Der König fand die Antwort des grossen /Caramussal/ so unger

Hinweise zur Transkription

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Der vorliegende Text wurde anhand der 1904 erschienenen Ausgabe nahezu

originalgetreu wiedergegeben. Rechtschreibung und Zeichensetzung

entsprechen den damaligen Gepflogenheiten und wurden durchgängig

beibehalten. Dies gilt ebenfalls für unterschiedliche Schreibweisen,

selbst wenn dadurch Inkonsistenzen entstehen.

Die Buchausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt; zur Heraushebung

einiger Passagen in der Einleitung wurde Antiqua-Schrift verwendet.

Im vorliegenden Text wurden diese Stellen zwischen Unterstriche

(_) gesetzt. Insbesondere Eigennamen wurden gesperrt dargestellt,

allerdings nicht konsequent durchgängig; dies wurde hier beibehalten.

Die betreffenden Textstellen stehen zwischen Schrägstrichen (/). Rein

französischsprachige Zitate sind mit „Guillemets“ (« ») umgeben.

Gegenüber dem Originaltext vorgenommene Korrekturen:

# S. V: fehlender Satzpunkt wurde eingefügt.

# S. 12: "Histiorie“ → „Historie“

Wieland

Geschichte des Prinzen Biribinker

Kulturhistorische

Liebhaberbibliothek

Band 11

Geschichte

des Prinzen Biribinker

von

Wieland

Herausgegeben und eingeleitet

von

_Dr._ Carl Schüddekopf

Dritte Auflage.

[Illustration]

Berlin und Leipzig

Magazin-Verlag Jacques Hegner

1904

Alle Rechte vom Verleger vorbehalten

Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig

Einleitung.

„Wieland als Konvertit“ ist eins der merkwürdigsten Probleme unsrer

vorklassischen Literatur, die an intimen persönlichen Bekenntnissen

nicht eben reich ist. Wie sich der junge, weltfremde Gelehrte aus einem

schwärmerischen Heiligen zum frivolen Spötter wandelt, wie er am Schluß

seines Schweizer Aufenthalts aus den seraphischen Sphären Bodmers

zur Erde herabsteigt und in Biberach Freunde wie Feinde durch die

radikalsten Zeugnisse seiner Umkehr in Staunen setzt, ist sicherlich

eins der interessantesten Kapitel in der noch zu schreibenden

Biographie des Dichters. Derselbe Wieland, der noch am 27. August

1758 in einem ausführlichen ungedruckten Briefe an den Braunschweiger

Professor Ebert schrieb: „Ein _bel-Esprit_ ist allemal auch ein Glied

der menschlichen Gesellschaft; und ich schätze ihn nur alsdann, wenn

er als _bel-Esprit_ der Gesellschaft nützlich ist. Der Mißbrauch des

Genie und der Künste hat mich schon lange äußerst gekränkt, und es

war ein _creve-cœur_ für mich, Deutschland mit tändelnden Poesien

und läppischen Nachahmungen des Anakreon, und dergleichen überhäuft zu

sehen. -- Ich konnte nicht kaltsinnig von Leuten sprechen, die ich als

Verführer der Jugend und Verderber des ächten Geschmaks einer gantzen

Nation ansehen mußte“ -- derselbe unduldsame Gegner der Anakreontik

hatte, als er diesen Brief schrieb, auf den meisten Punkten bereits den

Rückzug angetreten. Schon damals spielte er gern mit seinen Meinungen,

wie Goethe später von ihm sagte; denn um dieselbe Zeit bedauert er

seine übertriebenen Angriffe auf Uz und Genossen, empfiehlt als

kräftiges Gegenmittel gegen die platonische Schwärmerei den Plutarch

und Don Quixote und entwirft den Plan zu einem satirischen Roman nach

Lucian. Das wichtigste literarische Dokument für diesen psychologischen

Prozeß in Wieland ist aber das Feenmärchen, das wir der in jüngster

Zeit sich wieder mehrenden Zahl von Freunden des Dichters hier in einem

Neudruck vorlegen.

Die „Geschichte des Prinzen Biribinker“ ist ursprünglich nicht

separat erschienen, sondern sie ist eine freilich nur lose eingefügte

Innenerzählung des ersten großen Wielandschen Romans, der unter dem

Titel „Der Sieg der Natur über die Schwärmerey, oder die Abentheuer

des Don Sylvio von Roselva, Eine Geschichte, worinn alles Wunderbare

natürlich zugeht“, im Jahre 1764 zu Ulm erschien. Daß dieser Don Sylvio

eine direkte Nachahmung des Don Quixote ist, hat der Dichter selbst

später bestätigt; wie Cervantes seinen Helden durch die Ritterromane,

so läßt Wieland den Don Sylvio auf dem einsamen Schloß seiner Tante,

der Donna Mencia, durch die Lektüre der Feenmärchen den Sinn für die

Wirklichkeit verlieren und mit seinem Diener Pedrillo, dem Pendant

zum Sancho Pansa, eine Reihe erträumter Abenteuer bestehen, bis er

durch die Liebe zu Donna Felicia und die Bemühungen seines Freundes

Don Gabriel von seiner Schwärmerei geheilt wird. Ein Radikalmittel des

letzteren ist die Geschichte des Prinzen Biribinker, die er an einem

schönen Sommerabend in der Laube des Gartens von Schloß Lirias der

Gesellschaft, die bereits auf das abenteuerlichste vorbereitet ist,

erzählt, um dadurch eine Probe zu machen, „wie weit das Vorurtheil und

die Einbildung bei unserm Helden gehe“. Es gelingt ihm in der Tat, den

Don Sylvio zunächst unter Berufung auf seine Quelle, den glaubwürdigen

Geschichtsschreiber Paläphatus, zu täuschen und später durch die

Enthüllung, daß die ganze Geschichte von seiner eignen Erfindung sei,

zu beschämen und von seinem Glauben an das Übernatürliche zu heilen.

Ein literarisches Symbol für die menschliche Selbstbefreiung, die

der Dichter in den letzten Jahren selbst durchgemacht hatte! Wie Don

Sylvio von seiner Schwärmerei für das Wunderbare durch Don Gabriel

und Donna Felicia geheilt wird, so befreite sich Wieland in Biberach

durch den Verkehr mit dem Grafen Stadion und Sophie la Roche von seiner

platonischen Schwärmerei; auch bei ihm siegte die Natur!

Um den Don Sylvio zu kurieren, wählt Don Gabriel das wirksamste Mittel:

er sucht den ganzen Feenspuk durch Verspottung _ad absurdum_ zu führen.

Diese Karrikatur ist bis zum Schluß folgerichtig durchgeführt, und

ich kann Scherers Ansicht, daß Wieland die Feenmärchen verspotte, „um

selbst den Eingang in ihre Zaubergärten zu erlangen“ -- ein Vorgang

also, wie wir ihn etwa bei Hauffs Satire gegen Clauren beobachten --

wenigstens für diese Zeit nicht teilen. Wielands spätere romantische

Dichtungen beruhen auf ganz anderen literarischen Voraussetzungen, wie

der Don Sylvio.

Aus dieser Tendenz des Romans und der kleinen Innenerzählung ergibt

sich schon mit Notwendigkeit, daß der Dichter die zu parodierenden

Feenmärchen selbst heranziehen und benutzen mußte. Denn darin besteht

der Hauptreiz jeder Karrikatur, daß sie die vorhandene Vorlage

übertrumpft und überbietet. In der Tat ist denn auch die Geschichte

des Prinzen Biribinker ein Meisterstück der Entlehnungskunst, die

bei Wieland überhaupt so virtuos ausgebildet ist. Durch mehrere

Untersuchungen von Mayer (Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte

5, 374), Tropsch (Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte,

Neue Folge, 12, 454 und Euphorion, Ergänzungsheft 4, 32), Martens

(Untersuchungen über Wielands Don Sylvio, Halle 1901) und Steinberger

(Lucians Einfluß auf Wieland, Göttingen 1902) ist in den letzten

Jahren die Quellenfrage geklärt und der Einfluß, den neben Cervantes

die französischen Feenmärchen und Lucian auf den Don Sylvio im

allgemeinen und speziell auf den Biribinker ausgeübt haben, zur

Genüge nachgewiesen. Die meisten Namen (wie Padmanaba, Caramussal,

Caraculiamborix) und eine Fülle von Motiven und Situationen lassen

sich auf die genannten Vorbilder zurückführen. Das literarhistorische

Interesse an diesen Entlehnungen würde allein genügen, um der kleinen

Erzählung dauernden Wert zu verleihen.

Aber auch was Wieland Eigenes hinzugefügt hat, ist wichtig. Ich meine

nicht sowohl die Führung der Erzählung, die witzige Verspottung der

unsinnigen Abenteuer des Helden, die in der Tragik seines Namens

„Biribinker“ und in dessen Umwandlung in „Cacamiello“ gipfelt, sondern

die virtuose Art, mit der die Moral gleicherweise auf den Kopf gestellt

wird wie die physischen Gesetze. Eine so beißende und doch graziöse

Unterhaltung über die weibliche Tugend, wie sie die schöne Mirabella

mit dem Helden unsrer Erzählung führt, war in der deutschen Literatur

etwas bis dahin Unerhörtes; und es ist kein Wunder, daß Wielands

Freundin Julie v. Bondeli sie ihm verdachte. Seinen Zweck, _«de

turlupiner certaines femmes, qui osent prétendre au sentiment et ne

sont au font que des espèces méprisables»_, wie er am 16. Juli 1764

an sie schreibt, hat er zweifelsohne ebenso erreicht, wie Hogarth mit

seinen Zeichnungen, auf die er sich beruft.

Die „Geschichte des Prinzen Biribinker“ ist endlich deswegen von

besonderem Interesse, weil sie Reste eines älteren Planes zu einem

verlorenen Roman Wielands herübernimmt, der eine Nachahmung von

Lucians Ảλεθὴς Ἱστορία werden sollte. Wieland schreibt

darüber am 20. März 1759 an J. G. Zimmermann (Ausgewählte Briefe

I, 345): „So bald Sie verlangen, so will ich Ihnen das erste Buch

von Lucian des Jüngern wahrhafter Geschichte zusenden. Es ist ein

Manuscript, dessen Verfasser der Welt ein Geheimniß bleiben muß. _Il y

va presque de la tête._“ Am 27. März heißt es vom ersten Buch dieser

Geschichte: _«il n'est pas encore assez poli, et le second livre n'est

pas achevé»_. Näheres geht aus Wielands Brief an Zimmermann vom 6.

April 1759 (Ausgewählte Briefe I, 352) hervor, worin er schreibt:

_«Si mon plan devoit être exécuté, j'en donnerois III tomes, chacun

composé de plusieurs livres et chapitres. Le premier tome seroit le

plus extravagant. Le second livre de I. tome, qui fait celui que

je vous ai envoyé, contient la description de deux Républiques, le

troisième celle d'un Etat d'Abeilles intelligentes, le quatrième celle

d'une nation, nommée Pagodes, dont le gouvernement, les mœurs et

la religion sont tout ce qu'il y a de plus détestable. Le cinquième

contiendra un voyage très-singulier dans le ventre d'une Baleine, avec

les aventures merveilleuses et intéressantes, qui arrivent à l'auteur

dans cette étrange région.»_ Wieland bittet Zimmermann um sein Urteil,

indem er zugleich das erste Kapitel des Buchs übersendet; obwohl es

günstig ausfiel und die Fortsetzung folgte (Ausgewählte Briefe I,

361), hat Wieland doch später das Manuskript vernichtet, infolge einer

abfälligen Kritik, die seine Freundin Julie v. Bondeli über derartige

Satiren fällte. Nur einiges davon ist später in die Geschichte des

Prinzen Biribinker übergegangen, so der Bienenstaat (Seite 14 unseres

Neudruckes) und die Begebenheiten im Walfischbauch (Seite 93 ff.).

All diese Gründe rechtfertigen wohl zur Genüge einen Neudruck

der witzigen kleinen Satire; es kommt hinzu, daß sie als ein

abgeschlossenes Ganzes sich leicht aus dem Rahmen des umfangreichen

„Don Sylvio“ herauslösen läßt, wie schon der Umstand beweist, daß

bereits der erste Verleger des Wielandschen Romans fünf Jahre nach

seinem Erscheinen eine besondere Ausgabe davon veranstaltete. Diesem

ersten seltenen Einzeldruck sind wir in der äußeren Einkleidung,

bis auf Wiedergabe der Kopf- und Schlußleisten gefolgt und haben

dementsprechend die Zwischenreden der handelnden Personen des Romans

fortfallen lassen; daß dagegen dem Text selbst die erste Ausgabe von

1764 zugrunde zu legen sei, konnte nicht zweifelhaft sein. Schon

der Einzeldruck von 1769 zeigt einige wichtige Abweichungen (z. B.

„nicht einmal“ für „nur nicht“ 14,5. 23,16, „weiß“ für „weißt“ 4,4.

70,16. 83,16. 136,22), denen die späteren Ausgaben von 1772 und 1794

so viele sprachliche und stilistische Veränderungen hinzufügen,

daß neben ihnen die erste Fassung stets ihre Geltung behaupten

wird. Weiter prätendirt unser Neudruck nichts. Sache der großen

historisch-kritischen Ausgabe, die von der Berliner Akademie der

Wissenschaften unter Bernhard Seufferts Leitung ins Leben gerufen

wird, muß es sein, die Veränderungen, die der Dichter während seiner

langen schriftstellerischen Tätigkeit an seinen Werken vornahm, zu

verzeichnen, damit endlich ein über hundert Jahre alter Wunsch erfüllt

werde, den Goethe 1795 in seiner Streitschrift: „Litterarischer

Sansculottismus“ aussprach: aufmerksame Bibliothekare möchten eine

Sammlung aller Ausgaben von Wielands Werken veranstalten, damit ein

verständiger fleißiger Literator aus den stufenweisen Korrekturen

dieses unermüdet zum Bessern arbeitenden Schriftstellers die ganze

Lehre des Geschmacks entwickeln könne.

Weimar, im Februar 1904.

_Dr._ Carl Schüddekopf.

[Illustration: Geschichte des Prinzen Biribinker]

Geschichte des Prinzen Biribinker.

[Illustration: I]

In einem Lande, dessen weder Strabo noch Martiniere Erwähnung thun,

lebte einst ein König, der den Geschichtschreibern so wenig zu

verdienen gab, daß sie aus Rachbegierde mit einander einig wurden, so

gar seine Existenz bey der Nachwelt zweiffelhaft zu machen. Allein

alle ihre boßhaften Bemühungen haben nicht verhindern können, daß sich

nicht einige glaubwürdige Urkunden erhalten hätten, in denen man alles

findet, was sich ungefehr von ihm sagen ließ. Diesen Urkunden zufolge

war er eine gute Art von einem Könige, machte des Tages seine vier

Mahlzeiten, hatte einen guten Schlaf, und liebte Ruhe und Frieden so

sehr, daß es bey hoher Strafe verboten war, die blossen Namen Degen,

Flinte, Canone und dergleichen in seiner Gegenwart zu nennen. Das

merkwürdigste an seiner Person, (sagen die bemeldten Urkunden) war

ein Wanst von einer so majestätischen Peripherie, daß ihm die grösten

Monarchen seiner Zeit hierinn den Vorzug lassen mußten. Ob ihm der

Beyname des Grossen, den er bey seinen Lebzeiten geführt haben soll,

um dieses nehmlichen Wanstes oder einer andern geheimen Ursache willen

gegeben worden, davon läßt sich nichts gewisses sagen; so viel aber

ist ausgemacht, daß in dem ganzen Umfange seines Reichs niemand war,

den dieser Beyname einen einzigen Tropfen Bluts gekostet hätte. Wie es

darum zu thun war, daß seine Majestät aus Liebe zu dero Völkern und zu

Erhaltung der Thron-Folge in dero Familie, sich vermählen sollte, so

hatte die Academie der Wissenschaften nicht wenig zu thun, vermittelst

der gegebenen Grösse des königlichen Wanstes und einiger anderer

Verhältnisse die Figur derjenigen Princeßin zu bestimmen, welche man

würdig halten konnte, die Hofnungen der Nation zu erfüllen. Nach einer

langen Reyhe von academischen Sitzungen wurde endlich die verlangte

Figur, und durch eine grosse Menge von Gesandtschaften, die an alle

Höfe von Asien geschickt wurden, die Princeßin ausfindig gemacht,

die mit dem gegebenen Modell übereinstimmte. Die Freude über ihre

Ankunft war ausserordentlich, und das Beylager wurde mit so grosser

Pracht vollzogen, daß sich wenigstens fünfzig tausend Paare von den

königlichen Unterthanen entschliessen mußten ledig zu bleiben, um

seiner Majestät die Unkosten von dero Hochzeit bestreiten zu helfen.

Der Präsident der Academie, der, ungeachtet er der schlechteste

Geometer seiner Zeit war, sich alle Ehre der obgedachten Erfindung

beyzulegen gewußt hatte, glaubte mit gutem Grunde, daß nunmehr sein

ganzes Ansehen von der Fruchtbarkeit der Königin abhange, und weil er

in der Experimental-Physik ungleich stärker war, als in der Geometrie,

so fand er, man weißt nicht was für ein Mittel, die Berechnungen der

Academie zu verificiren. Kurz, die Königin gebahr zu gehöriger Zeit den

schönsten Prinzen, der jemals gesehen worden ist, und der König hatte

eine so grosse Freude darüber, daß er den Präsidenten auf der Stelle zu

seinem ersten Vezier ernannte.

Sobald der Prinz gebohren war, versammelte man zwanzig tausend junge

Mädchen von ungemeiner Schönheit, die man zum voraus aus allen

Enden des Reichs zusammen berufen hatte, um eine Säugamme für ihn

auszuwählen. Man muß gestehen, daß unter allen diesen jungen Mädchen

nicht eine einzige Jungfer war; allein man glaubte, sie würden sich

nur desto besser zu dem ehrenvollen Amte schicken, wozu man sie nöthig

hatte, und wozu sich jede die meiste Hofnung machte, weil der erste

Leibartzt ausdrücklich verordnet hatte, daß die Wahl auf die schönste

fallen sollte. Aus zwanzig tausend schönen die schönste auszuwählen,

ist keine so leichte Commißion, als man denken möchte; auch hatte der

Leibartzt, ungeachtet er eine gute Brille auf der Nase sitzen hatte,

so viel Mühe, einen zureichenden Grund zu finden, warum er einer vor

der andern den Vorzug geben sollte, daß bereits der dritte Tag sich zum

Ende neigte, ehe er es nur so weit gebracht hatte, die Kandidatinnen

von zwanzig tausend auf vier und zwanzig zu bringen. Allein, da doch

endlich eine Wahl getroffen werden mußte, so war er eben im Begriff

unter den vier und zwanzig einer grossen Brunette den Vorzug zu geben,

weil sie unter allen den kleinsten Mund und die schönste Brust hatte,

Eigenschaften, die, wie er versicherte, /Galenus/ und /Avicenna/

schlechterdings von einer guten Amme fordern; als man unvermuthet eine

gewaltig grosse Biene nebst einer schwarzen Ziege ankommen sah, welche

vor die Königin gelassen zu werden begehrten.

Frau Königin, sprach die Biene, ich höre, sie brauchen eine Amme für

ihren schönen Prinzen. Wenn sie das Vertrauen zu mir haben wollten,

mir vor diesen zweybeinigten Creaturen den Vorzug zu geben, so sollte

es sie gewiß nicht gereuen. Ich will den Prinzen mit lauter Honig von

Pomeranzen-Blüthen säugen, und sie sollen ihre Lust daran sehen, wie

groß und fett er dabey werden soll. Sein Athem soll so lieblich riechen

wie Jasmin, sein Speichel soll süsser seyn als Canarien-Sect, und seine

Windeln ----

Gestrenge Frau Königin, fiel ihr die Ziege ins Wort, nehmen sie sich

vor dieser Biene in Acht, das will ich ihnen als eine gute Freundin

gerathen haben. Es ist wahr, wenn ihnen sehr viel daran gelegen ist,

daß ihr junges Herrchen süß werde, so taugt sie dazu besser als irgend

eine andere; aber es laurt, wie das Sprüchwort sagt, eine Schlange

unter den Blumen. Sie wird ihn mit einem Stachel begaben, der ihm

unendlich viel Unglück zuziehen wird. Ich bin nur eine schlechte Ziege;

aber ich schwöre eurer Majestät bey meinem Bart, meine Milch wird ihm

weit besser zuschlagen als ihr Honig; und wenn er schon weder Nectar

noch Ambrosia machen wird, so versprech ich ihnen hingegen, daß er der

tapferste, der weiseste und der glücklichste unter allen Prinzen seyn

soll, die jemals Ziegenmilch getrunken haben.

Jedermann verwunderte sich, da man die Ziege und die dicke Biene so

reden hörte. Allein die Königin merkte gleich, daß es zwo /Feen/ seyn

müßten, und dieses machte sie eine ziemliche Weile unschlüßig, was sie

thun sollte. Endlich erklärte sie sich für die Biene; denn weil sie

ein wenig geitzig war, so dachte sie: Wenn die Biene ihr Wort hält, so

wird der Prinz allenthalben so viel Süßigkeiten von sich geben, daß

man das Confect für die Tafel wird ersparen können. Die Ziege schien

es sehr übel zu nehmen, daß sie abgewiesen wurde: sie meckerte dreymal

etwas unverständliches in ihren Bart hinein, und siehe! da erschien ein

prächtig lackirter und vergoldeter Wagen von acht Phönixen gezogen; die

schwarze Ziege verschwand in dem nehmlichen Augenblick, und an ihrer

statt sahe man ein kleines altes Weibchen in dem Wagen sitzen, die mit

vielen Drohungen gegen die Königin und den jungen Prinzen, durch die

Luft davon fuhr. Der Leib-Medicus war über eine so seltsame Wahl nicht

weniger mißvergnügt, und wollte der Brunette mit dem schönen Busen den

Antrag machen, ob sie nicht Lust hätte, die Stelle einer Haußmeisterin

bey ihm einzunehmen; allein zum Unglück kam er schon zu spät, und mußte

sichs gefallen lassen mit einer von den übrigen neunzehn tausend, neun

hundert und sechs und siebenzig vorlieb zu nehmen; denn die vier und

zwanzig waren alle schon bestellt.

Inzwischen machten die Drohungen der schwarzen Ziege dem Könige

so bang, daß er noch an dem nehmlichen Abend seinen Staats-Rath

versammlete, um sich zu berathen, was bey so gefährlichen Umständen

zu thun seyn möchte; denn weil er gewohnt war, sich alle Nacht mit

Mährchen einschläfern zu lassen, so wußte er wohl, daß die Feen nicht

für die Langeweile zu drohen pflegen. Nachdem nun die weisen Männer

alle bey einander waren, und ein jeder seine Meynung gesagt hatte, so

befand sichs, daß sechs und dreyßig Räthe in grossen viereckichten

Perücken, nicht weniger als sechs und dreyßig Vorschläge gethan hatten,

wovon an jedem wenigstens sechs und dreyßig Schwierigkeiten ausgesetzt

wurden; man stritt in mehr als sechs und dreyßig Seßionen mit vieler

Lebhaftigkeit, und der Prinz würde vermutlich mannbar geworden seyn,

ehe man eines Schlusses hätte einig werden können, wenn nicht der

Favoritt Hof-Narre seiner Majestät den Einfall gehabt hätte, daß man

eine Gesandtschaft an den grossen Zauberer /Caramussal/ schicken

sollte, der auf der Spitze des Berges Atlas wohnte, und von allen

Orten her wie ein Orackel um Rath gefragt wurde. Weil nun der Hofnarr

das Herz des Königs hatte, und in der That für den feinsten Kopf des

ganzen Hofes gehalten wurde, so fiel ihm jedermann bey, und in wenig

Tagen wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, welche, die Taggelder zu

ersparen, mit so grosser Geschwindigkeit reiseten, daß sie in drey

Monaten auf der Spitze des Berges Atlas anlangten, ob er gleich bey

nahe zwey hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt war.

Sie wurden so gleich vor den grossen /Caramussal/ gelassen, der in

einem prächtigen Saal auf einem Throne von Ebenholtz sitzend, den

ganzen Tag genug zu thun hatte, auf alle die wunderlichen Fragen

Antwort zu geben, die aus allen Theilen der Welt an ihn gebracht

wurden. Der erste Abgesandte, nachdem er sich den Bart gestrichen und

dreymal geräuspert hatte, öfnete eben einen ziemlich grossen Mund

um eine schöne Anrede herzusagen, die ihm sein Secretair aufgesetzt

hatte, als ihn /Caramussal/ unterbrach; Herr Abgesandter, sagte

er, ich schenke ihnen ihre Rede, ob ich es ihnen gleich an ihrer

Physionomie ansehe, daß sie sehr hübsch gelautet haben würde; ich habe

selbst den ganzen Tag so viel zu reden, daß mir keine Zeit zum hören

übrig bleibt; und zu dem, so weiß ich schon voraus, was sie bey mir

anzubringen haben. Sagen sie dem König, ihrem Herrn, er habe sich an

der Fee /Caprosine/ eine mächtige Feindin gemacht; indessen sey es

doch nicht unmöglich, die Zufälle, so sie dem Prinzen angedroht habe,

auszuweichen, wenn man die gehörige Vorsicht gebrauche, daß er vor

seinem achtzehnten Jahre kein /Milchmädchen/ zu sehen bekomme. Weil es

aber, aller Vorsicht ungeachtet, eine sehr schwere, wo nicht unmögliche

Sache ist, seinem Schicksal zu entgehen, so seye mein Rath, daß man,

um auf alle Fälle gefaßt zu seyn, dem Prinzen den Namen /Biribinker/

gebe, dessen geheime Kräfte allein mächtig genug sind, ihn aus allen

den Abentheuern, die ihm zustossen könnten, glücklich heraus zu führen.

Mit diesem Bescheid entließ /Caramussal/ die Gesandtschaft, welche nach

Verfluß abermaliger drey Monate, unter allgemeinem Zujauchzen des Volks

wieder in der Hauptstadt ihres Landes anlangte.

Der König fand die Antwort des grossen /Caramussal/ so ungereimt,

daß er grosse Lust hatte, darüber böse zu werden. Bey meinem Bauch,

rief er, (denn das war sein grosser Schwur) ich glaube, der grosse

Caramussal hat seinen Spaß mit uns -- /Biribinker/! was für ein

verfluchter Name das ist! Hat man auch jemals gehört, daß ein Prinz

/Biribinker/ geheissen hätte? Ich möchte doch wohl wissen, was für eine

geheime Kraft in diesem närrischen Namen stecken soll? Und wenn ich die

Wahrheit sagen soll, das Verbot, ihm vor seinem achtzehnten Jahre kein

Milchmädchen sehen zu lassen, däucht mich nicht viel gescheidter. Warum

dann gerade kein Milchmädchen? Und seit wenn sind die Milchmädchen

gefährlicher als andere Mädchen? Wenn er noch gesagt hätte, keine

Tänzerin oder kein Kammerfräulein von der Königin, das wollt ich noch

gelten lassen; denn, unter uns, ich wollte nicht gut dafür seyn, daß

ich nicht selbst gelegenheitlich eine kleine Anfechtung von dieser Art

bekommen könnte. Indessen, weil es der grosse /Caramussal/ nun einmal

so haben will, so mag der Prinz immerhin /Biribinker/ heissen; er

wird wenigstens der erste dieses Namens seyn, und das gibt einem doch

immer ein gewisses Ansehen in der Historie; und was die Milchmädchen

anbetrift, so will ich schon Anstalt machen, daß auf fünfzig Meilen um

meine Residenz weder Kuh noch Ziege, Melk-Kübel noch Milchmädchen zu

finden seyn soll.

Der König, dessen geringste Sorge war die Folgen seiner

Entschliessungen vorher zu überlegen, war würklich im Begriff ein Edict

deßhalb ergehen zu lassen, als ihm sein Parlament durch eine zahlreiche

Deputation vorstellen ließ, daß es sehr hart, um nicht gar tyrannisch

zu sagen, heraus kommen würde, wenn Sr. Majestät getreue Unterthanen

gezwungen werden sollten, den Caffee künftig ohne Milchrahm zu trinken;

und weil die vorläufige Nachricht von diesem Edict würklich schon ein

grosses Murren unter dem Volk erregte: so mußten sich Seine Majestät

endlich entschliessen, nach dem Beyspiele so vieler andern Könige in

den Feen-Geschichten, dero Cron-Prinzen unter der Aufsicht seiner Amme,

der Biene, von sich zu entfernen, und es ihrer Klugheit zu überlassen,

wie sie ihn vor den Nachstellungen der Fee /Caprosine/ und vor den

Milchmädchen sicher stellen wollte.

Die /Biene/ brachte also den kleinen Prinzen in einen grossen Wald,

der wenigstens zwey hundert Meilen im Umfang hatte, und so unbewohnt

war, daß man in seinem ganzen Bezirk nur nicht einen Maulwurf gefunden

hätte. Sie baute durch ihre Kunst einen unermeßlichen Bienenkorb von

rothem Marmor, und legte um denselben einen Park von Pomeranzen-Bäumen

an, der sich über fünf und zwanzig Meilen in die Länge und Breite

erstreckte. Ein Schwarm von hundert tausend Bienen, deren Königin sie

war, beschäftigte sich für den Prinzen und das Serail der Königin Honig

zu machen, und damit man seinetwegen vollkommen sicher seyn könnte,

so wurden rings um den Wald alle fünf hundert Schritte Wespen-Nester

angelegt, welche Befehl hatten, die Grenzen aufs schärfste zu bewachen.

Indessen wuchs der Prinz heran, und übertraf durch seine Schönheit

und wunderbare Eigenschaften alles, was jemals gesehen worden ist. Er

spuckte lauter Syrup, er pißte lauter Pomeranzen-Blüth-Wasser, und

seine Windeln enthielten so köstliche Sachen, daß sie von Zeit zu Zeit

der Königin zugeschickt werden mußten, damit sie an Gala-Tägen ihren

Nach-Tisch daraus verbessern konnte. So bald er zu reden anfieng,

lallte er Concetti und Epigrammata, und sein Witz wurde nach und nach

so stachlicht, daß ihm keine Biene mehr gewachsen war, ob gleich die

dümmste im ganzen Korbe zum wenigsten so viel Witz hatte als einer von

den vierzigen der _Academie Francoise_.

Allein so bald er das siebenzehnte Jahr erreicht hatte, regte sich ein

gewisser Instinct bey ihm, der ihm sagte, daß er nicht dazu gemacht

seye, sein Leben in einem Bienenkorbe zuzubringen. Die Fee /Melisotte/,

(so nannte sich seine Amme) wandte zwar alles an, ihn aufzumuntern

und zu zerstreuen; sie verschrieb ihm eine Anzahl sehr geschickter

Katzen, die ihm alle Abend ein Französisches Concert oder eine Opera

von /Lulli/ vormauen mußten; er hatte ein Hündchen, das auf dem Seil

tanzte, und ein dutzend Papagayen und Elstern, die sonst nichts zu thun

hatten, als ihm Mährchen zu erzählen, und ihn mit ihren Einfällen zu

unterhalten; allein das wollte alles nichts helfen; /Biribinker/ sann

Tag und Nacht auf nichts anders, als wie er aus seiner Gefangenschaft

entwischen möchte. Die gröste Schwierigkeit, die er dabey sah, waren

die verwünschten Wespen, die den Wald bewachten, und in der That kleine

Thierchen waren, die einen Herkules hätten erschrecken können, denn sie

waren so groß wie junge Elephanten, und ihr Stachel hatte die Figur

und bey nahe auch die Grösse der Morgensterne, deren sich die alten

Schweitzer mit so gutem Erfolg zu Behauptung ihrer Freyheit zu bedienen

pflegten. Da er sich nun einsmals voller Verzweiflung über seine

Gefangenschaft unter einen Baum geworfen hatte, näherte sich ihm eine

Hummel, die wie alle übrigen männlichen Bewohner des Bienenstocks die

Grösse eines halb gewachsenen Bären hatte.

Prinz /Biribinker/, sagte die Hummel, wenn sie Langeweile haben,

so versichere ich sie, daß es mir noch schlimmer geht: Die Fee

/Melisotte/, unsre Königin, hat mir seit etlichen Wochen die Ehre

angethan, mich zu ihrem Liebling zu erkiesen; aber ich gestehe ihnen,

daß ich der Last meines Amtes nicht gewachsen bin. Sie hat, unter uns

geredet, über fünf tausend Hummeln in ihrem Serail, die gewiß nicht

müßig sind; ich wollte mich nicht beschweren, wenn sie mich den übrigen

gleich hielte; aber, Sapperment! der Vorzug, den sie mir gibt, fängt

mir an beschwerlich zu fallen; ich sage ihnen, daß es nicht länger

auszustehen ist. Wenn sie wollten, Prinz, so wäre es ihnen ein leichtes

sich selbst und mir die Freyheit zu verschaffen. -- Was ist denn zu

thun, fragte der Prinz? -- Ich bin nicht allezeit eine Hummel gewesen,

antwortete der mißvergnügte Liebling, und sie allein sind im Stande

mir meine erste Gestalt wieder zu geben. Setzen sie sich auf meinen

Rücken; es ist Abend, und die Königin ist in ihrer Celle in Geschäften

begriffen, die ihr keine Freyheit lassen, sich um etwas anders zu

bekümmern. Ich will mit ihnen davon fliegen; aber sie müssen mir

versprechen, daß sie thun wollen, was ich von ihnen verlange. Der Prinz

versprach es ihm, er setzte sich ohne Bedenken auf, und die Hummel

flog so schnell mit ihm davon, daß sie in sieben Minuten aus dem Walde

waren. Nunmehro, sprach die Hummel, sind sie in Sicherheit. Die Macht

des alten Zauberers /Padmanaba/, der mich in diese Umstände gebracht

hat, erlaubt mir nicht weiter mit ihnen zu gehen; aber hören sie was

ich ihnen sagen werde. Wenn sie auf diesem Wege linker Hand fortgehen,

so werden sie endlich in eine grosse Ebene kommen, wo sie eine Heerde

himmelblauer Ziegen sehen werden, die um eine kleine Hütte herum

weiden. Nehmen sie sich ja in acht, daß sie nicht in die Hütte hinein

gehen, oder sie sind verlohren. Halten sie sich immer linker Hand, und

gehen sie fort, bis sie endlich zu einem verfallenen Pallast kommen,

dessen noch übrige Pracht ihnen beweisen wird, was er ehmals gewesen

ist. Sie werden durch etliche Höfe an eine grosse Treppe von weissem

Marmor kommen, welche sie in einen langen Gang führen wird, wo sie zu

beyden Seiten eine Menge prächtiger und hell erleuchteter Zimmer finden

werden. Gehen sie ja in keines derselben hinein, sonst schließt es sich

augenblicklich von selbst wieder zu, und keine menschliche Gewalt kan

sie wieder heraus bringen. Sie werden aber eines davon verschlossen

finden, und dieses wird sich öfnen, so bald sie den Namen /Biribinker/

aussprechen. In diesem Zimmer bringen sie die Nacht zu, das ist alles,

was ich von ihnen verlange. Glückliche Reise, gnädiger Herr, und wenn

sie sich bey meinem Rath wohl befinden, so vergessen sie nicht, daß ein

Dienst des andern werth ist.

Mit diesen Worten flog die Hummel davon, und ließ den Prinzen in

keiner mittelmässigen Erstaunung über alles, was sie ihm gesagt hatte.

Voller Ungedult nach den wundervollen Begebenheiten, die ihm bevor

stunden, gieng er die ganze Nacht durch, denn es war Mondschein und

mitten im Sommer. Des Morgens erblickte er die Wiese, die Hütte und die

himmelblauen Ziegen. Er erinnerte sich des Verbots gar wohl, das die

Hummel ihm so nachdrücklich eingeschärft hatte; allein er fühlte beym

Anblick der Ziegen und der Hütte eine Art von Anziehung, der er nicht

widerstehen konnte. Er gieng also in die Hütte hinein, und fand niemand

darinn als ein junges Milchmädchen in einem schneeweissen Leibchen und

Unterrock, die im Begriff war etliche Ziegen zu melken, die an einer

diamantnen Krippe angebunden stunden. Der Melk-Kübel, den sie in ihrer

schönen Hand hatte, war aus einem einzigen Rubin gemacht, und statt

des Strohes war der Stall mit lauter Jasmin und Pomeranzen-Blüthen

bestreut. Alles dieses war freylich bewundernswürdig genug, allein der

Prinz bemerkte es kaum, so sehr hatte ihn die Schönheit des jungen

Mädchens geblendet. In der That Venus in dem Augenblick, da sie von den

Zephyren ans Gestade von Paphos getragen wurde, oder die junge Hebe,

wenn sie halb aufgeschürzt den Göttern Nectar einschenkte, waren weder

schöner noch reitzender als dieses Milchmädchen. Ihre Wangen beschämten

die frischesten Rosen, und die Perlenschnuren, womit ihre Arme und ihre

kleinen netten Füßchen umwunden waren, schienen nur dazu zu dienen, die

blendende Weisse derselben zu erhöhen. Nichts konnte zierlicher und

reitzender seyn als ihre Gesichts-Züge und ihr Lächeln, über ihr ganzes

Wesen war ein Ausdruck von Zärtlichkeit und Unschuld ausgebreitet,

und ihre kleinsten Bewegungen hatten diesen namenlosen Reitz, dem die

Herzen beym ersten Anblick entgegen fliegen. Diese bezaubernde Person

schien auf eine eben so angenehme Art über den Prinzen /Biribinker/

betroffen, als er über sie; halb unschlüßig, ob sie bleiben oder

fliehen wollte, blieb sie stehen, und betrachtete ihn mit einem

verschämten Blicke, worinne Schüchternheit und Vergnügen sich zu

vermischen schienen. Ja, ja, rief sie endlich aus, indem sich der Prinz

zu ihren Füssen warf, er ist es, er ist es! -- Wie? rief der entzückte

Prinz, der aus diesen Worten schloß, daß sie ihn schon kenne, und daß

er ihr nicht gleichgültig seye; ist der allzuglückliche /Biribinker/ --

Götter! schrie das Milchmädchen, indem sie ganz bestürzt zurück bebte,

was für einen verhaßten Namen höre ich! wie sehr haben meine Augen

und mein voreiliges Herz mich betrogen! Fliehe, fliehe, unglückliche

/Galactine/ -- Mit diesen Worten floh sie würklich so schnell aus der

Hütte, als ob sie der Wind davon führete. Der bestürzte Prinz, der

den Abscheu nicht begreiffen konnte, den sie vor seinem Namen hatte,

lief ihr nach so schnell als er konnte; allein das Milchmädchen flog,

daß ihre Fußsolen kaum die Spitzen des Grases berührten. Umsonst

beflügelten die Schönheiten, die ihr flatterndes Gewand in jedem

Augenblick entdeckte, die Begierden und die Füsse des nacheilenden

Prinzen; er verlohr sie in einem dichten Gebüsche, wo er den ganzen Tag

hin und wieder lief, und jedem Rascheln oder Flüstern, das er hörte,

nachgieng, ohne daß er die mindeste Spur von ihr finden konnte.

Indessen war die Sonne untergegangen, und er befand sich unvermerkt

an der Pforte eines alten Schlosses, welches halb eingefallen schien.

Denn es ragten allenthalben Mauerstücke von Marmor und umgestürzte

Säulen von den kostbarsten Edelsteinen aus dem Gesträuch hervor, und er

stieß sich alle Augenblicke an Trümmern, wovon der schlechteste eine

Insel auf dem festen Lande werth war. Er merkte hieraus, daß er bey dem

Pallast sey, wovon ihm sein guter Freund, die Hummel, gesagt hatte, und

hofte, (wie die verliebten hofnungsvolle Leute zu seyn pflegen) sein

holdseliges Milchmädchen vielleicht hier zu finden. Er arbeitete sich

durch drey Vorhöfe durch, und kam endlich an die Treppe von weissem

Marmor. Zu beyden Seiten stund auf jeder Stuffe, deren zum wenigsten

sechzig waren, ein grosser geflügelter Löwe, der bey jedem Athemzug so

viel Feuer aus seinen Naßlöchern schnaubte, daß es heller als bey Tag

davon wurde; aber es versengte ihm nur nicht ein Haar, und die Löwen

sahen ihn nicht so bald, so spannten sie ihre Flügel aus, und flohen

mit grossem Gebrüll davon.

Der Prinz /Biribinker/ gieng also hinauf, und kam so gleich in eine

lange Galerie, wo er die ofnen Zimmer fand, wovor ihn die Hummel

gewarnt hatte. Ein jedes derselben führte in zwey oder drey andere,

und die Pracht, womit sie eingerichtet und ausgeschmückt waren,

übertraf alles, was sich seine Einbildungs-Kraft vorstellen konnte,

ungeachtet ihm die Feerey nichts neues war. Allein dieses mal nahm er

sich wohl in acht, seiner Neugier den Zügel zu lassen, und gieng so

lange fort, bis er an eine verschlossene Thüre von Ebenholz kam, an

welcher ein goldener Schlüssel steckte. Er versuchte lange vergeblich

ihn umzudrehen; aber so bald er den Namen /Biribinker/ ausgesprochen

hatte, sprang die Thüre von sich selbst auf, und er befand sich in

einem grossen Saal, dessen Wände ganz mit crystallenen Spiegeln

überzogen waren. Er wurde von einem diamantnen Cronleuchter erhellt,

an welchem in mehr als fünf hundert Lampen lauter Zimmet-Oel brannte.

In der Mitte stund ein ovaler Tisch von Elfenbein mit smaragdenen

Füssen, für zwo Personen gedeckt, und zur Seiten zween Schenktische

von Lasur-Stein, die mit goldenen Tellern, Bechern, Trinkschaalen

und anderm Tisch-Geräthe versehen waren. Nachdem er alles, was

sich in diesem Saale seinen Augen darbot, eine gute Weile voller

Erstaunen betrachtet hatte, erblickte er eine Thüre, durch die er in

verschiedene andere Zimmer kam, wovon immer eines das andere an Pracht

der Auszierung überglänzte. Er besah alles Stück vor Stück, und wußte

nicht mehr, was er davon denken sollte. Die Zugänge zu diesem Pallast

hatten ihm ein zerstörtes Schloß angekündiget; das Innwendige schien

keinen Zweifel übrig zu lassen, daß es bewohnt sey; und doch sah und

hörte er keine lebendige Seele. Er durchgieng alle diese Zimmer noch

einmal, er suchte überall, und entdeckte endlich in dem letzten noch

eine kleine Thüre in den Tapeten. Er öfnete sie, und befand sich in

einem Cabinet, worinn die Feerey sich selbst übertroffen hatte. Ein

angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es, ohne daß man

die Quelle dieser zauberischen Dämmerung entdecken konnte. Die Wände

von polirtem schwarzem Granit stellten, wie eben so viele Spiegel,

verschiedene Scenen von der Geschichte des /Adonis/ und der /Venus/

mit einer Lebhaftigkeit vor, die der Natur gleich kam, ohne daß man

errathen konnte, durch was für eine Kunst diese lebende Bilder sich dem

Stein einverleibet hatten. Liebliche Gerüche wie von Frühlingswinden

aus frisch aufblühenden Blumenstücken herbey geweht, erfüllten das

ganze Gemach, ohne daß man sah, woher sie kamen, und eine stille

Harmonie, wie von einem Concert, das aus tiefer Ferne gehört wird,

umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr, und schmelzte das

Herz in zärtliche Sehnsucht. Ein wollüstiges Ruhebett, von welchem ein

marmorner Liebes-Gott, der zu athmen schien, den wallenden Vorhang

halb hinweg zog, war das einzige Geräthe in diesem anmuthsvollen

Ort, und erweckte in dem Herzen unsers Prinzen ein geheimnißvolles

Verlangen nach etwas, wovon er, so neu als er noch war, nur dunkle

Begriffe hatte, ob ihm gleich die Tapeten, die er sehr aufmerksam

und nicht ohne eine süsse Unruhe betrachtete, einiges Licht zu geben

anfiengen. In diesen Augenblicken stellte sich ihm das Bild des schönen

Milchmädchens mit einer neuen Lebhaftigkeit dar, und nachdem er eine

Menge vergeblicher Klagen über ihren Verlust angestimmt hatte, fieng

er von neuem an zu suchen, bis er es müde wurde. Weil er nun diesesmal

nicht glücklicher war als vorher, so begab er sich wieder in das

Cabinet mit dem Ruhebette, zog seine Kleider aus, und war im Begriff

sich niederzulegen, als eines der unvermeidlichsten Bedürfnisse der

menschlichen Natur ihn nöthigte, sich unter dem Bette umzusehen. Er

fand würklich ein Gefäß von Crystall, an welchem noch Merkmale zu sehen

waren, daß es vor Zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient hatte. Der

Prinz fieng schon an es mit Pomeranzen-Blüth-Wasser zu begiessen, als

er, o Wunder, das crystallene Gefäß verschwinden, und an dessen statt

-- eine junge Nymphe vor sich stehen sah, die so schön war, daß es

unmöglich hätte scheinen sollen, so sehr über sie zu erschrecken, als

der Prinz würklich erschrack. Sie lachte ihn so freundlich an, als ob

sie einander schon längst gekannt hätten, und ehe er sich noch aus

seiner Bestürzung erhohlen konnte, sagte sie zu ihm: Willkommen Prinz

Biribinker! Lassen sie sichs nicht verdriessen einer jungen /Fee/

einen Dienst gethan zu haben, die ein barbarischer Eyfersüchtiger über

zwey Jahrhunderte lang zu einem Werkzeug der niedrigsten Bedürfnisse

mißbraucht hat. Reden sie aufrichtig, Prinz; finden sie nicht, daß

mich die Natur zu einem edlern Gebrauch bestimmt hat? Sie sagte dieses

mit einem gewissen Blick, dessen Directions-Linie den bescheidenen

Biribinker in einige Verwirrung setzte. Er hatte, wie wir wissen, so

viel Witz als man haben kan, aber wir müssen hinzu setzen, eben so

viel Unbesonnenheit; er merkte, daß er der Fee etwas verbindliches

sagen sollte; weil er aber gewohnt war, alles was er sprach, mit

einem gewissen Schwung zu sagen, so konnte all sein Witz dißmal nicht

verhindern, daß er nicht etwas sehr dummes sagte. Es ist ein Glück für

sie, schönste Nymphe, antwortete er ihr, daß ich die Absicht nicht

haben konnte, ihnen den seltsamen Dienst zu leisten, den ich ihnen

unwissender Weise geleistet habe; denn ich versichere sie, daß ich

sonst allzuwohl gewußt hätte, was der Wohlstand ----

O! machen sie nicht so viel Complimente, erwiederte die Fee, in den

Umständen, worinn sich unsere Bekanntschaft anfängt, sind sie sehr

überflüßig. Ich habe ihnen nichts geringers als mich selbst zu danken,

und da wir nicht länger als diese Nacht beysammen bleiben werden,

so müßte ich mir selbst Vorwürfe machen, wenn ich ihnen Anlaß gäbe,

die Zeit mit Complimenten zu verderben. Ich weiß, daß sie der Ruhe

bedürftig sind; sie sind schon ausgekleidet, legen sie sich immer zu

Bette. Es ist zwar das einzige, das in diesen Gemächern ist, aber es

steht ein Sopha in dem grossen Saal, auf dem ich die Nacht ganz bequem

werde zubringen können.

Madame, versetzte der Prinz, ohne daß er selbst recht wußte, was er

sagte, ich würde in diesem Augenblick -- der glücklichste unter allen

Sterblichen seyn, wenn ich nicht -- der unglücklichste wäre. Ich muß

ihnen gestehen, ich finde was ich nicht gesucht habe, indem ich suchte,

was ich verlohren hatte, und wenn nicht der Schmerz, sie gefunden zu

haben, die Freude meines Verlusts -- Nein, die Freude, wollt ich sagen,

sie gefunden zu haben --

Je nun, wahrhaftig, fiel ihm die /Fee/ ins Wort, ich glaube sie

schwärmen! Was wollen sie mir mit allem dem Galimathias sagen? Kommen

sie, Prinz /Biribinker/, gestehen sie mir in guter Prosa, daß sie in

ein Milchmädchen verliebt sind. ----

„Sie rathen so glücklich, sagte der Prinz, daß ich ihnen gestehen muß.

----

O! daraus haben sie gar kein Bedenken zu machen, fuhr die /Fee/ fort;

und in ein Milchmädchen, das sie diesen Morgen in einer schlechten

Hütte angetroffen haben, in einem Stall, was man sagen möchte. ----

„Aber, ich bitte sie, woher -- wie können sie ----

Und die auf einer Streu von Pomeranzen-Blüthen im Begriff war eine

himmelblaue Ziege in einen Kübel von Rubin zu melken -- nicht wahr?

Wahrhaftig! rief der Prinz, für eine Person, die vor einer

Viertelstunde (nehmen sie mirs nicht ungnädig) noch -- ich will nicht

sagen was? war, wissen sie erstaunlich viel ----

„Und die davon lief, so bald sie den Namen /Biribinker/ hörte ----

Aber, ich bitte sie, Madame, woher können sie das alles wissen, da sie

doch, wie sie sagen, schon zwey hundert Jahre in dem sonderbaren Stande

gewesen sind, worinn ich die Ehre gehabt habe, sie so unverhoft kennen

zu lernen.

Nicht so unverhoft auf meiner Seite als sie sich einbilden, antwortete

die /Fee/; aber heissen sie ihre Neugierigkeit noch einen Augenblick

ruhen. Sie sind abgemattet, und haben den ganzen Tag nichts gegessen;

kommen sie mit mir in den Saal, es ist schon für uns beyde gedeckt,

und ich hoffe, ihre Treue gegen ihr schönes Milchmädchen werde ihnen

doch erlauben, mir wenigstens bey Tische Gesellschaft zu leisten.

/Biribinker/ merkte den geheimen Verweiß sehr wohl, der in diesen

Worten lag, er that aber nicht dergleichen, und begnügte sich mit einem

tiefen Reverenz ihr in den Speißsaal zu folgen.

So bald sie hinein gekommen waren, gieng die schöne /Cristalline/, (so

hieß die Fee) zum Camin, und bemächtigte sich eines kleinen Stabs von

Ebenholz, an dessen beyden Enden ein diamantner Talisman befestiget

war. Nun habe ich nichts weiter zu besorgen, sagte sie, setzen sie

sich, Prinz /Biribinker/; ich bin nun Meisterin von diesem Pallast und

von vierzig tausend elementarischen Geistern, die der grosse Zauberer,

der ihn vor fünf hundert Jahren erbaute, zum Dienst desselben bestimmt

hat.

Mit diesen Worten schlug sie dreymal an den Tisch, und in dreyen

Augenblicken sah /Biribinker/ mit Erstaunen, daß er mit den

niedlichsten Speisen besetzt war, und daß die Flaschen auf dem

Schenktisch sich von selbst mit Wein anfüllten.

Ich weiß, sagte die /Fee/ zum Prinzen, daß sie nichts als Honig essen;

versuchen sie einmal von diesem hier, und sagen sie mir, ob sie jemals

dergleichen gekostet haben. Der Prinz aß davon und schwur, daß es

nichts geringers als das Ambrosia der Götter seyn könne. Er wird, sagte

sie, aus den reinsten Düften der unverwelklichen Blumen bereitet, die

in den Gärten der Sylphen blühen. Und was sagen sie zu diesem Wein,

fuhr sie fort, indem sie ihm eine volle Trinkschaale darbot? Ich

schwöre ihnen, rief der entzückte Prinz, daß die schöne Ariadne dem

jungen Bachus keinen bessern eingeschenkt hat. Er wird, versetzte sie,

aus den Trauben gedruckt, die in den Gärten der Sylphen wachsen, und

dem Gebrauch desselben haben diese schöne Geister die unsterbliche

Jugend und Munterkeit zu danken, die in ihren Adern wallt.

Die /Fee/ sagte nichts davon, daß dieser Nectar noch eine andere

Eigenschaft hatte, die der Prinz gar bald zu erfahren anfieng. Je mehr

er davon trank, je reitzender fand er seine schöne Gesellschafterin.

Beym ersten Zug bemerkte er, daß sie sehr schöne blonde Haare hatte;

beym andern wurde er von der Schönheit ihrer Arme gerührt, beym dritten

entdeckte er ein Grübchen in ihrem linken Backen, und beym vierten

entzückte ihn die Weisse und Fülle eines gewissen Busens, der unter dem

Nebel eines dünnen Flors seinen Augen nachstellte. Ein so reitzender

Gegenstand und eine Trinkschaale, die sich immer wieder von sich selbst

anfüllte, waren mehr als er nöthig hatte, um seine Sinnen in ein süsses

Vergessen aller Milchmädchen der ganzen Welt einzuwiegen. Was sollen

wir sagen? /Biribinker/ war zu höflich, eine so schöne Fee auf dem

Sopha schlafen zu lassen, und die schöne Fee zu dankbar, als daß sie

ihm in einem Hause, wo vierzig tausend Geister herum spuckten, ihre

Gesellschaft hätte abschlagen können. Kurz, die Höflichkeit wurde auf

der einen, und die Dankbarkeit auf der andern Seite so weit getrieben,

als es möglich war, und /Biribinker/ bewieß sich der guten Neigung

vollkommen würdig, welche /Cristalline/ beym ersten Anblick von ihm

gefaßt hatte.

Die /Fee/ erwachte, wie die Geschichte sagt, zuerst, und konnte den

Uebelstand nicht ertragen, einen so ausserordentlichen Prinzen in

so guter Gesellschaft schlafen zu sehen. Prinz /Biribinker/, sagte

sie zu ihm, nachdem sie ihn, man weißt nicht wie, erweckt hatte, ich

habe ihnen keine gemeine Verbindlichkeiten. Sie haben mich von der

unanständigsten Bezauberung, die jemals ein Frauenzimmer erlitten hat,

befreyt; sie haben mich an meinem Eyfersüchtigen gerochen; nun ist nur

noch eins übrig, und sie können sich auf die unbegrenzte Dankbarkeit

der Fee /Cristalline/ Rechnung machen.

Und was ist dann noch übrig, fragte der Prinz, indem er sich die Augen

rieb?

Geschichte des Prinzen Biribinker · 第 1 / 6 段