich zuletzt gewesen.«

»Wo willst du hin?«

Sie hob die spitzen Schultern.

»Vielleicht bleib ich erst mal hier!«

Er wurde ängstlich.

»Das darfst du nicht, wir nehmen keine Fremden auf! Geh nur nach

drüben, nach Holstein. Da ist es viel besser als hier. Da sind Wälder,

und Wölfe, und Füchse, und Schweine. Es ist sehr gut da!«

»Bist du da gewesen?«

Der kleine Klas Stolz zögerte. Dann sagte er die Wahrheit.

»Weit hinein ins Land bin ich nicht gewesen. Da drüben liegen Häuser,

kannst du sie sehen? Da wohnen auch Fischer, und es heißt Neumühlen.

Da wohnt ein Ohm von mir, und ich hab ihn wohl besucht. Weiter bin ich

aber nicht gekommen, weil ich nicht in den Wald durfte, und weiter hin

heißt es Teufelsbrücke. Dort kann man den Teufel sehen, wenn er grade

da ist. Eine Hexe hat früher dort gewohnt, aber sie ist verbrannt

worden. Nun reitet sie manchmal auf einem Besen in der Luft herum.«

»Die möchte ich sehen!« entgegnete Burga, und Klas sah sie erstaunt an.

»Hexen darf man nicht sehen wollen: die nehmen einen mit, und dann wird

man selbst ein Teufel!«

Der große Klas Stolz kam wieder hinter seinem Boot hervor.

»Redest du noch mit der Landstreicherin, Junge? Das darfst du nicht,

sie ist böse! Weg mit dir!« Und er drohte Burga mit dem Ruder.

»Wohin soll ich gehen?« erkundigte sie sich, und er wies auf das andre

Ufer.

»Geh du nur nach Holstein! Das Eis hält noch, und du kannst vielleicht

ein Unterkommen finden!«

Sie zögerte ein wenig. Grau und kalt lag die Eisfläche der Elbe vor

ihr. Sie war rauh und uneben: Steine und Schneeberge lagen auf ihr, und

hin und wieder ging es wie ein dumpfes Grollen durch den unter dem Eis

schlafenden Fluß. Der rauhe Wintertag ging zu Ende. Im Westen flirrte

ein kurzes, gelbes Licht über den grauen Himmel, dann erlosch es

wieder.

»Kann ich nicht die Nacht hier bleiben?« fragte Burga, aber der Fischer

faßte sie bei den Schultern und schob sie auf die Eisfläche.

»Wir nehmen keine Fremden; haben genug von ihnen gehabt!«

Burga ging also aufs Eis, und der magre Hund schlich hinter ihr her.

Der kleine Klas Stolz sah ihr nach. »Vater, wenn die man rüber kommt.

Das Eis hat schon geschrien.«

Sein Vater zuckte die Achseln.

»Was gehts uns an? Meinst du, daß ich die fremden Lagerkinder aufnehmen

will? Sie sind alle undankbar und setzen uns den roten Hahn aufs Dach,

wenn sie nur können!«

Da steckte sich der kleine Klas den letzten Rest seines gebratnen

Vogels in den Mund und vergaß die einsame Wanderin.

[Illustration]

[Illustration: Zweites Kapitel]

Der Wind kam scharf aus Norden, und Burga hatte Mühe, gegen ihn

anzukämpfen. Aber sie wickelte sich in ihr altes Marderfell und freute

sich, daß sie einen guten Stiefel hatte. Damit konnte man tief in den

aufgehäuften Schnee gehen, und der Fuß wurde doch nicht naß. Anders war

es mit dem andern Fuß. Der Holzschuh hielt zwar warm, aber in ihn lief

das Schneewasser hinein, und das war nicht angenehm. Es war schade,

daß der tote Reitersmann, dem sie den einen Stiefel ausgezogen hatte,

auch nur mit diesem bekleidet war. Vielleicht hatte der Feind, der ihn

erschoß, sich den andern Stiefel genommen, vielleicht hatte er nur

einen gehabt. Es war ein langer weicher Lederstiefel, und vielleicht

hatte er einem vornehmen Herrn gehört. Während Burga so dachte, strebte

sie langsam vorwärts und fiel plötzlich über etwas, das mit Schnee

bedeckt auf dem Eise lag. Es war ein Ledersack, den Burga von Eis und

Schnee befreite und dann neugierig öffnete. Es waren drei Würste darin,

ein Laib Brot und eine Lederflasche, in der es gluckerte. Ein Soldat

mußte diesen Beutel verloren haben.

»Das ist gut!« dachte Burga bei sich, und da sie noch lange nicht satt

war, hatte sie nicht übel Lust, in eine der Würste zu beißen. Da aber

kam der Wind und warf ihr eine Handvoll Hagelgraupel ins Gesicht, die

Elbe begann zu stöhnen und durchs Eis ging ein Zittern. Also warf sich

Burga den Sack über den Rücken und ging grade aus, dem dunklen steilen

Ufer zu. Auch der Hund begann zu winseln und drängte sich an sie. Wo

war das Fischerdorf Neumühlen, von dem der Junge gesprochen hatte, und

wo der Teufelsbach, wo die Hexe wohnte? Wieder hagelte es; die Elbe

stöhnte, und Burga sah nichts als eine graue Wolke, die sich vor sie

schob. Einen Augenblick stand sie ratlos, und eine große Angst kam über

sie, dann aber lief sie vorwärts, immer vorwärts. Zweimal fiel sie und

es war ihr, als plätscherte es dicht neben ihr. Aber sie wollte nichts

hören: vorwärts, vorwärts!

Die graue Wolke war vorüber gezogen; es wurde etwas heller, grade, wie

Burga den Fuß auf gefrornen Sand setzte. Vor ihr gings steil nach oben,

Gestrüpp und kahle Bäume bedeckten den Berg, und hier waren auch Spuren

im Sand, der mit Schnee vermischt war.

Der Hund winselte wieder, seine Haare sträubten sich, und Burga sah

auf diese Spuren. Unwillkürlich griff sie nach dem kurzen Messer in

ihrem Gürtel und faßte Wolf an sein altes Lederhalsband. Da versuchte

er den glatten Berg hinauf zu klimmen, sie hielt sich an ihm fest, und

so kamen sie vorwärts. Bis sie unter höheren Bäumen waren, die Elbe

unter ihnen lag und der Waldgrund gangbarer wurde. Aber beide, Herrin

und Hund, standen jetzt atem- und regungslos. Aus der Ferne klang ein

scharfes Geheul, und Wolf warf den Kopf in den Nacken und schien nicht

übel Lust zu haben, Antwort zu geben.

Burga hielt ihm die lange Schnauze zu. »Wolf, das darfst du nicht! Wenn

die uns kriegen, sind wir verloren!«

Es war, als verstände der Hund. Er stand schweigend und zitternd. Es

war nun dunkel geworden. Hier, unter den Bäumen, konnte der Wind seine

wilden Flügel nicht rühren: er murrte in den Kronen, und sie beugten

sich und rauschten. Langsam ging Burga vorwärts: ihre Augen funkelten

fast wie die ihres Hundes, und sie sah sich nach allen Seiten um. Immer

die Hand am Messer, immer im Begriff, einen der Bäume zu erklettern,

wenn das Geheul näher käme. Dann stieß sie einen kleinen Freudenruf

aus. Vor ihr erhob sich eine kleine Hütte. Sie war kunstlos, auf kurzen

Baumstämmen hingesetzt, aber sie hatte eine Tür, die mit zwei Knebeln

geschlossen war. Burga konnte sie leicht öffnen und hineinklettern. Der

Hund sprang ihr nach, und dann wußte sie, daß sie geborgen war. Sie

lachte, als sie bald unter sich Fauchen und Heulen hörte.

»Ja, lieben Wölfe, heult nur! Heute kriegt ihr mich noch nicht, und

vielleicht auch nicht morgen! Vielleicht übermorgen, aber das ist noch

lange hin!«

Sie legte sich auf das dichte Heu, mit dem die Hütte ausgepolstert war,

und zog ihren Hund zu sich.

»Merkst du deine Namensvettern? Laß sie wimmern: wir haben es gut!«

Sie zog den Sack auf, gab Wolf ein großes Stück Wurst und aß selbst mit

Behagen. Dabei flüsterte sie wieder mit ihrem Hund.

»Haben wir nicht Glück gehabt, Wolf? Ich hab das Wasser plätschern

hören, und ich glaube, morgen kann niemand mehr über diesen großen

Fluß! Wie heißt er nur noch? Pah, ich habs vergessen, schadet auch

nichts! Wer kann alle die Wasser behalten, über die man laufen muß!

Aber dies Land scheint mir doch Holstein zu sein, und ich meine, den

Namen einmal gehört zu haben! War das nicht der alte Magister, der was

von Holstein sagte? Du weißt Wolf, der, der den roten Michel aus dem

Kugelregen trug und dafür die Kugel selbst kriegte? Als der Magister

tot blieb, Wolf, hab' ich geweint: sonst tu ich's nicht mehr. Das hilft

ja doch nichts, nicht wahr mein Hund?«

So flüsterte Burga mit ihrem Hund, der eng an sie geschmiegt lag, die

Ohren spitzte, als hörte er zu, und der dann den Kopf hob und wieder

heulen wollte. Aber wieder wurde ihm das Maul zugehalten.

»Still, Still! Sie brauchen nicht zu wissen, daß wir hier sind!«

Aber sie wußten es schon lange. Zwei graue Wölfe saßen unter der Hütte,

und es war, als käme ihr heißer Atem durch die Ritzen. Sie scharrten

an den Stämmen, auf dem das leichte Gebäude ruhte, und sie heulten

und bellten. Ein dritter kam dazu: da gab es eine Beißerei. Dann

aber schienen sie sich wieder zu vertragen und saßen ganz still, als

warteten sie.

Der Hund in der Hütte schlief nicht; er lag regungslos und mußte

verstanden haben, daß er keinen Laut von sich geben durfte. Burga aber

schlief ganz fest. Lange hatte sie kein Dach über dem Kopf gehabt,

lange kein weiches Heu als Lager. Mochten die Wölfe heulen, sie kannte

ihre Stimmen und hoffte, daß sie gegen Morgen wieder verschwinden

würden. Und wenn sie's nicht taten, so mußte sie eben hier bleiben. Sie

hatte ja Fleisch und Brot.

Der Tag begann zu grauen, und langsam entfernten sich die Wölfe. Der

Hund, der immer die Ohren gespitzt hielt, hörte es und streckte sich

jetzt zum Schlafen aus, als er mit einem Satz in die Höhe sprang. Die

Tür der kleinen Hütte ging offen, und ein Knabe stand in der Öffnung.

Er trug ein grob gewebtes Wams und eine Mütze vom Balg der Wasservögel.

»Heda!« zornig sah er Burga an, die sich den Schlaf aus den Augen rieb,

während Wolf drohend neben ihr stand. »Was wollt ihr in unsrer Hütte?«

»Wir haben gut geschlafen!« entgegnete Burga, und er sah sie

mißbilligend an.

»Das darfst du nicht! Wir haben keinen Platz für Landstreicher!«

»Ich bin ein Lagerkind!« entgegnete Burga stolz.

»Was ist das?«

»Das weißt du nicht?«

»Nein, ist mir auch einerlei. Geh weg aus meiner Hütte und ruf den

Hund, daß er mich nicht beißt. Sonst steche ich ihn tot!«

Und er hob seinen Stock, an dem ein langes Messer befestigt war.

»Wenn du meinen Hund tötest, steche ich dich tot!«

Burga zog ihr Messer. Es war groß, und blank geschliffen, und der Junge

trat zurück.

»Ich will ihn ja nicht töten; er soll mich aber nicht beißen!«

»Er beißt nur die, die schlecht gegen ihn sind!«

In diesem Augenblick erschien noch ein zweiter Knabe. Er war gekleidet

wie der andere, aber größer und erwachsener.

»Gottfried!« der Kleinere wurde viel mutiger. »Sieh, welch Gefangene

ich gemacht habe! Sie sagt, sie ist ein Lagerkind; ist das nicht eine

Hexe?«

»Natürlich!« Gottfried, der eine verrostete Muskete trug, griff gleich

nach dem Fuße Burgas, an dem der schöne gelbe Stiefel war. »Zieh ihn

aus!« sagte er gebieterisch. »Wo ist der andere! Du mußt mir die

Wahrheit sagen, sonst schieße ich dich tot!«

»Womit willst du mich totschießen? Mit der alten schlechten Büchse?«

»Sie ist nicht schlecht.« Gottfried zeigte das alte Gewehr, und mit

raschem Griff riß Burga es an sich, spannte den Hahn und richtete den

Lauf auf den Knaben.

»Soll ich euch nun erschießen?«

Beide standen regungslos, dann begann Gottfried zu schelten.

»Gib mir das Gewehr wieder, sonst ergeht es dir schlecht!«

»Du bist überhaupt eine Gefangne und ein Lagerkind!« setzte Konrad, der

jüngere hinzu. Aber sie rührten sich doch nicht, und man konnte merken,

daß sie ängstlich waren. Burga war zu schnell für sie gewesen und hielt

noch immer das Gewehr im Anschlag.

Sie ließ es jetzt sinken. »Geht nur, ich tue euch nichts!«

»Weshalb sollen wir gehen? Die Hütte gehört uns, wir haben sie gebaut,

damit wir manchmal auf die Wölfe schießen können. Aber, es ist wahr,

die Kugeln treffen nicht immer.«

So sprach Konrad, während Gottfried wieder nach Burgas Stiefel griff

und enttäuscht den Kopf schüttelte, als er sah, daß sie nur einen trug.

Es waren keine üblen Jungen; Burga merkte es bald, und da sie einsam

war und einsah, daß es besser wäre, im fremden Lande gute Freunde zu

haben, so entschloß sie sich, mit den Knaben zu gehen. Zuerst sprachen

sie noch davon, daß sie nun ihre Gefangne wäre, aber dann vergaßen sie

dies Wort und fragten sie, ob sie nicht mit ihnen kommen wollte. Sie

wohnten hinter dem Wald, und ihre Mutter hieß Frau Jutta Hanekamp. Eine

Kuh hatten sie und zwei Schweine, viele Hühner und auch Gänse. Es war

nicht schlecht auf ihrem kleinen Hofe, Burga würde dort schon wohnen

mögen.

Der Himmel war noch grau, aber die Wolken verschwanden allmählich, und

auf dem verschneiten Erdboden zitterte hin und wieder ein Sonnenstrahl.

Ganz heiter wars im Walde, und daß weiter unten die Elbe ihre grauen

Wogen dort wälzte, wo Burga vor wenigen Stunden übers Eis gegangen war,

beachtete das Mädchen kaum. Sie faßte Wolf ans Halsband und ging neben

den Knaben her. Die Muskete hatte sie wieder an Gottfried gegeben,

und Konrad trug den Ledersack, in dem sich noch einige Lebensmittel

befanden.

Sie sprachen alle drei von den Wölfen. Ehemals sollten sie nicht hier

gewesen sein, aber jetzt waren eine Menge da. Einige Leute sagten, daß

sie von der andern Seite der Elbe kämen, andre wollten gesehen haben,

wie sie von Norden ins Land zogen. Eigentlich war es ja ganz nett, daß

sie da waren: ihr Fell war dicht, und man konnte es gut gebrauchen.

Aber sie holten das Vieh aus dem Stall und fielen Menschen an. Das war

nicht so angenehm.

So wanderten sie durch den Wald, Wolf schlich langsam hinter ihnen her,

und bald kam eine Lichtung, die in einer Schlucht endete, Gottfried

zeigte vor sich.

»Da liegt Hanekamps Hof. Hier wohnen wir, und Mutter sucht grade eine

Magd, die ihr bei der Wirtschaft helfen kann. Die letzte ist mit den

Soldaten gelaufen. Nun kannst du bei uns bleiben und für uns arbeiten!«

Burga machte große Augen. Aber sie erwiderte nichts.

»Freust du dich nicht?« fragte Konrad. »Wenn Mutter dich behalten will,

dann brauchst du kein Lagerkind mehr zu sein oder wie du es nennst.

Aber natürlich mußt du dich brav benehmen, sonst jagen wir dich wieder

weg, nicht wahr, Gottfried?«

Der Gefragte antwortete nicht gleich. Dann hob er die Schultern. »Wir

können nicht viel versprechen, die Mutter muß alles bestimmen!«

Bald standen die drei vor einem langen, niedrigen Hause, das sich

fest an einen Hügel legte und dessen Dach von Moos und Stroh war,

so daß man es schwer von dem Hügel unterscheiden konnte. Eine große

Frau mit ernstem Gesicht stand in der geöffneten Haustür und sah den

Ankömmlingen entgegen. Auch sie warf auf Burga den mißtrauischen Blick,

den diese schon kannte, und als ihre Knaben erklärten, daß sie eine

neue Magd mitgebracht hätten, schüttelte sie den Kopf.

»Lagerkinder sind schlechte Mägde!« entgegnete sie kurz, und Burga

atmete auf. Es war ihr vorgekommen, als sollte sie in Gefangenschaft

gehen, und nun hatte die Frau glücklicherweise keine Lust zu ihr.

»Gewiß bin ich eine schlechte Magd!« sagte sie eifrig. »Ich mag nur

umherlaufen, und arbeiten kann ich nicht. Aber, wenn ich ein paar Tage

hier bleiben könnte, würde ich mich freuen. Meine Füße sind wund, und

mein Hals tut mir weh. Natürlich will ich dafür arbeiten, so gut ich

kann, aber nachher will ich sicherlich wieder weggehen!«

Frau Jutta war mit dem fremden Kind auf die Hausdiele getreten.

Hier brannte auf dem Herd ein behagliches Feuer, und über ihm hing

ein Kessel mit Grütze. Sie duftete appetitlich, und auf dem dicken

Eichentisch stand ein Zinnkrug mit Milch. Zwei oder drei Stühle standen

in der Nähe des Herdes, und sie waren mit Wolfsfellen belegt. Traulich

war es hier und warm. Burga seufzte einen kurzen Augenblick und sah

vor sich hin. Dann setzte sie sich auf einen Wink der Frau, erhielt

einen Teller mit Grütze und Milch vorgesetzt und aß langsam, während

Wolf sich neben sie legte und leise winselte. Da wurde auch ihm ein

Holzschüsselchen mit Milch gereicht, und nachdem er getrunken hatte,

streckte er sich aus und schlief gleich ein. »Er ist müde, weil er in

der letzten Nacht nicht geschlafen hat,« sagte Burga. »Auch ist er

krank gewesen, daher ist er nicht so bissig wie sonst. Aber er wird

sich schon wieder erholen!«

»Und woher kommst du?« fragte Frau Jutta, die sich gleichfalls gesetzt

hatte und ihren Gast aufmerksam betrachtete.

»Ich bin viel umher gekommen!« entgegnete die Gefragte. »Wie alles

hieß, weiß ich nicht mehr. Es war mir auch einerlei. So lange der

Magister lebte, hat er mir manchmal die Namen der Städte gesagt,

nachher, als er tot war, mochte ich nicht mehr fragen.«

»Wer war der Magister?«

Burga erhob sich.

»Werte Frau,« sagte sie etwas steif und halb verlegen. »Ich möchte wohl

ein andres Gewand haben und auch um etwas Wasser bitten. Es ist sehr

lange her, daß ich mich gewaschen habe, und wenn ich die Gelegenheit

habe, tue ich's nicht ungern. Ich kanns auch bezahlen!« Sie legte einen

Silbergulden vor Frau Jutta, den diese erstaunt betrachtete.

»Du hast Geld und bist zerlumpt, wie der schlimmste Bettler?«

Burga lächelte ein wenig.

»Ich habe nur wenig Geld, und in den letzten Wochen konnte ich mir

nichts kaufen. Vielleicht gebt Ihr mir einen alten Rock, und die Jacke

kann ich flicken. Dann wird sie noch wieder gut.«

»Und dann?« mußte Frau Jutta wieder fragen, und das Lagerkind hob die

Schultern.

»Ich weiß nicht, was Ihr meint. Wenn mein Rock neu geworden ist und

meine Jacke geflickt, dann gehe ich weiter.«

Frau Jutta erwiderte nicht viel. Sie wußte, daß die Zeit hart war, und

daß viele Kinder nichts andres kannten, als umher zu streifen. Dies

große und starke Mädchen würde sie wohl ins Haus genommen haben, daß

sie ihr bei der Arbeit helfe, aber vielleicht war es böse, zündete ihr

das Dach über dem Kopfe an und lief dann weiter.

Also holte sie einen alten Rock von sich und eine große Schale mit

Wasser und wies Burga in ein Nebengelaß der Küche. Dort konnte sie sich

waschen und ordentlich machen. Als Burga allein war, nestelte sie einen

kleinen, gestickten Beutel los, der unter ihrer Jacke auf bloßer Haut

saß und in dem, sauber eingenäht, etliche Gold- und Silberstücke waren.

Nachdenklich betrachtete sie ihren Schatz, säuberte sich gründlich,

schlüpfte in Frau Juttas Rock und erschien bald wieder auf der Diele,

nachdem sie ihren Beutel von neuem an sich verborgen hatte. Sie hatte

jetzt ein andres Ansehen. Ihr Gesicht war viel frischer geworden, und

das schmutzige Blond der Haare war einer schönen Goldfarbe gewichen.

Frau Jutta sah sie nicht ohne Wohlgefallen an. Die Frau saß am Herde

und flickte eine Pelzjacke, und Burga setzte sich neben sie.

»Meine Jacke muß auch genäht werden!« sagte sie. »Wollt Ihr mir Faden

und Garn geben, so kann ich's selbst tun.«

»Willst du mir nicht deinen Namen sagen?« fragte Frau Jutta, und Burga

streifte den Ärmel ihrer Jacke hinauf und zeigte auf einige eingeritzte

Schriftzeichen.

»Es ist ein wenig auseinandergewachsen,« erklärte sie, als Frau Jutta

die Zeichen nicht lesen konnte. »Aber ich heiße Walburga Rantzau, und

ein Prädikant hat's mir eingeritzt. Weil ich damals noch so klein war,

meinte er, ich könnte meinen Namen vergessen.«

Frau Jutta sah Burga mißtrauisch an.

»Ich meine, die Rantzaus sind ein holsteinisches Geschlecht und sehr

vornehm. Wie willst du zu ihnen gehören?«

»Sie sind vornehm? Ich weiß es nicht. Ich bin ein Lagerkind, und der

Prädikant hat mir den Namen eingeritzt. Er ist lange tot. Er konnte

nicht reiten, fiel vom Pferd und brach den Arm. Da ist er nicht wieder

gesund geworden, und er mußte bald sterben. Ich habe sehr geweint, und

nachher ist der andre Magister gekommen, der gleichfalls gut war. Er

ist dann auch totgeschossen worden.«

Burga sprach gleichmütig. Man merkte, daß sie an Tod und Sterben

gewohnt war, und Frau Jutta empfand Mitleid.

»Du scheinst ein hartes Leben gehabt zu haben.«

»Ich bins nicht anders gewohnt!« Burga stand auf und sah sich um. »Wo

ist mein Hund?« Dann merkte sie, daß er ausgestreckt vorm Herdfeuer

lag, und war zufrieden.

»Ihr habt gewiß einen Hund, und ich bin bange, er könnte den meinen

beißen. Er ist noch schwach und kann sich nicht so wehren wie sonst.

Man hat ihm kürzlich etwas Giftiges zu fressen gegeben, und das ist

noch nicht aus seinem Körper. Aber er wird schon wieder gesund werden!«

Jetzt trat Gottfried ein und sah Burga überrascht an.

»Bist du unsre Gefangne? Du hast dich verändert!«

»Ich bin nicht deine Gefangne, aber ich habe mich gewaschen!« lautete

die Antwort, und Gottfried warf den Kopf in den Nacken.

»Du darfst mir nicht widersprechen. Natürlich bist du meine Gefangne!

Wir werden dich hier behalten, und du darfst für uns arbeiten! Willst

du nicht, wie wir wollen, dann mußt du weiter ziehen!«

»Das werde ich auch tun!« entgegnete Burga ruhig. »Meinst du, ich will

hier, auf diesem langweiligen Bauernhof, sitzen bleiben? Ich will mich

nur ein wenig ausruhen, und ich habe deiner Mutter schon Geld gegeben!«

»Geld?« Gottfried spitzte die Ohren. »Mutter, ist's wahr, daß sie dir

Geld gab? Einen Silbergulden? Laß ihn sehen!«

Frau Jutta schüttelte den Kopf.

»Ich zeige ihn nicht. Vielleicht gebe ich ihn dem Mädchen wieder, wenn

sie brav ist und mir ein wenig in der Wirtschaft helfen will. Denn

ich habe Hühner und Gänse, ein Schwein und eine Kuh; das will alles

gewartet sein!«

Burga machte große Augen. »So viele Tiere habt ihr, und es ist noch

niemand gekommen, der sie geschlachtet und mit sich genommen hat? Dort,

woher ich komme, sind alle Tiere tot, und die Häuser sind verbrannt!«

»Wollte Gott, daß unsre Tiere am Leben bleiben!« entgegnete Frau Jutta

schaudernd, und Gottfried deutete auf die alte Muskete, die an der Wand

der Diele hing.

»Wer uns etwas tun will, den schieße ich gleich tot!«

»Oder du wirst tot geschossen!« erwiderte Burga und lachte dabei.

Da warf er sich in die Brust:

»Laß die Feinde nur kommen, ich werde schon meinen Mann stehen!«

Frau Jutta gebot ihm Schweigen.

»Prahle nicht! Wir wollen dankbar sein, wenn wir verschont bleiben!«

»Das meine ich auch!« entgegnete das fremde Mädchen und pfiff ihrem

Hund.

»Nun kommt, Frau, und zeigt mir Eure Tiere! Wahrhaftig, sowas

Lebendiges macht Spaß, und vielleicht bleibe ich ein wenig hier! Aber

nur, wenn Ihr mich gut behandelt. Denn unfreundliche Worte und Schläge

machen mir kein Vergnügen!«

[Illustration]

[Illustration: Drittes Kapitel]

Nun war Burga schon eine Woche auf dem Hanekamphof und sprach nicht

mehr vom Fortgehen. Sie war müde vom Wandern und halb verhungert

gewesen; jetzt, da sie sich ausgeruht und gesättigt hatte, mochte sie

selbst einsehen, daß sie es gut hatte und daß die Landstraße ihr noch

immer blieb, wenn der Wandertrieb sie erfaßte.

Es war auch gemütlich auf dem Hof, jetzt, wo das Frühjahr kam, wo die

Vögel zu singen begannen, und die Wandervögel allmählich gen Norden

zogen, um andren Platz zu machen. Burga war nicht ungeschickt. Sie

konnte gut mit Vieh umgehen, fütterte das Schwein und melkte die Kuh.

Auch der Hühnerhof machte ihr Freude, und da ihr Hund sich gleichfalls

erholte, so war sie ganz zufrieden. Ganz geschützt lag der Hof --

vorbeistreifende Soldaten fanden nicht den Weg, und doch konnte man

bald auf die Landstraße kommen, die über die Elbdünen und durch den

Wald gen Westen ging. Dorthin, wo landeinwärts das Dorf Wedel lag und

am Elbufer das kleine Fischerdorf Blankenese. Aber es war ein weiter

Weg bis dahin, und an einigen Stellen stand der Wald so dicht, daß es

geratener war, niemals allein zu wandern. Geheuer sollte es auch nicht

immer im Walde sein. Dort wo die Teufelsbrücke hart an der Elbe lag,

wohnte allerdings keine Hexe mehr, aber im anstoßenden Walde trieben

sich die Wölfe umher und auch manchmal die Räuber.

Gottfried und Konrad berichteten einige schauerliche Geschichten, und

Burga hörte ihnen gleichmütig zu. Sie war's nicht anders gewohnt, als

daß die Welt voll Krieg und Raubens war -- natürlich mußte es böse

Menschen auf ihr geben; wer es konnte, der ging ihnen aus dem Wege, und

wers nicht konnte, der mußte sein Gut und sein Leben lassen.

»Du hast wohl schon viel gesehen!« sagte Gottfried zu ihr.

Die drei jungen Menschen standen auf einer Lichtung, die am Rande des

Waldes war, von der man auf die Elbe und auf die gegenüber liegenden

Ufer sehen konnte. Gottfried hatte grade eine Geschichte von der Hexe

in Teufelsbrück berichtet und war ärgerlich geworden, weil Burga sie

nicht glaubte.

»Selbst der Magister, der im Dorf Wedel wohnt, und der uns manchmal

besucht, selbst dieser alte Mann glaubt meine Geschichte, und daß die

Hexe sich in ein Schwein verwandelte und dann durch die Elbe schwamm.

Hast du denn soviel Besseres erlebt, daß du ein so ungläubig Gesicht

machst?«

Burga hob die Schultern. »Ein Mensch kann kein Schwein werden!

Wenigstens nicht äußerlich. Es gibt Menschen, die schlimmer sind als

ein wirkliches Schwein; aber verwandeln können sie sich nicht! Wir

haben im Lager auch eine Frau gehabt, die eine Hexe sein sollte. Die

Soldaten waren bange vor ihr, und einige kauften sich von ihr einen

Brief. Den trugen sie auf der Brust und glaubten, die Kugeln träfen sie

nicht. Aber dann sind sie ebenso gut totgeschossen worden wie andre. An

sowas muß man nicht glauben; das ist Unsinn!«

»Unsinn!« Gottfried sah Burga mißtrauisch an. »Hexen gibt es, und auch

Zauberer! Jedermann sagt es, und du bist töricht, wenn du es nicht

glaubst! Ich habe selbst eine schwarze Katze gesehen, die auf einen

Baum kletterte, und nachher stand da, wo die Katze eben gewesen war,

eine alte Frau mit grünen Augen!«

Burga lachte laut. »Die armen alten Frauen!«

»Lache nicht!« Gottfried wurde empfindlich. »Wenn du mich auslachst,

dann werde ich dich strafen!«

Sie achtete gar nicht auf seine Worte, sondern zeigte auf die Elbe.

Von Osten her glitt ein großes Schiff durch das Wasser. Es hatte

schneeweiße Segel, und vorne sah man zwei blanke Kanonen, die drohend

ihren Lauf über den Schiffsrand streckten.

»Was ist das?« fragte sie, und Gottfried lachte spöttisch.

»Das weißt du nicht? Das ist eine Hamburger Bark, die nach draußen

in die Nordsee fährt. Nach Engelland hin, oder auch weiter. Da sind

Soldaten an Bord, mit Musketen und Spießen, und viel Pulver und Blei.

Wenn die Feinde kommen, wird ihnen das Lebenslicht ausgeblasen!«

Immer näher kam das Schiff: es breitete seine Segel noch mehr aus, und

auf dem Verdeck standen Söldner in bunten Röcken, sowie Matrosen.

»Die gehen in die Nordsee hinaus, und wohin dann?«

»Ich sagte es doch: nach Engelland. Das ist eine große Insel, und die

Leute dort sind sehr reich. Sie kaufen alles, was ihnen die Hamburger

bringen, aber diese holen dann wieder Waren, die hier nicht wachsen!«

Gottfried kam sich wichtig vor, und er erzählte eine ganze Geschichte.

Von seinem Ohm, Herrn Jobst Hanekamp, der in Hamburg wohnte und

vielleicht auch einen Anteil an diesem Schiff hatte. Einmal war

Gottfried schon in Hamburg gewesen, als keine Feinde in der Nähe waren

und man durch das große Tor nach Hamburg hinein durfte. Die Wächter

paßten allerdings sehr auf, und wer hinein wollte, ohne seinen Namen zu

nennen, der wurde in den Festungsgraben geworfen. Gottfried aber sagte

nur, daß er Hanekamp hieß; da machte die Wache den Torflügel weit auf

und erwiderte, der Herr Jobst Hanekamp wäre ein guter Hamburger. Wer

so wie er hieße, der könnte in die Stadt kommen.

Gottfried flunkerte gern. So wie er es darstellte, war sein Einzug in

Hamburg nicht gewesen. Seine Mutter war mit ihm gegangen und hatte

einen Erlaubnisschein gehabt; aber es war Burga einerlei, ob er die

Wahrheit sagte oder nicht. Sie sah dem Schiff nach, das die Elbe

hinunterging und dem der Wind die Segel blähte. Also, dort weiterhin

gab es ein großes Meer, und noch Land -- ob dort auch immer Krieg war

und verbrannte Häuser, zerstampfte Felder?

»Ist in Engelland auch Krieg?« fragte sie, und Gottfried hob die

Schultern. »Davon kann ich nichts sagen, aber wenn der Magister aus

Wedel kommt, dann will ich ihn fragen. Er weiß vieles, und manchmal

geht er auch nach Hamburg und holt Neuigkeiten von dort. Er hat einen

Schein, daß er aus- und eingehen kann, wie es ihm beliebt.«

Die Kinder gingen jetzt wieder ihrem Hofe zu, und Burga trennte sich

zögernd von dem Platz, von dem man die Elbe so deutlich sah.

»Warum habt ihr nicht am Wasser gebaut?« fragte sie und zeigte auf

einige Fischerhütten am Strande. Die Knaben schüttelten den Kopf.

Im Walde war es besser; da konnten die Räuber, die Umhertreiber und

Zigeuner den Hof nicht so leicht finden. Hier war auch kein Land für

die Kuh, und dann würden die Fischer vielleicht unfreundlich gewesen

sein -- die hatten es nicht gern, wenn Fremde sich hier anbauten.

Burga war nachdenklich geworden. Sie ging schweigend neben den Knaben

her, die wieder von Hamburg sprachen, und dann von Altona. In diesem

kleinen Ort waren sie auch schon gewesen, aber es hatte ihnen nicht

besonders gefallen. Für ein Dorf war es reichlich groß und für eine

Stadt zu klein. Aber wenn man Eier zu verkaufen hatte oder eine Wurst,

dann erhielt man mehr Geld dafür als in Ottensen, wo die Bauern immer

sagten, sie hätten selbst Eier und Würste und brauchten nichts zu

kaufen.

Als die drei wieder nach dem Hanekamphof kamen, stand die Mutter schon

in der Tür und sah nach ihnen aus.

»Der Magister ist da!« sagte sie und gebot Burga, im Hühnerstall nach

frisch gelegten Eiern zu suchen und den Grütztopf ans Feuer zu stellen.

»Ihr aber wascht euch Gesicht und Hände und kämmt euch die Haare!«

wandte sie sich zu den Söhnen, die verdrießliche Gesichter machten,

aber doch taten, wie ihnen geboten wurde.

Burga fand einige Eier und ging auf die Diele, auf der ein magerer Mann

neben dem Herdfeuer saß. Er hatte ein vernarbtes Gesicht und nur eine

Hand, die er Burga entgegenstreckte.

»Guten Tag, Burga, bist du zufrieden, hier zu sein?«

Seine Stimme hatte einen blechernen Klang, aber seine Augen blickten

milde.

Burga legte ihre Hand in die seine, während sie ihn von oben bis unten

betrachtete.

»Seid Ihr ein Prädikant? Und mit welcher Truppe zieht Ihr?«

Er lächelte.

»Ich bin ehemals ein Prediger gewesen, Burga, aber die Kaiserlichen

brannten mir meine Kirche nieder, und auch das Dorf, das dazu gehörte.

Seit der Zeit habe ich noch keine Pfarre wieder gefunden!«

Er sprach wehmütig, während Burga den Grütztopf aus dem Heu holte, wo

er immer warm stand, und ihn ans Feuer schob, damit er noch heißer

würde. Dann zerquirlte sie die Eier in einer Pfanne, setzte sie auf

die Flammen und sprach erst wieder, als sie die fertigen Speisen dem

Magister hinstellte.

»Es ist übel mit dem Krieg!« sagte sie altklug. »Unsere Prädikanten

waren auch meistens von Haus und Hof gejagt und hatten keine Heimat

mehr; aber selbst die, die zuerst traurig waren, sind nachher doch ganz

lustig geworden. Ihr solltet auch in den Krieg gehen, Magister! Die

Soldaten mögens gern, wenn ihnen was vorgepredigt wird!«

Der Magister nahm seinen Holzlöffel aus der Tasche und aß langsam. »Du

hast viel vom Krieg gesehen!« sagte er nach einer Weile, und Burga

wollte antworten, als die Tür offen ging und Frau Jutta, gefolgt von

Wolf, eintrat. Der Hund schnupperte in der Luft und stürzte sich auf

Burga, der er winselnd die Hand leckte. In dieser Woche hatte er sich

schon erholt, sein Fell war glänzender geworden und seine kurzen Ohren

spitzer. Burga streichelte ihn, sagte ihm einige leise Worte, und da

legte er sich zu ihren Füßen hin.

»Du mußt ihn nicht hier lassen, wenn du ausgehst!« sagte Frau Jutta zu

Burga. »Er hat dich überall gesucht und mich böse angeknurrt, als ich

ihn streicheln und ein wenig trösten wollte.«

»Er kann noch nicht so weit gehen!« erwiderte Burga. »Darum ließ ich

ihn hier. Auch soll er Euch beschützen, wenn die Feinde kommen. Er weiß

auf den Mann zu gehen, und das ist eine gute Eigenschaft!«

»Aber er knurrte mich an!« wiederholte Frau Hanekamp, und Burga faßte

Wolf am Halsband und führte ihn zu der Hausherrin.

»Bitte um Verzeihung!« gebot sie. »Diese Frau mußt du lieb haben!«

Da legte sich der Hund demütig vor Frau Jutta, leckte ihre Hand und

wedelte mit dem buschigen Schwanz.

»Ein schönes Tier!« lobte der Magister, der sein Mahl beendet hatte und

nun aufmerksam dem kleinen Vorgang gefolgt war.

»Er ist von guter Art und hat einem hohen Offizier gehört,« berichtete

Burga. »Als ich ihn fand, lag er auf der Leiche und wollte nicht

weggehen. Aber dann ist er allmählich hinter mir her gekommen.«

»Du hast schon viel erlebt!« begann der Magister von neuem, und Burga

sah ihn ernsthaft an.

»Ich bin ein Lagerkind, Herr! Wie ich dorthin gekommen bin, kann ich

nicht sagen, es ist zu lange her.«

»Sie will eine Rantzau sein!« warf Frau Jutta ein. »Sind das nicht sehr

vornehme Adlige hier im Lande?«

Das Lagerkind · 第 1 / 10 段