Nach dem Mittag kommt er auf mich zu: »Hest em funnen?«

»Ne, de hebbt all freten.«

»Awwer du krigst em rut?«

»Man en beten töwen (warten), ik krig em rut.«

Mit der Zeit beruhigte Smutje sich. Eineinhalb Jahre später wurden wir

in Liverpool abgemustert. Da lädt er mich zu einer Painexpeller

(Bittern) ein; wir wollten den Abschied feiern. Nun rührte mich doch das

Gewissen und ich sagte ihm Bescheid. Er hatte gerade zwei Glas bezahlt,

die standen eingegossen vor uns.

»Ik weet, Smutje, wer de Kirl west is, de di din Pannkauken opfreten

hett. Wi gaht jetzt utenanner, do möt ik di 't seggen: Ik bün dat west.«

»Büst du dat west?« guckte er mich groß an, machte kehrt, ließ die

beiden Bittern stehen und hat mich nicht wieder angeblickt.

Die beiden Gläser konnte ich natürlich nicht stehen lassen, und mußte

sie beide selber austrinken.

Nach langen Jahren hat sich Smutje mit mir übrigens wieder versöhnt. Ich

traf ihn einmal in Hamburg, als ich eben im Begriff war, ein Auto zu

besteigen, um zu einer Abendgesellschaft zu fahren. Auf einmal ruft mich

jemand »Filax« an. Ich sehe mich um und erkenne meinen Smutje.

»Hallo, Filax, Minsch, so fein in Tüg? Büst du bi de Marin? Un damals

harst du kee heile Büx an 'n Lief.«

Ich gab die Gesellschaft auf, um den Abend mit meinem wiedergefundenen

Smutje zu verleben, nahm ihn mit mir ins Hotel Atlantik, wo ich ihn zu

einer Flasche Champagner einlud, um das Wiedersehen zu feiern. Als der

Kellner den Sekt aufträgt, will Smutje gleich mit dem Kellner anbändeln.

Als dieser mich aber nach meinen Wünschen fragte und mich dabei mit

meinem wirklichen Namen anredete, ging ein Strahl der Verklärung über

Smutjes Gesicht. Der Zusammenhang meiner Laufbahn war ihm zwar im

Augenblick noch dunkel. Als ich ihm aber auf seine Frage: »Filax, büst

du denn en wirklichen Grof?« antwortete, daß ich einer sei, sagte er:

»Na, denn kann ik ja stolz up sin, dat mi en Grof de Pannkauken klaut

hett!«

Da war noch eine andere Geschichte mit Smutje passiert, als wir mit der

»Cäsarea« in Melbourne waren. Der Kapitän hatte den deutschen Konsul

eingeladen und sagte zu Smutje: »Wir geben ein Diner.«

»Dat könt wi jo don, Kaptein.«

»Awwer wie möten wat Ornlichs gewen, de Konsul kümmt.«

Smutje setzte sich sofort aufs hohe Pferd. Bei solchen Anlässen kann er

alles.

»Aber,« meint der Kapitän weiter, »wir wollen doch nicht so teure

Ausgaben machen.«

»Jo, Kaptein, denn gewen wi Aantjes (Enten), dat is doch so wat Good's,

un kost nich veel hier an Land.«

»Awwer,« meint der Kapitän, »dat is doch so 'ne Sak. Denn denken de Lud,

ik harr Geburtstag un se kreegen Aantjesbraten.«

»Dat laten Se man min Sorg sin, Kaptein, ik koop de Aantjes in 'n Sack.«

Wie Nauke, der Schiffsjunge, das hört, wickelt er mich in das erlauschte

Geheimnis ein.

Da höre ich, wie der Kapitän den ersten Steuermann einlädt: »Ich lad Sie

zum Diner ein.«

»Dank schön, Kaptein, dank schön.«

»Awwer de Kragen umbinnen, de Konsul kümmt.«

»Dank schön, Kaptein,« sagte der Erste, und streicht schmunzelnd den

Bart. Dann geht der Kapitän zum zweiten Steuermann. »Ich lad Sie ein,

heut abend um acht Uhr, der Konsul kommt.«

»Dank schön, Kaptein,« sagte der Zweite und wischt schmunzelnd den

Handrücken längs des Bartes.

Es war ein Sonnabend. Ich sehe die Enten da, wie sie in die Pfanne

gebracht werden. Ich sitze an der Luke und setze einen Flicken auf meine

Hose, tue, als ob ich nichts weiter vorhabe, beobachte heimlich die

Enten, die jetzt gerade mit Pflaumen und Äpfeln gefüllt werden (das mag

ich ja so gern), und warte nur auf den Augenblick, wo Smutje nach

achtern geht und Zutaten holt.

Ich ahne gar nicht, daß der Kapitän auf der Brücke sitzt, die Zeitung

liest und dabei die Enten unter Auge hält. Er hat ein Loch in die

Zeitung gebohrt und peilt dadurch auf die Enten.

Mich konnte er nicht gewahren, weil Kapitän, Mast und ich in einer

Peilung stehen, aber da sieht er die überstehende Hose, an der ich

flicke, und auf einmal fliegt mir ein Lukenkeil ins Genick: »Du

Spitzbube, du riechst wohl Heimatklänge? Hast dir die Büx zum Einpacken

gleich mitgebracht. Aber töw man!«

Ich verließ also meinen Platz und brummte: »Ich brauche Ihre Enten

nicht, ich habe mehr Enten gegessen in meinem Leben wie Sie.« Dieser

Angriff war abgeschlagen.

Abends kommt der Konsul. Der Kapitän empfängt ihn. Man hat sich fein

gemacht zum Diner, Wäsche angezogen und so weiter, die Nägel geputzt.

Der Konsul wird in die Kajüte gebracht. Er ist der einzige, der eine

Serviette bekommt. Nauke und ich hatten uns auf den Lichtschacht gesetzt

und guckten zu, wie da die drei Enten auf dem Tisch lagen. Wir hatten

uns schon einen Bootshaken mitgebracht für den Augenblick, wo sich der

Konsul verabschiedete, und ordentlich Tabak für die Zwischenzeit und

warteten und hörten zu.

Der Kapitän aß recht wenig und infolgedessen hielten sich auch die

Steuerleute zurück. Sie wurden überhaupt nicht gewahr, daß die Enten

gefüllt sind mit Plum und Appels.

Als sie fertig sind, werden die Enten nicht weggenommen. Smutje will sie

zwar abholen, aber der Kapitän winkt ihm ab. Wie der Konsul geht und der

Kapitän ihn hinausbringen muß, läßt dieser mißtrauische Geizkragen erst

die Steuerleute aus dem Raum gehen; sie hätten sich sonst am Ende eine

Keule von dem Vogel herunterreißen mögen. Der Kapitän befiehlt nunmehr

Smutje, er solle die Enten in die Pantry[5] setzen. Da ging uns ein

Licht auf!

Also der Konsul ging von Bord und der Kapitän sagte: »Na, gute Nacht,

erster Steuermann, hoffentlich ordentlich satt geworden!«

»Dank schön, Kaptein,« war die etwas zweifelnde Antwort.

Ebenso der Zweite.

Nach einer Weile wird's still.

Nun auf zur Pantry! Da konnten wir ja von Deck aus durch das Bullauge[6]

hineinlangen.

Wir warteten, bis alles zu Bett war, Smutje war nach vorn gegangen, dann

greife ich rein ins Bullauge.

Richtig: Ich hab' einen Vogel.

Ich taste ihn ab, hole mir erst mal die Füllung raus, ahne aber nicht,

daß da in der Pantry der Kapitän drinsitzt und sich satt ißt. Ich lange

also von oben runter, hole die Füllung raus und stecke sie in die

Hosentasche, fühle auch, daß drinnen ein anderer, noch ganzer Vogel ist

und nehme ihn weg.

Und als ich ihn halb hoch habe, da gewahrt das der Kapitän, wie der

Vogel hochgeht, und schreit, eine halbe Keule zwischen den Zähnen, voll

Entsetzen:

»Min Vagel!«

Er kriegt mich zu fassen und drückt mir den Arm runter. Ich konnte ja

auch nichts sagen und mußte mich zusammenkneifen. Er rief: »Laß den

Vogel los,« langt aus dem Spind ein besseres Tauwerk für

Liebhaberknüpfarbeiten, bindet meinen Arm damit fest an den Messinggriff

der Schublade, um heraus zu kommen und sich zu überzeugen, wer der

Spitzbube ist. Nauke greift unterdessen in meine Hosentasche und holt

die Füllung heraus, damit die nicht durch die bevorstehende Keile auch

noch zerkloppt wird.

Der Kapitän kommt an. »Ach so, du, Filax! Du magst keine Enten, nicht?

Aber Tauenden magst du!«, holt das dickste Tauende und haut auf meinen

Ischiatikus.

An allen Gliedern hinkend schleiche ich mich schließlich nach vorn und

rufe: »Nauke!« Er kommt an ... »Gib mir mal von der Füllung, Nauke!« Da

hat der Kerl die Füllung aufgegessen. Na, so kaputt wie ich war, so

kriegte ich doch einen Wutanfall, und Nauke bezog an diesem Abend noch

ebensoviel Ischias, wie ich selbst.

Übrigens, Smutje ist doch mit dem Kapitän einmal auseinander gekommen

wegen einiger Schinken, die wir heimlich aus der Kajüte

herausbugsierten, während der Kapitän den Smutje in Verdacht hatte, daß

er sie beiseite geschafft hätte. Schließlich war der Koch so gekränkt,

daß er in Newcastle vom Schiff weglief.

Nun war kein Koch, kein Smutje da. Die Kameraden wurden gefragt, aber

keiner von ihnen wollte Koch sein. Die Smutjes spielen sich im

allgemeinen furchtbar auf als unentbehrliche Personen, als ob sie die

einzigen wären, die ihr Fach verstehen. Dabei können sie zuweilen nicht

viel mehr als Erbsensuppe kochen und allenfalls ein paar Pfannkuchen

backen. Schließlich sagte der Kapitän: »Wenn eben keiner Koch sein will,

dann muß ich einen kommandieren.« Er fragte mich: »Filax, kannst du

Water koken?«

»Ja, Kaptein!«

»Dann rin in de Kombüs. Und wehe, wenn du die Arften (Erbsen) anbrennen

läßt.«

Ich war ganz erfreut, daß ich Smutje wurde, dachte zuerst natürlich an

de Plums und Pannkauken. Mir wurde alles gezeigt vom zweiten Steuermann,

der heißt an Bord »der Specksnider,« weil er das Salzfleisch und

Proviant herausgibt und verwiegt, als Vertrauensmann, der ein Examen

hinter sich hat und vor dem Gesetz verantwortungsvoll ist. Ick frett nu

so in de Plums herum, in de Appels, den gedörrten Ringäpfeln, und ließ

mir kaum Zeit, bei den Plums die Steine auszuspucken. Dann überholte

ich die Kajüte vom Kapitän mal ganz genau; er hatte da Obst in Gläsern,

und ich habe gleich zwei Flaschen mit Preiselbeeren den Hals abgedreht,

dann eine Dose Mixpickles und was ich da so fand. Ich dachte nur an das

Sattwerden: »Du hest dat verdeent, Filax; wer weet, wie lang du Smutje

bliwwst, denn hest du din goode Dag' hadd.«

Den ersten Tag habe ich dann Erbsen gekocht. Die gerieten sogar sehr

schön. Ich hatte gleich etwas Liebe darauf verwandt und einen

Schinkenknochen mit hineingesteckt, um mich beliebt zu machen, auch eine

halbe Flasche Rotspon (vom Kaptein) zugegossen. Da sagten der Kapitän

und die Leute: »Ah, wat is dat för 'ne feine Supp! Filax, bliw du man in

de Kombüs, du versteihst den Kram.«

Das machte mich gleich sicher, und am andern Tag brannten infolgedessen

die Erbsen an. Ich hatte gehört, in solchem Falle gibt man Soda hinein,

wußte aber nicht, wieviel. Da dachte ich: »Tu mal ordentlich einen

Schlag rein,« und so warf ich zwei Handvoll rein und wieder eine halbe

Flasche Rotwein hinterher. Da sagten sie: »Filax, die sind ja noch viel

besser als gestern: die sind ja ordentlich sämig worn. Wie hast du das

gemacht? Mensch, Filax, du bist ja der geborene Koch.«

Aber ... um sechs Uhr abends, da hatte das Soda gewirkt. Ich flieg' aus

der Kombüse, der Kapitän war drei Tage krank, und die Folge war; daß

Nauke in die Kombüse kam.

Ich war nun wieder der Verantwortung ledig. Nun nahmen wir für die

Kajüte Dauerwurst über, die sollte für die Reise in Segeltuch eingenäht

und mit Kalk bestrichen werden, damit sie sich besser hielt. Dazu werden

die Leichtmatrosen genommen, weil die Meinung besteht, daß sie die

ehrlichsten sind, noch nicht verdorben. Ich war für so etwas nicht

beliebt.

Die Leichtmatrosen bekamen aber aus der Ferne einige geheime

Anweisungen. Da wurde ein Besenstiel zersägt, von der Wurst auf beiden

Seiten das Ende abgeschnitten, beiderseits an das Besenstielstück

angesetzt und das ganze dann fest in Segeltuch eingenäht und verkalkt.

Der Kapitän hielt über die 160 Würste die Kontrolle ab, sah hinten und

vorn auf die Wurstenden, und sagte: »Gott sei dank, Jungens, daß ihr

noch ehrliche Kerls seid.« Bei einem halben Dutzend der Würste hat er

sich nachher beim Anschnitt aber verwundert.

Vier Wochen, nachdem Smutje weggelaufen war, bekamen wir ihn wieder. Da

hatte die Hafenpolizei ihn in einem Hotel aufgefunden, worein er sich

großspurig als Koch gesetzt hatte. Gewöhnlich geht ja, wer ausrücken

will, erst am Tag vor der Abfahrt davon, da ist dann keine Zeit mehr zu

Nachforschungen.

[Illustration:

Die Mannschaft der »Cäsarea«, unter ihr Phylax Lüdicke (vom Beschauer

gesehen der zweite Mann von links in der mittleren Reihe der Stehenden).]

Die Schiffskost ist sehr einfach und gleichmäßig: Montags Erbsen,

Dienstags Bohnen, Mittwochs Erbsen, Donnerstags Kabelgarn

(Konservenfleisch), Freitags Bohnen, Sonnabends gibt es Graupen, Sonntag

ist der Tag des Herrn, da gibt es Plum un Klüten (Pflaumen und Klöße).

Am Sonntag besteht die Sitte, daß jeder der Reihe nach einmal anfangen

darf, sich sein Teil aus der Schüssel heraus zu holen. Derjenige der so

an der Reihe ist, der darf den großen Schöpflöffel, den »Politikus«, so

voll nehmen, wie er kann, damit sich jeder einmal ordentlich satt ißt;

aber dies Vorrecht hatte eben nur der, der anfing. Ich hatte lange

geklügelt, wie ich das wohl am besten machen sollte, wenn ich daran kam,

um »oll Fischermann sin Söhn« zu sein, wie es von dem hieß, der tüchtig

viel fassen konnte. Und so hatte ich mir ein Verfahren ausgedacht. Wie

ich nun rankomme, da habe ich mit dem Politikus alles in der Suppe erst

mal in Drehung gebracht, in volle Fahrt. Die Suppe, worin die Plum un

Klüten herumschwammen, war ein Brei, der von dem Löffel ja bald

herunterlief, wenn man zufaßte. Ich brachte also das Zeug in Bewegung,

drehte dann den Löffel in entgegengesetzte Fahrt und faßte zu. Min God,

was hatte ich da für einen vollen Löffel! Den Leuten, die da sagen

wollten, ich wäre oll Fischermann sin Söhn, denen blieb das Wort

ordentlich in der Kehle stecken. Aber was hatte ich davon? Jeder, der

nach mir rankam, nahm von jetzt ab meine Klütentheorie auch an.

In Melbourne wurde die Ladung gelöscht und mit Ballast nach Newcastle,

dem größten Kohlenplatz Australiens, weitergesegelt. Hier wurden Kohlen

eingenommen mit der Bestimmung nach Caleta Buena in Chile.

Neujahr habe ich in einem chilenischen Gefängnis zugebracht. Das kam so.

Wir waren an Land und feierten Neujahr, den größten Feiertag in der

dortigen Gegend. Der Seemann feiert gern mit, aber er kann nicht viel

vertragen. So ging es auch mir. Als ich es endlich doch vorzog, an Bord

zu gehen, bildete ich mir ein, daß ich in einer bestimmten Richtung am

schnellsten an Bord käme. Ich überkletterte deshalb eine Mauer ... und

landete in einem Schweinestall; er war ziemlich groß, die Schweine

grunzten mich an. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin und steuere nach einem

Laden zu, aus dem einige Lichtstrahlen herausdringen. Ich klopfe an den

Laden, worauf ein alter Mann herausruft: »Was wollt Ihr?« Ich sage:

»_Buenas noches, Señor._« Das war alles, was ich auf Spanisch erklären

konnte. Er sagte: »Warte ein wenig.« Ich warte. Die Tür ging auf und der

Mann fragte mich, wohin ich wollte. Ich sage: »Ich will an Bord.«

»Warte, ich werde dich an Bord bringen.«

Der Mann ist sehr freundlich zu mir; in ein paar Brocken Englisch

versuchen wir uns zu verständigen. Auf meine Frage: »Ich komme doch ganz

sicher hier an Bord?« antwortet er: »Jawohl.« Da führt mich der Mann zu

meinem größten Erstaunen in ein Haus, vor dem eine Polizeiwache steht.

Ich ahne noch nichts. Er bringt mich zur Wache hinein. Wie sich später

herausstellt, hat er der Polizei erzählt, ich hätte ihm Schweine stehlen

wollen. Ich wurde festgehalten, protestierte stark; sagte »Schweinerei,

ich will an Bord.« Es nützte nichts. Sämtliche Sachen, die ich bei mir

hatte, wurden mir abgenommen. Ich kam in einen Empfangsraum, wo mehrere

Leute bereits auf dem Fußboden lagen, Seeleute und andere, überhaupt

alle, die das Neujahrsfest zu gut gefeiert hatten.

An den vier Wänden war eine schmale Bank zum Sitzen. Ich setzte mich

darauf, schimpfte noch, Müdigkeit überwältigte mich, ich schlief ein.

Mit einemmal wird die Tür aufgerissen und in hohem Bogen fliegt ein

Frauenzimmer herein, großen Spektakel machend. Ich wache auf, nehme

wenig Notiz und penne wieder ein. Diese Person schien nun den

geeignetsten Platz zum Schlafen auf der schmalen Bank zu finden, denn

als ich wieder aufwache, liegt sie mit ihrem Kopf auf meinem

Oberschenkel und schläft fest. Ich bin nicht wenig erstaunt und gehe

nicht sanft um mit dem zarten Geschlecht, sondern schiebe sie weg. Sie

fängt an fürchterlich zu schreien: »_Robadores, Carajo!_« Da kommt die

Wache herein, fragt, was los ist; Señora klagt mich an, ich hätte sie

geschlagen. Der Kerl von der Wache packt mich und schmeißt mich in einen

dunklen Arrest. Die Tür wird aufgeschoben, es geht steil hinunter. Ich

hatte noch keinen Halt, schieße nach vorn, da ich nicht stoppen konnte,

und falle über Esel- und Maultierkummets in dicken Salpeterstaub. Ich

lege mich auf die Eselkummets und schlafe weiter.

Morgens wird eine Schüssel hereingeschoben. Ich fühle in der Finsternis

mit den Fingern, was das ist, und merke: gesalzener Reis. Pfui Teufel!

Wenn ich bloß wüßte, wie spät es ist. Da höre ich Ratten in meinem

Reispott; sie kümmern sich gar nicht um mich. Sie sind anscheinend die

Gesellschaftstiere dort und warten nur, bis wieder einer Dunkelarrest

bekommt. Ich denke, daß ich bald herausgeholt werde. Aber ich sitze ein,

zwei, drei Tage und weiß überhaupt nicht, woran ich bin. Endlich nach

drei Tagen holte mich der Steuermann heraus. Der Kapitän hatte zwar

erfahren, daß ich in dem »Kallabus« saß, aber keine Eile gehabt, mich zu

erlösen: »Ach Filax, der versäumt ja nichts, wir haben doch drei

Feiertage.«

In Chile wurde Kohle gelöscht und Salpeter geladen. Beide Mal mußte

jeder mit Hand anlegen, da es keine Arbeiter gab. Was war das für eine

Hitze und unglaubliche Anstrengung! Es war so heiß, daß man es schon an

Deck kaum aushielt. Der dunkle Schiffskörper aber fing vollends die

Strahlen auf, dazu die Tropenhitze von außenbords und heiße Ausstrahlung

der Kohle. Die Nasenschleimhäute entzündeten sich infolge des trockenen

Kohlenstaubes. Wenn man erst Grund hatte mit der Kohlenschaufel auf dem

Schiffsboden, dann ging es; aber ehe man so weit war! Dazu die

furchtbare Schiffskost und die lange Arbeitszeit. Man war so dumm, daß

man für einen Schnaps, der vielleicht 10 Pfennig kostete, eine Stunde

länger arbeitete.

Als in nicht minder harter Arbeit Salpeter geladen war, ging es nach

Plymouth. Auf dieser Reise wurde ich zum Vollmatrosen befördert. Auf

amerikanischen Schiffen war ich schon vorher Vollmatrose gewesen, auf

deutschen mußte ich aber wegen ungenügender Fahrtzeit nochmals

Leichtmatrose sein. Nun wurde ich also Vollmatrose, da ich laut

Logbuch[7] die Oberbramsegel ganz allein festgemacht hatte.

Als wir zu den Falklandsinseln kamen, setzte ein mächtiger Orkan ein.

Erst konnten wir vor dem Wind wegsegeln. Das Schiff war ein guter

»Lenzer«, d. h., es lief gut vor dem Winde. Das Mitlaufen des Wassers am

Heck ist sehr verschieden, mitunter saugt es sich geradezu fest, andere

Schiffe werden es gut los. Anderseits darf man, wenn Sturm und See zu

stark werden, nicht zu lange vor dem Winde herlaufen (»lenzen«), sonst

kann man nicht mehr beidrehen. Verpaßt man den richtigen Moment, so geht

das Schiff dadurch verloren, daß die See hinten über das Deck läuft und

von achtern bis vorn klar Deck macht und alles wegreißt.

Wir »lenzten« also und standen in bangen Minuten, wenn die See von

hinten aufkam und dann rechts und links mitlief. Wir standen jetzt in

äußerster Gefahr, daß Brechseen über das Schiff liefen, und steckten

alle Trossen, die wir hatten, achtern heraus, so daß sich die See darin

verfing und brach.

Unser Schiff machte in diesem Orkan mit nur vier Segeln tüchtige Fahrt,

denn wir liefen zehn Meilen durchs Wasser und noch mehr über Grund.

Letzteres nennt der Seemann die Strecke, welche das Schiff noch durch

die See vorwärts geschoben wird, während »durchs Wasser« dasjenige

bedeutet, was lediglich durch die Segel vorwärts gebracht wird.

Nun kamen wir in das Zentrum des Orkans, das sich dauernd in einer

gewissen Richtung fortbewegt. Zuerst dieser wahnsinnige Sturm, und nun

im Zentrum plötzlich Totenstille, sternklarer Himmel, aber um uns her

rollt das Wasser von allen Seiten wie in einem kochenden Kessel. Draußen

aufgewühlt strömt es nach innen. Der Laie glaubt, im Zentrum wäre der

Orkan am stärksten, aber da herrscht gar kein Wind und gerade darum ist

hier die Gefahr am furchtbarsten. Denn das Wasser schießt und stürzt aus

allen Richtungen an Deck, das Schiff hat beim Fehlen des Windes in den

kreuzweisen Seen keinen Halt mehr, und kann nur gerettet werden, wenn

man das Zentrum schnell passiert. Eine Bordseite nach der andern taucht

ins Meer und es ist die Frage, wie lange es die Takelage in dem Hin- und

Herschlingern der wechselnden Seen aushält, ohne über Bord geworfen zu

werden.

Wir verloren nun die ganzen Stengen von den Masten nicht durch den

Sturm, sondern eben durch das Schlingern. Nach einer halben Stunde,

während der uns die Seele förmlich aus dem Leib geschlingert wurde, sind

wir aus dem Zentrum, der Sturm setzt plötzlich wieder mit doppelter

Gewalt ein und alles aus der Takelage bis auf die Mars- und Unterrahen

kommt von oben, verfängt sich im Ruder, hängt draußen über Bord. Das

Deck ist voll Wasser, und jetzt springt der Wind um 8 Strich herum ...,

wir hatten gerade zur rechten Zeit die Rahen gebraßt. Wie durch ein

Wunder kamen wir so aus dem Orkan heraus. An Deck war alles kaputt

geschlagen, im Schiff stand hohes Wasser ... wir hatten aber durch das

lange Lenzen eine gute Meilenzahl hinter uns, was für ein Schiff, das

nach Hause geht, ja doppelt viel wert ist. Tag und Nacht gab es zu tun,

durch Aufbringen von Notstengen die Takelage auszubessern.

Wir kamen also mit 120 Tagen Reise in Plymouth an, die Mannschaft

musterte ab und nur ich blieb an Bord mit dem alten Steuermann und mit

Nauke. Smutje verließ das Schiff. Die Ladung wurde gelöscht, wir nähten

die Segel, setzten das Schiff instand, klopften Rost und taten alles, um

wieder reisefertig zu werden. Von Hamburg wurde ein Teil der Besatzung

geschickt. Den Rest derselben musterten wir in England an, aber es waren

nur Heizer und Trimmer, die noch nie auf einem Segelschiff gefahren

hatten. So war es eine jammervolle Besatzung und die wenigen Guten von

uns mußten sich vollkommen einsetzen.

Der Schiffsboden, der durch die lange Fahrt mit Gras und Muscheln

bewachsen war, wurde im Dock gereinigt und neue Ladung eingenommen,

Kreide in Fässern. Infolge des großen Gewichts derselben war das

Zwischendeck freigeblieben. Nur hinten hatten wir eine Ladung Arsenik,

300 Gewichtstonnen in kleinen Fäßchen, die aber ihres schweren Gewichts

wegen nur geringen Raum einnahmen. So gab es eine ungünstige

Verstauung.

Mit diesem Schiff hoffte der Kapitän schnelle Reise nach Neuyork zu

machen. Aber wir hatten einen Sturm nach dem andern und kamen nicht

vorwärts. Die Trimmer und Heizer konnten weder steuern, noch Segel

festmachen. Sie bekamen mehr Heuer als wir, und wir sollten ihre ganze

Arbeit für sie tun. Die Folge war, daß man ziemlich derb mit den Leuten

verfuhr. Sogar unsre Hamburger Schiffsjungens, deren Pflicht es war, das

Logis instand zu halten und zu waschen, wollten dies nicht mehr für

diese Dampferjochens besorgen, die weniger konnten, als sie selber.

Diese wahnsinnigen Stürme! Endlich kommt Weihnachten, und zum erstenmal

ist es schön Wetter und günstiger Wind. Wir haben nach langer Zeit

wieder Bramsegel stehen. Es war ein wunderbares Gefühl, einmal trockenes

Deck zu haben. Der Kapitän sagte: »Das ist ein Zeichen von Gott, wir

wollen auch ordentlich Weihnachten feiern.«

Wir bauen einen Weihnachtsbaum nach alter Seemannsweise aus einem

Besenstiel, schmücken ihn mit buntem Papier, Staniol und Flittertand,

beschenken uns jeder mit einem Pfund Tabak, der Kapitän schickt uns

einen Schinken und eine Bowle nach vorn. Als die Lichter angezündet

sind, geht eine Abordnung nach achtern, wünscht dem Kapitän frohe

Weihnachten, eine gute Fahrt, und bittet ihn, sich den Baum anzusehen.

Der Kapitän kommt nach vorn, Smutje bringt die Bowle; und wir stehen da,

haben unsre Mock (Trinkgefäße) klar, um auf das Wohl des Kapitäns

anzustoßen; da auf einmal fällt eine weiße Böe von vorn ins Schiff.

Sie heißt »weiß«, weil sie bei ihrer Annäherung nicht zu sehen ist.

Sie kommt direkt von vorn, das Schiff macht Fahrt über den Achtersteven,

die Vorstengen krachen über Bord, daß eine Rahe durch meine Koje rast,

die Großstengen gehen über Bord, alles stürzt zusammen, nur die

Untermasten stehen noch.

Wir hinaus, sehen das Tohuwabohu an Deck, rechts und links hängt die

große Takelage herunter. Der Kapitän stürzt zum Ruder, da liegt der

Rudersmann unter dem Rad, total zerschlagen. Er starb zwei Tage später.

Jetzt begann der Kampf mit dem Element. Mit Äxten und Beilen wurde

gekappt, die Segel an den Unterrahen, die einzigen, die oben geblieben,

mußten in den Wind gepraßt werden, um das Schiff überhaupt zu halten.

Nach vier Stunden harter Mühe waren wir so weit, daß wir das Schiff

einigermaßen in der Hand hatten. Daß dabei keiner totgeschlagen wurde,

während die Brechseen fortwährend über das führungslose Schiff rollten,

war ein wahres Wunder.

Die schlechte Mannschaft hatte sich einfach verkrochen; die Wut auf sie

war so groß, daß sie sich nicht sehen lassen durfte. An Bord wird nicht

gefragt, wie lange Arbeitszeit ist, da gibt es keine Überstunden. Bei

Gefahr muß jeder heran. Der Matrose schickt keinen Jungen nach

gefahrvollen Stellen hin, sondern er geht selbst, das ist ihm

Ehrensache. Das Deck hatten wir einigermaßen klar, der Sturm steigert

sich allmählich zum Orkan. Wir kämpfen uns durch die ganze

Weihnachtsnacht und den ersten Feiertag. Am zweiten Feiertag nachmittags

vier Uhr bricht das Zwischendeck zusammen infolge der schweren

Arsenikladung. Mehrere Nieten sind gesprungen und das Schiff leckt

stark. Alle Mann eilten, den Arsenik umzustauen, viele Fässer waren

zerborsten. Wir wußten gar nicht die Gefahr, in der wir arbeiteten. Denn

in diesem Arsenikstaub bekamen wir alle die furchtbarsten Entzündungen.

Wir wurden davon förmlich dick und aufgeschwemmt nach einigen Tagen.

Kurz und gut, der Arsenik wurde getrimmt, und dann ging der Kampf mit

dem Element weiter. Das Schiff liegt vorn ganz tief. Beim Peilen stellt

der Zimmermann drei Fuß Wasser im Schiff fest. »Klar bei Pumpen.« Wir

pumpen und pumpen, aber das Wasser nimmt zu, wie draußen der Sturm. Um

uns frisch zu halten, gab es dauernd Sprit. Wenn durchgehalten werden

muß, heißt es seemännisch: »Hei geit op Sprit.« Wir wußten genau, daß es

fraglich war, ob wir durchhalten konnten, pumpten aber, was wir

vermochten.

Da fegt auf einmal eine Brechsee mit voller Macht über Deck und nimmt

die ganze Kombüse weg; unser Koch, der gerade Kaffee für uns klar hielt

und die Beine über die Herdgeländerstangen liegen hatte, um sich zu

wärmen, geht über Bord, mit ihm Herd, Kessel, Potten und Pannen und der

Kohlenkasten. Im letzten Augenblick saust der Koch heraus, hält sich am

Kombüsenschornstein fest und will gerettet werden. Wir konnten seine

Schreie im heulenden Sturm nicht hören. An Rettung war nicht zu denken.

Ich höre noch, wie ein alter Segelmacher neben mir schreit: »Smutje,

holl di fast. Kohlen für die Reis' zum Düwel hest du ja.«

Das ging mir durch und durch, den eignen Tod vor Augen. Über

achtundvierzig Stunden standen wir an den Pumpen. Wenn man wenigstens

gesehen hätte, daß es half; aber das Wasser stieg immer höher. Wir

konnten nicht mehr. Durch den Schnaps waren wir auch ermüdet. Wir waren

fertig.

Der Kapitän stand da: »Wenn ihr nicht mehr wollt, dann schmeiß ich mit

der Harpune nach euch.« Da ruft eine Stimme von achtern: »Achtung,

Brecher!« Wir konnten an den Pumpen nichts sehen, hörten es aber schon

rauschen. Da kommt die Brechsee mit solcher Gewalt, daß sechs Mann von

den Pumpen losgerissen werden; zwei gehen gleich über Bord, einer wird

gegen die Wanten geschlagen, verliert einen Arm und wird über Bord

gespült. Einem anderen wird der Schädel eingeschlagen, und einer liegt

mit zerschmetterten Knochen da, rollt an Deck hin und her. Ich habe

Unglück, das auf der anderen Seite Glück war. Die Brechsee drückt mich

zwischen den losgerissenen Reservemast beim Pumpenrad, mein Bein wird

dazwischen gepreßt und bricht.

Wir können nicht mehr pumpen. Das Schiff rollt hin und her. Die

Wassermassen spülen an meinem zerbrochenen Fuß; ich war festgeklemmt,

und so wäre ich beinahe an Deck ertrunken. Der Reservemast hatte sich

fest geblockt, und mein Bein war dazwischen. Der Steuermann und ein

Matrose befreien mich mit einem Brecheisen, der Kapitän läßt mich in die

Kajüte kommen. Der Stiefel wird aufgeschnitten. Der Kapitän sieht sich

die Sache in Ruhe an und sagt: »Sieben Mann haben wir verloren, mehr

dürfen wir nicht verlieren. Timmermann, nu paß god op.« Er tat

sorgfältig einen Taustrop um den Fuß, setzte einen Flaschenzug an,

befestigte das eine Ende an der Büfettschublade; Steuermann und

Zimmermann müssen ganz langsam ziehen. Der Kapitän als erfahrener Mann

überwacht die Sache und gibt seine Befehle: »Hol noch etwas! Noch ein

wenig! Noch einmal! So! Ik glöv, de Foot is wedder op sin Platz.« Es tat

weh, aber auf diese seemännische Weise wurde vermieden, daß das

Zusammensetzen der gebrochenen Teile ruckweise geschah. »Jetzt ist es

gut.« Dann sagte er: »Timmermann, nu guck her. Nimm ein ordentliches

Kernholz, miß die Wade und pack sie zwischen Holzbacken.«

Zwei ausgehöhlte Hölzer umfaßten das Bein vollkommen, Schraubengewinde

kamen hinein und schnürten das Holz zusammen. So hatte ich Halt, konnte

auftreten und hatte geringere Schmerzen, da der Stützpunkt des Beines

nach oben verlegt war.

Unterdessen wurde der Zustand des Schiffes immer hoffnungsloser. Es

blieb nichts anderes übrig, als »Klar bei Boote!«

Ein Boot ging mit dem ersten Steuermann, eins mit dem Kapitän. Sie

wurden an langen Tauen über Bord geworfen, während die See mit Öl

beruhigt wurde. Ein Mann nahm ein Tau um sich, sprang ins Wasser und

schwamm zum Boot hin. Der nächste sprang nun an dem Tau ins Wasser und

wurde vom ersten ins Boot hineingeholt.

[Illustration:

Wrack der »Cäsarea«, bei den Bermudas angetrieben und eingeschleppt.]

Als die Boote besetzt waren, trieben wir vom Schiff ab, das Boot nur mit

den Riemen gegen die schwere See haltend, denn an ein Vorwärtsrudern war

ja nicht zu denken. Tag und Nacht wurde diese Aufgabe von uns verlangt,

solange der Sturm anhielt, damit das Boot nicht querschlug. Trotz meinem

gebrochenen Bein konnte auf Schonung nicht geachtet werden. An Proviant

war nur etwas Hartbrot, stark von Salzwasser durchtränkt und eine

spärliche Ration frisches Wasser vorhanden. Die bittere Kälte und die

schlaflosen Nächte erschöpften den Körper derart, daß man sich am

liebsten den Tod gewünscht hätte. Vier Tage haben wir uns zunächst so

durchgekämpft. Endlich, am vierten Tage, wird ein Dampfer gesichtet.

Frohe Hoffnungen steigen auf. Alle Kräfte werden noch einmal

zusammengenommen. Ein Beinkleid wird an den Riemen angebunden, um uns

erkenntlicher zu machen. Gespannt sehen wir auf den Dampfer. Sieht er

uns oder nicht? Wir bilden uns schon ein, daß er Kurs auf uns hält, dann

aber, nach längerem Warten, müssen wir uns von den Täuschungen befreien,

da der Dampfer immer mehr aus Sicht kommt. Diese Hoffnung auf Rettung,

die sich nun als vergeblich herausstellte, nimmt uns alle Energie und

den Willen, weiter zu leben.

Der Kapitän als erfahrener Mann redet uns Mut zu mit der Bemerkung:

»Smit ju junges Leben nich so weg, kikt op mi ollen Kerl, hollt dör,

Jungs, und mokt nich slapp.«

Er mußte uns abhalten, daß wir nicht Seewasser tranken, was unseren

Untergang beschleunigt hätte. Wir waren so durstig, daß wir an den

Händen saugten, um die Speichelabsonderung zu beleben.

Glücklicherweise wurde das Wetter einigermaßen ruhig, so daß wenigstens

ein Teil im Sitzen schlafen konnte. Die spärliche Ration an Wasser nach

all den langen Entbehrungen entkräftete uns aber derart, daß wir selbst

die Riemen kaum noch bedienen konnten. Wir wußten, wenn nicht Rettung in

nächster Zeit kam, waren wir verloren. Wir kommen schon auf die Idee,

ein Los zu ziehen, wer sich von uns zuerst opfern soll, damit wir an

dessen Blut unseren Durst löschen. Jeder beschäftigt sich in Gedanken

mit dieser Idee, keiner wagt sie jedoch auszusprechen, jeder schreckt

davor zurück, da ja keiner weiß, wen das Los treffen wird, und ob er

selbst nicht zuerst drankommt.

Bis zum späten Nachmittag hatte der Kapitän mit seinen Ermutigungen

Einfluß auf unser Leiden, bis wir schließlich dem geringen Rest unseres

Trinkwassers nicht mehr widerstehen konnten, über den wir herfielen, um

ihn mit einem Male auszutrinken. Uns war es einerlei, was danach kam.

Am nächsten Morgen wird ein Dampfer gesichtet. Sichtet er uns oder

dampft er wieder an uns vorbei? Wir winken matt, und tatsächlich, er

kommt auf uns zu.

Die herrliche Stimmung: Rettung!

Aber in demselben Moment verläßt uns auch der letzte Funke von Energie.

Wir fallen hintenüber und warten auf die Dinge, die da kommen sollen.

Der Dampfer -- das italienische Schiff »Maracaibo« -- läßt seine

Sturmleitern herunter, an denen wir heraufklettern sollen, aber

unmöglich. Unmöglich, überhaupt sich aufzurichten! Wir überließen uns

dem Retter, mochte er jetzt mit uns machen, was er wollte. Der Dampfer

mußte die Ladebäume ausschwenken und uns an Taustroppen wie ein Stück

Ladung hochheißen. Wir sind nicht davon aufgewacht. Wie wir an Deck des

Dampfers gebracht worden sind, ist uns nicht mehr in Erinnerung.

Sechzehn Stunden hintereinander haben wir geschlafen, ohne zu wissen, wo

wir waren.

Als mein Bein aufgemacht wurde, war alles schwarz, und sie meinten, es

wäre der Brand hinzugekommen, verheimlichten es mir aber.

Als wir in Neuyork sind, komme ich ins deutsche Hospital. Der junge Arzt

sieht sich den Knochen an, der offen daliegt in der Wunde, beklopft den

Knochen und geht kopfschüttelnd fort, in der Meinung, daß Brand

eingetreten wäre. Aber der alte Professor, der am anderen Morgen kommt,

sagt: »Nein, das Bein ist gut«. Das Blut war gestockt, die Gelenkbänder

waren gerissen, eine große Blutstauung von innen nach außen getreten,

und davon war das Bein so schwarz geworden.

Als ich nach acht Wochen das Hospital verlassen hatte, kam ich auf den

kanadischen Dreimastschoner »_The flying Fish_«. Wir gingen mit einer

Holzladung nach Jamaika. Kurz vor der Ankunft dort brach ich mir durch

eine Unvorsichtigkeit beim Lukenöffnen abermals das Bein.

Da ereignete sich etwas, das viele Jahre später für mich von Bedeutung

sein sollte. Als ich Seeoffizier auf Seiner Majestät Schiff »Kaiser« war

und Majestät allerhand erzählen mußte von meinen Abenteuern, da fragte

er mich eines Tages: »Luckner, wann ist es Euch denn eigentlich am

schlechtesten ergangen?«

»Als ich auf Euer Majestät Schiff >Panther< war!«

Plessen, der korrekte alte Herr, sah bei dieser Bemerkung gestreng

darein; Majestät selbst lächelte und sagte: »Donnerwetter, das erzählen

Sie mal ...«

Also, ich hatte mir auf dem kanadischen Schoner das Bein gebrochen und

man brachte mich in Jamaika ins Lazarett, wo ein Gipsverband angelegt

wurde. Ich kam nur mit Beinkleid, Jacke und einem Stiefel an, alles

übrige war auf dem Schiff geblieben. Nach vierzehn Tagen fragte mich der

Lazarettinspektor, ob ich auch ein Guthaben auf dem Schiff hätte. »Ja,«

sagte ich, »sechs Pfund.« »Na, dann ist es ja gut.« Eine Woche später

schickte er nach dem Konsulat, um das Guthaben holen zu lassen. Da hieß

es denn: »Sie haben ja nur drei Pfund Guthaben.« Das Schiff war weg, der

Kapitän hatte nicht nur mein Zeug mitgenommen, sondern auch das halbe

Geld einbehalten. Ich besaß außer dem, was ich auf dem Leibe trug,

nichts mehr. Deshalb warf man mich einfach aus dem Hospital hinaus.

So lag ich mit meinem gebrochenen Bein im Gipsverband auf der Straße.

Ich verschaffte mir einen Stock und ging dann an den Strand. Dort schlug

ich mein Quartier auf und deckte mich mit Sand zu.

Mit dem Quartier war ich soweit zufrieden, aber am nächsten Tag erhob

sich die Frage: wo etwas zu essen zu bekommen wäre.

Zunächst nährte ich mich von Kokosnüssen, aber das halte der Teufel aus,

wenn er davon leben soll. Ich habe zwei, drei Tage so durchgebracht.

Endlich kam ein Dampfer. Jamaika ist kein Endhafen wie Hamburg, London

oder Rotterdam, wo die Schiffe ihre Reise beendigen und neue Mannschaft

anheuern. So konnte man nicht damit rechnen, ohne weiteres ein Schiff zu

bekommen. Die Erfahrung hatte ich noch gar nicht gemacht.

Da kommt also der Dampfer herein. Ich bemühte mich gleich, an Bord zu

kommen mit meinem Knüppel und Gipsverband. Ich besaß keine Mütze, war

unrasiert und ungewaschen, mein Gesicht so verbrannt, daß die Hautfetzen

herunterhingen; dazu das lange ungeschnittene Haar, ich sah ziemlich

verboten aus.

Das Schiff war dabei, Kohlen zu löschen, und zwar in Säcken. Da gehe ich

an Bord und will den Steuermann sprechen. Der weist mich mit einem

derben englischen Schimpfwort ab. »Wie siehst du Schwein aus? Was willst

du hier auf diesem Dampfer?«

Herrgott, ging mir das nahe. Dabei war es nur ein Kohlenschiff.

Wie ich wieder am Kai bin, nehme ich mir einen leeren Kohlensack mit,

ohne genau zu wissen, was ich damit wollte.

Ich gehe wieder an Land und habe wahnsinnigen Hunger. Ein Neger

schneidet mir auf meine Bitte den Gipsverband los. Bald macht sich aber

der Nachteil fühlbar, denn die Strahlen der Tropensonne brannten das

Bein und verursachten tüchtige Schmerzen. Da hat mir der Kohlensack

brave Dienste geleistet, indem ich ihn ums Bein nähte. Nachts diente er

als Kopfkissen.

So verbrachte ich drei weitere Tage mit Kokosnüssen und Bananen. Wie ich

da längs eines kleinen Flusses humple, der auf der andern Seite der

Stadt floß, komme ich in ein Bambusrohrgebiet. Dort sitzt ein alter

Westindienneger und schneidet Bambus. Da ich mein Schiffsmesser noch

habe, bin ich ihm behilflich. Am Abend gibt er mir sechs Pence für

Essen. Wie ich ihm erzähle, was mit mir los ist, scheint er es nicht

recht zu glauben und betrachtet mich sehr mißtrauisch. Schließlich frage

ich ihn nach Quartier, ich wünschte gern weiter mitzuarbeiten, aber er

wollte nicht recht darauf eingehen. Er murmelte allerlei von »erst mal

sehen« und dergleichen, bot mir aber endlich seinen Wagenschuppen zum

Übernachten an, nicht etwa seine eigene Hütte, wenn diese auch nur im

Negerstil war.

Ich machte keine Ansprüche und bettete mich mit ein paar Matten zwischen

die Negerkarren. Man glaubt nicht, wie es anstrengt, dauernd unter

diesem feuchten Tropennachthimmel zu schlafen, ganz klamm vor Nässe. In

meiner Schilfrohrbude liefen die Riesenkakerlaken zu Hunderten umher;

das knisterte ununterbrochen. Danach jagten die Ratten. Kein Tier ist

mir widerlicher als die Ratte. Dennoch schlief ich, denn ich war

hundemüde.

Am Morgen gab mir der Neger etwas Maisfutter und dann ging es wieder an

die Arbeit. Wie ich nun da Bambus schneide, sehe ich ein weißes Schiff

sich dem Hafen nähern. Aus war es mit dem Bambusschneiden und stracks

zum Hafen. Jedes Schiff, das hereinkam, war ja eine Hoffnung für mich.

Als ich nun auf die lange Pier[8] hinauskomme, ist es mir wie ein Schlag

ins Gesicht. Ein schimmernd weißes Schiff, wie eine Jacht, zwei

Schornsteine ... und zum allerersten Male im Leben sehe ich ein

deutsches Kriegsschiff! Es war der »Panther«, wunderbar kraftvoll und

strahlend wie ein geharnischter Bote des Vaterlandes durchschnitt er die

See und hielt auf die Pier zu.

In solchem Aufzug, in solcher Verfassung soll ich die deutsche

Kriegsflagge zum erstenmal sehen?! Ich hatte mich noch nie von Scham so

niedergedrückt gefühlt. Das war ein deutsches Kriegsschiff, so sauber

und blank; Mensch, wie siehst du dagegen aus.

Mein Aufenthalt hier kam mir jetzt wie eine Verdammnis vor. Aber ich

konnte mich doch nicht enthalten, mich ans Ende der Pier zu setzen, um

Landsleute sprechen zu hören.

Da kommen vier Herren an, weißes Zeug, weiße Mütze, weiße Schuhe;

Offiziere! Sie gehen vorbei, keiner hat einen Blick für mich. Da sag ich

mir: »Mensch, Phylax, solch feiner Kerl wolltest du in deinen Träumen

auch einmal werden, was hast du da für eine Phantasie gehabt.« Ich

heulte los. Kann ich etwas dafür? Ja, wenn der Engländer mich so vom

Schiff heruntergejagt hat und auch meine Landsleute verachtend

vorbeigehen, das muß wohl die Strafe sein für mein Weglaufen von der

Schule. Ich kam mir ordentlich schuldbewußt vor, der ich sonst so stolz

war auf meinen Beruf. Ich ging langsam fort von der Pier.

[Illustration: S. M. S. »Panther«.]

Nachmittags sehe ich mehrere Matrosen an Land; einen riesigen Kerl

darunter höre ich stark sächseln. Da machte ich mich an ihn heran:

»Halloh, Landsmann!«

Ich habe mich nie so zusammengenommen, zu sächseln, als da, wo ich von

dem guten Mann Rettung erwartete.

Es war ein Heizer vom »Panther« und stammte aus Zwickau. Ich erzählte

ihm mein Erlebnis und bat, ob er ein bißchen Brot für mich hätte.

»Ei freilich, sei nur heute abend um sechs am Ende der Pier, jetzt habe

ich nicht mehr Zeit, ich muß an Bord.«

Ich stelle mich schon eine Viertelstunde früher ein, damit der Mann

nicht umsonst dahin läuft, falls es eine Uhrdifferenz gibt. Er kommt und

drückt mir ein deutsches Schwarzbrot in die Hand; wie wunderbar das tat!

Ich biß ohne anzuschneiden hinein und dankte dem Mann. Er sagte gleich,

ich sollte jeden Abend um sechs da sein, und ich sagte: »Was bist du für

ein feiner Kerl!« Mehr konnte ich nicht sagen, aber da lag auch alles

drin.

Ich ging wieder auf meinen Schlafplatz und arbeitete mein Schwarzbrot

hinunter, Bissen für Bissen. Heimatshoffnung lag in dem Geschmack.

Am nächsten Tag gehe ich wieder hin: »Mensch, kannst du mir nicht eine

Mütze besorgen, oder wenigstens ein paar Schuhe?« Er antwortete: »Morgen

ist Sonntag, da kommst du an Bord.« Ich mochte nicht recht, aber er

redete zu, und ich schleiche mich am Sonntag nachmittag um 3 Uhr wie ein

Verbrecher hin. Da sitzen sie auf der Back und trinken Kaffee mit

Kuchen! Da steht eine Kanone unter Segel. Ich versuche immer darunter zu

schielen, um einmal eine Kanone zu sehen. Wie ich da so saß und recht

befangen war, kam es mir vor, ich armer linkischer Kerl wäre in einem

feinen Haus bei wohlhabenden Leuten.

Da geht der junge wachhabende Offizier über Deck, sieht mich sitzen. Die

Leute springen auf und nehmen militärische Haltung ein. Auch ich stehe

auf und versuche meinen Kohlenfußsack zu verdecken. Da ruft der

Offizier: »Bootsmaat der Wache!«

»Herr Leutnant!«

»Schmeißen Sie mir das Individuum da von Bord und passen Sie ein

andermal besser auf, daß solch Gesindel nicht an Bord kommt.«

Der Mann von der Wache kommt auf mich zu. »Machen Sie, daß Sie runter

kommen!«

Die Leute, die mich schon etwas kannten, murmeln allerlei und einer

raunt mir zu: »Filax, paß auf, du hast morgen feines Zeug!... Dem

Leutnant klau ich seine Büx und seine Mütze, die hast du morgen.«

»Schmeißen Sie das Gesindel von Bord!« Das Wort klang in mir nach. Wie

war mir zumute! Das hat mir Wunden gefressen! Wo ich Muttersprache

hörte, wo ich unter deutscher Flagge war, nach der ich mich immer

gesehnt hatte, und nun werde ich von dem Offizier, der mich sieht, da

heruntergeworfen. Verbittert schlich ich mich nach der Pier, um von

keinem mehr gesehen zu werden, und immer wieder klingt's in meinem Ohr:

»Schmeißen Sie das Gesindel von Bord!«

Meine Freunde auf dem »Panther« hatten mir noch Biskuits in die Tasche

gesteckt. »Du bist morgen um sechs wieder da,« hatte der Heizer gesagt.

Ich war natürlich wieder da, bekam mein Schwarzbrot und sollte um 10 Uhr

noch einmal kommen. Um diese Zeit schleichen zwei Gestalten die Pier

herunter; was tragen sie? Segeltuchschuhe, eine blaue Hose, eine

Marinemütze, Strümpfe, Hemden usw. »Nun mach dich fein, Filax!«

Solche Freude habe ich in meinem Leben noch nicht wieder empfunden.

Jetzt besaß ich etwas, womit ich weiter vorwärts kommen konnte. Jetzt

durfte ich mich auf jedem Schiff vorstellen ...

Als ich das viele Jahre später dem Kaiser auf seinen Wunsch erzählte, da

guckte er mich so merkwürdig an und bemerkte zu den Anwesenden: »Was

würde für eine Poesie für ihn darin liegen, wenn er jetzt wieder auf den

>Panther< käme!«

Keine paar Monate vergingen, und ich erhielt das Kommando auf »Panther«.

Das erste, als ich an Bord des »Panthers« kam, war, auf die Back zu

gehen, auf das Vorschiff, dorthin, wo man damals gesessen hatte als

dankbarer Gast liebevoller Matrosen und Heizer. Wie deutlich überkam

mich die Erinnerung, wie ich damals als Gesindel heruntergewiesen wurde.

Jetzt stand das Individuum hier als Offizier kommandiert. Wenn ich an

Land ging, trug ich weiße Schuhe und weiße Mütze -- der Traum hatte sich

verwirklicht --, und wenn ich an das Ende einer Pier kam, so sah ich

mich unwillkürlich nach rechts und links um, ob da nicht einer säße, der

unschuldig heimatlos geworden war. Wie manche Stunde habe ich mich

hingesetzt, ganz allein, und mir aus der Ferne den »Panther« betrachtet,

oft so vertieft, daß einem die Vergangenheit deutlicher vor Augen stand

als die Gegenwart. Welch ein weltenferner Abstand ist doch zwischen

Mensch und Mensch, zwischen den weißen Schuhen und dem Kohlensack; nie

mehr im Leben hätte ich damals geglaubt, in jene Sphären zu passen. --

Mein dem Leutnant geklauter guter Anzug verschaffte mir indes nun

zunächst eine vierwöchige Anstellung beim Kaiinspektor. Ich durfte

behilflich sein, bei den ankommenden Schiffen die Leine festzumachen.

Ich wurde gut bezahlt, hatte mein regelrechtes Essen und stärkte mich

auch moralisch, wurde wieder ein ganzer Kerl. Ich war gar nicht mehr

besorgt, ein Schiff zu bekommen, denn ich hatte nun gewissermaßen die

Empfehlung des Kaiinspektors.

So kam ich auch bald auf den Schoner »_Nova Scotica_«, der zwischen den

westindischen Inseln fuhr.

Der Leser hat sich vielleicht schon gewundert, daß ich so lange ohne

Unterbrechung im Matrosenleben stand, ohne mir eine kleine Abschweifung

zu gönnen. Ich will deshalb ruhig gestehen, daß ich zwischendurch einmal

ein paar Tage lang mexikanischer Soldat gewesen bin und das Hinterportal

am Schloß des großen Porfirio Diaz, des Diktators, unter welchem Mexiko

seine goldenen Tage gehabt hat, bewachen half. Am Vorderportal standen

allerdings nur eingeborene Truppen. Diese erste Betätigung im

kriegerischen Handwerk entstand aus einem Ausflug. Unser Schiff lag

nämlich einige Zeit untätig in Tampico. Da bat ich mit einem

Schiffskameraden den Kapitän um Urlaub. Das wildromantische Leben der

Gauchos mit ihren fabelhaften Viehherden, Lassos, schönen Pferden und

noch schönerem silberstrotzenden Zaum- und Sattelzeug hatte es uns

angetan. Ein Deutscher stellte uns zwei Pferde zur Verfügung, und so

tummelten wir uns eine Zeitlang allen Verleumdungen, daß der Seemann

nicht reiten könne, zum Trotz.

Der Ausflug dauerte ein paar Tage über den Urlaub hinaus, und als wir

zum Hafen zurückkamen, war unser Schiff abgefahren. Es wird einem nun in

jenem von der Natur so begünstigten Land nicht schwer gemacht, sein

Leben zu fristen. Man braucht sich nur auf den Markt zu stellen und

einige Handreichungen zu tun, so hat man schon sein Essen verdient und

noch ein Stück Silbergeld für die Spielhölle übrig. Nachdem wir das

Marktkorbtragen über hatten, ließen wir uns, wie gesagt, beim Militär

anwerben. In Mexiko kann jeder Soldat werden, Ausbildung gibt es nicht,

allerdings auch nur dürftiges Quartier. Die Dienstauffassung ist

gemütlich. Nach ein paar Wochen nahmen wir unsern Abschied aus der Armee

und halfen einige Zeit bei einem Bahnbau im Innern Sand und Erde nach

der Baustelle fahren und Schwellen auf den leeren Wagen

zurücktransportieren. Italiener, Polen, Deutsche und Engländer waren

dort unsere Kameraden. Dann lebten wir eine Zeitlang bei einem Deutschen

namens Fede Lüder auf der Farm, züchteten Geflügel und handelten mit

Früchten.

[Illustration:

»... nahmen wir unsern Abschied aus der Armee und halfen bei einem

Bahnbau im Innern Mexikos Sand fahren.«]

Die Bummelei durch Mexiko endete zuletzt damit, daß wir uns in Veracruz

auf einem Petroleumdampfer anheuern ließen. In Havanna musterte ich ab

und kam auf einen Norweger. Da ging es wieder die alte »Trip«

Neuyork-Australien. Mein Leben hat mich immer wieder nach Australien

geführt. Dann fuhren wir weiter nach Honolulu, Vancouver und von dort

mit Holz nach Liverpool. Auf dieser Reise habe ich gut Norwegisch

gelernt, ohne zu ahnen, wozu ich es später einmal nötig gebrauchen

würde. Auf meinem ersten Schiff, der »Niobe«, hatte ich außer Russisch

und Finnisch erst etwas Schwedisch gelernt.

Von Liverpool kam ich nach Hamburg. Dort verkehrte ich bei Mutter

Schroth, in einer alten Stammwirtschaft. Es gab darin nur drei, vier

Tische, sonst wurde das Bier stehend an der Bar getrunken. Die Schroth,

eine richtige alte Seemannsmutter, sorgte in ihrer Art rührend für uns,

klagte aber viel über Asthma, denn sie war etwas umfänglich geworden.

Sie wollte gern einmal in ein Bad fahren. Da machte ich ihr mit meinem

besten Schiffsmaaten Uhlhorn den Vorschlag, sie sollte ruhig fortgehen,

wir würden die Wirtschaft schon übernehmen.

»Könnt ihr das denn auch?« fragte sie.

»Ja, aber gewiß, Mutter Schroth.«

Das Geschäft war auch ganz einfach zu handhaben, denn es gab ja nur Bier

aus Flaschen. Das Essen wurde aus einer Speiseanstalt gebracht, gleich

warm in Eimern, zwei Portionen für eine Mark zwanzig. Man hatte nur um

die Gäste zu sein und zu sorgen, daß sie Bier tranken, indem man ihnen

dabei Gesellschaft leistete. Abends kam ein blinder Handharmonikaspieler

und brachte Stimmung in die Gäste. Hinten war ein kleiner Verschlag mit

einem Sofa und einem Petroleumofen, auf dem man Grog brauen konnte. Dort

schlief Mutter Schroth.

»Uhlhorn & Phylax« hieß die Wirtschaft, »in Vertretung von Mutter

Schroth.«

[Illustration: (Mit Genehmigung der Firma Wilh. Junge, Altona.)

»... Uhlhorn & Phylax hieß die Bierwirtschaft.«]

Der Betrieb geriet auch gleich in vollen Schwung, die Seeleute kamen,

und die, welche eintraten, wurden ordentlich verankert. Denn jeder

konnte ja Geschichten vertellen. »Voll Haus wurde« und viele Kasten Bier

mußten heran. Am nächsten Tag war der Fuhrmann erstaunt, daß er das

Doppelte an Bier abladen mußte. Die Firma blühte also auf, und Mutter

Schroth konnte ihre Entfettungskur in Karlsbad ordentlich vornehmen.

Aber nur mit der Abrechnung wollte es nicht stimmen, wir hatten am

nächsten Morgen Unterbilanz.

Wir malten nämlich jede Flasche Bier, die getrunken wurde, mit Kreide an

die Wandtafel. Das ging auch ganz gut, solange wir selber nüchtern

waren. Aber wenn die allgemeine Stimmung auf die Höhe kam, betätigte

sich in der Stille irgendein guter Maat, indem er ein paar Striche

einfach wieder weglöschte. Vier Wochen hatten wir die Wirtschaft, die

Einnahmen waren gleich Null. Die zehn Prozent, die wir Mutter Schroth,

wie vereinbart, abgeben mußten (was darüber war, durften wir behalten),

gaben wir aus unserer Tasche und zogen uns aus der Branche wieder

zurück.

Wenn Jan Maat an Land etwas unternimmt, so fehlt ihm meistenteils die

Ausdauer. Er verliert, wenn er das Festland verläßt, auch den

Zusammenhang mit dem meisten, was dort wichtig genommen wird. Kommt er

nach Monaten in einen fremden Erdteil, so begehrt er Nachrichten aus der

Heimat, die schon alt sind, wenn er sie erhält, aber die Neuigkeiten des

betreffenden Landes interessieren ihn gar nicht. Er lernt philosophisch

denken über den Wert der jeweiligen Gegenwart, ihrer Moden und ihrer

Geschäfte, und empfindet, daß die See ihm als besondere Gunst immer

wieder die Kraft gibt, von dem nichtigen Tagestreiben sich zu den

einfachen, großen Stimmungen des Lebens emportragen zu lassen.

Kommt der Seemann nach langer Reise in die Heimat zurück, so sind

inzwischen viele Begebenheiten, die die andern bewegten und von denen er

nichts erfuhr, bereits wieder in Vergessenheit geraten. Blättert er

einmal alte Zeitschriften durch, so findet er vieles, was ihm unbekannt

ist, und er fragt: »Was habt ihr denn hier gemacht?«, worauf er die

erstaunte Antwort erhält: »Das wißt ihr nicht?«, und jeder schüttelt den

Kopf.

Auf der langen Fahrt sehnt sich der Seemann aber doch nach der Heimat

und malt sich aus, was er alles tun will, wenn er an Land kommt. Das

Unangenehmste, was ihm, besonders aber dem Kapitän, geschehen kann, ist

Windstille, wenn das Schiff nach Hause fährt. Auch wenn sie nur ein bis

zwei Tage anhält, werden alle Hilfsmittel in Bewegung gesetzt, denn, wie

der Mensch ist, bildet sich der Kapitän in solchen Tagen ein, daß nun

überhaupt nie mehr Wind kommen werde. Zunächst sieht er seine

Ladungsprozente schwinden. Er hatte, solange es gut ging, angenommen,

daß der vorige Wind überhaupt nicht aufhören und er mit der

augenblicklichen Geschwindigkeit in der Heimat ankommen werde. Nun diese

Stille! Er fängt an, zuerst den »Jonas«, den Unglücksraben an Bord zu

suchen. Der nächste, an dem er seine Laune ausläßt, ist der Mann am

Ruder. Er hat alles mögliche an ihm auszusetzen, ist innerlich

überzeugt, daß, wenn der am Ruder steht, nie Wind kommen wird, weil er

den Wind vertreibt. Schließlich nimmt er seine Mütze ab, tritt darauf

vor Ungeduld und fängt an zu pfeifen, was an Bord eines Segelschiffes

verpönt ist, weil es bedeutet, daß man den Sturm heranpfeife. Dann ruft

er einen Schiffsjungen, der an dem Mast kratzen soll, weil dies auch

Wind bedeutet, und wenn das nichts hilft, jagt er den Kajütenjungen aus

der Kajüte, drückt ihm einen Besen in den Arm mit dem Befehl, sich auf

den obersten Topp des Mastes zu setzen und den Himmel zu fegen.

Schließlich nimmt er selbst eine alte Büx oder einen alten Stiefel und

wirft ihn über Bord, um auch mit diesen Mitteln Wind heranzulocken. Dann

geht er wieder runter, setzt sich einen Augenblick in seine Kajüte in

der Hoffnung, daß mittlerweile Wind im Anzug ist. Wenn er wieder

herauskommt und noch dieselbe Stille herrscht, macht er Krach mit dem

Rudersmann, ärgert sich über das grinsende Gesicht dieses Jonas und ruft

einen andern Mann ans Ruder: »Na, Jan, du büst doch 'n Keerl, süh du mal

to, dat Wind kümmt, du steihst di doch sonst god mit Petrus.« Bestimmt

erwartend, daß dies nun etwas genützt hat, geht er auf und ab.

Tatsächlich: Da kommt ein leichter Luftzug. Man erkennt fern am Horizont

ein Kräuseln des leicht dünenden Meeres. Einer atmet auf, der Kapitän.

»Jan, du büst 'n fixen Keerl! hev ik dat nich seggt? Du salst ook en

half Pund Tobak hebben.«

Monatelang sieht Jan Maat kein Geld und findet keine Gelegenheit, etwas

auszugeben. So denkt er häufig an die Zukunft, da er an Land plötzlich

eine große Summe in Händen haben wird. Schon an Bord beschäftigt sich

die müßige Phantasie mit dem großen Augenblick, da er mit seinem Büdel

voll Geld als Kapitalist die Schätze des Landes mustern wird. An Bord

wird keine noch so veraltete Zeitschrift weggeworfen. Alte Modeblätter

gehen von Hand zu Hand. »Du, Tedje, dat is en Anzug, do sühst du no wat

ut.« Möglichst weiter Westenausschnitt, aus dem das sonntägliche weiße

Vorhemd breit hervorquillt, wird bevorzugt. Die Kataloge der Warenhäuser

werden sorgfältig gewälzt. »Wat, so 'n Grammophon blot vertig Mark, dat

mut ik hem, mit all die feinsten Platten und Leeder.« Eine »Binnenreis'«

wird geplant. »Na München mut ik mal hen, do sall dat ja grotartig sin.«

Wenn er dann an seinem vollgerundeten, tropenverbrannten Gesicht für

jedermann kenntlich als einer der von »de lange Reis'« kommt, an Land

gestiegen ist, zerrinnen die ganzen Pläne. Vieles Hin- und Herkreuzen an

Land und insbesondere in Sankt Pauli nimmt ihn in Anspruch, und die Fata

morgana, die ihm an Bord vorgegaukelt war, wird bald vergessen.

Wenn Hein und Tedje, welche auf einem andern Schiff angemustert haben

und klar zur zweiten Reise sind, sich wieder begegnen, fragt Hein: »Na

Tedje, wie süht dat in München ut?« Tedje, der überhaupt nicht auf die

Eisenbahn und von der Wasserkante weggekommen ist, fragt nur dagegen:

»Hest du din Grammophon?«

Nicht nur die Pläne, die der Seemann abends auf der Wache geschmiedet

hat, zerflattern ihm jetzt. Er hält es auch selbst nicht lange an Land

aus. Von seinen Maaten hat er Abschied genommen, die Menschen, mit denen

er zusammenkommt, sind ihm fremd. Was sie ihm erzählen, interessiert ihn

nicht, denn er ist ein Jahr weggewesen und versteht den Zusammenhang

nicht. Das Telephonieren, das Hasten auf der Untergrundbahn, das ganze

Hinundher des Stadtlebens mit seinen fortwährenden Unterbrechungen und

unübersichtlichem Getriebe ist ihm zuwider. Der Städter ist auf

Hetzprobe eingestellt, der Seemann auf Geduldsprobe. Ihm scheint es, daß

der Städter das Warten nicht gelernt hat und daß es ihm schwer fällt,

eine Sache ausreifen zu lassen. Auch auf See hat ja jeder sein Ziel,

aber mit Drängen ist dort nichts gedient. So erscheint es dem Seemann

bald einsamer an Land als auf See. Es fehlt ihm die gewohnte

Plauderstunde abends an Deck, während das Schiff langsam dahin zieht.

Dort wird die Unterhaltung nicht unterbrochen durch neu Hinzukommende,

es bleibt immer gemütlich, Abend für Abend dasselbe, man kann plaudern,

solange die Wache dauert.

Dazu kommt noch ein anderes: der Seemann ist harmlos, er kennt nicht die

Schliche, womit man den andern betrügt. An Bord würde das die

Kameradschaft nicht dulden, Diebstahl ist zwischen Maaten das größte

Verbrechen, keine Seekiste darf abgeschlossen werden. An Bord herrscht

die Selbsterziehung und das Vertrauen zu den Kameraden. So hat der

Seemann wenig Menschenerfahrung, wenn sich die »Landhaie« an ihn

heranschleichen. Sie benutzen es, daß er nicht viel Alkohol vertragen

kann, und nehmen ihm heimlich sein Geld ab, welches er sich in

monatelangem Kampf draußen mit den Elementen erworben hat. Was werden

doch arglose Seeleute auf dem Lande geneppt! Ich kann auch ein Liedchen

davon singen.

Nach 1½jähriger Seereise geht man in Hamburg an Land. Mit vollen

Segeln sucht man nach St. Pauli zu kommen. Halloh, was ist denn hier

los? Warum stehen hier so viele Menschen? Man tritt dazwischen und

sieht, daß hier ein Pferd gestürzt ist, welches sich ein Bein gebrochen

hat. Während man sich den Neugierigen angliedert, hört man plötzlich

hinter sich jemand stöhnen. Ich drehe mich rum und nun sagt einer:

»Guten Tag, junger Herr, können Sie mir nicht sagen, wie ich am

schnellsten hier nach dem Leihhaus komme?«

»Nach dem Leihhaus, nein, ich bin noch nicht in die Verlegenheit

gekommen.«

»Sie können Gott danken.«

»Was haben Sie denn?«

»Ich bin gezwungen, das letzte Erbteil meiner seligen Mama zu versetzen.

Ich will es deshalb versetzen, weil einem immer Gelegenheit geboten

wird, es wiederzubekommen.«

»Was ist es denn?« frage ich.

»Ein Diamantring.«

Er zieht den Ring vom Finger, denselben noch einmal küssend, reicht er

ihn mir. Während ich ihn betrachte, tritt plötzlich ein gut gekleideter

Herr auf mich zu mit den Worten: »Verzeihen Sie, daß ich so indiskret

war, Ihr Gespräch zu belauschen. Es gehört aber wohl zu den

Seltenheiten, daß ein Juwelier gerade da ist, wo jemand betrogen werden

soll. Echte Brillantringe bietet man nicht auf der Straße an.«

Darauf sagt der erstere: »Sie können ganz unbesorgt sein, mit

Gegenständen meiner Mutter treibe ich keinen Betrug.«

»Ich habe nichts mit Ihnen zu tun, ich unterstütze den jungen Mann.«

Ich reiche dem Juwelier den Ring, der ihn von allen Seiten betrachtet

und bemerkt: »Das Gold ist echt« und mir leise zuflüstert: »Fragen Sie

mal, was er dafür haben will.«

»Was wollen Sie dafür haben?«

»Ach, 10 Mark.«

Der Juwelier erwidert mir flüsternd: »Der Kerl hat den Ring gestohlen.«

Mit einer Lupe betrachtet er den Brillant und sagt: »Der Stein ist echt.

Geben Sie dem Kerl ruhig das Doppelte und kommen Sie nach meinem

Geschäft, ich gebe Ihnen das Zehnfache.«

Erfreut über das glänzende Geschäft greife ich schnell in die Tasche und

reiche ihm 20 Mark. Dann entferne ich mich schnell aus der Menge in dem

Glauben, mein Juwelier folgt mir. Erstaunt sehe ich mich um, als ich ihn

nicht finde. Überall suche ich nach ihm, zuletzt auch nach dem, der mir

den Ring verkauft hat. Keiner ist zu finden. Mißtrauisch betrachte ich

nun meinen Ring. Um schließlich doch ganz sicher zu sein, da ich noch

immer nicht verstehen kann, daß ich wirklich einem solchen Schwindel zum

Opfer gefallen sein soll, gehe ich zu einem wirklichen Juwelier nach St.

Pauli, der mir lächelnd sagt: »Echt ist der Ring nicht, aber für'n Taler

ist er ganz gut gemacht.«

Tedje und ich schlendern weiter über den Hamburger Dom. Dutzendweise

ertönen von beiden Seiten der Budenstraße her Verheißungen von noch nie

dagewesenen Jahrmarktsfreuden. Plötzlich hören wir von einer Bude eine

besonders klare, kräftige Stimme: »Kommen Se rinn, kommen Se rinn, hier

ist zu sehen, was noch kein Mensch gesehen und gefressen hat.« Tedje

fragt: »Wat hest du denn?« -- »Hier ist zu sehen ein Kanarienvogel, der

plattdütsch snakt.« -- »Hast du gehört, Tedje, de möt 'n bannigen Baß

hebben.« »500 Mark Belohnung, wenn der Vogel nicht plattdütsch snakt.«

»Nu ward' ja rieten« (nun wird's ja reißen); den Vogel müssen wir doch

sehen. Ein Haufen Menschen hat sich vor dem Eingang aufgestellt. Ein

großer Teil zögert einzutreten, weil sie nicht recht wissen, ob es

dummer Scherz ist, und lassen zunächst den Dummen den Vortritt. Wir

gehen 'rein; die Vorstellung beginnt. Der Kanarienvogel im Bauer wird

auf die Bühne gebracht mit der Bemerkung: »Gestatten Sie, meine Herren,

daß ich Ihnen den Vogel vorstelle. Hans heet he.« »Ach wat,« schreit

eine Stimme aus dem Hintergrund, »wi will nich weeten, wie he heet, wi

will em snaken hören.« »Einen Augenblick, meine Herren! -- Hans segg

mol, wat sall ik smöken, 'ne Zigarre oder 'ne Pip?« Worauf der Vogel

prompt antwortet: »Piiip.« »Meine Herren, he snakt platt.« Ein helles

Gelächter rauscht durch das Zelt und die neugierige Menge derer draußen,

welche die Klugen sein wollten, fragt die Heraustretenden: »Snakt he

plattdütsch?« -- »Ja, dat deit he, aber grotartig.« (Warum sollten wir

die Dummen gewesen sein? Dieser famose Scherz sollte auch die andern

überzeugen.) So ging es den ganzen Tag, wobei der Mann ein

Bombengeschäft machte.

Der nächste Budeninhaber versprach, ein großes Rätsel zu zeigen und

denen, die es rieten, das Eintrittsgeld zurückzuzahlen. Und wirklich,

aus dem Innern der Bude läßt sich durch das Zelttuch immer wieder die

laute Stimme eines Mannes hören, der anscheinend unter den Zuschauern

herumgeht: »Richtig geraten, dreißig Pfennig zurück.« Hier scheint also

nicht allzuviel gewagt. Die Heraustretenden, die wiederum nicht die

Miene von Hereingefallenen aufsetzen, bestätigen, daß sie ihr Geld

wiederkriegten. Die Bude wird getürmt voll. Wir bezahlen unsere dreißig

Pfennig und treten ein. Vor jedem Platz steht ein Waschbecken, weiter

nichts. Die Augen werden allen verbunden, dann kommt ein Mann, der einen

Eimer trägt, in dem das Rätsel ist, und verlangt, daß man hineingreift.

Flüsternd fragt er: »Was ist das?« »Pfui Teufel, Pech!« Worauf er laut

ruft: »Richtig geraten, dreißig Pfennig zurück,« und dann mit leiser

Stimme hinzufügt: »Händewaschen kostet fünfzig Pfennig.« Einer alten

Dorffrau, die es absolut nicht raten konnte, hat der Spaß also achtzig

Pfennig gekostet.

Nicht alle Betrügereien aber waren so harmlos wie die der kleinen

Schiffer- und Bauernfänger auf dem Dom.

Hat der Fahrensmann das Landleben so eine Zeitlang genossen und

vielleicht auch eine trügerische Verlobung mit der »Tochter« des

Heuerbas erlitten, ergreift ihn die Verbitterung, und er ist froh, wenn

er wieder die Anker lichten und hinaus zu seinem Meere gehen kann[9].

Mag auch die Nordsee nicht der Freund des Seemanns sein, er freut sich

doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der Mond ihn grüßen, er

weiß, daß sie ihm mehr sind wie die Menschen an Land. Er atmet wieder

die Meeresluft, die den ganzen Menschen durchdringt und ihn in ganz

anderer Weise schützt als auf Land. Sie trägt keine Infektionen; wenn

die ersten Tage der Fahrt vorüber sind, bleiben Krankheiten fern,

solange nicht etwa durch Entbehrung frischen Proviants der Seemann an

Skorbut erkrankt. Es gibt keine Erkältungen auf dem Meere, Wind und

Nässe sind ohne Einfluß auf das Befinden -- der Rheumatismus kommt erst

später heraus -- und Staub ist auf dem Segelschiff etwas Unbekanntes.

Das Waschen hat nur die Bedeutung, die salzige Schicht von der Haut zu

entfernen.

[Illustration:

»... Er freut sich doch, wenn wieder der Passat, die Sterne und der

Mond ihn grüßen.«]

Man hat auf dem neuen Schiff wieder andere Maaten, mit denen man sich

anfreundet. Die erste Frage ist immer, wie es auf dem letzten Schiff

war. Es war immer das beste, und man schwärmt von dem damaligen Kapitän.

Erinnerungen werden ausgetauscht, der eine kennt den, der andere jenen;

es gibt viel zu plaudern, wenn man mit neuen Schiffsmaaten zusammen ist.

Des Seemanns Gesellschaft sind aber nicht nur die Kameraden an Bord; in

einem besonderen Vertrauensverhältnis steht er zu der Natur, mit der er

zusammen lebt. Er kennt alle Fische, die ihm begegnen. Es gibt nur

wenige Arten, die mit der Angel von Bord aus zu fangen sind. Kommen

Delphine oder, wie der Seemann sie nennt, Tümmler (Schweinsfische), so

heißt es: »Klar an die Harpune!« Es gehört ein erfahrener Harpunenwerfer

dazu, die Delphine sicher zu treffen, denn oft geht das schwere Tier in

voller Fahrt in entgegengesetzter Richtung des Schiffes. Große Freude

herrscht an Bord, wenn ein Delphin gefangen ist, denn jetzt gibt es

frisches Fleisch.

Bei Kap der Guten Hoffnung, Kap Horn und in der Nähe von Inseln fliegen

die Vögel, die treuen Begleiter heran, Albatrosse, Kaptauben, Mulehogs

und viele Arten von Möwen. Sie begleiten den Kapfahrer bis halb nach

Australien und nähren sich von den Abfällen, die über Bord geworfen

werden. Es tut wohl, wenn man lange auf See ist, andere Lebewesen um

sich zu sehen. Man begrüßt sie als alte Freunde und Kameraden, die man

vor einem Jahr gesehen hat und jetzt wieder trifft. Besonders die Möwe

ist dem Seemann heilig, weil er glaubt, später in Gestalt einer Möwe

fortzuleben; man sieht eine Seemannsseele in jeder Möwe, die weißen

Möwen sind die guten Seeleute, die schwarzen die bösen, die Seedüwels.

Man schießt keinen dieser Vögel, denn es sind ja die einzigen Freunde,

die einen besuchen und mit einem fliegen. Wenn südlich vom Äquator nach

dem Passat der erste Albatros kommt, wird das ereignislose Einerlei

freudig unterbrochen. Majestätisch wogt er hin und her; bald dicht über

den Wellen, bald höher, bald vor dem Bug umkreist er das Schiff. Der

Albatros ist der größte fliegende Vogel, den wir haben, der Beherrscher

der südlichen Meere. Auf dem Schiff ist er seekrank und kann nicht mehr

fortfliegen, da er keine Luft unter den Flügeln hat. Es ist übrigens,

wie die Seeleute glauben, noch niemandem gelungen, einen Albatros lebend

in unsere nördliche Erdhälfte zu bringen.

[Illustration:

Teckel Schnäuzchen soll sich auf »Seeadler« mit einem Albatros

anfreunden, der zu Besuch gekommen ist.]

An der afrikanischen Küste lassen sich zuweilen Hunderte von Schwalben,

die sich im Nebel verflogen haben, erschöpft auf dem Schiff nieder. Auch

Dutzende von Störchen verirren sich manchmal auf das Schiff. Die Tiere

kommen nie wieder hoch, und es ist traurig, ihren Untergang mit

anzusehen, da an Bord kein für sie eßbares Futter ist. Man kann ihnen

nicht helfen; sie sterben den Seemannstod wie der Schiffer, dem mitten

in der Wasserwüste der Proviant oder das Trinkwasser ausgeht.

So lebt der Seemann mit der Natur, die ihm Kamerad und Gegner ist. Wer

die freie See kennt, mag ihren Hauch nicht mehr entbehren.

[5] Schiffssprache für Anrichte (englisch).

[6] Rundfenster.

[7] Schiffstagebuch.

[8] Landungsbrücke (englisch).

[9] Heuerbas heißt der Makler, der zwischen Reeder und Maaten vermittelt.

Der, den ich meine, wird sich erinnern!

Viertes Kapitel.

Wieder auf der Schulbank.

In Hamburg erzählte man mir, wenn ich mal das Steuermannsexamen machen

wollte, müßte ich auf einem Dampfer gefahren haben. So musterte ich also

mit meinem alten Schiffsmaaten Uhlhorn auf einem Sloman-Dampfer an, auf

der »Lissabon«. Damit ging es nach dem Mittelmeer. Nach dieser Reise,

die etwa zwei Monate dauerte, ging es auf einem Küstendampfer, der

»Cordelia« nach Rotterdam und Amsterdam, und dann glaubte ich, die

Seefahrt so weit hinter mir zu haben, daß ich auf Schule gehen konnte.

Ich begab mich nach der Seemannsmission, um mir mein erspartes Geld zu

holen. Ich wußte genau, daß ich 3200 Mark eingezahlt hatte, und da hieß

es nun zu meinem Staunen, daß ich 3600 Mark bekommen sollte. Ich wußte

doch nichts von Zinsen! Zuerst glaubte ich, es wäre reine Gutmütigkeit

von den Leuten. Nahm also mein Geld und ging auf Schule. Ich hatte mir

die Navigationsschule in Lübeck ausgesucht.

Zuerst schaffte ich mir nettes Zeug an. Man mußte jetzt ja weiße Wäsche

tragen und Schlipse, nicht mehr den ewigen Gummikragen, den man an Bord

immer mit dem Freunde teilt, der gerade an Land geht, sowie den

amerikanischen Blechschlips mit einem Revolver als Schlipsnadel

daraufgelötet.

Ich war schon erklecklich über zwanzig Jahre alt, als ich auf Schule

kam. Alle unsere alten Kapitäne sind diesen Weg gelaufen. Er ist das

»Musloch« für jeden Matrosen, der sich hoch arbeiten will. Die neueren

Seeleute wollen dies Musloch ja gern dicht stoppen; sie wollten die

Bildung auf See verbreiten und heben. Nur »Kadetten«, nicht mehr

Matrosen sollen auf der Handelsmarine Offiziere werden dürfen. Ich bin

immer gegen diese Tendenz angegangen. Die Kadettenerziehung als solche

ist gut, und was die seefahrende Jugend Männern wie meinem lieben

Professor Schulze verdankt, weiß niemand besser zu schätzen als ich. Die

Gefahr ist nur, daß der höhergebildete junge Mensch sein Wissen mit

praktischem Können verwechselt, und für noch gefährlicher halte ich es,

wenn allen nicht mit höherer Schulbildung versehenen strebsamen Matrosen

der Zutritt zur höheren Laufbahn versperrt wird. Man erwartet doch keine

Bildung auf See. Es ist doch besser, auf der Kommandobrücke einen

kräftigen Menschen zu sehen, als einen feinen Kerl mit hohem Kragen.

Stehen die großen Kapitäne, die echten, alten, nicht würdiger da? Gewiß,

ich habe unter den modern gebildeten Schiffsoffizieren viele Seeleute

ersten Ranges kennen gelernt. Aber wenn ich erst einmal Kapitän bin,

habe ich immer noch Muße genug, mich für die Wissenschaften zu

interessieren. »Vor dem Mast«, d. h. als einfacher Matrose gefahren zu

haben, kann keinem schaden. Auf einen tüchtigen Seemann verläßt sich der

Passagier lieber, als wenn da einer mit Lackbotten als Gigerl

einhergeht. Was heißt überhaupt Bildung auf See? Man hat genug damit zu

tun, die Seewissenschaft zu pflegen und sich das praktische Können zu

erkämpfen, wie man am besten Herr der Elemente wird. Bei der Frage, was

man tut, wenn einem die Takelage von oben kommt, nützt einem kein

Schopenhauer.

Ich kam also mit meinem Gelde in Lübeck angefahren und suchte mir eine

angenehme Wohnung, die ich bei einer freundlichen alten Dame fand. Dann

bewegte ich mich zur Navigationsschule und wurde vorstellig beim

Professor Dr. Schulze, einem ganz hervorragenden Manne, der auf mich

einen selten vertrauenswürdigen Eindruck machte, obwohl mein Herz mir

ziemlich beschwert wurde, als ich Schulluft roch. Als Seemann war ich ja

recht großspurig; hier aber wurde ich wieder ein ganz kleiner Matz. Ich

zog den Professor ins Vertrauen, erklärte ihm meinen Namen und meine

Vergangenheit, da doch meine Papiere auf den Namen Luckner genannt

Lüdicke lauteten. Da streckte er mir eine warme Rechte entgegen und

sagte, ich möchte unbesorgt sein, denn viele Volksschüler mit noch

mangelhafterer Bildung hätten die Prüfung mit Glanz bestanden.

»Ja,« erwiderte ich, »die können auch rechnen und sind in Wirklichkeit

weniger zurückgeblieben als ich.«

Ich erzählte ihm, wie weit ich in der Schule gekommen war, und er fragte

mich ein bißchen nach der Bruchrechnung. Als ich die aber ableugnete, da

stutzte er doch.

Ich wußte ja nicht, was ein Fünftel ist.

Ein halb, ein viertel, das wußte man ja nach der Uhr, aber ein Fünftel,

das hatte ich nie gebraucht.

»Na,« sagte er, »macht nichts. Ich sollte nur nicht befangen sein, nur

ein bißchen Fleiß ...«

[Illustration:

Professor Dr. Schulze, Leiter der Seefahrtsschule zu Lübeck.]

Herrgott, kam es mir durch den Sinn, da ist wieder der alte »Fleiß«, es

ist doch immer dasselbe. Ich habe mich aber in diesem prächtigen Mann

nicht getäuscht, er stärkte meine Hoffnung und gab selbst

Nachhilfeunterricht, wo es fehlte. Nach einem Monat taute ich auf. Ich

fühlte, daß ich die Hoffnung hegen durfte, mein Examen zu machen. Die

Zukunft lag rosiger vor mir.

An jenem Tag, an welchem ich mich beim Direktor angemeldet hatte, ging

ich nachher zum Café Niederegger, das wegen seines Marzipans berühmt

ist, weil ich das Bedürfnis empfand, nun in besseren Lokalen zu

verkehren. Dort sah ich einen dänischen Grafenkalender liegen. Ich

denke: »Minsch, du büst doch ook 'n Grof,« blättere nach und wirklich:

ich stehe drin, als verschollen. Das ist ja großartig, denke ich. »Herr

Ober, noch ein Pilsner.« So wußte ich doch wenigstens, wie es in der

Heimat war. »Dort jammern sie also längst nicht mehr um dich.«

Geschrieben hatte ich nie nach Hause, denn wer war denn stolzer als ich

als Matrose, wenn ich hoch oben im Mast saß und mich fühlte: was bin

ich, was kann ich, und was kann ich noch werden. Doch schämte ich mich,

diesen Stolz zu zeigen. Denn in der Heimat wären die ollen Klostertanten

doch entsetzt gewesen, wenn sie gehört hätten, einen Matrosen zum Neffen

zu haben.

Einmal, es war nach dem Sieg über Lipstulian, hatte ich einen Anlauf

genommen, mich meinen Eltern wieder zu nähern. Unter meinen alten

Photographien finde ich ein verblichenes und abgegriffenes Bildchen, das

ich damals auf dem Spielbudenplatz hatte anfertigen lassen als

Meisterschaftsringer von St. Pauli. Auf der Rückseite steht mit meiner

ungelenken Schrift: »Meinem lieben Vater zur freundlichen Erinnerung an

seinen treuen Sohn Felix. Hamburg, den 1. 4. 1902.« Das Bild wollte ich

als erstes Lebenszeichen nach der Flucht meinem alten Herrn schicken; er

sollte sich seines stattlichen Jungen freuen, aber kaum hatte ich die

Widmung geschrieben, entsank mir der Mut, der Abstand zu den

Familienbildern daheim war doch zu groß. In späteren Jahren, als ich

mich meinen Eltern wieder entdeckt hatte, trug mein Vater freilich

gerade dieses Bild mit seiner Widmung bis an sein Lebensende in der

Brusttasche.

In Lübeck hielt ich mich als einfacher Seemann zurück und verkehrte fast

mit niemand. Außer dem Professor, dem ich es gesagt hatte, wußte also

niemand, wer ich war. Der Grafentitel hinderte ja nur. Was nützt es,

wenn man einen Namen hat und nichts ist? Aber man sah in jenen Tagen

schon mehr auf sich selbst, auf reine Hände. Die teerigen Runzeln und

Schwielen verschwanden allmählich. Man wurde richtig ein »fürnehmen

Kirl«, die braunverbrannten Backen wurden schmäler, von Monat zu Monat

mußte ich eine Kragennummer enger nehmen.

Die Hauptfächer waren für mich privatim vorerst einmal das große

Einmaleins und grammatisch richtig Deutsch schreiben, dann Bruchrechnen.

Die ganze liebe Familie Schulze half und sorgte mit. Den »Nenner des

Ganzen« suchen, eine verfluchte Sache. Wie ich das mit eisernem Fleiß

intus hatte, kam die Mathematik, der pythagoräische Lehrsatz, den ich

von der Schule her zwar noch kannte, aber nicht beweisen konnte. Dann

kam die höhere Mathematik, die sphärische Trigonometrie, von Sonne und

Sternen, nautische Astronomie: Chronometerlängen, Monddistanzen ...

Waren doch allein 21 astronomische Aufgaben beim Examen zu lösen! Die

Seepraxis wurde ja vorausgesetzt, wenn man die Bescheinigung als Matrose

hatte.

Ich habe nie geglaubt, daß ich so fleißig sein könnte, wie ich es in

Lübeck war. Ich war stolz darauf, daß ich etwas verstand, das Zutrauen

zu mir selbst wuchs bedeutend. Während der neun Monate, die bis zum

Examen vergingen, habe ich etwa achthundert Mark verbraucht,

einschließlich der Kosten für das Examen.

Ich ging ins Examen, nicht um es als erster zu machen, sondern um als

letzter fertig zu werden! Denn ich wollte ganz sorgfältig alle Aufgaben

durchrechnen. Wenn sich einer über meine Fortschritte freute, so war es

der Direktor Schulze, der sich alle Mühe mit mir gegeben hatte. Ich fing

damals an, etwas zu dichten und gestand ihm das. »Sie dichten auch,

Phylax?« sagte er, »das ist ja wundervoll, dann können Sie Sonntag

nachmittag mal zu mir kommen und mit mir dichten.« Ich ging hin und

bildete mir auf mein Talent etwas ein. Da ging er mit mir hinunter zum

Travekanal und sagte: »Nun kommen Sie mal, nun wollen wir mein Boot

dichten, das ist leck.«

Als der Examenstag da war und alle die Herren prüfend im Frack bereit

saßen, bekam ich doch etwas Angst. Ich hatte mir, um guten Eindruck zu

machen, rote Tinte mitgenommen, um die Hauptresultate zu unterstreichen.

Denn bei der Anfertigung einer Aufgabe ist ja die gute Übersicht die

Hauptsache. Glücklicherweise gab es damals noch ordentliches Papier! Das

heutige Kriegspapier hätte ich mit meiner schweren, ungeübten Hand ganz

durchgeschrieben beim festen Aufdrücken. Ich gebrauchte den dicksten

Federhalter, den ich erstehen konnte, fast so stark wie ein

Spazierstock, der sich so in die Hand legte, daß ich sie nicht

zuzudrücken brauchte. Nur konnte man ihn nirgends recht hinlegen, da er

wie eine Birne war und überall herunterrollte. Es war ein Federhalter

für Leute mit einem Schlaganfall, die mit zwei Händen schreiben.

[Illustration:

»... Das Examen dauerte sechs Tage.«

(Original im Besitz von Prof. Dr. Schulze.)]

Das schriftliche Examen dauerte sechs Tage, und danach kam mit dem

mündlichen erst die Hauptaufregung. Aber es ging vorbei, und nachher

zwinkerte der Direktor mir zu, drückte mir die Hand und sagte, was er

eigentlich nicht durfte: »Phylax, das Examen hast du in der Tasch'.« Da

war ich aber froh! Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen. Wir haben

derartig gefeiert, daß ich mich eines Morgens in einer Gartenlaube

wiederfinde. Da ist ein Mann, der will seinen Garten sprengen und ist

erstaunt, da einen verschwiemelten Steuermannsschüler liegen zu sehen.

»Was liegen Sie denn hier?« Ich wußte nicht, was los war und vermochte

nur zu antworten: »Was sprengen Sie denn hier?«

Donnerwetter, das war also das erste Examen! Am liebsten wäre ich gleich

zu meinen Eltern hingelaufen. Mein Professor hatte ja heimlich

nachgeforscht und festgestellt, daß meine Eltern lebten, und mein Bruder

Fähnrich war. Alles das erfuhr ich unter der Hand. Aber ich verbiß mir

noch einmal den Wunsch, heimzukehren, denn ich hatte seinerzeit gelobt,

Kaisers Rock mit Ehren zu tragen. Nun setzte ich mir in den Kopf, erst

wieder aufzutauchen, wenn ich sagen konnte, ich wäre Offizier.

Fünftes Kapitel.

Kaisers Rock.

Nach dem Examen suchte ich Stellung bei den größten Hamburger Reedereien

und wurde von der Hamburg-Südamerika-Linie als Wachoffizier angenommen.

So kam ich an Bord der »Petropolis«. Ich hatte mir jetzt an Stelle der

Seekiste einen Koffer angeschafft und kam mir damit vor wie ein Kapitän.

Ich hatte mir Glacéhandschuhe besorgt und weiße Schuhe und sehe mich

noch, wie ich mir die ersten Manschettenknöpfe kaufe. Auch eine

Extrauniform hatte ich neben der Freiuniform bestellt. Als ich in

Uniform auf der »Petropolis« spazieren ging, fühlte ich mich wie ein

junger Gott. Als ich zum letztenmal ein Schiff verlassen hatte, da war

ich noch ein Matrose, mußte Rost schrapen und alles dergleichen. Jetzt

kam mir der Unterschied so sonderbar vor. Ich ging an Deck auf und ab

und hatte nirgends mehr Hand anzulegen.

Der Kapitän, Feldmann, war ein famoser Kerl, der sich meiner sehr

annahm. Ich blickte öfters in den Spiegel und dachte: »Jetzt siehst du

ihm schon ähnlicher.« Ich gab viel auf mein Äußeres, pflegte meine

Hände, was höllisch schwer wurde, denn die alten Taudrücker waren doch

recht vierkant geworden. Ich überlegte lange hin und her, ob es besser

wäre, einen kurzen oder langen Schnurrbart stehenzulassen. »Mensch,

Phylax,« dachte ich, »jetzt hast du es geschafft. Wie hast du dich

verändert!«

Nachdem ich drei Wochen Wachoffizier gewesen war, ging die Reise los. Es

kam nun darauf an, auf der Brücke Offiziersdienste zu leisten. Der

Kapitän belehrte mich herzlich. Es würde mir wohl vieles neu vorkommen,

aber jeder Anfänger, der vorher Matrose war, käme sich furchtbar dumm

und ungeschickt vor; ich sollte darüber nicht untröstlich sein, sondern

es als Erfahrung hinnehmen, die er bei allen jungen Offizieren gemacht

hätte. Ich dachte: das ist ein vernünftiger Mann.

Die Fahrt ging elbabwärts. Ich sprach mit den Lotsen über dies und

jenes. Die Manschetten rutschten mir noch, das Handanlegen an die Mütze

kam mir komisch vor.

Dann kam die erste Navigation in der Praxis. Ich rechnete also los, mit

dem Schulsystem, und brauchte dreiviertel Stunden. Da war ich schön

überrascht, als die andern schon fertig waren, während ich noch

rechnete und es überdies 50 Seemeilen verkehrt herausbekam! Man fragte

aber merkwürdigerweise gar nicht nach meinem Ergebnis. So ging es Tage

und Wochen; niemals wurde nach meiner Navigation gefragt. Endlich lernte

ich mich aber ein und ging stolz meine eigene Wache. Ich fühlte mich

auch nirgends wohler, als wenn ich allein auf der Brücke war und an

frühere Zeiten denken konnte. Immer wieder tauchte die Sehnsucht nach

den Eltern auf. Wenn die jetzt wüßten, wo du bist! Nie habe ich mehr die

Elternliebe empfunden. Wie brutal kam ich mir vor, daß ich nicht zu

meinen Eltern ging. Aber noch blieb ich dickköpfig.

Auf der »Petropolis« fuhr ich dreiviertel Jahr. Jetzt konnte ich als

Einjähriger zur Kriegsmarine gehen. Als am 1. Oktober Einstellung war,

meldete ich mich. Auf der »Petropolis« hatte ich mich in manches gute

Buch vertieft, wenn ich auch nicht viel davon verstand. Jetzt fuhr ich

also mit einem Kameraden von der Navigationsschule zusammen nach Kiel.

Zum erstenmal in meinem Leben leistete ich mir eine Fahrkarte zweiter

Klasse. Wir kamen uns vornehm vor; uns gegenüber saß ein Herr mit einem

Spitzbart, das mußte unserer Meinung nach unbedingt ein Marineoffizier

sein. Deshalb benahmen wir uns angestrengt reserviert.

Dann kam die Einstellung. Die ersten Tage wurden wir tüchtig auf dem

Kasernenhof umhergehetzt. Als wir so eines Tages langsamen Schritt

übten, was mir meines gebrochenen Beines wegen saure Schmerzen

bereitete, kam eine Ordonnanz von der Station und fragte den

Oberleutnant, ob hier ein Einjähriger Graf Luckner wäre? Großes

Aufsehen. Der Oberleutnant fragte mich, ob ich einen Verwandten auf der

Station hätte? Ich meldete: Nein. Dann wurden mir zwei Unteroffiziere

mitgegeben, die sollten mich erst einkleiden, denn wir hatten ja bisher

nur Drillichzeug getragen.

Während ich schön gemacht wurde, ging mir die »Station« im Kopfe herum.

Was ist das, Polizeistation, Wachstation? Was mochte jetzt von meinem

Sündenregister herausgekommen sein, die Marine kriegt ja alles heraus.

Schließlich kamen wir zu einem roten Gebäude. Ich lese in meiner

Beklemmung die Aufschrift: Ackermann, Adjutant. Der eine Unteroffizier

trat ein und meldete. Dann mußte ich eintreten. Ich soll zum Admiral

Graf Baudissin kommen. Ja, wie wird denn solch ein hoher Herr angeredet?

dachte ich bei mir; die Hauptsache ist wohl: immer stramm stehen.

Drinnen sitzt der Admiral mit großen goldenen Streifen. Ich stehe da,

die Ellenbogen und die Hände fest angelegt.

»Sagen Sie mal, was sind Sie für ein Luckner?«

»Der Sohn von Heinrich Luckner.«

»Wie heißen Sie mit Vornamen?«

»Felix.«

»Aber der ist doch verschollen.«

»Nein, das bin ich.«

»Wie kommen Sie denn hierher?«

»Ich bin in der Schule nicht versetzt ... Hatte meinen Eltern

versprochen, durchs Einjährige zu kommen ... habe ich versucht, mit

eigenen Kräften mein Versprechen in Erfüllung zu bringen.«

»So, und was soll nun hier werden?«

»Ich habe mein Steuermannsexamen gemacht, was zum einjährigen Dienst

berechtigt; ich wollte Reserveoffizier werden durch gute Führung.«

»Warum haben Sie Ihren Eltern nicht geschrieben?«

»Ich wollte nicht vorher kommen, weil ich da nicht für voll angesehen

worden wäre und wollte auch nicht vorher schreiben, weil es dann

geheißen hätte: Matrose, weiter ist aus dir nichts geworden? Ich glaubte

meinen Eltern ein größeres Vergnügen bereiten zu können, wenn ich als

gemachter Mann käme.«

»Wovon wollen Sie denn das bestreiten?«

»Ich habe mit allen Auslagen und Wiederzuverdientem imganzen noch 3400

Mark.«

»Soviel haben Sie verdient?«

»Ja.«

Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben · 第 15 / 32 题