Die Vorbereitungen zum Kriege -- Das Münzwesen -- Die
Bundesverhältnisse des Königtums -- Die Armee -- Übergang
nach Asien -- Schlacht am Granikos -- Besetzung der Westküste
Kleinasiens -- Eroberung von Halikarnaß -- Zug durch Lykien,
Pamphylien, Pisidien -- Organisation der neuen Gebiete
Alexanders Unternehmen erscheint auf den ersten Blick in nicht geringem
Mißverhältnis zu den Hilfsmitteln, die ihm zur Verfügung standen. Und nur
die kleinere Hälfte seines Werkes war, den Feind aus dem Felde zu schlagen;
er mußte daran denken, wie die Erfolge der Waffen dauernd gemacht werden
sollten.
Denn der räumlichen Ausdehnung nach kam das Ländergebiet, über dessen
Kräfte er verfügen konnte, kaum dem dreißigsten Teile des Perserreiches
gleich; nicht minder ungleich stellte sich das Zahlenverhältnis der
Bevölkerungsmassen hier und dort, seiner und der persischen Streitkräfte zu
Wasser und zu Lande. Fügt man hinzu, daß der makedonische Schatz beim Tode
Philipps erschöpft und mit 500 Talenten Schulden belastet war, während in
den Schatzkammern des Großkönigs zu Susa, Persepolis, Ekbatana usw.
ungeheuere Vorräte edlen Metalls aufgehäuft lagen, daß Alexander nach
Beendigung seiner Rüstungen, zu denen er 800 Talente hatte aufnehmen
müssen, nicht mehr als 60 Talente zur Verfügung hatte, den Krieg gegen
Asien zu beginnen, so erscheint sein Unternehmen tollkühn und fast
chimärisch.
Der Charakter der uns erhaltenen Überlieferungen gestattet nicht, aus ihnen
auf die Fragen, die sich hier aufdrängen, Antwort zu erwarten. Selbst der
verständige Arrian gibt nur den äußeren, fast nur den militärischen
Sachverlauf mit gelegentlicher moralischer Würdigung seines Helden, kaum
daß er von denen, die militärisch in Rat und Tat seine Helfer waren, mehr
als die Namen anführt; von der Verwaltung, den Finanzen, den politischen
Organisationen, von der Kanzlei, dem Kabinett des Königs, von den Personen,
die in diesen Funktionen des Königs Werkzeuge waren, sagt er nichts; er
unterläßt es, sich und dem Leser klarzumachen, wie die Taten und Erfolge,
von denen er berichtet, möglich waren und wirklich wurden, mit welchen
Mitteln inwieweit vorausgeplant, von welchen Zielen und nach welchen
praktischen Gesichtspunkten bestimmt, durch welche Macht des Willens, der
überlegenen Einsicht, der militärischen und politischen Genialität.
Aus der Fülle von Fragen, die damit angedeutet sind, genügt es vorerst,
diejenigen hervorzuheben, die hier an der Schwelle des staunenswürdigsten
Siegeslaufes die wesentlichen sind.
Es hat nicht an solchen gefehlt, die dem Charakter Alexanders und seiner
Genialität damit gerecht zu werden glaubten, daß sie ihn wie einen
Phantasten darstellten, der mit seinen nicht minder enthusiastischen
Kriegsvölkern nach Asien gezogen sei, die Perser zu schlagen, wie und wo er
sie fände, vom Zufall erwartend, wie ihn der nächste Tag weiterführen
werde. Andere haben gemeint, daß er den Gedanken, mit dem sich sein Vater
getragen, den Philosophen, Redner, Patrioten immer von neuem empfohlen, der
recht eigentlich von der hellenischen Bildung gezeugt und entwickelt worden
sei, nur eben ausgeführt habe.
Der Gedanke, bevor er zur Tat geworden, ist nur ein Traum, ein Phantom, ein
Spiel der erregten Phantasie; erst dem, der ihn ausführt, gewinnt er
Gestalt, Fleisch und Bein, den Impuls eigener Bewegung, das Hier und Jetzt
seines Wirkens, und mit den Bedingnissen und Gegenwirkungen in Raum und
Zeit immer neue Schranken, immer schärfere Ausprägungen, mit denen seiner
Kraft zugleich die seiner Schwächen.
Ist Alexander wie ein Abenteurer, wie ein Träumer hinausgezogen mit dem
summarischen Gedanken, Asien bis zu den ungekannten Meeren, die es
umgrenzen, zu erobern? Oder hat er gewußt, was er wollte und was er wollen
konnte? Hat er danach seine militärischen und politischen Pläne entworfen,
seine Maßregeln getroffen?
Es handelt sich nicht darum, aus der Reihenfolge seiner Erfolge rückwärts
schließend, deren planmäßigen Zusammenhang aufzuweisen und die Evidenz als
Beweis zu geben; es fragt sich, ob es Beweise gibt, daß vor dem begonnenen
Werk schon vor seinem Geiste stand, wie es werden sollte.
Vielleicht daß eine Tatsache dafür anzuführen ist, von der freilich unsere
Quellen nicht sprechen. Außer wenigen Inschriften und Kunstwerken haben wir
unmittelbare Überreste aus jener Zeit nur in den Münzen, deren Tausende,
goldene, silberne, kupferne mit dem Gepräge Alexanders erhalten sind,
stumme Zeugen, welche die Forschung endlich zu sprechen gelehrt hat.
Verglichen mit den Gold- und Silbermünzen der Perserkönige, der zahllosen
Griechenstädte, der makedonischen Könige vor Alexander, ergeben sie einen
Vorgang sehr bemerkenswerter Art.
Im früheren ist erwähnt worden, daß König Philipp in seinen Landen eine
neue Münzordnung eingeführt habe; sie war, nach dem Ausdruck eines
berühmten Forschers, gleichsam eine entfernte Anbahnung zur Eroberung
Persiens. Sie bestand darin, daß er, während in der hellenischen Welt die
Silberwährung, wie im Perserreich die Goldwährung herrschte, Gold auf den
Fuß der Dareiken prägte, daneben Silber auf denjenigen Fuß, der dem
Handelswert des Goldes am nächsten entsprach. Also er setzte die
Goldwährung »nicht an die Stelle, sondern an die Seite der bisher in der
griechischen Welt allein üblichen Silberwährung, er führte damit in seinem
Reiche Doppelwährung ein«. Nach dem Verhältnis des Goldes zu Silber, das im
Handel 1:12,51 stand, normierte er seine Silberstücke, deren 15 auf ein
Goldstück von 8,60 Gramm gehen sollten, auf 7,24 Gramm; es war im
wesentlichen der Fuß des verbreiteten rhodischen Silbergeldes.
Die Goldmünzen Alexanders sind von demselben Gewicht und Feingehalt wie die
»Philippeer«, aber seine Silbermünzen folgen einem völlig anderen System;
es sind Tetradrachmen von 17,00-17,20 Gramm und deren Stücklung, ganz nach
dem attischen System, mit der Wertung des Goldes gegen Silber wie 1:12,30.
Nicht bloß geschah diese Verminderung in der Absicht, von der Doppelwährung
des Vaters zur reinen Silberwährung der Hellenen zurückzukehren, wie denn
im weiteren die »Alexanderdrachme« zur allgemeinen, in dem ganzen Reiche
gültigen Zahlungseinheit erhoben worden ist, sondern -- und dies ist das
für unsere Frage Bedeutsamere -- es gibt in der großen Masse Drachmengeldes
von Alexander auch nicht ein Stück nach dem philippischen Fuß.
Man wird nicht annehmen wollen, daß diese Neuordnung ohne wesentliche
Motive eingeführt wurde. Hatte Philipp die Doppelwährung eingeführt, so war
seine Absicht gewesen, bei dem Sinken des Goldpreises im Handel mit der
griechischen Welt, wo die Silberwährung galt, den Preis beider edlen
Metalle zu fixieren und sie damit im Gleichgewicht zu erhalten. Sank der
Wert des Goldes weiter, so mußte auch aus Makedonien das Silber abfließen,
wie bisher schon aus Persien, in dem Maße als der Wert des Silbers höher
war als der des Goldes, für das man es kaufen konnte. Mit der neuen
Münzordnung, die Alexander einführte, war dem persischen Golde sozusagen
der Krieg erklärt; das Gold war zur bloßen Ware gemacht, zu einer Ware,
die, wenn die Schätze des Perserkönigs erobert und das dort in Masse tot
liegende Gold dem Verkehre zurückgegeben wurde, sich immerhin weiter
entwerten konnte, ohne daß die auf Silber gestellten Preise in der
griechischen Welt dadurch in gleichem Maße erschüttert wurden. Das Silber
nach attischem Fuß wurde fortan zum Wertmaß, die Tetradrachme zum Nominal
einer Münzeinheit, in der sich ungefähr alle hellenischen Münzsysteme wie
ebenso vielerlei Brüche in ihrem Generalnenner zusammen finden konnten. Und
nach einem halben Menschenalter war die »Alexanderdrachme« die Weltmünze.
Ob mit dieser Umgestaltung des makedonischen Münzsystems zugleich eine
finanzielle Hilfe für die augenblicklichen Geldgeschäfte gesucht wurde, ob
Alexander und sein Ratgeber die wirtschaftliche Wirkung der Maßregel
berechnet, ob sie die weitere Entwertung des Goldes, wenn die persischen
Schätze in Umlauf gesetzt wurden, vorausgesehen haben, muß dahingestellt
bleiben. Genug, wenn uns eine tiefeingreifende Maßregel darauf aufmerksam
macht, bis zu welchen Punkten hin der große Plan, ehe man zur Ausführung
schritt, vorbedacht worden ist.
Eine zweite Vorfrage ist, wie das Unternehmen, zu dem Alexander auszog,
basiert war, oder ob es sein Wille war, sobald er den Hellespont hinter
sich hatte, seine Basis aufzugeben und, wie man wohl den Ausdruck gebraucht
hat, die Schiffe hinter sich zu verbrennen.
Dem weiteren Verlauf der Darstellung muß es vorbehalten bleiben, zu
rechtfertigen, warum auf die so gestellte Alternative hier nicht
eingegangen werden kann. Wenigstens vorerst lag für Alexander alles daran,
seiner Basis sicher zu sein, und nur soweit er es militärisch und politisch
war, konnte er den entscheidenden ersten Stoß wagen und dessen Wirkung zu
entwickeln hoffen.
Der Machtbereich Alexanders erstreckte sich von Byzanz bis zum Eurotas und
landeinwärts über den Haimos und Pindos bis gegen die Donau und die Adria;
ein Gebiet, das von den vier Seiten des Ägäischen Meeres die nördliche und
westliche wie im rechten Winkel umschloß, während dessen Ostseite die zum
Perserreich gehörenden, aber von Griechenstädten besetzten Gestade
Kleinasiens bilden; Kreta, das der offenen Südseite dieses Meeres vorliegt,
war griechisch, aber eine Welt für sich wie Großgriechenland und Sizilien,
wie die Griechenstädte im Norden und Süden des Pontus.
Vollkommen sicher war Alexander des Gebietes, das auf dem Scheitel jenes
rechten Winkels lag und gleichsam den Keil- und Schlußstein seines
Machtbereiches bildete. Hier in den makedonischen Landen, mit Einschluß der
Tymphaia und Paraunia im Westen, des Strymonlandes im Osten, war er der
geborene König, dem der Adel, der Bauer, die Städte -- auch die
griechischer Gründung, wie Amphipolis -- unbedingt ergeben waren.
An dieses Kernland seiner Macht schlossen sich die übrigen Gebiete rechts
und links und rückwärts in den mannigfachsten politischen Formen von
völliger Abhängigkeit bis zur losen Föderation.
Von besonderer Wichtigkeit war das thrakische Land, derjenige Teil des
Machtbereiches, der vom Eingang des Hellespontes bis zum Ausgang des
Bosporus der Küste Kleinasiens nahe liegt und sie flankiert. Das
Thrakerreich, das einst das Becken des Hebros bis in die Berge hinauf
beherrscht hatte, war von König Philipp zerstört worden, und wenn noch, wie
es scheint, ein Rest desselben als Fürstentum der Odrysen bestand, so war
es von Makedonien zur Heeresfolge abhängig. Thrakien war, wenn es gestattet
ist, den römischen Begriff zu übernehmen, eine Provinz des makedonischen
Staates geworden. Sie zu behaupten, waren an dominierenden Punkten des
Landes die neuen Städte Philippopolis, Kalybe, Beroia, Alexandropolis,
andere gegründet und kolonisiert worden, nicht freie Kolonien in
althellenischer Art, sondern militärische Stationen, immerhin mit
bürgerlichem Gemeinwesen und kommunaler Autonomie, in die zur Füllung aus
der Nähe und Ferne zum Teil zwangsweise Ansiedler gesetzt wurden. Das Land
Thrakien stand -- wenigstens seit 335 wissen wir davon -- unter einem
makedonischen Strategen. Es muß dahingestellt bleiben, wie weit dessen
Amtsbereich über die Haimospässe hinaus sich erstreckte, und ob ein zweiter
Strateg, wie eine unsichere Nachricht aus dem Jahre 331 oder 326 vermuten
läßt, die Gegenden »am Pontos« verwaltete, oder ob die Völkerschaften vom
Haimos bis zur Donau nach dem Feldzug von 335 nur zu friedlicher
Nachbarschaft und vielleicht zu Tribut verpflichtet waren. Die
Griechenstädte an der thrakischen Küste des Pontos, von Apollonia und
Mesembria bis Kallatis und Istros hinauf, waren wohl schon dem Philipp
befreundet; aber sie scheinen auch nach dem Feldzug von 335 nicht in ein
engeres Verhältnis zu Makedonien getreten zu sein. Von Byzanz wurden zu
jenem Feldzug Schiffe an die Donau gesandt, gewiß auf Grund eines nur
symmachischen Verhältnisses; denn Byzanz hat in der Zeit Alexanders und der
Diadochen keine Alexandermünzen geprägt, war also ein selbständiger Staat
geblieben, wie die griechischen Städte des Korinthischen Bundes; ob Byzanz
in diesen getreten war, ob nicht vielmehr Verträge für sich mit Makedonien
geschlossen, muß dahingestellt bleiben.
Sehr bemerkenswert ist, daß von fast allen Griechenstädten der thrakischen
Südküste Alexandermünzen geprägt sind, wie von den makedonischen Pella,
Amphipolis, Skione usw.; also sie stehen wie diese unter dem makedonischen
Münzgesetz, sie sind wie diese, immerhin mit kommunaler Autonomie, nicht
mehr »Selbststaaten«. Von diesen, wenn man will, königlichen Städten in
Thrakien liegen Abdera, Maronea auf der Straße zum Hellespont, Kardia auf
dem Eingang zum Chersones, Krithote am Nordeingang des Hellespont gegenüber
von Lampsakos, Sestos und Koile an der Stelle des Übergangs nach Abydos,
Perinthos und Selymbria an der Propontis.
Im Norden Makedoniens ist das Fürstentum der Paionen und weiter das der
Agrianer unter der Hoheit Makedoniens, mit dem Recht oder Pflicht des
Waffendienstes in dem Heere des Königs; wenigstens von den paionischen
Fürsten gibt es auch aus der Zeit gleich nach Alexander Münzen, aber weder
nach dem makedonischen Münzfuß, noch mit dem Gepräge Alexanders.
Die Völkerschaften im Norden von ihnen bis zum Adriatischen Meere, die
Triballer, Autariaten, Dardaner, die Taulantiner, die Illyrier des Kleitos
sind mit dem Feldzuge von 335 zur Ruhe und zu Verträgen gezwungen, in denen
sie ihre Abhängigkeit von Makedonien haben anerkennen müssen; ob bis zur
Tributpflichtigkeit, muß dahingestellt bleiben.
Sehr eigentümlich ist das Verhältnis des Königtums von Epiros zu
Makedonien. Seit König Philipp es dem Arybbas entrissen und an dessen
Neffen Alexandros, den Bruder der Olympias, übergeben und bis an den
ambrakischen Busen erweitert hatte, stand es wie eine natürliche Stütze an
der Seite Makedoniens; die Vermählung des jungen Königs mit Philipps
Tochter, vielleicht eine Art Mitbesitz der Königin Olympias, schien es noch
enger an das makedonische Interesse knüpfen zu müssen. Wie seltsam, daß
trotzdem die Epiroten weder in den Kämpfen von 335 für Makedonien
eintreten, noch an dem großen Zuge nach Asien sich beteiligen; vielmehr
unternimmt der Epirotenkönig ein Jahr darauf »mit 15 Kriegsschiffen und
zahlreichen Fahrzeugen zum Transport von Truppen und Pferden« seinen Zug
nach Italien, man kann nicht einmal sagen, ob im Einverständnis mit
Makedonien. Wäre ein solches zu erweisen, so gewänne man für die Auffassung
der politischen Gedanken dieser Zeit ein wichtiges Moment mehr. Aber
vielleicht darf man sich erinnern, daß die Verfassung der Molosser bei
weitem nicht in dem Maße königlich war, wie die makedonische, sondern durch
die Eide, die der König dem Volk, das Volk dem König leistete, in hohem
Maße gebunden; wohl so, daß der König nur über das, was sein Königsgut ihm
brachte, freie Verfügung hatte; und so mag der Molosserkönig seinen Zug
nicht im Namen des epirotischen Staates unternommen, sondern auf eigene
Kosten und Gefahr ein geworbenes Heer nach Italien geführt haben, um,
ähnlich wie mehr als ein spartanischer König, in fremdem Dienst zu kämpfen.
In welcher Weise die griechischen Staaten sich zu Makedonien verhielten,
ist früher aufgeführt worden. Es wird hier nötig sein, auf diese Frage
zurückzukommen, um einige Punkte von politischer Bedeutung zu berühren, die
freilich nicht mehr alle ins klare zu bringen sind.
Nicht erst der Korinthische Bund knüpfte die Thessaler an Alexander; in
eigener Verfassung standen sie in ihren vier Landschaften zu einem
Gemeinwesen vereint neben Makedonien jener Verfassung, die ihnen König
Philipp gegeben oder erneut hatte, und kraft deren die militärischen und
finanziellen Mittel des Landes dem makedonischen Könige so gut wie zur
freien Verfügung standen. Ob in dieser Verfassung auch die Bergstämme
Thessaliens, die von alters her »zugewandten Kantone«, die Doloper,
Ainianen, Malier usw., begriffen waren, oder ob nur die amphiktyonische
Verbindung sie an Makedonien knüpfte, ist nicht mehr zu erkennen.
Auch die Ätoler scheinen nicht in dem Korinthischen Bunde gestanden,
sondern ihre früheren Sonderverträge mit Makedonien, durch die sie 338
Herren von Naupaktos geworden waren, erneut zu haben.
Der Korinthische Bund umfaßte »Hellas bis zu den Thermopylen«; nur Sparta
war nicht beigetreten. Aus den früher angeführten Artikeln der
Bundesverfassung erhellt, daß sie nicht bloß der führenden Macht dienen
sollte, sich der Hegemonie über Hellas und der hellenischen Kontingente zum
Perserkriege zu versichern, sondern zugleich den Landfrieden innerhalb des
Bundesgebietes und den Besitzstand auf Grund der 338 getroffenen
Feststellungen zu erhalten und jeden ferneren Einfluß der persischen
Politik auf die einzelnen verbündeten Staaten auszuschließen. Über die
Organisation des Bundes fehlen weitere Nachrichten in dem Maße, daß nicht
einmal zu erkennen ist, ob das Synedrion in Korinth dauernd vereinigt war
oder nur zu gewissen Zeiten zusammentrat, ob Makedonien in demselben Sitz
und Stimme hatte, ob nicht vielmehr Makedonien außer dem Bunde stand und
der König nur als »unumschränkter Feldherr« für den Perserkrieg über die
vertragsmäßigen Kontingente und die auswärtige Politik der Bundesstaaten
die Verfügung hatte. In dem Seebunde der perikleischen Zeit hatte Athen
über seine Bundesgenossen eine wirkliche Herrschaft gehabt und streng genug
gehandhabt, selbst ihre Prozesse vor die attischen Gerichtshöfe gezogen; in
dem zweiten attischen Seebunde hatte der attische Staat und die Gesamtheit
der autonomen Bundesgenossen nebeneinander gestanden, in der Art, daß das
Synedrion der Verbündeten, ständig in Athen versammelt, mit Rat und Volk
von Athen über die zu treffenden Maßregeln verhandelte und auf die Anträge
des Synedrion der Demos von Athen die entscheidenden Beschlüsse faßte. Wenn
König Philipp bei Gründung des Korinthischen Bundes sich mit einer ungleich
loseren Form begnügte, wenn Alexander trotz des zweimal gegebenen Anlasses
deren festere nicht forderte oder erzwang, so muß es ihm entweder nicht
nötig oder unmöglich erschienen sein, diese Föderation nach heutiger
Ausdrucksweise über die bloß völkerrechtliche zu einer staatsrechtlichen
Vereinigung zu entwickeln.
Man wird dies beachten müssen, um die Konsequenzen, die sich daraus
ergaben, richtig zu würdigen. Die Art, wie der Bund gegründet, wie er dann
gebrochen und von neuem beschworen worden war, zeigte hinlänglich, daß die
geschworenen Eide allein nicht ausreichten, Alexander der Hilfe der
Bundesstaaten gegen den Großkönig und ihres Beharrens bei der gemeinsamen
Politik zu versichern. Wenigstens ein Surrogat dafür gab das Parteiwesen in
fast jeder hellenischen Stadt und der althergebrachte echt
partikularistische Nachbarhader der Städte untereinander; und es konnte die
makedonische Politik kein Vorwurf treffen, wenn sie ihren Anhängern
Vorschub leistete, um nicht das Heft in die Hände derer kommen zu lassen,
die nach Lage der Dinge die persische Partei waren, wenn sie fortfuhren
wider den geschlossenen Bund zu arbeiten. Zur weiteren Sicherung lagen in
Akrokorinth, in Chalkis, auf Euböa, in der Kadmeia makedonische
Besatzungen; und als ihr Rückhalt, keineswegs bloß um die Barbarenstämme
jenseits des Haimos und in Illyrien in Respekt zu halten, ließ Alexander
bei seinem Abmarsch eine bedeutende Kriegsmacht, vielleicht die volle
Hälfte der eigentlich makedonischen Truppen, in Makedonien zurück, die sich
zugleich mit dem jährlichen Nachwuchs an Rekruten verstärkte und als Depot
der für die Armee in Asien auszubildenden Ersatztruppen diente.
Noch blieb ein sehr wesentlicher Übelstand. Die makedonische Seemacht war
bei weitem nicht der persischen gewachsen. Der Großkönig konnte, wie sich
demnächst zeigte, ohne weiteres 400 Kriegsschiffe in See schicken, seine
Flotte war die der Phönikier und Cyprier, der besten Seeleute der alten
Welt; mit den Inseln der Westküste Kleinasiens, die, obschon nach dem
Antalkidischen Frieden autonom, unter Tyrannen oder Oligarchen ganz zur
Verfügung des Großkönigs standen, war er, wenn er wollte, Herr des
Ägäischen Meeres. Hätten die Staaten des Korinthischen Bundes ihre
Kriegsschiffe mit denen Makedoniens vereint -- und Athen allein hatte deren
über 350 in seinen Schiffshäusern --, so wäre es leicht gewesen, sich
dieses Meeres zu versichern, bevor die persische Seemacht herankam. Die
makedonische Politik hat es weder bei der Gründung des Bundes, noch bei
dessen Erneuerung für möglich oder für rätlich erachtet, bedeutende
maritime Leistungen von den hellenischen Staaten zu fordern. Wenn sie es
vorzog, dem Kampfe wider die Persermacht auch für den ersten einleitenden
Feldzug wesentlich den Charakter eines Landkrieges zu geben, so liegt es
auf der Hand, daß es politische, nicht militärische Gründe waren, die sie
dazu bestimmten.
Alexander mußte sich mit seiner Landmacht des Erfolges völlig sicher
halten, oder richtiger -- denn hier schließt sich unsere dritte Frage an --
er mußte die Stärke der nach Asien bestimmten Feldarmee, ihre Ausrüstung,
ihre Organisation, das Verhältnis der Waffen in ihr so berechnet haben, daß
er sich des Erfolges völlig sicher halten durfte.
Die makedonische Kriegsmacht hatte schon König Philipp auf etwa 30 000 Mann
Fußvolk und gegen 4000 Reiter gebracht; sie hatte unter ihm ihre
eigentümliche Ausbildung erhalten; es war die entwickelte hellenische
Militärorganisation, auf die Verhältnisse Makedoniens übertragen und ihnen
entsprechend weitergebildet; sie war natürlich darauf gestellt, die
verschiedenen Waffen, Infanterie und Kavallerie, leichte und schwere
Truppen, Landesaufgebot und Soldtruppen in ungleich freierer und
wirksamerer Durchbildung als in der hellenischen Kriegskunst bisher
erreicht war, verwenden zu können.
Bei seinem Aufbruch nach Asien ließ Alexander, freilich nach einer Angabe,
die sich als sehr unzuverlässig erweist, 12 000 Mann Fußvolk und 1500
Reiter unter Antipatros' Befehl in Makedonien zurück, und ihre Stelle
ersetzten 1500 thessalische Reiter, 600 Reiter und 7000 Mann Fußvolk
hellenischer Bundestruppen, 5000 hellenische Söldner, außerdem Thraker zu
Fuß, odrysische und päonische Reiter. Die Gesamtstärke des Heeres[4], das
nach dem Hellespont marschierte, wird nach der sichersten Überlieferung auf
»nicht viel über 30 000 Mann zu Fuß und mehr als 500 Reiter« angegeben.
[4] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
Die Gesamtstärke des Fußvolkes und der Reiterei war nach den Waffen und zum
Teil nach Landsmannschaften geteilt, nicht nach Art der römischen Legionen
und der Divisionen neuester Zeit, die in ihrer Verbindung aller Waffen
gleichsam Armeen im kleinen sind. Gegen Feinde, wie die Völkermassen
Asiens, die, ohne militärische Ordnung und Kunst, zu einem Hauptschlage
zusammengerafft, mit einer Niederlage alles verloren geben, mit einem Siege
über organisierte Truppen nichts als erneute Gefahr gewinnen, gegen solche
Feinde hat die Ordnung nach der Waffe und der Landsmannschaft den Vorzug
der einfachsten taktischen Form und der natürlichen inneren
Geschlossenheit; in denselben Gegenden, in denen Alexanders Phalanx des
Dareios Heer übermannte, erlagen sieben römische Legionen den ungestümen
Angriffen der Parther.
Das Heer, das Alexander nach Asien führte, behielt als Grundlage die
makedonische Organisation; die Kontingente der Bundesgenossen, die
hinzukamen, sowie die außer dem alten Bestande von Geworbenen neu
hinzugefügten Mietvölker dienten nur dazu, diese Organisation, der sie
eingefügt wurden, nach ihren beiden Elementen, der Beweglichkeit und der
Stetigkeit, möglichst zu vervollständigen.
In der hellenischen Taktik war das schwere Fußvolk die überwiegende Waffe
gewesen, bis in den Peltasten eine leichtere Infanterie hinzugefügt worden
war, der die Spartaner erlagen. Auch in dem makedonischen Heere bildeten in
der Schlachtordnung diese beiden Formen des Fußvolkes, die Phalangiten und
die Hypaspisten, die der Zahl nach stärkste Macht.
Das Eigentümliche der Phalanx bestand in der Bewaffnung der einzelnen und
in ihrer Zusammenordnung. Die Phalangiten sind Hopliten im hellenischen
Sinn, wenn auch nicht ganz so schwer wie die hellenischen; sie sind
ausgerüstet mit Helm, Brustharnisch, Beinschienen und einem Rundschilde,
der die Breite des Mannes deckt; ihre Hauptwaffe ist die makedonische
Sarissa, ein Spieß von 14-16 Fuß Länge, und das kurze griechische Schwert.
Für das Nahgefecht in Masse bestimmt, mußte sie so geordnet sein, daß sie
einerseits den heftigsten Anlauf des Feindes ruhig erwarten, anderseits die
feindlichen Reihen mit einem Vorstoß zu durchbrechen sicher sein konnten;
sie standen in der Regel sechzehn Mann tief, indem die Spieße der ersten
fünf Glieder über die Front hinausragten, dem gegen sie anstürmenden Feinde
eine undurchdringliche, ja unangreifbare Mauer; die folgenden Reihen legten
ihre Sarissen auf die Schultern der Vordermänner, so daß der Angriff dieser
»Schlachthaufen« durch die furchtbare Doppelgewalt der Schwere und Bewegung
durchaus unwiderstehlich war. Nur die vollendete gymnastische Ausbildung
der einzelnen machte die Einheit, Präzision und Schnelligkeit, mit welcher
die auf engen Raum zusammengedrängte Menschenmasse die künstlichsten
Bewegungen ausführen mußte, möglich; sie sind in der Schlacht, wie zwei
Jahrtausende später der Tataren Aga die geschlossenen brandenburgischen
Bataillone, Vierecke von Pikenieren und Musketieren, genannt hat,
»wandernde Kastelle«. Von diesen makedonischen Hopliten, den »Pezetairen«,
waren in dem Heere, das nach Asien zog, sechs Taxeis oder Phalangen, die
unter den Strategen Perdikkas, Koinos, Amyntas, Andromenes' Sohn,
Meleagros, Philippos, Amyntas' Sohn, Krateros standen; die Taxeis scheinen
kantonweise gebildet zu sein und rekrutiert zu werden, so war die des
Koinos aus Elymiotis, die des Perdikkas aus der Orestis und Lynkestis, die
des Philippos, die später Polysperchon führte, aus der Tymphaia.
Die hellenischen Schwerbewaffneten, Söldner sowohl wie Bündner standen
unter besonderem Kommando; Strateg der Bündner war Antigonos, der spätere
König, Strateg der Söldner Menandros, einer der Hetären. Für größere
Aktionen scheinen diese Bündner und Söldner mit den makedonischen Hopliten
kombiniert worden zu sein in der Art, daß die soundso viel Lochen der
makedonischen Taxis, die Pezetären, mit soundso viel Bündnern und Söldnern
die Phalanx des Perdikkas, des Koinos usw. bildeten. Das gesamte schwere
Fußvolk in Alexanders Heer mag sich auf 18 000 Mann belaufen haben.
Sodann die eigentümlich makedonische Truppe der Hypaspisten. Schon der
Athener Iphikrates hatte, um eine Waffe zu haben, die behender zum Angriffe
als die Hopliten und schwerer als die Leichtbewaffneten wäre, ein Korps mit
linnenen Panzern, mit leichterem Schild und längerem Schwert, als die
Hopliten trugen, unter dem Namen von Peltasten errichtet. In Makedonien
fand diese neue Waffengattung Eingang vielleicht für die Truppen, die, im
Gegensatz gegen das Aufgebot der Miliz, in beständigem Dienst gehalten
wurden, wie ihr Name, der Trabanten, Schildtruppen (des Königs) bedeutet,
anzudeuten scheint. Der Feldzug von 335 hat uns die Verwendung dieses Korps
in mehrfachen Beispielen gezeigt. Oft hinderte das Terrain den vollen
Gebrauch der Phalanx, öfter noch waren Überfälle, rasche Züge, Handstreiche
aller Art zu wagen, zu denen die Phalangen nicht beweglich, die leichten
Truppen nicht fest genug waren; Höhen zu besetzen, Flußübergänge zu
forcieren, Kavallerieangriffe zu unterstützen und auszunutzen, waren diese
Hypaspisten vor allen geeignet. Das ganze Korps, »die Hypaspisten der
Hetairen«, wie sie bezeichnet werden, führte Nikanor, dessen Bruder
Philotas die Ritterschaft der Hetairen befehligte, der Sohn des Parmenion.
Die erste Taxis führte den Namen des Agema, des königlichen Geleites der
Hypaspisten.
In der Reiterei den ersten Rang haben die makedonischen und thessalischen
Ilen. Sie sind aus dem ritterlichen Adel Makedoniens und Thessaliens;
gleich an Waffen, Übung und Ruhm wetteifern sie unter den Augen des Königs,
sich auszuzeichnen, der in der Regel an ihrer Spitze kämpft. Von welcher
Bedeutung diese Waffe für Alexanders Unternehmen war, zeigt jede der großen
Schlachten, die er geschlagen hat, und vielleicht mehr noch Kavalkaden, wie
die letzte Verfolgung des Dareios, die Jagd auf Bessos. Gleich furchtbar in
Masse wie im Einzelkampf, waren Alexanders Reiter durch Ordnung und Übung
der asiatischen Reiterei, in wie großen Massen sie auch erscheinen mochte,
überlegen, ihr Angriff auf das feindliche Fußvolk in der Regel
entscheidend. Sie haben Helm, Halsberge, Brustharnisch, Achsel- und
Hüftstücke; auch das Roß ist an Stirn und Brust gepanzert; sie führen den
Stoßspeer und an der Seite das Schwert. Die makedonischen Hetairen führt
Philotas, des Parmenion Sohn, wie es scheint mit dem Namen Hipparch; sie
führen den Namen der »Ritterschaft der Hetairen«. Sie bilden acht Ilen
oder Geschwader, die bald nach ihrem Ilarchen, bald nach makedonischen
Landschaften benannt werden. In der Schlacht bei Arbela stehen die
einzelnen Geschwader unter Kleitos, Glaukias, Ariston, Sopolis,
Herakleides, Demetrios, Meleagros und Hegelochos. Das Geschwader des
Sopolis heißt nach Amphipolis am Strymon, das des Herakleides nach der
Landschaft Bottiaia usw. Das des Kleitos wird die königliche Ile genannt
und bildet das Agema der Ritterschaft. Unter den thessalischen Ilen ist die
von Pharsalos die stärkste und tüchtigste; den Befehl über die thessalische
Ritterschaft hat Kalas, des Harpalos Sohn.
Auch hellenische Reiter, Bundeskontingente, sind mit im Heer; sie werden in
der Regel den thessalischen zugeordnet, aber als besonderes Korps; sie
stehen unter Befehl des Philippos, Menelaos' Sohn. Geworbene Reiter aus
Hellas kommen erst in den späteren Feldzügen vor.
Endlich die leichten Truppen zu Fuß und zu Pferd. Sie kommen teils aus dem
oberen Makedonien, teils aus den Ländern der Thraker, Paionen, Agrianer, je
nach der Art ihres Landes mit Schutz- und Trutzwaffen gerüstet, durch das
in ihrer Heimat übliche Jagen und Wegelagern und die unzähligen kleinen
Kriege ihrer Häuptlinge geübt, waren sie zum fliegenden Gefecht, zur
Deckung des Marsches, zu alledem, wozu man im beginnenden achtzehnten
Jahrhundert die Panduren, Husaren, Ulanen, Tataren verwenden lernte,
geeignet.
Unter dem leichten Fußvolk der Zahl nach am bedeutendsten sind die Thraker,
die Sitalkes, wohl aus dem thrakischen Fürstenhause, führt. Daß sie mehrere
Taxen bilden, läßt auf ihre Zahl schließen; sie werden als Akontisten, als
Speerwerfer bezeichnet; sie scheinen den kleinen Schild geführt zu haben,
wie ja die Waffe der Peltasten den Thrakern nachgeahmt worden ist. Dann die
Agrianer, auch sie sind Akontisten, sie stehen unter Führung des Attalos,
der vielleicht ein Sohn des Fürsten Langaros war. Endlich die
Bogenschützen, teils Makedonen, teils geworbene, wohl meist aus Kreta; fast
kein Gefecht, in dem sie und die Agrianer nicht voran sind; in einem Jahre
ist dreimal die Stelle des Toxarchen neu besetzt worden; bei Eröffnung des
Krieges führte sie Klearchos.
Daneben die leichte Reiterei, teils makedonische, teils Paionen, Odryser,
Völkerstämme, deren Tüchtigkeit im Reiterdienst seit alten Zeiten berühmt
gewesen ist; ihre Zahl ist nicht festzustellen. Die Paionen führte Ariston,
die odrysischen Thraker Agathon, des Tyrimmas Sohn, beide wohl aus
fürstlichem Stamm. Sie und das makedonische Korps der Sarissophoren unter
des Lynkestiers Amyntas Führung werden unter dem Namen der Prodromen, der
Plänkler, befaßt.
Mit diesen leichten Truppen kam in Alexanders Heer ein Element zur Geltung,
das in der hellenischen Kriegskunst bisher nicht in seinem vollen Wert
anerkannt worden war. Die leichten Truppen in den griechischen Heeren vor
ihm hatten weder durch ihre Anzahl, noch durch ihre Anwendung große
Bedeutung erlangen, auch einer gewissen Geringschätzung nicht frei werden
können, da sie teils aus dem niederen Volke, teils barbarische Söldner
waren, deren Stärke in jener Kunst heimlicher Überfälle, lärmender
Angriffe, scheinbar verwirrter Rückzüge bestand, die den hellenischen
Kriegsleuten zweideutig und widerwärtig erschien. Der berühmte spartanische
Feldherr Brasidas selbst gestand, daß der Angriff dieser Völkerschaften mit
ihrem wildschallenden Kriegsgeschrei und dem drohenden Schwenken ihrer
Waffen etwas Schreckendes, ihr willkürliches Überspringen aus Angriff in
Flucht, aus Unordnung in Verfolgung etwas Furchtbares habe, davor nur die
strenge Ordnung eines hellenischen Kriegshaufens zu sichern vermöge. Jetzt
traten diese leichten Völker als wesentliche Bestandteile des makedonischen
Heeres auf, um in dessen Aktion nach der Eigentümlichkeit ihrer nationalen
Kampfweise verwertet zu werden, zugleich ihrerseits durch die feste
Disziplin, die in dieser Armee herrschte, gehalten und in ihrem Wert
gesteigert.
Über die Marschordnung und Lagerordnung der Armee fehlt es an nennenswerten
Nachrichten. Für größere Aktionen wiederholt sich im wesentlichen dasselbe
Schema der Aufstellung, das, um in der weiteren Darstellung Wiederholungen
zu vermeiden, hier in seinen charakteristischen Punkten bezeichnet werden
mag. Die Mitte bildet das schwere Fußvolk in der regelmäßig wechselnden
Folge der sechs Phalangen, jede unter ihrem Strategen. An die Phalangen
schließen sich rechts die Taxeis der Hypaspisten, an diese die acht
Geschwader der makedonischen Ritterschaft in ihrer regelmäßig wechselnden
Folge; die leichten Truppen des rechten Flügels, die Ilen der Sarissophoren
und die der Päonen sowie die Agrianer und Bogenschützen, werden nach den
Umständen als Plänkler, zur einleitenden Attacke, als Flankendeckung für
die Spitze des Flügels usw. verwandt. Dem linken Flügel der Phalanx
schließen sich zunächst, wenn sie nicht anderweitig, z. B. zur Deckung des
Lagers, verwandt werden, die Thraker des Sitalkes an, als Peltasten den
Hypaspisten des rechten Flügels entsprechend; dann die hellenischen
Kontingente zu Pferd, darauf die thessalische Ritterschaft, endlich die
leichten Truppen dieses Flügels, die odrysischen Reiter des Agathon, in den
nächstfolgenden Kriegsjahren auch eine zweite Abteilung Bogenschützen. Die
Schlachtlinie hat zwischen der dritten und vierten Phalanx ihre Mitte, von
dort aus rechnet man die beiden »Flügel«, von denen der rechte, in der
Regel zum Angriff bestimmte, unter des Königs Führung, der linke unter der
Parmenions steht.
In zwei Momenten tritt die Eigentümlichkeit der Armee Alexanders am
stärksten hervor.
In den griechischen Heeren war die Zahl der Reiter immer gering gewesen; in
den Schlachten des Epaminondas steigt das Verhältnis derselben zum Fußvolk
auf 1:10. In dem Heere Alexanders ist es fast doppelt so stark 1:6. Schon
bei Chaironeia hatte Alexander an der Spitze der Reitermasse des linken
Flügels die fast verlorene Schlacht glänzend entschieden. Für den Kampf
gegen die Heere des Großkönigs, die in den Reitervölkern Asiens ihre Stärke
hatten, verstärkte er eben diese Waffe, der er die eigentlich offensive
Rolle bestimmte; es galt den Feind in seiner Stärke zu treffen.
Es verdient beachtet zu werden, daß den Griechen und Makedonen der
Steigbügel und das Hufeisen unbekannt waren; gewiß auch den Reitervölkern
Asiens, die sonst ohne weiteres überlegen gewesen sein würden. Bei den
ungeheuren Strapazen, den langen Märschen in Winterszeit auf dem Glatteis
der Gebirgswege, die Alexander in den späteren Feldzügen den Pferden seiner
Kavallerie zumutete, muß man sich der fehlenden Hufeisen erinnern. Nicht
minder eine Steigerung der Strapazen für die Reiter war es, daß sie ohne
Sattel und Steigbügel, mit bloß festgeschnallten Decken ritten; für das
Gefecht war der Reiter durch den Mangel des Steigbügels auf eine Weise
gehindert, die wir uns schwer vorstellen können; indem er nicht in seinem
Steigbügel stehend, sondern durchaus nur sitzend den Stoß oder Hieb führen
konnte, hatte er sozusagen nur die Kraft der oberen Hälfte des Körpers zur
Verfügung, und es mußte um so mehr auf die Vehemenz der geschlossenen, den
Feind durchbrechenden Masse gerechnet werden. Es scheint, daß die
Ausbildung des Reiters besonders darauf gerichtet sein mußte, ihn zu
freiester Bewegung auf seinem Pferde zu gewöhnen, wie sich vielleicht etwas
derart noch auf Bildwerken aus dieser Zeit wiedererkennen läßt.
Noch schärfer ist diese Armee dadurch charakterisiert, daß sie nicht bloß
Offiziere, sondern einen wirklichen Offizierstand hatte. Wie in späteren
Jahrhunderten das von Gustav Adolf gegründete #Gymnasium illustre# des
Ritterhauses eine rechte »Akademie ritterlicher Übungen«, so war die
»Somatophylakia«, das Korps der »königlichen Knaben«, militärisch und
wissenschaftlich die Vorschule der jungen makedonischen Edelleute; aus
dieser gingen die »Hetairen« der Ritterschaft, die Offiziere der
Hypaspisten, der Pezetairen, der Sarissophoren usw. hervor, um zu den
höheren Stufen emporzusteigen, wie solches Avancement noch in mehrfachen
Beispielen erkennbar ist. Als höchste Rangstufe, oder doch zunächst um den
König, die sieben Somatophylakes und, wie es scheint, die im engeren Sinne
Hetairen Genannten, die einen wie die anderen zu Rat und Dienst und
vorübergehenden Kommandos stets zu des Königs Verfügung. Dann als höchster
Offizier nach dem Könige der alte Parmenion wie daheim Antipatros, ob mit
besonderem Titel, muß dahingestellt bleiben. Dann -- man weiß nicht in
welcher Reihenfolge -- die Hipparchen der verschiedenen Reiterkorps, die
Strategen der Phalangen, der Hypaspisten, der hellenischen Bundesgenossen,
der Söldner; darauf wohl die Ilarchen der Kavallerie, die Chiliarchen der
Hypaspisten, die Taxiarchen der Pezetairen usw. Wenn gelegentlich auch die
»Hegemonen« der Bundesgenossen, der Söldner zum Kriegsrat berufen werden,
so scheinen damit Kommandierende wie Sitalkes, der die thrakischen
Akontisten, Attalos, der die Agrianer, Agathon und Ariston, die die
odrysischen und päonischen Reiter führten, gemeint zu sein, vielleicht auch
die Führer der hellenischen Kontingente, der Lochen hellenischer Söldner.
Eine Menge technischer Fragen, die sich hier noch aufdrängen, sind nach dem
vorhandenen Material nicht mehr zu beantworten; aber man tut wohl, sich der
Lücken zu erinnern, die damit in unserer Kenntnis bleiben. Daß das Heer
Feldgeschütz mit sich führte, zeigt das Gefecht bei Pelion. Nicht bloß die
Bespannung für diese, für die Bagage- und Proviantwagen mehrte die Masse
der Pferde, für die gesorgt werden mußte; nach einer Bestimmung des Königs
Philipp durfte jeder Reiter nur einen Knecht mit sich führen; aber doch
einen, der natürlich gleichfalls beritten war. Wenn, wie noch heute, für
das Pferd täglich vier Metzen Hafer oder Gerste gerechnet und -- wie bei
dem Marsche nach Asien hinein doppelt notwendig war -- Fourage auf drei
Tage mitgenommen wurde, so konnte das zweite Pferd nicht wohl zu dem
Reitknecht noch Massen Heu und 24 Metzen Hartkorn tragen, sondern es war
ein Handpferd (Saumtier) nötig, das zugleich das Gepäck des Hetären trug.
Gewiß galt dies bei der thessalischen Ritterschaft wie bei der
makedonischen; beide zusammen auf 3000 Kombattanten gerechnet, gibt schon
9000 Pferde; wie es mit den hellenischen Reitern, mit den Sarissophoren und
Paionen gehalten wurde, wissen wir nicht. Nach einer zweiten Anordnung
Philipps war auf je zehn Phalangiten ein Lastträger bewilligt;
wahrscheinlich bei den Bündnern und Söldnern ebenso. -- Natürlich mußte im
Hauptquartier des Königs eine Kanzlei, eine Intendantur, eine
Kassenverwaltung sein usw. Gelegentlich erfährt man, daß Harpalos, einer
der 337 verbannten Freunde Alexanders, der zum Kriegsdienst körperlich
untauglich war, die Kasse des Königs zu verwalten erhielt, daß ein anderer
dieses Kreises, der Mytilenäer Laomedon, weil er der Sprache der Barbaren
kundig war, zur Obhut über die gefangenen Barbaren bestellt wurde. Und im
Verlauf des Feldzugs im baktrischen Lande wird ein Vorgang erwähnt, der auf
die Organisation des Lazarettwesens ein Streiflicht fallen läßt.
So das Heer Alexanders. Sein Vater hatte es organisiert, in scharfer
Disziplin und zahlreichen Feldzügen tüchtig gemacht, in der festen
Verbindung der thessalischen mit der makedonischen Ritterschaft eine
Kavallerie geschaffen, wie sie die hellenische Welt noch nicht gesehen.
Aber bis zur vollen Wirkung seiner militärischen Überlegenheit, bis zur
freien und vollen Handhabung, man möchte sagen bis zum Verständnis seiner
eigenen Kraft hatte Philipp sich nicht erhoben; bei Chaironeia, wo er die
makedonischen Reiter des rechten Flügels führte, durchbrach er die
andrängende Linie des Feindes nicht, er ließ selbst die Phalanx, wenn auch
in Ordnung, zurückgehen; daß Alexander auf die heftig nachdrängende Linie
des Feindes mit der thessalischen Ritterschaft des linken Flügels einbrach,
entschied den Erfolg des Tages. Schon da, noch mehr in den Kämpfen des
Jahres 335, hatte Alexander gezeigt, daß er kühner, plötzlicher, immer
entscheidend die unwiderstehliche Offensivkraft dieses Heeres zu verwenden
verstand, nicht minder, daß er zugleich der Feldherr und der erste Soldat
seines Heeres und im vollsten Sinn des Wortes dessen Vorkämpfer war. Wenn
irgend etwas, so war die Art, wie er sich persönlich einsetzte und immer an
der Spitze des entscheidenden Stoßes auf den Feind stürzte, dazu angetan,
den Wetteifer seiner Offiziere und seiner Truppen zu entflammen. Sein Heer
war der Zahl nach gering, aber in so organischer Gestaltung, bei solcher
taktischen Ausbildung der einzelnen Waffen, unter solcher Führung zog es
mit der vollen moralischen Überlegenheit, sich des Sieges gewiß zu fühlen,
nach Asien.
Das Perserreich war nicht dazu angetan, Widerstand zu leisten; in seiner
Ausdehnung, in dem Verhältnis der beherrschten Völker, in der mangelhaften
Organisation der Verwaltung und der Heeresmacht lag die Notwendigkeit
seines Falles.
Betrachtet man den Zustand des Perserreiches, wie er zu der Zeit war, als
Dareios III. den Thron bestieg, so erkennt man leicht, wie alles in
Auflösung und zum Untergange reif war. Der Grund war nicht die
Sittenverderbnis des Hofes, des herrschenden Stammes, der beherrschten
Völker; stete Begleiterin des Despotismus, tut sie niemals der despotischen
Gewalt Abbruch, die, wie das Reich der Osmanen lange genug den Beweis
gegeben hat, unter der liederlichsten Hof- und Haremswirtschaft, unter
steten Kabalen und Schändlichkeiten der Großen, unter gewaltsamen
Thronwechseln und unnatürlicher Grausamkeit gegen die eben noch allmächtige
Partei, immer wieder diplomatische und militärische Erfolge nach allen
Seiten hin zu gewinnen vermag. Persiens Unglück ist eine Reihe schwacher
Regenten gewesen, welche die Zügel der Herrschaft nicht so fest anzuziehen
vermocht hatten, wie es zum Bestehen des Reiches nötig war; daraus folgte,
daß in den Völkern die Furcht, in den Satrapen der Gehorsam, im Reiche die
einzige Einheit schwand, die es zusammenhielt; in den Völkern, die überall
noch ihre alte Religion, ihre Gesetze und Sitten, und zum Teil einheimische
Fürsten hatten, nahm das Verlangen nach Selbständigkeit, in den Satrapen,
zu mächtigen Statthaltern großer und entfernter Länderstrecken, die Begier
nach unabhängiger Macht, in dem herrschenden Volke, das im Besitz und der
Gewohnheit der Gewalt, die Bedingungen ihrer Gründung und ihrer Dauer
vergessen hatte, die Gleichgültigkeit gegen den Großkönig und gegen das
Geschlecht der Achämeniden überhand. In den hundert Jahren fast gänzlicher
Untätigkeit, welche auf Xerxes' Kriegszug nach Europa gefolgt waren, hatte
sich in den griechischen Landen eine eigentümliche Kriegskunst entwickelt,
mit der sich Asien zu messen vermied und verlernte; der Zug der Zehntausend
hatte gezeigt, daß die griechische Kriegsart mächtiger sei als die
ungeheuren Völkerheere Persiens; ihr vertrauten sich die Satrapen an, wenn
sie sich empörten, ihr der König Ochos, als er den Aufstand in Ägypten zu
unterdrücken auszog; so das Königtum, auf die Siege der persischen Waffen
gegründet, sich durch griechische Söldner zu erhalten genötigt war.
Allerdings hatte Ochos noch einmal die Einheit des Reiches äußerlich
hergestellt, und mit der blutigen Strenge, die der Despotismus fordert,
seine Macht geltend zu machen gewußt; aber es war zu spät, er selbst
versank in Untätigkeit und Schwäche, die Satrapen behielten ihre allzu
mächtige Stellung, und die Völker, namentlich die der westlichen Satrapien,
vergaßen unter dem erneuten Druck nicht, daß sie schon nahe daran gewesen,
ihn abzutun. Nach neuen und furchtbaren Verwirrungen war endlich der Thron
an Dareios gekommen; er hätte statt tugendhaft energisch, statt großmütig
rücksichtslos, statt milde Despot sein müssen, wenn das Reich durch ihn
sollte gerettet werden; er hatte die Verehrung der Perser, und die Satrapen
waren ihm ergeben, aber das rettete ihn nicht; er wurde geliebt, nicht
gefürchtet, und bald sollte sich zeigen, wie vielen unter den Großen des
Reiches ihr eigener Vorteil höher galt als der Wille und die Gunst eines
Herrn, an dem sie alles, nur nicht Herrschergröße bewundern konnten.
Dareios' Reich erstreckte sich vom Indus bis zum hellenischen Meere, vom
Jaxartes bis zur Libyschen Wüste. Seine oder vielmehr seiner Satrapen
Herrschaft war nicht nach dem Charakter der verschiedenen Völker, über die
sie herrschten, verschieden; sie war nirgends volkstümlich, nirgends durch
eine von ihr aus entwickelte und tief hinabgreifende Organisation
gesichert; sie beschränkte sich auf momentane Willkür, auf stete
Erpressungen und auf eine Art Erblichkeit der Amtsgewalt, wie sie, ganz
gegen den Sinn monarchischer Herrschaft, in den langen Zeiten schlaffen
Regimentes üblich geworden war, so daß der Großkönig kaum noch eine andere
Gewalt über sie hatte als die der Waffen oder die, welcher sie aus
persönlichen Rücksichten sich fügen mochten. Die volkstümlichen Zustände,
welche in allen Ländern des persischen Reiches fortbestanden, machten den
morschen Koloß nur noch unfähiger, sich zur Gegenwehr zu erheben; die
Völker von Iran, Ariana, den baktrischen Ländern waren allerdings
kriegerisch, und mit jeder Art von Herrschaft zufrieden, solange sie diese
zu Krieg und Beute führte; und hyrkanische, baktrische, sogdianische Reiter
bildeten die stehenden Satrapenheere in den meisten Provinzen; aber
besondere Anhänglichkeit für das persische Königtum war keineswegs bei
ihnen zu finden, und so furchtbar sie einst in den Völkerheeren des Kyros,
Kambyses und Dareios zum Angriff gewesen waren, ebenso unfähig waren sie
zur ernsten und nachhaltigen Verteidigung, zumal wenn ihnen griechische
Kriegsübung und Tapferkeit gegenüberstand. Die westlichen Völker gar, stets
mit Mühe und oft nur durch blutige Gewalt in Unterwürfigkeit gehalten,
waren, wenn ein siegreicher Feind ihren Grenzen nahte, gewiß bereit, die
persische Sache zu verlassen. Kaum waren die Griechen der kleinasiatischen
Küste durch Oligarchie oder durch Tyrannen, deren Existenz von der Macht
der Satrapen und des Reiches abhing, in Abhängigkeit zu erhalten, und die
Völker im Innern der Halbinsel hatten, seit zwei Jahrhunderten in stetem
Druck, weder die Kraft noch das Interesse, sich für Persien zu erheben;
selbst an den früheren Empörungen der kleinasiatischen Satrapen hatten sie
nicht teilgenommen; sie waren stumpf, indolent, ohne Erinnerung ihrer
Vergangenheit. Dasselbe galt von den beiden Syrien diesseits und jenseits
der Wasser; die Knechtschaft langer Jahrhunderte hatte diesen Völkern den
Nacken gebeugt, sie ließen über sich ergehen, was auch kommen mochte; nur
an der Küste Phönikiens war das alte bewegliche Leben, mit ihm mehr Gefahr
als Treue für Persien, und nur die Eifersucht gegen Sidon und der eigene
Vorteil vermochte Tyrus den Persern treu zu erhalten. Ägypten endlich hatte
niemals seinen Haß gegen die Fremdlinge aufgegeben oder verleugnet, und die
Verwüstungen des Ochos konnten es wohl lähmen, aber nicht gewinnen. Alle
diese Länder, von dem persischen Reiche zum eigenen Verderben erobert,
waren bei einem kühnen Angriffe von Westen her so gut wie verloren.
Deshalb hatte die persische Politik seit lange keine höhere Sorge, als die
Eifersucht der hellenischen Staaten zu nähren, die mächtigen zu schwächen,
die schwachen aufzureizen und zu unterstützen, und durch ein ausgebildetes
System von Bestechungen und Verfeindungen eine Gesamttätigkeit der
Hellenen, der Persien nicht Widerstand zu leisten vermocht hätte, zu
hintertreiben. Lange war dies gelungen, bis endlich das makedonische
Königtum, schnell und sicher vorwärtsschreitend, alle diese Bemühungen
zuschanden zu machen drohte. Mit dem Siege von Chäronea, mit der darauf
folgenden Gründung des Hellenischen Bundes mußte man in der Hofburg von
Susa wissen, was bevorstand.
Erst Dareios -- er wurde König um die Zeit, als Philipp ermordet wurde --
ergriff Maßregeln gegen die schon über den Hellespont gekommenen Truppen.
Er überwies dem Rhodier Memnon, dem Bruder Mentors, was an hellenischen
Söldnern zur Hand war, mit dem Befehl, den Makedonen entgegenzuziehen und
die Grenzen des Reiches zu schützen. Es war leicht zu sehen, daß auf diese
Weise wohl ein einzelnes Korps, nicht aber das makedonisch-griechische
Heer, dessen Avantgarde es war, und welches sich bereits zum Übergange nach
Asien rüstete, aufzuhalten sei; ebensowenig konnte bis zu dessen Ankunft
ein persisches Reichsheer aufgeboten, zusammengezogen, nach Kleinasien
gesandt sein; es schien am leichtesten und geratensten, die Gefahr in ihrer
Wurzel zu ertöten. So wurden Verbindungen am makedonischen Hofe angeknüpft
und König Philipp -- so erklärt Alexander in einem späteren Schreiben an
den Großkönig -- mit dessen Wissen und Willen ermordet. Das gefürchtete
Unternehmen schien mit einem Schlage vereitelt, die Unruhen, die in
Thessalien, Hellas, Thrakien, Illyrien ausbrachen, ließen die letzte
Besorgnis schwinden; als gar Attalos an der Spitze seiner Truppen und im
Einverständnis mit den leitenden Staatsmännern Athens sich gegen Alexanders
Thronbesteigung erklärte, da schienen die persischen Intrigen noch einmal
den Sieg davon getragen zu haben. Schon hatte sich Memnon gegen Magnesia,
das Parmenion und Attalos besetzt hatten, gewandt, hatte ihnen durch
geschickte Manöver empfindliche Verluste beigebracht. Indes hatte
Alexander die Angelegenheiten Makedoniens geordnet, Griechenland beruhigt;
Attalos war beseitigt, die Truppen schnell zur Treue zurückgekehrt;
Parmenion hatte mit dem einen Teile des Heeres Gryneion erobert, sich dann
auf Pitane gewandt, während mit dem andern Kalas, des Harpalos Sohn, sich
im Innern der Landschaft Troas festzusetzen suchte. Daß der makedonische
König sich zum Feldzug gegen die Thraker, Triballer, Illyrier anschickte,
gab dem persischen Hofe eine neue Frist; allerdings wurde das Reichsheer,
die Seemacht der Seeküsten aufgeboten; aber vorerst mußte man auf Abfall
und Empörung in Hellas rechnen, erwarten, wie weit Memnon mit seinen
geringen Streitkräften reichen werde.
Der wichtigste Punkt zum Schutz gegen eine Invasion vom Hellespont her war
Kyzikos; auf einer Insel erbaut, nur durch einen seichten Meeresarm vom
nahen Festlande getrennt, in den letzten Jahrzehnten mit mächtigen Mauern
umgeben, mit Schiffshäusern für 200 Trieren versehen, bot diese stark
bevölkerte freie Stadt dem, der sie besaß oder dem sie sich anschloß, eine
Position, welche die Propontis, das asiatische Ufer bis Lampsakos, den
Osteingang des Hellespont beherrschte. Es war für das makedonische Korps in
Asien von großem Wert, daß die Stadt der persischen Sache abgewandt war.
Memnon gedachte sie durch einen Handstreich zu nehmen; an der Spitze von
5000 griechischen Söldnern brach er aus seinen Besitzungen -- im westlichen
Bithynien -- auf und zog in Eilmärschen heran; fast wäre es ihm gelungen,
sich der Stadt, deren Tore, da man Kalas' Heer zu sehen glaubte, nicht
geschlossen waren, zu bemächtigen; da das mißlang, verwüstete er das
städtische Gebiet und eilte nach der Äolis, wo Parmenion Pitane belagerte;
Memnons Erscheinen entsetzte die Stadt. Dann brach er -- auch die Stadt
Lampsakos gehörte ihm -- schnell nach Troas auf, wo er Kalas bereits
bedeutend vorgedrungen fand; Lampsakos gab seinen Bewegungen einen
trefflichen Stützpunkt; an Truppen überlegen, siegte er in einem Gefechte,
und Kalas war gezwungen, sich an den Hellespont zurückzuziehen und sich auf
die feste Stellung von Rhoiteion zu beschränken.
Es ist unklar, ob wenigstens diese Position von Kalas gehalten wurde;
jedenfalls Parmenion selbst war demnächst am Hofe zu Pella. Vielleicht hat
der König diesen zurückberufen, weil es nach der Beendigung des Feldzuges
im Norden nur nötig schien, die Punkte, die den Übergang nach Asien
deckten, gleichsam als Brückenkopf festzuhalten; und mit der Flotte zur
Seite genügte dazu eine geringere Truppenzahl in Rhoiteion und vielleicht
Abydos. Um so auffallender dann, daß Memnon, der ein vorzüglicher Feldherr
war, nicht schärfer drängte, die ganze Küste zu säubern; die Satrapen
warfen ihm späterhin vor, daß er, um sich unentbehrlich zu machen, den
Krieg zu verlängern suche; entweder das, oder die Eifersucht der Satrapen
entzog ihm die Mittel, mehr zu tun.
Mit dem Frühling 334 war die Flotte des Großkönigs zum Aussegeln bereit; es
war an die Satrapen und Befehlshaber in Kleinasien Befehl gesandt, nach der
Küste vorzurücken und den Makedonen an der Schwelle Asiens die Spitze zu
bieten. In der Ebene von Zeleia versammelte sich diese Kriegsmacht, 20 000
Mann persische, baktrische, medische, hyrkanische, paphlagonische Reiter
und ebenso viele griechische Söldner, ein Heer, das, wie es sich demnächst
zeigte, tapfer und groß genug war, um gut geführt dem Feinde den Weg zu
verlegen. Aber der Großkönig hatte keinen obersten Befehlshaber ernannt;
die gemeinschaftliche Beratung der Anführer sollte über den Gang der
Unternehmungen entscheiden; es waren außer Memnon Arsites, Hyparch von
Phrygien am Hellespont, der zunächst bedrohten Landschaft, Spithridates,
Satrap von Lydien und Ionien, Atizyes, Satrap von Großphrygien,
Mithrobuzanes, Hyparch von Kappadokien, der Perser Omares und andere
persische Große. Unzweifelhaft war unter diesen Memnon der bewährteste,
wenn nicht der einzige Feldherr; doch als Grieche und Liebling des Königs
verhaßt, hatte er im Kriegsrate weniger Einfluß, als für die persische
Sache zu wünschen gewesen wäre.
Während dieser Rüstungen in Kleinasien war Alexander mit den seinigen so
weit gediehen, daß er mit dem Anfang des Frühlings 334 aufbrechen konnte.
Er zog über Amphipolis am Strymon längs der Küste über Abdera, Maroneia,
Kardia; am zwanzigsten Tage war er in Sestos. Schon lag seine Flotte im
Hellespont. Parmenion erhielt den Befehl, die Reiterei und den größeren
Teil des Fußvolks von Sestos nach Abydos zu führen. Mit dem übrigen Fußvolk
ging der König nach Elaius, den troischen Gestaden gegenüber, auf dem
Grabhügel des Protesilaos, des ersten Helden, der im Kriege gegen Troja
gefallen war, zu opfern, damit ihm glücklicher als jenem der Zug gen Osten
würde. Dann wurde das Heer eingeschifft; 160 Trieren und viele Lastschiffe
kreuzten an diesen Tagen zwischen den schönen, im Frühlingsschmuck
prangenden Gestaden des Hellespont, den einst Xerxes gejocht und gegeißelt
hatte; Alexander, selbst am Steuer seines königlichen Schiffes, lenkte vom
Grabe des Protesilaos aus nach der Bucht hinüber, die seit den Zeiten
Achills und Agamemnons der Hafen der Achaier hieß, und an der die Grabhügel
des Aias, des Achilleus und Patroklos emporragten. Auf der Höhe des
Hellespontes opferte er dem Poseidon, spendete den Nereiden aus goldener
Schale. Dann nahte man dem Gestade; Alexanders Triere war die erste am
Ufer; vom vorderen Bug schleuderte der König seine Lanze in das Land der
Feinde, sprang dann, der erste von allen, in voller Rüstung an den Strand.
Altäre, gebot er, sollten fortan diese Stelle bezeichnen. Dann zog er mit
seinen Strategen und dem Geleit der Hypaspisten nach den Ruinen Ilions,
opferte im Tempel der ilischen Athena, weihte ihr seine Waffen, nahm statt
deren von den Waffen des Tempels, namentlich den heiligen Schild, der für
den des Achill gegolten haben mag. Auch am Altare des herdschirmenden Zeus
opferte er dem Schatten des Priamos, um dessen Zorn gegen Achills
Geschlecht zu versöhnen, da Achilleus' Sohn den greisen König am heiligen
Herde erschlagen hatte. Vor allem ehrte er das Andenken seines großen Ahnen
Achill, er kränzte und salbte des Helden Grab, das Grab des Patroklos sein
Freund Hephaistion; dann folgten Wettkämpfe aller Art. Viele, Eingeborene
und Hellenen, kamen, dem Könige goldene Kränze darzubringen, unter ihnen
der Athener Chares, der Herr von Sigeion, derselbe, dessen Auslieferung er
im vorigen Jahre gefordert hatte. Zum Schluß der Festlichkeiten befahl der
König den Wiederaufbau Ilions, gab den Bürgern der neuen Stadt Autonomie
und Steuerfreiheit und versprach ihrer noch weiter zu gedenken.
Dann zog er nach der Ebene von Arisbe, wo das übrige Heer, das unter
Parmenions Führung bei Abydos gelandet war, ein Lager bezogen hatte.
Unverzüglich brach man auf, um den Feinden zu begegnen, von denen man
wußte, daß sie etwa fünfzehn Meilen ostwärts um Zeleia sich zusammengezogen
hatten. Der Marsch ging über Perkote nach Lampsakos, der Stadt des Memnon;
die Bürger wußten sich keine andere Rettung, als durch eine Gesandtschaft
des Königs Gnade zu erflehen; an deren Spitze stand Anaximenes, der als
wissenschaftlicher Mann wohlbekannt und bei König Philipp früher gern
gesehen war; auf seine Fürbitte verzieh Alexander der Stadt.
Von Lampsakos aus rückte das Heer unweit der Küste weiter, als Vorhut
voraus der Lynkestier Amyntas mit einer Ile der Ritterschaft, der von
Apollonia und vier Ilen der Sarissophoren. Wie sie nahten, ergab sich die
Stadt Priapos an der Propontis unfern der Mündung des Granikos; gerade
jetzt war dieser Platz, der die vom Granikos durchströmte Ebene Adrasteia
beherrscht, von Wichtigkeit, da nach den Berichten des Amyntas das
persische Heer an die Ufer des Granikos vorgerückt und demnach dort der
erste Zusammenstoß mit dem Feinde zu erwarten war.
Wenn Alexander sichtlich möglichst bald zu schlagen wünschte, so hätten die
Perser ihm um so mehr ausweichen sollen. Im Kriegsrat in Zeleia hatte
Memnon widerraten, einen Kampf zu beginnen, der kaum einen Sieg und, wenn
man siegte, kaum einen Vorteil hoffen lasse; die Makedonen seien an Fußvolk
den Persern weit überlegen, und doppelt gefährlich, da sie unter Führung
ihres Königs kämpfen würden, während Dareios dem persischen Heere fehle;
selbst angenommen, daß die Perser siegten, so würde den Makedonen der
Rücken gedeckt und ihr Verlust nur der eines vergeblichen Angriffes sein;
die Perser dagegen verlören durch eine Niederlage das Land, das sie zu
verteidigen hätten: das einzig Ersprießliche sei, jedes entscheidende
Gefecht zu vermeiden; Alexander sei nur auf kurze Zeit mit Lebensmitteln
versehen, man müsse sich langsam zurückziehen, eine Einöde hinter sich
lassen, in der die Feinde keinen Unterhalt, kein Vieh, kein Obdach fänden;
dann werde Alexander ohne Schlacht besiegt sein, durch kleinen Schaden dem
größeren und unberechenbaren vorgebeugt werden. Memnons Meinung fand im
Rate der persischen Feldherren kein Gehör, man hielt sie der Hoheit
Persiens nicht würdig; namentlich widersprach Arsites von Phrygien am
Hellespont: in seiner Satrapie werde er auch nicht ein Haus anzünden
lassen. Die übrigen Perser stimmten mit ihm für die Schlacht, ebensosehr
aus Kampfeslust, wie aus Abneigung gegen den griechischen Fremdling, der
schon zuviel beim Großkönig galt und den Krieg verlängern zu wollen schien,
um noch höher in des Königs Gnade zu steigen. Sie rückten den Makedonen bis
an den Granikos entgegen; sie beschlossen, von den steilen Ufern dieses
Flusses aus jedes Weiterrücken Alexanders zu hindern; sie stellten sich an
dem rechten Ufer so auf, daß der Rand des Flusses von der persischen
Reiterei, das ansteigende Terrain in einiger Entfernung hinter ihr von den
griechischen Söldnern besetzt war.
Indes rückte Alexander über die Ebene Adrasteia dem Granikos[5] zu, das
schwere Fußvolk in die zwei Kolonnen des rechten und linken Flügels
geteilt, auf der rechten Flanke die makedonische, auf der linken die
thessalische und griechische Reiterei; die Packtiere mit dem größeren Teil
des leichten Fußvolkes folgten den Kolonnen; die Vorhut bildeten die
Sarissophoren und etwa fünfhundert Mann leichtes Fußvolk unter Hegelochos'
Führung. Schon näherte sich die Hauptmasse dem Flusse, als eilends einige
von den Sarissophoren zurückgesprengt kamen mit der Nachricht, die Feinde
ständen jenseits des Flusses in Schlachtordnung, und zwar die Reiter in
ausgedehnter Linie längs dem steilen und lehmigen Flußufer, eine Strecke
rückwärts das Fußvolk. Alexander durchschaute die Fehler der feindlichen
Dispositionen, welche die Waffe des ungestümen Angriffs zur Verteidigung
eines schwierigen Terrains, und die trefflichen griechischen Söldner zu
müßigen Zuschauern eines Kampfes machten, dem nur sie gewachsen waren; ein
dreistes Vorgehen mit Kavallerie mußte hinreichen, das jenseitige Ufer und
damit die Schlacht zu gewinnen, deren Erfolge zu sichern und zu benutzen
die Hypaspisten und Phalangen folgen sollten. Er ließ die Truppen aus den
Marschkolonnen rechts und links aufmarschieren und sich in Schlachtordnung
setzen. Parmenion kam zu ihm, den Kampf zu widerraten: es sei ratsam, sich
vorerst an dem Ufer des Flusses zu lagern; der Feind, an Fußvolk schwächer,
werde nicht wagen, in der Nähe der Makedonen zu übernachten, er werde sich
zurückziehen und so es möglich machen, daß man am andern Morgen, bevor die
Perser ausgerückt und aufgestellt seien, den Übergang ohne Gefahr
bewerkstellige; jetzt dagegen scheine ein Übergang nicht ohne Gefahr: der
Tag neige sich, der Fluß sei an manchen Stellen tief und reißend, das Ufer
jenseits steil, man könne nicht in Linie passieren, man müsse in Kolonnen
durch den Fluß gehen; die feindliche Reiterei werde diese in die Flanke
nehmen und niederhauen, ehe sie zum Fechten kämen; der erste Unfall aber
sei nicht bloß für den Augenblick empfindlich, sondern für die Entscheidung
des Krieges höchst bedenklich. Der König antwortete: »Wohl erkenne ich das,
aber ich würde mich schämen, wenn ich den Hellespont leicht überschritten
hätte, und dies kleine Wasser uns abhalten sollte, hinüberzugehen, wie wir
sind; auch würde das weder mit dem Ruhme der Makedonen, noch mit meiner
Art, einer Gefahr gegenüber, stimmen; die Perser, glaube ich, würden Mut
fassen, als könnten sie sich mit Makedonen messen, weil sie nicht sofort
erführen, was sie fürchten.« Mit diesen Worten schickte er Parmenion nach
dem linken Flügel, den er führen sollte, während er selbst zu den
Geschwadern des rechten ritt.
[5] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.
An dem Glanze seiner Waffen und an der weißen Feder seines Helmes, an der
Ehrerbietung der ihn Umgebenden sahen die Perser jenseits, daß Alexander
ihrem linken Flügel gegenüberstand, und daß dort der Hauptangriff zu
erwarten sei; sie eilten, den Kern ihrer Reiterei in dichten Reihen ihm
gegenüber hart an das Ufer zu stellen; dort war Memnon mit seinen Söhnen
und Arsames mit seinen eigenen Reitern; dann folgte in der Schlachtlinie
der phrygische Hyparch Arsites, der lydische Satrap Spithridates mit den
hyrkanischen Reitern und vierzig edlen Persern in seinem Geleit, dann die
weiteren Reiterhaufen des Zentrums, endlich die des rechten Flügels unter
Rheomithres. Eine kurze Zeit standen beide Heere schweigend in gespannter
Erwartung einander gegenüber, -- die Perser bereit, auf den Feind, wenn er
durch den Fluß anrückend die steilen Ufer heraufkomme und ehe er sich
ordnen könne, zu stürzen, Alexander mit raschem Blick erspähend, wie und wo
der Angriff möglich sei. Dann bestieg er sein Schlachtroß, rief den Truppen
zu, ihm zu folgen und als Männer zu kämpfen, gab das Zeichen zum Vorrücken.
Voran Amyntas der Lynkestier mit den Sarissophoren und Paionen und einer
Taxis (der Hypaspisten), ihm zugeordnet die Ile von Apollonia, von
Ptolemaios, Philipps Sohn, geführt, die diesen Tag die erste Stelle in der
Ritterschaft, den ersten Angriff hatte. Sowie sie im Fluß waren, folgte der
König an der Spitze der übrigen Ilen der Hetairen unter dem Schall der
Trompeten und des Schlachtgesanges; er wollte, während Ptolemaios durch
seinen Angriff den äußersten linken Flügel des Feindes beschäftigte, mit
den sieben Ilen, halb rechts aufrückend, rechts an Ptolemaios, links an die
nachrückende Linie des Fußvolkes gelehnt, auf das Zentrum der Feinde
einbrechen und dasselbe sprengen. Mit dem linken Flügel sollte Parmenion,
dem Flusse zu in schräger Linie folgend, den rechten Flügel des Feindes
lähmen.
Sobald sich Amyntas und Ptolemaios dem feindlichen Ufer des Flusses nahten,
begann das Gefecht. Die Perser, hier von Memnon und dessen Söhnen geführt,
widersetzten sich mit aller Macht ihrem Hinaufdringen, indem sie teils vom
hohen Ufer herab ihre Wurflanzen schleuderten, teils unmittelbar an das
Wasser vorgingen und die Heraufsteigenden zurückdrängten; diese, durch den
schlüpfrigen Lehm am Ufer noch mehr behindert, hatten schweren Stand,
großen Verlust, zumal die am meisten rechts, während denen links sich schon
eine Stütze bot. Denn schon war der König mit dem Agema der Ritterschaft
durch den Fluß, stürmte schon gegen die Stelle des Ufers an, wo die
dichteste Masse der Feinde und die Heerführer hielten. Sofort begann hier,
um die Person des Königs, der heftigste Kampf, in den die anderen Ilen,
eine nach der andern, durch den Fluß folgend, mit eingriffen; ein
Reitergefecht, das in seiner Hartnäckigkeit, Stetigkeit und der Wut des
Handgemenges einem Kampfe des Fußvolkes glich; Roß an Roß, Mann an Mann
gedrängt, kämpften die Makedonen mit ihren Speeren, die Perser mit ihren
leichteren Wurflanzen und bald mit ihren krummen Säbeln, jene, um die
Perser vom Ufer zurück auf das Blachfeld zu werfen, diese, um die Makedonen
in den Strom zurückzustoßen. Des Königs weißen Helmbusch sah man im
dichtesten Getümmel; in dem heftigen Gefecht zersplitterte sein Speer, er
rief seinem Stallmeister zu, ihm einen anderen zu reichen; auch dem war
sein Speer zerbrochen, und er kämpfte mit dem umgekehrten Stumpf; kaum daß
Demaratos von Korinth dem Könige seine Waffe gereicht, so sprengte auch
schon ein neuer Schwarm erlesener persischer Reiter heran, Mithridates, ihr
Führer, jagte voraus und auf Alexander zu, sein Wurfspieß verwundete des
Königs Schulter; ein Speerstoß Alexanders streckte den persischen Fürsten
tot zu Boden. In demselben Augenblick jagte des Gefallenen Bruder,
Rhoisakes, auf Alexander zu, zerschmetterte mit einem Hiebe dessen Helm, so
daß der Säbel noch die Stirnhaut ritzte; Alexander bohrte ihm den Speer
durch den Harnisch bis tief in die Brust, und Rhoisakes stürzte rücklings
vom Pferde. Zugleich war der libysche Satrap Spithridates an Alexander
herangesprengt; schon hatte er über des Königs Nacken seinen Säbel zum
tödlichen Schlage erhoben, da kam ihm der schwarze Kleitos zuvor, mit einem
Hiebe trennte er des Barbaren Arm vom Rumpfe, gab ihm dann den Todesstoß.
Immer wilder wurde der Kampf; die Perser fochten mit höchster Tapferkeit,
den Tod ihrer Fürsten zu rächen, während immer neue Scharen über den Fluß
setzten, eindrangen, niedermetzelten; umsonst suchten Niphates, Petines,
Mithrobuzanes zu widerstehen, umsonst Pharnakes, des Dareios Schwager,
Arbupalos, der Enkel des Artaxerxes, die sich schon lösenden Massen zu
halten; bald lagen sie erschlagen auf dem Felde. Das Zentrum der Perser war
durchbrochen, die Flucht wurde allgemein; etwa tausend, nach andern
zweitausendfünfhundert Perser waren geblieben, die übrigen flohen weit
zersprengt vom Schlachtfelde. Alexander verfolgte sie nicht weit, da noch
die ganze Masse des feindlichen Fußvolkes unter Omares auf den Höhen stand,
entschlossen, den Ruhm griechischer Söldner gegen die makedonischen Waffen
zu bewähren. Es war das einzige, was ihnen übrigblieb; müßige Zuschauer
eines blutigen Kampfes, den ihre Mitwirkung vielleicht gewonnen haben
würde, ohne bestimmte Befehle für den Fall, den der Stolz der persischen
Fürsten unmöglich geglaubt hatte, blieben sie geschlossen auf ihrer Höhe,
die wenigstens einen ehrenvollen Rückzug zu sichern vermocht hätte; die
blinde Flucht der Reiterscharen hatte sie preisgegeben; auf sich
beschränkt, erwarteten sie den Angriff des siegreichen Heeres und den
eigenen Untergang, den sie so teuer als möglich zu machen entschlossen
waren. Alexander ließ die Phalanx auf sie anrücken, zugleich von allen
Seiten alle Reiter, auch die thessalischen und hellenischen des linken
Flügels, auf sie einbrechen. Nach kurzem furchtbarem Kampfe, in welchem dem
Könige ein Pferd unter dem Leibe erstochen wurde, waren die Söldner
bewältigt; es entkam niemand, außer wer sich etwa unter den Leichen
verborgen hatte; zweitausend von diesen Söldnern wurden gefangengenommen.