ANTIKE GLASARBEITEN.

Erster Schrank an der Schmalwand der Eingangsseite:

Nebst einigen Proben ägyptischer Glasarbeiten, worunter nebst

Halsketten, Skarabäen etc. besonders die zierlichen Alabastren mit

Zickzackverzierungen in kobaltblauem Grunde bemerkenswert sind,

verdienen hier namentlich die Fragmente bunter römischer Glasarbeiten

in künstlerischer und technischer Beziehung größte Beachtung. Viele

dieser Bruchstücke sind Teile von Hohlgläsern, andere rühren von

Wandbekleidungen, Möbeleinlagen, von Schmuck oder Nippesgegenständen

her. Die Blütezeit dieser Industrie fällt in das I. Jahrhundert

n. Chr. Der größere Teil sind sogenannte Millefiori-Gläser, eigentlich

Mosaikgläser, die durch das Zusammenschmelzen von Glasstäben

verschiedener Farbe entstanden sind. Durch Querschnitte auf diese

Stabbündel erhielt man Plättchen, auf welchen das beabsichtigte Muster

zum Vorschein kam. Die Plättchen wurden in Hohlformen zu Schalen etc.

zusammengesetzt, von innen durch eine Glasblase verbunden und dann auf

der Außenseite von einer durchsichtigen oder durchscheinenden grünen,

braunen, blauen, goldgelben oder violetten Glasmasse überfangen.

Besonders feine Arbeiten erhielten noch obendrein durch Schliff eine

vollkommen glatte Oberfläche. So die prächtigen Mosaikfragmente mit den

zierlichen Blumen und Friesornamenten, die Masken, Vögel, Zierleisten

etc. Eine hervorragend schöne seltene Probe dieser minutiösen

Mosaiktechnik ist ein in mehreren Bruchstücken erhaltener Fisch auf

hellblauem Grunde.

Andere ähnliche Fragmente gehören in die Gruppe der sogenannten

Madreporen-Gläser. Das sind Gläser mit unregelmäßigen farbigen

Flecken, Spiralbändern oder Ringen, die auf eine ganz ähnliche Art,

aber unter Begünstigung von Zufallserscheinungen, die eine gewisse

Unregelmäßigkeit des Musters herbeiführen, erzeugt wurden. Eine

weitere Gattung bilden die Bandgläser, die aus Längsschnitten von

Stabbündeln gebildet sind. Einzelne Stabbündel, welche Fäden von

opaker Farbe, meist Weiß, enthielten, wurden schraubenförmig um ihre

Längsachse gedreht, und es entstanden jene Gläser mit verstricktem

Fadenmuster, die man Filigrangläser nennt. Ein durchsichtiger Überfang

verband schließlich alle diese Stäbchen zu einer kompakten Masse.

Eine ausgedehnte Gruppe bilden die sogenannten Onyxgläser, die durch

Mischung und Verschiebung verschiedenfarbiger Gläser in einzelnen

Stücken und Streifen eine mehr konventionelle als auf Täuschung

berechnete Nachahmung kostbarer Steinarten aufweisen.

Überdies sind noch Bruchstücke bemerkenswert, die uns verschiedene

Techniken antiker Glasarbeit in Einzelproben vorführen. Von der

merkwürdigen Spezies der Diatreten, das heißt jener Gefäße, die

ein gläsernes Netzwerk umgibt, das aus einem Überfang in der Weise

herausgeschliffen ist, daß das Netz frei abstehend nur durch stehen

gelassene Stege mit dem andersfarbigen Untergrund in Verbindung steht,

besitzt das Museum ein Fragment, auf dem mehrere flache kobaltblaue

Bügel auf einem Untergrunde von weißer Farbe aufsitzen und die Technik

des Diatretum-Glases in ungewöhnlicher Deutlichkeit erkennen lassen.

Besonders bemerkenswert ist ferner eine schöne hellgrüne Medusenmaske,

ein aus dicker Masse gepreßter Zieransatz eines Gefäßhenkels, endlich

zwei Löffel, eine Nadel, Amulette, Anhängsel, Spielsachen, Kugeln,

Halsschnüre, Perlen, Mosaikgläser mit Goldflocken usw.

Unter den mannigfachen Arten der Verwendung des Goldes zum Schmucke

der Gläser sind die sogenannten Fondi d’oro die interessantesten.

Solche wurden hauptsächlich in römischen Katakomben gefunden. Es sind

Schalen, in deren Fuß ein Goldblatt eingelassen ist, dem man eine

bestimmte Zeichnung gegeben. Diese Goldgläser beginnen mit Ende des II.

Jahrhunderts n. Chr. und reichen bis weit in das V. Jahrhundert. Ein

Medaillon, auf welchem die Zeichnung mit scharfem Stifte eingeritzt

ist, während die überflüssigen Teile abgeschabt sind und das Ganze

blau unterlegt ist, zeigt einen männlichen Porträtkopf und die

Inschrift ATIUS BALBIF; es wird in Buchers Katalog unter den echten

Antiken angeführt, ist jedoch nicht ganz einwandfrei. Die moderne

Nachbildung einer größeren Schale dieser Art befindet sich nebst andern

Nachbildungen antiker Gläser und einigen neueren Arbeiten aus Hebron,

die noch ganz in antiken Traditionen wurzeln, in dem kleinen Schranke

vor dem Fenster.

Was die Formen antiker Hohlgläser betrifft, so bietet die kleine

Sammlung im Aufsatzschrank über den Pulten ein abwechslungsvolles

Bild. Wir finden halbkugelige und flache, glatte und gerippte

Schalen, viereckige, kugelige, birnförmige, lang- und kurzhalsige,

plattgedrückte und zylindrische sowie mit Fäden umsponnene Flaschen,

solche mit eingekniffenen Bandverzierungen und mannigfach gerippten

Henkeln, Ampullen mit flachem Kegelfuß und langgestreckte Phiolen,

runde Becher und solche mit eingedrückten Wänden, einen sogenannten

Rüsselbecher, kleine Gefäße in Tierform usw. Viele dieser Stücke

zeichnen sich durch eine prächtig irisierende Oberfläche aus. Diesen

herrlichen Farbenschimmer verdanken sie einem Verwitterungsprozeß, da

die verschiedenen Säuren im Erdreiche der Gräber dessen Oberfläche

zerstört haben.

In der Ecke links einzeln aufgestellt befindet sich eine arabische

Moscheenampel in der Art, wie sie vom XIII. Jahrhundert an in Syrien,

namentlich in Damaskus angefertigt wurden. Innerhalb einer weißen

Bandverschlingung sind Arabesken in buntem Email dick aufgetragen. Der

Grund war von Goldornamenten bedeckt, von welchen größtenteils nur noch

die roten Umrißlinien sichtbar sind.

Im freistehenden Schranke in der Mitte haben ältere venezianische

Gläser und solche aus Hall in Tirol Aufstellung gefunden. Die

venezianische Glasindustrie, in ihrem Wesen an alexandrinische

Traditionen, die sowohl in Alexandrien wie in Vorderasien noch während

des frühen Mittelalters weiter gepflegt wurden, anknüpfend, ist seit

dem XIII. Jahrhundert historisch nachweisbar.

Die ältesten Stücke der Sammlung gehören dem Anfange des XVI.

Jahrhunderts an. So die große Schale, in der Mitte unten, mit

netzartigen Falten, auf der unteren Seite bemalt mit einer

mythologischen Szene in der Mitte und vier Brustbildern und

Blattornamenten auf dem Rande, ferner die Schalen und der Pokal

mit Goldrand und Perlenornament, im Charakter orientalischer

Dekorationsweise. Spätere Typen sind die vier Deckelschälchen, besetzt

mit mittels der Formzange gepreßten Rosetten und Löwenköpfchen. Im

oberen Fache repräsentiert ein konischer Becher mit einem auf einem

Seeungeheuer reitenden Meerweib die bunte Emailmalerei, während ein

Faltenpokal, von drei Reifen umschlossen, noch an gotische Formen

erinnert. In der Mitte auf hohem Sockel steht ein Pokal mit Goldranken

und dem Wappen des Erzbischofs Mathias Lang von Salzburg (1509-1540).

Da die Haller Fabrik 1534 gegründet wurde und erst 1550 zu voller Blüte

gelangte, dürfte dieser Pokal das älteste noch vorhandene Erzeugnis der

Haller Glashütte sein.

Weitere Haller Gläser sind die daneben stehenden hohen, walzenförmigen

Pokale, beide mit dem Diamanten geritzt, einer davon auch mit dem

charakteristischen Haller Dekor in Gold und kalten Farben (Grün und

ein bräunliches Rot). Ein weiterer Haller Walzenpokal aus dunkelblauem

Glase mit gerissenem Rankenwerk, auf dem sich Spuren von Vergoldung

befinden, auf dem unteren Stellbrett. Vor dem Haller Pokal mit dem

Wappen ein Venezianer Schälchen mit Aventurin-Glasfäden, überdies

Traubenflaschen, kleine Vasen und Fadengläser aus Murano.

An der Fensterseite folgen nun sechs quergestellte Schränke mit

verschiedenen venezianischen Glasarbeiten vom XVI. bis zum XVIII.

Jahrhundert. Zunächst finden wir zahlreiche Typen farbloser

Kelchgläser mit sehr mannigfach gebildeten Stengeln. Diese Gattung

findet im nächsten Schranke ihre Fortsetzung. Einzeln ausgestellt

eine Riesenschüssel mit bischöflichem Wappen und zwei ungewöhnlich

hohe Stangenpokale. Es folgen in der nächsten Vitrine die sogenannten

Flügelgläser. Hier wie bei den vorhergenannten Trinkgefäßen besteht

jedes Stück aus drei Glasblasen, eine für den Kelch, eine für den

Stengel und eine für die Fußplatte. Bei diesen Flügelgläsern sind zu

beiden Seiten des Stengels phantastische ornamentale Formen, meist aus

grünblauen und farblosen Glasstäbchen kombiniert, angebracht, die durch

Biegen und Zwicken mit der Zange mannigfache Formen erhalten haben und

oft in hahnenkopfartige Endigungen auslaufen.

Im folgenden Schranke sind hauptsächlich die mit Diamantgravierung

verzierten sogenannten „gerissenen“ venezianischen Gläser vereinigt.

Besonders bemerkenswert drei mit zierlichem Rankenwerk geschmückte

Schüsseln, eine weitbauchige Deckelvase, ein Eimer mit beweglichem

Bügel und die Kelchgläser mit violetter Kuppa.

Die nächste Vitrine enthält venezianische Fadengläser vom XVI.

bis zum XVIII. Jahrhundert, deren komplizierte Herstellungsweise

außerordentliche Übung und Geschicklichkeit des Glasarbeiters

erforderte und daher den besonderen Stolz Muranos bildete.

Die Zahl der Varianten innerhalb dieser Gattung ist außerordentlich

groß. Unsere Sammlung enthält Fadengläser mit radialer Anordnung

der einzelnen Fadenbündel und sogenannte Netzgläser, die aus zwei

Fadenglasblasen bestehen, welche beim Ausdehnen im Gegensinne gedreht

wurden, wobei in den „Maschen“ der sich kreuzenden Fäden kleine

Luftbläschen entstanden. Bei manchen Stücken sehen wir die netzartige

Wirkung der Fäden durch Einstülpen der Blase zu einer doppelwandigen

Schale herbeigeführt. Eine verwandte Gattung bilden die Gläser

mit „gekämmtem“ Faden, wobei der kräftige weiße Faden nur auf der

Oberfläche der Blase angebracht ist und die Musterung an die gewisser

schuppen- oder federartig verzierter mit dem Kamme bearbeiteter

Tunkpapiere erinnert.

[Illustration: Deckelpokal, geschnitten und geschliffen, böhmisch, um

1700]

Die folgende Vitrine enthält Proben venezianischer Glasfabrikation

aus späteren Perioden und verschiedene deutsche Gläser. Die Formen

sind mannigfacher, die technischen und künstlerischen Qualitäten aber

geringer. Wir finden ein besonders reich ausgebildetes Blumengefäß,

einen Krug aus „Eisglas“, und zwar jene im XVI. Jahrhundert entstandene

Gattung, die in der Weise erzeugt wurde, daß man die noch nicht

erkaltete Blase über kleine Glassplitter hinrollte, wobei diese sich

mit der Oberfläche der Blase verbanden, worauf sie durch Einwirkung

der Hitze stumpf gemacht wurden. In derselben Reihe sehen wir zwei

große niederländische oder deutsche Flügelgläser des XVII. Jahrhunderts

nach venezianischer Art. Überdies finden wir hier Proben geschliffener

italienischer Gläser, Flakons und Vexiergläser des XVIII. Jahrhunderts

und gekämmte Fadengläser von unreiner Farbe und dürftigem Aussehen,

wie sie im südlichen und nordöstlichen Böhmen im XVII. Jahrhundert

erzeugt wurden. Unter den Gläsern der untersten Reihe flaschenartige

deutsche Trinkgefäße, die im XVI. und XVII. Jahrhundert beliebten

Angster oder Kuttrolfs mit mehreren dünnen umeinandergeschlungenen

Halsröhren, die sich in einer etwas erweiterten, zur Seite gebogenen

Mundschale vereinigen und ein Vexierglas. In dem zunächst stehenden

Schranke am Fensterpfeiler sind deutsche und böhmische Gläser des

XVIII. Jahrhunderts mit vergoldeter Gravierung, Hinterglasmalereien und

mit bunter Emailmalerei verzierte Milchgläser des XVIII. Jahrhunderts

untergebracht. Im folgenden Schranke am Fensterpfeiler sehen wir

bemerkenswerte Versuche der Wiederbelebung der venezianischen

Glasmacherkunst in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Fast

alle alten Techniken finden wir von neuem angewandt und besonders sei

auf die Gläser mit Golddekor nach altem Muster und die Kopie einer

sogenannten Brautschale, Violett mit Gold- und Schmelzdekor, und fünf

Medaillons in weißem Email: Abenteuer des Zeus, aufmerksam gemacht.

Hierher gehört auch der große Deckelpokal in der Mitte des Saales mit

Drachenknauf und Drachenstengel aus weißem und rotem Fadenglas, eine

Kopie von Salviati nach einem Original der Slade-Kollektion im British

Museum.

Im Wandschranke an der Innenseite des nächststehenden Pfeilers sind

weitere Typen deutscher Gläser ausgestellt. Wir finden in der oberen

Reihe grüne Warzen- oder Nuppenbecher, auch Krautstrünke genannt,

rheinische Römer des XVII. Jahrhunderts mit Traubennuppen, in der

folgenden Reihe Rubingläser in vergoldeter Kupferfassung aus dem XVII.

Jahrhundert und spätere Nachahmungen solcher Gläser an beiden Enden

der Reihe. Zu unterst einen Walzenpokal mit Quadermusterung, Spechter

genannt, eine Spezialität der Glashütten des XVI. Jahrhunderts am

Spessart, mehrere Angster, einen großen Tiroler Humpen, davor ein

Trinkgefäß in Form eines Phallus und anderes.

Bis um die Mitte des XVI. Jahrhunderts versorgte Venedig Deutschland

mit emaillierten Wappengläsern. Von da ab breitet sich die Erzeugung

dieser Gläser, die wir in zwei Schränken an der Außenseite der

Pfeiler vereinigt finden, auch nördlich der Alpen aus. Bis etwa 1600

sind diese Walzenhumpen aus farblosem Glas, später erscheinen sie in

verschiedenen grünlichen Nuancen. Die älteren Formen sind konisch und

mit einem kurzen Fußansatz versehen, die späteren einfach zylindrisch.

Die Emailmalerei beschränkt sich ursprünglich auf Wappen adeliger

Familien. Vom Ende des XVII. Jahrhunderts erscheinen Zunftwappen und

Embleme bürgerlicher Korporationen. Ein sehr beliebter Vorwurf für

größere Humpen war der Reichsadler mit den Quaternionen-Wappen auf

den Flügeln. Ein anderes oft vorkommendes Motiv sind der Kaiser und

die sieben Kurfürsten, von denen es zweierlei Darstellungsweisen

gibt; die ältere zeigt den Kaiser auf dem Throne sitzend und die

Kurfürsten stehen angereiht -- ältestes Stück von 1591 im Wiener

Hofmuseum -- die jüngere, häufigere, zeigt Kaiser und Kurfürsten zu

Pferde. Andere beliebte Vorwürfe sind Jagddarstellungen, Jahreszeiten,

Kardinaltugenden usw. Selten sind dagegen Genredarstellungen wie die

auf dem konischen Trinkkrug von 1572 mit der Frau und dem Fuchs, der

zugleich das älteste bekannte Stück dieser Art ist. Ein seltenes Glas

anderer Art ist der zylindrische Becher mit Ansicht von Krafftzhofen

und dem Wappen der Nürnberger Patrizierfamilie Kress vom Jahre 1657.

In verschiedenen Größen sind Fichtelbergergläser, Erzeugnisse der

Hütten von Bischofsgrün, mit der schematischen Ansicht des Ochsenkopfes

und den vier dem Fichtelgebirge entspringenden Flüssen vorhanden.

Aus dem benachbarten Thüringen stammt ein konisches Trinkglas mit

zwei männlichen Figuren und wortreicher Inschrift, die den einen

von beiden als Dieb bezeichnet, datiert: Lauscha 1712. Besondere

Beachtung verdient ferner ein Hallorenhumpen des vierten, etwa von

1707 bis 1732 üblichen Typus, ein keilförmiger Deckelhumpen der

Mitglieder der Salzpfännerschaft in Halle a. S., der „Brüder im Thale“,

als was sie am Fuße des Humpens bezeichnet werden. Wir sehen unten

Hallorenfiguren aneinander gereiht, darüber das Pfännerschaftswappen,

von zwei Salzwirkern begleitet, rückwärts einen Fahnenträger mit

brandenburgischer Fahne und darüber in Goldauflage, jetzt kaum mehr

sichtbar, die Ansicht der Stadt Halle. Aus solchen Humpen wurde

bei der Pfingstfeier „Torgauisch Bier“ getrunken. Ein Humpen für

Studentenkneipen ist den Darstellungen nach das Paßglas mit gekniffenen

Reifen, die die Grenze angeben, bis wohin das Glas geleert werden

soll. Andere hier ausgestellte Arbeiten sind Vierkantflaschen mit

Zinnschrauben (Apothekergefäß), ein zierlicher blauer Teller mit weißer

Emailmalerei und drei Fischen in der Mitte, ein kleines sächsisches

Hofkellereiglas, andere solche Gläser mit sächsisch-polnischem oder

kursächsischem Wappen und eine Reihe späterer Arbeiten bis zum Ende des

XVIII. Jahrhunderts. Interessant ist es zu beobachten, wie lange sich

bei diesen Gläsern die traditionelle aus Venedig übernommene Verzierung

mit goldenem Randstreifen und bunten Punkten erhalten hat.

Von hier in den Saal zurückkehrend finden wir zunächst einen Schrank

mit Gläsern, deren Dekor in Schwarzlot ausgeführt ist. Joh. Schaper

aus Harburg a. d. Elbe hatte diese Gattung von Malerei gegen 1640 nach

Nürnberg gebracht, dort bis zu seinem Tode (1670) weiter gepflegt und

auf eine Reihe von Schülern übertragen. Von einem derselben, Johann

Keyll befindet sich ein signierter und 1678 datierter Becher mit drei

Kugelfüßen in der oberen Reihe, er ist mit einer Bacchantengruppe und

der Ansicht von Rückersdorf verziert. Außerdem sehen wir hier noch

einen größeren Kurfürstenhumpen, mehrere Kelchgläser, zwei weitere

Becher mit Kugelfüßen und einen Reichsadlerhumpen mit Doppelchronogramm

1720. Um diese Zeit hört die Schwarzlotmalerei in Nürnberg auf und

wird auf geschliffenen böhmisch-schlesischen Gläsern fortgesetzt,

wobei Laub- und Bandelwerkornamente, kombiniert mit Rokoko- oder

Chinesenfiguren, und durch Goldhöhung bereichert die Dekorationsmotive

bilden, wie es die in den folgenden zwei Reihen aufgestellten Stücke

zeigen. Arbeiten des XVIII. Jahrhunderts mit äußerst fein ausgeführten

bunten figürlichen Emailmalereien schließen sich diesen späten

Schwarzlotgläsern an.

Im folgenden Schranke sind Doppelgläser verschiedener Art ausgestellt,

solche, wie sie bereits Kunkel in seiner Ars vitraria beschreibt, die

innen mit Ölfarben marmorartig bemalt oder mit Gold- und Silberfolie

unterlegt sind und andere mit buntem figürlichen oder ornamentalem

Schmuck auf Silberfolie. In verschiedenen Formen sehen wir hier auch

die radierten Zwischengoldgläser, wie sie im XVIII. Jahrhundert in

Böhmen erzeugt wurden. Sie sind außen vielseitig fassettiert, an den

ineinandergeschobenen und dekorierten Innenseiten dagegen glatt. Die

meisten zeigen Jagdmotive und Kriegsszenen, andere Genrebilder, so wie

das Glas mit dem Festessen und das mit den Billardspielern, andere

Heiligenbilder oder Allegorien. Ebenfalls böhmischen Ursprungs sind

die mit eingesetzten, rot oder grün unterlegten Plättchen, welche mit

Inschriften, Monogrammen, Emblemen usw. verziert sind. Sie erscheinen

entweder kreisrund und flach im Boden des Gefäßes eingesetzt oder

oval und in die Seitenwand eingelassen. Diese in der zweiten Hälfte

des XVIII. Jahrhunderts aussterbende Gattung erfährt zwischen 1788 und

1808 durch den Glasschleifer und Glasmaler der Glashütte Guttenbrunn in

Niederösterreich Johann Josef Mildner eine kurze Neubelebung. Mildner,

der seine Arbeiten zu signieren pflegte, gravierte seine Ornamente,

Monogramme, Inschriften, Heiligenbilder und Porträte in einem Belag

von Blattsilber oder Blattgold, der die Außenseite des inneren Glases

bedeckte, von innen her gesehen werden sollte, und durch einen roten

Lacküberzug deutlicher gemacht wurde. Das darüber befindliche äußere

Glas wurde an der Innenseite in gleicher Weise für die Ansicht von

außen behandelt. In der Regel nahm er für die Innenseite Silber,

für die Außenseite Gold, dazwischen lag die rote Lackschichte. Die

beiden in der Mitte der mittleren Reihe ausgestellten Gläser tragen

das Porträt des Josef von Fürnberg, von 1742 bis 1799 Besitzer der

Herrschaft Guttenbrunn.

Von größter Bedeutung für die künstlerische Entwicklung des Glases

war die durch Kaspar Lehmann, einen Steinschneider am Hofe Rudolfs

II. in Prag, zuerst erfolgte Übertragung seiner Technik auf das Glas.

Dieses Schneiden besteht in einer kunstvollen Bearbeitung des Glases

mit kleinen Rädchen im Gegensatze zum gewöhnlichen Schleifen. Es

gibt Hochschnitte, wobei die gewollten Formen im Relief erscheinen,

die Oberfläche also abgearbeitet werden muß, und Tiefschnitte, bei

denen der Dekor ähnlich einer Gravierung in die Fläche vertieft

eingeschnitten wird. Das einzige von Lehmann signierte und 1605

datierte Stück ist ein großer Becher mit drei allegorischen Figuren

in der Sammlung des Fürsten Schwarzenberg in Frauenberg. Von diesem

Stücke befindet sich eine gute Kopie in dem nächst dem dritten Pfeiler

befindlichen Schranke mit modernen Nachbildungen wichtiger Typen

böhmischer und schlesischer Gläser, es ist das erste Stück in der

obersten Reihe.

Lehmann starb 1622 und vererbte sein Können auf seinen einzigen

Schüler, den Nürnberger Georg Schwanhardt, der nach dem Tode

des Meisters in seine Vaterstadt zurückkehrte und dort eine

Glasschneidetechnik einführte, die sein Sohn und verschiedene andere

Mitglieder seiner Familie weiterbetrieben. Die Technik des Schneidens

erfuhr zugleich eine Erweiterung durch das gelegentlich angewendete

Blankschleifen des Schnittes. Die in Nürnberg geschnittenen Gläser

unterscheiden sich nach Robert Schmidt namentlich dadurch von den

späteren böhmischen, daß ihr Schaft nicht massiv, sondern aus einer

Glasblase geformt ist.

Solche Hohlbalusterpokale sind im ersten Schranke der sich längs der

Galerie hinziehenden Vitrinen aufgestellt. Sie bilden die oberste Reihe

und beginnen mit einem Kelchglase mit Landschaft, worin die Bäume im

Charakter der Arbeiten des Nürnberger Glasschneiders H. W. Schmidt

ausgeführt sind. Hierauf folgt ein Deckelpokal, der durch die Zartheit

des Baumschlages den Arbeiten von Killinger, dem letzten aus der Reihe

der Nürnberger Glasschneider, nahesteht. Von den weiteren Nürnberger

Pokalen sind noch der mit trichterförmiger Kuppa und prächtigen

Rosenzweigen, der reich dekorierte, von 1714 datierte und der mit

teilweise vergoldeten Ornamenten verzierte besonders bemerkenswert.

Es folgen sodann in diesem und dem zunächst stehenden Schranke

böhmische Gläser des XVII. Jahrhunderts, von denen manche noch

deutlich den venezianischen Einfluß namentlich in ihren gekniffenen

Flügelansätzen und manchmal auch durch den im Stengel angebrachten

roten Faden erkennen lassen.

Die Gliederung der oft hohen Schäfte besteht in wahllos

aneinandergereihten Kugeln und Scheiben, die geschnittenen

Verzierungen (Blumen und Landschaften) sind roh und ganz oberflächlich

eingeschnitten, ja mehr geschliffen als geschnitten.

Charakteristisch für die böhmischen Gläser vor 1680 sind die schweren

tropfenförmigen radial angeordneten Ansätze am Unterteil der Kelche und

auf den Deckeln, das schönste derartige Stück ein hoher Doppelpokal

mit Puttenmedaillons zwischen Ornamenten, einzeln ausgestellt vor dem

Mittelfenster. Überdies finden wir Vexiergläser, wie sie in Form von

Posthörnern, Pistolen, Schweinen, Bären, Tabakspfeifen usw. bis tief

ins XVIII. Jahrhundert beliebt waren und zu allerlei Trinkerscherzen

Anlaß gaben. Eine weitere Stufe in der Veredlung des böhmischen

Glasdekors wird namentlich in den Glashütten des Riesengebirges durch

die feinere Ausbildung des Schliffes erreicht, der sich auf den nun

bereits starkwandig hergestellten Gläsern durch Kombination von Rillen,

Kugeln, Fassetten und aus olivenförmigen Vertiefungen gebildeten

Sternen, die später gewöhnlich nur in die Unterseite der Standfläche

eingeschnitten werden, zu einer einfachen, aber oft sehr reizvollen

Schleiferornamentik entwickelt. Solche Arbeit finden wir an den zwei

Kannen unter der Reihe der Nürnberger Gläser und an einer Anzahl von

Pokalen der untersten Reihe.

In Böhmen und Schlesien beginnt die klassische Zeit des Glasschnittes

mit den wuchtigen, im Hochschnitt verzierten Gläsern. Ein solches

Glas sehen wir in der obersten Reihe der folgenden Vitrine. Es

trägt ein Allianzwappen des Gundaker Grafen Althan und ist mit

schweren Akanthusranken verziert. Andere Gläser dieser Reihe zeigen

eine Kombination von Hochschnitt und Tiefschnitt. In der Folgezeit

beherrscht der leichter auszuführende Tiefschnitt fast die gesamte

Produktion. Etwa zwischen 1680 und 1700 ist ein Dekor mit kleinen

dichten Blumen üblich, der ohne besondere Gliederung, nur durch

umkränzte Medaillons mit Porträten, Wappen u. dgl. unterbrochen wird,

wie wir es an einigen Beispielen der folgenden Reihe sehen. Nach 1700

tritt eine Dekorationsweise mit großen Ranken und hineinkomponierten

Blumen- oder Fruchtbüscheln auf, die Flächen sind nur mit leichtem

Rankenwerk in lockerer Anordnung verziert und gleichzeitig kommt

selbständig oder in Verbindung damit ein kalligraphisches Schnörkelwerk

in Verwendung, wie wir es an einigen Beispielen der untersten Reihe

und im folgenden Schranke sehen. Im zweiten Viertel des XVIII.

Jahrhunderts tritt der prunkvolle Dekor mit Laub- und Bandelwerk auf,

der eine üppige Umrahmung zu einer Hauptdarstellung, einem Porträt,

einer architektonischen oder sonstigen Vedute, einem Wappen, Monogramm

etc. bildet. Die Fläche ist gleichmäßig bedeckt, mattgeschliffene

Bänder mit klar geschliffenen Kugelungen oder Streifen bilden das

Gerüst des Blattwerks, Lambrequins, Baldachine, Trophäen, Putten,

Tiere, Blumenvasen, kleine Landschaftsbildchen treten dazwischen.

Die beiden folgenden Schränke weisen zahlreiche Arbeiten dieser Art

auf. An den schlesischen Pokalen sind zwei Hauptformen zu bemerken.

Bis etwa 1740 erscheint der untere Teil des Kelches eingezogen und

mit blumenkelchartig gebildeten Fassetten verziert, die sich auf der

Kuppa fortsetzen. Später hat die Kuppa keine Fassetten, und der kahle,

stangenförmige Schaft geht mittels eines Kugelknaufes in den Kelch

über. Besondere Formen zeigen die ovalen und oft auch muschelförmigen

Konfitüreschälchen, die sich in solche mit und andere ohne Goldrand

scheiden, sowie die Pokale, die ohne Schaft direkt, nur durch eine

Einschnürung vermittelt, auf dem Fuße aufsitzen.

Um 1760 treten in Böhmen die Gläser mit ausgesprochenem Rokokoornament

und zierlicher Randmusterung auf, wovon namentlich die zwei Pokale mit

in Metall ergänztem Fuß Zeugnis geben. Nach 1775 unter dem Einfluß

des Louis XVI-Stiles wird der Glasdekor einfacher und schlichter, es

treten sowohl ganz dünnwandige Gläser auf, wie eine Anzahl in der

untersten Reihe des vorletzten Schrankes ausgestellter Gläser zeigt,

als auch schwere Formen mit dickem quadratischem Fuß, wie wir es in den

beiden letzten Schränken sehen. Mit Beginn des XIX. Jahrhunderts zeigt

sich bei den Gläsern aus Haida, Steinschönau und Blottendorf eine neu

erwachte Farbenfreude, die sich sowohl in prächtigen Überfanggläsern

sowie in den Hyalit- und Lithyalingläsern äußert, von denen wir in

der vor dem Fenster aufgestellten Vitrine einige Beispiele finden.

Hier sind auch Gläser mit durchsichtiger Emailmalerei nach Sigismund

und seinem Sohne Samuel Mohn, Mohn-Gläser genannt, und gleichartige

Arbeiten des Wieners Kothgaßner ausgestellt.

Ein kleiner Schrank am Pfeiler enthält verschiedene chinesische und

japanische Glasarbeiten. An der Lampe geblasene Gläser (Uhrgehäuse,

Nähkästchen etc.) sind in zwei andern Vitrinen an der Innenseite der

Pfeiler ausgestellt.

Die übrigen Schränke enthalten moderne österreichische, französische,

englische und amerikanische Glasarbeiten aus der Zeit von etwa 1880

bis zur Gegenwart. Besonders reich ist die Firma J. & L. Lobmeyr mit

zahlreichen und vorzüglichen bunten und geschnittenen Glasarbeiten

vertreten.

[29] Bucher, Br., Die Glassammlung des k. k. Österr. Museums.

Geschichtliche Übersicht und Katalog. Mit 13 Tafeln. 1888.

Führer durch das k. k. österreichische Museum für Kunst und Industrie · 第 79 / 89 题