wirtschaftlich-materiell-soziale Moment existiert für Weininger nicht,
wird entweder überhaupt nicht erwähnt oder rundweg geleugnet. So wagt er
es denn auch, die unerhörte Behauptung aufzustellen, der Zusammenhang
der ökonomischen Verhältnisse mit der Frauenfrage sei ein viel
lockererer als er gewöhnlich hingestellt wird!!! Nur bei den Frauen aus
dem Proletariat, die sich in die Fabrik oder zur Bauarbeit drängen,
anerkenne er diesen Zusammenhang! Der Kampf um das materielle Auskommen
habe mit dem Kampfe um einen geistigen Lebensinhalt (»wenn« ein solcher
vorhanden sei!!!) nichts zu tun und sei scharf von ihm zu trennen!
Ja, sollen sich denn die Frauen, die ein materielles Auskommen suchen
und brauchen, _alle_ zum Ziegelschupfen drängen und _nur_ zum
Ziegelschupfen? Sollen sie nicht ein Anrecht haben, von einer höher
qualifizierten und besser bezahlten Beschäftigung, eben jener, die
vielleicht gerade ihrem geistigen Lebensinhalt entspricht, auch eine
materielle Existenzmöglichkeit zu erzielen? Verzichten denn Männer in
akademischen Berufen (oder anderen, die eine gewisse Bildung
voraussetzen) auf ein Einkommen aus diesen Berufen (denen sie sich doch
voll und ganz widmen müssen, um in ihnen etwas zu leisten), leben sie
samt und sonders von ihren Renten und begnügen sie sich mit dem
»geistigen Lebensinhalt«, den ihnen diese Berufe vielleicht geben?!
Daß die Frauen es endlich satt haben, sich entweder zu prostituieren
oder zu versklaven (oder nur zum Ziegelschupfen »freien Zutritt« zu
erhalten), daß sie endlich auch ihre geistigen Fähigkeiten nutzbar
gemacht und bewertet wissen wollen, ist die Grundlage jener »Bewegung«,
die für Weininger ein »Unsinn« ist. Und daß dieser Kampf um Brot mit dem
Kampf nach Daseinsinhalt endlich Hand in Hand gehen _könne_, ist das
vornehmste Ziel der Emanzipation. Und dieses Ziel kann mit nichten das
»einzelne Individuum für sich allein erkämpfen«, wie Weininger dies
fordert, dem die Massenbewegung der Frauen wie ein »großes, wildes Heer«
erscheint, das die »wahre« Befreiung nicht erringen könne. Es gibt keine
»wahre« Befreiung ohne wirtschaftliche Befreiung! Und in dem Kampfe
danach wäre das »einzelne Individuum für sich allein« _hilflos
verloren_, -- wehr- und waffenlos würde es von der kompakten Masse der
Gegner -- auch ein »großes, wildes Heer« -- in Grund und Boden getreten!
Um neue soziale Tendenzen durchzusetzen, um dem _Trust auf allen Linien_
gerüstet zu begegnen, bedarf es des Zusammenschlusses aller
_einheitlichen Willen_, -- des »Unsinns« der Organisation.
Wenn »M« über die Psychologie von »W« »Enthüllungen« zu machen im
Begriffe ist, pflegt er manchmal von einer Art Gewissensbissen befallen
zu werden, leisen Zweifeln an der Richtigkeit der abgegebenen lapidaren
Urteile. Woher und wieso »M« überhaupt imstande sein soll, die
geheimsten psychischen Vorgänge im Weibe zu »enthüllen«, darauf hat
Weininger natürlich seine Antworten.
Das _Recht_ dazu gebe ihm nämlich erstlich die Frau selbst, da sie
entweder Falsches von sich aussage oder überhaupt nichts zu sagen wisse;
so habe z. B. noch keine Frau ihre Empfindungen und Gefühle während der
Schwangerschaft zum Ausdruck gebracht; _Scham_ hätte sie gewiß nicht
daran gehindert, fährt er fort, denn nichts läge einer schwangeren Frau
ferner als Scham über ihren Zustand. _Wie schamlos es von Seite des
Mannes wäre, diese Scham zu erwarten, scheint er aber gar nicht zu
ahnen!_
Daß sich in früheren, unfernen Zeiten ein wahrer Sturm gegen eine Frau
erhoben hätte, die es gewagt hätte, ohne Pseudonym literarische
Bekenntnisse über den Zustand ihrer Schwangerschaft zu geben, ignoriert
er vollständig; auch daß sich in der kurzen Epoche, da überhaupt
realistische Darstellungen der Lebensvorgänge, wie sie sich bar aller
verlogenen Illusionen wirklich abspielen, in der Literatur sich Raum
verschafft haben, auch die Frauen -- oft mit wenig Talent, oft aber auch
mit geradezu elementarem Talent und wahrhaft unerschrockenem Mut -- sich
daran beteiligt haben, daß gerade über diesen Gegenstand von Seite von
Ärztinnen, Dichterinnen, Sozialreformerinnen und Nationalökonominnen
bereits eine kleine Literatur vorliegt, scheint er gar nicht zu wissen.
Ebenso fest fundiert ist auch die andere Antwort, die auf die Frage,
woher die _Möglichkeit_ solcher Enthüllungen dem Manne kommen solle,
gegeben wird: aus dem, was in den Männern selbst an »W« ist!
Nun, gerade über das Phänomen der Schwangerschaft dürfte sich von
_diesem_ »W« (im »M«) kaum Verläßliches aussagen lassen!
Und auf Grund dieses erbrachten »Befähigungsnachweises« wird nun in der
Tat »ausgesagt«.
Vor allem wird der »psychologische Unterschied zwischen M und W« nach
weitschweifigen Auseinandersetzungen über deren physiologische
»Unterschiede« -- kurz und bündig, ohne Beweise, wohl aber mit einer
Fülle falscher Behauptungen -- damit erklärt, W gehe vollständig im
Geschlechtsleben, »in der Sphäre der Begattung« auf, während M noch für
eine Menge anderer Dinge Interesse habe: »für Kampf und Spiel,
Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft, Geschäft und
Politik, Religion und Kunst.«
So?! Nur »M« hat für diese Dinge Interesse?! Und wenn ich als Frau (mit
tausenden anderen Frauen) auf diese kühne Behauptung, die allein die
Trägerin der These sein soll, W sei ganz und gar Sexualität und sonst
nichts, -- wenn ich nun daherkomme -- und aussage und beweise, daß ich
ebenfalls »ausgefüllt und eingenommen bin« von all diesen Dingen, ja
_gerade_ von _diesen_ Dingen, von Kampf und Spiel, von Geselligkeit und
Gelage, -- jawohl! -- von Diskussion und Wissenschaft, von Geschäft und
Politik, von Religion und Kunst, -- jawohl! -- und nicht eine dieser
Interessen aus meinem Leben scheiden könnte, -- was dann?
Dann -- ja dann ist nicht etwa die These falsch und flach und hohl --
sondern ich und die Tausende von andern Frauen, die mit mir daherkamen,
sind eben keine »echten« Frauen, sondern nur zu zwei Dritteln oder gar
nur zur Hälfte Frauen! -- Einen bequemeren und platteren Schild hat kaum
irgend jemand sich jemals geschmiedet! -- Daß man von einer »Echtheit«,
das heißt hier Kulturfremdheit und Verwilderung, die von Tag zu Tag
seltener wird und deren vollständiges Verschwinden eben nur von der
Eroberung größerer Bildungsmöglichkeiten abhängt, -- _nicht_ ausgehen
darf, um ein »Gesetz« aus ihr zu konstruieren, das für Millionen
Exemplare, die dieser »Echtheit« längst entsprungen sind, Gültigkeit
haben soll, -- das ist so flach auf der Hand liegend, daß es beinahe
eine Schande ist, es erst zu explizieren. Überhaupt wird Weiningers
Polemik in dem Moment, wo sie aus den Grenzen der reinen Spekulation
heraustritt in den Kreis der Erfahrungen, der Tatsachen, des
sichtbarlich Wahrnehmbaren erstaunlich platt. So heißt es gleich nach
der so fest fundierten Behauptung, W gehe ganz und gar in der
Sexualsphäre auf, -- an Entwicklung möge glauben wer da wolle, nur
darauf komme es an, wie sie (die Frauen, an anderer Stelle die Juden)
_heute_ sind. So? Nur darauf kommt es an, wie sie heute sind? Nicht etwa
auch darauf, wie sie _wurden_ und wie sie sichtlich _werden_? -- In
rasender Rotation bewegen sich die Gestirne, Glühendes erstarrt, Starres
wird flüssig, Flüssiges verdampft, Äonen türmen Gebirge auf und waschen
sie wieder fort, Meere werden zu Land und Länder zu Meer, tausende
Formen durchläuft das Leben, ehe die primitive Zelle in komplizierter
Vielfältigkeit triumphiert, alles wandelt sich ruhlos, alles wird,
wächst, schwindet, kehrt wieder, -- nirgends Stillestehen und Ende, --
»alles fließt« -- und im Buche eines Gelehrten des XX. Jahrhunderts wird
Wandlung durch Entwicklung -- bezweifelt!
Weininger verläßt nun vollständig das Gebiet der Theorie und begibt sich
auf den Boden der Tatsachen. Aussage folgt auf Aussage, -- und was da
kurz und eilig, in rascher Folge nacheinander behauptet wird, ohne durch
die geringste reale Beweisführung gestützt zu sein, mutet wie ein
einziges Wirrsal an, -- ein Labyrinth, in dem sich der, der es
konstruierte, selbst nicht mehr zurechtfindet. Mit einer so dezidierten
Bestimmtheit werden da fixe Vorstellungen als unanzweifelbare Tatsachen
hingestellt, -- daß sie der Polemik förmlich entheben, da ihre monströse
Verkehrtheit schon durch ihre Zitierung erhellt:
»W befaßt sich mit außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den
sie liebt, oder um des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte.«
Lüge! Mehr läßt sich auf eine solche Behauptung nicht erwidern. »Ein
Interesse für diese Dinge an sich fehlt ihr vollständig.« Abermals Lüge,
einfach schlechtweg Lüge!
Wenn eine »echte« Frau z. B. Latein lerne, so tue sie das nur, um etwa
ihren Sohn darin zu überhören! -- Bedarf die -- Albernheit (man kann es
beim besten Willen nicht anders nennen) dieser Behauptung und ihrer
Benützung als Faktor zur Beweisführung weiblicher Minderwertigkeit --
einer Debatte?
Daß W »nichts ist als Sexualität« -- M »noch etwas darüber« -- das zeige
sich besonders deutlich in der Art, wie M und W ihren Eintritt in die
Periode der Geschlechtsreife erleben. M empfinde die Zeit der Pubertät
krisenhaft und beunruhigend, was auch begründet sei durch -- hier wird
ein physiologisches Phänomen genannt -- »über das der Wille keine Gewalt
hat«. Das Weib aber finde sich ganz leicht in die Pubertät. -- So? Ist
es dem Autor gänzlich unbekannt, wie eminent krisenhaft, beunruhigend,
aufregend und gefährlich _gerade_ beim Weibe diese Epoche sich
ankündigt, -- da ja auch sie von einem Phänomen begleitet ist, -- »über
das der Wille keine Gewalt hat«?! Unbekannt auch, daß hysterische
Schwärmereien, die gewöhnlich blinde Aufopferung und entsetztes
_Abwenden_ von aller bewußten Sexualität (die mit geheimen Schauern wie
eine fremde, feindliche Macht geahnt wird) zum Substrate haben, gerade
in dieser Zeit emporschießen, daß eine übersinnliche Hingabe zur
treibenden Kraft des ganzen Wesens wird, -- wie sie Ibsen in Kaja Fosli
und in der Hedwig der »Wildente«, Hauptmann in Ottegebe im »Armen
Heinrich« verkörperten?!
»Besonders deutlich« beweisen daher Behauptungen solcher Art nur das
Eine: daß alles, was ist und wie immer es ist, herbeigeholt, und alles,
was nicht ist, konstruiert wird, um vorgefaßte Fiktionen zu stützen.
Ein blindes Vorbeisausen am wahrhaft Ursächlichen, an wirtschaftlichen
und sozialen Verhältnissen, in denen die Gründe so mancher Erscheinungen
wurzeln, ist ganz auffällig ersichtlich und kulminiert in verwirrender
Verwechslung natürlicher Anlagen mit bloßen Zeiterscheinungen von rein
sozialer Natur. Warum -- so wird gefragt -- denken Knaben nicht ans
Heiraten, während selbst die kleinsten Mädchen schon darauf »erpicht zu
sein scheinen«? Sehr einfach: weil die Mädchen von einem Erziehungsplan,
der eine _andere_ selbständige Existenz als die Heirat nicht in Betracht
ziehen konnte, darauf gedrillt wurden. Darum denken sie schon bei der
Puppe ans Heiraten, geradeso wie Buben, denen man den Säbel als
Spielzeug in die Hand gibt, sich gewöhnlich eine kriegerische Karriere
in lockenden Farben ausmalen, womit doch sicher nicht bewiesen ist, daß
sie ihrer »Anlage« nach Menschenschlächter sind und in ihrem späteren
Leben begeisterte Anhänger des Militarismus »bleiben« werden.
Nur wahrhafte Blindheit für alle sozialen Zusammenhänge konnte auch die
unglaublich naive Frage stellen, warum denn beim Weibe die Brautnacht
eine so viel größere Rolle spiele als beim Manne der erste
geschlechtliche Akt. Dio mio! Es soll ein Beweis der absoluten, alles
andere ausschließenden Sexualität von »W« sein, daß die Brautnacht der
Frau -- ihre Defloration durch den Einzigen, dem sie voraussichtlich
angehören wird, mit dem sich ihr ganzes Schicksal eng verbindet, -- daß
diese Nacht, die ein aufwühlendes physisches und psychisches Erlebnis
bringt, nachdem schon der vorangegangene Tag ihr eine ganz neue soziale
Stellung, eine Umwälzung ihrer wirtschaftlichen Existenz bezeichnete, --
der Frau mehr bedeutet, als dem Manne der Fall in die Arme der ersten
Dirne, mit der ihn eine Stunde später keine noch so flüchtige Beziehung
mehr verbindet! Und trotzdem wird auch dieses Erlebnis von
feinfühligeren Männern als aufwühlendes, aufregendes und lange
nachwirkendes Geschehnis empfunden, -- weil eben physiologische
Veränderungen jeden Organismus auch psychisch erschüttern.
Unsinn auf Unsinn wird mit Tiefsinn vorgetragen: _nur_ beim Weibe sei
die Sexualität »diffus« ausgebreitet über den ganzen Körper, jede
Berührung an welcher Stelle immer errege sie sexuell. Ist das nicht
gerade umgekehrt _beim Manne_ der Fall -- und die Möglichkeit, sexuell
erregt zu werden, bei »M« nichts weniger als »streng lokalisiert?!«
Da das Weib durch und durch Sexualität ist, kenne es natürlich überhaupt
keine andern Begriffe; ja es könne überhaupt keinen Begriff bewußt
erfassen, _es fehle ihm die Bewußtheit_, es könne nur in verschwommenen
Vorstellungen, »in Heniden« denken -- daher sei ihm selbst ein
»intellegibles Ich« abzusprechen, -- eine Seele! »Darum« könnte es auch
niemals ein weibliches Genie geben, -- »denn« -- wie könnte ein
seelenloses Wesen Genie haben?
Gewiß eine klappende, -- klappernde Logik, eine Logik mit gebrochenen
Gelenken und durcheinander geschüttelten Gliedern!
»Das« Weib lebt weniger bewußt als »der« Mann! Ja, vielleicht, -- unter
ganz bestimmten Verhältnissen. In vollkommen geschützten
Bourgeoiskreisen vielleicht, wo die Tätigkeit der Frau sich
ausschließlich auf ihr häusliches Milieu beschränkt, während der Mann
durch seinen Beruf im Kontakt mit dem Leben steht und daher --
vielleicht -- eine »bewußtere« Existenz führt als sie. Aber wie steht's
zum Beispiel beim Arbeiter, wo der Mann nicht Handel, Industrie,
Wissenschaft oder Kunst, sondern aufreibende, schwere Taglöhnerarbeit
betreibt? Führt er auch ein »bewußteres« Leben als »das Weib«, oder
leben sie nicht etwa beide (soferne noch kein frischer Windzug
politischer Stellungnahme zu ihnen gedrungen ist) ein dumpfes, stumpfes,
erkenntnisloses und qualenreiches Frohndasein?! Der Bäckergeselle z. B.,
der, wie jüngst durch eine Enquête eruiert wurde, in manchen Fällen von
Abends 8 Uhr bis Mittags 12 Uhr beim Teigtrog steht, dann von 12 bis 8
Uhr den notwendigsten Schlaf nachholt und um 8 Uhr wieder in die
Backstube geht, lebt er etwa ein »bewußteres« Dasein als »das« Weib?!
Alle diese Einzelheiten zeigen aber deutlich, daß es sich überall darum
handelt, gerade den frischen Luftzug einer maßvollen Betätigung, eines
Berufes, der nicht den ganzen Menschen frißt, der ihm Zeit läßt zur
Selbstbestimmung und zum Kontakt mit der Welt und ihn dabei
menschenwürdig ernährt, den Menschen erringen zu helfen, _um ihnen eine
Seele zu geben_. Weder im abgesperrten Heim, noch im Ghetto, noch am
Teigtrog läßt sich »Seele« erwerben, kann sich Intellegiblität
entwickeln.
Ausgehend von der falschen Voraussetzung, der ganze theoretische Streit
in der Frauenfrage drehe sich darum, »wer geistig höher veranlagt sei,
die Männer oder die Frauen«, eine Voraussetzung, die umso naiver und
lächerlicher ist, als es ja _darauf gar nicht ankommt_, um den Wert
einer Gattung zu bestimmen und eine von _solchen_ Gesichtspunkten
ausgehende Bewertung einen erbärmlich kleinlichen Standpunkt verraten
würde, gelangt Weininger zum Problem der Begabung und Genialität
überhaupt. Dieser Abschnitt seines Buches scheint mir die anderen
Kapitel wie eine Warte zu überragen, trotzdem auch hier unvermutete,
vehemente Sprünge in die unsinnigsten Schlußfolgerungen die sinnigsten
Auseinandersetzungen abreißen und verzerren und den Eindruck wilder
Purzelbäume hervorrufen, die ein ruhiges, schönes Wandeln plötzlich
unterbrechen. Glänzend und plastisch, von unzweideutiger Prägnanz ist
der Stil, eine wunderbare Klarheit herrscht vor, solange die fixe Idee
nicht mitspricht. Abgesehen von einigen Ausfällen von peinlicher
Banalität, die eine interessant ansetzende Gedankenreihe manchmal grob
unterbrechen, -- wie z. B. die nicht sehr originelle Mitteilung, daß
»ganz große« Männer nicht dem jungen Fuchse auf der Mensur »gleichen«,
noch dem jungen Mädchen, das sich über die neue Toilette nur freut, weil
ihre Freundinnen sich darüber ärgern, -- finden sich da feine und zum
Teile auch eigenartige Beobachtungen über das Wesen des genialen
Menschen, bis wieder ein mehr als gewagtes Salto mortale die ganze
Betrachtung zerreißt.
Schon die Behauptung, daß das geniale Bewußtsein das vom
»Henidenstadium« (vom Stadium der verschwommenen, mehr instinktiven als
intellektuellen Vorstellungen) am weitesten entfernte sei, ist sehr zu
bezweifeln: ist doch das Phänomen der halluzinativen, visionären
Genialität und Produktionsfähigkeit zahllose Male beobachtet worden, ja
es ist fast als typisch zu betrachten, da bei den meisten und
bedeutendsten unter den »Schaffenden« der Zustand der Produktion fast
immer von einer Art visionärer Entzücktheit getragen ist, die weitab
liegt von »grellster Klarheit und Helle« mit der derselbe Schaffende
sich vielleicht als Kritiker betätigen kann. Wenn nur gar aus dieser
Behauptung, die sich durchaus nicht als stichhältig erweist, gefolgert
wird, Genialität offenbare sich als eine Art höherer Männlichkeit und
»darum« könne W nicht genial sein, so ist dies gewiß eine fast kindische
Dialektik zu nennen, die sich der abstrakten Spekulation entrückt, und
ins Licht der realen Wirklichkeit gestellt, an ihren gewaltsam
aneinandergeschraubten Zusammenhängen erkenntlich macht. Die auf das
Weib sich beziehende Schlußresumierung der aus der ganzen Theorie
gewonnenen Resultate zeigt den traurigen Mut einer kaum glaublichen
Unverfrorenheit: die Frau bringe der Genialität kein anderes Verständnis
entgegen, als eines, das sich eventuell an die Persönlichkeit eines noch
lebenden Trägers knüpft!
Aus solchen Aussprüchen, aus denen sich der auf Tatsachen sich
beziehende und berufende Teil dieses Buches zusammensetzt und die
deswegen in Debatte gezogen werden müssen, erhellt ein klägliches
Abgleiten und Danebengreifen, sowie das nachgiebige Gebiet der
Spekulation verlassen und das harte der Tatsachen und der praktischen
Folgerung betreten wird: kein noch so »wissenschaftlich« angelegtes und
mit innerlicher Tiefe entworfenes Fundament kann für einen Bau von
Bedeutung sein und ihm zu Werte verhelfen, wenn der Bau selbst aus
morschem Material gezimmert ist, das die Verwesung schon in sich trägt.
Neben sehr treffenden Kriterien der genialen Veranlagung werden solche
von erstaunlicher Einfalt aufgestellt, die den Autor schließlich zu der
Behauptung führen, _kein_ männliches Wesen sei ganz ungenial! So
mancher, der von seiner Genialität bisher keine Ahnung gehabt hat, wird
dies schmunzelnd zur Kenntnis nehmen! Die »absolute Bedeutungslosigkeit«
der Frauen wird durch Aufzählung verschiedener Berufe erhärtet, in denen
die Frauen nichts geleistet hätten, ohne daß mit einer Silbe daran
gerührt wird, ob sie wohl die _historische Möglichkeit_ dazu hatten oder
nicht. Daß sie in der Musikgeschichte, in der Architektur, in der
Plastik und Philosophie nicht das Geringste geleistet hätten, wird ihnen
vorgehalten, in einem Atem wird aber gleich darauf eingestanden, der
weibliche Baumeister sei »eine fast nur Mitleid weckende Vorstellung«.
Daß diese Vorstellung und andere ähnliche jahrhundertelang überhaupt
einen Wall bildeten, der alles weibliche Streben von solchen Richtungen
ablenkte, wird natürlich nicht gesagt; auch nicht, daß, seit in diesen
Wall durch den Ansturm der Frauenbewegung einige Breschen geschlagen
wurden, sehr tüchtige und bemerkenswerte weibliche Leistungen sowohl in
der Architektur (man denke an die nach dem Leben gezeichnete Figur der
Ursine in Reickes berühmtem Roman: »Das grüne Huhn«) als besonders in
der Plastik zu verzeichnen sind: Sondererscheinungen natürlich, aber die
geringe Zahl erklärt sich doch klar genug daraus, daß es ja eine
selbstverständliche Erziehung jedes Mädchens zu einem Berufe noch nicht
gibt, daher der Prozentsatz, der sich trotz des Mangels an Förderung
und Antreibung aus eigener Kraft zu einem Berufe schwieriger
wissenschaftlicher oder künstlerischer Natur durchringt, doch naturgemäß
ein weit geringerer sein muß, als die Anzahl der Männer, die _alle_ zur
Berufswahl verhalten werden.
Daß die Frauen in der Philosophie nichts geleistet hätten, ist
unrichtig, nur gestatteten ihnen die Zeitverhältnisse meistens nicht,
dozierend oder publizierend vor die Öffentlichkeit zu treten; im
Mittelalter entwickelte sich ein hohes geistiges Kulturleben der Frauen
-- hinter den Mauern der Klöster. In den lichten Zeiten blühenden
Hellenentums waren die Philosophinnen Griechenlands, zu denen die früher
erwähnte Mysia, Theana und andere gehörten, bekannt und berühmt. Gerade
für die Philosophie ist die Begabung der Frauen unzweifelhaft, denn die
weibliche Natur neigt viel eher zu kontemplativer, nach innen gekehrter
Betrachtung, als zu irgend welcher äußeren Agitation, obzwar sie unter
dem Ansporn der Notwendigkeit auch diesen Mangel -- eine Art seelischer
Schwerfälligkeit -- aufzuheben vermag, wie die rührigen Betätigungen der
Frauenvereine beweisen.
Daß die Frauen in der Musikgeschichte nichts leisteten, dürfte wohl mit
ihrem Mangel an entsprechender beruflicher Betätigung (in der
Orchestermusik, als Kapellmeister etc.) herrühren, die sie in
fortwährenden Kontakt mit musikalischer Theorie und musikalischer Praxis
brächte; vielleicht ist auch wirklich eine geringere Begabung dazu
vorhanden, denn es soll ja durchaus nicht geleugnet werden, daß für
manches Schaffensgebiet das weibliche Geschlecht weniger befähigt ist
als das männliche, z. B. dürfte das in der Chirurgie ganz sicher der
Fall sein. Weil aber irgend eine Spezies nicht ganz »gleiche« Talente
hat wie eine andere, ist sie doch gewiß nicht minderwertig, soferne sie
auf einem andern Gebiete brauchbar ist. Die gegenseitige
Unentbehrlichkeit, Unersetzlichkeit der beiden Geschlechter für
einander bedingt schon ihre Gleichwertigkeit! Eine geistige Rangordnung
ist überhaupt -- so will es mir scheinen -- nur von Individuum zu
Individuum anwendbar; nicht einmal unter Völkern und Stämmen darf das
vergleichende Urteil eine Abfertigung en masse sein, geschweige denn
dort, wo es sich um die eine Riesenhälfte der Menschheit handelt, die
mit ein paar mühsam herbeigeschleppten Grenzpfählen in eine eigene
Wertabteilung sperren zu wollen, eine lächerliche Torheit ist, weil in
jedem Augenblick Millionen Individuen aus der bloßen Gattungssphäre
heraus- und über diese Grenzen hinüberspringen.
Eine »echt weibliche Anlage« darin zu sehen, daß viele Frauen ihre
Männer belügen und betrügen und nur kleinliche Wirtschaftsinteressen
kennen, scheint eine Verblendung, die nur in dem überraschenden
Bekenntnis des Autors, daß »jeder hervorragende Mensch zeitweise an
fixen Ideen leide«, ihren Schlüssel haben dürfte. Ist es ein
»Naturgesetz«, daß viele Frauen lügen und trügen oder tun sie dies nicht
vielleicht deshalb, weil sie abhängig und wirtschaftlich ewig
bevormundet sind?! Und wenn sie sich nur für Kleinlichkeiten
interessieren, dürfte das nicht darin seinen Grund haben, daß größere
Interessen in ihrem armseligen Hausdasein überhaupt nicht an sie
herantreten? Und haben Männer in ähnlich eingeengtem sozialen
Wirkungskreis etwa einen größeren Horizont? Und muß dies so bleiben,
unabänderlich -- ein »Naturgesetz«?!