Wohin das Hineintragen subjektivster Vorstellungen, das willkürliche

Herstellen von Beziehungen, die gewalttätige Einpressung in

selbstgeschaffene Kategorien, die Deduktion alles Bestehenden in

vorgegossene Formen den verirrten Weininger schließlich führten, geht

nicht nur aus seiner Behandlung der Probleme »Weib« oder »Juden« hervor,

sondern auch aus der in seinem Nachlaßwerk enthaltenen »Tierpsychologie«.

Da wird der Hund »erkannt« als die Idee des Verbrechers, das Pferd als

die des Irrsinns, Floh und Wanze als »Symbole für etwas, wovon Gott sich

abgekehrt hat« u. s. f. Aus denselben »inneren Gründen« betrachtet er

jede Krankheit als »Schuld« und findet die Auffassung, welche die

Kranken und Aussätzigen fragen läßt, »was sie _verbrochen_ hätten, daß

Gott sie züchtige«, sehr tief. Die absonderliche »Zurück-Dreh-Tendenz«

all seiner Auffassungen offenbart sich in der Annahme, der Mord sei eine

»Selbstrechtfertigung« des Verbrechers, »er sucht sich durch ihn zu

beweisen, daß nichts ist«!!

Mit einer schier organischen Verkehrtheit legt er allen Erscheinungen

die verdrehtesten Ursachen unter und muß ihnen daher auch natürlich die

entgegengesetztesten Absichten zuschreiben und die konfusesten

Folgerungen aus ihnen ziehen: »Man liebt seine physischen Eltern; darin

liegt wohl ein Hinweis darauf, daß man sie _erwählt_ hat.«!!! Oder: »Die

Fixsterne `bedeuten´ (?) den Engel im Menschen. Darum orientiert sich

der Mensch nach ihnen; und darum! besitzen die Frauen keinen Sinn für

den gestirnten Himmel: _weil ihnen der Sinn für den Engel im Mann

abgeht_.«!!!

Diese Proben aus Weiningers Nachlaßwerk werden manchen vielleicht als

nicht unter den Titel dieser Schrift gehörig erscheinen. Dennoch sind

sie es, da sie unzweideutigen Aufschluß geben über die Stellung, die

eine urteilende Intelligenz, welche sich in der Art Weiningers zum

Problem der »Frau und ihrer Frage« verhalten hat, charakteristischerweise

anderen Problemen gegenüber einnimmt. Die Annahme liegt daher nicht

fern, daß bei allem, was Weiningers große Intelligenz und geistige

Elastizität erfaßte und berührte, die Sensitivität des Epileptikers das

Verzerrende war, diese Sensitivität, die alles aus den natürlichen

Dimensionen heraustreibt, die die Umrisse aller Dinge entstellt und

verkehrt, bis ihr alles in Nacht, Wirrnis und wütender Ekstase versinkt.

Sein Biograph teilt uns mit, daß Weininger Epileptiker und gleichzeitig

ein mit Verbrecheranlagen belasteter Mensch war.[5] Da aber die

_Sehnsucht_ nach dem Guten und Sittlichen ohne Zweifel in ihm

_überwiegend_ war, erklärt sich auch seine innige Verherrlichung der

Kantschen Ethik, die er hoch über die selbstverständliche Sittlichkeit

der schönen Seele stellt. Wenn aber auch jene Sittlichkeit die gegen

ihre triebhaften, bösen Anlagen den Kampf führt, eben dieses Kampfes

halber vielleicht die ergreifendere ist, so ändert das doch nichts an

der Tatsache, daß die von der Welt wie eine strahlende Gabe empfundene

Individuation der selbstverständlichen Sittlichkeit die _gottähnlichere_

ist und daher als die vollkommenere empfunden wird.

[5] Ersteres wurde von Weiningers Vater in einem öffentlichen Briefe

in Abrede gestellt, der Biograph berief sich aber in seiner Antwort

auf die wiederholte eigene Aussage des Verstorbenen.

Ein krankhafter Geist kann und wird niemals die Meinung der Welt

revolutionieren. Bedeutungslos bleibt daher seine manische Verfolgung

irgend eines Gegenstandes einer seiner -- gewöhnlich physischen --

»Aversionen«.

Weiningers Werk, das mit ungeheuerer Mühe ein großes, begriffliches

Material nach einer vorgezeichneten Tendenz zusammenschmiedete, um seine

abnorme, lebensfeindliche Aversion als normal und einzig sittlich

darzustellen, ist mit allen Merkzeichen manischer Verblendung an den

Tatsachen vorübergesaust, und seine Argumente zerschellten beim ersten

Zusammenstoß mit der Wirklichkeit. So hat es denn mit der »Frau und

ihrer Frage« in Wahrheit nichts zu schaffen.

Was diese Frage selbst betrifft, so ist eine Erörterung derselben unter

dem Gesichtspunkt, ob die Frauen »höher« oder »tiefer« stehen als die

Männer, von vorneherein verfehlt. Darum habe ich mich nirgends für die

weibliche Genialität ins Zeug gelegt, habe auch nicht berühmte weibliche

Namen aufmarschieren lassen, denn darauf kommt es wahrhaftig beim

heutigen Stande dieser Frage gar nicht an. Erstlich könnte ein Vergleich

der positiven Fähigkeiten nur in einer Epoche vollständiger sozialer

Gleichberechtigung der beiden Geschlechter ein vernünftiges,

unverfälschtes Resultat ergeben, zweitens lautet die zwingende Parole

heute nicht nur, die Frau _will_ leisten, sondern sie _muß_ leisten:

gebieterisch verweisen sie die wirtschaftlichen Verhältnisse auf eine

eigene Berufswahl, da die »Versorgung durch die Ehe«, durch den immer

schwierigeren Existenzkampf, den heute auch der Mann infolge des immer

mächtiger werdenden Großkapitals und der immer unheimlicher anwachsenden

Belastung der Staatseinkünfte durch den Militarismus zu führen hat, mehr

als illusorisch geworden ist. Ein Mädchen für diese einzige Chance zu

erziehen und es mit Blumengießen, Staubabwischen und Klavierklimpern

seine besten und tüchtigsten Jahre verlieren lassen, hieße heute ein

verbrecherisches Spiel mit menschlichen Kräften und menschlichen

Schicksalen treiben. Überdies müßte ein auf solch _einziger_ Chance sich

aufbauendes Schicksal auf _alle_ Fälle ein _entehrendes_ werden, durch

die absolute _Wahllosigkeit_, mit der dann danach gegriffen werden

müßte.

Die Frau muß also für die Möglichkeit einer Berufswahl vorbereitet und

erzogen werden. _Selbstverständlich_ muß daher auch ihr Bemühen

erscheinen, diese Möglichkeit auf die weitesten Gebiete auszudehnen, sie

aus engherzigen Beschränkungen frei zu machen und auf größere und

befriedigendere Wirkungskreise zu übertragen. Ist sie dazu »weniger

begabt«, so lasse man das nur ihre Sorge sein. Sie wird dann eben mehr

Mühe aufwenden müssen, um den vorgeschriebenen Bedingungen zu

entsprechen. Praktisch hat sich indes eine solche mindere Begabung der

Frau noch nirgends dokumentiert, es ist nirgends beobachtet worden, daß

eine Frau von einem neu erschlossenen Posten hätte entlassen werden

müssen, weil sie den üblichen Anforderungen nicht entsprach. Es ist auch

wahrscheinlich, daß man sich nicht gegen alle Anlage und Fähigkeit zu

irgend etwas drängt, sondern immer das der eigenen Natur Passende zu

erringen trachtet.

»Minderbegabt« und durchaus ungeeignet scheint mir die Frau nur für

einen einzigen Beruf, und das ist gerade der, zu dem man ihr seit

altersher unbeschränkten »freien Zutritt« gelassen hat: der Beruf der

schweren Taglöhner- und Fabriksarbeit.

Von der Hungergeißel hineingetrieben, büßt die Unselige mit schweren

Schädigungen an ihrem Geschlechte und an ihrer Nachkommenschaft,

Schädigungen, die die _Rasse_ treffen, -- die Schuld des Kapitalismus,

der dem Arbeiter für Einsetzung seiner ganzen Kraft nicht soviel

Einkommen gewährt, daß er Weib und Kind erhalten kann. Und während

dieses Weib selbst hinaus muß in einen unnatürlichen Frondienst, bleibt

das Heim unversorgt, die Kinder ohne Aufsicht und Pflege, denn soviel,

um eine helfende Hand zu bezahlen, kann auch die Arbeit beider nicht

erschwingen: darum ihr Herren, wendet euch mit eurem Ruf: »Die Frau

gehört ins Haus«, vor allem an die Proletarierin, die tatsächlich

hineingehört, da es ohne sie verfällt, wendet euch mit diesem Ruf an das

Unternehmertum, damit es ihr diese Möglichkeit gewähre!

Was die bürgerlichen Berufe, um deren uneingeschränkte Zulassung heute

gekämpft werden muß, selbst betrifft, so glaube man ja nicht, daß ich

die Berufstätigkeit der Frau als ein Glück betrachte. Glück und

Befriedigung gewährt wohl nur künstlerische oder wissenschaftliche

Betätigung -- die sogenannten freien Berufe -- im Gegensatz zu den

sicheren Brotberufen. (Die Verfasserin dieser Zeilen gehört selbst zu

den Menschen, die nur mit großer Überwindung auch nur zwei Tage

hintereinander ganz das gleiche tun können.) An dem grauen, trostlosen

Einerlei der meisten Brotberufe leiden aber auch die Männer. Daß die

Frauen um Zulaß zu diesen Berufen kämpfen, beweist am besten, daß nicht

Abenteurerlust, sondern zwingende soziale Gründe sie aus dem »Hause«

heraustreiben. Aus innerer Vorliebe strebt man wahrhaftig nicht ins Amt

oder ins Bureau: aber wenn man die Wahl hat, zu verhungern oder sich bei

Verwandten herumzudrücken, oder aber sich zu prostituieren -- mit oder

ohne Ehe -- so geht man eben doch noch lieber ins Bureau; ja, selbst

dann schon, wenn man ganz ohne jede ernste Beschäftigung in tödlicher

Langeweile und Inhaltslosigkeit und in beständiger Abhängigkeit »im

Hause« herumstreift.

Führt man als störendes Hindernis weiblicher Berufstätigkeit die

Geschlechtsfunktionen, vor allem die Mutterschaft an, -- denn

selbstverständlich muß die Erwerbsmöglichkeit auch für die verheiratete

Frau beansprucht werden, -- so ist gegen diesen Einwurf einzuwenden, daß

die _schuldige Rücksicht_, die man der berufstätigen Frau zur Zeit, da

sie der Schonung bedarf, _ganz gewiß zu erweisen hat_ (nicht, daß sie

ihrer überhaupt nicht bedürfte, wie viele Feministinnen meinen),

einfach als eine soziale Pflicht zum Wohle der Rasse zu betrachten ist,

deren Erfüllung aber nicht mehr Zeit beansprucht als etwa das

Militärjahr des Mannes, welches doch noch nie als Grund für die

Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben, angeführt wurde.

In der Tat, selbst wenn wir annehmen, daß die Mutterwerdung der Frau

zwei Monate Urlaub beansprucht, einen vor, einen nach der Entbindung,

mehr bedarf es bei vernünftiger Lebensweise ganz gewiß nicht, so müßte

die sehr stattliche Ziffer sechsmaligen Kindersegens angenommen werden,

um dem Militärjahr gleichzukommen. Was endlich die verflixten drei Tage

im Monat betrifft, so verursachen sie vielen Frauen überhaupt kein

wesentliches Unbehagen und bedürften daher kaum besonderer

Berücksichtigung; angenommen aber selbst, es würde einer derartigen

Indisposition Rechnung getragen, so könnte und dürfte dies einen

wohlgeordneten Betrieb so wenig aus dem Geleise bringen, als etwa die

Waffenübungen, die gleich auf Wochen hinaus den jungen Mann abberufen.

Der dritte Grund, warum eine Wertung von vorneherein auf falschem Boden

steht, die davon ausgeht, ob der Mann oder das Weib »geistig

höherstehend« oder für diesen oder jenen Beruf »begabter« sei, liegt in

der einfachen Tatsache, daß solche Vergleiche, die gewiß von Individuum

zu Individuum jedesmal andere Resultate ergeben, überhaupt nicht

geeignet sind, den _Wert_ einer Persönlichkeit oder gar einer Gattung zu

bestimmen. Ob eine Frau als Bahninspektor, Zahnärztin, Agentin,

Telephonistin, Mathematikerin oder Malerin tüchtiger oder untüchtiger

ist als ein männlicher Kollege, ist höchst gleichgültig für ihren

_Wert_. Es kann höchstens ihren (eng an ihre Person geknüpften) Wert als

Malerin, Zahnärztin etc. bestimmen und wird sie allein die Konsequenzen

ihrer eventuellen Untüchtigkeit wirtschaftlich zu tragen haben, kommt

aber bei der Bewertung des ganzen Geschlechtes gegenüber dem anderen

Geschlechte überhaupt nicht in Frage. Es gibt Frauen genug, die

überhaupt keinen Beruf ausüben, die vielleicht gar keine besonderen

Talente haben, und die durch ihr bloßes Dasein ihre ganze Umgebung

erheben und beglücken. (_Sein_ und _Wesen_ entstammen nicht umsonst

sprachlich derselben Wurzel.) Kein Geschlecht kann »wertvoller«, keines

»minderwertiger« sein als das andere, denn schon durch ihre

unersetzliche unentbehrliche Funktion der gegenseitigen Ergänzung sind

beide Geschlechter für einander gleichwertig.

Eine vergleichende Wertung gibt es nur von Mensch zu Mensch, von Fall zu

Fall, aber nicht zwischen den Typen Mann und Weib.

Die _Schnecke_, die hermaphroditisch ist, repräsentiert schon als

einzelnes, ungepaartes Individuum den Typus _Schnecke_. Aber erst Mann

und Weib zusammen ergeben den Genus »Mensch«. Männerhaß oder

Weiberverachtung sind abnorme Erscheinungen, die ihre Hinfälligkeit im

eigensten Wesen tragen. Der Haß eines Geschlechtes gegen das andere und

seine Herabsetzung und Herabwertung war immer das Zeichen des Verfalls,

der Entartung, der Verwesung -- des einzelnen, wenn vom einzelnen geübt,

ganzer Völker, wenn in Massen um sich greifend. Die sexuellen

Perversitäten, die diese Erscheinungen in unmittelbarem Gefolge hatten,

waren stets der Ruin noch so gesunder Kräfte; Griechen und Römer waren

im Stadium des Verfalls und Niederganges, da die Knabenliebe bei ihnen

Überhand nahm, und der Orient, der das Weib am tiefsten drückt, ist auch

politisch ein lendenlahmer »kranker Mann«.

Hinter uns aber stehen nicht die ersatzbereiten Kräfte unverbrauchter

Völkerstämme, wie die Germanen hinter dem zugrunde gehenden Altertum. An

Spannkraft und Nerven werden von einem auf die Spitze getriebenen

Daseinskampf so hohe Anforderungen gestellt, daß es Wahnsinn wäre, die

Glücksmöglichkeiten, die in herzlichen, achtungsvollen Beziehungen

zwischen den beiden Geschlechtern liegen, auch noch gewaltsam zu

verwüsten. Es bedarf keiner »Vermännlichung« des Weibes, um es zu

erheben, wohl aber wird eine stete, unaufhaltsame _Vermenschlichung_ des

Mannes und des Weibes beide einander nur inniger zuführen, ihre

Beziehungen vertiefen und adeln und durch natürliche Züchtung eines

immer vollendeteren Typus die Gesamtheit heben und der Vervollkommnung

näher bringen.

Von =GRETE MEISEL-HESS= sind im Verlag von Hermann Seemann Nachfolger

erschienen:

»=In der modernen Weltanschauung.=« Broschiert M. 2.50

»=Fanny Roth.=« Eine Jung-Frauengeschichte. 2. Auflage.

Broschiert M. 2.50

»=Suchende Seelen.=« Drei Erzählungen. Broschiert M. 2.--

»=Annie-Bianka.=« Eine Reisegeschichte. 2. Auflage.

Broschiert M. 1.--

In Vorbereitung:

»=Eine sonderbare Hochzeitsreise.=«

Neue Novellen.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

die Verkündigung eines »neuentdekten Gesetzes« über die Affinität der

die Verkündigung eines »neuentdeckten Gesetzes« über die Affinität der

bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailay

bekannte Spezialfälle meint er damit, nicht bei Barnum & Bailey

Autoren immer seltener gegeworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges

Autoren immer seltener geworden, so daß der Grund für ihr ehemaliges

Jahren, da dies Gebiet für die Frauen durch Zulaß zu Bildungstätten

Jahren, da dies Gebiet für die Frauen durch Zulaß zu Bildungsstätten

ungestörten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmöglickeiten«. Die

ungestörten Entfaltung ihrer geistigen Entwicklungsmöglichkeiten«. Die

betreibt? Führt er auch ein »bebewußteres« Leben als »das Weib«, oder

betreibt? Führt er auch ein »bewußteres« Leben als »das Weib«, oder

Aurorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner

Autorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner

]

Weiberhaß und Weiberverachtung Eine Erwiderung auf die in Dr. Otto Weiningers Buche »Geschlecht und Charakter« geäußerten Anschauungen über »Die Frau und ihre Frage« · 第 5 / 5 段