Die erste Auflage von J. G. Droysens »Geschichte Alexanders des Großen«
erschien im Jahre 1833 und erwies sich von vornherein als eine derjenigen
seltenen und ausgezeichneten historischen Veröffentlichungen, die lange
Jahre hindurch ihren Wert unverändert beibehalten. Im Jahre 1898 kam eine
fünfte Auflage heraus. Jetzt, da diese wertvolle Arbeit zum sechsten Male
der Öffentlichkeit übergeben wird, sind seit ihrem ersten Erscheinen 84
Jahre vergangen.
Daß eine historische Arbeit während so langer Zeit ihre hohe Rangstufe hat
behaupten können, beruht ohne Zweifel zum großen Teil auf der Natur ihres
Quellenmaterials. Die Schicksale Alexanders sind von seinen klassischen
Geschichtschreibern geschildert worden, und innerhalb der von diesen
gezogenen Grenzen mußte der moderne Forscher sich bewegen. Jedoch schließt
das nicht aus, daß sich in den letzten Jahren neues Licht über viele
Einzelheiten verbreitet hat. Die von Alexander durchzogenen Gebiete von
West-Asien sind heute unvergleichlich viel besser bekannt, als zur Zeit
Droysens, und man hat deshalb jetzt die Spuren des makedonischen Königs
weit besser verfolgen können, als ehedem. An der Hand der vorhandenen
genauen Karten vom Hindukusch, hat man bezüglich der Pässe, über die
Alexander seine Heere geführt hat, seine Schlüsse ziehen können. Wiederholt
sind neue Beiträge zur Kenntnis seiner Märsche gegeben worden und nicht
zum wenigsten haben deutsche Forscher dazu beigetragen.
Alexanders Feldzug gehört zu den glänzendsten Taten der Kriegsgeschichte,
und kaum irgendeiner der großen Namen der alten Zeit ist von solchem Glanz
umstrahlt wie der seine. Jahrtausende haben nicht vermocht, seinen Ruhm
erblassen zu lassen. Über seine Eigenschaften als Feldherr sagt Hans
Delbrück in seiner Geschichte der Kriegskunst (II, 227): »Alexander war
nicht nur ein großer Feldherr, sondern auch ein Feldherr im großen Stil.
Aber er war noch mehr. Er nimmt dadurch eine einzigartige Stellung ein, daß
er den welterobernden Strategen und den unübertroffenen, tapferen,
ritterlichen Vorkämpfer in einer Person vereinigt. Kunstvoll führt er das
Heer an den Feind heran, überwindet Geländehindernisse, läßt es aus
Engpässen aufmarschieren, kombiniert die verschiedenen Waffen je nach den
verschiedenen Umständen verschieden von stärkster Gesamtwirkung, sichert
strategisch seine Basis und seine Verbindungen, sorgt für die Verpflegung,
wartet ab, bis die Vorbereitungen und Rüstungen vollendet sind, stürmt
vorwärts, verfolgt nach dem Siege bis zur äußersten Erschöpfung der Kräfte,
und derselbe Mann kämpft in jedem Gefecht an der Spitze seiner Ritterschaft
mit Speer und Schwert, dringt an der Spitze der Sturmkolonne in die Bresche
oder überspringt als erster die feindliche Mauer.«
Nicht nur Europa ist es, das seinem Namen Bewunderung zollt. Auch im
westlichen Asien, das so reich an sagen- und legendenhaften Gestalten ist,
lebt seine Erinnerung noch fort. Wie oft hört man nicht in Turkestan
geographische Namen, wie Iskender-tagh, Iskender-kul oder andere
Gegenstände als Berge und Seen, die mit seinem Namen verknüpft sind.
Oberhalb Babylon gibt es einen Kanal, der noch seinen Namen trägt, Nahr
Iskenderije. In Unkenntnis betreffend den Platz, wo er starb, und die
Stelle, wohin seine Leiche übergeführt wurde, machen verschiedene Orte in
Zentralasien darauf Anspruch, seine irdische Hülle zu bergen. Im Jahre 1890
besuchte ich in Margelan ein »Gur-i-Iskender Bek« oder Alexanders Grab. Die
Margelan-Bewohner waren stolz darauf, dieses Grab zu besitzen. Auf dem in
ihrer Einbildung bemerkenswerten Platz erhob sich eine kleine Moschee, auf
deren Mauer eine Inschrift bekundete, daß der Zar die Mittel zur
Wiederherstellung der Grabmoschee bewilligt hatte. Mitten auf dem Hofe sah
man einen großen gemauerten Grabstein, unter welchem der Heldenkönig
angeblich ruht.
Auch andere als Geschichtsforscher haben Grund, sich in das Studium des
Feldzuges Alexanders zu vertiefen. So habe ich z. B. in meinem Buche Ȇber
Land nach Indien« (II, 200) an der Hand der Schilderungen, die wir über
Alexanders Feldzug durch das südliche Belutschistan besitzen, zu beweisen
versucht, daß das Klima in diesem Teil von Asien seit jener Zeit keine
nennenswerten Veränderungen aufzuweisen hat. Wenn man das erste Kapitel von
Delbrücks Heereszahlen liest, fühlt man sich doch versucht, in Frage zu
stellen, ob Alexander wirklich vermocht hat, mit 30 bis 40 000 Kämpfern,
einer Anzahl, die Droysen ebenfalls anführt, nach Westen aufzubrechen.
Für einen Forschungsreisenden, der das Glück gehabt hat, bis zur Quelle des
Indus vorzudringen, ist es von großem Interesse, Arrians Geschichte über
Alexanders Vorstellungen über das Verhältnis des Indussystems zum Nil zu
lesen. Der große Feldherr tritt hier auch als Entdeckungsreisender im
großen Stil hervor, und es wird einem klar, daß auch die geographischen
Probleme Gegenstand seiner Aufmerksamkeit waren. »Zwar hatte er früher in
dem Indus, dem einzigen Flusse außer dem Nil, Krokodile gesehen, und an den
Ufern des Acesines ebensolche Bohnen, wie sie der Boden Ägyptens
hervorbringt, und zudem gehört, daß der Acesines sich in den Indus ergieße,
und bildete sich nun ein, die Quellen des Nils aufgefunden zu haben: der
Nil, glaubte er nämlich, entspringe hier irgendwo in Indien, durchströme
hierauf viel ödes Land und verliere daselbst seinen Namen Indus; wo er
sodann seinen Lauf wieder durch bewohntes Land fortsetze, werde er nun von
den Äthiopen jener Gegend und den Ägyptern Nil genannt, -- wie ihm auch
Homer nach dem Lande Ägyptos den Namen Ägyptos beigelegt habe -- und
ergieße sich dann endlich in das Mittelmeer. Und demgemäß habe er auch in
einem Briefe an die Olympias neben anderen Nachrichten über das indische
Land ihr geschrieben, daß er die Quellen des Nil glaube aufgefunden zu
haben, wobei er freilich seine Schlüsse in einer so wichtigen Sache auf
recht unbedeutende und nichtssagende Beweisgründe stützte. Als er sich
jedoch genauer über den Fluß Indus erkundigt, habe er von den Eingeborenen
erfahren: der Hydaspes fließe in den Acesines, der Acesines in den Indus,
und beide geben an diesen ihren Namen ab; der Indus dagegen ergieße sich in
das große Meer, und zwar in zwei Mündungen, ohne in irgendeiner Verbindung
mit Ägypten zu stehen. Darauf habe er im Briefe an seine Mutter die
Nachricht über den Nil wieder getilgt«....
Da er also anfänglich in dem Glauben lebte, daß er die Quelle des Nils
entdeckt hätte (#Nili se caput reperisse arbitrabatur#), aber nachher
erfuhr, daß er es nur mit dem Indus zu tun hatte, muß er seine Fahrt
abwärts dieses Flusses, in der Annahme, dessen Quelle entdeckt zu haben,
begonnen haben. Denn daß er davon überzeugt war, sich in unmittelbarer
Nähe der Quelle befunden zu haben, geht sowohl aus Arrian als aus Strabo
hervor, von denen letzterer vom Aornus sagt: #cujus radices Indus non
procul a fonte suo alluit#. Um ausfindig machen zu können, was die alten
Geographen unter »Indus-Quelle« verstanden, wäre es von Wert gewesen, zu
erfahren, wo Aornus lag. Aller Wahrscheinlichkeit nach glaubte man, daß die
Quelle gerade an dem Punkt gelegen war, wo die gewaltige Wassermenge der
Talmündung entströmte, hinter der nichts anders als hohe, unübersteigbare
Berge sichtbar waren. Noch vor 250 Jahren wurde die Hydrographie des
Himalaja in dieser Weise dargestellt; man konnte ja auch nichts anderes
erwarten, da das ganze Bergland im Norden eine vollständige #Terra
incognita# war.
Droysens Arbeit über Alexander gehört zu den Büchern, die ich stets nahe
zur Hand habe und zu denen ich immer gleich gerne zurückkehre. Die am
meisten sagenähnliche Epoche im Leben des Heldenkönigs spielt sich ja auf
dieser alten asiatischen Erde, wo ich dreizehn glückliche Jahre verbracht
habe, ab. Einzig und allein dieser Umstand erklärt es, daß ich dazu
aufgefordert wurde, zu dieser neuen Auflage von Droysens Buch über
Alexanders Leben ein Vorwort zu schreiben. Noch im Sommer 1916 hatte ich
Gelegenheit, mich seines Namens zu erinnern, als ich in Begleitung des
Professors Koldewey die Ruinen Babylons durchwanderte. Wir kamen damals
auch zu den Überresten von Emach, Ninmachs Tempel, von denen Koldewey
annimmt, daß es hier war, wo Alexander, auch während seiner letzten
Krankheit, seine täglichen Opfer darbrachte. (Vergleiche auch Koldewey: Die
Tempel von Babylon und Borsippa, Leipzig 1911, Seite 17.)
In Hindenburgs Vaterland, in diesem Deutschland, das mit unsterblichem Ruhm
seinen Kampf fast gegen die ganze übrige Welt auskämpft, wird Makedoniens
König, Asiens Eroberer zahlreichere Freunde und Bewunderer finden, als
jemals zuvor.
Stockholm, 28. März 1917.
Sven Hedin