Kreuzer im Alter und Schnitt ungefähr glich. Vor allem sollte es
ein Schiff sein, das mit Holzladung fuhr, da diese infolge ihrer
Leichtigkeit eine Deckslast gestattet, welche, mit Ketten befestigt,
bei einer feindlichen Untersuchung nicht weggeräumt werden kann, den
Zutritt zu den Luken verhindert und so das Verstecken eines geheimen
Schiffsinhaltes erleichtert. Nach langem Suchen fanden wir den
gewünschten Doppelgänger in dem norwegischen Vollschiff »Maletta«,
welches zurzeit in Kopenhagen lag und den Feinden unverdächtig war,
weil es nach Melbourne gehen sollte. Unsere ganzen Schiffspapiere
mußten jetzt nach der »Maletta« gestaltet werden, und nicht nur die
Papiere, sondern auch unser Schiff selbst. Barometer und Thermometer
wurden aus Norwegen besorgt, ebenso Photographien von Männern und
jungen Mädchen, die den Matrosen in die Kojen gehängt wurden. Unser
Vorbild, die »Maletta«, hatte in Kopenhagen einen neuen Ankerlichtmotor
bekommen; da wir infolgedessen einen ebensolchen auf Deck stellen
mußten, schrieben wir ins Logbuch: »In Kopenhagen heute bei Knudsen eine
Ankerlichtmaschine bekommen und eingebaut« und setzten auf den Motor ein
Schildchen mit dem echt dänischen Namen Knudsen. Nun stimmte alles
wieder, wir konnten Rede und Antwort stehen. Viel Hilfe fanden diese
Vorarbeiten durch Kapitän Kirchheim, während ich selbst es übernahm, die
Leute auszusuchen. Es waren zwei Besatzungen zu unterscheiden, eine
wirkliche Gesamtbesatzung, für die uns der Admiralstab 64 Mann genehmigt
hatte, und eine für die Maletta-Komödie; diese bestand aus 23 Mann, d.
h. aus denjenigen Mitgliedern der Gesamtbesatzung, welche norwegisch
sprachen. Jeden Offizier und Mann habe ich persönlich ausgewählt und
darf sagen, daß ich mich in keinem geirrt habe. Die Motorbesatzung,
welche ausgebildet werden mußte, ohne daß sie ahnte wofür, wurde von der
U-Bootsabteilung gestellt. Als Mannschaft holte ich lauter gute
Seeleute, die auf Segelschiffen gefahren haben. Ich ging zuerst zu der
Matrosendivision und sah mir die Leute an, fragte, wo sie gefahren
hätten. Wenn einer lange auf Segelschiffen gewesen war, dann horchte ich
auf, überging aber den Mann mit gleichgültiger Miene. Kam ich an einen,
der nur auf Dampfern gefahren hatte, dann forschte ich ihn gründlich aus
und setzte scheinbar Kreuze in die Liste hinter seinen Namen. Auf diese
Weise konnte niemand ahnen, für welches Sonderkommando ich den
allmächtigen Befehl vom Admiralstab hatte, daß mir jeder Mann zu
bewilligen wäre, den ich für geeignet hielt. Auch ließ ich mir nicht
merken, daß ich nach solchen angelte, welche auf Schweden und Norwegern
gefahren hatten. Frühere Steuerleute nahm ich besonders gern. So wurde
den Männern durchs Auge ins Herz geschaut und sie genau angesehen.
Alle Ausgewählten wurden sofort auf Urlaub nach Hause geschickt. Dann
sind die Leute außer Verbindung mit Kameraden, können nicht fragen und
kombinieren. Inzwischen wurde für die 23 Maletta-Leute das Zeug aus
Norwegen beschafft, norwegische Landschaftsbilder für die Kajüten,
Lexika, Sextanten, Karten, Inventarlisten, Töpfe und Tassen mit
norwegischen Stempeln, Bleistifte und Federhalter, norwegisches Geld,
Proviant wie Butter und Fleisch, Schuhzeug, kurz alles, worauf das Auge
fallen könnte, war »Original«. Es durfte nichts deutsches da sein. Im
Salon hängt der norwegische König und »_or Dronning_«, die Königin, auch
der Schwiegervater vons Ganze, King Edward, lächelt milde von der Wand
herab. Norwegische Kissen lagen da, mit der Landesflagge drauf,
Hardanger Arbeiten, Briefe, die aus Norwegen an mich und meine Leute
geschrieben waren, wurden besorgt, weil jeder Seemann die Zigarrenkiste
voll Briefe stets mit sich herumschleppt. Ich brauchte Geschäftsbriefe
und die Leute Liebesbriefe. Wir mußten damit rechnen, daß unser Schiff
dem untersuchenden Feind verdächtig erschien, und er infolgedessen nicht
allein die Schiffspapiere, sondern auch die Mannschaft gründlich prüfte.
Angenommen, der untersuchende Offizier läßt sich vom Kapitän die Papiere
irgendeines Mannes geben und stellt an diesen dann persönlich allerlei
Fragen über das Aussehen seines Heimatsortes, wie die größeren
Nachbarorte heißen, welche Bahnverbindungen bestehen, wie der
Bürgermeister oder Ortsvorsteher heißt, wo sein Bruder, Onkel oder Tante
wohnt, auf welchem Schiff er vor drei Jahren war, welche Reise er mit
diesem Schiff gemacht hat, oder er läßt sich einen Brief von seinen
Angehörigen aus der Zeit geben: Auf jede solche Stichprobe mußten wir
vorbereitet und jede verfängliche Möglichkeit aus dem Wege geräumt
werden. Auch die Photographien der Leute mußten echte Firmennamen
tragen, denn jeder Photograph macht sich auf seinen Werken breit.
Wieviel Originalphotos waren zu beschaffen. Ob die Braut schön, war ja
egal, denn das ist Geschmackssache; wenn sie nur echt war.
Die schwierigste Arbeit waren die Briefe, da, wie gesagt, ein Seemann
das Wenige an Post, was er bekommt, jahrelang aufbewahrt. Die
Briefmarken mußten mit Abgangs- und Ankunftsstempeln versehen sein, für
Hongkong, Honolulu, Yokohama, wo der Betreffende eben früher gewesen war
und Briefe hinbekommen hatte. Kurz und gut, Stempel aus allen Weltteilen
waren erforderlich und machten raffinierte Mühe. Dann mußten die Briefe
in verschiedenen Graden »alt« gemacht werden. In den norwegischen
Papieren und Seefahrtsbüchern, die wir schufen, stand nicht nur, daß
jeder von uns jetzt auf »Maletta« fuhr, sondern auch die anderen
Schiffe, auf denen er früher gewesen war. Solch alter Seemann, der fährt
seine fünfzehn oder zwanzig Jahre, da muß doch alles stimmen. Einer war
mal im Lazarett gewesen, einer hatte sich das Bein gebrochen usw. Man
mußte in allem sehr gewissenhaft sein. Wenn z. B. Henrik Ohlsens Vater
nach dem Buche tot sein soll, so müssen seine Briefe von der Mutter und
den zwei Schwestern kommen, die Daten müssen stimmen und aus den Orten,
wo er abgemustert war, muß er auch ein paar Andenken haben. Mit
deutscher Gründlichkeit konnte man sich nicht genugtun, »Maletta Nr. 2«
hieb- und stichfest zu machen.
In Geestemünde wohnte neben mir in Beermanns Hotel ein alter Kapitän von
der Schiffsbesichtigungskommission, der interessierte sich für mich, der
ich, wie gesagt, als Baurat von Eckmann dort auftrat, und fragte den
Baumeister seiner Kommission, ob er mich kenne. Der antwortete, es gäbe
keinen Baurat von Eckmann im Reichsmarineamt. »Habe ich das nicht gleich
gedacht?« platzt mein Kapitän heraus. »Habe ich ihn nicht immer für
einen Spion gehalten? Der Kerl hat ein ganz englisches Gesicht.« Ihm
schwillt der Kamm.
Nun will es das Unglück, daß ein unaufmerksamer Beamter aus Berlin zwei
Briefe, die ich dringend haben muß, statt unter Deckadresse, wie üblich,
unter meinem vollen Namen nach Geestemünde ins Hotel nachschickt. Ich
verhandle mit dem Oberkellner, ob er mir die Briefe für meinen
Bekannten, den Grafen Luckner, herausgeben will. Er lehnt es ab, der
alte Kapitän aber hat alles von ferne gesehen und geht zum Kellner: »Was
wollte der Kerl?« »Er wollte die Briefe haben für den Kapitänleutnant
Luckner.« -- »Ha!«
Ich ahnte von nichts und fahre um sieben Uhr mit dem Zuge nach Bremen
als kaiserlicher Kurier im Abteil erster Klasse. Da kommt ein Herr in
mein Abteil und fragt nach meinem Ausweis. Ich zeige ihn, er ist ganz
verdutzt: »Entschuldigen Sie, wir suchen aber einen Spion aus
Geestemünde.«
Ein Todesschreck um mein Schiff durchzuckt mich; sollte der Feind schon
durch Agenten den Kreuzer beobachten lassen?
»Hoffentlich kriegen Sie ihn auch.«
»Ja, wir hoffen es. Es ist schon alles besetzt in Richtung Bremen,
Hamburg und jenseits.«
»Wo war denn der Kerl?«
»Er ist öfter in Beermanns Hotel gesehen worden.«
»Zum Donnerwetter, fangen Sie ihn ja. Leider hat man bei uns öfter den
Falschen gekriegt.«
Ich komme nach Bremen in Hillmanns Hotel. Dort tritt schon wieder ein
Herr auf mich zu und fragt nach meinem Ausweis. Ich dachte:
»Donnerwetter, was ist denn das mit mir?« und zeige meinen Ausweis. Er
erzählt von dem Spion, die Beschreibung sähe mir ähnlich, aber es sähen
sich ja so viele Menschen gleich. »Haben Sie Hoffnung, den Kerl zu
fassen?« »Wir wissen nur, daß er in Richtung Bremen ist.«
Ich denke, das ist eine ganz verfluchte Sache, gehe ins Trokadero und
bestelle mir eine Pulle Wein. Kaum sitze ich hier, kommt ein Offizier
mit zwei Mann in Uniform: »Folgen Sie mir, Sie sind verhaftet.« Jetzt
werde ich wütend: »Wollen Sie Ihre eigenen Offiziere verhaften?«
»Kommen Sie nur mit, Sie können sich nachher ausweisen.«
Allgemeine Aufregung im Lokal; man wollte mit Stühlen auf mich los.
»Haut den Spion!«
Wir kommen zum Hotel. Dort hole ich meinen Ausweis vor. Er zeigt mir den
Steckbrief: »englisches Aussehen, kaffeebrauner Mantel, Mütze, Pfeife«.
Ich sage: »Unter welchem Namen geht denn der Gesuchte?«
»Unter dem Namen Baurat von Eckmann.«
»Aber das bin ja ich!«
»Na, Sie haben doch eben gesagt, Sie wären Graf Luckner?«
Die Reihe, wütend zu werden, war an ihm, während ich mich sehr
erleichtert fühlte und ihn auf die Möglichkeit hinwies, an den
Admiralstab zu telefonieren.
Nun galt es, für unsere »Maletta« auch einen Namen zu finden, unter dem
sie als Kriegsschiff fahren sollte. Mir wurde die Gnade zuteil, dem
Schiff selbst den Namen zu geben. Der machte das meiste Kopfzerbrechen!
Ich wollte es erst »Albatros« nennen, weil die Albatrosse mich gerettet
hatten, damals, als ich in den Wellen lag. Aber es gab schon einen
Minenleger dieses Namens, der an der schwedischen Küste aufgelaufen
war. Dann war ich für »Seeteufel«, aber meine Offiziere meinten, es
müßte etwas von den weißen, rauschenden Segeln hinein, und so wurde
unser Kreuzer »Seeadler« getauft.
[Illustration:
»... Der leitende Ingenieur Krause und sein Personal waren selten
hervorragende Menschen.«]
Das Schulschiff war gebaut, die Papiere in Ordnung, die Probefahrt auf
der Weser gelungen. Nun wurde die Mannschaft vom Urlaub zurückgerufen.
Was hatte ich für eine prächtige Besatzung! Der I. Offizier Kling hatte
die Filchner-Expedition mitgemacht und verfügte über reiche Erfahrungen.
Der Prisenoffizier war ein früherer Mit-Einjähriger von 1,92 Meter Höhe,
dem ich zufällig auf einem Dock begegnete. Auf meine Frage: »Willst du
mit?« meinte er: »Ist es ein Himmelfahrtskommando?« »Ja!« »Da mache ich
mit. Pries heiße ich und Prisen brauchst du, da bin ich doch der
Richtige.« Mein Artillerie- und Navigationsoffizier war Leutnant d. R.
Kircheiß, ein kluger Kopf und Navigateur ersten Ranges; mein Steuermann
Lüdemann, ebenso der Bootsmann, der Zimmermann und der Koch, die drei
Pole des Segelschiffes, alterfahrene Leute. Der leitende Ingenieur
Krause und sein Personal waren selten hervorragende Menschen. Mit der
Mannschaft konnte man, was Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit betrifft,
gegen zehnfache Übermacht kämpfen. Es waren alles brave, biedere
Seeleute, die ihr Leben jederzeit in die Schanze schlugen, wenn es ihr
geliebtes Vaterland galt.
Das Schiff war fertig. Da verschwindet es in einer stockdunklen
Novembernacht von der Weser und legt sich still draußen in der Nordsee
vor Anker. Zu gleicher Zeit sammle ich meine Leute in Wilhelmshaven in
dem entlegensten Punkt des Hafens selbst. Bei dem Schein einer spärlich
brennenden Laterne prüfe ich an Hand der Papiere, ob alle meine Leute da
sind. Alle sind sie zur Stelle. In den kleinen Dampfer, der am Kai
liegt, steigen wir ein, und hinaus geht's, die Jade abwärts. Keiner von
meinen Jungs wußte, wohin und wofür. Anfangs vermuten sie, daß es nach
Helgoland geht. Wir passieren Helgoland. Die Dünung der Nordsee rollt
uns entgegen. Der kleine Dampfer stampft. Die Jungs fragen sich
untereinander. »Wo geit dat hen, wo seilt wi hen?« Keine Antwort.
Da plötzlich taucht aus der Dunkelheit ein Segelschiff vor Anker auf.
»Halloh, wat för'n Schip?«
An den fachmännischen Bezeichnungen der Takelage erkennen sie, daß sie
alle segelschiffsbefahrene Leute sind. Die Sache scheint ihnen
rätselhaft. Als der Dampfer Kurs auf den Segler nimmt, erraten sie, daß
sie die Besatzung dafür sind. Schnell entern sie auf und auf allen
Mienen sieht man die neugierige Frage. »Wat sall dat?«
Sie kommen an Deck. Keine Geschütze sind zu sehen, statt dessen aber ein
großer Motor unten im Schiff.
»Wat is denn hier los?«
Ein Teil der Mannschaft geht nach unten. Dort entdecken sie ihre schönen
Wohnräume. Für die Unterbringung der Leute war besonders gesorgt, da man
ihnen auf Jahre hinaus die Heimat ersetzen mußte. Keine Hängematten,
sondern Kojen, besondere Meßräume für die seemännischen und technischen
Unteroffiziere. Der andere Teil der Ankömmlinge ging nach vorn, wo ihnen
ihre Wohnräume angewiesen waren. Fix und fertig finden sie ihre Kojen.
Erstaunt bleibt jeder vor der seinigen stehen und wird nicht klug, was
das alles zu bedeuten hat. Norwegische Landschaften, norwegische
Mädchen, die Wände mit norwegischen Flaggen bemalt. Außerdem findet
jeder eine volle Seekiste mit Zivilzeug, was bisher wohl noch keinem
Seemann begegnet war.
»Mensch, alles norwegisch. _Taler du norsk??_«
»Ja!«
»Du auch?«
»Ja!«
»Und du?«
»Ja!«
»Da ward wi nich klog ut.«
Auf dem Tisch steht das Leibgericht des Seemannes, Snuten und Poten, und
außerdem für jeden Tabak und Pip.
»Dat geiht hier wohl al ganz von sülwst?«
Der gesunde Appetit unterbricht erst mal das Fragen, und nach dem Essen
findet ein allgemeines Beschnuppern statt.
Neugierig gehen sie zu den anderen, die in den unteren Räumen ebenso
gemütlich wie die oben wohnen, nur hängt unten nichts Norwegisches,
dagegen Hindenburg und Ludendorff.
»Kannst du _norsk_?«
»Nee!«
»Und du?«
»Nee!«
»Dat is ja puppenlustig! Wat is denn hier bloß los?«
Jetzt beginnt das Kombinieren.
Sonderbar, wenn man in die unteren Räume will, muß man erst durch einen
Schrank kriechen, denn der Zugang zu den Räumen der nur deutsch
sprechenden Mannschaft besteht aus geheimnisvollen Luken, welche auch
einer gewissenhaften Untersuchung des Schiffes verborgen blieben. Um
diese Luken für die Augen des Feindes noch mehr zu verschleiern, hatten
wir sie in den Fußboden des Ölzeugschrankes, des Besenschrankes usw.
geschnitten. Die Schränke wurden groß gewählt, damit im Notfall sich
sechs bis sieben Menschen darin sammeln konnten, um gleichzeitig aus dem
Schiffsraum hinauszutreten. Alles, was verdächtig war, die zwei alten
Kanonen (mehr hatte man uns nicht zubilligen mögen) und das
Kriegsmaterial war im Schiffsraum verstaut.
Die Neugierigsten gingen, als sie diese ersten Eindrücke von dem
merkwürdigen Schiff gesammelt hatten, nach hinten zur Kajüte, um in
Erfahrung zu bringen, für welchen Zweck das Schiff bestimmt wäre. Da
wird ihnen zunächst der Befehl mitgeteilt: Anker lichten! Und hinaus
geht's durch die Nordsee in unser Versteck, hinter Amrum, hinter Sylt,
die Norderaue rauf, wo uns kein Mensch sehen konnte und die Verbindung
mit der Heimat gelöst war. Hier werden die letzten Vorbereitungen
getroffen und den Leuten endlich mitgeteilt, welche Aufgabe unser Schiff
hat. Die Holzladung wurde an Deck gestaut. Kunstgerecht schichteten wir
sie in achttägiger Arbeit so, daß kein Einblick in das Schiffsinnere
möglich war.
[Illustration: »... Die Holzladung war an Deck gepackt.«]
Im Mast oben waren geheimnisvolle Türen, dahinter lagen im Hohlraum des
Mastes Pistolen, Handgranaten und Gewehre, ebenso deutsche Marinemützen
und -jacken. Die Türen gingen nach innen auf, hatten nach außen keine
Angeln und konnten nur durch einen verborgenen Magnetdrücker geöffnet
werden.
Nun wurde die Verschleierungsrolle mit der norwegischen Besatzung
eingeübt. Jeder bekam seinen norwegischen Namen. Auch mußte jeder genau
im Bilde sein über seinen neuen Heimatsort; aus Bädeker und anderen
Reisebeschreibungen wurden Erkundigungen eingeholt. Die Photographien
wurden ausgehändigt und die vielen Briefe.
Mit allem war man fertig, wir warteten nur auf günstigen Wind zum
Auslaufen. Da wird uns auf einmal ein roter Strich durch alles gemacht.
Ein drahtloses Telegramm befiehlt uns: »Nicht auslaufen, warten, bis
U-Deutschland zurück ist.« Die Sperren der englischen Blockade waren
augenblicklich des Handels-U-Bootes wegen doppelt stark besetzt.
Wir warten Tage, Wochen, die »Maletta«, mit der wir unter Aufbietung
aller Kräfte bisher hinsichtlich des Aufbaues Schritt gehalten haben,
läuft aus Kopenhagen aus, läuft uns davon! Was nun? Der ganze Plan war
zerstört. Wir hatten einen Tag vor der »Maletta« abfahren wollen, damit,
wenn die englische Blockadebewachung drahtlos in Kopenhagen anfragt, die
Antwort kommen mußte: »Stimmt, Schiff ist abgefahren.« Die drahtlose
Rückfrage war ja die gefährlichste Klippe, die zu umgehen war, und
dieses technische Hilfsmittel der Neuzeit komplizierte unsere Kriegslist
am allermeisten.
Der einzige Behelf, den wir nun noch hatten, war Lloyds Register, worin
alle Schiffe nach Größe und Eigentümer angegeben sind. Wir konnten
danach ein beliebiges Schiff nehmen, aber wir wußten nicht, wo sich
dieses Schiff befand. Nach den Vermessungen stimmte mit uns die »Carmoe«
überein. Wir mußten sie also nehmen.
Was das heißt, die Schiffspapiere ändern! Name des Reeders, Baudaten,
Werft, Länge, Tiefgang und Breite, die verschiedenen Eigentümerangaben,
Versicherungsklassen, alle diese Zahlen mußten in zehn verschiedenen
Papieren geändert werden, ohne die Druckschrift der Vordrucke zu
schädigen. Jetzt ging es mit Tintentod ran an die Arbeit. Dem Leutnant
Pries gelang es mit großer Sorgfalt und Liebe. Man konnte ungefähr
sagen, es ging an, wenn die Beleuchtung nicht sehr hell war, und dafür
konnte man durch Segeltuchbezüge vor den Lichtern sorgen.
Aber was wollte das alles sagen, wenn uns die drahtlose Telegraphie
dazwischen kam? Wir wußten ja nicht, wo sich das Schiff befände. Da
brachte uns ein Zufall darauf, die neuesten norwegischen Handelsblätter
durchzusehen, die wir aus Echtheitsgründen mitgenommen hatten, und wir
lasen unter den Schiffsrouten: »Carmoe nach Kirkwall zur Untersuchung
eingeschleppt.«!!
Welches Pech! Nun scheint alles vorbei. Pessimismus will sich regen.
Neue Papiere können wir nicht herstellen, da die Verbindung mit der
Heimat fehlt. Einerlei! Ich bin ein krasser Optimist. Weg mit dem
Lloydsregister, es gibt noch ein anderes Register, und das ist besser
und versagt nicht, das Liebesregister! Irma hieß mein Sonnenschein,
»Irma« soll das Schiff heißen! Das muß gehen!
»Carmoe« wird ausradiert, alle andern Angaben stehengelassen. Das
zweimalige Wegradieren des Namens blieb aber mächtig augenfällig; die
Buchstaben liefen aus. Der Adjutant sagte: »Wir dürfen den Feind nicht
für dumm verkaufen.« Aber was tun? Hier kann nur eine Hand helfen, die
gröbste Hand an Bord.
»Schiffszimmermann, bring' die Axt her und hau die ganzen Bullaugen in
der Kajüte ein!«
Der Zimmermann stutzt, er sieht den Zusammenhang nicht. Es tut ihm weh,
er weiß nicht, was es bedeuten soll, aber dann schlägt er los.
Nachdem die Bullaugen eingeschlagen, wurden grobe Holzverschläge
eingesetzt, wie sie der Seemann nach einem Sturmschaden zum notdürftigen
Ersatz einbaut. Nasses Unterzeug wird in der Kajüte aufgehängt und alles
durchfeuchtet, selbst die Schiebladen und Matratzen mit Eimern voll
Seewasser. Man mußte gründlich sein, es durfte nichts trocken bleiben.
Die Schiffspapiere selbst wurden nun sämtlich in nasses Löschpapier
gepackt, damit die ganze Tinte gut durchsog bis zur etwaigen feindlichen
Untersuchung. Man braucht ja dann dem Engländer nichts zu erklären,
dafür waren die zerschlagenen Bullaugen und die Nässe in der Kajüte da.
Ausgelaufen war die Tinte nun mal an den radierten Stellen; so sollte
sie denn nun vollständig auslaufen. Für diesen zwar kleinen, aber
erhabenen Zweck stellte uns der Ozean unbegrenzte und unverdächtige
Mengen feuchten Stoffes zur Verfügung.
Wir liegen nun und warten auf Befehl zum Auslaufen. Da, am 19. Dezember
kommt ein Torpedoboot nach Norderau, wo wir lagen. Was will denn das? Es
kommt heran, geht in der Nähe vor Anker. Wir lagen unter norwegischer
Flagge mit dem Neutralitätsabzeichen außenbords.
Das Torpedoboot setzt ein Boot aus, ein Offizier kommt an Bord der
»Irma«, in Uniform und Pelz, tiptop. »Wo ist der Kapitän? Ich habe einen
Befehl für ihn.«
Wir hatten vollkommenen Zivilbetrieb eingeführt, behaglich und ein wenig
schmuddlig, für die norwegische Gruppe war nur norwegisches Kommando,
und ich hieß der »Gubben« (Kapitän). Die drei Wochen, die wir da gelegen
hatten, waren insofern günstig, als unsere Bärte an Größe und Gestalt
zugenommen hatten. Ich gewöhnte mir ordentlich das olle Seemännische
wieder an, hatte ein paar große Holzschuhe, dicke, wollene Strümpfe,
eine alte norwegische Hose und eine Mütze mit zwei oben
zusammengebundenen Ohrenklappen.
[Illustration:
»... Wir hatten vollkommen Zivilbetrieb eingeführt, behaglich und ein
wenig schmuddlig.« (Die norwegisch sprechende Besatzung.)]
Phlegmatisch antwortete also der Steuermann dem patenten Offizier: »Der
Gubben ist achter.«
Der Offizier mit dem Pelzkragen, tadellos, kommt zu mir: »Sind Sie der
Kapitän?« Er starrt mich an und schreit: »Luckner ...!!«
»Wat heet hier Luckner, wat is los?«
»Halten Sie mich nicht zum Narren!«
»Herr, können Sie nicht meine Flagge sehen? Ich bin Norweger.«
»Luckner, was haben Sie denn für eine Aufgabe?«
»Ik fohr nimehr bi de Marin, ik fohr Holt for Norwegen, mit de Marin is
't doch nix mehr.«
»Sie waren doch im Admiralstab? Und um mit Holz zu segeln, dazu braucht
man doch nicht beim Admiralstab gewesen zu sein.«
»Na, durch die Minenfelder zu fahren, scheint doch wohl eine
Admiralstabsaufgabe geworden zu sein.«
»Ich bitte Sie, haben Sie Vertrauen zu Ihrem Kameraden.«
»Wat heet hier Vertrauen, ik fohr jetzt Holt. Hollen Se dat för en anner
Schip?«
Da sagt er: »Machen Sie mich nicht konfus, bereiten Sie mir keine
schlaflosen Nächte! Was soll ich mir daraus machen? Wenn mir das
Vertrauen geschenkt wird, Ihr Schiff zu sehen, dann können auch Sie mir
sagen, was Sie für eine Aufgabe haben.«
»Ik fohr Holt no Norwegen ...«
»Ich habe hier einen Brief abzugeben.«
Ich lade ihn in meine Kajüte und er schaut umher.
»Dat is min neu Landesherr, und dat min Keunigin, de Keunig Edward is ok
dor, dat is de Verwandte von min'n Keunig.«
»=Luckner=«, sagt er, »ich bitte Sie, was soll ich denken, wenn ich von
Ihrem Schiff komme! Ich gehe hier weg und soll mir das zusammensetzen,
was mir unmöglich ist. Sie können mir glauben, ich halte es geheim.«
»Sollen Sie direkt nach Hause fahren?«
»Nein, ich soll warten in Helgoland.«
Da war also vorgesorgt; gut, daß er warten sollte.
»Setzen Sie sich mal hin, ich werde es Ihnen sagen, ich bin ein
deutscher Hilfskreuzer.«
[Illustration: Auf Piratenkurs!]
Da sagt er kühl, indem er aufsteht: »Wollen Sie mich für einen Narren
halten? Dann danke ich Ihnen und wünsche Ihnen alles Gute.«
Damit geht er kurz zur Tür und läßt mich stehen.
Das war ihm zu viel, als ich ihm das erzählte. Die Wahrheit konnte er
nicht vertragen. Ein Segelschiff als Kreuzer? --!
Wie ich den Befehl aufmache, da steht zu lesen: »Auslaufen nach eigenem
Ermessen.«
Das war der schönste Augenblick, da ich dies den Leuten bekanntgab.
Zehntes Kapitel.
Blockadebrecher.
Jetzt hatten wir uns selbst in der Hand. Freude brauste durch das
Schiff. Die bösen Ahnungen, die uns schon durchzogen hatten, wichen, und
der sehnsüchtige Wunsch aller war: »Südwestwind komme nur.«
Am 20. Dezember wurden nochmals alle Vorkehrungen getroffen, die
Schottenketten und Brassen überholt und die Verschleierungsrolle noch
einmal geübt. Wir untersuchten jeden Raum des Oberschiffs bis in den
Kohlenkasten, ob nirgends etwas Deutsches vorlugte, und spielten uns
gegenseitig den englischen Untersuchungsoffizier vor. Da haben mich die
Jungens gehörig ausgequetscht: »Wo haben Sie den Bleistift gekauft?«
»Davon habe ich mir ein halbes Dutzend in Christiania besorgt.« »Haben
Sie Geschwister?« Die mußte ich alle hersagen. Wir hatten ja alle
Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. »Wolf« und »Möwe« hatten so etwas
nicht nötig, sie führten an Stelle der Verschleierung Torpedos und
Geschütze. Wenn ein feindlicher Hilfskreuzer nahte, während sie unter
neutraler Flagge fuhren, dann ließen sie ihn herankommen, hißten die
Kriegsflagge, pfefferten ihm einen Torpedo in den Leib oder pengten ihn
mit Kanonen hinunter. Wir hatten nichts dergleichen und mußten damit
rechnen, bei schlechtem Winde wochenlang in der Blockade zwischen
England und Norwegen hin- und herzufahren.
Am 21. Dezember kam leichter Südwestwind auf. Die Anker wurden
gelichtet, das Ruder probiert, der Motor angewärmt, und nochmals alles
überholt. Der Motor zündete krachend, und wir verließen das enge
Fahrwasser der Norderaue. Das Schiff haute auf eine Sandbank auf, denn
es war dort bei Hochwasser nur ein Fuß Wasser mehr, als das Schiff
Tiefgang hatte. Die Masten zitterten, bewiesen aber beim Auflaufen ihre
Stärke. Denn die Werft hatte gewußt, was es heißt, einen tüchtigen
»Seeadler« zu bauen.
Die Norderaue hatten wir glücklich passiert, draußen vor der Boje
setzten wir Segel. Es war schmuddlige Dezemberluft, naßkalt und
unfreundlich; die griesgraue Nordsee frischte langsam auf. Voll standen
die Segel, 2600 qm Segelfläche, an den 50 m hohen Masten. Mit voller
Fahrt ging es längs der deutschen Küste unter den Klängen von
»Deutschland, Deutschland über alles« und des alten Seemannsliedes »La
Paloma« dahin.
Von hinten wurde die deutsche Vorpostenkette durchbrochen, die auf Wache
lag gegen plötzliche feindliche Angriffe. Wie waren sie überrascht, als
sie plötzlich ein Schiff des Friedens durch die graue Wand des Nebels
hervortreten sahen.
[Illustration: Wir passieren die deutsche Vorpostenkette.]
»Ein Segelschiff? wo sall dat hen, wo geit de hen?« Sie vermuteten, daß
wir ein deutsches Schiff waren und aus der Heimat kamen. Die
Vorpostenboote waren gerade verstärkt, weil die Ablösung für die
Weihnachtszeit angekommen war; so standen viele Boote draußen, und
trotzdem sie nach Hause wollten und Weihnachten feiern, machten sie sich
in ihrer Begeisterung auf und folgten dem vollen Segler. Sie begleiteten
uns ein Stück, aber wir gingen mit Segel- und Motorkraft so schnell, daß
sie nicht mitkamen. Mancher von den Kameraden, den man gefragt hätte, ob
er mitkommen wollte, hätte doch wohl das Weihnachtsfest vorgezogen,
statt auf dem alten Windjammer ins Ungewisse zu fahren, in den Himmel
oder in die Gefangenschaft. Mensch sei froh, daß du nach Hause darfst,
fühl dich doppelt mollig bei dem Gedanken! Was lauerten da für Gefahren
in dem trüben Morgen! Minen, feindliche und eigene U-Boote, die einen
abschießen konnten, Blockade und feindliche Kreuzer. An alles das
dachten wir nicht, sondern Durch!! war unsere Devise. Wohin, war
einerlei für uns.
Abends gegen zehn Uhr hatten wir schon Hornsriff. Dann kamen wir längs
der dänischen Küste. Um acht Uhr morgens sollten wir vor dem Skagerrak
stehen, um für den Feind den Eindruck zu erwecken, daß wir tatsächlich
aus einem neutralen Hafen kämen. Da plötzlich springt der Wind um nach
Norden. Was tun? Wir können nicht weiter nach Norden. Es bleiben uns nur
noch drei Wege offen. Zurück wollten wir nicht, rechts war Land, links
lagen die Minenfelder. Land hat keine Lücken. Minen haben Lücken! So war
der einzige Weg der nach links. Der resolute Entschluß ist die beste
Weisheit. Hart backbord! Alle Mann in Schwimmwesten an Deck! Und das
Glück ließ uns die Lücken treffen. Wir haben den Minengürtel durchfahren
und kamen unversehrt in die freie Nordsee. Der Wind frischte immer mehr
auf. Wir fuhren nicht etwa an der norwegischen Küste, auch nicht in der
Mitte, sondern, wer das reinste Gewissen hat, geht dem Feind am
nächsten! In Sicht der englischen Küste sausten wir längs.
Wir hatten Glück und der Seemann ist abergläubisch. In jenen Tagen,
als ich den »Seeadler« bekam, war ich in Erinnerung an die wunderbare
Erhaltung und Unverletzlichkeit von S. M. S. »Kronprinz« und seiner
Mannschaft in der Skagerrakschlacht zu unserer Frau Kronprinzessin
gegangen mit der Bitte, ob sie nicht auch unser Schutzengel sein
wollte auf der weiten, gefahrvollen Fahrt. Während der vielen
Vorbereitungsarbeiten hatte man nicht mehr Zeit, an dieses und jenes zu
denken. In der Nacht aber, als ich an Bord ging und man der Heimat
»Lebewohl« sagen sollte und von ernsten Gedanken bewegt war: Die Leute
ahnen nicht, wohin es gehen soll, man ist der einzig Verantwortliche,
und man kämpft mit der Frage: »Wird auch alles gelingen?« Dort draußen
liegen die Minenfelder und Sperrfahrzeuge, die man durchbrechen soll
..., da, kurz vor der Abfahrt, eilen plötzlich in der dunklen Nacht zwei
Ordonnanzen heran mit dem Ruf: »Hofpost.« »Hofpost?« Ein Paket
»Eingeschrieben« und »Eilt«, »Potsdam, Marmorpalais.« Der Schlepper hat
schon losgeworfen und riß uns von der Heimat ab. In der Kajüte erbrach
ich mit aufgeregter Hand das Paket; wie ich das Siegel löste, da hielt
ich das Bild unserer Frau Kronprinzessin mit meinem Patenkind, der
Prinzessin Alexandrine in Händen. Darunter las ich im trüben Licht der
Laterne: »Gott schütze S. M. S. Seeadler!« Wie wohl das tat! Ich empfand
eine wundervolle Freude: Jetzt kann kommen, was da will, wir hatten
Vertrauen zu allem! Das Bild unserer Frau Kronprinzessin war das
einzige, das in der Kajüte hing neben dem dicken Eduard und König
Haakon, so, daß wir es jederzeit herabnehmen konnten, wenn uns die
Kriegslist zwang, unsern Stolz als Deutsche zu verhüllen. Sie war unser
Schutzengel in Sturm und Krieg, nicht nur für uns, sondern auch für die
Feinde: Es gab keinen Toten, keinen Verwundeten, auch nicht beim Feind.
Als unser Schiff später verloren ging, wurden alle meine Jungs gerettet,
und sie haben aus den Trümmern das Bild mit in die Heimat
zurückgebracht.
[Illustration: Gott schütze S. M. S. »Seeadler.«]
Am 23. Dezember kam der Tag, an den sich noch mancher erinnern dürfte,
der im Norden Deutschlands lebt, der Tag, an welchem einer der
schwersten Stürme unsere Küsten heimsuchte. Auch wir haben die Gewalt
dieses Orkans zu spüren bekommen. Der südliche Wind hatte uns bisher ein
gutes Stück von der Heimat vorwärtsgebracht, als er unter starkem Fallen
des Barometers plötzlich auf Südwest umsprang. Von Stunde zu Stunde
frischte er stärker auf und wuchs allmählich zum Sturm. Alle Leinwand
war gesetzt bis auf Roils-, Oberbram- und die kleineren Stagsegel. Der
Sturm bot die günstige Gelegenheit, um alles aus dem Schiff
herauszuholen. Gerade in dieser Nacht, wo es darauf ankam, die
Hauptblockaden zu durchbrechen, mußten wir ihn als ein günstiges
Geschick ansehen. Mit Sturmsegeln sausten wir längs. Das Schiff lag so
schwer über, daß die ganze Leebordwand unter Wasser war. Der Verkehr
über Deck war nicht mehr möglich, sondern die Leute mußten an der
Außenbordseite an Strecktauen laufen. Alles stand zum Biegen und
Brechen. Die Masten zitterten, das Schiff bebte; Preventerketten wurden
zur Verstärkung an die Vor- und Großschoten aufgesetzt. Wir mußten alles
wagen, wir konnten es auch, denn wir waren vor keinem Handelsherrn
verantwortlich, sondern nur vor unserm obersten Kriegsherrn. Wir mußten
den Wind ausnützen, er war ein Geschenk des Himmels. Auch wenn Topp und
Takel von oben kam, so war die Gefahr nicht so groß als eine
Untersuchung mit unseren schmierigen Papieren. Der Sturm pfeift und
heult durch die Takelage. Hier und da brechen Schotenketten von den
oberen Segeln; in wenigen Minuten ist die Leinwand aus den Liken
gerissen, und ehe man die Segel festmachen kann, sieht man sie als
zerfetzte Lappen hoch in der Luft über das Meer hinwegflattern. Wir
laufen 15 Meilen Fahrt.
[Illustration:
»... der Tag, an den sich noch mancher erinnern dürfte«.]
Abends 11 Uhr passieren wir die erste Blockade. Alles stiert mit den
Gläsern in der Hand durch die Dunkelheit, um ein Blockadeschiff
ausfindig zu machen. Die Augenblicke höchster Spannung setzen ein. Kein
Schiff zu sehen. Dem Feind war das Fallen des Barometers eine Warnung
gewesen, und er hatte es vorgezogen, sich in Lee der Inseln von England
in Sicherheit zu bringen. Aber ein Schiff war da, das kühn die
Gelegenheit ausnützte, der »Seeadler«. Stampfend durchbrach er die
Wogen, ein weißes Kielwasser hinter sich lassend, der Gischt wurde mit
aller Kraft auseinandergepeitscht, Motor, Segel und der gute Geist,
alles half und schob am Schiff; es war ein wundervolles Gefühl. Immer
schwerer wird der Sturm, immer mehr Kraft liegt auf allem, was die
Takelage hält und trägt, Pardunen, Wanten und Brassen, alles knarrt und
zittert, angespannt wie zu straff gezogene Saiten. Viel kann man nicht
mehr geben, aber man wagt!
Auch das Schiff legt sich immer mehr über. Man konnte nicht an Deck
stehen, sondern saß auf der Reeling oder gegen die Lichtschächte
gelehnt. Die zwei kleinen Hunde, die ich mit an Bord hatte, Piperle und
Schnäuzchen, lagen, als ich einmal hinunterkam, auf der Seitenwand der
Kajüte, auf einem norwegischen Kissen zusammengepfercht; der Fußboden
war ihnen zu schräg. Das starke Überliegen bedeutet aber für ein
Segelschiff nicht viel, da es wie ein Stehauf ist, der wieder auf die
Füße kommt. Es kann über ein gewisses Maß hinaus nicht gedrückt werden.
Der Sturm ist nicht das Gefährliche, sondern die See, und diese konnte
uns nicht viel schaden, da wir unter Lee von England fuhren. »Durch«
blieb unsere Devise.
Wir fuhren mit brennenden Positionslampen, steuerbord grün und backbord
rot: Denn hier ist reines Gewissen, wir wollen ja nur durch. Gewaltig
rollt und tobt die See von achtern auf. Hier und da schlagen schwere
Brechseen über Deck, die aber infolge des Überliegens des Schiffes wie
ein Wasserfall darüber hinbrausen und auf der anderen Seite ins Meer
herabstürzen. Die beiden Rudersmänner sind am Steuer festgeschnallt,
alles schüttert von dem Druck, der auf der Takelage liegt. Von vier zu
vier Stunden durchmessen wir einen Breitengrad. Mit der Uhr in der Hand
rechnen wir: Jetzt ist die Sperre passiert, jetzt jene und heute nacht
12 Uhr kriegen wir Hauptsperre zwischen Shetland und Bergen. Noch eine
Stunde, wenn wir die erst hinter uns hätten! So oft Wachablösung war,
hieß es: Wir haben keinen Engländer gesehen. ½12 Uhr, nichts, ¾12
Uhr nichts, Mitternacht nichts. Jetzt passieren wir die Hauptsperre,
aber was heißt Sperre, wenn niemand da ist? Wir geben noch eine viertel,
noch eine halbe Stunde zu: Kein Feind weit und breit! Der Wind war unser
Freund. Wir dachten: Der gerade Weg ist der kürzeste; wenn wir den Orkan
ausnutzen, durch die Orkneys und Shetlands hindurchgehen, dann haben
wir ein paar Meilen gespart. Fahren wir also direkt hindurch!
Im Begriff, den Kurs zu ändern, springt der Wind um acht Strich nach
Westnordwest. Das war uns wie ein Finger Gottes: Hier gehst du nicht
durch, Seeadler! Und so wurden wir hinaufgeworfen bis Island.
Wir konnten nichts tun, als uns treiben lassen, immer höher hinauf.
Lieber in Eis und Schnee stecken bleiben, als zur Shetlandssperre zurück
oder in die Nähe von Kirkwall! Naturgewalt ist weniger schlimm als
Feindesgewalt, insonderheit seine drahtlosen Rückfragen. Am nächsten
Tage fingen wir einen Funkspruch auf, der mitteilte, daß der Orkan
daheim Häuser abgedeckt und besonders in Emden und Wilhelmshaven viele
Schiffe losgerissen hätte.
[Illustration: »Beginnende Vereisung.«]
Jetzt begann die bittere Kälte. Wir gerieten aus dem Golfstrom heraus in
die Gegend, wo nur eine halbe Stunde Tag war und die Sonne, die um 11
Uhr aufging, um ½12 Uhr schon wieder verschwand. Die See wurde immer
schwerer, weil sie weiter ausholen konnte, und die Wellen, die über Deck
gingen und durch die Ritzen der Ladung liefen, erstarrten in dem
grimmigen Frost; das ganze Vorschiff war bald vereist. Das Schlimmste
war, daß die Taue vom Eis so verdickten, daß sie nicht mehr durch die
Blöcke gingen. Wir versuchten sie mit Sauerstoffapparaten aufzutauen,
aber es half nichts. Die unteren Segel, auf welche das Wasser gespritzt
war, standen wie Bretter. Die geheimnisvollen Luken waren zugefroren und
die vierzig Menschen unten eingepfercht, die vierundzwanzig oben aber
ohne genügende Decken, der Möglichkeit beraubt, zu ihren Kojen zu gehen.
Vierthalb Tage stand man an Deck. Die Spannung erlaubte nicht, ins Bett
zu gehen, nur im Kartenhaus habe ich ein bißchen gegessen und geruht.
Die Finger konnten wir nicht mehr aufkriegen, der Mund war steif von
Kälte. Man rutschte auf dem spiegelblanken Deck umher, das so glatt war,
daß man sich nirgends auf den Füßen halten konnte. Wohin man griff, war
Eis. Aber eines war noch warm, eines dampfte, vorn und achtern, der
Grogkessel. Das surrte und das schnurrte; der Deckel snackerte so mit.
Ordentlich Rum hinein, und dann mal her, das tut gut! Wenn einer von
draußen hereinkam, konnte er nichts mehr fassen, er preßte das Grogglas
zwischen die Hände, ließ sich nichts von dem Duft entgehen, die Dämpfe
mußten den Mund erst beweglich machen. Man taute sich tatsächlich daran
auf.
Wie dankte man dem, der den Grog erfunden hatte! Wenn ich an die
Hamburger Bezeichnung des Grogs als Eisbrecher denke, dort oben habe ich
erst die wahre Bedeutung des Wortes empfunden. Denn dort fror alles
zusammen, der Dampf der Nase und des Mundes. Es federte alles um das
Gesicht umher, wie um ein Walroßmaul. Leute, die daheim mit Grog
renommieren, haben ja keine Ahnung davon. So richtig schmeckt er erst,
wo die Sonne nicht aufgeht.
Wir mußten das Schiff sich selbst überlassen, konnten kein Tauwerk
bedienen. Ein seltsames Gefühl, auf dem erstarrten Fahrzeug nicht mehr
Seemann zu sein, sondern als ohnmächtiger Passagier in der Gnade des
Himmels zu fahren! Wir überließen uns dem arktischen Klabautermann und
durften nur damit rechnen, daß der Wind endlich nördlich umsprang. Er
tat uns auch schließlich den Gefallen, und nun kamen wir südlich und
wurden mit Axt und Picke der Eislast Herr, um das Schiff wieder zum
Manöverieren zu bringen. Wir setzten nun alle Segel und gingen zwischen
den Färöer und Island in den Atlantik.
[Illustration:
»... und gingen zwischen den Färöer und Island in den Atlantik.«
(Aufnahme des unerkannten »Seeadlers« von Bord eines feindlichen
Schiffes aus, das wir gleich darauf versenkten.)]
Elftes Kapitel.
Eine peinliche Untersuchung.
Der 25. Dezember brach an. Wir fühlten schon alles überstanden, die
Blockade durchbrochen, die Eiszeit hinter uns, das freie Meer um uns,
Kriegshandwerk vor uns. Da ruft morgens um ½10 Uhr, während wir
nichts Böses ahnten, der Ausguck von oben: »Dampfer achter aus!«
Was, hier ein Dampfer? Das kann in dieser Gegend nur ein Kreuzer sein.
Ich kletterte etwas höher hinauf und gewahre einen großen Hilfskreuzer.
Welches Pech nach soviel Glück. Nun kam die Ernstprobe; nun konnten wir
uns fürchterlich blamieren.
»=Klar zur Verschleierung!=« war jetzt das Kommando.
Das bedeutete: Die nicht norwegisch sprechende Besatzung in Uniform klar
bei Handwaffen unter Deck, wer nicht Gewehre oder Handgranaten hatte,
legte Sprengpatronen an in der Geschoßkammer vorn, mitschiffs im
Motorraum und achtern in der Sprengkammer. Dann wurden die Leute unter
ihren geheimnisvollen Luken in Gruppen verteilt.
Aber zunächst sollte nicht die Waffe, sondern die Maske sprechen. Noch
einmal werden die Jungs versammelt. »Wir haben uns geprüft, als wir
durch die Minen gingen, im Sturm, in Eis und Schnee. Jetzt gilt es noch
einmal eine Prüfung. Habt ihr Vertrauen zu euch? Bloß nicht aufgeregt
scheinen! Backbordwache zur Koje. Steuerbordwache an Deck, denn je
weniger wir sind, desto besser. Jeder soll etwas Beschäftigung haben,
keiner sich umgucken. Daß mir keiner durchdreht! Selbstbeherrschung und
echt norwegischen Benimm!«
Der Kreuzer signalisiert. »Daß ihr mir das Signal nicht etwa zu rasch
erkennt, Jungs! So ein Norweger hat bloß alte unscharfe Gläser.«
Unterdessen wird die Kajüte in Empfangszustand gesetzt, Matratzen raus,
Schiebladen raus, alle nochmals tüchtig voll Wasser, die Unterbüxen
ausgehängt, die Papiere aus dem nassen Löschpapier in der Kajüte »zum
Trocknen« ausgelegt, kurz die »nasse Rolle« wird gespielt.
»Un nu, Jeanette, mak di kloar!«
Unsere Hauptstärke nämlich, wodurch wir den Feind in besonderem Maße
entwaffnen wollten, war die verschleierte Frau. Gegen Damen ist man
artig, besonders der englische Offizier. Und wenn man als Kapitän seine
Frau mitnimmt, dann tut man es nur unter Umständen, wo die Hände rein
sind, man keine Bannware führt und sicher ist, der Frau keine
unangenehmen Lagen zu bereiten. Dazu kam die Seemannssitte; in Norwegen
und anderen Ländern ist es im Gegensatz zu Deutschland ganz
gebräuchlich, daß der Kapitän auch sin Olsch an Bord hat. Da war ein
Matrose von achtzehn Jahren, der das geeignete Gesicht besaß. Keine
Ahnung hatte der Mann vor seiner Einschiffung gehabt, daß er diesem
Umstand das Kommando auf »Seeadler« zu verdanken hatte. Aber heimlich
waren an Land schon für ihn Frauenkostüme und eine blonde Perücke
gekauft worden. Alles paßte dem Mann, nichts fehlte an den zugehörigen
Formen und Umrissen, nur einen schicklichen Schuh konnten wir nicht
kriegen. Schmidt hatte eine solche Nummer von Fuß ... Das war unsere
Sorge. Das Kleid mußte also möglichst lang sein, nicht im modernen
fußfreien Stil.
»Nu also antrekken!«
Jeanette wurde rasch aufgetakelt, ganz leicht und zart war sie
geschminkt, auf die Chaiselongue gepackt, eine Decke über die großen
Füße, darauf wurde Schnäuzchen gelegt. Der bellte wenigstens nicht und
lag hübsch ruhig, wenn er einen so weichen Platz hatte, während Piperle
losgefahren wäre, wenn Fremde kamen.
[Illustration:
»... Wir hatten Jeanette nicht zum erstenmal aufgetakelt.«]
Die Frau sah recht gut aus. Nun kann man alles verschleiern, nur die
Stimme nicht. Aber auch hier wurde Rat gefunden. Bei Zahnschmerzen
nämlich kann der Mensch nicht reden. Einen Schal um die Backen, zwischen
Zahn- und Backenwand Watte hineingepfropft, naß gemacht, und die
Geschwulst war da. Der arme Kerl hat was ausgehalten, die Backe stand
infolge der Spannung ganz prall, und es entstand ein wirklich leidendes
Gesicht.
Wir hatten Jeanette heute nicht zum erstenmal aufgetakelt und von ihrer
Schönheit früher schon eine Photographie genommen. Die hing jetzt
vergrößert an der Kajütenwand, damit, wenn der untersuchende feindliche
Offizier die Dame vor jeder Indiskretion behüten wollte, er nur zur Wand
zu blicken brauchte, wo sie mit der Unterschrift hing: _Mange hilsner_
(viele Grüße) -- _Din Dagmar_, 1914.
Soweit war alles gut. Nun bemerkten wir aber, daß es fürchterlich nach
dem Motor roch. Wir hatten ihn ja die ganze Zeit laufen lassen, und der
Geruch, welcher infolge der aufgestapelten Holzladung nicht abziehen
konnte, lag schwer in der Kajüte. Da konnten wir keine Räucherkerzchen
gebrauchen oder kölnisch Wasser, sondern wir haben den Petroleumofen
tüchtig schmökern lassen und die Lampe hochgeschraubt, daß sie mit
kräftiger Dosis gegen den Motordunst anarbeitete, bis die richtige
Mischung entstand. Leider wurde Jeanette dabei ein bißchen verrußt.
Wie ich wieder an Deck kam, war das Signal deutlich zu sehen. Der
Engländer hatte auch nicht länger Geduld, sondern schoß uns eine Granate
vor den Bug. Das mußten wir verstehen. Wir drehen in aller Gemütlichkeit
den Großtopp back, dann kommt der Kreuzer auf. Es ist der 18000 Tonnen
große britische Kreuzer »Avenge«. Alle Geschütze stellen ihre
Feuermündungen auf uns ein, alle Gläser sind auf uns gerichtet. Was soll
das? Gegen ein Segelschiff, einen friedlichen kleinen Kauffahrer? (Ein
deutscher Kreuzer würde seine Geschütze nicht gegen einen Segler
gerichtet haben, der dazu noch neutrale Flagge und Neutralitätsabzeichen
führte.) Ist das nicht verdächtig? Sind wir verraten? Der Atem stockt.
Als der Ozeanriese quer ab von uns ist, wird mit Sprachrohr
herübergerufen: »=Sie werden untersucht=.« Huh, wie durchschauert es
einen, wie kalt lief es einem den Buckel herunter! Schnell ging ich in
die Kajüte, um mich noch einmal von allem zu überzeugen. Die Unruhe, daß
wir möglicherweise doch verraten sein könnten, tobte schwer in mir. In
der Kajüte stand Kognak, den mir mein Freund Conrad Jäger, der große
Hamburger Weinhändler, mitgegeben hatte für den Fall, daß ich noch
einmal ins Examen müßte. Der Fall lag vor. Der Kognak war 100jährig, es
war noch ein Napoleon mit seinem »N« darauf. »De Alkohol, de den ollen
Napoleon good dohn hett, wenn he mit de Engländers anbunn, de kannst du
ok bruken.« Ich korke den Napoleon auf, setze ihn an den Mund. Schon
wirkt der Gegenschrecker. Noch einmal gluck gluck und alles, was das
Herz bepackt hat, ist fest unterdrückt. Dann der Priem in den Mund ...
ich bin kein Gewohnheitspriemer, aber ein alter Kapitän muß Tabak kauen,
in dem Vollbart soll ein wenig Priemsauce stehen ... und nun wieder auf
Deck. Meinen Jungs dort schenkte ich auch einen ordentlichen Kognak ein
zur Beruhigung. »Jungs, jetzt kommt's drauf an, die Nerven
zusammenreißen! Sich nicht verblüffen lassen! Den Feind, den wir
bekämpfen wollen, auf unsern Planken als wohlwollende Neutrale zu
begrüßen, ihm mit deutschen Augen unter norwegischer Maske furchtlos ins
Gesicht zu sehen. Einer für alle, alle für einen! Spielt ihr eure Rolle,
ik speil de oll Kaptein.«
Auch unsere Messe hatte inzwischen ihre Vorbereitung vollendet. Dort
stand ein Grammophon: »_It is a long way to Tipperary_« ... Wir wollten
den Feind gleich sympathisch stimmen. Das reine Gewissen guckte ja jetzt
aus allen Ecken hervor, aber auch wo man nicht hinsah, mußte man es
wenigstens hören. Vor der Messe stand eine Ordonnanz mit einer Pulle
Whisky und einem Bierglas. Wir ahnten, daß die Tommys gleich nach der
Pantry streben würden. Da konnten sie sofort das Zielwasser nehmen und
ihnen die Sehschärfe genommen werden. Wir waren freundliche Leute.
Ein Boot ruderte vom Kreuzer herüber. Unsere Jungs taten vollkommen
gleichgültig und machten die Vorleine klar, um das Boot wahrzunehmen. Es
kam längsseit mit zwei Offizieren und 15 Mann. Ich schimpfte, als wenn
meine Jungs nicht flink genug funktionierten, tüchtig, wie so ein oller
Kaptein schimpft, damit sie gleich die norwegische Sprache hörten. Der
Offizier, der zuerst an Bord kam, begrüßte mich:
»_Happy christmas, captain._«
»_I am the captain, mister officer._« (Diese Anrede paßte besser zu mir
einfachem Mann, als wenn ich »Sir« gesagt hätte.)
»_Happy christmas, captain?_«
»_O, happy christmas, mister officer!_ Wenn Sie in meine Kajüte
herunterkommen, dann werden Sie sehen, was für ein glückliches
Weihnachten wir gehabt haben!«
»Haben Sie den Sturm gehabt?«
»Jawohl, den haben wir gehabt.«
»_Poor captain._ Wir haben hinter den Inseln gelegen.«
Da dachte ich bei mir: Ja, das haben wir auch gemerkt, wir haben keinen
von euch gesehen.
»Ich möchte gern Ihre Papiere sehen, _captain_.«
Wie wir hinuntergehen (auch der zweite Offizier hatte mir ein »Frohes
Weihnachten« in die Hand gedrückt), schnarrt die Platte los: »_It is a
long way to Tipperary_.« Sie freuten sich und summten mit, denn
Sympathieluft wehte ihnen entgegen. Es konnte jeder fühlen: Das Schiff
ist gut.
Als sie in die Kajüte eintreten, müssen sie gebückt unter dem nassen
Unterzeug hindurch, die »Mischung« macht sie hüsteln. Da stutzt der
erste Offizier und sieht Jeanette.
»_Your wife?_«
»_My wife, mister officer._«
Er ist ritterlich, geht auf sie zu mit den Worten: »Verzeihen Sie, daß
ich Sie störe, aber wir haben unsere Pflicht zu tun,« worauf Jeanette
das eingeübte hohe »_All right_« flötete. Darauf fallen seine Blicke auf
die zerschlagenen Bullaugen und auf all die Nässe in der Kajüte, und er
äußert: »Weiß der Himmel, Kapitän, was haben Sie für ein Wetter gehabt!«
Worauf ich zu ihm sagte: »Ach, gucken Sie nicht dahin, Mister Officer,
das kann mein Zimmermann wieder machen. Was mir aber Sorge macht, das
sind meine nassen Papiere.«
»Na, na, Captain, daß Ihre Papiere nicht trocken sein können, wo hier
das ganze Schiff eingeschlagen ist, das ist doch selbstverständlich!«
»Ja, für Sie vielleicht, aber wenn ein anderer kommt, der macht mich
womöglich verantwortlich. Die Papiere sollen doch schließlich
ebensolange halten wie das Schiff.«
»Dann haben Sie ja meine Bescheinigung,« beruhigte er mich, »seien Sie
doch froh, daß Ihnen Ihr Schiff nicht ganz und gar zerschlagen ist.«
»Für die Bescheinigung wäre ich allerdings dankbar,« erwiderte ich.
Er nimmt ein Buch aus der Tasche, worin all die Papiere vorgedruckt
sind, die er nachzusehen hat. Er hat schon viele Schiffe untersucht und
alles Verdächtige eingetragen. S. M. S. »Seeadler« bekommt jetzt auch
seine Seite im Buch, hoffentlich mit guten Nummern. Und so, wie er die
Papiere aufruft, lege ich sie ihm vor, worauf er immer verständnisvoll
nickt. Währenddessen sah sich der andere Offizier den König Eduard an
und die schönen Landschaften und verglich respektvoll das Bild meiner
Frau mit dem Original. Draußen kicherten die Matrosen und kriegten ihr
Zielwasser, der Mann am Grammophon zog immer wieder die Tipperarywalze
auf, daß bloß keine Pause dareinkam, ich hörte meine Leute lachen und
sprechen, währenddessen schob ich dem Offizier einen Beleg nach dem
andern hin: er schaute kaum mehr darauf und schrieb: »_All right, thats
all right, captain._« Zwischendurch spuckte ich einmal kräftig in den
Salon und reichte weiter: »_Here, please, mister officer, please here._«
Die Stimmung war überall vorzüglich, es funktionierte buten und binnen.
Wenn der Mann ahnte, daß er auf Bajonettspitzen stand! Denn unten
warteten ja meine deutschen Jungs in voller Uniform mit aufgepflanztem
Seitengewehr.
Neben mir stand mein Adjutant Pries, der den ersten Steuermann
darstellte, eine kolossale, echt norwegische Gestalt. Mit ernstem
Gesicht stand er da und spielte seine Rolle hervorragend.
»_Where are your Cargo Papers?_« fragte der Engländer. Der Steuermann ging
langsam hin und holte sie. Denn dazu ist er da. Der Kapitän darf nicht
alles selber tun. Pries brachte also unsere einzigen Papiere, in welchen
nicht mit Tintentod gearbeitet worden war; darin stand die Ladung genau
spezifiziert. Es war bescheinigt, daß sie für die englische Regierung in
Australien bestimmt wäre. Unterschrift: »_Jack Johnson, british
vice-consul._«
»_Captain, your papers are all right._«
»Ich freue mich so, daß meine Papiere in Ordnung sind, das sollen sie ja
wohl auch!« und da erlebe ich den ersten Versager. In der Freude rutscht
mir der Priem weg, ich will ihn stoppen, kann aber nur die
Geschwindigkeit abbremsen und fühle, wie er langsam die Speiseröhre
hinunterläuft. Ich muß ihn niederkämpfen, damit der Engländer nicht
merkt: dem Kapitän wird übel. Wie kann ein alter Norweger seekrank
werden! Nun will er das Logbuch sehen, mein Steuermann Lüdemann bringt
es heran. Der Engländer sieht es genau durch. Verflixt, daß wir drei
Wochen stillgelegen haben! Hiervon hängt dein Schiff ab. Der Mann muß
mit Vertrauen erfüllt werden, und nun dieser innere Kampf. Immer rauf
und runter in der Speiseröhre. Lieber in Nacht und Eis, als dies
erleben. Um mich abzulenken, bemerke ich zu Lüdemann: »Solch einen
Kameelhaarüberhang mit Kapuze, wie der Offizier hat, müßten wir auch
haben gegen die Kälte.«
»Nein,« sagte der Offizier, »gegen die Nässe.«
Der Engländer beschäftigt sich lange mit dem Logbuch, mit der Vorreise,
mit dem Ankerlichtmotor, den wir bekommen haben, und fragte: »Was ist
denn hier, warum haben Sie drei Wochen da gelegen?«
Ich, der ich mit dem Priem herumarbeite, fühle das Entsetzen über diese
Frage und denke: Nun ist alles zu Ende. Da fällt Lüdemann trocken ein:
»Jawohl, wir sind vom Reeder gewarnt worden, nicht auszulaufen wegen der
deutschen Hilfskreuzer.« Wie wohl wird mir über die Unerschrockenheit
dieses einfachen Mannes. Der Offizier stutzt, wendet sich nach mir um
mit der Frage: »Deutsche Hilfskreuzer? Wissen sie etwas über deutsche
Streitkräfte?«
»Jawohl,« sag ich, und zu mir selbst: »Jetzt wirst du dem Kerl mal was
einschenken.« (Ich fühlte mich auch im Magen etwas beruhigt, seit mein
Lüdemann in die Bresche sprang.) »Wissen Sie gar nichts von >Möwe< und
>Seeadler<? Fünfzehn deutsche Unterseeboote sind außerdem unterwegs, so
haben wir vom Reeder gehört. Wir waren doch selber besorgt, weil wir
englische Ladung haben. Deshalb sind wir unterrichtet.«
Der andere Offizier hatte es mit einem Male eilig. Er sah auf die Uhr
und sagte zu seinem Kameraden: »_Well, we are in a hurry_ (wir haben
Eile).« Der untersuchende Offizier erhob sich, klappte die Bücher zu und
bemerkte: »_Well, captain, your papers are all right._ Aber Sie haben ein
bis anderthalb Stunden zu warten, bis Sie das Signal zum Weitersegeln
bekommen.«
Wie der Offizier hinausgehen will, zeigt er auf Schnäuzchen: »_Looks like
a german dachshound!_« (Der sieht aus wie ein deutscher Dachshund.)
Ich denke: Ach Gott, laß den nur auf Jeanettes Füßen liegen. Wenn du
nicht mehr Deutsche gefunden hast als den Dachshund dann ist ja alles
gut. Wir kommen auf Deck, die Engländer gehen zu ihrem Boot, ich jage
rasch den Priem über die abgelegene Bordwand und fühle mich in jeder
Hinsicht erleichtert. Aber die ernstesten Augenblicke standen erst
bevor.
»Sie müssen anderthalb Stunden warten!« Während ich die Offiziere nach
dem Boot hinbringe, hat ein Pessimist die Worte aufgefangen und sagt vor
sich hin: »Na, dann ist alles verloren.« Meine Leute unten im Schiff
sitzen unter Kommando von Leutnant Kircheiß in größter Spannung, wie die
Untersuchung abläuft, und lauschen auf alles, was sich oben abspielt.
Sie fangen das Wort auf: »Alles verloren!« und geben es weiter; von
achtern, mittschiffs nach vorn pflanzt der Ruf sich von Mund zu Mund
fort. Die sieben Minuten brennende Zündschnur wird angeschlagen, um das
Schiff in die Luft zu sprengen. An Deck ahnt man nicht, daß unten im
Schiff die Zündschnur glimmt. Im Gegenteil, man ist so befriedigt, daß
alles glücklich abgelaufen ist. Mit einem Händedruck verabschiedet sich
der feindliche Offizier, nochmals mit der Bemerkung: »Also, Sie warten,
bis Signal vom Kreuzer kommt zur Weiterreise.«
Mein erster Offizier Kling mit seiner viereckigen Polarfigur und seinen
achtzehn Wörtern Norwegisch, die er mit Kunst anbrachte, drehte dem
Feind den Rücken und gab den Matrosen Anweisung für die Takelage. Als
die Offiziere im Boot sitzen, entsteht eine peinliche Situation: man
kann ein Segelschiff nicht so auf der Stelle halten wie einen Dampfer,
der einfach seine Schraube stoppt, sondern es wird immer mit langsamer
Fahrt vorausgehen. Das Boot der Engländer, das dicht an unserer
Schiffswand liegt, kommt nicht frei, es wird vom Schiff angesogen und
treibt nach achtern heraus. Welche ungeahnte Gefahr erhob sich in diesem
Augenblick! Wenn der Feind nach hinten ans Heck kam, mußte er die
Schraube des Schiffes sehen. Ein Segelschiff mit Propeller, das mußte
uns verraten! Davon war nichts vermerkt in unseren Papieren, daß wir
einen 1000pferdigen Motor im Leibe hatten!
Jeden Glauben meiner Leser an Geistesgegenwart bei meinem jetzigen
Handeln weise ich zurück; Verzweiflung war alles. Ich laufe nach hinten,
ergreife ein x-beliebiges Tau und lasse es möglichst ungeschickt über
den Köpfen der Feinde hin- und herbaumeln, damit sie besser von der
Bordwand freikommen sollten: »_Take that rope, mister officer,_ nehmen Sie
dieses Tau!« Die Folge war, daß die Feinde nach oben schauten, um von
dem Tauende nicht getroffen zu werden, und dadurch wurden ihre Blicke
von unten weggerissen, von der Schraube abgelenkt. Das Boot kommt frei.
Der Offizier dankt mir noch einmal für meine Hilfsbereitschaft und
ärgerlich, daß seine Leute im Boot nicht schneller von der Bordseite
absetzten, ruft er: »_I only got fools on my boat._« (Ich hatte nur Narren
in meinem Boot.) Ich dachte: »Ja, da hast du recht und bist selbst nicht
schlecht zum Narren gehalten.« Aber der Mann hatte nur seine Pflicht
erfüllt, und ich wäre wohl an seiner Stelle ebenso hereingefallen. Eine
britische Akademie hat freilich hinterher in einer Sitzung über
Sprachstudien erklärt, daß der Hereinfall nur möglich gewesen sei
infolge der bemerkenswerten britischen Unkenntnis fremder Sprachen.
Wie atmet man auf, daß die Gefahr abgewendet war. Man läuft schnell nach
unten, um den Kameraden, die im Heldenkeller, abhängig von unserem
Spiel, auf das Gespannteste warten, mitzuteilen, wie befriedigt der
Feind abgezogen ist. Als ich mit dem Stiefelabsatz auf die
geheimnisvolle Luke trete und rufe: »Macht auf!« erhalte ich keine
Antwort. Ich rufe noch einmal: »Macht auf!« Plötzlich höre ich den Ruf:
»Flutventile auf, Schieber auf!« Was ist das? Was ist da los? Sind die
verrückt geworden? Ich rufe noch einmal, auf die Luke tretend: »Macht
auf, alles klar!« Da öffnet einer die Luke und ein verstörtes Gesicht
sieht mich an, der Mann läuft weg, und ein Rennen beginnt von achtern,
mittschiffs nach vorn. Was ist los? Ich kann nicht verstehen. Endlich
erfahre ich: Sie laufen, um die Flutventile zu schließen und die
Zündschnur abzuschneiden, die das Schiff in drei Minuten in die Luft
sprengen sollte. Wie ist einem da zumute! Die Zündschnur? Angeschlagen?
Das Vorkommnis zeigte, wie auch die besten Vorkehrungen im Kriege durch
plötzliche Verwirrung zunichte gemacht werden können. Aus dem
Schreckensruf »Alles verloren!« hatten die Leute geglaubt, schließen zu
müssen, daß wir verraten wären, und im Gedanken an die gefechtsmäßige
Haltung des Hilfskreuzers hatten sie zu der Maßnahme gegriffen, die ein
Kriegsschiff trifft, um dem Feind nicht in die Hände zu fallen.
Endlich erfahre ich aus dem Wirrwarr heraus diesen Zusammenhang. Man
forscht nach, von wem der Ruf gekommen ist: »Alles verloren!« Man findet
den Betreffenden, macht ihm Vorwürfe, wie er dazu komme: »Jawohl, ich
habe nichts nach unten gerufen, ich habe nur vor mich hin geäußert:
Anderthalb Stunden warten, dann ist alles verloren, das bedeutet Anfrage
nach Kirkwall, ob >Irma< ausgelaufen ist. >Irma< gibt's ja nicht.«
Der Mann hatte recht! Die Papiere waren doch in Ordnung gefunden worden,
weshalb also anderthalb Stunden warten? Man eilt an Deck; es ist, als
wenn einem das Herz zusammengepreßt würde. Man eilt zum Steuermann; auch
der vermutet dasselbe. Wir stellen unsere drahtlose Telegraphie ein,
deren Antennen unsichtbar in die Taue verkleidet waren. Im Geist hört
man schon die Telefunken sausen: »Ist >Irma< ausgelaufen?« Man hat das
Signalbuch und das Glas in der Hand, um sofort das Signal, wenn es
hochgeht, zu erkennen. Man bedauert, nicht 25 Finger zu haben, um bei
jedem Buchstaben einen Finger hineinzukrallen; der Schweiß der Hand
drückt sich in die Seiten des Buches. Man stiert auf den Kreuzer, hängt
förmlich an der Bordwand: Retten wir unsere Planken? Man spürt jetzt die
schlaflosen Nächte, die Kräfte versagen. Die Minuten werden zu
Viertelstunden. Da plötzlich geht ein Signal hoch. Man reißt das Glas
an die Augen, aber die Hand tattert, man sieht kein Signal, sondern
drei, vier Kreuzer flimmern. Mein Adjutant nimmt das Glas; auch er kann
nicht sehen. Da nimmt der alte ruhige Lüdemann das Glas, legt es
bedächtig auf die Reeling und hält das Signalbuch in der Hand. Man hängt
förmlich an seinen Augen. Was sieht er, was wird er sprechen? Die Nerven
können nicht mehr, man hat sich zusammengerissen, jetzt ist's, als wenn
alles auseinander fliegt. Endlich hat er das Signal erkannt.
»T M B«
Nachblättern! Was heißt das? Was kann das sein?
»Steuermann, das kann nicht stimmen! Hier steht: =Planet=. Unsinn! Lesen
Sie das Signal noch einmal ab.«
Wieder wird die Geduld auf die Probe gestellt. Man versucht, den Atem
anzuhalten, um die Sehschärfe zu erhöhen.
»T X B«
Noch einmal nachgeblättert! Ich hole Atem, einen kurzen Zug. Dann:
»=Fortsätte reisen!=«
Die Erlösung! Es ist, als wenn alles stehen bleibt im Körper ... ein
unbeschreibliches Gefühl, wie die =Freude= einströmt und die =Aufregung=
aus dem Körper wegdrückt, zwei Faktoren, die mit so krassem Gegensatz
gegeneinander toben. Man fühlte förmlich, daß das Herz zwei Klappen hat.
Nun runter, wo die Jungs sind, wo Kircheiß mit seinen Leuten brave Wache
ging, schnell, damit sie aufgefrischt werden, und daß keine Zündschnur
wieder anbrennt.
»Leute, gerettet, =Reise fortsetzen=!«
Wie drückten sich die Hände! Sie mußten sich meistern, sie durften noch
nicht herauf, damit nicht durch eine Unvorsichtigkeit alles wieder aufs
Spiel gesetzt wurde. Da ging der Kreuzer an uns vorbei, keine Gläser,
keine Kanonen mehr auf uns gerichtet. Da, wieder ein Signal, geheißt in
der Gaffel, das Signal, das jeder Seemann dem andern wünscht; da
brauchten wir kein Signalbuch mehr, das Signal: »=Glückliche Reise=«.
Konnten wir mehr verlangen vom Feind, wie »=Glückliche Reise=«? Wir
dippten unsere norwegische Flagge dreimal so recht vertrauenbestätigend,
und dann ging von uns das Signal auf »=Danke=«.
Der Kreuzer kam außer Sicht. Meine Jungs, die ihn noch einmal sehen
wollten, kamen herauf und schauten sich durch die Bullaugen den Feind
an.
»John Bull, wat hest du di verkeken! Du hest den Richtigen >Glückliche
Reis< wünscht, di könn wi bruken.«
Ein Glückwünschen! Jeder drückt seine Hand fest in die des andern:
»Glückliche Reise, Kapitän!«
»Jungs, jetzt lat uns Wihnachten fiern! Jetzt hevt wi de Berechtigung.«
[Illustration:
»... Unter der Flagge, auf >Seeadler<, wollen wir feiern!«]
Ich stelle es ihnen frei: »Feiern wir auf >Irma< oder unter deutscher
Flagge auf >Seeadler<, in Maske oder in kaiserlicher Uniform?«
»Unter der Flagge, op Seeodler, wüllt wi fiern!«
»Jungs, wißt ihr, was dann noch zu tun ist vorher? Die ganze Deckladung
über Bord zu werfen.«
Sie waren ja müde, aber wie die Heinzelmännchen gingen sie an die
Arbeit; die Laschings werden gesprengt und die Deckladung fliegt über
Bord. In drei Stunden war das Deck rein, an dem wir acht Tage gebaut
hatten. Unser Geschütz wurde aufgestellt, ein Probeschuß abgefeuert, ob
de »olle Kanon« auch ging.
Meine Aufgabe war es inzwischen, den Weihnachtsbaum, den wir aus der
Heimat mitgenommen hatten, zu schmücken. Wenn je ein Weihnachtsbaum
aufgeputzt worden ist mit Liebe und aller Herzlichkeit, so tat ich es da
für meine Jungs. Liebesgaben aus der Heimat hatten wir die Menge. Da
wurde aufgebaut! Und als ich fertig bin, wird gemeldet: »Die Flagge
weht, die Kanone steht, S. M. S. >Seeadler< ist klar.« Schmuck in blauen
Uniformen wurde Weihnachten gefeiert. Dicht gedrängt saßen wir im Salon,
in dem engen Raum; es war kaum Platz, man setzte sich auf den Tisch,
damit man ja mit allen Jungs zusammensitzen konnte. Die Bilder, die da
nun nicht mehr hingehörten, wurden von der Wand genommen und diejenigen
aufgemacht, die hingehörten. Um unsern Schutzengel kam ein
Weihnachtskranz und ein zweiter um unsern obersten Kriegsherrn. Nun
ruhten aller Gedanken daheim bei den Angehörigen aus. Keiner von ihnen
wußte, wo wir waren. Jede Meile brachte uns weiter weg, umringt von
Feinden, keine Hilfe von der Heimat konnte uns mehr kommen. Aber, wo ein
Wille ist, da ist auch ein Weg, und wir wollten dem deutschen Namen Ehre
machen und den Feinden zeigen, was deutsch ist, wenn wir auch nur eine
kleine Schar von 64 waren.
Und dann kam der Tag nach Weihnachten, an dem uns der Wind nach Süden
brachte. ...
Welche Vorkehrungen hätten wir gehabt, für den Fall, daß das Schiff als
verdächtig gegolten hätte? Wir waren darauf vorbereitet, denn wir
kannten die Art und Weise, wie die Engländer verdächtige Fahrzeuge
handhaben. Der englische Kreuzer würde uns ein Prisenkommando an Bord
geschickt haben, unter dessen Befehl ich das Schiff nach dem
Untersuchungshafen hätte navigieren sollen. Um in diesem Falle das
Schiff möglichst ohne Blutvergießen dem Prisenkommando wieder
abzunehmen, hatte Dr. Claußen von der Tecklenborgwerft folgende
Vorbereitungen vorgesehen.
Der Salon sollte aus dem Schiffskörper ausgeschnitten und fahrstuhlartig
in einer hydraulischen Presse aufgehängt werden. Sein Fußboden war unter
Deck diagonal durch eiserne Träger unterstützt, damit er Halt hätte. War
das Schiff in Feindeshand, so würden die feindlichen Offiziere und die
Besatzung in diesem Salon wohnen. An Deck wären sechs oder sieben
Engländer zur Bewachung meiner Zivilbesatzung.
Wenn nun der britische Kreuzer außer Sicht war, dann wäre Alarm gegeben
worden, um das Schiff wieder in unsere Hand zu bringen. In einem
Waschraum war ein kleines Schränkchen, worin meine Uniform mit Orden und
Ehrenzeichen hing. Ich hätte meinen Zivilmantel darübergezogen und an
Deck laut das Stichwort gerufen: »Mars fallen, durchholen.« Im selben
Augenblick sollte die Freiwache (unsere »norwegische« Besatzung) in die
Takelage gehen zu den geheimnisvollen Türen, wo ihre Waffen und
Uniformen hingen. Die Mannschaft unter Deck erhält durch ein leichtes
Klingelzeichen Bescheid. Dann wäre durch das einfache Drücken auf einen
Knopf der Salon in die Tiefe gesaust, mit Sofa, Tisch und Stühlen, und
drunten wären die englischen Offiziere plötzlich fünfzehn Mann gegenüber
gesessen, die sie mit aufgepflanztem Bajonett, Gewehr angelegt,
empfangen hätten. Im gleichen Augenblick ging die deutsche Kriegsflagge
hoch, die in einem Sack eingenäht war. Oben auf Deck wären meine Leute
unter Trommelklang aus allen Räumen hervorgetreten, die Gewehre auf die
britische Wache angelegt. Ein Maschinengewehr stand vorn, auch oben im
Mast eines. Was hätten die Armen machen wollen? Es wäre glimpflich
abgegangen.
Dieser Claußensche Plan war glänzend, aber es war doch gut, daß die
Verschleierungsrolle gelang, denn infolge der verfrühten Abfahrt der
»Maletta« war diese »Saloneinrichtung« nicht mehr ganz fertig geworden.
Zwölftes Kapitel.
Kaperfahrt.
Wir gingen gen Süden und steuerten mit vollen Segeln ohne Motor auf
Madeira zu. Der Motor hatte trotz unserem tüchtigen Personal viele
Pannen. Da ein Segelschiff durch den Druck der Segel stets nach einer
Seite überliegt, wurden die Kolbenringe des Kompressors stark einseitig
abgenutzt, und die Gebrauchsfähigkeit des Motors wurde besonders dadurch
sehr herabgesetzt, daß das uns mitgegebene Schmieröl bereits schon
einmal gebraucht war. Im Vaterlande war das Schmieröl, wie so vieles
andere knapp geworden, und da unser Unternehmen nur bei wenigen, wie
Kapt. z. S. Graßhoff und Toussaint, Vertrauen fand, und fast von
jedermann sonst als ein verlorenes angesehen wurde, so wollte man nicht
viel an uns wenden. So liefen wir meist mit ausgekuppeltem Motor.
Jetzt durfte man den Salon und alle Kammern wohnlich herrichten, die
schönen Teppiche, Bilder, Sessel wurden ans Licht gebracht. Was hatte
die Werft brav vorgesorgt; alles hatten wir an Bord bis zu Meyers
Konversationslexikon, das uns besonders wertvoll war, denn es sagte uns
jeden Fisch und war Schiedsrichter in den gelehrten Streitfragen, die
menschlicher Fürwitz bei so langem Bordleben aufwirft. An Deck und in
den Räumen wurde überall gemalt, das Teakholz außen gescheuert, damit
man sich wieder auf einem deutschen Kriegsschiff fühlte. Das
Schmuddelige wurde hinausgebracht und das Schöne, Saubere, Glänzende,
das mußte heran. Jetzt fühlte man sich, wenn die »Plumböm«, so nannten
wir die Masten, sich unter den Segeln bogen. Alles war froh und frei und
ohne Sorgen auf unserem Schiff. Wir hatten Weisung, nur Segelschiffe
anzugreifen. Segler gegen Dampfer, das geht doch nicht! Vielleicht war
auch dies der Grund, weshalb man uns so schlechte Armierung mitgegeben
hatte. Von unseren zwei Kanonen konnte natürlich immer nur eine in
Aktion gegen den Feind treten; mit einer Kanone konnte man kein
Trommelfeuer machen. Über das Wenige, was wir hatten, wollten wir aber
vollkommen Herr sein. Die Geschützmannschaft exerzierte aus eigener Lust
an der Sache und war so eingeschult, daß kein Schiff eine bessere hatte.
Durch Drill und Präzision waren wir ein nicht zu verachtender Gegner.
Unsere Armierung war und blieb freilich schwach, und strategische Regeln
und normale Kriegskunst zur See konnten ein Segelschiff nicht zu
erfolgreichem Krieg befähigen, so daß das geringe Vertrauen in unsere
noch nie erprobte Sache am Ende nicht so unbegreiflich war. Aber wir
verließen uns auf Treue, Willen und deutschen Geist, der, wenn er frisch
ist, allen über ist. Dazu die Kriegslist. Bluff und Schneid sollten
unsere eigentliche, aber unsichtbare Armierung sein.
Wir hatten zwei Ausguckposten. Eine Ausgucktonne mit einem bequemen Sitz
darin befand sich hoch oben im Mast. Nur ein Mann, der gemütlich und
geschützt sitzt, paßt auch gut auf. Zweitens saß im Vormast einer von
den Unteroffizieren. Derjenige, der zuerst ein Schiff meldete, bekam
eine Flasche Champagner. So war da stets ein Wettgucken, denn einer
gönnte dem andern die Meldung nicht. Überall arbeiteten die Augen umher,
jeder hatte das Bedürfnis, die Pulle Schum zu sehen.
Es erwies sich, daß wir ein vorzügliches seemännisches Personal an Bord
hatten, biedere Leute, denen keine seemännische Arbeit zu viel war und
die Hand anlegen konnten, wo es galt.
In der Höhe der Straße von Gibraltar wurde am 11. Januar ein Dampfer an
Backbord gemeldet. Das Jungfernschiff! Welche Aufregung. Einen Dampfer
sollten wir doch nicht angreifen. Ja, man kann vieles versprechen, aber
wenn vom Schiffsjungen bis zum Kommandanten ein frischer Geist weht,
dann hält man es nicht.