EIN BRIEF

Fast zwei Jahre nachher saß Reinhard vor seiner Lampe zwischen Büchern

und Papieren in Erwartung eines Freundes, mit welchem er

gemeinschaftliche Studien übte. Man kam die Treppe herauf. »Herein!« Es

war die Wirtin. »Ein Brief für Sie, Herr Werner!« Dann entfernte sie

sich wieder.

Reinhard hatte seit seinem Besuch in der Heimat nicht an Elisabeth

geschrieben und von ihr keinen Brief mehr erhalten. Auch dieser war

nicht von ihr; es war die Hand seiner Mutter.

Reinhard brach und las, und bald las er folgendes:

»In Deinem Alter, mein liebes Kind, hat noch fast jedes Jahr sein

eigenes Gesicht: denn die Jugend läßt sich nicht ärmer machen. Hier ist

auch manches anders geworden, was Dir wohl erstan weh tun wird, wenn

ich Dich sonst recht verstanden habe. Erich hat sich gestern endlich

das Jawort von Elisabeth geholt, nachdem er in dem letzten Vierteljahr

zweimal vergebens angefragt hatte. Sie hatte sich immer nicht dazu

entschließen können; nun hat sie es endlich doch getan; sie ist auch

noch gar zu jung. Die Hochzeit wird bald sein, und die Mutter wird dann

mit ihnen fortgehen.«

Immensee(#6651) · 第 8 / 13 题