$Geschichte der Gründung der deutschen Colonie von 1884 bis
1. April 1889$ 1
Rückblick auf die Ursachen und den Charakter des Aufstandes 48
$Geographie von Deutsch-Ostafrika$ 55
_Uebersicht_ 55
_Usambara und Bondei_ 77
Allgemeine Gestaltung 77
Klima 78
Bodenbeschaffenheit und Vegetation 82
Thierwelt 83
Topographie und Flüsse 84
Das Flußgebiet des Pangani 84
Der Ukumbine mit dem Udofu 89
Der Sigi 90
Der Umba 91
Bevölkerung 92
Politische Verhältnisse 95
Schlußbetrachtung 96
_Pare und Ugono_ 97
_Das Kilimandscharo-Gebiet_ 101
Allgemeine Gestaltung und Flußsystem 101
Das Vorland in der Niederung 104
Die Culturzone 104
Die Savannen- und Sumpfwaldzone 106
Das Kilimandscharo-Gebirge mit dem Dschaggaland 107
Das Gebirge oberhalb Dschagga 109
Klima 111
Thierwelt 113
Bevölkerung 113
Politische Verhältnisse 121
Schlußbetrachtung 122
_Das Wami-Gebiet mit Useguha, Nguru und Usagara_ 124
Allgemeine Gestaltung 124
Flußsystem 127
Klima 131
Vegetation und Thierwelt 134
Die einzelnen Landschaften und ihre Bevölkerung 136
Useguha mit Udoë und Ukwere 136
Nguru 142
Usagara 144
Schlußbetrachtung 152
_Das Kingani-Gebiet mit Usaramo, Ukami und Kutu_ 153
Allgemeine Gestaltung 153
Flußsystem 155
Klima 157
Vegetation und Thierwelt 161
Die einzelnen Landschaften und ihre Bevölkerung 163
Usaramo 163
Ukami 171
Kutu 174
Schlußbetrachtung 178
_Zwischen Rufidschi und Rovuma_ 180
Allgemeine Gestaltung 180
Klima, Vegetation und Thierwelt 182
Die einzelnen Landschaften und ihre Bevölkerung 184
Rufidschi-Thal und Mahenge 184
Der Küstenstrich 189
Die Route von der Decken's 191
Makonde und Masasi 192
Schlußbetrachtung 195
_Anhang_ 197
_Register_ 201
_Karte von Deutsch-Ostafrika._
Geschichte der Gründung der deutschen Colonie von 1884 bis
1. April 1889.
Colonien werden erworben entweder durch die Macht des Staates oder
durch einwandernde Volksmassen oder durch den Unternehmungsgeist
abenteuernder oder weitsichtiger Männer, sei es aus eigenem Antrieb
oder im Auftrag einer Corporation. Ostafrika wurde für das Deutsche
Reich gewonnen durch die Thatkraft eines Einzelnen im Namen einer
Gesellschaft. Abenteuerlich nennt man jedes Unternehmen, das mit
unzureichenden Mitteln begonnen und dessen Vollendung auf das Eintreten
günstiger Zufälle berechnet ist. Die anzuwendenden Mittel sind Kapital,
Waffengewalt und Kenntniß von Land und Volk. Ob die Mittel zureichend
waren, darüber entscheidet der Erfolg, aber nicht der momentane,
sondern der schließliche, oft nach Jahren. Die Geschichte ist also die
Richterin und sie spricht erst dann, wenn die öffentliche Meinung,
aufgeregt durch die widersprechendsten Ereignisse, gänzlich verstummt
ist.
Die Erwerbung von Deutsch-Ostafrika war im ersten Jahr in den Augen
vieler Verständiger ein Abenteuer, nach mehr als drei Jahren eine
glorreiche That und erscheint jetzt nach fünf Jahren im Lichte eines
ungenügend vorbereiteten Unternehmens. Die Geschichte hat noch nicht zu
Wort kommen können; ihr Urtheil schlummert in der Zukunft.
Das Studium der Entstehung und des Verlaufs der colonialen Gründung
zeigt, mit welch geringen Mitteln begonnen und doch Großes
geschaffen wurde, zugleich aber auch, wo der Keim des Unhaltbaren,
des Gewagten verborgen liegt. Die Besserung der Verhältnisse beruht
auf der nüchternen Erkenntniß und dem rücksichtslosen Zugeständniß
der gemachten Fehler, aber ebenso auch in der Würdigung energisch
vollbrachter Thaten.
Das sind die Gesichtspunkte, von denen gegenwärtig die Geschichte der
deutschen Colonie Ostafrika mit Billigkeit betrachtet werden muß.
Für alle Zeiten wird mit dem Namen Deutsch-Ostafrika die Person
Dr. _Carl Peters_ verbunden bleiben. Er soll hier nicht parteiisch
verherrlicht werden, sondern es soll die ungeschminkte Wahrheit über
sein Streben und seine Thaten zum vollen Ausdruck gelangen. Die
Wahrheit macht uns gerecht. Und das Geringste ist doch Gerechtigkeit,
die wir einem Manne gewähren müssen, der sein Leben und seinen Ruf zum
Wohl des ganzen Volkes in die Schanze schlug.
Carl Peters (geb. 1856 als der Sohn eines Pfarrers in Neuhaus an
der Unterelbe) hat in Göttingen, Tübingen und Berlin Geschichte,
Nationalökonomie und Jurisprudenz studirt, 1879 den Doctortitel und
1880 die ~facultas docendi~ sich erworben. Ein darauf folgender
mehrjähriger Aufenthalt in England brachte ihn mit Kreisen in
Berührung, in denen er nicht nur die praktische Energie der Engländer
kennen lernte, sondern auch die Bedeutung einer Colonialmacht für
Nationalreichthum und Weltstellung. Als er zu Anfang des Jahres 1884
nach Deutschland zurückkehrte und eine aufflammende Begeisterung für
die Erwerbung von deutschen Colonien vorfand, die sich hauptsächlich
im Halten und Hören von Vorträgen und in Gründung von Vereinen Genüge
that, da reifte in seiner Seele auf Grund der in England erhaltenen
Schulung der Entschluß, schöpferisch die Hand ans Werk zu legen und ein
wirkliches Land dem deutschen Drang nach Colonisation zu gewinnen,
auf dem die deutsche Nationalität frei schöpferisch sich entfalten und
nicht durch fremde europäische Einflüsse gestört werden könnte.
Der Ausführung dieses Planes war kein Vorbild gegeben: Angra Pequena
und Kamerun verschleierte noch tiefes Geheimniß. Die Unterstützung
des Reiches in Anspruch zu nehmen, erschien unmöglich seit der
abfälligen Behandlung der Samoa-Vorlage im Reichstag. Ganz aus eigenen
Mitteln, aus der eigenen Kraft mußte das Werk unternommen werden.
Peters fand in dem Grafen Behr-Bandelin einen ernstbegeisterten
Gesinnungsgenossen. Sie beriefen eine Versammlung von dreißig Herren,
und mit vierundzwanzig derselben gründeten sie am 28. März 1884 die
„_Gesellschaft für deutsche Colonisation_”. Ein Ausschuß von sechs
Mitgliedern wurde eingesetzt. Am 6. April 1884 trat er zusammen und
verfaßte die Satzungen, von welchen die wichtigsten waren:
Zweck der Gesellschaft: Begründung von deutschen Ackerbau- und
Handelscolonien;
Beschaffung eines Colonisationscapitals;
Auffindung und Erwerbung geeigneter Colonisationsdistricte;
Hinlenkung der deutschen Auswanderung in diese Gebiete.
Die Aufnahme in die Gesellschaft erfolgt durch Einzahlung eines
Jahresbeitrags von mindestens fünf Mark.
Organisation:
Der Ausschuß besteht aus höchstens zwölf Mitgliedern, von denen
sechs von der Hauptversammlung mit dem Rechte der Cooptation von
sechs weitern Mitgliedern gewählt werden.
Der Ausschuß hat alle äußern und innern Angelegenheiten der
Gesellschaft selbständig zu erledigen. Er faßt bündige Beschlüsse
über alles, was den Zweck der Gesellschaft fördern kann, und
hat das Recht, rechtsgültige Verträge im Namen der Gesellschaft
zu schließen. Er verfügt über die eingegangenen Gelder für die
Zwecke der Gesellschaft.
Der Ausschuß erwählt den Vorsitzenden.
Der Vorsitzende beruft den Ausschuß. Außerdem muß auf Antrag von
drei Mitgliedern des Ausschusses derselbe berufen werden. Er ist
beschlußfähig bei Anwesenheit von mindestens fünf Mitgliedern.
Abänderung der Satzungen oder Auflösung der Gesellschaft kann nur
auf Antrag des Ausschusses und nur durch eine Mehrheit von zwei
Dritteln der anwesenden Mitglieder in einer Hauptversammlung
beschlossen werden.
In dem ersten Ausschuß saßen Graf Behr als 1. Vorsitzender, Dr. Peters
als 2. Vorsitzender, Dr. Jühlke als Schriftführer, Premierlieutenant
Kurella als Schatzmeister.
Diese Satzungen tragen den Stempel des Thatendrangs. Nicht ein „Verein”
mit langsam wirkendem Einfluß auf die öffentliche Meinung und auf
die Gestaltung hoffnungsvoller Pläne war gegründet worden, sondern
eine „Gesellschaft”, welche beschlossene Unternehmungen sofort zu
verwirklichen hatte. Alles Parlamentiren und Debattiren wurde in die
alljährlich nur einmal stattfindende Hauptversammlung verwiesen. Der
Ausschuß war Kopf und Herz der Gesellschaft; von ihm ging das Leben
und der Entschluß zur That aus. Und er selbst war nur ein leicht zu
handhabendes Werkzeug für den Vorsitzenden. Dieselbe Tendenz, mit
wenigen Mitgliedern nahezu unumschränkt zu arbeiten und den eigenen
Willen vorherrschend zur Geltung zu bringen, offenbart sich auch später
bei der Organisation der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft.
Ein zweiter und der wichtigste Punkt war die Beschaffung der
nothwendigen Gelder. Der Mitgliederbeitrag von mindestens, d. h. von
gewöhnlich, fünf Mark konnte nur dazu dienen, eine breite Basis für die
Gesellschaft zu schaffen, die coloniale Bewegung in Fluß zu erhalten
und jene Stimmung zu erzeugen, die größere Kapitalisten zur Zeichnung
von namhaften Beiträgen drängen sollte. Allein ein finanzieller Erfolg
wurde damit nicht erreicht. Die Massenbetheiligung blieb aus; das
Großkapital ließ sich nicht in nebelhafte Fernen locken.
Der ursprüngliche Zweck der Gesellschaft -- und das muß hier besonders
betont werden -- war der Ankauf von überseeischen Ländereien und der
Verkauf derselben an auswandernde deutsche Ackerbauer.
Es wurde in der ersten Hauptversammlung der Gesellschaft am 29. Mai
1884 in Berlin von dem Missionar Merensky das Hochplateau von Südafrika
als dasjenige Gebiet bezeichnet, das wegen kühleren Klimas und großer
Fruchtbarkeit zur Bebauung durch den deutschen Landmann sich besonders
eigne. Wie sich später zeigte, war das Hinterland von Mossamedes,
nördlich des Kunene, ins Auge gefaßt. Mit der allgemein gehaltenen
Bezeichnung „Plateau von Südafrika” zog man das Kapital nicht heran.
Man konnte und wollte aber nicht deutlicher sein, um nicht die
Aufmerksamkeit anderer Nationen, namentlich der Engländer, dahin zu
lenken, die mit Leichtigkeit das in Aussicht genommene Land vor der
Ankunft der Deutschen hätten occupiren können.
Der Ausschuß fand einen Ausweg. Er erließ am 25. Juli 1884 einen
Aufruf an die großen Kapitalisten, welche nicht Mitglieder der
Gesellschaft waren, mit der Aufforderung, sich mit einem Beitrag von
mindestens 5000 Mark an dem beabsichtigten Landankauf zu betheiligen
und zu einer Versammlung am 19. August sich einzufinden, in welcher
ihnen das geheimgehaltene Project im Vertrauen mitgetheilt würde. Die
Kapitalistenversammlung fand statt, doch die Einzeichnungen erschienen
noch ungenügend. Man bot Antheilscheine zu 500 Mark aus und gewann
so im ganzen allmählich 45000 Mark. Wiederholt setzte man den Hebel
an. Den wirklichen Mitgliedern des Vereins sicherte man, damit auch
sie aus dem gesammten Unternehmen realen Nutzen ziehen könnten,
die Aussicht auf einen Landantheil zu, wenn sie sich zur Zahlung
von 50 Mark herbeiließen, ja man versuchte durch den Appell an den
Patriotismus der geringer bemittelten Massen Beiträge zu 20 und 10 Mark
herauszuschlagen. 20000 Mark waren das Resultat dieser Anstrengungen.
Es muß hier ausdrücklich erwähnt werden, daß der Ausschuß, um den
Vorwurf des Heranziehens des kleinen Kapitals zu entkräften, bei seinen
Aufforderungen rundweg erklärte, er könne keine weitere Verpflichtung
übernehmen, als daß bei dem fraglichen Gelingen des Unternehmens das
Land nach Maßgabe der Beiträge vertheilt und dann zur freien Verfügung
gestellt werden würde, daß er aber keine Rechenschaft über die
Verwendung der Gelder abzulegen gedenke. Den Großkapitalisten hingegen,
welche 45000 Mark gezeichnet, wurde Sicherung durch Einsetzung einer
eigenen Controlkommission gewährleistet.
Man hatte nun 65000 Mark beisammen, und mit dieser geringen Summe
gedachte Dr. Peters eine Colonie zu gründen. Das war freilich
abenteuerlich genug und war es um so mehr, als weder er noch die gleich
ihm begeisterten Reisegefährten Graf Joachim Pfeil und Dr. Jühlke
irgendwelche persönliche Kenntniß von den zu erwerbenden Landstrichen
besaßen. Aber die Jugend liebt das Verschleierte und hält sich an den
Spruch: Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Außerdem rechneten sie gewiß
mit jener Eigenthümlichkeit des deutschen Nationalcharakters, der mit
Zähigkeit das Begonnene unterstützt, wenn nur irgendjemand zuvor die
Arbeit des Anfangs auf sich genommen.
Im September 1884 waren alle Vorbereitungen zur Abreise nach Südafrika
getroffen, nachdem der Ausschuß am 16. August 1884 beschlossen hatte,
dort Ländereien anzukaufen.
Wir müssen es ein günstiges Geschick nennen, das diesen Plan über den
Haufen warf; denn am Kunene hätte man später nur getäuschte Erwartungen
zu begraben gehabt. Das günstige Geschick wehte die Kunde von der
Besitzergreifung Angra Pequenas durch Lüderitz im richtigen Augenblick
über das Meer. Zwischen dieses Gebiet und der portugiesischen Colonie
sich einzukeilen, ohne die Aussicht auf den Besitz eines eigenen
Hafens, erschien dem länderdurstigen, in ferne Zeiten schauenden
Dr. Peters unmöglich. Mit Wärme wies er jetzt wiederholt auf jenes
Land hin, das er während des ganzen Sommers, aber vergeblich in
Vorschlag gebracht: auf Usagara an der Ostküste von Afrika. Dieses
hatte sein sehnsuchtsvolles Drängen erfüllt, seit er die verführerische
Beschreibung durch Stanley gelesen: „Wer will Afrika der Civilisation
erschließen? Hier ist eine Gelegenheit! Hier, wo man unter den artigen
Wasagara ohne Furcht und Störung leben kann, mitten in den schönsten
und malerischsten Landschaften. Hier ist das üppigste Grün, das reinste
Wasser; hier sind Thäler angefüllt mit Getreidehalmen, Tamarinden,
Mimosen und Gummibäumen. Gesundheit und Ueberfluß an Lebensmitteln sind
gesichert!” Man nahm in jenen Kreisen damals die Aussprüche Stanley's
als vollwerthige Münzen; andere aber wußten schon längst und zwar
allein durch kritische Vergleichung verschiedener Reiseberichte, daß
die Exactheit Stanley'scher Schilderungen nicht mit der Größe seiner
geographischen Entdeckungen Schritt hält.
Dr. Peters vertraute dem, was er gelesen, und er bestimmte den
Ausschuß, nachdem das Project mit Südafrika fallen gelassen worden, am
16. September 1884 Folgendes zu beschließen:
„Die Herren Dr. Peters, Dr. Jühlke und Graf J. Pfeil werden
bevollmächtigt und beauftragt, an der Ostküste Afrikas, in erster
Reihe in Usagara, eine Landerwerbung behufs Anlegung einer
deutschen Ackerbau- und Handelscolonie zu vollziehen.
„Das zu erwerbende Gebiet muß politisch die Möglichkeit deutscher
Oberhoheit bieten, wirthschaftlich für deutsche Ansiedelung behufs
Ackerbau geeignet sein.
„Sollte es unmöglich sein, auf dem ins Auge gefaßten Gebiet den
Ankauf vorzunehmen, so sind die Herren ermächtigt, an einem andern
Punkte Land zu erwerben.
„Der Ausschuß spricht die feste Erwartung aus, daß die Herren
keineswegs, ohne den Ankauf von geeignetem Land irgendwo vollzogen
zu haben, nach Deutschland zurückkommen werden.”
Drei Aufgaben wurden demnach Dr. Peters gestellt: