»Es wird oft in dieser Gegend gesungen,« sagte Elisabeth.
»Ja,« sagte Erich, »es ist der Hirtenkasper; er treibt die Starken
[Fußnote: Süddialektisch für »die Färsen.«] heim.«
Sie horchten noch eine Weile, bis das Geläute hinter den
Wirtschaftsgebäuden verschwunden war. »Das sind Urtöne,« sagte
Reinhard; »sie schlafen in Waldesgründen; Gott weiß, wer sie gefunden
hat.«
Er zog ein neues Blatt heraus.
Es war schon dunkler geworden; ein roter Abendschein lag wie Schaum auf
den Wäldern jenseits des Sees. Reinhard rollte das Blatt auf, Elisabeth
legte an der einen Seite ihre Hand darauf und sah mit hinein. Dann las
Reinhard:
Meine Mutter hat’s gewollt,
Den andern ich nehmen sollt’:
Was ich zuvor besessen,
Mein Herz sollt’ es vergessen;
Das hat es nicht gewollt.
Meine Mutter klag’ ich an,
Sie hat nicht wohl getan;
Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde.
Was fang’ ich an!
Für all’ mein’ Stolz und Freud’
Gewonnen hab’ ich Leid.
Ach, wär’ das nicht geschehen,
Ach, könnt’ ich betteln gehen
Über die braune Heid’!
Während des Lesens hatte Reinhard ein unmerkliches Zittern des Papiers
empfunden; als er zu Ende war, schob Elisabeth leise ihren Stuhl zurück
und ging schweigend in den Garten hinab. Ein Blick der Mutter folgte
ihr. Erich wollte nachgehen; doch die Mutter sagte: »Elisabeth hat
draußen zu tun.« So unterblieb es.
Draußen aber legte sich der Abend mehr und mehr über Garten und See;
die Nachtschmetterlinge schossen surrend an den offenen Türen vorüber,
durch welche der Duft der Blumen und Gesträuche immer stärker
hereindrang; vom Wasser herauf kam das Geschrei der Frösche, unter den
Fenstern schlug eine Nachtigall, tiefer im Garten eine andere; der Mond
sah über die Bäume.
Reinhard blickte noch eine Weile auf die Stelle, wo Elisabeths feine
Gestalt zwischen den Laubgängen verschwunden war; dann rollte er sein
Manuskript zusammen, grüßte die Anwesenden und ging durchs Haus an das
Wasser hinab.
Die Wälder standen schweigend und warfen ihr Dunkel weit auf den See
hinaus, während die Mitte desselben in schwüler Mondesdämmerung lag.
Mitunter schauerte ein leises Säuseln durch die Bäume; aber es war kein
Wind, es war nur das Atmen der Sommernacht.
Reinhard ging immer am Ufer entlang. Einen Steinwurf vom Lande konnte
er eine weiße Wasserlilie erkennen. Auf einmal wandelte ihn die Lust
an, sie in der Nähe zu sehen; er warf seine Kleider ab und stieg ins
Wasser. Es war flach; scharfe Pflanzen und Steine schnitten ihn an den
Füßen, und er kam immer nicht in die zum Schwimmen nötige Tiefe.
Dann war es plötzlich unter ihm weg, die Wasser quirlten über ihm
zusammen, und es dauerte eine Zeitlang, ehe er wieder auf die
Oberfläche kam. Nun regte er Hand und Fuß und schwamm im Kreise umher,
bis er sich bewußt geworden, von wo er hineingegangen war. Bald sah er
auch die Lilie wieder; sie lag einsam zwischen den großen blanken
Blättern.
Er schwamm langsam hinaus und hob mitunter die Arme aus dem Wasser, daß
die herabrieselnden Tropfen im Mondlichte blitzten; aber es war, als ob
die Entfernung zwischen ihm und der Blume dieselbe bliebe; nur das Ufer
lag, wenn er sich umblickte, in immer ungewisserem Dufte hinter ihm. Er
gab indes sein Unternehmen nicht auf, sondern schwamm rüstig in
derselben Richtung fort.
Endlich war er der Blume so nahe gekommen, daß er die silbernen Blätter
deutlich im Mondlicht unterscheiden konnte; zugleich aber fühlte er
sich in einem Netze verstrickt, die glatten Stengel langten vom Grunde
herauf und rankten sich an seine nackten Glieder.
Das unbekannte Wasser lag so schwarz um ihn her, hinter sich hörte er
das Springen eines Fisches; es wurde ihm plötzlich so unheimlich in dem
fremden Elemente, daß er mit Gewalt das Gestrick der Pflanzen zerriß
und in atemloser Hast dem Lande zuschwamm. Als er von hier auf den See
zurückblickte, lag die Lilie wie zuvor fern und einsam über der dunklen
Tiefe.
Er kleidete sich an und ging langsam nach Hause zurück. Als er aus dem
Garten in den Saal trat, fand er Erich und die Mutter in den
Vorbereitungen einer kleinen Geschäftsreise, welche am andern Tage vor
sich gehen sollte.
»Wo sind Sie denn so spät in der Nacht gewesen?« rief ihm die Mutter
entgegen.
»Ich?« erwiderte er; »ich wollte die Wasserlilie besuchen; es ist aber
nichts daraus geworden.«
»Das versteht wieder einmal kein Mensch!« sagte Erich. »Was Tausend
hattest du denn mit der Wasserlilie zu tun?«
»Ich habe sie früher einmal gekannt,« sagte Reinhard; »es ist aber
schon lange her.«