Reinhard rief durch die hohle Hand. »Kommt hierher!«

»Hierher!« rief es zurück.

»Sie antworteten!« sagte Elisabeth und klatschte in die Hände.

»Nein, es war nichts, es war nur der Widerhall.«

Elisabeth faßte Reinhards Hand. »Mir graut!« sagte sie.

»Nein,« sagte Reinhard, »das muß es nicht. Hier ist es prächtig. Setz

dich dort in den Schatten zwischen die Kräuter. Laß uns eine Weile

ausruhen; wir finden die andern schon.«

Elisabeth setzte sich unter eine überhängende Buche und lauschte

aufmerksam nach allen Seiten; Reinhard saß einige Schritte davon auf

einem Baumstumpf und sah schweigend nach ihr hinüber. Die Sonne stand

gerade über ihnen; es war glühende Mittagshitze; kleine goldglänzende,

stahlblaue Fliegen standen flügelschwingend in der Luft; rings um sie

her ein feines Schwirren und Summen, und manchmal hörte man tief im

Walde das Hämmern der Spechte und das Kreischen der andern Waldvögel.

»Horch,« sagte Elisabeth, »es läutet.«

»Wo?« fragte Reinhard.

»Hinter uns. Hörst du? Es ist Mittag.«

»Dann liegt hinter uns die Stadt, und wenn wir in dieser Richtung

gerade durchgehen, so müssen wir die andern treffen.«

So traten sie ihren Rückweg an; das Erdbeerensuchen hatten sie

aufgegeben, denn Elisabeth war müde geworden. Endlich klang zwischen

den Bäumen hindurch das Lachen der Gesellschaft; dann sahen sie auch

ein weißes Tuch am Boden schimmern, das war die Tafel, und darauf

standen Erdbeeren in Hülle und Fülle. Der alte Herr hatte eine

Serviette im Knopfloch und hielt den Jungen die Fortsetzung seiner

moralischen Reden, während er eifrig an einem Braten herumtranchierte.

»Da sind die Nachzügler,« riefen die Jungen, als sie Reinhard und

Elisabeth durch die Bäume kommen sahen.

»Hierher!« rief der alte Herr, »Tücher ausgeleert, Hüte umgekehrt! Nun

zeigt her, was ihr gefunden habt.«

»Hunger und Durst!« sagte Reinhard.

»Wenn, das alles ist,« erwiderte der Alte und hob ihnen die volle

Schüssel entgegen, »so müßt ihr es auch behalten. Ihr kennt die Abrede;

hier werden keine Müßiggänger gefüttert.«

Endlich ließ er sich aber doch erbitten, und nun wurde Tafel gehalten;

dazu schlug die Drossel aus den Wacholderbüschen.

So ging der Tag hin.—Reinhard hatte aber doch etwas gefunden; waren es

keine Erdbeeren, so war es doch auch im Walde gewachsen. Als er nach

Hause gekommen war, schrieb er in seinen alten Pergamentband:

Hier an der Bergeshalde

Verstummet ganz der Wind;

Die Zweige hängen nieder,

Darunter sitzt das Kind

Sie sitzt im Thymiane,

Sie sitzt in lauter Duft;

Die blauen Fliegen summen

Und blitzen durch die Luft.

Es steht der Wald so schweigend,

Sie schaut so klug darein;

Um ihre braunen Locken

Hinfließt der Sonnenschein.

Der Kuckuck lacht von ferne,

Es geht mir durch den Sinn:

Sie hat die goldnen Augen

Der Waldeskönigin.

So war sie nicht allein sein Schützling, sie war ihm auch der Ausdruck

für alles Liebliche und Wunderbare seines aufgehenden Lebens.

Immensee(#6651) · 第 5 / 13 题