Dein Sohn

Johannes Reichel.

»Weißt Du was, Schaffer,« rief Heinrich glücklich, »schick' ihm dreißig

Mark! Da sind sie! Schick's ihm! Er ist ein Prachtkerl!«

Heinrich legte das Geld auf den Tisch.

Der Riese starrte ihn blöde an, aber dann grinste er und stützte je

einen Finger seiner rechten Hand schwer auf die Goldstücke, als fürchte

er, ein Luftzug könne sie wegblasen.

»Und Du, Reichel, Du bleibst mir treu? Was auch kommen mag? Ja? Du

bleibst bei mir, wenn sie auch alle gehen -- alle!«

Der Riese sann schwer nach. Dann sagte er:

»A alter Kater geht nich weg vom Hofe!«

»Das ist hübsch von Dir, Reichel! Wir bleiben Freunde! Und jetzt kommst

Du mit hinüber. Wir wollen eine Flasche Wein mitsammen trinken, weil

sich der Hannes verloben wird. Auf Hannes' Wohl, hörst Du? Nur auf

Hannes' Wohl! Der hat's uns ja angezeigt.«

Reichel meinte, wenn er Wein trinken solle, müsse er sich erst waschen

und die Sonntagsjacke anziehen und sein gesticktes Vorhemdchen

ummachen, sonst ginge es nicht. Dann werde er aber kommen.

Als Heinrich wieder in den Hof trat, traf er die alte Stenzeln.

»Pst! Das is gutt! Da macht's kein Aufsehen! Hier! Vom Fräulein! Gute

Nacht!«

Sie huschte davon.

In der Wohnstube erbrach Heinrich den Brief.

Lieber Heinrich!

Es ist alles gut. Der Vater wird einwilligen. Komm morgen früh

um 10 Uhr zu uns herüber. Gute Nacht, Liebster! Es küßt Dich

herzlich

Deine überglückliche Lotte.

Heinrich hob den Brief hoch und preßte ihn an seine Stirn. Dann sah er

auf das große Bild seines Vaters, das an der Wand hing.

»Vater, du mußt »Ja und Amen« sagen. Ich bin zu glücklich, zu

glücklich!«

Einsamkeit und Reue waren weit.

* * * * *

Der Mond hatte die Nebel vertrieben. In später Nacht lugte er in drei

Stuben der Buchenhöfe.

Da sah er, wie der alte Schaffer seinem jungen Herrn die Hand gab und

mit noch schwererer Zunge als sonst sagte:

»Die Lotte is gutt! Sie kann für nischt! Und es geht mich nischt an.

Und ich bin Schaffer.«

Da schien er auch dem alten Schräger ins Gesicht, der heute nüchtern

oben am Giebelfenster stand und hinuntersah nach dem Kirchhof und sagte:

»Nun sei zufrieden und laß mich in Ruh'.«

Und er streute silberne Funken auf Stirn und Mund der Lotte, die

glückselig in ihrem Bette lag und von einer neuen, schönen Heimat

träumte.

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 17]

Draußen flockte leise der Schnee. Im Wohnzimmer des Buchenkretschams

war es wohlig warm, und Lotte bereitete den Vespertisch. Heinrich sah

ihr lächelnd zu. Jetzt setzte sie eine goldgeränderte Tasse vor ihn

hin, darauf war geschrieben: »Dem Bräutigam«, und daneben stellte sie

eine Tasse mit der Aufschrift: »Der Braut«.

»Aus den Tassen haben Vater und Mutter bei ihrer Hochzeit getrunken,«

sagte sie.

Er sah sie an, wie sie in herziger Hausfrauenschönheit vor ihm stand,

und legte den Arm um ihre Schultern.

»Lotte! Ich kann Dir nicht sagen, wie mir zumute ist. Ich denke, so

mag einem sein, der aus einem Schiffbruch gerettet wurde und in einer

sicheren, warmen Stube sitzt.«

Erst als sie draußen den Vater kommen hörten, gingen sie auseinander.

Mißmutig trat Schräger in die Stube.

»Was sagt man dazu -- die Bande kommt nich! Alle lassen sie absagen,

alle; der einzige Hirsel will kommen.«

Heinrich biß die Zähne aufeinander. Der Wirt hatte seine früheren

Stammgäste, die in letzter Zeit immer mehr und mehr ausgeblieben waren,

zu einer Verlobungsfeier eingeladen und zu diesem Zwecke ein Faß echten

Bieres kommen lassen.

Nun wollte niemand erscheinen.

»Ja, es ist arg,« sagte Heinrich. »Ich hätte nicht gedacht, daß sie

es so weit treiben würden. Aber der Riedel hat heute ein Fest unten

im Dorfe in Polers Wirtshaus angesagt und Freibier versprochen,

und der Barbier ist durchs ganze Dorf, um dazu einzuladen. Das ist

niederträchtig, das ist einfach niederträchtig!«

Schräger grub die Hände tief in die Hosentaschen.

»Bankrott wird man noch werden,« knurrte er in tiefstem Unmut.

Ein Schatten flog über Heinrichs Gesicht. Lotte bemerkte es wohl und

legte ihrem Vater die Hände auf die Schultern.

»Vater, sei nicht mürrisch! Nicht heute! Die Leute werden schon

wiederkommen. Lange wird's ihnen beim Poler nicht gefallen. Dann kommen

alle wieder zu Dir.«

Schräger knurrte etwas und ging hinüber nach der Wirtsstube. Dort goß

er ein großes Glas voll Rum und trank es aus.

Das Mädchen ging nach der Küche, und Heinrich war allein. Er trat ans

Fenster und sah nach seinem Hofe hinüber. Je eher, je besser wollte

er die Lotte hinüberholen. Denn mit Schräger war auf die Dauer nicht

auszukommen.

Wie er so dastand und in das Schneewetter hinaussah, dachte Heinrich

an die letzten Tage und konnte sich keiner Stunde erinnern, die

er glücklich und zufrieden mit seinem zukünftigen Schwiegervater

zugebracht hätte, angefangen von dem Augenblick, wo ihm dieser Mann mit

schwerer, lallender Zunge das Jawort gab, bis heute. Damals hatte er

ihn angewidert. Nicht einmal an dem wichtigen Tage, da eine jahrelange

Feindschaft begraben und die Verbindung seiner einzigen Tochter mit dem

Gegner beschlossen werden sollte, konnte dieser Mann nüchtern bleiben.

Und es war vormittags 10 Uhr gewesen. Aber die Lotte hatte auch damals

ihren Vater zu entschuldigen gesucht und gesagt, er habe wohl in

übergroßer Aufregung getrunken.

Er hatte sich das so schön, so feierlich, so groß vorgestellt, diese

Stunde der Aussöhnung, und der -- war betrunken. Er hatte nichts

anderes sagen können als immer dasselbe: »Laß die Toten ruhen! Laß die

alten Geschichten! Nehmt Euch! Alles is gutt! Ich kann für nischt! Laßt

mich in Ruh'! Meinetwegen macht, was Ihr wollt.«

Und dann hatte er nach der Ziegelei und nach den Überschüssen des

Gutes so gierig und interessiert gefragt, trotz seiner Trunkenheit,

daß dem jungen Freiersmanne gegraut hatte. Und er hatte immer nach der

lieblichen, unschuldigen Lotte sehen müssen, die mit schwerverhaltenen

Tränen neben ihm saß, daß er nur Herr seiner selbst blieb.

Auch der schwachsinnige Bruder machte es ihm schwer. Dieser Bursche

hatte eine ganz unbegreifliche Scheu vor ihm. Immer lief er fort, wenn

er ihn nur witterte, und einmal, als die Lotte ihn eingeschlossen

hatte, um eine Begegnung zu erzwingen, und Heinrich ein ganzes Paket

Schokolade mitbrachte, die der Bursche sehr gern aß, war er im letzten

Augenblick schreiend durch das Fenster entflohen.

Eine ganze Nacht war er fortgewesen und erst am Morgen wiedergekommen.

Seit der Zeit wurde er außer acht gelassen.

Der Buchenhof! Wie er so sacht einschneite und nun so friedlich dalag,

so recht lockend und einladend, einzutreten und allen Sturm und alles

böse Wetter draußen zu lassen, heimisch zu sein in diesen festen

Mauern. Recht wie eine Heimat sah das Haus aus. Aber der, dem es

gehörte, wußte, daß es keine Heimat war.

Jetzt eben dachte er wieder darüber nach, und ein Gedanke ging ihm

durch die grübelnde Seele: Heimat ist nicht Raum! Heimat ist auch nicht

Freundschaft! Wird Heimat Liebe sein? --

»Lotte, wenn es Dir recht ist, wollen wir bald nach Weihnachten

heiraten,« sagte er zu seiner Braut, als sie zurückkam.

Das Mädchen sah ihn freundlich an.

»Ja, Heinrich; ich weiß auch, warum. Und Du hast recht.« Sie kam ganz

nahe an ihn heran.

»Aber gar zu böse mußt Du nicht sein mit ihm. Im Grunde ist's ja doch

aus Gram um Deinen Vater!«

»Ja, Lotte, ich weiß es!«

»Ist es Dir unlieb, wenn ich immer für ihn spreche?«

»Nein! Er ist Dein Vater. Wer keine gute Tochter war, wird kein gutes

Weib.«

* * * * *

Heinrichs Verlobungsabend war gekommen. Schräger hatte trotz dringender

Abwehr das große Bierfaß in die Wirtsstube heraufschaffen lassen.

Das stand nun in seiner ganzen tragikomischen Größe in der einsamen

Gaststube.

Die Stenzeln hatte ein gutes Abendbrot bereitet, das hatten Heinrich,

Lotte und Schräger schweigend verzehrt. Zuweilen nur fluchte der Wirt

stumpf vor sich hin.

Gegen sieben Uhr kam der alte Hirselbauer. Schräger lachte spöttisch.

»Na, Hirsel,« sagte er in grimmiger Selbstironie und klopfte auf das

große Faß, »da kannste trinken, da kannste aber trinken!«

»Wird niemand kommen, niemand sonst?« fragte Heinrich. Hirsel

schüttelte verlegen den Kopf.

»Verhetzt! Alle verhetzt! Der Barbier is a Schandkerl.«

»So setzen Sie sich, Herr Hirsel: ich werd's Ihnen nicht vergessen, daß

Sie gekommen sind.«

Es war eine trübselige Verlobungsstimmung. Schräger stierte immer vor

sich hin und schimpfte in sich hinein, Heinrich und Lotte hielten

sich an den Händen, und der alte Hirsel saß vor seinem Bierglase und

wollte nicht trinken. Vom Wetter sprachen sie schließlich, von den

Rübenpreisen, von ein paar nebensächlichen Ereignissen aus dem Dorfe.

Dann waren wieder lange Pausen, und die alte Wanduhr tickte trostlos,

einförmig. Niemand wollte reden, niemand wußte etwas zu sagen.

Mitten in all dieser Stille war Heinrich in schwerer Erregung. Zuweilen

preßte er die Hand des geliebten Mädchens. Da wünschte er sich weit

fort mit ihr. Wenn er einen einzigen Freund gehabt hätte, jemand,

der sich mit ihm freute! So war er allein. Und das war der Abend, der

für die meisten Menschen der strahlendste und glücklichste des Lebens

ist, an welchem sich an jeden ein paar gute Menschen drängen, um

Freundschaft zu zeigen, um Glück zu wünschen.

Hier war es so erschreckend öde. Kaum, daß ihm der alte Hirsel manchmal

ein wenig zulächelte.

Dann dachte er daran, daß nun doch die eigentliche Verlobung vollzogen

werden müsse. Wer sollte das tun? Wer? Schräger würde nicht anfangen.

Also er selbst! Aber es fiel ihm maßlos schwer, in solcher Umgebung und

solcher Stimmung ein so schweres, entscheidendes Wort zu sprechen. Und

dann, wie sollte er den Mann anreden? Jetzt mußte er »Vater« zu ihm

sagen! Und es war ihm, als ob vor seiner Seele eine bleiche Gestalt

auftauche und ihm mit gebietendem Blick sage: »Mißbrauche nicht meinen

Namen!«

So schob er's auf in innerer Unrast, und es verging eine halbe Stunde

und noch eine. Die Uhr schnarrte durchs Zimmer, und dann war wieder

diese bedrückende Stille. Da, als ihn Lotte einmal bang anschaute,

stand Heinrich auf: »Va-- Vater, Sie haben mir Ihr Jawort gegeben bei

meiner Werbung, und Lotte und ich werden uns jetzt mit Ihrer Zustimmung

verloben.«

Er wartete auf eine Antwort. Schräger stierte auf.

»Ja,« sagte er, »ja, meinethalben! Prosit!«

Und er trank.

Heinrich wurden die Augen heiß, und Lotte fing leise an zu weinen. So

steckte er ihr den goldenen Ring an den Finger und sie ihm den seinen.

Der alte Hirsel stand auf und sprach ein paar Glückwunschworte. Und

dann war es wieder still. --

Da klopfte es ans Fenster.

»Und einen Hund, einen gro...o...oßen Hund!«

Der Bruder! Den ganzen Nachmittag war er schon wieder abwesend und

nicht aufzufinden gewesen. Jetzt stand er draußen am Fenster und blökte

die Zunge herein. Schimpfend erhob sich Schräger und ging hinaus.

Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte, der Junge sei verschwunden.

Vielleicht sei er nun schlafen gegangen. Man solle ihn sein lassen.

* * * * *

Draußen aber an der Gartenmauer des Buchenhofes kauerte Gustav

Schräger. Er war unten im Dorfe gewesen in Polers Gasthaus, der Barbier

hatte ihm viel Bier zu trinken gegeben, und alle hatten über den

Idioten gelacht, bis ihn ein vernünftiger Bauer nach Hause jagte.

Jetzt kauerte der Bursche in halbem Dusel an der Gartenmauer. Manchmal

sah er nach den erleuchteten Fenstern der Wirtsstube, ballte die

Fäuste, knirschte mit den Zähnen oder blökte die Zunge heraus.

Dann suchte er in seinen Hosentaschen nach und brachte eine Schachtel

Streichhölzer heraus. Ein böses Grinsen ging über das verblödete

Gesicht, und die Fäuste ballten sich wieder.

Der Idiot betrachtete die Streichholzschachtel mit funkelnden Augen.

Dann hielt er sie gegen das Ohr, schüttelte sie und freute sich an dem

leisen Geklapper.

»Viel sind's,« grunzte er, »viel!«

Leise richtete er sich auf, wandte lauernd und spähend den Kopf und

schlich endlich lautlos und gebückt die Gartenmauer entlang. Das

Hoftürchen zum Buchenhof öffnete er. Es knarrte laut. Aber der Bursche

ließ sich nicht abschrecken. Er sah sich nur ein wenig um und rannte

dann schnell über den Hof bis zur Scheune.

Das Tor war nicht verschlossen, aber es verursachte ein Geräusch, als

er öffnete. Nun war er in der Scheune. Er blieb stehen, holte tief

Atem, und seine Augen funkelten.

»Oh! Ooh! Hoch! Hoch! Es wird brennen! Brennen!« Und er reckte die Arme

in die Höhe.

Dann strich er ein Streichholz an. Es zerbrach und fiel verlöschend auf

die leere Tenne. Ein zweites Streichholz! Es brannte, und in seinem

Schein ging der Idiot nach dem getreidegefüllten Bansen.

»Du! Was machst Du da?«

»Jeses!«

Ein Schrei! Ein zweiter!

Das Streichholz erlosch. Eine Jagd ging los. Voran der Idiot, hinterher

ein Knecht des Buchenhofes, der das Geräusch der Tore gehört hatte und

dem Burschen nachgeschlichen war.

»Stehen bleiben! Halt! Stehen bleiben!«

Ein furchtbares Brüllen kam dem Jungen vom Munde. Er fiel über einen

Gegenstand, stand auf, sprang weiter und fand in der Angst nicht das

Tor. Es war rabenfinster. Man hörte das Keuchen der beiden Menschen.

Ein paarmal streifte der Knecht mit der Hand den Jungen. Der aber wich

immer geschickt aus. Es war ein furchtbares, entsetzliches Suchen und

Haschen. -- Eine Leiter stand da, die nach dem Getreideboden führte --

jetzt faßte der Idiot die Leiter und stieg hinauf, lautlos wie eine

Katze.

Der Knecht stand unten lauschend still. Wo war er?

»Wo bist Du, Lump? Wart', vielleicht auf der Leiter -- wart', da krieg

ich Dich!«

Ein Rutschen -- ein schwaches Knacken -- dann ein markerschütternder

Schrei, und ein schwerer Körper sauste aus der Höhe auf die Tenne.

Einen lallenden Schreckenslaut stieß der Knecht aus. Dann war

Totenstille.

* * * * *

Auf das Schreien des Knechtes kamen die Leute mit Lichtern nach der

Scheune gestürzt, dann eilte eine Magd über die Straße hinüber nach dem

Kretscham. Sie riß die Tür auf und schrie in die Stube:

»Jeses, a Unglück, a Unglück! Der Gustav hat unsre Scheune anzünden

woll'n, und da is a von der Leiter gestürzt und hat a Hals gebrochen!«

»Du -- Du -- o Du -- ich -- i -- was -- was? --«

Lotte stierte in wahnsinnigem Entsetzen die Magd an; wollte reden,

schreien, fragen, konnte es aber nicht.

Heinrich nahm sie fest am Arm.

»Schräger! Herr Schräger! Ihr Gustav! Ach Gott, ach Gott! Den Hals

gebrochen!« wimmerte die Magd.

Schräger saß da wie ein Bild aus Stein, gänzlich wortlos. Er stöhnte

nur. Ein dumpfes Gurgeln drang ihm aus der Kehle; die Augen stierten

entsetzt die Magd an, die immerfort weiter schrie, weiter jammerte,

dann fingen seine Hände an zu tasten, seine Füße an zu rutschen, und

so glitt er schwer unter den Tisch.

Ein paar Minuten später brachten sie den Verunglückten auf einer

Futtertrage herüber. Er war tot.

Auf die Diele der Gaststube legten sie ihn und standen dann alle stumm

an der Tür. Schräger, dem Hirsel und Heinrich auf die Bank geholfen

hatten, hatte lautlos zugesehen. Jetzt erhob er sich. Er wollte

hingehen, aber die Glieder versagten ihm. Mitten in der Stube fiel er

nieder, und ehe ihn die anderen aufrichten konnten, kroch er wie ein

Tier auf Händen und Füßen zu seinem toten Kinde, legte sich mit seinem

Körper über die Leiche und blieb zuckend und wimmernd liegen. Lotte

führten die Frauen hinüber nach der Wohnstube. --

In später Nacht ging Heinrich Raschdorf heim. Als er die Lampe

angezündet hatte, sah er sich scheu um. Das große Bild seines Vaters

schaute von der Wand herunter. Und der Sohn sah das Bild an in der

Stille dieser seiner Verlobungsnacht, und ein tiefes Schauern ging ihm

durch Leib und Seele.

»Nun bist Du gerechtfertigt, Vater! Gerechtfertigt und gerächt!«

Dann stieg er langsam wie ein Kranker hinauf in seine Stube.

* * * * *

Ein stürmischer Tag folgte dieser Nacht. Der Wind jagte die

Schneewolken über Wald und Dorf und peitschte Häuser und Bäume.

Und also stürmte es auch in den Geistern der Leute. Wie ein Blitz

ein schwarzes, enges Tal, in das kein Auge zu schauen vermochte,

urplötzlich durchleuchtet, so war es hier. Die Leute erkannten nun, wer

das erste Mal der Brandstifter gewesen war.

Die Arbeit ging an diesem Tage lässig in allen Häusern, denn alle Leute

redeten, standen zusammen und plauderten erregt. Das fühlten alle: daß

an den Buchenhofleuten schwer gesündigt worden sei. So manchen kam die

Reue an, und er nahm sich vor, wieder gut zu machen, wo er etwa gefehlt

habe. Die Männer namentlich bedauerten, daß sie der Einladung zur

Verlobung im Kretscham nicht Folge geleistet hätten, weil sie dadurch

den Raschdorf-Heinrich aufs neue gekränkt hatten. Den Barbier aber

trafen die schwersten Vorwürfe, weil er dem Idioten Bier gegeben hatte,

und alle meinten nun, er sei schuld an Gustav Schrägers grauenvollem

Tode, er sei überhaupt immer der Hetzer und der Schuldige gewesen; ohne

ihn wäre alles nicht so schlimm geworden.

So kam es, daß der Barbier in dieser Zeit seine Heimat verlor. Schon

nach wenigen Wochen ließ sich ein flinker Konkurrent im Dorfe nieder,

und ein wenig später zog der Barbier verachtet und heimatlos von

dannen. Auch im Dorfleben ist die öffentliche Meinung souverän; wer

bei ihr in Ungnade fällt, dem steht keine Berufung zu; er zieht in die

Verbannung.

Über Schräger waren sich die Leute nicht einig. Seine Person blieb im

Dunkel. Die Weiber waren geneigt, ihn zu verurteilen, aber die Männer

meinten, nun sei es angebracht, recht oft in den Buchenkretscham zu

gehen, um am Ende einmal etwas herauszukriegen oder zu erleben. --

Gegen neun Uhr vormittags ging Heinrich Raschdorf nach dem Kretscham.

Die Leute hatten eben den Toten in eine leere Kammer zu ebener Erde

gelegt. Eine Öllampe hatten sie ihm zu Häupten gestellt, die brannte in

trübem Schein.

Erschüttert betrachtete Heinrich die Leiche. Der Verderber seines

Hauses, der Bruder seiner Braut und alles in allem ein unglücklicher,

beklagenswerter Mensch!

Draußen traf er die Stenzeln und fragte sie nach Lotte. Das Weiblein

wischte sich mit der Schürze übers Gesicht. »Ach, du mein Gott! Die hat

sich in ihre Stube geschlossen und kommt nicht heraus und gibt keine

Antwort.«

Er stieg die Treppe hinauf und klopfte an ihre Türe.

»Lotte! Lotte!«

Ein leises Weinen.

»Lotte! Gib Antwort! Bist Du krank?«

»Heinrich, ich kann nicht heute -- nicht heute --«

»Bist Du krank, Lotte? Sollen wir einen Arzt holen?«

»Nein, nicht -- nicht! Ich bin nur müde -- müde!«

»Reg' Dich doch nicht so auf, liebe Lotte! Ich bitte Dich!«

»Ja, Heinrich, ja!«

Er stand noch ein Weilchen an der Tür, aber sie sagte nichts mehr. So

ging er und schärfte der Stenzeln ein, die Lotte nicht allein zu lassen.

Schräger war noch nicht zu sehen. Auch er hatte sich in seine Stube

eingeschlossen und kam nicht heraus; er gab auch keine Antwort. Nur

sein schlürfender Schritt war manchmal zu hören.

Schon gegen drei Uhr nachmittags erlosch der Tag. Heinrich kam aus der

Stadt zurück, wo er einiges für das Begräbnis besorgt hatte. Wieder

verlangte er Lotte zu sehen. Aber die Stenzeln überbrachte ihm nur die

Bitte, sie ganz allein zu lassen.

»Stenzeln! Was macht sie denn? Was tut sie so allein?«

Die Frau zuckte die Schultern.

»O du mein lieber Gott! Was wird sie machen? Nischt! Sie sitzt da und

grübelt und sagt kein Wort!«

»Stenzeln, bringen Sie ihr die Rosen und sagen Sie, ich will ihr heute

Ruhe gönnen; aber morgen muß ich sie sehen. Auf jeden Fall! Und sie

soll sich nicht grämen, der Gustav war ein armer, unglücklicher Mensch;

er hat's nicht besser verstanden.«

Die Stenzeln nickte und versprach alles auszurichten. Dann ging

Heinrich nach Hause.

Gegen sieben Uhr klopfte die Stenzeln an Schrägers Tür. »Herr Schräger,

machen Sie auf! Sie müssen doch was essen!«

Er öffnete. Entsetzt wich die Stenzeln zurück. Dieser Mann sah aus wie

ein zusammengeducktes, furchtsames Tier.

»Herr Schräger! Jeses! Wie sehn Sie denn aus?«

Er lehnte sich an die Wand und sah sie lauernd an.

»Ist jemand gekommen? Hat jemand gefragt?«

»Wer soll denn gekommen sein?«

»Niemand gefragt? Nach mir? Nach mir, Stenzeln?«

»Wer denn? O Gott, wer denn?«

»Stenzeln, wenn der Wachtmeister kommt, ich -- ich bin nicht da! Hörst

Du? -- Nich da! -- Fort -- verreist! -- Hörst Du?«

»O du mein Himmel, er kommt ja nicht! Ach Gott, so ein Unglück, so ein

schreckliches Unglück!«

Er kam ihr ganz nahe.

»Stenzeln! Sagen die Leute was über mich?«

»Was sollen sie denn sagen?«

»Ich hab' nischt gewußt, Stenzeln! Hörst Du? Nischt gewußt! Sag's den

Leuten! Ich -- ich kann nich dafür, ich bin unschuldig! Hörst Du? Sag's

den Leuten, sonst verklag' ich sie, sonst verklag' ich sie alle! Sag'

ihnen das!«

Er sank auf einen Stuhl. Die Stenzeln fing an zu weinen.

»Kommen Sie doch mit herunter, Herr Schräger! Bleiben Sie doch nich so

alleine!«

Er schüttelte sich.

»Geh' Stenzeln, geh' raus! Es kommt jemand im Hausflur. Geh'! Sachte!

Sachte! Sag' nischt, Stenzeln, sag' nischt! Ich bin nich da! Hörst Du?

Geh', geh' raus! Stenzeln, geh' raus!«

Er drängte sie durch die Tür und schloß hinter sich ab.

* * * * *

Tief in der Nacht war's. Die Lotte lag mit weit geöffneten Augen

im Bett. Es war stockfinster in der Stube, und die Uhr war stehen

geblieben. Draußen stieß der Sturm an den Giebel, und die Äste eines

hohen Baumes schlugen manchmal an die Fenster.

Das Mädchen faltete die Hände. Da drückte sie etwas -- das war der

goldene Ring!

Sein Ring! Und drunten lag ihr Bruder!

Wie die Rosen dufteten!

»Er hat's nicht besser verstanden, der arme, unglückliche Mensch!«

So edel war der Heinrich!

Aber sie -- sie? War es nicht ein Verbrechen, daß sie diesen Ring trug?

Daß sie in einer Familie Liebe und Glück suchte, wohin ihr Bruder

Armut, Not, Tod und Schande getragen?

Die Lene! O Gott, was würde die Lene sagen! Wenn sie das jetzt erfuhr,

dann ruhte ihr Fluch über ihrer und Heinrichs Liebe, jetzt mit Recht.

Der Ring! Wie er grausam drückte!

Wenn sie sterben könnte, und das auslöschen könnte, dann stürbe sie

gern, noch diese Nacht!

Da! -- Draußen ging ein Schritt, ein ganz leiser Schritt! -- Jetzt! --

Ein matter Lichtschein huschte unten an der Türschwelle vorbei. Was war

das? -- Was war das? -- Und nun ein Wimmern, ein furchtbares, schwer

unterdrücktes Wimmern unten im Hausflur.

»O Gott, der Vater!«

Nach kurzer Zeit schlich sie die Treppe hinab. Sie beugte sich über das

Geländer. Da sah sie ihn. In der offenen Tür zu der Totenkammer kniete

er, zusammengekauert, den Kopf an den Türpfosten gepreßt.

Das Licht, das er getragen hatte, war erloschen; nur das Totenlämplein

schien fahl aus dem Gewölbe.

»Vater! Vater!«

Sie flüsterte es. Entsetzt zuckte er zusammen.

»Wer ruft mich? O, Du Lotte, Du -- bloß Du -- bloß Du!«

Sie eilte hinab und faßte ihn an der Hand.

»Komm mit! Komm mit zu mir herauf!«

»Ja! -- Ja! -- Ja! -- Lotte -- zu Dir -- oh -- da -- da --«

Er sah noch einmal auf den Toten, auf sein schreckliches,

angstverzerrtes Gesicht und die zertrümmerte Stirn. Da schloß Lotte das

Gewölbe.

Droben zündete sie mit bebenden Händen die Lampe an.

Als Licht wurde, stöhnte er auf. Dann würgte er um Worte.

»Ich halt's nich aus -- ich muß Dir's sagen, es erwürgt mich -- ich

hab' so schrecklich Angst -- Lotte -- ich -- ich bin schuld an allem!«

Sie sah ihn verständnislos an.

»Lotte, ich hab's ja gewußt, ich hab's ja immer gewußt.«

»Was? -- Was?«

»Daß er -- daß unser Gustav angezündet hat!«

»Das hast Du gewußt?«

Sie stammelte es.

Er sah sie an, duckte sich zusammen und stand wortlos da.

»Rede! Rede! Sag' alles! Alles! Rede! Sag's! Sofort! Sag' alles! Ich

will's!«

Er ächzte, aber er brachte kein Wort heraus.

»Wann hast Du's gewußt?«

Der Verbrecher stand vor ihren zürnenden Richteraugen.

»Lotte! Hab' -- hab' Erbarmen, Lotte!«

»Wann hast Du's gewußt?«

»Gleich -- gleich am ersten Tage!«

»Vor dem Gerichtstag?«

»Ih -- ih -- ja -- ja -- vor dem Gerichtstag!«

Eine furchtbare Pause. Mit ganz leisem, teuflischem Pfeifen zog der

Wind um die Ecke des Hauses.

»Du! -- Du! -- Du!«

Sie ging auf ihn zu mit furchtbarem Haß in den Augen.

»Sag' alles! Alles!«

»Ich -- ich -- ich hab' falsch -- falsch geschworen, Lotte!«

Sie sprach nicht. Sie hörte nur --! Ein Posaunenstoß dröhnte übers

Haus, ein Knirschen und Klappern und ein winselndes Wimmern.

»Falsch geschworen? Warum?«

»Den Buchenhof wollt' ich -- den Buchenhof -- für -- für Euch.«

»Den Buchenhof wolltest Du?«

Das sagte sie mit gebrochener Stimme.

Dann ging sie langsam durch die Stube, schob den Vorhang vom Fenster

weg und sah hinüber nach dem Buchenhofe.

Schräger setzte sich auf den Rand ihres Bettes und starrte sie an.

Sie stand regungslos, die Hände hingen ihr schlaff herab.

Nach langen Minuten wandte sie sich um. Langsam kam sie vom Fenster

zurück und trat an den Tisch. Dort zog sie den goldenen Ring vom

Finger, küßte ihn und legte ihn neben die Rosen.

»Was machst Du, Lotte?«

Sie sah ihn mit toten Augen an.

»Das ist jetzt natürlich aus! Die Tochter und die Schwester von solchen

-- solchen Verbrechern -- -- kann er nicht heiraten.«

»Was willst Du tun, Lotte?«

»Ich werd' ihm alles sagen!«

Er stöhnte auf.

»Ihm sagen!«

Dann war es still. Die Lampe qualmte auf. Nach einer Weile schlug ein

Ast ans Fenster, und es sprang eine Scheibe. Da stand Schräger auf.

Langsam ging er durch die Stube bis zu einem Korbe, nach dem er in der

Zwischenzeit hingestarrt hatte.

Aus dem Korbe nahm er eine Wäscheleine. Lotte hörte das leise Geräusch,

blickte auf und sah den Vater mit dem grauen Strick in der Hand.

»Vater!«

Er drehte sich nicht um.

»Vater!«

Sie war bei ihm, riß ihm den Strick aus der Hand und schleuderte ihn

hinter sich. Er fiel auf ihr Bett und lag wie eine graue Schlange über

den weißen Kissen.

»Wenn Du's ihm sagst, komme ich auf meine alten Tage ins Zuchthaus! Da

is es besser -- Schluß!«

»Vater, ich sag's ihm nicht -- ich werd's ihm nicht sagen, ich werd'

Dich ja nicht verraten, aber Du mußt alles tun, was ich will -- alles!«

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 18]

Im Buchenhofe schlug eine Uhr die dritte Morgenstunde. Heinrich

Raschdorf lag wach im Bett. Aus dem Dämmerlicht leuchtete matt eine

Silberschrift von der Wand: »Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser.«

Der Ruhelose schloß die Augen und sprach mit sich selbst, weil er

sprechen mußte.

Der schuld war, lag drüben stumm und kühl. Seine arme Seele war

hinüber. Und den Reinen gehört das Leben. Das zertrümmert nichts: kein

Freundeszorn, kein Schwesterfluch. Auf ein reines Leben kommt kein

Unsegen hernieder, auch nicht von einem Geopferten.

So kämpfte Heinrich Raschdorf wider sein empfindsames Herz. Er kämpfte

lange vergebens. Drunten schlug die heisere Uhr viermal, dann fünfmal,

ohne daß sich die Qual des jungen Mannes vermindert hatte. Erst gegen

Morgen fiel er in schweren Schlummer.

Als der Tag lange schon ins Zimmer leuchtete, wachte Heinrich Raschdorf

auf. Es war zehn Uhr vorbei. Hastig kleidete er sich an und ging sofort

hinüber nach dem Kretscham.

»Ich hab's verschlafen, Stenzeln. Wie geht's? Was macht Lotte?«

Die Stenzeln ging nach der Kommode.

»'n Brief schickt sie, sie is in die Stadt. Um sieben schon. Sie muß

sich ja die Trauersachen besorgen. Und der Herr is in seiner Stube

und kommt nich raus. Da is der Brief! 's is a Jammer, wie das Kind

ausgesehen hat heute früh.«

Heinrich zerriß den Briefumschlag und las einen Satz. Dabei schluckte

er heftig, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und trat mit

dem Briefe ans Fenster.

»Sie! -- Sie! -- Sie! -- -- Stenzeln! -- -- Da -- da -- sie ist ja fort

-- sie ist ja fort, Stenzeln!«

»Herr Raschdorf! Jeses, was reden Sie denn?«

»Stenzeln, sie ist fort! Sie kommt nicht wieder! Sie kommt nicht

wieder!«

»Ach Gott, Herr Raschdorf, ach Gott. Das ist ja nich möglich -- was --«

Er schob sie beiseite und stürmte die Treppe hinauf.

»Herr Schräger! Machen Sie auf!«

Von den Schlägen seiner Fäuste dröhnte die Tür.

Ein Stöhnen kam aus der Stube.

»Aufmachen! Ich hau' die Tür ein! Ich hau' wahrhaftig die Tür ein!«

Die Tür ging auf.

»Da -- der Brief! Sie ist fort! Sie schreibt, sie will mich nicht

heiraten! Sie kommt nicht wieder! Das ist ja verrückt! Das ist ja total

verrückt!«

Schräger starrte mit bleichem Gesicht und weitgeöffneten Augen den

rasenden jungen Mann an.

»So reden Sie doch! Reden Sie doch ein einziges Wort! Wissen sie, daß

sie fort ist, daß sie nicht wiederkommt?«

Schräger keuchte.

»Ja!«

»Sie wissen's? Und Sie sagen mir nichts? Sie lassen sie fort? Sie

lassen mich schlafen? Mensch!«

Er erhob die Fäuste gegen ihn. Schräger duckte sich zusammen.

»Wegen 'm Gustav! Bloß wegen 'm Gustav,« stammelte er.

»Wohin?! Wohin ist sie?«

»Ich -- ich weiß nich.«

»Das ist nicht wahr! Das ist Schwindel! Das ist 'ne Lüge! Ich will's

wissen! Wohin ist sie? Wohin ist die Lotte?«

»Sie -- sie hat mir's nich gesagt.«

»Wohin ist sie?!«

Das schrie er.

»Ich weiß nich, wahrhaftig, ich weiß ja nich! Ich kann nischt dafür!

Ich kann ja gar nischt dafür!«

Heinrich Raschdorf stand zitternd vor ihm. Auf Sekunden mußte er mit

sich kämpfen, den Mann nicht zu mißhandeln, ihm nicht mit Gewalt das

Geständnis zu entreißen. Dann aber warf er den Kopf zurück, grub die

Hände in die Taschen und ging ein paarmal rasch durch die Stube.

Schließlich setzte er sich auf einen Stuhl, Schräger gegenüber.

»Ich will ja vernünftig sein, ich will ja nicht schreien, ich will ja

alles auf mich nehmen, aber das müssen Sie mir sagen, wohin sie ist. Es

ist ganz klar, daß Sie mir das sagen müssen. Sie ist doch meine Braut!«

»Heinrich, ich weiß nich! Sie will weit fort. Und ich soll die

Wirtschaft verkaufen, und dann soll ich nachkommen.«

»Wohin sollen Sie nachkommen?«

»Das weiß ich nich. Das wird sie erst viel später schreiben, sagte sie.

Sie wird erst einen Ort suchen.«

Es wurde still. Heinrich Raschdorf starrte mit bewegungslosem Gesichte

den alten Schräger an. Unten wurde die Tür geöffnet; -- zwei Männer

stapften in den Hausflur und setzten etwas nieder.

»Guten Tag! Wir bringen den Sarg!« sagten sie.

Der alte Schräger hörte es und legte die Hände über das Gesicht. »Ich

wollte, es gält' mir!«

Heinrich hörte von alledem nichts. Nach einer Weile erhob er sich.

»Und sie hat nichts für mich hinterlassen als den Brief?«

»Sonst nichts!«

»Sagen Sie: Können Sie mir schwören, daß Sie nicht wissen, wohin sie

ist, warum sie fortgeht, schon vor dem Begräbnis? Können Sie mir das

schwören?«

»Schwören?! Nein, schwören tu ich nich! Nein! Aber ich weiß nich, wo

sie hin ist. Ich hab' sie selber gefragt; sie sagte, ich würd' es Ihnen

verraten, und gerade deshalb sagte sie mir's nich.«

»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Ich hab' hier weiter nichts mehr zu

tun.«

»Heinrich! Herr Raschdorf! Bleiben Sie noch, bleiben Sie noch ein

kleines bißchen! Es ist schrecklich so alleine. Und dann -- ich hab'

eine Bitte, die hat mir noch die Lotte aufgegeben.«

»Was?«

Schrägers Gesicht wurde feuerrot, und das Wasser stieg ihm in die Augen.

»Was für eine Bitte?« drängte Heinrich.

»Kaufen Sie mir -- kaufen Sie mir meine Wirtschaft ab. Ich -- laß' sie

Ihnen für das halbe Geld.«

Die Tränen liefen dem Manne übers Gesicht, und man sah, wie er die

Worte unter furchtbarem Schmerz und schwerer Überwindung hervorbrachte.

»Ihre Wirtschaft? Das will die Lotte?«

»Ja! Ich hab's ihr in die Hand versprochen. Und wenn ich's nich tue,

seh' ich sie nich wieder.«

Heinrich war nicht gleich fähig, etwas zu sagen. Nach einer Weile erst

fragte er:

»Warum will sie das?«

»Sie meint, weil Ihr -- weil die Raschdorfs durch uns -- ich will sagen

durch unseren armen Gustav geschädigt worden sind.«

»Ja so! Und vielleicht auch, weil sie mich ohne Abschied im Stich läßt.

Da soll ich eine Wirtschaft zu halbem Preis kriegen. Eine Abfindung

soll ich bekommen.«

Er lachte bitter. Sie ging nicht nur ohne Abschied von ihm, sie schied

mit einer Beleidigung.

»Herr Schräger, ich mag Ihre Wirtschaft nicht, ja, Sie können

erleichtert aufatmen! Ich mag sie nicht umsonst! Sie ist auch umsonst

noch zu teuer. Wenn die Lotte das Gewissen drückte, dann hätte sie

wissen müssen, daß es einen einzigen Schadenersatz für mich gab, und

das war sie selbst. Mit einer Wirtschaft ist mir nicht gedient. Im

Gegenteil! Wenn Sie den Buchenhof haben wollen, spottbillig haben

wollen, können Sie ihn heute oder morgen haben. Heute oder morgen, je

eher, je lieber!«

Ein ganz leises, verirrtes Leuchten blitzte durch die Äuglein des alten

Wirts; es erlosch gleich wieder.

»Den Buchenhof? Billig? -- Was nützt's! Es is zu spät! Es geht nich

mehr!«

»Und hat Ihnen die Lotte nicht gesagt, wann sie Ihnen Nachricht geben

will?«

»Ja! Zeitigstens in einem Jahre! Ich hab' ihr tausend Mark mitgeben

müssen. So lange das reicht, schreibt sie nich.«

»So leben Sie wohl, Herr Schräger! Lassen Sie sich's gut gehen!«

»Bleiben Sie noch ein bißchen, ein kleines bißchen.«

»Nein! Ich hab' keine Zeit. Ich habe schon zu viel Zeit hier

zugebracht. Leben Sie wohl!«

Die Treppe ging er hinab. Er hielt sich fest an das Geländer und

schwankte doch und trat schwer auf.

Unten aus dem Hausflur klang Schritteschlürfen und gedämpftes Sprechen.

Sie legten den Toten in den Sarg.

Heinrich wandte sich nicht um, und als die Stenzeln kam und ihn in der

Haustür am Ärmel faßte, schüttelte er sie ab.

Drüben in seiner Wohnstube sah er sich um.

Da war er! Da kam er wieder! Er kam von drüben, kam wieder nach Hause.

Sein Lachen schallte unheimlich auf.

»Ist das schön! Ist das schön zu Hause!«

Langsam setzte er sich hinter den Tisch und lehnte den heißen Kopf

gegen die kühle Mauer. Die Augen starrten ausdruckslos nach der Decke;

der Mund war ein wenig geöffnet. Wie schwere Betäubung lag's auf seiner

Stirn. Eine graue Spinne kroch aus einem Winkel, blieb an der Decke

gerade über ihm stehen und starrte ihn mit ihren unbeweglichen Augen

unheimlich an.

Lange saß er so am Tisch, ohne sich zu rühren. Dann ging er schwer

durch die Stube, zog Lottes Brief aus der Tasche, öffnete den Ofen und

warf den Brief hinein.

»Da, du verfluchter Wisch! Da brennst du, brennst wie Schwefel! Oho, da

steht das Wort »Liebe«! Siehst du, wie schön eine Lüge brennt? O ja!

Und jetzt ist's gut, jetzt ist's aus!«

Er setzte sich auf die Ofenbank. Des Vaters Jagdgewehr fiel ihm ein. Es

war zweiläufig. Die eine Patrone war abgeschossen, die andere steckte

noch. Am Ende wäre sie noch brauchbar. Schade um so eine Patrone, wenn

sie jahrelang unbenutzt in einem Laufe steckt!

Er sah hinüber nach des Vaters Bilde.

»Jawohl, du -- wir haben hübsche Nachbarsleute! Da ist was zu holen,

etwas ganz Bestimmtes, das keiner zweimal braucht!«

Eine halbe Stunde verging. Grauen, Schmerz, Wut wechselten in

seiner Seele ab, über alles ging eine riesengroße Verwunderung, die

Verwunderung, daß ein Mensch so handeln könne wie die Lotte, die

Verwunderung, daß einen Menschen ein so jammervolles Schicksal treffen

könne wie ihn. --

Das Hoftürchen ging draußen, und ein Männerkopf wurde an den Fenstern

sichtbar -- Mathias!

Heinrich rührte sich nicht, sagte auch kein Wort, als es leise an die

Tür klopfte. Da öffnete Mathias behutsam und trat ein.

»Heinrich!«

Der regte sich nicht und sah auf den Fußboden.

»Heinrich, die Lotte schickt mich zu Dir! Sie hat mir einen Brief

geschrieben.«

»So? Dir auch? Da kannst Du lachen! Mein Brief steckt schon im Ofen!«

Mathias trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Wir müssen miteinander reden, Heinrich!«

»Reden? Nein! Ich will nicht! Tu mir den Gefallen und geh' wieder.

Was kommst Du wieder? Ich kann niemand gebrauchen. Dich auch nicht!

Wirklich nicht! Sieh mich nicht so an! Es ist mir lästig!«

Mathias legte ihm beide Hände auf die Schultern.

»Nein, alter Heinrich! Ich geh' nich! Ich geh' bestimmt nich! Ich geh'

überhaupt nich mehr!«

Heinrich schüttelte die Hände ab.

»Gehst überhaupt nich mehr? Meinetwegen! Mir ist's egal! So bleib'

halt!«

Mathias ging nach dem Tische, nahm sich einen Stuhl und setzte sich.

»Weißte was, Heinrich, ich hab' mir's auf 'm Wege hierher überlegt --

Du mußt fort!«

Heinrich hob das Haupt und sah den Alten kurz und scheu an.

»Fort? Stimmt! Ich muß fort! Da hast Du recht.«

»Ja, wenigstens auf a Jahr. Nach Breslau mußt Du! Fort hier aus dem

Loche, wo Dir das Leben leid wird. In Breslau mußte Dich amüsieren oder

a bissel studier'n oder Geld totschlagen, is alles egal, bloß, Du mußt

hin!«

Heinrich lachte.

»Täusch' Dich bloß nicht! Ich geh' schon, geh' schon, aber nach

Breslau? Nein! Täusch' Dich bloß nicht!«

»Da is gar nischt zu täuschen! Du bist a ganz verpfuschter Kunde,

Heinrich! Zum Bauer taugste nich, mit a Leuten verstehste Dich nich,

der alte Großknecht und die Schwester laufen Dir fort, die Braut rückt

och aus -- Du paßt höchstens in die große Stadt. Dort wirste noch als a

Staatskerl gelten, dort gibt's viele solche Knöppe wie Du einer bist!«

Heinrich sah auf.

»Weißt Du nicht sonst noch ein paar Witze, Mathias?«

»Witze sind das nich, Heinrich! Sieh mal, darauf kannste nu Gift

nehmen: die allermeisten Menschen sind riesig dumm. Ich och und Du erst

recht! Ich alter Esel rück' aus, weil mir was nich paßt, und Du junger

Kerl sitzt dort, wo für Dich 's meiste Pech hingeschmiert is. Und das

sag' ich Dir: die Schräger-Lotte hat zehnmal mehr Verstand im Leibe,

wie Du und ich zusamm'n.«

Heinrich lachte höhnisch.

»Ja, das muß man sagen!«

»Man muß wirklich sagen! Die hat 'n Charakter! Das is amal eine, die

nich an sich denkt. Dagegen sind wir alle klunkrige Kerle. Und was das

Schlimmste is, daß ich das erst einseh'n lern', wo sie fort is. Das is

a Prachtmädel, die Lotte!«

Heinrich stand von der Ofenbank auf.

»Ich möchte wissen, was das alberne Gerede für einen Zweck hat. In

Wirklichkeit ist sie eine dumme Gans, oder religiös-verrückt, oder

so -- alles dasselbe! Weil ihr blödsinniger Bruder meinem Vater die

Scheune angezündet hat, läuft sie mir fort, macht sie mich unglücklich.

Damit sühnt sie das! Na, Mensch, siehst Du nicht ein, daß das

hirnverbrannt ist?!«

Er lachte, daß er sich schüttelte.

Mathias sah ihn milde an.

»Auf a bissel Geschimpfe kommt's nich an, Heinrich. Aber das sag' ich

Dir: wenn Du Dich etwa umbringen tät'st, wärste a Schmachtlappen!«

Der junge Buchenbauer fuhr wild auf.

»Was?! Wie?! Wer sagt das! Was geht Dich das an? Was? Hast Du mir was

zu sagen? Du?!«

»Nö! Aber raten möcht' ich Dir was: Leg' Dich a bissel schlafen!«

»Mathias! Bist Du denn besoffen? Wie kommst Du denn bei meiner jetzigen

Lage zu solch dämlichem Gerede?«

»Es wär' Dir sehr gutt, wenn Du a bissel schlafen tät'st, nachher

könnt' man doch mit Dir reden. Ob Du nu willst oder nich, das is egal.

Wir müssen auch endlich amal miteinander verrechnen. Wer weiß, was nu

aus Dir wird, und um mein Geld möcht' ich nich kommen.«

Der Buchenbauer sah Mathias unsicher an.

»Das sind Ausreden! Um das Geld ist Dir's nicht. Ich versteh' Dich

schon!«

»Schön, wenn Du mich verstehst! Jawohl, ich geh' Dir nich vom Halse,

bis Du schläfst, oder bis Du wieder andere Augen hast -- nich solche!

Verstehste mich? Und rausschmeißen kannste mich nich, keen Knecht

packt an, und alleine biste zu schwach. Ich geh' Dir nich vom Leder,

Heinrich, Du magst machen, was Du willst.«

Heinrich Raschdorf trat mit verbissenem Zorn ans Fenster. Der Mann

wollte ihn durch das Gerede um seine Stimmung bringen, um seine

Stimmung. Das merkte er.

»Mathias, Du hast mich seither nicht gefunden, warum kommst Du jetzt?

Ich brauch' Dich nich, ich will Dich nich! Ich will, daß Du mich

machen läßt, was ich Lust hab'! Ich nehm' von Dir keine Lehre mehr an,

verstehst Du! Und wenn Du durchaus hier bleiben willst, gehe ich!«

»Wenn Du gehst, geh'n wir zusammen, Heinrich,« sagte Mathias und erhob

sich.

Voll Ingrimm sank der junge Buchenbauer auf einen Stuhl.

* * * * *

Bis gegen zwei Uhr nachmittags zankten sie miteinander. Gegen drei Uhr

schlief Heinrich Raschdorf wirklich auf dem Sofa ein. Seit drei Nächten

hatte er nicht mehr ordentlich geschlafen, und es lag wie schwere

Betäubung auf seinem Hirn.

Mathias setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster und wachte bei ihm.

Durch den tiefen Ernst seines Gesichtes schimmerte ein Lächeln über den

Sieg, den er errungen. Nach einiger Zeit kam der Schaffer in die Stube

getappt.

»Pst! Tritt doch nich so auf, Mensch!«

Der Schaffer zog die Holzpantinen aus und nahm sie in die Hand.

»Is wahr?« fragte er leise und zeigte mit den Pantinen erst auf

Heinrich und dann nach dem Kretscham.

Mathias nickte.

»Ja, sie is fort! Weil ihr Bruder angezünd't hat, denkt sie, sie darf

nich als Frau uff a Buchenhof kommen. Sie hat zuviel Ehrgefühl.«

Dem Schaffer fiel eine Pantine auf den Fußboden.

»Pst -- Mensch! Halt' doch Deine Latschen feste! A muß schlafen!«

»A is wull -- a is wull -- ganz disperate um a Kopp?«

»Ja, aber geh' lieber raus! Ich erzähl' Dir's heute abend.«

Der Riese bückte sich gehorsam nach seinem verlorenen Pantoffel und

schlich aus der Stube.

* * * * *

Der Abend kam. Mathias saß noch immer im Lehnstuhl und sah nach dem

Schlafenden, manchmal sehr sorgenvoll, aber dann auch wieder mit all

seiner zärtlichen Liebe. Es war doch sein guter, lieber Heinrich! Er

hatte ihn schwer vermißt die wenigen Wochen und nur immer keinen Mut

gefunden, wieder zu ihm zu gehen. Jetzt kann er ihn ohne allen Groll

anschauen. Die Liese ist im Frieden. Die einzige von allen, die im

Frieden ist! Die anderen alle sind zerstreut in der Fremde.

Nun war es schon ganz finster, und Heinrich schlief noch immer. Draußen

pfiff der Wind durch die Äste der Bäume.

Da ging die Tür leise auf. Eine dunkle Gestalt erschien und blieb

regungslos stehen.

»Wer kommt? Wer ist da?« flüsterte Mathias.

Ein leises Schluchzen kam von der Tür.

»Mathias! Ich bin's!«

»Lene! Du?«

Er ging hin, faßte sie an der Hand, zog sie nach dem Hausflur und

schloß vorsichtig die Tür.

»Wo kommst Du her? Was willst Du?«

»Die -- die Schräger-Lotte hat an mich geschrieben. Heute nachmittag

kriegt' ich den Brief.«

»Auch an Dich? Komm mit 'rauf, Lene; da drinnen schläft der Heinrich.«

In der Giebelstube saßen sie beide zusammen. Lene lag mit dem Gesicht

auf dem Tisch. Mathias las den Brief.

Liebes Fräulein Raschdorf!

Eine Unglückliche schreibt an Sie. Ich bin die Braut Ihres

Bruders geworden, weil ich ihn liebte und weil ich des festen

Glaubens war, daß die Vorwürfe, die Sie und Mathias Berger

meiner Familie machten, unbegründet seien. Durch den Tod

meines unglücklichen Bruders habe ich die traurige Gewißheit

gewonnen, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie im Recht

waren. Deshalb gebe ich die Verlobung auf, weil ich nicht in

ein Haus eindringen will, das durch meine Familie so schwer

geschädigt worden ist. Ich gehe in die Fremde und bin, wenn Sie

diesen Brief bekommen, schon weit von der Heimat, wohin ich

nie zurückkehren will. Ich gehe fort, weil Ihr Bruder alles

versuchen würde, mich umzustimmen, weil ich mich zu schwach

fühle, auf die Dauer zu widerstehen, unfähig, ihm auch nur

noch einmal unter die Augen zu treten, und weil ich nicht sein

werden könnte, ohne ihn zu betrügen. Ich bitte Sie um alles

Kummers willen, den Sie durch uns erfahren haben, um Verzeihung

und flehe Sie an, zu Ihrem unglücklichen Bruder zurückzukehren,

da er jetzt nicht allein sein kann und darf.

Charlotte Schräger.

Mathias Berger schob den Brief zurück und wurde rot im Gesicht.

»Lene, wir haben ihr unrecht getan. So -- so wie die wird selten eine

sein.«

Das Mädchen antwortete nicht; sie schluchzte nur heftig. Nach einer

Weile sagte sie:

»Sie muß zurück -- sie muß zurück zu ihm!«

»Geht nich, Lene, geht ja nich! Es weiß niemand, wo sie is, nich amal

ihr Vater!«

Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so alt ist wie die

Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder ist es die edle Tat

allein, die den Sieg findet, die hinübergeht ins feindliche Lager, den

Gegner anschaut mit milden, magnetischen Augen und, während sie ihn

verwirrt und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich

aus der Hand nimmt.

Die beiden schämten sich voreinander und vor sich selbst. Dann suchten

sie einen Trost herbei: sie hätten's nicht besser gewußt.

Sie sprachen eine Weile miteinander, dann gingen sie leise hinab nach

der Wohnstube. Die Lampe brannte, und Heinrich saß am Tisch. Er schaute

nicht auf, als sie eintraten.

Wieder blieb die Lene an der Tür stehen; dann plötzlich eilte sie durch

die Stube und kniete vor dem Tisch nieder.

»Heinrich!«

Er sah sie überrascht an.

»Lene -- was willst Du hier?«

Das Mädchen war unfähig, ein Wort zu reden.

Mathias faßte Heinrich um die Schultern.

»Sei gut, Heinrich! Die Lotte hat an sie geschrieben. Sie sieht ja

jetzt auch ein, daß sie der Lotte unrecht getan hat, und ich auch.«

Heinrich lachte.

»Das ist alles, was sein kann, daß Ihr das einseht! Das ist ja gerade

noch zeitig genug. Nachdem alles kaput gegangen ist, sehen sie's ein!«

»Heinrich, laß mich wieder hier, laß mich wieder bei Dir!« schluchzte

Lene.

»Nein! Wer fortläuft, braucht nicht wiederzukommen! Niemand! Nicht

Mathias, nicht Du und auch die drüben nicht! Sie hätte nicht nötig

gehabt, so heimlich zu tun; ich hätt' sie nicht geholt. Und Dich

brauch' ich nicht mehr! Ich brauch' niemand!«

Die Lene erhob sich.

»Soll ich -- soll ich wirklich gehen, Heinrich?«

»Ja!«

»Nein, sie geht nich, und ich geh' auch nich! Wir bleiben hier. Morgen

früh, wenn Du willst, werden wir gehen. Nich jetzt in dem Wetter und

in der Nacht! Das kannste nich verlangen!«

Heinrich antwortete nicht. So setzten sich beide an den Tisch. Eine

Weile waren alle stumm, dann sagte Mathias:

»Heinrich, willste uns nich sagen, was Du machen wirst?«

»Ist nicht nötig!«

Da sagte Mathias nichts mehr. Er wußte, daß der junge Buchenbauer, in

dem es fürchterlich arbeitete, von selbst sprechen würde. So kam es

auch. Er sprang nach einer Weile auf und reckte die Arme in die Luft.

»Fort muß ich -- fort, fort aus diesem elenden, verfluchten Hause --

oder -- oder --«

»Heinrich, sieh mal, es wär' schon gutt, wenn Du vernünftig mit uns

reden tät'st. 's beste is, Du verkaufst a Hof, und bis Du ihn los

bist --«

»Soll ich hier bleiben? Hier? Nicht einen Tag! Nicht einen halben Tag

mehr!«

»Das sag' ich auch. Du mußt bald fort! Morgen! Und daß die Wirtschaft

nich allein is, bleiben die Lene und ich hier, bis wir sie los sind.

Dann schicken wir Dir das Geld, und Du brauchst Dich um nichts weiter

mehr zu kümmern, auch um uns nich.«

Darauf hörte Heinrich, und es kam eine Unterredung zustande, bei

welcher Mathias Berger fast ganz allein sprach, in deren Verlauf er

aber doch den jungen Buchenbauer vollends für seine Pläne zu bestimmen

wußte.

* * * * *

So nahm Heinrich Raschdorf am anderen Tage Abschied vom Buchenhofe. Er

war blaß, sonst verriet keine Miene seine Aufregung. Mit Mathias und

Lene sprach er nur von rein geschäftlichen Dingen. Dem Mathias würde

er alsbald eine gerichtliche Vollmacht schicken, den Buchenhof zu

verkaufen.

Kurz nach Mittag gab er dem Schaffer den Befehl, anzuspannen. Er selbst

trat noch einmal in die Wohnstube.

»Meine Kleider und Bücher schickt Ihr mir nach, wenn ich Euch meine

Adresse werde geschrieben haben!«

»Ja, Heinrich!«

»Sonst bleibt alles hier! Ihr könnt ja Auktion machen. Und wenn Ihr

selbst was zum Andenken behalten wollt, nehmt Ihr's Euch vorweg. Ich

will nichts.«

»Ja, Heinrich!«

Er ging noch einmal durch die Stube und sah auf einige Sekunden zum

Fenster hinaus. Dann wandte er sich um.

»So lebt wohl! Der Schaffer wird fertig sein.«

Die Lene brach in leidenschaftliches, lautes Weinen aus, und Mathias

hielt sich bleich an der Tischecke fest.

Heinrich blieb mitten in der Stube stehen. Ein paarmal hob sich seine

Brust krampfhaft, dann zuckte er die Schultern und ging rasch hinaus.

Unhörbar glitt der Schlitten aus dem weitgeöffneten Tor des

Buchenhofes, das bald darauf ein Knecht verriegelte.

Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich Raschdorf den Bergweg entlang;

erst als er in den Wald kam, blickte er auf.

Jetzt war nichts mehr von den Höfen zu sehen, nichts mehr vom Dorfe. Es

lag alles hinter ihm begraben dort unten in dem verschneiten Tal. Nur

die Stelle sah er, wo er ihr einmal die Maiglöckchen gepflückt hatte.

Dort lag jetzt eine Schneeschanze. Und das Brünnlein, das damals so

lieblich durch die Mittagsstille sang, war tot und still.

Ein Weilchen später tagte ein Turm auf. In dessen Nähe war der Bahnhof.

Dort liefen in die weiße, dunstige Ferne die Eisenschienen hinaus in

die Welt.

Gestern sie -- heute er! Jedes seinen Weg! Viel Schienen laufen vom

gleichen Platz, die sich auf keiner Station der Welt mehr kreuzen.

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 19]

Auf dem Freiburger Bahnhof in Breslau stand ein Rekrut. Zwei

Bahnschaffner und drei Frauen hatte er bereits gefragt, ob denn der Zug

von Waldenburg her immer noch nicht komme, und jedesmal erfahren, daß

er sich noch gedulden müsse. So setzte er sich verdrossen auf eine Bank

der zugigen Halle, zog ein Telegramm aus der Tasche und las:

»Heinrich kommt vier Uhr nach Breslau. Abholen! Wichtiges vorgefallen.

Mathias.«

Hannes befühlte seine Soldatenbeine. Es steckte jetzt noch ein

furchtbarer Schreck darin, denn er hatte immer gedacht, ein

Telegramm könne bloß kommen, wenn jemand gestorben sei. Er hatte auch

augenblicklich angefangen zu heulen, als ihm das Telegramm übergeben

wurde, und dafür von seinem Hauptmann, der zufällig anwesend war, einen

Rüffel und gleich hinterher »Nachturlaub« bekommen, als dieser das

Telegramm gelesen hatte. So war der Alte: erst anschnauzen und dann von

selber Urlaub geben!

Die Beine, die Beine! Hannes ist fest überzeugt, daß er hinkt, wie er

so in schweren Gedanken wieder durch die Halle schreitet. Wichtiges

vorgefallen! Er ahnte, daß es nichts Gutes sein könne, und war

überhaupt nicht für »wichtige« Dinge.

Da fuhr der Zug donnernd in den Bahnhof! Der junge

Vaterlandsverteidiger lehnte sich an eine Säule und ließ die Leute an

sich vorübergehen. Nicht lange, da sah er ihn, den er suchte.

»Heinrich! Heinrich, was ist denn passiert? Was ist denn Wichtiges

passiert?«

»Du -- Hannes! Wo kommst Du her? Woher weißt Du denn, daß ich --«

»Vorsicht! Platz da! Vorsicht!«

Sie gingen hinaus auf den freien Platz vor dem Bahnhof.

»Heinrich, sag' mir, ist jemand gestorben?«

Der sah ihn ernst und wortlos an.

»Heinrich, sag' mir's doch! Ist -- ist vielleicht mein Vater gestorben?«

Dem Rekruten schoß das Wasser in die Augen.

»Nein, Hannes! Sie sind alle gesund. Nur ich -- nur ich wäre beinahe

gestorben.«

»Du? Was fehlt Dir?«

»Jetzt nichts mehr! Jetzt fehlt mir gar nichts mehr!«

In einem Gasthause fanden sie einen stillen Winkel. Dort erzählte

Heinrich kurz, hart, oft vom eigenen Lachen unterbrochen, was ihn

hergeführt habe. Was er hier wolle, wisse er nicht. Nur von Hause

wolle er fort sein. Es sei ja so herrlich in Breslau. Dann gingen sie

auf Heinrichs Wunsch in ein Variété. Und ob Hannes noch im Gasthause

steinunglücklich gewesen war, hier war er überrascht von den blendenden

Dingen, die auf der Bühne vor sich gingen, und er vergaß vor lauter

Staunen allen Kummer.

Heinrich saß still neben ihm. Er fühlte den Hohn dieser Lage. Vor einer

Woche, ja noch gestern früh hätte er das nicht gedacht.

Eine Tiroler Sängertruppe trat auf. Sie sang ein Heimwehlied. Da ging

Heinrich nach dem Büfett und trank ein Glas Bier, während Hannes in

stummer Andacht dasaß. Die ganze Nacht saßen sie in Gasthäusern herum,

und beiden glühte der Kopf. Bis zur Kaserne begleitete Heinrich seinen

Freund.

»Gute Nacht, Hannes! Du warst noch der einzige, der mir treu geblieben

ist, Du und Dein Vater. Jetzt werden wir uns ja hier auch manchmal

sehen!«

Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte er: Es gibt

keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann, wie in der großen Stadt.

* * * * *

Der Gymnasialdirektor war von jeher Heinrich Raschdorf sehr gewogen

gewesen. Er erinnerte sich seiner sehr wohl; denn Heinrich war ehemals

ein Freund seines Neffen und als solcher auch einigemal im Hause des

Direktors zu Besuch gewesen.

Jetzt, als er die Lebens- und Leidensgeschichte seines früheren

Schülers erfuhr, wurde sein Interesse wieder in hohem Maße wach. Es

ergab sich, daß die jahrelangen, eifrigen Studien Heinrichs von großem

Erfolg gewesen waren, und der Direktor versicherte, wenn Heinrich

Privatunterricht nähme und fleißig studiere, würde er alle Aussicht

haben, beim nächsten Abiturium als Hospitant das Examen zu bestehen.

So mietete sich Heinrich ein Zimmer und ergab sich eifrig dem Studium.

Es wunderte ihn, daß eine heimliche Freude in ihm aufgeblitzt war, als

der Direktor ihm die erfreuliche Aussicht eröffnet hatte. Und als er

sich selbst einen Stunden- und Arbeitsplan entwarf und seine Bücher

ordnete und aufstellte, mutete ihn das neue, fremde Zimmer ein ganz

klein wenig heimatlich an.

So kam es, daß Heinrich Raschdorf ein stiller Mann wurde, einer, der

nie lachte, aber auch nicht mehr klagte oder mit dem Schicksal grollte.

An den Sonntagen besuchte ihn Hannes. Der brachte immer ein gut Teil

urwüchsiger Laune mit. Heinrich ließ ihn plaudern und lachen. Nur von

der Heimat durfte er nicht reden. Und Heinrich Raschdorf wußte gar

nicht, daß er in diesem schlichten, gutmütigen Hannes immer noch ein

Teilchen Heimat liebte und für seine Sonntagssehnsucht begehrte, denn

ohne Hannes wäre kein Sonntag gewesen.

Kleine Episoden ereigneten sich, die den Kampf ums Vergessen

erschwerten. Einmal stiegen die jungen Freunde auf die Liebichshöhe.

Es steht da ein stattlicher Aussichtsturm, von dem man das Häusermeer

der Stadt Breslau gut übersehen kann und auch einen schönen Fernblick

genießt. Hannes verfiel wieder ins Staunen, Heinrich aber schaute

über die Stadt hinaus. Weit in dunstiger Ferne, im Südwest waren die

Waldenburger Berge sichtbar, die Berge seiner Heimat. Das wußte er noch

von seiner ersten Gymnasialzeit her, wo er oft dort oben seine Träumer-

und Heimwehstunden gehabt hatte. Und auch jetzt konnte sich seine

verbitterte Seele der tiefen Poesie, die von den Bergen der Heimat

herüberstrahlte, nicht ganz verschließen.

Ja, es ist so: Wenn uns Menschen eine Sehnsucht faßt, stehen wir immer

auf einem hohen Turm, von dem wir nach der Heimat schauen.

»Du, Heinrich, wo guckst Du hin? Dort nach dem großen Hause mit dem

runden Dache und dem Stern oben? Das is die Synagoge, das is nämlich

die Judenkirche.«

Heinrich antwortete nicht, er stand ins Schauen versunken stumm da.

Da legte auch Hannes die Hand über die Augen und sah in die Ferne. Und

da kam eine große Beweglichkeit in ihn.

»Du, Heinrich, was -- was sind denn das für Berge ganz da hinten? Dort?

Dort drüben!«

»Rat' mal, Hannes, rat' mal!«

»Ich weiß nich -- es sind doch nich, es sind doch nich etwa --«

»Ja! Die Waldenburger Berge sind's!«

»Heinrich!«

Der stieg schon rasch die Treppe hinab, während der Rekrut wie gebannt

dort oben stand und keinen einzigen Blick mehr übrig hatte für die

große Stadt, sondern mit sehnsüchtigen Augen nach dem Horizont schaute,

an dem doch nichts zu sehen war als ein paar matt abgegrenzte,

graublaue Linien. --

Ein andermal kam Hannes zu Heinrich, legte ein Paket auf den Tisch und

sagte:

»Da! Es ist Wurst! Es ist a Schiff von Hause gekommen, und da haste die

Hälfte!«

Heinrich sah ihn unwillig an.

»Wer heißt Dich das, Hannes?«

»Niemand! Ich selber! Ich will mich auch amal nobel machen, weil Du

mich doch immer freihältst.«

»Du nimmst das Zeug wieder mit, Hannes! Ich hab' genug zu essen!«

»Ich och! Und zu trinken och! Und für mich braucht keen Mensch mehr zu

bezahl'n, wenn Du das nich nimmst; ich hab' meine Löhnung. Verstehste?!«

Heinrich mußte die Wurst behalten; aber an dem Abend, da er davon aß,

konnte er nicht studieren. So schenkte er den ganzen Vorrat seiner

Wirtin. --

Als das Frühjahr kam, wurde Heinrich unruhig: der Bauer regte sich

in ihm. Täglich dachte er an die Feldarbeiten, für die nun die Zeit

gekommen war, und einmal ging er soweit spazieren, bis er einen

pflügenden Bauer traf. Dem sah er länger als eine halbe Stunde zu.

Langsam und in tiefen Gedanken ging er dann noch am Oderfluß entlang,

und als er heimkam, schrieb er an Mathias, er solle einstweilen seine

Bemühungen um den Verkauf des Buchenhofes einstellen. Er selbst werde

allerdings nie nach Hause zurückkehren, aber es könne doch sein, daß er

für den Hof noch eine andere Bestimmung träfe. -- So kam die Zeit des

Examens heran. In den letzten Monaten arbeitete Heinrich mit Anspannung

aller Kräfte, und sein Gesicht wurde blaß und schmal. Die Hände waren

längst wieder weiß und weich.

Einige Zeit später erhielt Hannes wieder ein Telegramm. Er erschrak

abermals heftig, beschloß aber, sich diesmal in keine vorzeitige Trauer

zu stürzen, sondern öffnete und las:

»Examen bestanden. Komme so bald als möglich zu mir. Heinrich.«

Der junge Kriegsmann stand ganz fassungslos, erstens, weil der Heinrich

nun ein wirklicher Student war, und zweitens, weil es möglich war, aus

demselben Ort, wo man lebt, ein Telegramm zu erhalten.

Er besorgte sich Urlaub, überzählte sein Geld, lieh sich noch drei Mark

hinzu, kaufte einen Bierkrug und machte sich mit dem Geschenk auf den

Weg zu Heinrich.

»Heinrich! Mensch! Ich bring' Dir ein sehr schönes, teures Bierseidel,

weil Du doch jetzt Studente bist!«

Da lachte Heinrich Raschdorf seit langer Zeit wieder das erste Mal.

Er schüttelte dem Freunde die Hand.

»Hannes, alter Kerl! Freust Du Dich wirklich so?«

»Freuen? Ich freu' mich so schrecklich, daß ich jetzt bestimmt wieder

mal Arrest krieg'. Denn ich hatte ganz gewiß gedacht, Du fällst durch!«

Als sie dann beisammen saßen und Heinrich aus dem neuen Kruge getrunken

hatte, sagte er:

»Hör' mal, Hannes, nun wollen wir mal über die Zukunft reden. Bis jetzt

war mir alles so recht egal, aber heute will ich wieder mal Pläne

machen. Also ich studiere Medizin.«

»Was?«

»Weißt Du, ich werd' ein Doktor. Kranken Menschen helfen, das ist noch

etwas, was sich lohnt. Die Liese ist auch glücklich, weil sie bei

Kranken ist. Und Du, Hannes, wirst wieder Bauer, wenn Du vom Militär

los bist. Mit dem Bergmann werden, das ist nichts für Dich.«

»Nee, wirklich nich! Aber es is um die fünfzehn Mark wöchentlich und um

die Lene. Die will ich doch heiraten.«

»Ja natürlich! Also kurz gesagt: Du pachtest mir den Buchenhof ab.«

Hannes zwinkerte ihn wehmütig an.

»Den Buchenhof abpachten? Das wär' was! Mein ganzes Vermögen is a Taler

Schulden.«

»Vermögen brauchst Du nicht; etwas hat ja die Lene. Du bezahlst die

Zinsen, und was von dem Gute und von der Ziegelei jährlich heraushängt,

das heißt, was übrig ist, davon gibst Du mir die Hälfte als Pacht, wenn

das Jahr um ist.«

Wenn Heinrich Raschdorf dem Hannes seine mathematische Prüfungsaufgabe

vorgerechnet hätte, so hätte ihm der mit keinem fassungsloseren Gesicht

gegenüber sitzen können als jetzt. Also gab ihm Heinrich einen langen,

deutlichen Bericht über alle Ausgaben, die der Buchenhof erforderte,

über die durchschnittlichen Erträgnisse und über den voraussichtlichen

Gewinn, mit dem beide zufrieden sein könnten, wenn sie sich bescheiden

einrichteten.

Das Ende vom Liede war, daß Hannes dem Heinrich um den Hals fiel und

zum Steinerweichen zu heulen anfing. Erst allmählich gewöhnte er sich

an das riesengroße Glück, das ihm bevorstand. Pächter vom Buchenhofe!

Er, der arme Sohn des Schaffers! Und die Lene sein! Und er konnte

wieder aufs alte, heimatliche Feld!

Nach einer Weile machte er plötzlich ein auffällig schlaues Gesicht,

entschuldigte sich, ging auf eine Viertelstunde fort und kehrte mit vor

Aufregung glühenden Wangen zurück.

»Weißte, was ich gemacht hab'?« fragte er, noch keuchend vor Aufregung.

»Telegraphiert hab' ich! Nach Hause telegraphiert, daß ich Pächter bin.

Die könn'n auch amal erschrecken, und ich kann mir das Telegraphieren

leisten!«

* * * * *

Ein paar Tage später kam ein langer Brief des alten Mathias an

Heinrich. Eine Stelle darin hieß:

»Ich bin so froh, daß Du Arzt wirst. Du wirst ein guter Doktor sein,

weil Du fleißig und gewissenhaft bist. Es ist gut, daß Du hier los bist

von der Landwirtschaft. Es war nicht Deine Sache. Die Liese ist jetzt

als Schwester eingekleidet. Ich habe sie besucht, und ich schreibe

Dir, lieber Heinrich, daß ich ganz glücklich und froh wiedergekommen

bin. Ich werde auf meine alten Tage zufrieden sein, denn der Liese

geht es gut. Und es wird alles gut sein, wenn Hannes und die Lene die

Wirtschaft haben. Ich will gern bei ihnen bleiben, ich bin viel zu alt,

daß ich jetzt wieder so herumfahre. Und ich hab' gesagt: »Das ist unser

guter Heinrich«, wie ich es von Hannes und der Lene hörte. Von Lene

liegt ein Brief bei. Der Schaffer wollte auch gern einen schreiben,

aber er bringt nichts zustande. Er arbeitet jetzt von früh bis spät

und will bald gar nicht mehr schlafen gehen. Und manchmal, wenn er

auch ganz allein ist, fängt er ganz laut an zu lachen. Sagen läßt er

Dir bloß: er läßt sich schön bedanken. Aber da steckt alles darin. Die

Dorfleute sind jetzt ganz verändert zu uns. Sie sind sehr freundlich

zu mir, und wenn sie die Lene sehen, ziehen sie von großer Weite die

Mützen. Und die Ziegeln kaufen sie auch aus dem Dorfe alle von uns. Das

war ja früher nicht. Lieber Heinrich! Ich halte es für meine Pflicht,

Dir jetzt noch zu schreiben, daß seit vorgestern die Lotte Schräger

wieder zu Hause ist. Der alte Schräger hat die Wassersucht. Er hat

ihr nicht nachreisen können. Da ist sie ihn pflegen gekommen. Sie ist

in Pommern gewesen, bei einer Verwandten von ihrer Mutter. Wer es ihr

vom Vater geschrieben hat, weiß niemand. Wir haben sie noch nicht

gesehen, ich schäme mich jetzt, hinüber zu gehen. Wir haben jetzt mit

dem Schräger manchmal verkehrt. Er hat von selbst mit uns angefangen.

Er wollte mir immer für Dich den Kretscham verkaufen. Aber wie er dann

krank wurde, wollte er nicht mehr fort von zu Hause. Die Lene ist auch

manchmal drüben gewesen, als er krank war. Und wie jetzt die Lotte

heimgekommen ist, hat die Lene fragen lassen, ob sie etwas helfen

kann. Aber die Lotte hat sagen lassen: Nein, sie lasse sich bedanken

für den guten Willen. So mag alles Gott befohlen sein, und am meisten

Du, mein lieber Heinrich.«

Zehnmal, zwanzigmal las Heinrich Raschdorf diesen Brief. Zuletzt setzte

er sich auf das Sofa und schloß die Augen.

Sie war wieder zu Hause!

Zuerst war es ganz still in ihm. -- Aber dann begann das Blut zu

hämmern in seiner Brust und in seinen Schläfen. Ein Wirbeln faßte

ihn an, und nach der dumpfen Gewitterschwüle trostloser, heißer

Arbeitstage erhob sich ein Sturm, der jäh durch seine junge Seele ging.

Unaufhörlich dachte er an sie und gab sich keine Mühe, wie sonst, den

Gedanken los zu werden. Deutlich traten ihre Gestalt, ihr Gesicht vor

seine Seele; er hörte ihre Stimme, fühlte wieder ihren Kuß.

Sie war zu Hause, war nahe, erreichbar! Lotte!

Was war geschehen mit ihm, in ihm? Der wonnige Schreck, den ihm

die kurze Nachricht gebracht, hatte allen Trotz, alle Bitterkeit

niedergebrochen, hatte liebe verschleierte Bilder enthüllt. Im

leuchtenden Blitzfeuer seiner neu erwachten Leidenschaft lag das alte

Land erhellt vor seinen Augen, das Land, aus dem er geflohen war und

nach dem ihn seine Sehnsucht doch alle Tage wieder zurückwies.

Er vermochte an seinen trotzigen Prinzipien nicht festzuhalten, da das

Blut dagegen revoltierte; denn er war jung, und all sein Kampf gegen

sich war greisenhaft gegen das Gefühl, das ihn mit elementarer Kraft

wieder faßte.

Ein kleiner, kurzer Zweifel kam noch, dann kniete er schon vor einer

Kiste, warf Bücher und Briefe heraus und fand ein kleines Bild.

Das war die Lotte! Jetzt schauten ihn diese süßen Augen an, jetzt

lächelte ihm dieser Mund zu, und ehe er Zeit hatte, sich Rechenschaft

zu geben, riß er das Bild, das er in all den langen Monaten nicht

einmal angesehen hatte, an die Lippen und küßte es, küßte es mit jenem

Glückshunger, mit jener verzweifelten Gier, wie er einst die Lotte

selbst geküßt hatte im Herbstnebel.

Ein weinendes Jauchzen ging ihm durch die Seele, die Liebe lohte heiß,

flammend, leuchtend wieder auf in seinem Herzen. Die Stube ward ihm zu

eng, er rannte hinaus, fuhr vor die Stadt, lief stundenweit und kam

ebenso erregt, wie er gegangen war, wieder nach Hause.

Die Nacht kam, er fand keine Ruhe. Auch die Zweifel kamen wieder,

die Kämpfe. Ehrlich wollte er sein, ehrlich auch mit sich selbst.

Wieder rief er sich ihren Treubruch vor die Seele, den tiefen Jammer,

den sie ihm gebracht, aber der Groll blieb aus, der Zorn, das

Feindschaftsgefühl kam nicht wieder, die Hoffnung fegte sie weg wie

dürres Laub. Er rief sich alles ins Gedächtnis, was Mathias und Lene zu

ihrer Rechtfertigung gesagt, dachte erst jetzt zum erstenmal darüber

redlich nach, wie groß das Leid für sie gewesen, ihn aufzugeben und

fortzugehen. Denn sie hatte ihn geliebt, wahr und wahrhaftig geliebt,

wie ein Weib nur einen Mann lieben kann.

O, er mußte sie wieder haben!

Sollte er nach Hause? Hin zu ihr? In kaum drei Stunden konnte er sie

sehen!

In drei Stunden! Sie sehen, sie haben, sie nicht mehr loslassen!

Ein Zittern überlief ihn. Er zog sich an, sagte seiner Wirtin ein

paar Worte und stürmte fort. Der Nachtzug mußte noch da sein. Ja! Er

kaufte die Fahrkarte. Die Stimme zitterte ihm, als er die heimische

Station nannte. Er kam noch zu zeitig. Die kühle Nachtluft strich um

seine Stirn. Er ging erregt auf dem Bahnsteig auf und ab und blieb dann

plötzlich stehen.

Machte er sich lächerlich? Wie würde das sein, wenn er jetzt in tiefer

Nacht nach Hause käme? Dorthin, wohin er nie mehr zurückkehren wollte?

Wohl, sie war auch wieder heimgekommen. Aber der todkranke Vater hatte

sie zurückgerufen! Und was würde sie sagen? Die Schwester hatte sie

nicht sehen wollen! Und ihn? Wenn sie ihn wieder abwies oder gar vor

ihm aufs neue floh? War das nicht eine furchtbare Übereilung? Mußte er

sich's nicht erst genauer überlegen?

So war er plötzlich wieder mitten drin in tollen Zweifeln.

»Steigen Sie ein, mein Herr!«

»Danke -- danke, ich fahre nicht mit!«

Ein Pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr in die Nacht

hinaus, der Heimat zu -- ohne ihn.

Langsam schlich Heinrich die erhellten Straßen heim. Überall lustige,

lachende Leute. Keiner von diesen allen sah ihn auch nur an. Eine

schwere Verachtung gegen sich selbst wollte in ihm aufkeimen, aber es

blieb bei dem Gefühl der Ratlosigkeit.

In seiner Stube brütete Heinrich lange vor sich hin. Es war indes

Mitternacht vorbei. An Ruhe war nicht zu denken. So kam er auf den

Gedanken, an Lotte zu schreiben. Er schrieb einen Brief um den andern.

Gefallen wollte ihm keiner. Endlich gegen vier Uhr glaubte er das

richtige gefunden zu haben.

Er setzte sich ganz mit ihr auseinander. Er schrieb ihr von allen

seinen Qualen und Leiden. Und er suchte ihre Bedenken zu zerstreuen.

Der Bruder sei für seine Tat nicht verantwortlich; sie aber, Lotte, sei

doch ganz unschuldig. Und wenn etwas zu sühnen wäre, so könne es nur

dadurch geschehen, daß sie ihn glücklich mache. Auch die Stellung der

Seinen zu ihr habe sich gänzlich geändert, nachdem diese eingesehen,

eine wie rechtliebende Seele die Lotte sei. Und so schrieb er am Schluß:

»Ich will nicht ungeduldig sein; ich will Dir Zeit gönnen und Dich erst

dann sehen, wenn Du es willst. Um eines aber bitte ich Dich, Lotte:

Du hast noch meinen Ring. Steck' ihn wieder an, wenn Du diesen Brief

gelesen hast; sei wieder meine Braut!«

Die Sterne glänzten am Himmel, die Straßen waren ganz leer. Da ging

Heinrich Raschdorf abermals zum Bahnhof. Noch einmal las er die

Briefaufschrift, die für ihn den teuersten Namen der Welt enthielt, und

legte den Brief in den Kasten. Um neun Uhr am Vormittag würde sie ihn

schon haben. Das war in vier Stunden. In nur vier Stunden!

Ein qualvoller Tag verging, eine lange Nacht. Mit überwachten Augen und

doch mit brennend roten Wangen saß Heinrich Raschdorf frühmorgens am

Fenster seiner Stube und lugte aus nach dem Briefträger. Endlich kam

er; er kam auf das Haus zu. Heinrich Raschdorf ging durch die Stube

hinaus ins Entree und lehnte sich an die Tür. Jetzt! -- Da! -- »Herrn

Heinrich Raschdorf!«

In seiner Stube besah er den Brief.

»Inliegend ein goldener Ring.«

Er tastete nach einem Stuhl. Dort öffnete er den Brief. Ein goldener

Ring fiel heraus, klang kurz auf und rollte über die Diele. -- Er las

bruchstückweise:

»Sie beurteilen mich falsch, Sie können mir nicht in die Seele sehen

-- Sie wissen nicht alles -- ich kann Sie nicht betrügen -- kommen Sie

nicht her --«

Als die Vermieterin in die Stube trat, fand sie ihren Zimmerherrn

bewußtlos auf dem Fußboden liegen. Die Erschöpfung und Erregung war zu

groß, die Enttäuschung zu grausam gewesen.

* * * * *

Es war ein Jahr später. Hannes saß bei Heinrich in der Stube und trug

seinen Zivilanzug. Er war heute vom Militär entlassen worden.

Melancholisch starrte der Bursche vor sich hin.

»Nu freu' ich mich gar nich mehr a bissel, daß ich nach Hause komme.«

»Wart' nur, Du wirst Dich schon freuen! Wenn Du erst auf der Bahn bist

und gar, wenn Du das Dorf sehen wirst --«

»Aber die Lene, Heinrich, die Lene! Das verwindet die ihr Lebtag nicht,

daß Du nich zu unserer Hochzeit kommst, und ich -- ich auch nich.«

Heinrich schwieg eine Weile; dann sagte er:

»Sieh mal, Hannes, es geht nicht! Wenn »sie« nicht mehr dort wäre, oder

wenigstens nicht so in der Nachbarschaft, dann bestimmt. Aber so ist's

unmöglich.«

»Und willste überhaupt nich mehr heimkommen?«

»Kaum! Vielleicht später einmal. Aber Ihr müßt mich besuchen, so oft

Ihr könnt!«

Sie saßen wieder eine Weile stumm da.

»Daß mir's schwer fällt, Hannes, das kannst Du mir schon glauben. Ich

hätte die Lene gern einmal wiedergesehen nach so langer Zeit und gar an

ihrem Hochzeitstage. Sie ist meine einzige Schwester!«

Hannes seufzte beklommen. Dann sagte er:

»Der alte Schräger macht nich mehr lange. A hat jetzt auch noch

Leberkrebs. Mathias hat's geschrieben. Na, und wenn a tot ist, wird ja

die Lotte fort aus 'm Dorfe. Dann kannste wieder heimkommen.«

»Ja, dann komme ich wieder nach Hause.«

Beim Abschied weinte Hannes.

»Heinrich, vergelt' Dir Gott alles! Gerade, wenn Du halt noch zur

Hochzeit gekommen wärst, da wär' unser Glück voll gewest.«

»Weine nicht, Hannes! Auf einen Hochzeitsgast kommt's ja nicht an. Sei

halt froh, daß Du heiraten kannst. Grüß' schön und reise glücklich!«

* * * * *

Einige Wochen darauf klopfte es an Heinrichs Tür. Eine Frauensperson

trat ein.

»Heinrich!«

»Lene! Du -- Mädel -- Du?«

Die Geschwister lagen sich in den Armen und küßten sich innig.

»Lene, was willst Du, was willst Du heute? Du hast doch morgen

Hochzeit.«

»Ja, und ich komme Dich holen. Du mußt dabei sein, Du mußt! Ohne Dich

mach' ich nich Hochzeit. Ich hab' keinen Vater, keine Mutter, keine

Schwester, bloß ein'n einzigen Bruder, und der -- der will auch noch

nich mit mir in die Kirche gehn?«

»Lene, ich kann ja nicht, ich kann ja nicht --«

»Du kannst, und Du mußt auch! Im geschloss'nen Wagen fahr'n wir nach

Hause, im geschloss'nen Wagen fährst Du mit in die Kirche; sie sieht

Dich nicht, sie sieht keine Spur von Dir, und nach der Trauung kannst

Du ja bald wieder fort.«

»Aber Lene, heute kommst Du, heute?«

»Ja! Vormittags sind wir auf dem Standesamt gewesen, und dann bin ich

gleich nach Breslau.«

»Aber Mädel, warum kommst Du denn gerade an Deinem eigenen Polterabend?«

»Daraus mach' ich mir nichts, und wenn ich früher gekommen wär',

hätt'st Du Dir's wieder noch anders besonnen. Jetzt mußt Du mit, jetzt

nehm' ich Dich bald mit.«

Er sah das gesunde energische Mädchen an und konnte nicht hindern, daß

seine Augen glänzten.

»Lene, was bist Du für eine hübsche Braut! Und dann, Courage hast Du,

das muß ich sagen. Lene, ich freu' mich über Dich -- ich bin stolz auf

Dich -- ich komme mit Dir!«

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 20]

Mit dem Abendzuge fuhren sie heim. Sie redeten kaum miteinander.

Zuweilen faßte Lene leise seine Hand. Und er lehnte im Winkel und sah

hinaus in die Finsternis, aus der nur die Bahnlaternen oder Lichter

eines friedlichen Dörfleins zuweilen aufblitzten.

Von Königszelt an waren sie allein im Wagen. Die Lichter von Freiburg

schimmerten auf, dann keuchte der Zug hinauf auf die Waldenburger

Hochebene.

»Ist es Dir ein so schweres Opfer, Heinrich?«

Er sah sie freundlich an.

»Wohl! Ach ja! Aber Du bist's wert, Lene!«

Sie faßte heftig seine Hand.

»Heinrich, Du glaubst gar nich, wie ich schon deswegen gelitten hab',

daß Du gerade mein Glück gemacht hast, und daß ich Dir früher so im

Wege gestanden hab'.«

»Laß gut sein, Lene! Ohne Dich wär's gerade so gekommen, wie's gekommen

ist. Und das sind alte Geschichten und nun vorbei.«

Auf dem Bahnhof wartete der Schaffer. Als er den Heinrich mitkommen

sah, geschah etwas, was noch nie in seinem Leben passiert war: die

Tabakspfeife fiel aus seinem sonst so hermetisch geschlossenen Munde.

Er hatte das erste Mal in all seinen Erdentagen so etwas Ähnliches wie

einen Juchzer getan.

»Hübsch is, hübsch is! Schön willkomm'!« Das war seine ganze

Begrüßungsrede. Und Heinrich fühlte das Herz heftig schlagen, als er

dem guten Riesen die Hand gab.

Dann ging es nach Hause. Eine schwere Aufregung ergriff den

Heimkehrenden, und doch hätte er diese Reise jetzt nicht mögen

ungeschehen machen. In alle Aufregung hinein wallte ein Gefühl der

Freude, das auch dem ärmsten aller Menschen nicht ganz fern bleibt,

wenn er nach Hause zieht.

Jetzt verließen sie den Wald; Lichter blitzten dort unten.

Die Buchenhöfe!

Mit geschlossenen Augen fuhr Heinrich am Kretscham vorbei und in seinen

Hof hinein. Dort sprang er rasch aus dem Wagen und trat ins Haus.

»Der Heinrich kommt! Der Heinrich kommt! Hurra!«

Das war der Bräutigam. Er fiel dem Freunde um den Hals und war ganz

außer sich vor Freude.

Und es trat einer leise heran: Mathias. Heinrich reichte ihm die Hand

und wollte etwas sagen. Aber die Lippen zuckten ihm nur, und er brachte

kein Wort heraus. So schlang Mathias den Arm um ihn, und die alten

Freunde standen eine Weile stumm und still.

Etwas später stand Heinrich mitten in der Wohnstube und schaute sich

um. Es war noch alles wie sonst: der Ofen strahlte eine behagliche

Wärme aus, die große Petroleumlampe brannte, und draußen polterte der

Herbststurm mit den Weinspalieren.

Um ihn herum aber standen liebe Menschen mit strahlenden Gesichtern.

Da war es Heinrich Raschdorf doch, als ob er in eine Heimat gekommen

sei.

Dann saßen sie um den großen Tisch und plauderten, und er wurde warm

dabei und sagte auf einmal:

»Ich freu' mich, daß ich bei Euch bin!«

Wie sie darüber glücklich waren!

»So bleib' ein paar Tage hier, Heinrich!«

»Nein, Lene! Bald nach der Trauung fahr' ich. Du weißt schon, das ist

Verabredung.«

»Und Du wirst gar nich amal mit aufs Feld oder in die Ziegelei?«

»Nein, Mathias; aber in die Ställe und in die Scheune gehe ich morgen

früh einmal, wenn Du willst.«

Es war schon tief in der Nacht, da saßen noch alle beisammen.

* * * * *

Drüben im Kretscham hatte sich ein Schwerkranker im Bett aufgerichtet,

als die Fuhre Heinrichs vorbeikam.

»Das is a -- Lotte, das is a!«

Das Mädchen antwortete nicht.

»Geh, geh ans Fenster, Lotte! Sieh, ob a das is!«

»Nein, Vater! Ich gehe nicht ans Fenster.«

Der Kranke stöhnte und sank in die Kissen zurück.

»Ich -- ich muß mit ihm -- mit ihm reden; ich halt's nich aus --

ooooh --«

Ein Schmerzensanfall kam. Das Mädchen beugte sich über den Kranken. Die

Lampe beleuchtete ihr Gesicht. Es war so weiß und durchsichtig, als sei

diese Pflegerin selbst eine Schwerkranke. Die Stenzeln kam ins Zimmer.

»Is a gekommen, Stenzeln?« fragte der Kranke.

»Ja! Ich hab' 'n geseh'n. A ging ganz schnell ins Haus rein. Aber a

war's.«

Ein Zittern ging über den Körper Lottes.

»Stenzeln, geh wieder raus!«

Als er mit der Tochter allein war, keuchte Schräger:

»Schreib' ihm, Lotte -- schreib' ihm 'n Brief -- a soll rüberkommen zu

mir -- a soll kommen --«

»Ich kann ihm nicht schreiben, Vater -- nein, ich kann nicht! Sei doch

ruhig, sei doch ruhig!«

»Du weißt nich, Lotte, wie das is -- ich kann nich sterben; ich kann ja

nich sterben!«

Das bleiche Mädchen stand regungslos an dem Bette. Nur ein Zucken ging

um ihren Mund. Tränen hatte sie nicht mehr. »Was willst Du denn von

ihm, Vater?«

»Sagen will ich's ihm, alles sagen!«

»Vater!«

»Alles sagen -- ich -- ich -- kann sonst nich sterben!«

»Du willst Dich selber verraten? Vater!«

»Die Schmerzen, Lotte -- oooh, und der alte Raschdorf -- mein -- mein

Freund -- a kommt mir immer wieder ein -- und nu soll ich runter --

runter unter die Erde zu ihm -- runter --«

Eine furchtbare Nacht kam, eine Nacht voll Qual und Gewissensangst und

Furcht. Aber doch lebte in diesem schmerzzerrütteten, todgeweihten

Mann die Hoffnung, es würde leichter und besser sein, wenn er die Last

von seinem Herzen abwälzte.

Gegen Morgen schrieb Lotte an Heinrich: »Mein schwerkranker Vater läßt

Sie bitten, ihn vor Ihrer Abreise auf wenige Minuten zu besuchen.

Charlotte Schräger.«

Schräger ergriff ihre Hand.

»Wirste dabei sein, Lotte, Kind -- mei einziges, wirste dabei sein,

wenn ich -- wenn ich's ihm sag'? Sonst bring' ich's nich raus -- sonst

verzweifele ich!«

»Ja, ich werde dabei sein!«

Das sagte sie leise, aber fest.

Am Morgen ging die Stenzeln mit dem Brief nach dem Buchenhofe. Nicht

lange, so kehrte sie mit der Antwort zurück.

»Ich reise sofort nach der Trauung meiner Schwester wieder ab und kann

Ihren Vater, dem ich gute Besserung wünsche, nicht besuchen. Heinrich

Raschdorf.«

Sie las es dem Vater vor. Der starrte sie mit weitgeöffneten Augen an.

Dann lallte er:

»A kommt nich? A kommt nich?«

Sie schwieg. Nach einer Weile lachte er heiser.

»Da geh' ich halt so -- halt so -- so -- hinüber -- runter --«

Lotte stand am Fenster und hatte die Gardinen weit zurückgeschlagen.

Jetzt fuhren drüben die zwei Hochzeitswagen vor.

Heinrich kam zuerst aus dem Hause und sah hinüber nach dem Fenster, an

dem Lotte stand. Er erschrak und zog den Hut, auch Mathias, der dabei

war. Lotte rührte sich nicht. Dann kam das Brautpaar. So fuhren die

Wagen hinab nach der Kirche.

Auch der alte Schräger hörte sie fahren.

»Nu sind sie fort,« sagte er mit einem irren Lächeln; »nu is der alte

Raschdorf Brautvater!«

Lotte stand immer noch regungslos da.

»Brautvater!« Er fröstelte in sich hinein.

Eine Stunde verging. Da rief Lotte die Stenzeln ins Zimmer und ging

selbst hinaus.

Über die Straße huschte sie -- nach dem Buchenhofe.

»Ich werde hier auf Herrn Raschdorf warten, ich hab' mit ihm zu reden.

Sagen Sie's ihm, wenn er kommt,« befahl sie einer Magd und setzte sich

in den Lehnstuhl am Fenster der Wohnstube des Buchenhofes.

Sie sah sich um. Als kleines Mädchen war sie manchmal hier gewesen,

seitdem nicht mehr. Das Bild des alten Raschdorf sah auf sie herab. Sie

blickte es ruhig an. Es war alles teuer gesühnt.

Jetzt rollten die Wagen in den Hof. Im Hausflur erfolgte eine

Begrüßung der Brautleute durch die Dienstleute, dann stieg die kleine

Gesellschaft die Treppe hinauf.

»Was? -- Was? -- Wo?«

Das war er. Bald darauf trat er in die Stube im Hochzeitsanzug, den

Zylinderhut in der Hand. Ein paar Sekunden lang stand er Lotte wortlos

gegenüber; dann trat sie rasch ein paar Schritte auf ihn zu und sagte

schnell und hastig: »Bitte um Verzeihung, aber ich muß Sie nochmals

persönlich bitten, meinen Vater zu besuchen, er ist ein Sterbender,

und er hat dringend mit Ihnen zu reden.«

Er sah sie mit großen Augen und tieferschreckt an und sagte kein Wort.

Da errötete sie und begann wieder:

»Nur auf wenige Minuten, er ist ein Sterbender --«

»Ich werde kommen --«

»Ich danke!«

Und sie ging rasch aus der Stube. Regungslos stand er noch auf seinem

Platz, als sie schon über die Straße zurück war.

Mit Mathias sprach er noch ein paar heimliche Worte, dann ging er nach

dem Buchenkretscham.

Er traf Schräger und Lotte allein. Der Kranke schloß die Augen, als

er eintrat, er öffnete ein wenig den Mund, und der schwere, sieche

Körper hob sich im Stuhl. Lotte lehnte bleich und bewegungslos an einem

Schrank.

Heinrich ging rasch durch die Stube und streckte dem Kranken die Hand

bin.

»Guten Tag, Herr Schräger! Wie geht es Ihnen?«

Der erregte Mann sah ihn furchtsam an.

»Danke, ganz gutt -- geht mir's.«

Der Gast setzte sich auf einen Stuhl neben den Kranken und sprach mit

ihm von seiner Krankheit. Schräger antwortete und fing an, selbst zu

erzählen. Minute auf Minute verging. Von dem Bekenntnis kein Wort! Da

blickte Heinrich auf die große Wanduhr und erhob sich.

»Meine Zeit ist sehr knapp. Ich wünsche Ihnen, Herr Schräger --«

»Sie woll'n geh'n?«

Angstvoll fragte es der Kranke.

»Ich muß gehen, ich blieb sonst noch ein wenig bei Ihnen --«

»Ich muß Ihnen -- ich muß Ihnen ja was sagen --«

Ein furchtbarer Schmerzensanfall kam, und Lotte mußte dem Vater zu

Hilfe eilen. Mit bleichem Gesicht beobachtete Heinrich die Szene.

»Lotte -- Lotte -- sag' -- sag' Du's ihm -- Du's ihm -- ich -- ich --

ooooh --«

»Was ist denn -- um Gottes willen, was ist denn?«

Lotte wandte sich zu Heinrich. Mit tonloser, schneller Stimme sagte sie:

»Mein Vater hat Ihnen ein Bekenntnis zu machen. Er hat von vornherein

gewußt, daß mein Bruder die Scheuer angezündet hat, hat es vor der

Gerichtsverhandlung gewußt -- er hat falsch geschworen -- er wollte den

Buchenhof -- daher alles -- jetzt wissen Sie's!«

Sie hielt sich an dem Tisch fest; der Kranke starrte auf Heinrich, der

wie eine Bildsäule dastand.

»Ich hab' -- a Raschdorf reinbringen woll'n -- mit den Aktien -- und

auch später -- und ich hab' falsch geschwor'n.«

Heinrich setzte sich langsam auf den Stuhl zurück.

»Nu -- nu gehen Sie auf die Polizei -- ich -- ich -- es ist ja doch aus

mit mir! Aus! Eh' sie mich -- eh' sie mich reinbringen in die Stadt,

bin ich tot.«

»Schräger!«

Eine lange Pause kam. Die drei Personen starrten sich nur an.

»Und das sagen Sie mir ins Gesicht?«

»Der -- der Tod -- Sie wissen nicht -- wenn man sterben soll, nachher

wird alles mit einem Male anders -- anders wie sonst --«

»Und Sie haben wirklich meinen Vater in den Tod gehetzt? Sie -- Sie --«

»Nein -- daß -- daß er sich erschießt, das wollt' ich nich -- das

wollt' ich nich -- bloß -- bloß a Hof -- a schönen Hof!«

Heinrich Raschdorf erhob sich. Ein Fluch schwebte auf seinen Lippen,

ein Fluch, der den Mann ins Grab und in alle Ewigkeit hinein begleiten

sollte.

Da kniete Lotte vor ihm und küßte ihm die herabhängende Hand mit

zuckenden Lippen.

»Und Du, Lotte, Du hast das auch gewußt?«

Es lag ein Entsetzen in dieser Frage.

»Ich weiß es seit der Nacht, da ich fortging.«

Er starrte sie an. Ein Licht ging ihm auf.

»Darum?! -- Darum gingst Du fort? Nicht wegen des Bruders? Wegen des

Vaters?«

»Ja!«

Er nickte langsam mit dem Kopfe.

»Ja, dann begreif' ich's! Du mußtest gehen! Mußtest! Es ist klar!«

Als ob er sich selbst Rechnung legen müßte, sprach er halblaut vor sich

hin, und seine Augen stierten:

»Meinen Vater ins Gefängnis -- dem Zuchthause nahe -- in den Tod, uns

alle ins Elend, in Not, Haß, Feindschaft -- ooh -- sterben Sie --

sterben Sie, wie Sie wollen, Sie elende Kreatur!«

Lotte sprang auf.

»Nun bitten wir nicht mehr, Vater! Jetzt nicht mehr! Jetzt ist's genug!

Jetzt haben wir bekannt und gesühnt! Gehen Sie, Herr Raschdorf!«

Er starrte sie an.

»Ja! Gehen Sie, gehen Sie!«

»Nich gehen -- nich gehen -- oooh -- die Schmerzen -- der Tod -- der

Raschdorf! -- Nich gehen, Heinrich! Die Angst --«

Der Kranke stand auf vom Lehnstuhl, wollte auf Heinrich zu und fiel

schwer auf den Fußboden.

Eine zuckende, stöhnende, sterbende Masse!

Da kam das Grauen, das stärker ist als alles andere, und einigte

sie. Gemeinsam faßten sie an und hoben den Kranken in den Lehnstuhl

zurück. Dessen Gesicht war blau, und seine Hände tasteten in die

Luft. Und Heinrich Raschdorf, der so dem Tod ins verzerrte Gesicht

sah, faßte eine maßlose Angst, ein grauenhaft Entsetzen. Es ging ihm

wie so manchem Unglücklichen: Wenn ein schwerer Schreck die Rinde auf

dem vereisten Herzen sprengt, dann springt wieder stark und klar die

heilige Quelle der Barmherzigkeit.

»Herr Schräger, kommen Sie zu sich -- zu sich -- Schräger! Nicht

sterben, nicht so!«

»Vater! O Gott, hörst Du's? Hörst Du's?«

Er hörte es nicht. Bewußtlos lag er in den Betten. Die Stenzeln kam.

Sie bemühten sich alle um den Kranken. Keines konnte sprechen, nur

Heinrich murmelte unverständliche Worte. Da -- nach einer Viertelstunde

kam Schräger zu sich. Er sah auf Heinrich und stöhnte entsetzt.

»Herr Schräger, geben Sie mir die Hand, es ist alles gut, alles gut!«

Der sah ihn verständnislos an.

»Ich hab' mich bloß übereilt, bloß im ersten Schreck so geredet -- ich

verzeih' Ihnen ja -- Sie können ruhig sein, ganz ruhig --«

»Ruhig!«

Ein stammelndes Lachen kam dem Kranken vom Munde.

»Der Mathias -- die Lene!« lallte er.

»Sie werden Ihnen auch verzeihen. Soll ich's ihnen sagen, ihnen gut

zureden? Sollen sie kommen?«

Der Kranke nickte.

»Kommen! Bald kommen!«

Wenige Minuten später war Heinrich im Buchenhofe.

Die Lene weinte heftig. Dann nahm sie den Brautkranz vom Kopfe und ging

mit Mathias und Heinrich hinüber in den Kretscham.

Der Kranke sah die Eintretenden mit großen Augen an. Er streckte ihnen

die Hände hin, die sie stumm ergriffen. Dann sank er zurück und schloß

die Augen.

Stumm und erschüttert standen alle. Die Uhr zählte Schlag um Schlag.

Sie zählte nicht weit, da war Schräger hinüber. Lotte kniete bei ihm

nieder, und Heinrich trat zu ihr und legte die Hand auf ihre Schulter.

Die anderen gingen leise hinaus.

Und die Uhr zählte -- zählte.

Schwer und heiß lag seine Hand auf ihr.

Sie erhob sich. Sie drückte dem Vater das eine Auge zu und er das

andere. Nun lag er mit geschlossenen Augen, nun sah er nichts mehr.

Die beiden Lebenden schauten sich an.

Klein ist die Rache!

Ja, die Menschenrache ist klein!

Er führte sie hinaus.

Draußen auf dem Flur küßte er sie auf die Stirn.

»Der Kampf ist aus, Lotte! Jetzt muß endlich Friede sein!«

Drei Tage darauf wurde Julius Schräger begraben. Neben seinem Sohne

fand er die letzte Ruhestätte. Nicht weit davon weg lag der alte

Raschdorf. So waren sie auch im Tode Nachbarn.

Beim Begräbnis standen die Buchenhofleute vollzählig an Schrägers

Grabe. Und die Dorfgemeinde sah es und erkannte darin ein Beispiel, wie

Menschen vergeben und vergessen sollen.

Auf dem Heimwege ging Heinrich mit Lotte. Oben am wilden Kirschbaum

blieb er stehen.

»Lotte, nun frag' ich Dich in dieser schweren, ernsten Stunde das

dritte und letzte Mal, ob Du mein sein willst!«

Sie erschrak und wollte reden.

»Sprich nicht, Lotte! Was Du dagegen sagen kannst, gilt nichts -- gar

nichts mehr! Es ist alles oft gedacht, oft leidenschaftlich gesagt

worden. Ich hab' selber alles gedacht, alles gesagt. Aber Leben und Tod

haben uns alle widerlegt. Die Väter, die sich gestritten haben, liegen

dort unten; zwischen uns ist nichts, was uns trennt.«

Der schwarze Schleier flatterte um sie; kalt pfiff der Wind über die

Felder. Vor ihr lag der Weg in die Fremde, in eine öde, schwere

Zukunft. Und neben ihr ging der, den sie liebte, und der sie erretten

konnte von allem Leid, der allein sie aus dieser Nacht führen konnte

auf die strahlende Straße des Glückes.

Da sprach sie leise:

»Wenn Du mich nach allem noch haben willst -- ich wäre glücklich -- ich

wär' ja so glücklich!«

Er sagte nichts, er küßte sie nicht, er faßte sie nur fest an der Hand

und führte sie heim nach dem Buchenhofe.

[Illustration]

[Illustration: Kapitel 21]

Das ist Heimat -- Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft,

Heimat ist nicht Liebe. Was ist Heimat? -- Der Doktor Heinrich

Raschdorf sann diesem Gedanken nach, als er an einem prächtigen

Frühherbstnachmittag viele Jahre später dem Buchenhofe zuschritt.

Er war ein anderer geworden. Das weiche Gesicht hatte einen festen,

männlichen Ausdruck bekommen. Ein sonniges Lächeln lag in seinen Augen,

wie man es bei jenen reifen, gefestigten Menschen findet, die sich

selbst und das Leben überwunden haben, das stille Lächeln, das jene

haben, die viel lernten und vor nichts mehr so leicht freudig oder

traurig erschrecken. Ein Stiller, ein Reifer und Kluger war er geworden.

Er war heute unten im Dorfe bei einer armen Kranken gewesen. Wenn er

nach Hause kam, wollte er anordnen, daß ihr einige Nahrungsmittel

hinabgesandt würden, das tat am meisten not. Es ist gut, wenn einer

zugleich Bauer und Arzt ist, da läßt sich manche glückliche Kur machen.

Heinrich Raschdorf liebte seinen neuen Beruf, er hatte auch in der

Gegend genug Gelegenheit, ihn auszuüben. Aber es blieb ihm zuweilen

auch ein bißchen Muße, Bauer zu sein wie in alter Zeit.

Der junge Arzt blieb stehen und sah ins Dorf. Dort unten hatte er

keinen Feind mehr. Lauter Freunde, lauter Verehrer, alles Leute, die

sich freuten, wenn er mit ihnen sprach. Sogar der junge Riedel grüßte

ihn.

Heinrich war frei von Selbstgefälligkeit, wenn ihm das Goethesche Wort

jetzt einfiel:

»Mußt Ruhm gewinnen,

Werden sich die Leute anders besinnen.«

Er freute sich nur des endlichen Sieges nach so langen Kämpfen.

Ein Wagen kam einen Feldweg entlang. Hannes saß darauf und machte ein

mißvergnügtes Gesicht. Er hatte den Kretscham mit den dazu gehörigen

Äckern gepachtet, seit Heinrich auf dem Buchenhofe selbst wieder als

Herr eingezogen war.

»Nu, Hannes, fährst Du aufs Feld?«

Der brummte.

»Gar nich nötig wär's! 's sind Leute genug draußen, und wenn dann a

Haufen Gäste in den Kretscham kommt, da is der Mathias alleine zum

Einschenken. Das is gar keen richtiger Betrieb.«

»Ja, warum fährst Du denn aufs Feld, wenn Du im Kretscham so nötig

bist?«

»Warum?! Schlaue Frage! Ich werd' mir immerfort von meinem Weibe die

Gesichter ansehen und das Gebrumme anhören!«

»Aha! Deine Frau --«

Es entstand eine Pause. Heinrich lachte leise vor sich hin, während

Hannes' Miene sich mehr und mehr umdüsterte.

»Ja, meine Frau! Sie is ja ganz gut und tüchtig, ja -- aber ich och!

Und kneipen tu ich doch nich; ich unterhalt' mich doch bloß mit a

Gästen. Na, und das muß a Gastwirt. Sonst is keen Betrieb. Aber die,

immer aufs Feld, immer aufs Feld jagt sie einen.«

»Sag' mal, Hannes, Du klagtest doch dieser Tage über Kopfschmerzen.«

»Ja, die hab' ich auch noch.«

»Du, dann tut Dir Bewegung in freier Luft sehr gut.«

»Jüh!«

Hannes hieb dem Pferde die Peitsche auf den Rücken und fuhr rasch davon.

Der junge Arzt sah ihm lachend nach. Ein guter, lustiger Kerl war der

Hannes immer noch. Aber daß er das Regiment in seinem Hause führe,

konnte nicht gut jemand behaupten. Und es schadete auch vielleicht

nichts. Die Lene war bei aller Energie in ihren Mann so verliebt, wie

nur je eine Frau. Sie kamen sehr gut fort in ihrer Wirtschaft. Nicht

lange mehr, so würde Hannes den Kretscham kaufen können. Dann war

der Traum des alten Schräger, die beiden Buchenhöfe zu vereinigen,

endgültig zunichte. Über die Pläne des Menschen, die aufs Geld

gegründet sind, schreitet die Zeit, die größte Mammonsfeindin, lachend

hinweg.

Eine hohe Gestalt ragte in der Ferne auf. Das war der Schaffer. Als

sein Sohn Hannes die Wirtschaft übernahm, zog er mit ihm nach dem

Kretscham. Aber schon nach acht Tagen kam er nach dem Buchenhofe

zurück. Er hatte das Heimweh bekommen. Er konnte sich nicht an eine

neue Wohnung, an neue Wirtschaftsräume und am allerwenigsten an neue

Felder gewöhnen. Und wieder tat er den bedeutsamen Ausspruch: »A alter

Kater geht nich weg vom Hofe« -- und blieb Schaffer auf dem Buchenhofe,

wo er sein Leben lang gehaust hatte. Abends nur ging er manchmal nach

dem Kretscham und ließ seinen Sohn »etwas verdienen«.

Dann sah er mit Stolz, wie Hannes den Wirt spielte und mehr redete

als alle seine Gäste zusammen. Am allerschönsten war's immer, wenn

Hannes von Breslau erzählte, von der herrlichen Soldatenzeit und von

seinen zahlreichen anderen Besuchen in der Hauptstadt, da Heinrich

als verheirateter Student mit der Lotte dort gewohnt hatte. Und wenn

der Schaffer den Sohn also seine schöne Redegabe entfalten sah, ging

ihm das Herz auf, und er selbst war ganz schweigsam gegenüber solchen

Talenten.

Der junge Doktor näherte sich den Buchenhöfen. Hannes' zahlreiche

Nachkommenschaft spielte auf der Straße, und auch sein eigenes,

dreijähriges Söhnchen war dabei. Sein Einziger! Der Knabe lief ihm

jauchzend entgegen, und er hob ihn zärtlich auf den Arm.

Der alte Mathias guckte durchs Kretschamfenster. Er war abwechselnd

bald hier, bald dort, wo er eben gebraucht wurde. Sein Liebling unter

allen aber war immer noch der Heinrich. Alle Jahre vor der Ernte

besuchte Mathias einmal bei den Grauen Schwestern seine Liese, und alle

Jahre zu Weihnachten bekam er einen Brief von ihr. Und ob er selbst alt

wurde, er war hinaus über alle Bitterkeit und zufrieden mit der Art, in

der sich die Schicksale um ihn her erfüllt hatten.

Jetzt glänzten seine guten Augen, als er den Heinrich sah.

»Ich bin wieder amal Vize-Gastwirt,« schmunzelte er.

»Ja, ich hab's schon gehört, daß Ihr den Hannes rausgegrault habt.«

»Das nich! Aber 's is ganz gutt so! Wenn a den ganzen Tag und a ganzen

Abend hier sitzt, red't a sich kaputt! Lange wird a ja nich draußen

sein. Dann komm' ich zu Euch rüber.«

»Schön, Mathias. Komme nicht zu spät!«

Frau Lotte erschien drüben im Buchenhofe in der Haustür, und Heinrich

ging mit dem Knaben hinüber und reichte seinem strahlenden, jungen

Weibe die Hand. Ein Schwarm Wandervögel zog rauschend über sie hinweg,

weit in die Fremde.

»Siehst Du die Vögel? Nun wird es bald Winter werden.«

»Ich freu' mich auf den Winter,« sagte sie schlicht.

Sie verstanden sich. Ein freundliches, liebes Haus hat bunte

Zauberfenster. Ewig malt sich durch sie die Welt draußen goldig und

schön, ob der Regen rinnt oder die Sonne lacht; im Herbst und Winter

sieht das Auge nichts Trübes durch seine magischen Scheiben.

Er zog sie an der Hand heraus in den Hof. Das Wohnhaus hatte einen

neuen Anstrich bekommen, und über der Tür war eine Tafel in die Wand

eingelassen worden, die noch auf eine Inschrift harrte.

Heinrich wies auf die Tafel und sagte:

»Weißt Du, was ich da eingraben lasse?«

Sie sah ihn fragend an, und er schaute ihr ernst, aber mit tiefer

Liebe in die schönen Augen und sagte langsam und mit jener leisen

Feierlichkeit, mit der man eine schwer gewonnene Lebensweisheit

ausspricht:

»_Heimat ist Friede!_«

[Illustration]

_Der Künstler_ soll seine Kunst rein halten wie der Geistliche

seine Kirche, der Lehrer seine Schule, sonst begeht auch er

»ein _Verbrechen im Amt_«.

Aus Paul Keller »Hubertus«.

Die Heimat: Roman aus den schlesischen Bergen · 第 20 / 30 题