Der Abmarsch -- Kämpfe im Lande der Oreiten -- Zug des
Heeres durch die Wüste Gedrosiens -- Ankunft der Reste des
Heeres in Karmanien -- Nearchos in Harmozia -- Zerrüttung
im Reich -- Strafgerichte -- Rückkehr nach Persien -- Zweite
Flucht des Harpalos -- Die Hochzeitfeier in Susa -- Neue Organisation
des Heeres -- Aufbruch nach Opis
Den Westen des Induslandes begrenzen mächtige Gebirge, die sich von dem
Kophenflusse bis zum Ozean hinabziehen. Unmittelbar über der Brandung des
Meeres ragen ihre letzten Felsenmassen noch gegen 1800 Fuß hoch empor. Von
wenigen Pässen durchschnitten, sind sie zwischen dem Deltalande des Indus
und dem wüsten Küstensaum Gedrosiens, zwischen dem Lande Sindh und der
hohen Steppe Arianas eine vollkommene Scheidewand. Gen Morgen ist eine
feuchte Tropenwärme, Wasserfülle, üppige Vegetation, eine reiche Tierwelt,
dichte Bevölkerung mit dem weitverzweigten geselligen Verkehr, mit den
tausend Erzeugnissen und Bedürfnissen einer unvordenklichen Zivilisation;
jenseits der Grenzgebirge, die in nackten Felsen übereinander emporsteigen,
ein Labyrinth von Felswänden, Klippenzügen, Bergsteppen, in ihrer Mitte das
Tafelland von Kelat, nackt, traurig, von trockener Kälte oder kurzer,
sengender Sommerglut, in Wahrheit die »Wüste der Armut«. Im Norden und
Westen umschließen sie steile Felsgehänge, an deren Fuß das Sandmeer der
Wüste Arianas flutet, ein endloser Ozean, mit der rötlich schillernden
Atmosphäre des glühenden Flugsandes, mit dem wellenhaften Wechsel stets
treibender Dünen, in denen der Pilger verirrt und das Kamel untersinkt. So
der traurige Weg ins Innere; noch öder und furchtbarer ist die Einöde der
Küste und der Weg durch sie hin gen Westen. Wenn man von Indien aus durch
die Pässe des großen Scheidegebirges gestiegen, so öffnet sich eine tiefe
Landschaft, links das Meer, gen Westen und Norden Gebirge, in der Tiefe ein
Fluß, der zum Ozean eilt, das letzte strömende Wasser auf diesem Wege;
Getreidefelder am Fuß der Berge, Dörfer und Flecken in der Ebene zerstreut,
die letzten auf einem Wege von Monaten. Gen Norden führen aus dieser
»Ebene« schlimme Zickzackpässe in die Bergwüste von Kelat; im Westen ziehen
sich die Berge der Oreiten bis ans Meer hinab. Man übersteigt sie, und nun
beginnen die Schrecken der Einöde; die Küste ist flach, sandig, heiß, ohne
Gras und Strauch, von den Sandbetten vertrockneter Ströme durchfurcht, fast
unbewohnbar, die elenden Fischerhütten, die einzeln auf meilenweit an dem
Strande zerstreut sind, von Fischgräten und Seetang erbaut, unter einsamen
Palmengruppen, die wenigen Menschen noch elender als ihr Land. Eine
Tagereise landein streichen nackte Klippenzüge, von Gießbächen durchrissen,
die in der Regenzeit plötzlich anschwellen, reißend und brausend zur Küste
stürzen und dort die tiefen Mündungsbetten auswühlen, sonst das Jahr
hindurch trocken liegen, mit Genist, Mimosen und Tamarisken überwuchert,
voll von Wölfen, Schakalen und Mückenschwärmen. Hinter jenen Klippenzügen
dehnt sich die Wüste Gedrosien, mehrere Tagereisen breit, von einzelnen
Wanderstämmen durchzogen, dem Fremdling mehr als furchtbar; Einöde, Dürre,
Wassermangel sind hier die kleinsten Leiden; tags stechende Sonne,
glühender Staub, der das Auge entzündet und den Atem erdrückt, nachts
durchfröstelnde Kühle und das Heulen hungriger Raubtiere, nirgend ein
Obdach oder Grasplatz, nirgend Speise und Trank, nirgend ein sicherer Weg
oder ein Ziel des Weges. Durch diese Wüste, so wird erzählt, zog die
Königin Semiramis aus Indien heim, und von den Hundertausenden ihres Heeres
kehrten mit ihr nicht zwanzig Menschen nach Babylon zurück; auch Kyros soll
diesen Rückweg genommen und das gleiche Schicksal erfahren haben; selbst
der Fanatismus des Islam hat nicht gewagt, erobernd in diese Wüste
einzudringen; der Kalif verbot seinem Feldherrn Abdallah dies Land, das der
sichtliche Zorn des Propheten getroffen habe.
Alexander hat diesen Weg gewählt, nicht um Größeres zu vollbringen als
Kyros und Semiramis, wie das Altertum, noch um die Verluste der indischen
Heerfahrt durch größere Verluste vergessen zu machen, wie der Scharfsinn
neuerer Geschichtschreiber gemeint hat. Er mußte diesen Weg wählen; es
durften nicht zwischen den Satrapien des Indus und des Persischen Meeres
herrenlose Länderstrecken und ununterworfene Völkerstämme den Zusammenhang
der Okkupation stören; sie durften es um so weniger, da die Klippenzüge am
Saum der Einöde räuberischen Horden und rebellischen Satrapen ein stetes
Asyl geboten hätten. Noch wichtiger war die Rücksicht auf die Flotte,
welche längs der wüsten Küste dahinfahren und den Seeweg zwischen Indien
und Persien öffnen sollte; sie konnte nicht auf Monate lang verproviantiert
und mit Wasser versehen werden; um beides einzunehmen, mußte sie von Zeit
zu Zeit an die Küste gehen, von der sie sich bei der Natur der damaligen
Nautik überhaupt nicht entfernen durfte. Sollte diese Expedition irgend
glücken und ihr Zweck, die Fahrt vom Euphrat zum Indus zu öffnen, erreicht
werden, so war es vor allem notwendig, die Küste zugänglich zu machen,
Wasserbrunnen zu graben, Vorräte zu beschaffen, Widerstand von seiten der
Einwohner zu hindern, die Bevölkerung namentlich der reicheren Distrikte
mit in den Verband des Reiches zu ziehen. Dies waren die Gründe, die den
König veranlaßten, durch Gedrosien zurückzukehren, obschon ihm die Natur
jener Landesstrecke nicht unbekannt sein konnte; er durfte seinen großen
Plan nicht um der Gefahren willen, die unvermeidlich waren, preisgeben, er
durfte die Opfer nicht scheuen, die ihm das Unternehmen kosten sollte, von
dem er, und mit Recht, außerordentliche Erfolge erwartete. Der Satrap von
Karmanien, Sibyrtios, wird die Weisung erhalten haben von Westen her,
soweit möglich, dem Heere das Nötige entgegenzusenden; und man wird wohl so
viel erkundet haben, daß die zunächst an Indien grenzende Landschaft, wenn
man sie besetzte, im Innern bewohnte und fruchtbare Täler genug besaß, um
dem Zuge längs der Küste die nötigen Vorräte zu schaffen.
Die Überlieferungen gestatten nicht, auch nur ungefähr anzugeben, wie groß
die Zahl der Truppen war, die der König durch Gedrosien führte. Man darf
die Flotte vielleicht auf 100 Schiffe, ihre Bemannung auf 12 000 Mann und
etwa 2000 Epibaten rechnen; bedeutend stärker wird das Heer, das Krateros
durch Arachosien führte, gewesen sein. Nach einer sicheren Nachricht war
die Gesamtmacht des Königs, als er im sogdianischen Alexandrien stand,
120 000 Mann; rechnet man vielleicht 30 000 Mann, die bei dem indischen
Satrapen und in den neugegründeten Städten zurückblieben, so könnten 30 000
bis 40 000 Kombattanten mit dem Könige gezogen sein. Dies nur, um daran zu
erinnern, was man wissen müßte, um sich eine pragmatisch deutliche
Vorstellung von diesem Zuge der Heimkehr machen zu können.
Es mochte gegen Ende August des Jahres 325 sein, als Alexander aus Pattala
und dem indischen Lande aufbrach; bald war das Grenzgebirge erreicht und
auf dem nördlicheren Paßwege überstiegen; etwa mit dem neunten Tage kam man
in die Tallandschaft des Ariosstromes, an dem diesseits die Arbiten,
jenseits bis in die Berge die Oreiten wohnten; beide Stämme hatten sich
noch nicht unterworfen; deshalb teilte Alexander sein Heer, ihr Land zu
durchziehen und nötigenfalls zu verwüsten. Von ihm selbst, von Leonnatos,
von Ptolemäus geführt, zogen einige Kolonnen in das Land hinab, während
Hephaistion das übrige Heer nachführte. Alexander wandte sich links dem
Meere zu, um zugleich der Küste entlang für den Bedarf seiner Flotte
Brunnen graben zu lassen, demnächst aber die Oreiten, die für streitbar und
zahlreich galten, zu überfallen. Die Arbiten hatten beim Heranrücken der
Makedonen ihre Dörfer verlassen und sich in die Wüste geflüchtet. Er kam an
den Arbiosfluß, der seicht und schmal, wie er war, leicht überschritten
wurde; ein nächtlicher Marsch durch die Sandgegend, die sich von dessen
rechtem Ufer abendwärts erstreckte, brachte ihn mit Tagesanbruch an die
wohlbebauten Felder und Dorfschaften der Oreiten. Sofort bekam die Reiterei
Befehl, geschwaderweise aufzurücken und, um desto mehr Feld zu bedecken, in
gemessenen Distanzen vorzugehen, während das Fußvolk in geschlossener Linie
nachfolgte. So wurde ein Dorf nach dem anderen angegriffen und
eingenommen; wo die Einwohner Widerstand versuchten und mit ihren
Giftpfeilen gegen die makedonischen Speere zu kämpfen wagten, wurden sie
leicht bewältigt, ihre Dörfer verbrannt, sie selbst niedergehauen oder zu
Gefangenen gemacht und in die Sklaverei verkauft. Das untere Gebiet der
Oreiten ward ohne bedeutenden Verlust unterworfen; auch die Pfeilwunde, die
das Leben des Lagiden Ptolemaios in Gefahr brachte, wurde schnell und
glücklich geheilt; an einem Wasser lagerte und rastete Alexander und
wartete die Ankunft Hephaistions ab. Mit ihm vereinigt zog er weiter zu dem
Flecken Rambakia, dem größten im Lande der Oreiten; die Lage desselben
schien günstig für den Verkehr und zur Behauptung des Landes; Alexander
beschloß, ihn zur Hauptstadt der oreitischen Satrapie zu machen und zu
kolonisieren; Hephaistion erhielt den Befehl zur Gründung des oreitischen
Alexandreia. Der König selbst brach mit der Hälfte der Hypaspisten und
Agrianer, mit dem Geleit seiner Ritterschaft und den berittenen Schützen
gegen die Berge hin auf, welche das Gebiet der Oreiten und Gedrosier
voneinander scheiden; denn in den dortigen Pässen, durch welche der Weg
nach Gedrosien führte, hatten sich, so war dem Könige berichtet, die
Oreiten und Gedrosier in sehr bedeutender Macht aufgestellt, um vereinigt
den Makedonen den Weg zu sperren. Sobald die Makedonen dem Eingang der
Pässe nahten, flohen die Barbaren vor einem Feinde, dessen unwiderstehliche
Kraft sie ebensosehr wie seinen Zorn nach dem Siege fürchteten; die
Häuptlinge der Oreiten kamen in demütiger Unterwürfigkeit zu ihm herab,
sich, ihr Volk und ihr alles seiner Gnade zu übergeben. Alexander empfing
sie huldvoller, als sie erwartet; er trug ihnen auf, ihre zersprengten
Dorfschaften wieder zu sammeln, und ihnen in seinem Namen Ruhe und
Sicherheit zu versprechen; er legte es ihnen ans Herz, seinem Satrapen
Apollophanes, den er über ihr, der Arbiten und der Gedrosier Land setzte,
zu gehorchen und namentlich den Anordnungen, die zur Versorgung der
makedonischen Flotte getroffen werden würden, gebührend nachzukommen. Zu
gleicher Zeit wurde Leonnatos der Leibwächter mit einem bedeutenden Heere,
bestehend aus sämtlichen Agrianern, einem Teil der Bogenschützen, einigen
hundert Pferden der Makedonen und hellenischen Söldner, einer
entsprechenden Zahl Schwerbewaffneter und asiatischer Truppen in der neuen
Satrapie zurückgelassen, mit dem Befehl, die Ankunft der Flotte an diesen
Gestaden zu erwarten und alles zu deren Aufnahme vorzubereiten, die
Kolonisation der neuen Stadt zu vollenden, den etwa noch vorkommenden
Unordnungen und Widersetzlichkeiten von seiten des Volkes zu begegnen und
alles anzuwenden, um die bisher unabhängigen Oreiten für die neuen
Verhältnisse zu gewinnen; Apollophanes wurde angewiesen, alles zu tun, um
in das Innere von Gedrosien Schlachtvieh und Vorräte zusammenbringen zu
lassen, damit das Heer nicht Mangel leide.
Dann brach Alexander aus dem Lande der Oreiten nach Gedrosien auf. Schon
wurde der heiße und flache Küstensaum breiter und öder, die Hitze
stechender, der Weg beschwerlicher; man zog tagelang durch einsame
Sandstrecken, in denen von Zeit zu Zeit Palmengruppen einen ärmlichen
Schatten unter der fast senkrechten Sonne boten; häufiger waren
Myrrhenbüsche, stark duftend in der Glut der Sonne und in der Fülle des
unbenutzt ausschwitzenden Harzes; die phönikischen Kaufleute, die mit
zahlreichen Kamelen dem Heere folgten, sammelten hier viel von dieser
köstlichen Ware, die im Abendlande unter dem Namen der arabischen Myrrhe so
beliebt war. In der Nähe der See oder der Flüsse blühte die starkduftende
Tamariske, über den Boden hin wucherte die Schlingwurzel der Narden und
vielrankiges Dorngebüsch, in dem sich die Hasen, die der nahende Heereszug
aufgescheucht, wie Vögel im Dohnenstrich fingen. In der Nähe solcher Plätze
wurde übernachtet und aus den Blättern der Myrrhen und Narden die
nächtliche Streu bereitet. Aber mit jedem neuen Marsche wurde die Küste
öder und unwegsamer. Die Bäche erstarben im heißen Sande, auch die
Vegetation hörte auf; von Menschen und Tieren war auf weite Strecken keine
Spur; man begann die Nächte zu marschieren, um während des Tages zu ruhen;
man zog tiefer landein, um auf dem nächsten Wege diese Einöde
zurückzulegen und zugleich für die Flotte Vorräte an die Küste zu schaffen;
einzelne Trupps wurden an die Küste hinabgesandt, die Vorräte aufzustapeln,
Brunnen zu graben, die Zugänglichkeit des Strandes für die Schiffe zu
untersuchen. Einige dieser Reiter unter Thoas' Führung brachten die
Nachricht, an der Küste seien wenige ärmliche Fischerhütten, aus
Walfischrippen und Seemuscheln erbaut; die Bewohner, armselig und
stumpfsinnig, lebten von gedörrten Fischen und Fischmehl und tränken das
brackige Wasser der Sandgruben; man hatte das Gebiet der Ichthyophagen
erreicht. Tiefer landein, so hieß es, finde man einzelne Dorfschaften;
dorthin mußte das Heer, da der Mangel an Lebensmitteln schon empfindlich zu
werden begann. Nach langen, ermüdenden Nachtmärschen, in denen schon nicht
mehr die strengste Ordnung und Manneszucht zu erhalten war, erreichte man
diese Gegend; von den Vorräten, die sie darbot, wurde möglichst sparsam an
das Heer verteilt, um das übrige, mit dem königlichen Siegel verwahrt und
auf Kamele gepackt, an die Küste zu schicken; aber sobald Alexander mit den
ersten Kolonnen zum weiteren Marsche aufbrach, rissen die bei den Vorräten
bestellten Wachen die Siegel auf, und von ihren hungernden Kamelen
schreiend umdrängt, teilten sie aus, was sie bewahren sollten, unbekümmert,
wie sie ihr Leben verwirkten, um es vor dem Hungertode zu retten. Alexander
ließ es ungeahndet; er eilte, neue Vorräte aufzutreiben und sie unter
sicherer Bedeckung hinabzusenden; er befahl den Einwohnern, aus dem Innern
des Landes so viel Getreide, Dattelfrucht und Schlachtvieh als irgend
möglich aufzubringen und an die Küsten zu schaffen; zuverlässige Männer
wurden zurückgelassen, diese Transporte zu besorgen.
Indes zog das Heer weiter; es nahte dem furchtbarsten Teil der Wüste; in
gräßlicher Steigerung wuchs der Hunger, das Elend, die Zügellosigkeit. Auf
zehn, auf fünfzehn Meilen weit kein Wasser, der Sand tief, heiß, wellenhaft
wie ein stürmisches Meer zu breiten Dünen aufgeweht, durch die man mit
jedem Schritte tief einsinkend sich mit endloser Mühe hinschleppte, um
sogleich dieselbe Arbeit von neuem zu beginnen; dazu das Dunkel der Nacht,
die furchtbar wachsende Auflösung aller Ordnung, die letzte Kraft durch
Hunger und Durst erschöpft oder zu eigennütziger Gier verwildert. Man
schlachtete die Pferde, Kamele, Maultiere und aß ihr Fleisch; man spannte
das Zugvieh von den Wagen der Kranken und überließ diese ihrem Schicksal,
um in trauriger Hast weiterzuziehen; wer vor Müdigkeit oder Entkräftung
zurückblieb, fand den Morgen kaum noch die Spur des großen Heeres wieder,
und fand er sie, so bemühte er sich umsonst, dasselbe einzuholen; in
schrecklichen Zuckungen verschmachtete er unter der glühenden Mittagssonne
oder verirrte in dem Labyrinth der Dünen, um vor Hunger und Durst langsam
dahinzusterben. Glücklich die anderen, wenn sie vor Tagesanbruch Brunnen
erreichten, um zu rasten; aber oft mußte man noch marschieren, wenn schon
die Sonne durch die rötliche Glutluft herabbrannte und der Sand unter
wunden Füßen glühte; dann stürzten die Tiere röchelnd zusammen, und den
hinsinkenden Menschen brach das Blut jählings aus Auge und Mund, oder sie
kauerten sich todmatt nieder, während die Reihen aufgelöst in
gespenstischer Stille an den sterbenden Kameraden vorüberwankten; kam man
endlich zu den Wassern, so stürzte alles hin und trank in hastiger Gier, um
die letzte Labung mit einem qualvollen Tode zu büßen. An einer der
Raststellen -- ein fast ausgetrocknetes Wasser floß vorüber -- lagerte das
Heer einen Tag und ruhte unter den Zelten; da füllte sich plötzlich das
Strombett und brausend schwollen die Wasser über; Waffen, Tiere, Zelte,
Menschen wurden mit hinweggerissen, und ehe man sich noch zu besinnen und
zu helfen vermochte, war schon die Verwüstung auf ihrem Gipfel; Alexanders
Zelt und ein Teil seiner Waffen wurden ein Raub der Flut, deren Gewalt er
selbst mit Mühe entrann. So häuften sich die Schrecken; und als endlich gar
bei dem weiteren Marsche, als ein heftiger Wind die Dünen der Wüste
durcheinandertrieb und allen Weg spurlos verwehte, die landeingeborenen
Führer verirrten und nicht mehr wo noch wohin wußten, da sank auch dem
Mutigsten der Mut, und der Untergang schien allen gewiß. Alexander sammelte
die kräftigsten der Ritter, eine kleine Schar, um sich, mit ihnen das Meer
zu suchen; er beschwor sie, die letzten Kräfte zusammenzunehmen und ihm zu
folgen. Sie ritten mittagswärts durch die tiefen Dünen, von Durst gequält
in der tiefsten Erschöpfung; die Pferde stürzten zusammen, die Reiter
vermochten nicht sich weiterzuschleppen, nur der König mit fünf anderen war
unermüdlich vorgedrungen; sie sahen endlich die blaue See, sie ritten
hinab, sie gruben mit ihren Schwertern im Sande nach süßem Wasser, und ein
Quell sprudelte hervor, sie zu erquicken; dann eilte Alexander zurück zum
Heere und führte es hinab an den kühleren Strand und zu den süßen Quellen,
die dort rieselten. Nun fanden die Führer sich wieder zurecht und führten
das Heer noch sieben Tage lang an der Wüste, wo an Wasser nicht Mangel und
auch hier und da Vorräte und Dorfschaften waren; mit dem siebenten Tage
wandte man sich landeinwärts und zog durch fruchtprangende und heitere
Gegenden nach Pura, der Residenz der Satrapie Gedrosien.
So erreichte das Heer endlich das Ziel seines Weges, aber in welchem
Zustande! Der Marsch von der Oreiten Grenze durch die Wüste hatte sechzig
Tage gewährt; aber die Leiden und Verluste auf diesem Marsche waren größer
als alles Frühere zusammengenommen. Das Heer, das so stolz und reich aus
Indien ausgezogen, war auf ein Viertel zusammengeschmolzen, und dieser
traurige Überrest des welterobernden Heeres war abgezehrt und entstellt, in
zerlumpten Kleidern, fast ohne Waffen, die wenigen Pferde abgemagert und
elend, das Ganze ein Aufzug des tiefsten Elends, der Auflösung und
Niedergeschlagenheit. So kam der König nach Pura. Hier ließ er rasten,
damit sich die erschöpften Truppen erholten und die auf dem Wege Verirrten
sich sammelten. Der Satrap über Oreitis und Gedrosien, der den Befehl
erhalten, die Wege der Wüste mit Vorräten versorgen zu lassen, und durch
dessen Fahrlässigkeit dem Heere selbst noch die Erleichterung, welche die
Wüste gestattet hätte, entzogen worden war, erhielt von hier aus seine
Entlassung; Thoas wurde zu seinem Nachfolger in der Satrapie bestimmt.
Dann brach Alexander nach Karmanien auf, wo er Krateros mit seinem Heere
und mehrere Befehlshaber der oberen Provinzen, die er dorthin beordert, zu
treffen hoffte. Es mochte Anfang Dezember sein; von der Flotte und ihren
Schicksalen hatte man nicht die geringste Nachricht; war die dem
hochherzigen Nearchos übertragene Expedition schon an sich gefahrvoll, und
die gänzliche Ungewißheit über den Fortgang höchst beunruhigend, so mochte
Alexander nach den jüngsten Erlebnissen und ihrer unbeschreiblichen
Furchtbarkeit eher alles zu fürchten, als das Gelingen eines großen Planes
zu hoffen geneigt sein; jene Küste, die dem größten Teil seines Heeres den
elendesten Untergang gebracht hatte, war für die Flotte die letzte und
einzige Zuflucht; und öde, flachsandig, hafenlos wie sie war, schien sie
eher die unberechenbaren Wechselfälle von Wind und Wetter gefährlicher zu
machen, als vor ihnen retten zu können; ein Orkan, und Flotte und Heer
konnten spurlos vernichtet sein, eine unvorsichtige Fahrt, und der Ozean
war weit genug zu endlosem Irren und rettungslosem Treiben.
Da kam der Hyparch der Gegend zum Könige mit der Nachricht, fünf Tage
südwärts an der Mündung des Flusses Anamis sei Nearch wohlbehalten mit der
Flotte gelandet, habe auf die Nachricht, daß sich der König im oberen Lande
befinde, sein Heer sich hinter Wall und Graben lagern lassen und werde
demnächst persönlich vor Alexander erscheinen. Des Königs Freude war im
ersten Augenblick außerordentlich, bald genug drängte Ungeduld, Zweifel,
größere Bekümmernis sie zurück; umsonst erwartete man Nearchs Ankunft; es
verstrich ein Tag nach dem anderen; Boten auf Boten wurden ausgesandt, die
einen kamen zurück mit dem Bericht, sie hätten nirgend Makedonen der Flotte
gesehen, nirgend von ihnen Kunde erhalten; andere blieben ganz aus; endlich
befahl Alexander, den Hyparchen, der treulose Märchen geschmiedet und mit
der Trauer des Heeres und des Königs Spott getrieben, festzunehmen und in
Ketten zu legen. Er war trauriger denn zuvor und von Leiden des Körpers und
der Seele bleich.
Der Hyparch hatte die volle Wahrheit gesagt: wirklich war Nearchos mit
seiner Flotte an der karmanischen Küste; glücklich hatte er ein
Unternehmen, dem an Gefahren und Wundern schon an sich nichts ähnlich war,
und das überdies durch das Zusammentreffen zufälliger Umstände überaus
erschwert worden war, vollbracht.
Schon am Indusstrome hatten diese Schwierigkeiten begonnen; kaum war
Alexander mit dem Landheere über die Grenzen Indiens gegangen, so hatten
die Inder, die sich jetzt frei und sicher glaubten, bedenkliche Unruhen
begonnen, so daß die Flotte nicht mehr in Indus sicher zu sein schien.
Nearchos hatte, da es nicht seine Aufgabe war, das Land zu behaupten,
sondern die Flotte zum Persischen Meerbusen zu führen, sich schnell und
ohne die Zeit der stehenden Ostwinde abzuwarten, zur Abfahrt bereitet, war
am 21. September[16] abgesegelt und hatte in wenigen Tagen die Kanäle des
Indusdeltas hinter sich; dann war er durch heftige Südwinde genötigt
worden, unter dem Vorgebirge, das Indien vom Arbitenlande trennt, in einem
Hafen, den er nach Alexander nannte, ans Land zu gehen und daselbst
vierundzwanzig Tage zu rasten, bis sich endlich die regelmäßigen Winde
gesetzt hatten. Mit dem 23. Oktober war er weitergeschifft, war unter
mannigfaltigen Gefahren, bald zwischen Klippen hindurchsteuernd, bald gegen
die gewaltige Brandung des Ozeans ankämpfend, an der Arbiosmündung
vorübergesegelt, und nach einem furchtbaren Seesturm am 30. Oktober, der
drei Fahrzeugen den Untergang brachte, bei Kokala an das Land gegangen, um
zehn Tage zu rasten und die schadhaften Schiffe auszubessern; es war das
der Ort, an dem kurz zuvor Leonnatos die Barbaren der Umgegend in einem
blutigen Treffen überwältigt hatte; der Satrap Apollophanes von Gedrosien
war bei dieser Gelegenheit erschlagen worden. Hier reichlich mit Vorräten
versehen und nach wiederholten Zusammenkünften mit Leonnatos, war Nearchos
weiter gen Westen gefahren, und am 10. November lag das Geschwader vor der
Mündung des Flusses Tomeros, an dessen Ufern bewaffnete Oreiten haufenweise
standen, um die Einfahrt der Flotte zu hindern; ein kühner Überfall
genügte, sie zu bewältigen und für einige Tage einen ruhigen Landungsplatz
zu gewinnen.
[16] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
Mit dem 21. November war die Flotte zu der Küste der Ichthyophagen
gekommen, jener armseligen und furchtbaren Einöde, bei der das Elend des
Landheeres begann; auch das Schiffsheer hatte viel zu leiden, der Mangel an
süßem Wasser und an Vorräten wurde mit jedem Tage drückender. Endlich fand
man in einem Fischerdorfe hinter dem Vorgebirge Bageia einen Eingeborenen
Namens Hydrakes, der sich erbot, die Flotte als Lotse zu begleiten; er war
ihr von großem Nutzen; unter seiner Leitung vermochte man fortan größere
Fahrten zu machen und dazu die kühleren Nächte zu benutzen. Unter immer
steigendem Mangel fuhr man bei der öden Sandküste Gedrosiens vorüber, und
schon hatte die Unzufriedenheit der Schiffsleute einen gefährlichen Grad
erreicht; da endlich erblickte man die mit Fruchtfeldern, Palmhainen und
Weinbergen bedeckten Gestade Karmaniens; jetzt war die Not vorüber, jetzt
nahte man der langersehnten Einfahrt in das Persische Meer, man war in
befreundetem Gebiet. Man sah zur Linken die weit ins Land vorspringende
Landspitze Arabiens, die Maketa genannt wurde, von wo, so erfuhr man, der
Zimt und andere indische Waren nach Babylon gebracht werden.
An der Küste Harmozia und an der Mündung des Anamis landete die Flotte, und
das Schiffsvolk lagerte an den Stromufern, nach so vielen Mühen sich
auszuruhen und der überstandenen Gefahren zu gedenken, denen zu entkommen
mancher verzweifelt haben mochte; von dem Landheere wußte man nichts, seit
der Küste der Ichthyophagen hatte man alle Spur von demselben verloren. Da
geschah es, daß einige von Nearchs Leuten, die ein wenig landein gegangen
waren, um Lebensmittel zu suchen, in der Ferne einen Menschen in
hellenischer Tracht sahen; sie eilten auf ihn zu und erkannten sich unter
Freudentränen als hellenische Männer; sie fragten ihn, woher er käme, wer
er wäre? Er antwortete, er komme vom Lager Alexanders, der König sei nicht
ferne von hier; und frohlockend führten sie ihn zu Nearchos, dem er dann
angab, daß Alexander etwa fünf Tage weit landein stehe, und sich zugleich
erbot, ihn zum Hyparchen der Gegend zu bringen. Das geschah; Nearchos
überlegte mit diesem, wie er zum Könige hinaufkommen möchte. Während er zu
den Schiffen zurückkehrte, um hier alles zu ordnen und das Lager
verschanzen zu lassen, war der Hyparch, in der Hoffnung, durch die erste
Nachricht von der glücklichen Ankunft der Flotte des Königs Gunst zu
gewinnen, auf dem kürzesten Wege in das innere Land hinaufgeeilt und hatte
dort jene Botschaft überbracht, die ihm selbst so viel Leid zuzog, da deren
Bestätigung ausblieb.
Endlich, so erzählt Nearchos selbst das Weitere, waren die Einrichtungen
für die Flotte und das Lager so weit gediehen daß er mit Archias von Pella,
dem zweiten Befehlshaber der Flotte, und mit fünf oder sechs Begleitern von
dem Lager aufbrach und ins Innere wanderte. Diesen begegneten auf dem Wege
einige von den ausgesandten Boten Alexanders; aber sie erkannten weder den
Nearchos noch den Archias, so sehr hatte sich ihr Äußeres verwandelt; ihr
Haupt- und Barthaar war lang, ihr Gesicht bleich, ihre Gestalt abgezehrt,
ihre Kleidung zerlumpt und voll Schiffsteer; und als diese sie fragten, in
welcher Richtung wohl Alexanders Lager stände, zeigten sie ihnen Bescheid
und zogen vorüber. Archias aber ahnte das Rechte und sprach: »Es scheint,
daß die Männer ausgesandt sind, uns zu suchen; daß sie uns nicht erkennen,
ist gar wohl zu begreifen, wir mögen wohl sehr anders als in Indien
aussehen; laß uns sagen, wer wir sind, und sie fragen, wohin sie reisen.«
Das tat Nearchos; sie antworteten, sie suchten den Nearchos und das Heer
von der Flotte. Da sagte Nearchos: »Ich bin es, den ihr suchet, führt uns
zum Könige!« Da nahmen sie sie jubelnd auf ihre Wagen und fuhren zum Lager;
einige aber eilten voraus und zum Zelte des Königs und sprachen: »Nearchos
und Archias und fünf andere mit ihnen kommen soeben daher.« Da sie aber von
dem übrigen Heere und von der Flotte nichts wußten, glaubte der König, daß
jene wohl unvermutet gerettet, aber Heer und Flotte untergegangen sei, und
seine Trauer war größer denn vorher. Da trat Nearchos und Archias herein.
Alexander erkannte sie kaum wieder, er reichte dem Nearchos die Hand,
führte ihn zur Seite und weinte lange Zeit; endlich sprach er: »Daß ich
dich und Archias wiedersehe, läßt mich den ganzen Verlust minder
schmerzlich empfinden; nun aber sprich, wie ist meine Flotte und mein Heer
zugrunde gegangen?« Nearchos antwortete: »O König, beides ist dir erhalten,
deine Flotte und dein Heer; wir aber sind als die Boten ihrer Erhaltung zu
dir gekommen.« Da weinte Alexander noch mehr, und lauter Jubel war um ihn
her; er aber schwur bei Zeus und Ammon, daß ihm dieser Tag teurer wäre als
der Besitz von ganz Asien.
Schon war auch Krateros mit seinem Heere und den Elefanten nach einem
glücklichen Marsche durch Arachosien und Drangiana in Karmanien angelangt;
er hatte sich auf die Nachricht von Alexanders ungeheueren Verlusten
beeilt, sein frisches und kräftiges Heer dem Könige zuzuführen. Mit ihm
zugleich trafen die Befehlshaber, die seit fünf Jahren in Medien gestanden
hatten, ein; es waren Kleandros mit den Veteranen der Söldner, Herakon mit
den Söldnerreitern, die früher Menidas geführt hatte, Sitalkes mit dem
thrakischen Fußvolk, Agathon mit den odrysischen Reitern, im ganzen
fünftausend Mann zu Fuß und tausend Reiter. Auch der Satrap Stasanor von
Areia und Drangiana, und Pharasmanes, der Sohn des parthischen Satrapen
Phrataphernes, waren mit Kamelen, Pferden und Herden Zugvieh nach Karmanien
gekommen, zunächst in der Absicht dem Heere, das sie noch nicht angelangt
glaubten, bei dem Zuge durch die Wüste die notwendigen Bedürfnisse zu
beschaffen; doch auch jetzt noch waren sie mit dem, was sie brachten,
willkommen, die Kamele, Pferde, Rinder wurden im Heere auf die übliche
Weise verteilt. Dies alles, dazu die glückliche Natur des karmanischen
Landes, die Pflege und Ruhe, die hier den Soldaten zuteil wurde, endlich
die unmittelbare Anwesenheit des Königs, dessen Tätigkeit nie ernster und
durchgreifender gewesen war, machten in kurzer Zeit die Spuren des
furchtbaren Elends verschwinden und gaben dem makedonischen Heere Haltung
und Selbstvertrauen zurück. Dann wurden Festlichkeiten mannigfacher Art
veranstaltet, um den Göttern für die glückliche Beendigung des indischen
Feldzuges, für die Heimkehr des Heeres und die wunderbare Erhaltung der
Flotte zu danken; Zeus dem Erretter, Apollon, dem Fluchabwehrer, dem
Erderschütterer Poseidon und den Göttern des Meeres wurde geopfert, es
wurden Festzüge gehalten, Festchöre gesungen, Kampfspiele aller Art
gefeiert; in dem Gepränge des Festzuges ging Nearchos bekränzt an des
bekränzten Königs Seite, und das jubelnde Heer warf Blumen und bunte Bänder
auf sie. In allgemeiner Heerversammlung wiederholte der Nearch den Bericht
seiner Fahrt; er und andere der Führer, sowie viele vom Heere, wurden vom
Könige durch Geschenke, durch Beförderungen und Auszeichnungen aller Art
geehrt, namentlich wurde Peukestas, bisher Alexanders Schildträger und bei
dem Sturm auf die Mallerstadt sein Retter, der hergebrachten Zahl der
sieben Somatophylakes als achter hinzugefügt.
Zu gleicher Zeit gab der König die Weisungen für den weiteren Zug: die
Flotte sollte ihre Fahrt längs der Küste des Persischen Meerbusens
fortsetzen, in die Mündung des Pasitigris einlenken und stromauf in den
Fluß von Susa fahren; mit dem größeren Teil des Landheeres, mit den
Elefanten und der Bagage sollte Hephaistion, um die schwierigen Wege, den
Schnee und die Winterkälte in den Berggegenden zu vermeiden, an die flache
Küste, die Vorräte genug und in jetziger Jahreszeit milde Luft und bequeme
Wege hatte, hinabziehen, um sich in der Ebene von Susa mit der Flotte und
dem übrigen Heere wieder zu vereinigen. Alexander selbst wollte mit der
makedonischen Ritterschaft und dem leichten Fußvolk, namentlich den
Hypaspisten und einem Teile der Bogenschützen, auf dem nächsten Wege durch
die Berge über Pasargadai und Persepolis gen Susa ziehen.
So kehrte Alexander in den Bereich der Länder zurück, die ihm seit Jahren
unterworfen waren; es war hohe Zeit, daß er zurückkehrte. Arge Unordnungen
und gefährliche Neuerungen waren an mehr als einem Punkte entstanden; nur
zu bald hatte der Geist der Zügellosigkeit und Anmaßung, der in den
Satrapen des früheren Perserreiches geherrscht hatte, auch bei den
jetzigen Statthaltern und Anführern Eingang gefunden; während des Königs
Abwesenheit ohne Aufsicht und im Besitz fast unumschränkter Gewalt, hatten
viele Satrapen, sowohl Makedonen als Perser, die Völker auf das
furchtbarste bedrückt, hatten ihrer Habgier, ihrer Wollust alles erlaubt,
hatten selbst die Tempel der Götter und die Gräber der Toten nicht
geschont; ja auf den Fall, daß Alexander nicht aus den Ländern Indiens
zurückkehrte, hatten sie sich bereits mit Söldnerhaufen umgeben und alle
Anstalten getroffen, um sich nötigenfalls mit gewaffneter Hand im Besitz
ihrer Provinzen zu behaupten. Die tollkühnsten Pläne, die ausschweifendsten
Wünsche, die überspanntesten Hoffnungen waren an der Tagesordnung; die
ungemessene Aufregung dieser Jahre, in denen alles Herkömmliche und Gewisse
abgetan und das Unwahrscheinlichste möglich schien, fand keine Sättigung
mehr als im zügellosesten Wagen und der Betäubung maßlosen Genusses oder
Verlustes. Das wilde Würfelspiel des Krieges, in dem Asien gewonnen war,
wie leicht konnte es umschlagen, wie leicht mit einem Wurfe des Königs
übergroßes Glück wie gewonnen so zerronnen sein. Auch das gestürzte
Persertum begann sich mit neuer Hoffnung aufzurichten, und es war bereits
mehr als ein Versuch von seiten morgenländischer Großen gemacht worden, die
kaum geknüpften Bande zu zerreißen und unabhängige Fürstentümer zu gründen,
oder im Namen des altpersischen Königtums, das gewiß sich erneuern werde,
die Völker zum Abfall zu reizen. Und als nun nach der jahrelangen
Abwesenheit des Königs, nach dem immer wilderen Umsichgreifen der Unordnung
und der Usurpation, die Kunde von dem Untergange des Heeres in der
gedrosischen Wüste sich verbreitete, da mochte die Bewegung an allen Orten
und in allen Gemütern einen Grad erreichen, der den Umsturz alles
Bestehenden befürchten ließ.
Das waren die Verhältnisse, unter denen Alexander mit den Überresten seines
Heeres in die Westprovinzen zurückkehrte. Es stand alles auf dem Spiel;
_ein_ Zeichen von Besorgnis oder Schwäche, und das Reich stürzte über
seinem Gründer in Trümmer; nur die kühnste Entschlossenheit, die ernsteste
Kraft des Willens und der Tat konnte den König und sein Reich retten;
Gnade und Langmut wäre Geständnis der Ohnmacht gewesen, und hätte die
Völker, die auch jetzt noch dem Könige anhingen, um ihre letzte Hoffnung
gebracht. Es bedurfte der strengsten und schonungslosesten Gerechtigkeit,
um den empörend mißhandelten Völkern ihr Recht zu sichern und ihr Vertrauen
zu der Macht des Königs zu retten; es bedurfte rascher und durchgreifender
Maßregeln, um der Majestät des Königtums ihren vollen Glanz wiederzugeben
und die Schrecken ihres Zornes zu verbreiten. Und vielleicht war Alexander
jetzt in der dunklen Stimmung, die den zürnenden Selbstherrscher furchtbar
macht. Wie weit lag hinter ihm der Enthusiasmus des beginnenden
Siegeslaufes, die freudige Zuversicht der Jugend und unermeßlicher
Hoffnungen; zu oft in seinem Vertrauen getäuscht, hatte er gelernt, zu
argwöhnen, hart und ungerecht zu sein. Er mochte es für notwendig halten.
Eine Welt hatte er umgestaltet; er hatte sich mit ihr verwandelt; es galt
jetzt die Zügel der unumschränkten Gewalt fest zu fassen und zu halten; es
galt jetzt schnelles Gericht, neuen Gehorsam, strenges Regiment.
Schon in Karmanien hatte Alexander zu strafen gefunden. Er hatte den
Satrapen Aspastes, der sich im Jahre 330 unterworfen und seine Stelle
behalten hatte, abgesetzt; umsonst eilte Aspastes dem nahenden Herrn in
beflissener Unterwürfigkeit entgegen; als sich der schwere Verdacht, der
auf ihm lastete, in der Untersuchung bestätigte, wurde er den Händen des
Henkers übergeben. Sibyrtios war statt seiner für Karmanien bestimmt
worden; da aber Thoas, der an Apollophanes' Stelle ins Land der Oreiten
gehen sollte, erkrankte und starb, so wurde Sibyrtios dorthin gesandt und
statt seiner Tleopolemos, des Pythophanes Sohn, den seine bisherige
Stellung in der parthischen Satrapie bewährt hatte, nach Karmanien berufen.
Die Unordnungen, die im Innern Arianas durch den Perser Ordanes
angestiftet, durch den, wie es scheint, gleichzeitigen Tod des Satrapen
Menon von Arachosien freien Spielraum gewonnen hatten, waren von Krateros
auf seinem Durchgange ohne Mühe unterdrückt worden; er brachte den Empörer
in Ketten vor den König, der ihn der gerechten Strafe übergab; die
erledigte Satrapie Arachosien wurde mit der von Ora und Gedrosien unter
Sibyrtios vereinigt.
Auch aus Indien kam böse Zeitung; Taxiles berichtete, Abisares sei
gestorben und der Satrap Philippos im diesseitigen Indien von den Söldnern,
die unter ihm dienten, erschlagen worden, doch hätten die makedonischen
Leibwächter des Satrapen den Aufruhr sofort erdrückt und die Anführer
hingerichtet. Alexander übertrug die einstweilige Verwaltung der Satrapie
dem Fürsten von Taxila und Eudemos, dem Anführer der in Indien stehenden
Thraker, und gebot ihnen, den Sohn des Abisares als Nachfolger im Reiche
Kaschmir anzuerkennen.
Von Medien waren Herakon, Kleandros und Sitalkes mit dem größten Teile
ihrer Truppen nach Karmanien zu kommen beordert und gekommen; von den
Einwohnern der Provinz und von ihren eigenen Truppen wurden sie arger Dinge
beschuldigt: sie hätten die Tempel geplündert, die Gräber aufgewühlt, sie
hätten sich jede Art von Bedrückung und Frevel gegen die Untertanen
erlaubt. Nur Herakon wußte sich zu rechtfertigen und wurde auf freien Fuß
gesetzt; Kleandros und Sitalkes wurden vollständig überführt, mit ihnen
eine Menge mitschuldiger Soldaten, wie es heißt, sechshundert, auf der
Stelle niedergehauen. Dieses schnelle und strenge Gericht, machte überall
den tiefsten Eindruck; man gedachte der vielfachen Rücksichten, welche der
König haben mußte, diese Männer, die heimlichen Vollstrecker des
Todesurteils an Parmenion, und diese bedeutende Zahl alter Soldaten, deren
er jetzt so sehr bedurfte, zu schonen; die Völker erkannten, daß der König
in Wahrheit ihr Beschützer, daß es nicht sein Wille sei, sie wie Knechte
behandelt zu sehen; die Satrapen und Befehlshaber dagegen konnten erkennen,
was auch sie zu erwarten hätten, wenn sie nicht mit reinem Gewissen vor den
Stufen des Thrones zu erscheinen vermochten. Manche von ihnen suchten, so
wird erzählt, im Bewußtsein ihrer Schuld neue Schätze zusammenzuraffen,
ihre Söldnerscharen zu verstärken, sich so zu rüsten, um nötigenfalls
trotzen zu können; da erging ein königliches Schreiben an die Satrapen,
welches gebot, sofort die Söldner, soviel nicht im Namen des Königs
geworben seien, zu entlassen.
Indes war der König aus Karmanien nach Persien gezogen: der Satrap
Phrasaortes, den er hier bestellt hatte, war zur Zeit des indischen
Feldzuges gestorben; Orxines, einer der Vornehmsten des Landes, hatte, im
Vertrauen auf seine Geburt und seinen Einfluß, die Satrapie übernommen.
Bald zeigte sich, daß er den Pflichten der Satrapie, die er ungeheißen auf
sich genommen, keineswegs nachgekommen sei. Schon das erzürnte den König,
daß er das Grab des großen Kyros im Haine von Pasargadai vernachlässigt
fand; bei seiner früheren Anwesenheit in Pasargadai hatte er die Kuppe des
Steinhauses, in der der Sarg stand, öffnen, das Grab von neuem schmücken
lassen und den am Grabe wachenden Magiern die Fortsetzung ihres frommen
Dienstes geboten; er wollte das Andenken des großen Königs auf jede Weise
geehrt wissen; jetzt war das Grab erbrochen, alles fortgeschleppt außer dem
Sarge und der Bahre, der Sargdeckel weggerissen, der Leichnam
hinausgeworfen, alle Kostbarkeiten geraubt. Er gab dem Aristobulos Befehl,
die Reste des Leichnams wieder in den Sarg zu legen, alles so, wie es vor
dem Einbruch gewesen, herzustellen, die Steintür der Kuppe wieder
einzusetzen und mit dem königlichen Siegel zu verschließen. Er selbst
untersuchte, wer den Frevel begangen; die Magier, welche die Grabeswache
gehabt, wurden ergriffen und auf die Folter gespannt, um die Täter zu
nennen; doch wußten sie nichts, sie mußten entlassen werden; auch die
weiteren Nachforschungen ergaben keine sichere Spur; es war niemand da, den
Frevel zu büßen; aber auf dem Satrapen lastete die Schuld der
Fahrlässigkeit, daß dieses in seinem Lande hatte geschehen können. Bald
sollten schwerere Vergehen des Satrapen zutage kommen; Alexander war von
Pasargadai gen Persepolis gezogen, die Residenz des Orxines; die lautesten
Klagen wurden hier von seiten der Einwohner über ihn geführt: er habe sich
die schnödesten Gewalttätigkeiten erlaubt, um seiner Habgier zu frönen; er
habe die Heiligtümer geplündert, die dortigen Königsgräber erbrochen, den
königlichen Leichen ihren Schmuck geraubt. Die Untersuchung ergab seine
Schuld; er wurde gehenkt. Der Leibwächter Peukestas, des Alexandros Sohn,
erhielt die Satrapie; er schien vor allen geschickt, dieses Hauptland des
Persertums zu verwalten, da er sich ganz in die asiatische Lebensweise
hineingefunden hatte, medische Kleidung trug, der Persersprache mächtig war
und sich gern und bequem im persischen Zeremoniell bewegte, Dinge, welche
die Perser mit Entzücken an ihrem neuen Gebieter sahen.
Um dieselbe Zeit traf der Satrap Atropates von Medien bei dem Könige ein;
er brachte den Meder Baryaxes, der es gewagt hatte, die Tiara anzunehmen
und sich König der Meder und Perser zu nennen; er mochte darauf gerechnet
haben, daß die Bevölkerung der Satrapie, durch die Frevel der makedonischen
Besatzungen empört, zum Abfall bereit sein würde; er und die Teilnehmer
seiner Verschwörung wurden hingerichtet.
Der König zog durch die persischen Pässe nach Susa hinab. Die Szenen von
Karmanien und Susa erneuten sich; die Völker scheuten sich nicht mehr,
laute Klagen über ihre Bedrücker zu erheben; sie wußten, daß Alexander sich
ihrer annehme. In Susa wurde der Satrap Abulites und dessen Sohn Oxyathres,
der Satrap der Parätakenen, die schwerster Dinge schuldig waren,
hingerichtet. Auch der kaum in dem Prozeß der medischen Erpressungen
freigesprochene Herakon, der früher in Susa gestanden hatte, wurde
überführt, hier den Tempel geplündert zu haben, und hingerichtet.
So folgten Schlag auf Schlag die strengsten Strafen, und mit Recht mochte
denen, die sich nicht schuldrein wußten, vor ihrer eigenen Zukunft bange
sein. Unter diesen war Harpalos, des Machatas Sohn, aus dem
Fürstengeschlecht der Elymiotis. Durch frühere Verbindungen und wesentliche
Dienstleistungen dem Könige wert, hatte er von Anfang her die größten
Beweise von dessen Gunst erhalten und war beim Beginn des Persischen
Krieges, da seine körperliche Beschaffenheit ihn zum Kriegsdienste
untauglich machte, zum Schatzmeister ernannt worden; schon einmal hatte er
sich arger Ungesetzlichkeiten schuldig gemacht, er war kurz vor der
Schlacht von Issos in Gemeinschaft mit einem gewissen Tauriskon, der den
Plan angegeben hatte, mit den königlichen Kassen davongegangen, um sich zu
dem Molosserkönig Alexandros, welcher damals in Italien kämpfte, zu
begeben; doch hatte Harpalos seinen Entschluß geändert und sich in Megara
niedergelassen, um dort seinem Vergnügen zu leben. Damals hatte der König,
der Zeiten eingedenk, wo Harpalos mit Nearchos, Ptolemaios und wenigen
anderen seine Sache gegen König Philipp vertreten und darum Schande und
Verbannung gelitten hatte, dem Leichtfertigen verziehen, ihn zurückberufen,
ihm von neuem das Schatzamt übergeben; die ungeheuren Schätze von
Pasargadai und Persepolis in Ekbatana wurden unter seine Verwaltung
gestellt, zugleich waren, so scheint es, die Schatzämter der unteren
Satrapien unter seiner Aufsicht; sein Einfluß herrschte über den ganzen
Westen Asiens. Indes zog Alexander immer weiter gen Osten, und Harpalos,
unbekümmert um die Verantwortlichkeit seiner Stellung und an Genuß und
Verschwendung gewöhnt, begann mit den königlichen Schätzen auf das
zügelloseste zu prassen und den ganzen Einfluß seiner Stellung auf Tisch
und Bett zu verwenden. Der ganzen Welt war sein Leben zum Skandal, und der
Spott der hellenischen Komiker wetteiferte mit dem Unwillen ernsterer
Männer, seinen Namen der allgemeinen Verachtung zu überliefern; von dem
Geschichtschreiber Theopompos kam in jener Zeit ein offenes Sendschreiben
an Alexander heraus, in welchem er den König aufforderte, diesem Unwesen
ein Ende zu machen: von der wüsten Liederlichkeit asiatischer Weiber noch
nicht gesättigt, habe Harpalos die Pythionike, die berüchtigtste Buhlerin
Athens, die erst bei der Sängerin Bakchis gedient habe, mit dieser dann in
das Frauenhaus der Kupplerin Sinope gezogen sei, nach Asien kommen lassen
und sich ihren Launen auf die unwürdigste Weise gefügt; als sie gestorben,
habe er mit unverschämter Verschwendung dieser Person zwei Grabmonumente
erbaut, und man staune mit Recht, daß, während den Tapferen von Issos, die
für den Ruhm Alexanders und die Freiheit Griechenlands gefallen seien,
weder von jenem noch von irgendeinem der Statthalter ein Denkmal der
Erinnerung geweiht sei, zu Athen und zu Babylon bereits die prächtigsten
Monumente für diese fertig daständen; denn dieser Pythionike, die in Athen
lange genug jedermann feil gewesen, habe Harpalos, der sich Alexanders
Freund und Beamten nenne, die Frechheit gehabt, Tempel und Altar zu
errichten und als Heiligtum der Aphrodite Pythionike zu weihen, ohne Scheu
vor der Strafe der Götter, und der Majestät des Königs zum Hohn. Nicht
genug das; kaum sei diese gestorben, so habe Harpalos sich auch schon eine
zweite Mätresse aus Athen verschrieben, die nicht minder berüchtigte
Glykera, ihr habe er den Palast von Tarsos zur Residenz eingerichtet, habe
ihr auf Rossos ein Standbild errichtet, wo er neben dem des Königs sein
eigenes aufzustellen gedenke, habe den Befehl erlassen, daß niemand ihm
einen goldenen Ehrenkranz weihen dürfe, ohne zugleich der Mätresse, daß man
vor ihr anbeten, sie mit dem Namen Königin begrüßen solle; kurz alle Ehre,
die nur der Königinmutter oder der Gemahlin Alexanders gebühren würde,
vergeude der Großmeister vom Schatzamt an die attische Dirne. Diese und
ähnliche Berichte waren an den König gekommen; er hatte sie anfangs für
unglaublich oder übertrieben gehalten, überzeugt, daß Harpalos nicht auf so
wahnsinnige Weise die schon einmal verscherzte Gnade aufs Spiel setzen
werde; bald genug bestätigte Harpalos selbst alle jene Beschuldigungen
durch seine Flucht. Er hatte sich darauf verlassen, daß Alexander nie
zurückkehren werde; jetzt sah er die strengen Gerichte gegen die, welche
sich durch denselben Irrtum hatten verführen lassen; er verzweifelte daran,
Verzeihung zu erlangen; er raffte, was er an Geld erreichen konnte -- es
war die ungeheure Summe von fünftausend Talenten --, zusammen, warb sich
sechstausend Söldner, zog, von diesen begleitet, mit seiner Glykera und dem
Töchterchen, das ihm Pythionike geboren hatte, durch Kleinasien an die
ionische Küste hinab, brachte dreißig Schiffe zusammen, um nach Attika
überzusetzen; Ehrenbürger von Athen, mit den angesehensten Männern der
Stadt befreundet und durch reiche Getreidespenden bei dem Volke beliebt,
zweifelte er nicht, mit seinen Schätzen dort willkommen und vor einer
Auslieferung an Alexander sicher zu sein.
Während sich so der letzte Schuldige unter den Großen des Reiches der
Verantwortlichkeit zu entziehen suchte, war Alexander mit seinem Heere,
etwa Februar 324, in Susa eingerückt. Bald nach ihm traf auch Hephaistion
ein mit den übrigen Truppen, den Elefanten und der Bagage, und Nearchos
führte die Flotte, die ohne weitere Fährlichkeit die Küste des Persischen
Meeres umschifft hatte, den Strom hinauf. Die Satrapen und Befehlshaber
kamen den königlichen Befehlen gemäß mit ihrem Gefolge, es kamen die
Fürsten und Großen des Morgenlandes, vom Könige geladen, mit ihren Frauen
und Töchtern zur Residenz; von allen Seiten strömten Fremde aus Asien und
Europa herbei, um den großen Festlichkeiten, die in Susa vorbereitet waren,
beizuwohnen.
Es galt ein wunderbares, im Laufe der Jahrhunderte einziges Fest zu
begehen. In der Hochzeitfeier von Susa sollte sich die Verschmelzung des
Abend- und Morgenlandes, der hellenistische Gedanke, in dem der König die
Kraft und die Dauer seines Reiches zu finden gedachte, vorbildlich
vollenden.
Die Beschreibung dieses an Pracht und Feierlichkeit alles übertreffenden
Festes geben die Augenzeugen etwa in folgender Weise: das große königliche
Zelt war zu diesem Feste hergerichtet; die Kuppe desselben, mit bunten,
reichgestickten Stoffen überbreitet, ruhte auf fünfzig hohen, mit Gold und
Silber überzogenen, mit kostbaren Gesteinen ausgelegten Säulen; rings
diesen Mittelraum umschließend hingen kostbare, golddurchwirkte, mit
vielfachen Schildereien durchwebte Teppiche von gold- und silberbelegten
Stäben herab; der Umfang des ganzen Zeltes betrug vier Stadien. Inmitten
des Saales war die Tafel gedeckt, auf der einen Seite standen die hundert
Diwans der Bräutigame, auf silbernen Füßen ruhend, mit hochzeitlichen
Teppichen überbreitet, nur der des Königs in der Mitte von Gold; ihnen
gegenüber die Plätze für die Gastfreunde des Königs; rings umher die Tafeln
für die Gesandtschaften, für die Fremden im Lager, für Heer und
Schiffsvolk. Dann gaben die Heertrompeten vom königlichen Zelte her das
Zeichen zum Beginne des Festes; die Gäste des Königs, es waren neuntausend,
setzten sich zum Mahle. Und wieder verkündete das Schmettern der Trompeten
durch das Lager, daß der König jetzt den Göttern spende; mit ihm spendeten
seine Gäste, jeder aus goldener Schale, dem Festgeschenk des Königs. Dann
wieder eine Fanfare, und nach persischer Sitte trat der Zug der
verschleierten Bräute herein und die Fürstentöchter gingen jede zu ihrem
Bräutigam; Stateira, des Großkönigs Tochter, zu Alexander, ihre jüngere
Schwester Drypetis zu Hephaistion, dem Liebling des Königs, Oxathres'
Tochter Amastris, des Großkönigs Nichte, zu Krateros, des medischen Fürsten
Atropates Tochter zu Perdikkas, des greisen Artabazos Tochter Artakama zum
Lagiden Ptolemaios, dem Leibwächter, und ihre Schwester Artonis zu Eumenes,
dem Geheimschreiber des Königs, die Tochter des Rhodiers Mentor zu
Nearchos, die Tochter des Spitamenes von Sogdiana zu Seleukos, dem Führer
der jungen Edelscharen; und so die anderen, jede zu ihrem Bräutigam.
Fünf Tage nacheinander folgten Feste auf Feste; von den Gesandtschaften,
von den Städten und Provinzen des Reichs, von Bundesfreunden aus Asien und
Europa wurden dem Könige unzählige Hochzeitsgeschenke überreicht, allein an
goldenen Kränzen 15 000 Talente. Und er wieder gab mit vollen Händen; viele
von den Bräuten waren elternlos; er sorgte für sie wie ein Vater, allen gab
er königliche Mitgift, allen, die sich mit an diesem Tage vermählt,
überreiche Geschenke, allen Makedonen, die asiatische Mädchen gefreit --
mehr denn 10 000 schrieben ihre Namen auf --, gab er Aussteuer. Neue
Gastmähler und fröhliche Gelage, Schauspiele, Festaufzüge, Ergötzlichkeiten
aller Art füllten die nächsten Tage; das Lager war voll Lustbarkeit und
fröhlichen Getümmels, hier Rapsoden und Harfenspieler aus Großgriechenland
und Ionien, da Gaukler und Seiltänzer aus Indien, dort Magier und
Kunstreiter aus den persischen Ländern, dann wieder hellenische
Tänzerinnen, Flötenbläserinnen, Schauspielerbanden. Denn auch dramatische
Spiele -- es war ja die Zeit der großen Dionysien -- wurden aufgeführt,
unter diesen ein Satyrspiel, Agen, angeblich von dem Byzantier Python
verfaßt, voll heiteren Spottes über die Flucht des Harpalos, des lahmen
Großmeisters vom Schatzamte. Da ward durch Heroldsruf verkündet, daß der
König die Schulden seines Heeres auf sich nehme und bezahlen werde, daß
deshalb jeder die Summe, die er schuldig sei, aufschreiben und demnächst in
Empfang nehmen solle. Anfangs schrieben sich nur wenige auf; die meisten,
namentlich die Hauptleute und Offiziere mochten fürchten, daß Alexander nur
in Erfahrung bringen wolle, wer nicht mit seiner Löhnung auskomme und zu
verschwenderisch lebe. Als dies der König hörte, schalt er sehr über dieses
Mißtrauen, ließ Tische an verschiedenen Punkten des Lagers aufstellen und
Goldstücke ausschütten, mit dem Befehl, daß jedem, der eine Rechnung
vorzeige, der Betrag derselben ohne weiter nach seinem Namen zu fragen,
ausgezahlt werden sollte. Nun kamen alle und freuten sich nicht sowohl, daß
sie ihre Schulden los würden, als daß dieselben unbekannt blieben; denn
diese tapferen Männer hatten mit mehr als denkbarer Sorglosigkeit
gewirtschaftet; trotz aller Beute und aller königlichen Geschenke war doch
das ganze Heer so tief in Schulden, daß zu dieser Deckung nicht weniger als
20 000 Talente gehörten. Namentlich hatten die Offiziere maßlos
verschwendet, und da der König sich oft mißbilligend über ihren unsinnigen
Aufwand geäußert hatte, mochten sie sehr froh sein, ohne sein weiteres
Wissen an den Geldtisch treten und ihren erschütterten Finanzen schnell
aufhelfen zu können. Auch Antigenes, so wird erzählt, der Führer der
Hypaspisten in der Schlacht am Hydaspes, der im Jahre 340 vor Perinth ein
Auge verloren hatte und seiner Bravour wie seiner Habsucht wegen gleich
bekannt war, trat damals an den Goldtisch und ließ sich eine namhafte Summe
auszahlen; dann wurde entdeckt, daß er ohne alle Schulden, und die
vorgezeigten Rechnungen falsch seien. Alexander war über diesen schmutzigen
Handel sehr erzürnt, verwies Antigenes vom Hofe und nahm ihm sein Kommando.
Der tapfere Strateg war über diese Beschimpfung außer sich, und man konnte
nicht zweifeln, daß er sich in seiner Schande und Trauer ein Leides antun
werde. Das jammerte den König, er verzieh ihm, rief ihn an den Hof zurück,
gab ihm sein Kommando wieder und ließ ihm die Summe, die er in Anspruch
genommen. -- Zu gleicher Zeit mit jener großen Schuldentilgung verteilte
Alexander an die durch Tapferkeit, durchkämpfte Gefahr oder treuen Dienst
um seine Person Ausgezeichneten wahrhaft königliche Geschenke; er kränzte
mit goldenen Kränzen den Leibwächter Peukestas, den Satrapen in Persis, der
ihn in der Mallerstadt mit dem Schilde gedeckt, den Leibwächter Leonnatos,
den Befehlshaber im Oreitenlande, der bei eben jenem gefährlichen Sturm an
seiner Seite gekämpft, am Flusse Tomeros die Barbaren besiegt und mit
glücklichem Eifer die Angelegenheiten in Ora geordnet hatte, ferner den
Nauarchen Nearchos, der die Fahrt vom Indus zum Euphrat so ruhmvoll
geführt, den Onesikritos, den Führer des königlichen Schiffes auf dem Indus
und vom Indus gen Susa, ingleichen den treuen Hephaistion und die übrigen
Leibwächter, den Pelläer Lysimachos, den Aristonus, des Pisaios Sohn, den
Hipparchen Perdikkas, den Lagiden Ptolemaios und Peithon von Eordäa.
Noch eine andere Feier mag dieser Zeit angehören, eine ernste und in ihrer
Art ergreifende. Aus Indien war einer jener Büßer auf dem Felde von Taxila
auf Alexanders Einladung, dessen Macht und dessen Liebe zur Weisheit er
bewunderte, trotz seines Meisters Unwillen und seiner Mitbürger Spott dem
makedonischen Heere gefolgt; sein milder Ernst, seine Weisheit und
Frömmigkeit hatten ihm die Hochachtung des Königs erworben, und viele edle
Makedonen, namentlich der Lagide Ptolemaios und Lysimachos der Leibwächter,
verkehrten gern mit ihm; sie nannten ihn Kalanos, nach dem Wort, mit dem er
sie zu begrüßen pflegte; sein einheimischer Name soll Sphines gewesen sein.
Er war hochbetagt; im persischen Lande fühlte er sich zum erstenmal in
seinem Leben krank. Er sagte zum Könige, er wolle nicht dahinsiechen, es
sei schöner, zu enden, bevor sein körperliches Leiden ihn zwinge, seine
bisherige Lebensregel zu verlassen. Vergebens waren des Königs
Einwendungen; bei ihm daheim gelte nichts unwürdiger, als wenn die Ruhe des
Geistes durch Krankheit gestört werde, es fordere die Regel seines
Glaubens, daß er den Scheiterhaufen besteige. Der König sah wohl, daß er
nachgeben müsse; er befahl dem Leibwächter Ptolemaios, ihm den
Scheiterhaufen zu errichten und alles Weitere feierlichst zu ordnen. Als
der bestimmte Tag gekommen war, zog das Heer früh morgens im festlichen
Zuge hinaus, vorauf die Reiterei und das Fußvolk in vollem Waffenglanze,
und die Kriegselefanten in ihrem Aufzuge, dann Scharen Weihrauchtragender,
dann andere, die goldene und silberne Schalen trugen und königliche
Gewänder, um sie mit dem Weihrauch in die Flammen zu werfen; dann Kalanos
selbst; ihm war, da er schon nicht mehr zu gehen vermochte, ein nysäisches
Roß gebracht worden, er konnte es nicht mehr besteigen; in einer Sänfte
ward er hinausgetragen. Als der Zug an dem Fuß des Scheiterhaufens
angelangt war, stieg Kalanos aus seiner Sänfte, nahm mit einem Händedruck
von jedem der Makedonen, die um ihn waren, Abschied, bat sie, zu seinem
Gedächtnis den heutigen Tag in freudiger Feier mit ihrem Könige
zuzubringen, bald werde er ihn in Babylon wiedersehen; er schenkte das
nysäische Roß dem Lysimachos und die Schalen und Gewänder den Umstehenden.
Dann begann der fromme Inder seine Todenweihe; er besprengte sich wie ein
Opfertier, er schnitt eine Locke von seinem Haupte und weihte sie der
Gottheit, er kränzte sich nach heimatlicher Weise und stieg, indem er
indische Hymnen sang, den Scheiterhaufen hinan; dann sah er noch einmal auf
das Heer hinab, wandte sein Angesicht zur Sonne und sank auf die Knie, um
anzubeten. Dies war das Zeichen; es ward Feuer in den Scheiterhaufen
geworfen, die Heertrompeten schmetterten, das Heer rief den Schlachtruf
dazu, und die Elefanten erhoben ihre fremdartige Stimme, als ob sie den
sterbenden Büßer ihrer Heimat ehren wollten. Anbetend lag er auf dem
Scheiterhaufen und regte sich nicht, bis die Flammen über ihn
zusammenschlugen und ihn den Blicken entzogen.
Alexander selbst hätte dem Ende des ihm werten Mannes nicht beiwohnen
wollen, sagt Arrian. Er berichtet bei diesem Anlaß, was der älteste jener
Büßer, der Lehrer der anderen, jenem auf seine Aufforderung, mit ihm zu
gehen, geantwortet habe: »Des Zeus Sohn, wenn anders Alexander es sei, sei
auch er, und weder wünsche er sich etwas, was Alexander Herr wäre, ihm zu
gewähren, noch auch fürchte er etwas, was er über ihn verhängen könne; ihm
solange er lebe, genüge der indische Boden, der jahraus, jahrein, was an
der Zeit sei, gewähre; und wenn er sterbe, so werde er der unwillkommenen
Hausgenossenschaft seines Körpers frei und eines reineren Lebens
teilhaftig.« Auch wird angeführt, daß Alexander über den Tod des Kalanos
staunend gesagt habe: »Der hat mächtigere Gegner, als ich bin, überwunden.«
Es ist wie ein Gleichnis, daß sich so in diesem Könige die Gedankenwelt des
Abendlandes, wie sie sein Lehrer Aristoteles vollendet hatte, mit der, die
in dem Gangeslande erwachsen war, begegnete, -- die Pole von Entwicklungen,
die er in der ganzen Weite und Mannigfaltigkeit dessen, was sie an
praktischen Formen und Zuständen hinter sich hatten und ideell in sich
trugen, zusammenzufassen und zu verschmelzen gedachte.
Es war nicht Willkür, nicht auf Grund falscher Prämissen, noch in einer
Kette von Trugschlüssen, daß er so verfuhr. Aus dem ersten Impuls, der sich
ihm aus der Geschichte des hellenischen Lebens wie von selbst ergeben
hatte, folgte in vollkommen richtigen Syllogismen alles Weitere, was er
tat; und daß ihm jede nächste Folgerung gelang wie die früheren, schien
Beweis genug, daß er richtig folgerte. Ihm wurde nicht das Glück zuteil,
einen Gegner zu finden, der ihm Ziel und Maß setzte; nur daß die moralische
Kraft seines Heeres am Hyphasis zu Ende war, hatte ihn überzeugen können,
daß auch seine Machtmittel ihre Grenze hätten; und in der gedrosischen
Wüste hatte er inne werden müssen, daß die Natur gewaltiger sei als sein
Wille und seine Macht. Aber die Formen, in denen er das Werk, das er
geschaffen, auf die Dauer zu gründen gedachte, das System der neuen
Ordnung, das er eingeleitet, war weder am Hyphasis noch in der Wüste
widerlegt, und die Oppositionen makedonischer- und hellenischerseits, die
versuchten Empörungen der Asiaten da und dort, sie waren bisher so rasch
und so leicht niedergeworfen, daß sie ihn nicht irremachen konnten.
Das begonnene Werk selbst führte und zwang ihn weiter; auch wenn er
gewollt, er hätte den gewaltigen Strom nicht mehr aufhalten, noch
rückwärtsdrängen können.
Den Vermählungen in Susa folgte ein zweiter, tiefgreifender Akt; längst
vorbereitet, mußte er sich jetzt wie von selbst vollziehen.
Seit dem Ende des Dareios schon waren asiatische Truppen mit zum Heere
gezogen worden; aber bisher hatten sie in den Waffen und in der Weise ihres
Landes gekämpft, sie waren stets nur als untergeordnete Hilfskorps
angesehen und von dem Stolz der makedonischen Krieger trotz ihrer
trefflichen Mitwirkung in den indischen Feldzügen nicht als ebenbürtig
angesehen worden. Je weiter sich in allen übrigen Verhältnissen die
Annäherung der verschiedenen Nationalitäten entwickelte, desto notwendiger
wurde es, auch in dem Heerwesen die Unterschiede von Siegern und Besiegten
zu vertilgen.
Das wirksamste Mittel war, Asiaten in die Reihe der makedonischen Truppen
mit gleichen Waffen und gleicher militärischer Ehre aufzunehmen; der König
hatte schon vor fünf Jahren die dazu nötigen Vorbereitungen getroffen,
namentlich in allen Satrapien des Reiches junge Leute ausheben und in
makedonischer Weise bewaffnen und einüben lassen. Auch für die
Hellenisierung der Völker konnte durch nichts schneller und sicherer
gewirkt werden, als wenn die Jugend an hellenische Bewaffnung und
Heerdienst gewöhnt, in das Reichsheer aufgenommen und in den militärischen
Geist, der zunächst noch die Stelle einer neugewordenen einigen
Nationalität in dem ungeheuren Reiche vertreten mußte, unmittelbar
hineingezogen wurde.
Viele Rücksichten vereinigten sich, ihre Einberufung gerade jetzt zu
veranlassen. Die Zahl sämtlicher im aktiven Heere befindlichen Makedonen
war durch die indischen Feldzüge und den Zug durch Gedrosien bis auf
vielleicht 25 000 Mann zusammengeschmolzen; fast die Hälfte von diesen war
seit dem Auszuge von 334 unter den Waffen. Es lag auf der Hand, daß diese
Veteranen nach so ungeheuren Strapazen, namentlich den Erlebnissen in
Indien und in der gedrosischen Wüste, zu neuen Wagnissen stumpf sein und
nach Ruhe und endlichem Genuß dessen, was sie gewonnen, verlangen mochten;
Alexander wird erkannt haben, daß es zu den großen Entwürfen, die seinen
unermüdlichen Geist beschäftigten, des Enthusiasmus, des Wetteifers, der
physischen und moralischen Kraft junger Truppen bedürfe, daß der Stolz, das
Selbstgefühl und der Eigenwille dieser alten Makedonen leicht eine Fessel
für ihn selbst werden konnte, zumal da sie nach der alten
kameradschaftlichen Vertraulichkeit zu ihrem Könige an eine Freiheit im
Urteilen und Verhalten gewöhnt waren, wie sie zu den ganz veränderten
Verhältnissen nicht mehr passend erschien; ja er mußte fürchten, daß sie
endlich bei irgendwelcher Gelegenheit die Szenen vom Hyphasis zu erneuern
versuchen könnten, daß es ihnen längst feststand, daß nicht das allgemeine
Unglück, sondern ihr fester Wille, keinen Schritt weiter zu marschieren,
den König gezwungen habe, nachzugeben. Es scheint seit jener Zeit eine
gewisse Entfremdung zwischen dem Könige und den Makedonen im Heere fühlbar
geworden zu sein, und manche Ereignisse seitdem hatten nur dazu beitragen
können, dieselbe zu steigern; selbst die Art, wie das Heer des Königs
Anerbieten einer allgemeinen Schuldentilgung angenommen, hatte ihn
empfinden lassen, wie tief das Mißtrauen bereits gedrungen war. Er mochte
gehofft haben, durch schrankenlose Freigebigkeit, mit der er Geschenke und
Ehren an die Makedonen verteilte, durch die Hochzeitfeier, die er mit
Tausenden seiner Veteranen zugleich feierte, der Stimmung im Heere Herr zu
werden; es war ihm nicht gelungen. Er mußte einer gefährlichen Krisis
entgegensehen, die durch jeden weiteren Schritt zur hellenistischen
Gestaltung des Reiches nur schneller herbeigeführt wurde; er mußte doppelt
eilen, sich mit einer militärischen Macht zu umgeben, an deren Spitze er im
Notfall seinen alten Phalangiten entgegenzutreten vermochte.
Die Satrapen aus den eroberten Ländern und den neuerbauten Städten kamen
mit der jungen Mannschaft, die nach dem Befehl von 331 ausgehoben worden
war, ins Lager bei Susa; es waren im ganzen 30 000 Mann in makedonischer
Bewaffnung, in allen Übungen des makedonischen Heerwesens ausgebildet.
Zugleich erhielt das Korps der Ritterschaft eine völlig neue Formation; es
wurden aus den baktrisch-sogdischen, arianischen, parthischen Reitern,
sowie aus den persischen Euaken die durch Rang, Schönheit oder sonstigen
Vorzug Ausgezeichneten teils in die Lochen der Ritterschaft verteilt, teils
aus ihnen und makedonischen Rittern eine fünfte Hipparchie gebildet; auch
in das Agema der Ritterschaft wurden Asiaten aufgenommen, namentlich
Artabelos und Hydarnes, des verstorbenen Satrapen Mazaios Söhne, Kophenes,
des Artabazos Sohn, Sissines und Phradasmenes, des Satrapen Phrataphernes
von Parthien Söhne, Histanes, Roxanes Bruder, die Brüder Autobares und
Mithrobaios, und endlich der baktrische Fürst Hystaspes, der die Führung
des Agema erhielt[17].
[17] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
Alles das erzürnte die makedonischen Truppen auf das heftigste. Alexander,
so hieß es, werde jetzt ganz zum Barbaren, er verachte Makedonien um des
Morgenlandes willen; schon damals, als er sich in medischen Kleidern zu
zeigen begonnen, hätten würdige Männer alles Unglück geahnt, das aus jenem
Anfang entspringen werde; jetzt erfülle es sich, jetzt seien dem Könige
diejenigen die liebsten, welche die Sprache und Sitte der Heimat
verlernten; Peukestas werde darum mit Ehren und Geschenken vom Könige
überhäuft, weil er den Erinnerungen der Heimat am frechsten Hohn spreche;
was helfe es, daß Alexander mit den Makedonen gemeinschaftlich Hochzeit
halte, es seien ja asiatische Weiber und diese gar nach persischer Sitte
angetraut; und jetzt die Neulinge in makedonischen Waffen, diese Barbaren
in gleicher Ehre mit den Veteranen Philipps! Es sei offenbar, daß Alexander
der Makedonen müde sei, daß er alle Anstalten treffe, ihrer nicht mehr zu
bedürfen, daß er die nächste Gelegenheit benutzen werde, sie ganz beiseite
zu schaffen.
So die alten Truppen; es bedurfte nur eines Anstoßes, um diese Stimmung zum
Ausbruch zu bringen; und bald genug sollte sich derselbe finden.