An dem Patriotismus des Demosthenes und dessen Eifer für die Ehre und Macht

Athens wird niemand zweifeln; und mit vollstem Recht wird er als der größte

Redner aller Zeiten bewundert. Ob er in gleichem Maße als Staatsmann groß,

ob er der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands war, ist eine

andere Frage. Wenn in diesem Kampfe der Sieg gegen Makedonien entschieden

hätte, was wäre das weitere Schicksal der Griechenwelt gewesen? Im besten

Fall die Herstellung einer attischen Macht, wie sie soeben zum zweitenmal

zusammengebrochen war, entweder einer Bundesmacht auf Grund der Autonomie

der Bündner, die weder den Barbaren im Norden zu wehren, noch den Barbaren

im Osten die Stirn zu bieten, noch das sinkende Griechentum im Westen an

sich zu ziehen und zu schützen vermocht hätte, -- oder einer attischen

Herrschaft über untertänige Gebiete, wie denn schon jetzt Samos, Lemnos,

Imbros, Skyros in solcher zum Teil kleruchischer Form, in loserer Tenedos,

Prokonnesos, der Chersones, Delos in attischem Besitz waren; in dem Maße,

als die Athener ihre Herrschaft erweitert hätten, würden sie größerer

Eifersucht, heftigerem Gegendruck von rivalisierenden Staaten zu begegnen

gehabt, sie würden nur die schon so tief eingefressene Spaltung und

Zerrissenheit der hellenischen Welt gemehrt, sie würden jede Hilfe, auch

die der Perser, der thrakischen, illyrischen Barbaren, der Tyrannis, wo sie

sich gerade fand, willkommen geheißen haben, um sich zu behaupten. Oder

wollte Athen nur die unberechenbaren Veränderungen, welche die Macht

Makedoniens über Hellas zu bringen drohte, abwehren, nur die Zustände

erhalten, wie sie waren? Sie waren so elend und beschämend wie möglich und

wurden in dem Maße unhaltbarer und explosiver, als man sie länger in dieser

Zerfahrenheit und Verkrüppelung des Kleinlebens ließ, in dem der

Griechenwelt ein Glied nach dem anderen abstarb. Mochten die attischen

Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der

hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben,

keines dieser Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt, mit der

erneuten Herrschaft des attischen Demos über Bündner oder untertänige Orte,

mit der verschlissenen und vernutzten Demokratie, ihren Sykophanten,

Demagogen und Soldtruppen zu erhalten gewesen. Es war ein Irrtum des

Demosthenes, der vielleicht seinem Herzen, gewiß nicht seinem Verstande

Ehre macht, wenn er glauben konnte, mit diesem schwatzhaft, unkriegerisch,

banausisch gewordenen Bürgertum Athens, selbst wenn er es mit der Macht

seiner Rede zu glänzenden Entschlüssen hinreißen, selbst für einen Moment

zu Taten galvanisieren konnte, noch große Politik machen, noch einen langen

und schweren Kampf durchführen zu können; ein noch schwererer Irrtum, wenn

er glauben konnte, durch Bündnisse mit Theben, Megalopolis, Argos und

welchen Staaten sonst, im Augenblick der Gefahr zusammengeklittert, der

erstarkenden Macht des Königs Philipp Halt gebieten zu können, der, selbst

wenn man ihm ein Treffen abgewann, mit doppelter Macht zurückgekehrt wäre,

während die hellenischen Bündnisse mit der ersten Niederlage ein Ende

hatten. Demosthenes mußte wissen, was es bedeutete, daß nicht er selbst der

Kriegsheld war, die politischen Projekte hinauszuführen, die er empfahl,

daß er sie und mit ihnen die Geschicke des Staates Feldherren wie dem

eigenwilligen Chares, dem wüsten Charidemos anvertrauen mußte, die es

wenigstens verstanden, mit Söldnerbanden fertig zu werden und ihnen die

nötige »Zehrung« zu schaffen. Er mußte wissen, daß in Athen selbst, sowie

er Einfluß gewann, sich die Reichen, die Trägen, die Selbstsüchtigen wider

ihn zusammenfinden, daß, auf sie gestützt, seine persönlichen Gegner alle

Schikanen und Schwerfälligkeiten der Verfassung benützen würden, seine

Pläne zu kreuzen, Pläne, deren Wert von einem attischen Mann nach dem Tage

von Chaironeia mit dem bitteren Worte bezeichnet worden ist: »Verloren wir

nicht, so waren wir verloren.«

Zum Verständnis dessen, was dieser großen Katastrophe folgt, ist es nötig,

den Verlauf des Ringens zwischen Athen und Makedonien, das so endete, in

seinen wesentlichen Zügen zu verfolgen.

Demosthenes' große politische Tätigkeit begann, als Philipps Erfolge gegen

die Phokier, seine Einwirkung auf die Parteiungen Euboias, sein Vordringen

über Amphipolis hinaus das Emporwachsen einer Machtbildung erkennen ließ,

die über alle bisherigen Voraussetzungen hellenischer Politik hinausging.

Daß die Athener -- zunächst mit der Besetzung der Thermopylen 352, nach

Philipps ersten Erfolgen gegen die Phokier -- zeigten, was sie wollten,

wies ihrem Gegner seinen weiteren Weg. Noch hatten sie ihre Flotte, damit

auf dem Meere eine Überlegenheit, der nur Raschheit und Entschlossenheit

fehlte, um die erst werdende makedonische Flotte zu erdrücken. Athen war

für Philipp der gefährlichste Feind in Hellas; er mußte vereinzelt, in

raschen Zügen überholt werden.

Olynthos, an der Spitze der wieder verbündeten chalkidischen Städte, hatte

vier Jahre vorher, als um Amphipolis noch gestritten wurde, sich mit

Philipp gegen Athen verbündet, hatte aus seiner Hand das mit attischen

Kleruchen besetzte Potidaia angenommen; auch die Olynther hielten sich klug

genug, von dem, den sie schon fürchteten, Vorteil zu ziehen; jetzt nach dem

ersten Erfolg Philipps über die Phokier sandten sie nach Athen, ein Bündnis

anzutragen; daß sie den geflüchteten Prätendenten des makedonischen

Königtums in ihren Schutz nahmen, ihn auszuliefern sich weigerten, ergriff

Philipp, um den Kampf gegen sie zu beginnen. Trotz der Hilfe, die Athen

sandte, wurde der chalkidische Bund besiegt, Olynth zerstört und die

anderen Städte des Bundes makedonische Landstädte (348).

Zugleich hatten die Athener vergebens einen Zug nach Euboia unternommen;

von den Tyrannen der einzelnen Städte hielten die meisten zu Philipp; er

hatte damit eine Stellung, die Attika in der Flanke bedrohte. Er selbst

wandte sich von Olynth -- schon zum drittenmal -- gegen den Thrakerkönig

Kersobleptes, der, von Athen veranlaßt, Olynth unterstützt hatte. Schon war

die makedonische Flotte imstande, auf den attischen Inseln Lemnos, Imbros

und Skyros zu plündern, attische Kauffahrer aufzubringen; selbst die

Paralos, eine der heiligen Trieren Athens, war am Gestade von Marathon

gekapert und als Trophäe nach Makedonien abgeführt worden. Und von den

Phokiern auf das härteste bedrängt, bat Theben bei Philipp um Beistand, lud

ihn ein, den Paß der Thermopylen zu besetzen. Dieser schlimmsten Wendung

zuvorzukommen, erbot sich Athen zum Frieden; daß Philipp die

Unterhandlungen hinzog und Athen die Phokier und Kersobleptes, die

Tempelräuber und den Barbaren, mit in den Frieden einzuschließen forderte,

um die Thermopylen und den Hellespont zu decken, schließlich (346) auch

ohne die Bedingungen den Frieden zu genehmigen bereit war, zeigte, wieviel

an Gewicht Philipp gewonnen, Athen verloren hatte. Die gleichzeitige letzte

Krisis des heiligen Krieges fügte eine weitere Wirkung hinzu.

Noch hielten die Phokier die Thermopylen, in Boiotien die von Theben

abgefallen Städte Orchomenos und Koroneia besetzt; freilich der delphische

Tempelschatz ging auf die Neige, aber sie hofften auf Athen, und der

Spartanerkönig Archidamos kam ihnen mit tausend Hopliten zu Hilfe. Mit der

Absicht, das delphische Heiligtum in Spartas Hand gelangen zu lassen,

bewirkte Philipp die Heimkehr der Spartaner; gegen freien Abzug mit seinen

8000 Söldnern überließ der Führer der Phokier -- es war in den Tagen, da

der Demos von Athen jenen Frieden genehmigte -- den Makedonen die

Thermopylen. Philipp rückte in Boiotien ein; Orchomenos, Koronea ergaben

sich; Theben war froh, diese Städte durch Philipp zurückzuerhalten. In

Gemeinschaft mit den Thebanern und Thessalern berief Philipp den Rat der

Amphiktyonen; Athen beschickte ihn nicht. So wurde das Urteil über die

Phokier gesprochen: sie wurden aus dem heiligen Bunde ausgestoßen, ihre 22

Städte aufgelöst, deren Mauern zerstört, die mit den Söldnern Abgezogenen

als Tempelräuber verflucht und vogelfrei erklärt; kaum daß die Hinrichtung

aller Waffenfähigen im Lande, welche die Oitaer beantragten, abgelehnt

wurde. Durch weiteren Beschluß der Amphiktyonen wurde die Stimme der

Phokier auf Philipp übertragen, die Leitung der pythischen Feier, der

Schutz des delphischen Heiligtums in seine Hand gelegt.

So trat er an die Spitze dieses heiligen Bundes, der durch das, was soeben

geschehen war, wie zu keiner Zeit früher eine politische Bedeutung gewonnen

hatte. Die nächste Anwendung davon traf Athen, das die gefaßten Beschlüsse,

die an Philipp übertragene Befugnis anzuerkennen zögerte; eine

amphiktyonische Gesandtschaft kam nach Athen, die ausdrückliche Zustimmung

zu fordern. Wurde sie verweigert, so sprach die Versammlung den Bann über

Athen aus, und Philipps Macht war zur Stelle, ihn zu vollziehen.

Demosthenes selbst empfahl, einem heiligen Krieg aus dem Wege zu gehen.

Sicheren Schrittes ging Philipps Politik weiter. Schon hatte er die Hand

über ein Königtum von Epiros; die Städte in dem Peloponnes führte ihm die

Hoffnung auf gemeinsamen Kampf gegen Sparta zu; in Elis, Sikyon, Megara, in

Arkadien, Messenien, Argos herrschten die ihm Zugewandten. Dann setzte er

sich in Akarnanien fest, schloß ein Bündnis mit den Ätoliern, überwies

ihnen Naupaktos, das sie sich wünschten. Von der Landseite war die Macht

Athens umstellt und so gut wie gelähmt. Aber noch hatten sie das Meer; ihre

Flotte sicherte ihnen mit dem Chersones den Hellespont und die Propontis.

Dort mußte Philipp sie zu treffen suchen. Während er ihnen die

Versicherungen seiner Freundschaft und friedlichen Gesinnungen fort und

fort wiederholte, warf er sich von neuem auf Kersobleptes und die ihm

verwandten kleineren Fürsten in Thrakien, unterwarf sich das Land zu beiden

Seiten des Hebros, sicherte es durch eine Reihe von Städten, die er im

Binnenlande gründete, und die hellenischen Städte am Pontos bis Odessos

hinauf traten gern mit ihm in Bündnis. So mächtig war der Eindruck seiner

Erfolge, daß der Getenkönig an der unteren Donau um seine Freundschaft bat,

ihm seine Tochter zur Ehe sandte.

In demselben Maße erschreckten diese Erfolge die hellenischen Gegner

Philipps. Daß die Athener die Wiedereinsetzung der thrakischen Fürsten, die

ihre Bundesgenossen seien, forderten, und, um den gefährdeten Chersones zu

schützen, Kleruchen dorthin sandten, daß die Stadt Kardia sich weigerte,

sie aufzunehmen, und Philipps Vorschlag, die Streitfrage durch ein

Schiedsgericht abzutun, von Athen abgelehnt, von den attischen Strategen

die schon makedonischen Orte an der Propontis überfallen und zerstört

wurden, leitete einen neuen Krieg ein.

Philipp hatte mit Byzanz, Perinth, anderen Städten, die sich im

Bundesgenossenkriege von Athen freigemacht, Bündnisse geschlossen und kraft

deren zum Kampf gegen die Thraker ihren Beistand gefordert; sie leisteten

ihn nicht, sie fürchteten seine wachsende Macht; Athen bot ihnen Bündnis

und Kriegshilfe. Schon hatte es ihm die meisten Städte Euboias entfremdet,

schon mit Korinth, den Akarnanen, Megara, Achaia, Korkyra Bündnis

geschlossen, mit Rhodos und Kos wieder angeknüpft; es ließ am Hofe von Susa

auf die Gefahren, die dem Perserreiche die wachsende Macht Philipps drohe,

hinweisen; der attische Strateg im Chersones empfing persische Subsidien,

und der Eifer des attischen Demos für die Rettung der hellenischen Freiheit

wuchs mit jedem Tag.

Philipp wandte sich nach dem Siege über die Thraker gegen Perinth, gegen

Byzanz, den Schlüssel des Pontos; fielen diese Städte, so war die Macht

Athens an der Wurzel getroffen. Auf Philipps Ultimatum antworteten die

Athener mit der Erklärung, daß er den geschworenen Frieden gebrochen habe;

sie sandten den Byzantinern die versprochene Flotte; von Rhodos, Kos,

Chios, den Verbündeten von Byzanz, kam Hilfe; die nächstgesessenen Satrapen

eilten, Perinth zu unterstützen, sandten Truppen nach Thrakien -- Philipp

mußte weichen.

Er zog gegen die Skythen. Für seine neue Gründung im Hebroslande war der

Skythenkönig Ateas diesseits der Donaumündungen ein gefährlicher Nachbar;

er schlug ihn. Dann zog er durch das Gebiet der Triballer heimwärts; auch

sie, den Grenzen Makedoniens oft lästige Nachbarn, sollten seine Macht

fürchten lernen. Er mußte seines Rückens sicher sein, um den entscheidenden

Stoß gegen die Athener führen zu können.

Sie arbeiteten ihm in die Hand. In dem delphischen Tempel hatten sie ihre

alten Weihgeschenke für die Schlacht von Platää erneut, mit der Inschrift:

»Aus der Beute der zum gemeinsamen Kampf gegen die Hellenen vereinten

Perser und Thebaner.« In der Versammlung der Amphiktyonen erhoben auf Anlaß

Thebens die Lokrer von Amphissa darüber Beschwerde und beantragten eine

schwere Geldstrafe; der attische Gesandte Aischines antwortete ihnen mit

dem Vorwurf, daß sie delphisches Tempelland bebaut hätten; er erhitzte die

Versammelten so, daß der Beschluß gefaßt wurde, diese Tempelräuber sofort

zu züchtigen; aber die Bauern von Amphissa trieben die Amphiktyonen und die

Delphier, die mit ihnen gekommen waren, zurück. Nach solchem Schimpf

beschloß man eine außerordentliche Versammlung der Amphiktyonen zu berufen,

die das Nötige verfügen sollte, die Frevler zu züchtigen. Gesandte Athens,

Thebens kamen nicht, Sparta war seit dem Ausgang des heiligen Kriegs

ausgeschlossen; die zur Versammlung Erschienenen beschlossen einen heiligen

Zug gegen Amphissa, übertrugen ihn den nächstgesessenen Stämmen. Er hatte

geringen Erfolg; die von Amphissa verharrten in ihrem Trotz. Die nächste

Versammlung (im Herbst 339) übertrug dem König Philipp die Züchtigung der

Gottesfrevler, die Hegemonie des heiligen Krieges.

Er eilte herbei, nicht bloß um die Bauern von Amphissa zu züchtigen. Athen

hatte den Krieg wider ihn erneut, hatte ihn vor Byzanz und Perinth zu

weichen genötigt; mit dem Zuge für den delphischen Gott konnte er seine

Landmacht in die Nähe der attischen Grenzen führen, den Krieg da

fortsetzen, wo den Athenern ihre Seemacht nichts half; daß sie selbst den

Handel mit Amphissa eingeleitet hatten, daß sie nun gegen den, der ihn

hinauszuführen kam, sich wenden mußten, enthüllte vor den Augen aller Welt

ihr Unrecht und die inneren Widersprüche ihrer Politik. Er durfte auf

Theben rechnen, das ihm, zumal seit dem Kriege gegen die Phokier, voll

Erbitterung gegen Athen und den rettenden Waffen Makedoniens zu Dank

verpflichtet, durch Bündnis verknüpft war. Mit Nikaia am Südausgang der

Thermopylen, das er den Thessaliern überwiesen, stand ihm der Weg nach dem

Süden offen. Er ließ einen Teil seines Heeres von Heraklea, am Nordeingang

der Thermopylen, durch den Paß der Landschaft Doris, den nächsten Weg nach

Amphissa, vorgehen; mit dem größeren Teil zog er über Nikaia durch den Paß,

der nach Elatea in das obere phokische Tal der Kephissos hinabführt; im

Spätherbst 339 stand er in Elatea, verschanzte sich dort; die offenen

Grenzen Boiotiens und die Straße nach Attika lagen vor ihm, hinter ihm die

Pässe, die seine Verbindung mit Thessalien und Makedonien sicherten.

Er sandte nach Theben; er bot, wenn die Stadt mit ausziehe gegen Athen,

Anteil an der Siegesbeute und Gebietserweiterung, forderte, wenn sie nicht

mitkämpfen wolle, wenigstens freien Durchzug. Zugleich waren attische

Gesandte nach Theben gekommen; dem Eifer des Demosthenes gelang es trotz

allem, was seit zwanzig Jahren nicht geschehen war, ein Bündnis zwischen

Athen und Theben zustande zu bringen. Theben sandte eine Schar Söldner den

Lokrern von Amphissa zu Hilfe; Athen überließ ihnen 10 000 Mann, die es

geworben; beide Städte riefen die verbannten Phokier auf, in ihre Heimat

zurückzukehren, halfen ihnen einige der wichtigsten Plätze des Landes neu

befestigen. Aber die Makedonen drangen auf Amphissa vor, schlugen die

Soldhaufen des Feindes; Amphissa wurde zerstört. Der Hauptmacht Philipps in

Phokis zu begegnen, rüsteten Athen und Theben mit höchstem Eifer, riefen

auch ihre Bürger unter die Waffen; das attische Heer zog nach Theben,

vereinte sich mit dem boiotischen. Zwei glückliche Gefechte erhöhten ihre

Zuversicht; auch Korinth, Megara, andere von den Verbündeten Athens sandten

Hilfstruppen.

Aber Philipp wich nicht; er zog Verstärkungen aus Makedonien heran; mit

denen, die sein Sohn Alexander nachführte, war sein Heer bei 30 000 Mann

stark. Es mag in dieser Zeit gewesen sein, daß der König nach Theben

sandte, Unterhandlungen anzubieten; der heftige Widerspruch des Demosthenes

machte die Friedensneigung der Böotarchen wirkungslos. Wenn nur in gleichem

Maße das Heer der Verbündeten -- der Zahl nach war es dem makedonischen

überlegen -- militärisch die Initiative zu ergreifen verstanden hätte; sie

standen in fester Stellung am Eingang nach Phokis, am Kephissos. Eine

Bewegung Philipps nach der Linken zwang sie rückwärts zu gehen, in die

boiotische Ebene. Bei Chaironeia traf sie Philipp zur Schlacht (August

338); das lange schwankende Gefecht entschied der Reiterangriff, den

Alexander führte; es war der vollständigste Sieg; das Heer der Verbündeten

war zersprengt und vernichtet. Das Schicksal Griechenlands lag in Philipps

Hand.

Er hatte weder den Siegesübermut, noch lag es in den Wegen seiner Politik,

Griechenland zu einer Provinz Makedoniens zu machen. Nur die Thebaner

erfuhren für ihren Abfall die verdiente Strafe. Sie mußten die Verbannten

wieder aufnehmen, aus ihnen einen neuen Rat bestellen, der über die

bisherigen Führer und Verführer der Stadt Tod oder Verbannung verhängte.

Der boiotische Bund wurde aufgehoben, die Gemeinden von Platää, Orchomenos,

Thespiä wiederhergestellt, Oropos, das Theben zwanzig Jahre früher von

Attika abgerissen, an Athen zurückgegeben, endlich auf die Kadmeia eine

makedonische Besatzung gelegt, eine Position, nicht bloß Theben, sondern

Attika und ganz Mittelgriechenland in Ruhe zu halten.

Mit so viel Strenge Theben, mit ebenso viel Nachsicht wurde Athen

behandelt. In der ersten Aufregung nach der Niederlage hatte man dort sich

zu einem Kampf auf Leben und Tod angeschickt; man hatte Charidemos an die

Spitze des Heeres stellen, man hatte die Sklaven bewaffnen wollen -- das

Schicksal Thebens und die Erbietungen des Königs kühlten den Eifer ab; man

nahm den Frieden an, wie ihn der König durch einen Gefangenen, den Redner

Demades, anbieten ließ: die Athener erhielten alle Gefangenen ohne Lösegeld

zurück, sie behielten Delos, Samos, Imbros, Lemnos, Skyros, sie kamen

wieder in den Besitz von Oropos; es wurde -- vielleicht nur der Form nach

-- ihrem Belieben freigestellt, ob sie dem gemeinen Frieden des Königs mit

den Hellenen und dem Bundesrate, den er mit denselben errichten werde,

beitreten wollten. Der attische Demos beschloß Ehren aller Art für den

König, gab ihm, seinem Sohn Alexander, seinen Feldherren Antipatros und

Parmenion das Bürgerrecht, errichtete ihm als einem »Wohltäter der Stadt«

ein Standbild auf der Agora; anderes mehr.

Es war doch nicht die Furcht allein, auf die der König sein Werk in Hellas

zu gründen gedachte; und die makedonische Partei, auf die er rechnete oder

die sich neu bildete, bestand doch nicht bloß aus Verrätern und

Bestochenen, wie es Demosthenes darstellt. Es ist bedeutsam, daß Demaratos

von Korinth einer der treuesten Anhänger des Königs war, Timoleons Freund

und Kampfgenosse in der Befreiung Siziliens, wenn einer erfüllt von dem

großen Gedanken des nationalen Kampfes gegen die Perser. Auch andere mögen

sich zu der Ansicht bekannt haben, die Aristoteles mit den Worten

ausgesprochen hat: daß das Königtum seiner Natur nach allein imstande sei,

über den Parteien zu stehen, welche das griechische Staatsleben

zerrütteten, allein das Staatswesen der rechten Mitte schaffen könne; »denn

die Aufgabe des Königs ist, Wächter zu sein, daß die Besitzenden nicht in

ihrem Eigentum geschädigt, der Demos nicht mit Willkür und Übermut

behandelt werde.« Die so oft versuchte Tyrannis hat dies Werk nicht

vollbringen können, »denn sie steht nicht, wie das altgegründete Königtum,

auf eigenem Recht, sondern auf der Gunst des Demos oder auf Gewalt und

Unrecht«.

Verfuhr nun Philipp in solchem Sinn?

Ohne das attische Gebiet zu berühren, zog er weiter nach dem Peloponnes.

Hatten Megara, Korinth, Epidauros, andere Städte sich hinter ihren Mauern

zu verteidigen gedacht, so baten sie nun um Frieden; der König gewährte ihn

den einzelnen, den Korinthern unter der Bedingung, daß sie Akrokorinth

einer makedonischen Besatzung übergaben; ähnliche Friedensschlüsse mit der

Weisung, zum Abschluß des allgemeinen Friedens Bevollmächtigte nach Korinth

zu senden, folgten bei seinem weiteren Marsch durch den Peloponnes. Nur

Sparta wies jedes Erbieten zurück; bis an das Meer zog Philipp durch das

lakonische Gebiet, ordnete dann nach dem Spruch eines Schiedsgerichts aus

allen Hellenen die Grenzen Spartas gegen Argos, Tegea, Megalopolis,

Messenien, so daß die wichtigsten Pässe in die Hände derer kamen, die sich

lieber mit der Vernichtung des verhaßten Staates aller künftigen Sorge

befreit gesehen hätten.

Schon waren die Gesandten der Staaten in Hellas -- nur Spartas nicht -- in

Korinth versammelt; dort wurde »der gemeinsame Friede und Bundesvertrag«

errichtet, vielleicht auf Grund des von König Philipp vorgelegten

Entwurfes, gewiß nicht in der Form eines makedonischen Befehls. Die

Freiheit und Autonomie jeder hellenischen Stadt, der ungestörte Besitz

ihres Eigentums und dessen gegenseitige Garantie, freier Verkehr und steter

Friede zwischen ihnen, das waren die Grundlagen dieser Einigung; sie zu

sichern und ihre Befugnisse auszuführen wurde ein »gemeinsamer Bundesrat«

bestellt, zu dem jeder Staat Beisitzer senden solle; namentlich war die

Aufgabe dieses Synedrions, darüber zu wachen, »daß in den verbündeten

Staaten keine Verbannung oder Hinrichtung wider die bestehenden Gesetze,

keine Konfiskation, Schuldaufhebung, Güterteilung, Sklavenbefreiung zum

Zweck des Umsturzes« vorkomme. Zwischen den so geeinten Staaten und dem

makedonischen Königtum wurde ein ewiger Bund zu Schutz und Trutz errichtet;

kein Hellene sollte gegen den König Kriegsdienste tun oder seinen Feinden

hilfreich sein bei Strafe der Verbannung und des Verlustes von Hab und

Gut. Das Gericht über Bundbrüchige wurde dem Rat der Amphiktyonen

überwiesen. Endlich der Schlußstein des Ganzen: es wurde der Krieg gegen

die Perser beschlossen, »um die von ihnen an den hellenischen Heiligtümern

geübten Frevel zu rächen«; es wurde König Philipp zum Feldherrn dieses

Krieges zu Lande und zur See mit unumschränkter Gewalt ernannt.

Philipp ging nach Makedonien zurück, alle Vorbereitungen zu dem großen

nationalen Kriege zu treffen, den er mit dem nächsten Frühling zu beginnen

gedachte. Jene Hilfesendung der Satrapen nach Thrakien gab ihm den

Rechtsgrund zum Kriege gegen den Großkönig.

Wie denkwürdig, daß in derselben Zeit die Geschicke Siziliens auf

entgegengesetztem Wege sich herstellten. In kläglichstem Zustande, von

Tyrannen bedrückt und von den Karthagern bedroht, hatten sich die Patrioten

Siziliens nach Korinth gewandt, um Rettung zu bitten. Von dort wurde ihnen

mit geringer Macht der hochherzige Timoleon gesandt. Er brach die Tyrannis

in Syrakus, der Reihe nach in den anderen Städten, er warf die Karthager

auf ihre alten Grenzen in der Westecke der Insel zurück (339); er zog in

die befreiten Städte neue hellenische Ansiedler in Menge, er erneute in

ihnen die demokratische Freiheit und die Autonomie; in Sizilien schien die

Art des Staatenlebens, die in der Heimat zusammenbrach, von neuem erblühen

zu sollen. Aber den Tod des Hochgefeierten (337) überdauerte der

neugeschaffene Zustand nur kurze Frist; noch ehe die Karthager sich zu

neuen Angriffen erhoben, waren diese Demokratien auf dem Wege der

Oligarchie oder der Tyrannis, in neuem Nachbarhader. Am wenigsten aus

Großgriechenland konnte ihnen Rettung kommen; den noch nicht verkommenen

Städten dort erwuchsen aus der eben jetzt rasch schwellenden Bewegung der

italischen Völker neue Bedrängnisse; jener König Archidamos von Sparta, den

die Tarentiner in Dienst nahmen, fand, an der Spitze seiner Söldner gegen

die Messapier kämpfend, den Tod, an demselben Tage, heißt es, da Philipp

bei Chaironeia siegte.

Mit dieser Schlacht und dem Korinthischen Bunde war wenigstens in dem

heimatlichen Gebiet der Hellenen eine Einigung geschaffen, die inneren

Frieden und nach außen eine gemeinsame nationale Politik verbürgte -- eine

Einigung nicht bloß völkerrechtlicher, sondern staatsrechtlicher Art, wie

sie einst Thales und Bias den Ioniern empfohlen hatten, nicht eine

Hegemonie, wie sie die Athener in den Tagen ihres schönsten Ruhmes nur zu

bald zur Herrschaft hatten umbilden müssen, um sie zu erhalten, noch

weniger eine solche, wie sie Sparta mit dem Frieden des Antalkidas namens

des Großkönigs und in Ausführung seiner Politik durchzusetzen versucht

hatte, sondern eine Bundesverfassung mit geordnetem Rat und Gericht über

die verbündeten Staaten, mit kommunaler Autonomie der einzelnen, mit

dauerndem Landfrieden und freiem Verkehr zwischen ihnen, mit der Garantie

aller für jeden, endlich zu dem beschlossenen Kriege gegen die Perser so

gefaßt, daß das Wesentliche der Militärhoheit und der auswärtigen Politik

jedes Staates durch den Bundeseid an den Hegemonen des Bundes, den

makedonischen Machthaber, übertragen war.

Wie schwerer Kämpfe, wie scharfer Maßnahmen es bedurft haben mochte, zu

diesem Ergebnis zu gelangen, der makedonische König ehrte sich und die

Hellenen, wenn er voraussetzte, daß der Kampf gegen die Perser, der so erst

möglich wurde, die Macht der doch gemeinsamen nationalen Sache, die Erfolge

nach außen und die Segnungen im Innern, die das gelungene Werk verhieß, die

Niederlagen und Opfer vergessen machen werde, die dessen Schaffung

gefordert hatte. Nicht bloß seine wiederholten Erklärungen und die in dem

Bundesvertrage übernommene Pflicht verbürgten ihnen, daß seine Waffen dem

großen nationalen Kampf geweiht sein würden; sein eigenes Interesse hatte

ihm von Anfang her diese Politik vorgezeichnet, die Kraft Griechenlands zu

sammeln, um den Kampf gegen die Persermacht wagen zu können, diesen Kampf

zu unternehmen, um die irgend noch gesunden Kräfte im hellenischen

Staatenleben desto sicherer zu vereinigen und dauernd zu verschmelzen.

Seine Macht, die und die allein Hellas wie ein schützender Wall gegen die

Barbaren des Nordens deckte, denen Italien schon erlag, war nun so weit und

in feierlichster Weise berufen, an der Spitze des geeinten Hellas den Kampf

gegen die Barbaren im Osten durchzuführen. Das bedeutete: Befreiung der

hellenischen Inseln und Städte, die seit dem Sturz Athens, seit dem Frieden

des Antalkidas dem persischen Joch von neuem verfallen waren, -- die

Erschließung Asiens für den freien Verkehr und die Industrie von Hellas,

für das Einströmen des hellenischen Lebens, -- der Überfülle unruhiger,

gärender, verwilderter Elemente, an denen es bisher in seiner wirren

Kleinstaaterei auf den Tod gekrankt, deren es so krankend nur immer mehr,

immer zerstörendere erzeugt hatte, Raum und Gelegenheit und lockende

Aussicht vollauf in neuen Verhältnissen neue Tätigkeiten zu finden und in

der Fülle neuer Aufgaben arbeitend zu genesen.

Der kosmopolitische Zug, den in dem Griechentum zugleich mit dem zähen

Partikularismus der Weltverkehr, das Flüchtlingswesen, das Söldnertum, die

Kurtisanen, die Aufklärung und Bildung entwickelt hatten, mußte endlich,

wenn er nicht den Rest nationalen Bestandes nutzlos vergeuden sollte, in

geordneter Bewegung, in vorgedachten Wirkungen die ihm entsprechende

Gestaltung finden. In dem Zuge nach Asien konnte er es.

War auf der europäischen Seite so alles zur letzten Entscheidung bereit, so

hatte auf der asiatischen in entsprechender Weise das große Reich der

Perser den Punkt erreicht, wo es in den Machtelementen, in denen einst

seine Erfolge begründet gewesen waren, erschöpft und nur noch durch die

träge Kraft des Bestehens gehalten schien.

Es ist wenig, was von der Natur und Art dieses Perserreiches überliefert

wird, und dieses Wenige meist sehr äußerlicher Art, fast nur von denen

aufgefaßt, welche in den Persern nur die Barbaren sahen und verachteten;

und nur in der großen Gestalt des Dareios, wie sie einer der

Marathonkämpfer in seinem Drama von den Perserkriegen geschildert hat,

empfindet man etwas von dem doch tief-mächtigen Wesen dieses edlen Volkes.

Vielleicht darf man diesen Eindruck ergänzen und vertiefen durch das, was

dasselbe in der unmittelbarsten Gestaltung seines inneren Lebens, in seiner

Religion und seiner heiligen Geschichte ausgesprochen hat. Sie bezeugen die

höhere ethische Kraft, mit der die Perser den anderen Völkern Asiens

gegenüber in die Geschichte eintreten, die ernste und feierliche Auffassung

dessen, um deswillen der einzelne und das Volk lebt.

Rein sein in Werken, rein in Worten, rein in Gedanken, das ist es, was

diese Religion fordert; die Wahrhaftigkeit, die Heiligung des Lebens, die

Pflichterfüllung mit vollster Selbstverleugnung ist das Gesetz, wie es

durch Zarathustra, den Verkünder des göttlichen Wortes, offenbart worden

ist. In den Sagen von Dschemschid und Gustasp, von den Kämpfen gegen Turan

entwickeln sich ihnen, sehr anders als den Hellenen in ihren Gesängen von

Troja und Theben und den Argonauten, die Vorbildlichkeiten dessen, was das

wirkliche Leben suchen und meiden soll.

Denn die Hochebenen vom Demawend bis zum Sindhflusse durchschwärmten in

unvordenklicher Vorzeit wüste Horden; da erschien der Verkünder des alten

Gesetzes, der Hort des Menschen, Haoma, verkündete seine Lehre dem Vater

Dschemschids, und die Menschen begannen sich anzusiedeln und den Acker zu

bauen. Und als Dschemschid König wurde, ordnete er das Leben seines Volkes

und die Stände seines Reichs; unter dem Glanz seiner Herrschaft starben die

Tiere nicht, und die Pflanzen verwelkten nicht, an Wasser und Früchten war

nie Mangel, es war nicht Frost noch Hitze, nicht Tod noch Leidenschaft, und

Friede überall. Er sprach in seinem Stolz: »Verstand ist durch mich, gleich

mir ist noch keiner gekrönt; die Erde ist geworden, wie ich verlangt;

Speise und Schlaf und Freude haben die Menschen durch mich; die Macht ist

bei mir und den Tod habe ich von der Erde genommen; darum müssen sie mich

den Weltschöpfer nennen und anbeten.« Da wich der Glanz Gottes von ihm;

Zohak, der verderbliche, kam über ihn, begann seine furchtbare Herrschaft;

es folgte eine Zeit wilden Aufruhrs, aus der endlich siegend Feridun der

Held hervorging; er und nach ihm sein Geschlecht, das der »Männer des

ersten Glaubens«, herrschten über Iran, immer wieder in schwerem Kampf mit

den wüsten Turaniern, bis dann unter dem sechsten nach Feridun, dem Könige

Gustasp, Zarathustra erschien, der Bote des Himmels, den König zu

unterweisen, damit er dem Gesetz gemäß denke, spreche, handle.

Die Grundlage des neuen Gesetzes war der ewige Kampf des Lichts und der

Finsternis, des Ormuzd und der sieben Erzfürsten des Lichts gegen Ahriman

und die sieben der Finsternis; beide mit ihren Heerscharen ringen um die

Herrschaft der Welt; alles Geschaffene gehört dem Licht, aber die

Finsternis nimmt mit teil an dem rastlosen Kampf; nur der Mensch steht

zwischen beiden, um nach freier Wahl dem Guten zu helfen oder dem Bösen

Raum zu lassen. Die Söhne des Lichtes, die Iranier, kämpfen so den großen

Kampf für Ormuzd, seinem Reiche die Welt zu unterwerfen, sie nach dem

Vorbilde des Lichtwerdens zu ordnen und in Gedeihen und Reinheit zu

erhalten.

So der Glaube dieses Volkes und die Impulse, aus denen sich ihm sein

geschichtliches Leben entwickelt; teils ackerbauende, teils Hirtenstämme in

dem Gebirgsland Persis, unter ihren edlen Geschlechtern, von deren

zahllosen Burgen noch nach Jahrhunderten die Rede ist, an ihrer Spitze der

Stamm der Pasargaden, deren edelstem Geschlecht, dem der Achämeniden, das

Stammkönigtum des Volkes zusteht. Da hat denn der Königssohn Kyros am Hofe

des Großkönigs in Ekbatana so viel Hochmut und Erschlaffung und

verächtliches Wesen gesehen, daß er die Herrschaft an sein strengeres Volk

zu bringen für wohlgetan hält. Er ruft, so lautet die Sage, die Stämme

zusammen, läßt sie den einen Tag ein Stück Feld urbar machen und die ganze

Last der Untertänigkeit fühlen, beruft sie anderen Tags zum festlichen

Mahl; er fordert sie auf zu wählen zwischen jenem traurigen Knechtsleben,

das an der Scholle haftet, und dem herrlicheren des Siegers; und sie wählen

Kampf und Sieg. So zieht er gegen die Meder aus, besiegt sie, wird Herr des

Reiches, das bis zum Halys und bis zum Jaxartes reicht. Weiter kämpfend,

unterwirft er das lydische Königtum und das Land bis zum Meer der Jaonen,

das babylonische Reich bis an die Grenze Ägyptens. Kyros' Sohn Kambyses

fügt das Reich der Pharaonen hinzu; keins der altgeschichtlichen Völker und

Reiche widersteht der Kraft des jungen Volkes. Aber des Großkönigs Zug über

Ägypten hinaus in die Wüste, seinen jähen Tod benutzen die Meder; ihre

Priester, die Magier, machen einen aus ihrer Mitte zum Großkönig, nennen

ihn des Kyros jüngeren Sohn, erlassen den Völkern den Kriegsdienst und die

Tribute auf drei Jahre; und die Völker fügen sich willig. Nach Jahr und Tag

erhebt sich Dareios der Achämenide mit den Häuptern der sechs anderen

Stämme, sie ermorden den Magier und seine vornehmsten Anhänger. »Die

Herrschaft, welche unserm Geschlecht entrissen war, diese brachte ich

wieder zurück; ich habe wiederhergestellt die Heiligtümer und die Verehrung

dessen, der des Reiches Schützer ist; so gewann ich durch Ormuzds Gnade das

Entrissene zurück, ich stellte das Reich glücklich, Persien, Medien und die

anderen Provinzen, wie ehedem«, so sagt eine Inschrift des Dareios.

Dareios hat das Reich organisiert. Da es keine persische Bildung gab, die

wie einst die von Babel und Assur die mit Gewalt Unterworfenen auch

innerlich hätte besiegen und umbilden können, da die Religion des Lichtes,

die eigenste Kraft und der Vorzug des persischen Volkes, nicht bekehren

konnte noch wollte, so mußte die Einheit und Sicherheit des Reiches auf die

Organisation der Macht gestellt werden, die es gegründet hatte und

beherrschen sollte. Es war der vollste Gegensatz dessen, was sich als das

Wesen der Griechenwelt entwickelt hat: in diesem _ein_ Volk, zu zahllosen

kleinen und kleinsten Kreisen in freier Autonomie, in dem Drang

unerschöpflicher Erregbarkeit und Eigenartigkeit sich differenzierend und

auseinander lebend -- in dem Perserreich viele Nationen, meist ausgelebte

und einer eigenen Lebensgestaltung nicht mehr fähige, zusammengeballt durch

die Gewalt der Waffen und zusammengehalten durch die strenge und stolze

Überlegenheit des Perservolkes und des Großkönigs, des »gottgleichen

Menschen«, an dessen Spitze.

Diese Monarchie, vom griechischen Meer bis zum Himalaja, von der

afrikanischen Wüste bis zu den Steppen des Aralsees, läßt die Völker in

ihrer Art, in ihren gewohnten Zuständen, schützt sie in dem, »was ihr Recht

verlangt«, ist tolerant gegen alle Religionen, sorgt für den Verkehr, den

Wohlstand der Völker, läßt ihnen selbst ihre Stammfürsten, wenn sie sich

unterwerfen und Tribut zahlen -- aber stellt über sie alle hoch hin das

starkgefugte Gerüst einer militärischen und Verwaltungseinheit, deren

Träger aus dem herrschenden Stamm, dem der »Perser und Meder«, berufen

werden. Die gleiche Religion, die harte und strenggeübte Lebensweise in

Feld und Wald, die Erziehung der zum Dienst berufenen edlen Jugend am Hofe

und unter den Augen des Großkönigs, dazu die an diesem Hofe versammelte

Kriegsmacht der zehntausend Unsterblichen, der zweitausend Lanzenträger und

zweitausend Reiter, die aus allen Teilen des weiten Reiches in die Hofburg

zusammenfließenden und in dem Reichsschatz aufgesammelten Tribute und

Geschenke, die geordneten Rangstufen und Ämterfolge der am Hofe

versammelten Edlen bis zu den »Tischgenossen«, den »Verwandten« des

Großkönigs hinauf -- das alles zusammen gibt der Zentralstelle des Reiches

die Macht und Wucht, der zusammenhaltende und beherrschende Mittelpunkt zu

sein. Das Netz von Heerstraßen, die durch das ganze Reich erbaut werden,

die Poststationen mit immer bereiten Stafetten, die Festungen an allen

wichtigen Paß- und Grenzpunkten sichern die Verbindung und das möglichst

schnelle Einschreiten der zentralen Macht. Des Großkönigs Boten können so

von Susa bis Sardes -- 350 Meilen -- in weniger als zehn Tagen Depeschen

überbringen, und in jeder Landschaft steht militärische Macht bereit,

auszuführen, was sie befohlen.

Für die Verwaltung teilt Dareios das Reich in zwanzig Satrapien, nicht nach

der Nationalität oder nach historischen Motiven; es sind geographische

Gebiete, wie sie die natürlichen Grenzen bestimmen. Das Verhältnis der dort

Heimischen zum Reich besteht nur darin, daß sie in Gehorsam bleiben, ihre

Tribute zahlen und wenn ein allgemeines Aufgebot ergeht, den Heeresdienst

leisten, den Satrapen mit seinem Hofe und die in den Hauptstädten und

Grenzfesten ihres Bereichs stehenden Truppen des Großkönigs unterhalten.

Die Satrapen -- »Könige nur dem Großkönige untertan« -- haften für den

Gehorsam und die Ordnung in ihrer Satrapie, zu deren Schutz sowie zur

Vergrößerung des Gebietes und des Tributes sie mit und ohne Befehl von der

Hofburg Kriege führen und Frieden schließen. Sie selbst überlassen dann

wohl einzelne Distrikte ihres Gebietes Eingeborenen oder sonst von ihnen

Begünstigten, die dort die Tribute erheben und das Regiment führen. Die

Truppen in der Satrapie stehen zu ihrer Verfügung, aber unter

Befehlshabern, die der König unmittelbar bestellt, oft mit dem Heerbefehl

über mehrere beieinander liegende Satrapien. Die Wachsamkeit und

Tüchtigkeit der Truppen, die Treue der Satrapen, die stete durch die

Sendboten geübte Aufsicht des Großkönigs über sie, diese abgestufte

Pyramide monarchischer Organisation ist die Form, die die untertänigen

Länder und Völker zusammenhält.

In reichen Dotationen, in immer neuen Gnadengeschenken und Ehren, dem hohen

Sold des Kriegsdienstes haben die Edlen und das Volk Persiens den Mitgenuß

der Herrschaft ihres Königs. Dies, und anderseits die stete Überwachung und

Kontrolle, die strengste Disziplin, die willkürliche und oft blutig geübte

Strafgewalt des Königs erhält die zum Dienst Berufenen in Furcht und

Pflichttreue. Wehe dem Satrapen, der auch nur säumig ist, für den Ackerbau,

für den Wohlstand seiner Provinz, für Bewässerung zu sorgen, Paradiese

anzulegen, dessen Provinz sich entvölkert oder im Anbau zurückgeht, der die

Untertanen bedrückt; des Königs Wille ist, daß sie in ihrem Sein und Tun

rechte Diener der reinen Lehre seien. Sie alle sollen auf den König und nur

auf ihn sehen; wie Ormuzd, dessen Abbild und Werkzeug er ist, die Welt des

Lichtes beherrscht und gegen die des verderblichen, Arges sinnenden Ahriman

kämpft, so ist er unumschränkt, unfehlbar, über alle und über alles.

So die Grundzüge dieser Machtbildung, die aus dem eigensten Wesen des

Perservolkes, seiner altgewohnten schlichten Anhänglichkeit an das

Stammhaupt, dem stolzen Zuge der Legitimität in der alten

Geschlechtsverfassung hervorgegangen ist. Diese grandiose Organisation

despotischer Macht war darauf gestellt, daß die persönliche Würdigkeit und

Kraft des einen, der sie innehatte, sich in jedem Nachfolger erneute, daß

der Hof und der Harem in seiner Nähe, die Satrapen und Kriegsobristen in

der Ferne nicht aufhörten, von ihm bestimmt und beherrscht zu werden, daß

das herrschende Volk sich selbst, seiner alten Strenge und Rauheit und der

fraglosen Hingebung an den Gott-König getreu blieb.

Unter Dareios hat die persische Macht die höchste Blüte erlebt, deren sie

fähig war; auch die unterworfenen Völker segneten sein Regiment; selbst in

den griechischen Städten fanden sich überall angesehene Männer, die für den

Preis der Tyrannis gern sich und ihre Mitbürger unter das persische Joch

beugten; die moralische Achtung der edlen Perser vor den klugen Hellenen

wird darum nicht größer geworden sein. Nach Dareios, nach den Niederlagen

von Salamis und Mykale begannen sich Anfänge der Stockung und des Sinkens

zu zeigen, dem das Reich, einer inneren Entwicklung unfähig, verfallen

mußte, wenn es aufhörte, siegend und erobernd zu wachsen. Schon mit dem

Ausgang des Xerxes wurde die Erschlaffung der despotischen Kraft und der

Einfluß des Hofes und Harems fühlbar; die Eroberungen an der thrakischen

Küste, der Hellespont und der Bosporus, die hellenischen Inseln und Städte

an der Küste Kleinasiens waren verloren; bald versuchten einzelne der

unterworfenen Völker sich frei zu machen, schon fand die Empörung Ägyptens

und die Herstellung der altheimischen Dynastie von Hellas her

Unterstützung. Je glücklicher dagegen die Satrapen der vorderen Lande

ankämpften und je mehr sie den persönlichen Willen und die Kraft ihres

Herren nachlassen sahen, desto dreister wurden sie, im eigenen Interesse zu

verfahren, nach selbständiger und erblicher Herrschaft in ihren Satrapien

zu trachten. Aber noch war der festgefugte Bau des Reiches stark genug und

in dem Adel und Volk Persiens die gewohnte Zucht und Treue lebendig genug,

um die da und dort ausbrechenden Schäden zu überwinden.

Ernster wurde die Gefahr, als mit dem Ausgang Dareios' II. (424 bis 404)

dessen jüngerer Sohn Kyros sich zum Aufstande gegen den älteren, Artaxerxes

II., der die Tiara bereits empfangen hatte, erhob. Kyros, nicht vor der

Thronbesteigung des Vaters geboren wie der Bruder, sondern als der Vater

schon König war, glaubte sich in demselben besseren Recht, kraft dessen

einst Xerxes dem Dareios gefolgt war; noch der Vater hatte ihn, den

Liebling der Mutter Parysatis, als »Karanos« nach Kleinasien gesandt, als

»Herrn«, wie es scheint, ihm die Satrapien Kappadokien, Phrygien und Lydien

gegeben; hatten die bisherigen Satrapen an der Seeküste, Tissaphernes und

Pharnabazos, in dem schweren Kampf zwischen Athen und Sparta miteinander

rivalisierend, bald die eine, bald die andere Macht begünstigt, so trat

Kyros in der nach dem Interesse des Reiches gewiß richtigen Politik rasch

und entschieden auf die Seite Spartas. Selbst nach dem Zeugnis der Griechen

war dieser junge Fürst voll Geist und Energie, von militärischem Talent, in

der strengen Art seines Volkes; dem Spartaner Lysandros konnte er den Park

zeigen, den er meist mit eigener Hand geschaffen habe; und als dieser

ungläubig auf seine goldene Kette und seine glänzende Kleidung sah, schwur

Kyros bei Mithras: daß er des Tages nicht eher Speise zu sich nehme, als

bis er in Landarbeit oder kriegerischer Übung seine Pflicht getan. Die

militärische Kunst und Tüchtigkeit der Hellenen hatte er kennen und

würdigen gelernt; daß zumeist durch seine Unterstützung Lysandros der

Athener Meister geworden, mit dem Falle Athens die Seemacht, welche bisher

dem Reiche schweren Abbruch getan, zu Ende war und Sparta ausdrücklich die

Rückkehr der asiatischen Griechenstädte unter die persische Herrschaft

zugesagt hatte, mochte es ihm unbedenklich erscheinen lassen, als Kern des

Heeres, mit dem er das ihm gebührende Reich in Besitz zu nehmen gedachte,

13 000 griechische Söldner, ein buntes Gemisch aus allen griechischen

Staaten, zu werben, denen dann noch Sparta 700 Hopliten nach Issos

nachsandte. Tissaphernes, der Satrap Ioniens, der persönliche Feind des

Kyros, hatte rechtzeitig Warnungen nach Susa gesandt; mit dem Aufgebot des

Reichs rückte Artaxerxes gegen den Empörer aus; am Eingang Babyloniens, bei

Kunaxa, traf er ihn zur Schlacht. Nach dem Siege der Griechen auf ihrem

Flügel, stürmte Kyros mit 600 Reitern auf die 6000 Reiter, die den König

umgaben, durchbrach sie, drang auf den König selbst ein, verwundete ihn,

erlag dann unter den Streichen des Königs und seiner Getreuen. Des Königs

Wunde heilte sein Arzt, der Grieche Ktesias. Auch des Kyros Harem fiel in

des Königs Hand, unter den Gefangenen zwei Griechinnen, die von ihren

Eltern dem Prinzen nach Sardes gebracht waren; die eine von ihnen, eine

Milesierin, flüchtete sich glücklich in das Lager der Hellenen, die andere,

die schöne und hochgebildete Milto von Phokaia, die in des Großkönigs Harem

überging, hat dann dort, wie die Griechen erzählen, lange eine bedeutende

Rolle gespielt.

Äußerlich war die Macht des Großkönigs mit dem Tage von Kunaxa hergestellt.

Aber es war ein Zeugnis tiefer Zerrüttung, daß unmittelbar vor der Schlacht

viele Edle aus dem Reichsheer zu dem Empörer übergegangen waren; es war ein

bedenklicheres Symptom, daß dies Häuflein Griechen auf dem Schlachtfelde

die Massen des Reichsheeres durchbrochen und geschlagen, und dann mitten

durch das Reich in geschlossenen Reihen marschierend die Küste des Pontos

erreicht hatte. War denn die Organisation des Reiches nichts, daß ein

feindliches Heer so ungestraft drei, vier Satrapien durchziehen, deren

Grenzfesten mißachten konnte? Nimmermehr hätte der Empörer die Pässe des

Taurus überschreiten können, wenn der Satrap Kilikiens, aus dem

altheimischen Stamm der Syennesis, wenn die persische Flotte, die unter dem

Ägypter Tamos stand, ihre Schuldigkeit getan hätten. Vor allem, daß Kyros,

mit zu großer Macht in den vorderen Satrapien, die rings von den Küsten her

mit griechischem Wesen durchzogen waren, griechisches Kriegsvolk in Masse

hatte an sich ziehen können, zeigte, daß man mit jenen Satrapien behutsamer

und strenger als bisher verfahren müsse. Nicht das Satrapensystem war

fehlerhaft; es war der Fehler der zentralen Stelle, daß die Karanen und

Satrapen sich hatten gewöhnen können, Politik auf eigene Hand zu machen,

wie Territorialherren zu regimentieren, in den Stadttyrannen,

Steuerpächtern, dotierten Günstlingen sich persönlichen Anhang zu schaffen,

welcher Macht genug gab, nach oben zu trotzen und nach unten zu drücken.

Vielleicht war es nicht erst in diesem Zusammenhange, daß die Zahl der

Satrapien Kleinasiens -- nach der Einrichtung des Dareios I. nur vier --

gemehrt, daß namentlich die große Satrapie Phrygien, welche von der

Propontis bis zum Taurus und den armenischen Gebirgen das ganze innere

Hochland umfaßte, in drei Satrapien -- Phrygien am Hellespont, Großphrygien

und Kappadokien -- zerschlagen, von der Satrapie Ionien das ganze Karien

und die Südküste bis Kilikien abgelöst, daß endlich Kilikien fortan ohne

Satrapen gelassen und, so scheint es, unmittelbares Reichsland wurde.

Schon waren die Spartaner unter Agesilaos' Führung in den vorderen Landen,

den Kampf gegen das Reich zu wagen. Daß Tissaphernes, der in sein früheres

Amt zurückgekehrt war, nicht energischer verfuhr, nicht mehr erreichte, gab

der Königinmutter die Handhabe, den Tod ihres Lieblings an dem Verhaßten zu

rächen; ihm ward ein Nachfolger gesandt mit dem Befehl ihn zu ermorden.

Von sehr ernster Bedeutung war, daß zugleich Ägypten in Waffen stand. Noch

bei Kunaxa hatte auch ägyptisches Kriegsvolk in dem Heere des Großkönigs

gekämpft; aber man wußte in dem Griechenheere bereits, daß Ägypten

abgefallen sei; jener Tamos flüchtete mit der Flotte nach Ägypten, und

Sparta trat mit Memphis in Verbindung, empfing von dort Subsidien und die

Zusage weiterer Hilfe. Nur zu leicht konnten auch die phönizischen Städte,

auch Cypern, wo der König Euagoras das griechische Wesen eifrig förderte,

dem Beispiel Ägyptens folgen; die ganze maritime Macht Persiens stand auf

dem Spiel, während die griechische Landmacht die Satrapien Kleinasiens

bedrängte; dem Reich wiederholte sich die Gefahr der perikleischen Zeit in

gesteigertem Maße. Wie ihr wehren?

Den rechten Weg wies der Athener Konon, der nach der letzten Niederlage der

attischen Macht Zuflucht am Hofe des Euagoras gefunden hatte. Auf seinen

Rat erhielt der Satrap von Phrygien am Hellespont Befehl, eine Flotte

zusammenzubringen und den Staaten in Hellas mit persischem Golde den Kampf

gegen Sparta möglich zu machen. Mit Konons Sieg bei Knidos, mit der

Schilderhebung von Theben, Korinth, Athen, mit des Pharnabazos Seezuge bis

zur lakonischen Küste und seinem Erscheinen in der Versammlung der

Verbündeten zu Korinth war Agesilaos zu schleuniger Heimkehr gezwungen.

Bald hart bedrängt, suchte Sparta des Großkönigs Gunst und Bündnis; es

sandte Antalkidas, jenen Frieden zu schließen, in dem Sparta dem Reiche die

Griechenstädte Asiens und Cypern obendrein preisgab. Nicht mehr

militärisch, aber diplomatisch war damit Persien der Griechen Meister; bald

den Spartanern, bald den Athenern, bald den Thebanern seine Gunst

zuwendend, hielt der Hof von Susa die noch streitbaren Staaten

Griechenlands in Atem; er ließ sie sich selbst zerfleischen.

Nur daß mit diesem Ringen in Hellas auch die Empörer des Großkönigs,

Cypern, Ägypten, die syrische Küste, Gelegenheit fanden, sich dorther

Beistand zu gewinnen, und die Satrapen Kleinasiens schon nicht mehr bloß

nach der Weisung der Hofburg sich zu dem Wirrsal in Hellas verhielten. Des

zu gütigen Artaxerxes Hand war nicht fest genug, die Zügel anzuziehen.

Trotz zehnjährigen Kampfes erlangte er von dem cyprischen Könige nichts,

als daß er sich zur Zahlung des Tributes wie ehedem verstand. Ägyptens

wurde er trotz des hellenischen Söldnerheeres, das er sandte, trotz des

Iphikrates, der es führte, nicht mehr Herr. Die empörten Kadusier in den

Gebirgen der kaspischen Pässe vermochte er mit aller Anstrengung nicht

wieder zu unterwerfen. Die Bergvölker zwischen Susa, Ekbatana und

Persepolis hatten sich der Botmäßigkeit entzogen; sie forderten und

erhielten, wenn der Großkönig mit seinem Hofe durch ihr Gebiet zog, Tribut

für den Durchzug. Schon empörten sich einige der Satrapen Kleinasiens,

Ariobarzanes in Phrygien am Hellespont, Autophradates in Lydien, Mausollos,

Orontes; nur der Verrat des Orontes, den sie zum Führer gewählt hatten,

rettete dem Großkönige die Halbinsel.

Noch trauriger zeigen die Überlieferungen, freilich die griechischen, des

alternden Artaxerxes Schwäche im Bereich seines Hofes; er erscheint da wie

ein Spielball in den Händen seiner Mutter, seines Harems, seiner Eunuchen.

Sein Sohn Dareios, den er, ein Neunziger, zum Nachfolger ernannt mit dem

Recht, schon jetzt die Tiara zu tragen, soll wegen einer Gunst, die ihm von

dem Vater versagt worden, eine Verschwörung gegen dessen Leben angezettelt

und dann auf des Vaters Befehl, dem sie verraten worden, mit dem Tode

gebüßt haben. Zum Thron der nächste war nun Ariaspes, nach ihm Arsames;

aber ein dritter Sohn Ochos, so wird erzählt, trieb den ersten mit falschen

Gerüchten von des Vaters Ungnade zum Selbstmord, ließ den zweiten durch

gedungene Mörder beseitigen. Gleich darauf starb Artaxerxes II. Ochos

folgte ihm.

Ochos erscheint in der Überlieferung als ein asiatischer Despot echter Art,

blutdürstig und schlau, energisch und wollüstig, in der kalten und

berechneten Entschiedenheit seiner Handlungen nur desto furchtbarer; ein

solcher Charakter konnte wohl die im Innersten zerrüttete Persermacht noch

einmal zusammenraffen und mit dem Schein von Kraft und Frische beleben, die

empörten Völker und die trotzigen Satrapen zur Unterwürfigkeit zwingen,

indem er sie auch seine Launen, seine Mordlust, seine wahnsinnige Wollust

schweigend anzusehen gewöhnte. Er begann mit der Ermordung seiner jüngeren

Brüder, ihres Anhanges; und der persische Hof nannte ihn voll Bewunderung

mit dem Namen seines Vaters, der keine Tugend als die Sanftmut gehabt habe.

Die Art, wie der Thronwechsel geschah, vielleicht schon die blutigen

Vorgänge, die ihm vorausgingen, waren Anlaß oder Vorwand zu neuen

Empörungen in den vorderen Satrapien, zu dreisterem Vorgehen Ägyptens. Es

erhob sich Orontes, der Ionien, Artabazos, der Phrygien am Hellespont

hatte; attische Inschriften bezeugen die Verbindung des Orontes mit Athen.

Artabazos hatte zwei rhodische Männer, die Brüder Mentor und Memnon, beide

tüchtige Kriegsleute, an sich gezogen, sich mit ihrer Schwester vermählt,

seine griechischen Söldner unter ihren Befehl gestellt. Die attischen

Strategen Chares, Charidemos, Phokion leisteten ihm Beistand. Andere

Satrapen blieben auf des Königs Seite; namentlich der von Karien, Mausollos

aus dem alten Dynastengeschlecht des Landes; sein Werk war der Abfall der

attischen Bundesgenossen (357), Rhodos, Kos, Chios voran; nur um so

eifriger half Athen den empörten Satrapen; das gegen sie gesandte

königliche Heer wurde durch Chares' Beistand geschlagen; die Athener

jubelten wie über einen zweiten marathonischen Sieg. Aber eine persische

Gesandtschaft erschien in Athen, über Chares Beschwerde zu führen, drohte,

300 Trieren den Feinden Athens zum Beistand zu senden; man beeilte sich,

den Zorn des Königs zu begütigen, schloß mit den empörten Bundesgenossen

Frieden (355). Auch ohne attische Hilfe kämpfte Artabazos weiter; sein

Schwager Memnon unternahm einen Zug gegen den Tyrannen im kimmerischen

Bosporus, mit dem Heraklea im Kriege war, die wichtigste Stadt an der

bithynischen Küste des Pontos. Artabazos selbst gewann Unterstützung von

den Thebanern, die ihm ihren Feldherrn Pammenes mit 5000 Söldnern sandten;

mit deren Hilfe schlug er des Königs Truppen in zwei Schlachten. Dann ließ

Artabazos den thebanischen Feldherrn gefangensetzen, weil er mit den

Gegnern in Verhandlung zu stehen schien; Pammenes mag Weisung dazu aus

Theben empfangen haben, wohin der Großkönig große Geldsummen hatte senden

lassen. Rasch sank nun das Glück des Artabazos; er mußte flüchten (um 351),

er und Memnon fanden an dem makedonischen Hofe Zuflucht, Mentor ging nach

Ägypten.

Ägypten war seit lange der rechte Herd des Kampfes gegen die Persermacht.

Noch als Artaxerxes II. das Reich hatte, war dort von Tachos, dem Sohn des

Nektanebos, ein großes Unternehmen gerüstet; mit einem Heere von 80 000

Ägyptern, 10 000 griechischen Söldnern, zu denen Sparta unter dem alten

Agesilaos noch 1000 sandte, einer Flotte von 200 Schiffen, deren Befehl der

Athener Chabrias übernahm, gedachte Tachos auch das syrische Land zu

erobern. Aber Tachos hatte sich durch Mißtrauen und Zurücksetzung den König

Agesilaos, durch Erpressungen das ägyptische Volk so verfeindet, daß,

während er in Syrien stand, seines Oheims Sohn Nektanebos II. sich zum

Pharao aufwerfen konnte, und da Agesilaos auch die griechischen Truppen

dem neuen Herrn zuwandte, blieb dem Tachos kein anderer Ausweg, als nach

Susa zu flüchten und des Großkönigs Gnade anzuflehen. Gegen Nektanebos

erhob sich in Mendes ein anderer Prätendent, er fand Zulauf in Menge; es

kam so weit, daß der Pharao samt seinen Griechen umstellt, mit Wällen und

Gräben dicht und dichter eingeschlossen wurde, bis gegen die 100 000 Mann

der alte Agesilaos mit seinen Griechen anrückte und den ganzen mendesischen

Haufen auseinander- und in Flucht trieb; es war die letzte Tat des alten

Spartanerkönigs; im Begriff nach Sparta heimzusegeln, starb er (358).

Die dürftigen Überlieferungen dieser Zeit geben nur an, daß noch Artaxerxes

II. seinen Sohn Ochos gegen Ägypten gesandt habe, daß das Unternehmen

gescheitert sei, daß Ochos, gleich nachdem er König geworden, gegen die

Kadusier gekämpft, sie besiegt habe.

Wenige Jahre darauf, um 354, war man in Athen in lebhafter Sorge über die

großen Rüstungen, die König Ochos mache, größere als seit Xerxes' Zeit

gemacht seien; man meinte, er wolle zuerst Ägypten unterwerfen, um sich

dann auf Griechenland zu stürzen; auch Dareios habe erst Ägypten

unterworfen, dann sich gegen Hellas gewandt, auch Xerxes zuerst das empörte

Ägypten bewältigt, dann seinen Zug nach Hellas unternommen; man sprach in

Athen, als sei er schon auf dem Wege: seine Flotte liege bereit, Truppen

übers Meer zu führen, auf 1200 Kamelen werde ihm der Schatz nachgeführt;

mit seinem Golde werde er zu seinem asiatischen Heere hellenische Söldner

in Masse anwerben; Athen müsse eingedenk der Tage von Marathon und Salamis

den Krieg wider ihn beginnen. So schnell freilich war das Reichsheer nicht

beieinander. Und bevor es kam, hatte sich zu der noch währenden Empörung in

Kleinasien auch Phönikien erhoben. Die Sidonier unter ihrem Fürsten Tennes

beredeten auf dem Tage zu Tripolis die anderen Städte zum Abfall; man

verbündete sich mit Nektanebos, man zerstörte die königlichen Schlösser und

Paradiese, verbrannte die Magazine, ermordete die Perser, die in den

Städten waren; sie alle, namentlich das durch Reichtum und Erfindungen

ausgezeichnete Sidon, rüsteten mit größtem Eifer, warben Söldner, machten

ihre Schiffe fertig. Der Großkönig, dessen Reichsheer sich bei Babylon

sammelte, befahl dem Satrapen Belesys von Syrien und dem Mazaios, dem

Verwalter Kilikiens, den Angriff auf Sidon. Aber Tennes, unterstützt von

4000 griechischen Söldnern unter Mentors Führung, die ihm Nektanebos

sandte, leistete glücklichen Widerstand. Zu gleicher Zeit erhoben sich die

neun Städte von Cypern, verbanden sich mit den Ägyptern und Phönikiern,

gleich ihnen unter ihren neun Fürsten unabhängig zu sein. Auch sie rüsteten

ihre Schiffe, warben griechische Söldner. Nektanebos selbst war auf das

beste gerüstet; der Athener Diophantos, der Spartaner Lamios standen an der

Spitze seiner Söldner.

»Mit Schimpf und Schande«, sagt ein attischer Redner dieser Zeit, »mußte

Ochos abziehen.« Er rüstete einen dritten Zug, er forderte die hellenischen

Staaten auf, ihn zu unterstützen; es war in den letzten Stadien des

heiligen Krieges; wenigstens Theben sandte ihm 1000 Söldner unter Lakrates,

Argos 3000 unter Nikostratos; in den asiatischen Griechenstädten waren 6000

Mann geworben, die unter Bagoas' Befehl gestellt wurden. Der Großkönig

befahl dem Satrapen Idrieus von Karien den Angriff auf Cypern; er selbst

wandte sich gegen die phönikischen Städte. Vor solcher Übermacht entsank

diesen der Mut; nur die Sidonier waren entschlossen, den äußersten

Widerstand zu leisten; sie verbrannten ihre Schiffe, um sich die Flucht

unmöglich zu machen. Aber auf Mentors Rat hatte König Tennes bereits

Unterhandlungen angeknüpft, sie beide verrieten die Stadt; als die Sidonier

bereits die Burg und die Tore in Feindes Hand und jede Rettung unmöglich

sahen, zündeten sie die Stadt an und suchten den Tod in den Flammen; 40 000

Menschen sollen umgekommen sein. Den cyprischen Königen sank der Mut, sie

unterwarfen sich.

Mit dem Fall Sidons war der Weg nach Ägypten frei. Das Heer des Großkönigs

zog an der Küste südwärts; nicht ohne bedeutende Verluste gelangte es durch

die Wüste, welche Asien und Ägypten scheidet, unter die Mauern der

Grenzfestung Pelusion, welche von 5000 Griechen unter Philophron

verteidigt wurde; die Thebaner unter Lakrates, voll Begier ihren Waffenruhm

zu bewähren, griffen sogleich an, wurden zurückgeworfen; nur die

einbrechende Nacht rettete sie vor schwerem Verlust. Nektanebos durfte

hoffen, den Kampf zu bestehen; er hatte 30 000 Griechen, ebenso viele

Libyer, 60 000 Ägypter, dazu zahllose Nilschiffe, dem Feind jeden

Flußübergang zu wehren, selbst wenn er die Verschanzungen, die am rechten

Nilufer entlang errichtet waren, genommen hatte.

Der Großkönig teilte seine Macht. Er selbst zog den Nil aufwärts, Memphis

bedrohend. Die boiotischen Söldner und persisches Fußvolk unter Lakrates

und dem lydischen Satrapen Roisakes sollten Pelusion berennen; die Söldner

von Argos unter Nikostratos und 1000 auserwählte Perser unter Aristazanes

wurden mit 80 Trieren ausgesandt, im Rücken von Pelusion eine Landung zu

versuchen; eine vierte Abteilung, in ihr Mentors Söldner und die 6000

Griechen des Bagoas, rückte südwärts von Pelusion auf, die Verbindung mit

Memphis abzuschneiden. Dem verwegenen Nikostratos gelang die Landung im

Rücken der feindlichen Linie, er schlug die dort stehenden Ägypter, die

unter Kleinias von Kos zu deren Unterstützung eilenden griechischen

Söldner. Nektanebos eilte, seine Truppen rückwärts auf Memphis

zusammenzuziehen. Nach tapferem Widerstande übergab Philophron Pelusion

gegen freien Abzug. Mentor und Bagoas wandten sich gegen Bubastis; die

Aufforderung zur Unterwerfung, die Drohung, bei unnützem Widerstande die

Züchtigung, die Sidon erlitten, zu wiederholen, brachte den Zwiespalt

zwischen den Griechen, die bereit waren, ihr Leben daran zu setzen, und den

feigen Ägyptern zum Ausbruch; die Griechen kämpften weiter; der endlichen

Einnahme der Stadt -- sie hätte dem Bagoas, dem Liebling des Königs, das

Leben gekostet, wenn nicht Mentor zu seiner Rettung herbeigeeilt wäre

-- folgte die Besetzung der noch übrigen Plätze des niederen Landes. Der

anrückenden Übermacht gegenüber hielt sich Nektanebos nicht mehr in seiner

Hauptstadt sicher; er rettete sich mit seinen Schätzen stromauf nach

Äthiopien.

So erlag -- um 344 -- Ägypten Artaxerxes III. Er ließ das Land, das sechzig

Jahre dem Reiche entfremdet gewesen war, seinen Zorn fühlen. Die Zeiten des

Kambyses erneuten sich. Es folgten Hinrichtungen in Menge, Plünderungen

ärgster Art; mit eigener Hand durchbohrte der Großkönig den heiligen Stier

Apis, befahl, die Tempel ihres Schmuckes, ihres Goldes, selbst ihrer

heiligen Bücher zu berauben. »Der Dolch« hieß er fortan im Munde des

Volkes. Nachdem Pherendakes zum Satrapen eingesetzt, die griechischen

Söldner überreich beschenkt in die Heimat entlassen waren, kehrte der König

unter unermeßlicher Beute, mit Ruhm bedeckt, nach Susa zurück.

Wie schwer hatten die attischen Redner vor einem Jahrzehnt, als Artaxerxes

III. erst zu rüsten begann, die Gefahr für Hellas geschildert, wenn Ägypten

wieder persisch würde. Jetzt hatte man in Athen nur die Sorge um die

wachsende Macht des makedonischen Königs, der schon die Hand nach Perinth

und Byzanz ausstreckte. Freilich, Philipp mochte meinen, eilen zu müssen,

ehe die Persermacht -- denn griechische Söldner, griechische Bundesgenossen

fand sie so viele, als sie bezahlen wollte -- sich auf Europa stürze; über

sein Gebiet zuerst hätte sich die Flut der Barbaren ergossen.

Das Perserreich stand so gewaltig da wie in seinen besten Tagen; und daß es

gelernt hatte, mit griechischen Feldherren, griechischen Söldnern seine

Kriege zu führen, schien ihm eine neue Überlegenheit zu sichern, solange

die Griechenwelt blieb, wie sie war, voll vagabunder Kräfte, in zahllose

Autonomien zerrissen, in jeder Stadt immer wechselnde Parteiherrschaft. Der

Großkönig hatte das ganze Reich seiner Vorfahren wieder, bis auf das, was

Dareios und Xerxes jenseits des Hellespontes dem Reich einverleibt hatten,

Thrakien, Makedonien, Thessalien. In seinem Chiliarchen Bagoas, in dem

Rhodier Mentor besaß er zwei treffliche Werkzeuge zu weiterem Wirken;

miteinander in geschworener Gemeinschaft, dienten sie dem Herrn, lenkten

sie ihn, Bagoas allmächtig am Hofe und in den oberen Satrapien, Mentor mit

der Küste Kleinasiens betraut, zugleich, wie erscheint, als Karanos, wie

einst Kyros, an der Spitze der Kriegsmacht Kleinasiens.

Auf Mentors Antrag gewährte der Großkönig die Begnadigung des Artabazos,

des Memnon und ihrer Familien, die am makedonischen Hofe Zuflucht gefunden

hatten; sie kehrten zurück. Aus dieser Zeit Mentors ist ein Zug

überliefert, der bedeutsame Zusammenhänge erschließt. Ein Bithynier,

Eubulos, seines Zeichens ein Wechsler, hatte, wohl auf dem Wege der

Tributpachtung, die Stadt Atarneus, das feste Assos, die reiche Küste

gegenüber Lesbos an sich gebracht, sie seinem getreuen Hermeias vererbt,

einem dreimal entlaufenen Sklaven, wie man in dem klatschsüchtigen Athen

sagte; man kannte ihn dort als Schüler Platons, als Freund des Aristoteles;

nach Platons Tod folgte Aristoteles seiner Einladung nach Atarneus (348/47)

zu längerem Aufenthalt. Gegen diesen reichen »Tyrannen« wandte sich Mentor,

lud ihn, um ihm die Wege zur Gnade des Großkönigs zu zeigen, zu einer

Zusammenkunft ein, ließ ihn dann greifen, schickte ihn nach Susa, wo er ans

Kreuz geschlagen wurde; er selbst bemächtigte sich seiner Schätze, seines

Gebietes. Nur seine Nichte und Adoptivtochter rettete sich, flüchtete zu

Aristoteles; er nahm das verarmte, »aber sittsame und wackere Mädchen« zur

Frau.

Es war in der Zeit, da Philipp gegen die Thraker zog, Byzanz, Perinth

bedroht schienen. Demosthenes empfahl damals den Athenern, Gesandte an den

Großkönig zu schicken, ihm den Zweck der makedonischen Rüstungen

darzulegen; es sei ja einer der mächtigsten Freunde Philipps und Mitwisser

aller seiner Pläne bereits aufgegriffen und in des Königs Hand. Den

Perinthern sandte Arsites, der Satrap Phrygiens am Hellespont, Geld,

Proviant, Waffen, Soldtruppen unter dem Athener Apollodoros. Aber auf die

Bitte der attischen Gesandtschaft um persische Subsidien antwortete der

Großkönig in einem »sehr stolzen und barbarischen Schreiben«. Mochte er die

Athener nur verachten oder auch ihnen Verderben sinnen, die Dinge in Hellas

rollten rasch weiter, vollendeten sich in derselben Zeit, da ihn ein jähes

Ende traf.

Seit der glorreichen Rückkehr aus Ägypten saß er in seiner Hofburg, in

zügelloser Willkür und Grausamkeit herrschend. Alle fürchteten und haßten

ihn; der einzige, dem er Vertrauen schenkte, mißbrauchte es. Sein

Vertrauter Bagoas war ein Ägypter; dem Glauben und Aberglauben seines

Vaterlandes, zu dessen Untergang er selbst geholfen, ganz ergeben, hatte er

die Schändung der vaterländischen Heiligtümer und die Ermordung des

heiligen Apis nicht vergessen; je mehr im Reich und am Hofe die Erbitterung

gegen den Großkönig wuchs, desto kühner wurden die Pläne seines tückischen

Günstlings. Der Eunuch gewann den Arzt des Königs, ein Gifttrank machte dem

Leben des Verhaßten ein Ende; das Reich war in des Eunuchen Hand; um desto

sicherer seine Stelle zu behaupten, ließ er des Königs jüngsten Sohn Arses

zum König weihen, die Brüder desselben ermorden; nur einer, Bisthanes,

rettete sich. Das geschah etwa zu der Zeit der Schlacht von Chaironeia.

Bald empfand Arses den frechen Stolz des Eunuchen; er vergaß ihm nicht den

Mord seines Vaters und seiner Brüder. Bagoas eilte ihm zuvorzukommen; nach

kaum zweijähriger Regierung ließ er den König mit seinen Kindern ermorden;

zum zweiten Male war die Tiara in seinen Händen. Aber das königliche Haus

war verödet; durch Ochos' Hand waren Artaxerxes' II. Söhne, durch Bagoas

Ochos' Söhne und Enkel ermordet bis auf jenen Bisthanes, der sich durch die

Flucht gerettet hatte. Noch lebte ein Sohn jenes Dareios, dem sein Vater

Artaxerxes II. die Tiara gewährt, die erbetene Gunst versagt hatte, des

Namens Arbupalos; aber die Augen der Perser wandten sich auf Kodomannos,

der einer Seitenlinie des Achämenidenhauses angehörte; er war der Sohn des

Arsames, des Brudersohnes von Artaxerxes II., und der Sisygambis, einer

Tochter desselben Artaxerxes; in dem Kriege, den Ochos gegen die Kadusier

geführt, hatte er die Herausforderung ihres riesigen Anführers, da kein

anderer sich zu stellen wagte, angenommen und ihn bewältigt; damals war ihm

von den Persern der Preis der Tapferkeit zuerkannt, sein Name von alt und

jung gefeiert worden, der König Ochos hatte ihn mit Geschenken und

Lobpreisungen überhäuft, ihm die Satrapie Armenien gegeben. Mochte Bagoas

jener Stimmung der Perser nachgegeben, oder sich mit der Hoffnung

geschmeichelt haben, daß Kodomannos für die Tiara, die er durch ihn

erlangt, ihm ergeben bleiben werde; früh genug sollte er erkennen, wie sehr

er sich getäuscht hatte. Der König -- Dareios nannte er sich -- haßte den

Mörder und verachtete seinen Rat; Bagoas beschloß, ihn aus dem Wege zu

räumen, er mischte ihm Gift in den Becher; Dareios war gewarnt; er rief den

Eunuchen und hieß ihn, als wäre es ein Zeichen seiner Gunst, den Becher

trinken. So fand Bagoas eine späte Strafe.

Die Zügel der Herrschaft waren in der Hand eines Königs, wie ihn Persien

lange nicht gehabt hatte; schön und ernst, wie der Asiate sich gern seinen

Herrscher denkt, allen huldreich und von allen verehrt, an allen Tugenden

seiner großen Ahnen reich, und frei von den scheußlichen Lastern, die das

Leben des Ochos geschändet und zum Verderben des Reichs gemacht hatten,

schien Dareios berufen, das Reich, das er ohne Schuld und Blut erworben,

von den Schäden zu heilen, an denen es krankte. Keine Empörung störte den

Beginn seiner Herrschaft; Ägypten war dem Reiche wiedergegeben, Baktrien,

Syrien dem Könige treu und gehorsam; von den Küsten Ioniens bis an den

Indus schien Asien so sicher, wie seit lange nicht, geeint unter dem edlen

Dareios. Und dieser König sollte der letzte Enkel des Kyros sein, der über

Asien herrschte, gleich als ob ein unschuldiges Haupt büßen müsse, was

nicht mehr zu heilen war.

Schon stieg im fernen Westen das Wetter, das Persien vernichten sollte,

empor. Schon hatten die seeländischen Satrapen Botschaft gesandt, daß der

makedonische König mit den Staaten von Hellas Frieden und Bündnis

geschlossen habe, daß er sein Heer rüste, um mit dem nächsten Frühling in

die Provinzen Kleinasiens einzubrechen. Dareios wünschte auf jede Weise

diesen Krieg zu vermeiden; er mochte ahnen, wie sein ungeheures Reich, in

sich zerrüttet und abgestorben, nur eines äußeren Anstoßes bedürfe, um

zusammenzubrechen. So zögernd, versäumte er die letzte Frist, dem Angriff,

den er fürchtete, zuvorzukommen.

In derselben Zeit, da er das Königtum übernahm, sandte König Philipp die

ersten Truppen unter Parmenions und Attalos' Befehl über den Hellespont,

sich in den griechischen Städten der nächsten Satrapien festzusetzen. Schon

war an die Genossen des hellenischen Bundes die Weisung erlassen, ihre

Kontingente nach Makedonien, ihre Trieren zur makedonischen Flotte zu

senden. Er selbst gedachte demnächst aufzubrechen, um an der Spitze der

makedonisch-hellenischen Macht das Werk zu beginnen, für das er bisher

gearbeitet hatte.

Geschichte Alexanders des Grossen · 第 14 / 50 题