Vorwort.
Wer sich mit einem Gegenstande lange und eifrig beschäftigt hat,
hegt unwillkürlich den Wunsch, die Ergebnisse seines Studiums und
Nachdenkens zu ordnen und für die Dauer festzuhalten. So habe ich
dieses Buch nicht bloß für den Leser, sondern auch für mich selbst
geschrieben, und darum wird es bei aller Objektivität, die eine
wissenschaftliche Veröffentlichung selbstverständlich auszeichnen muß,
doch auch den Eindruck des Persönlichen machen. Über die Anschauungen
von der Welt, und auch über die vom Leben, ist schon viel geschrieben;
das Thema ist ja für Laien und Gelehrte wichtig und interessant genug.
Ich glaube aber, daß noch kein Buch vorhanden ist, das die Aufgabe
von so allgemeinen Gesichtspunkten und in so umfassender Darstellung
behandelt, wie das vorliegende. Meist sind es Ausschnitte aus einzelnen
Gedankengebieten der Völker und Forscher, die geboten werden, entweder
vom Standpunkte des Anthropologen, oder des Gottesgelehrten, oder
des Philosophen und des Naturforschers. Ich habe es versucht, alles
in eins zusammenzufassen, Anthropologie, Religion, Philosophie und
Naturwissenschaft, denn nur aus einer Darstellung des Ganzen wird man
das Bedeutungsvolle des Gegenstandes zu übersehen und das Einzelne
zu würdigen vermögen. Und nicht nur das ist von Interesse, was
Große denken und sagen, sondern auch, was Völker, selbst in ihrem
Naturzustande, erdichten und zur Richtschnur ihres Lebens in sich
und mit Anderen machen. Es sind wunderliche und wunderbare Bilder,
die kaleidoskopisch an uns vorüberziehen. Es handelt sich aber, wie
ich, um Mißverständnissen vorzubeugen, hervorheben muß, nicht um eine
Geschichte, sondern um eine Schilderung der Anschauungen selbst.
Darum ist der Inhalt, wie ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis lehrt,
durchaus nur sachlich geordnet, und wo Raum und Zeit zu entscheiden
scheinen, hat sich dieses im Rahmen des Tatsächlichen von selbst
eingestellt. Darum sind auch nur die Hauptmomente behandelt, und
sollte ein Leser den einen oder anderen Namen vermissen, so hat der
Verfasser ein Besonderes, das sich an diesen Namen für seine besondere
Aufgabe knüpft, nicht feststellen können. Manche glauben, daß ein
Verfasser, was er nicht sagt, auch nicht weiß und nicht gedacht hat.
Es wäre beschämend, wenn man nicht unendlich viel mehr wüßte und
dächte, als man in seinen Büchern, so zahlreich sie schon sein mögen,
niedergelegt hat. Aber es ist nicht angängig, alles, was man weiß und
denkt, weiterzugeben, denn man muß auch den Leser berücksichtigen. Auch
ist zwar vielfach das Leben lang genug das wichtigste zu lernen, aber
leider allzu kurz, was man möchte, zu schaffen.
Ich habe eine rein wissenschaftliche Darstellung gewählt, denn die
Anschauungen sind nicht bloß geschildert, sondern aufs sorgfältigste
zergliedert und auf ihren Wert untersucht. Auch sind sie von der hohen
Warte des allgemeinen Menschengeistes und des großen Wissens unserer
Zeit betrachtet. Wer über Welt- und Lebenanschauungen umfassend
schreiben will, muß sich nicht allein mit der Arbeit der Vergangenheit
vertraut machen, sondern sich auch in die Strömungen der Gegenwart
versenken können, und bedarf außerordentlich eingehender Kenntnisse
auf allen Gebieten der menschlichen Betätigung. Der Leser soll
unterrichtet werden, und zwar sorgfältig und richtig, nicht, wie es
durch so viele populäre Werke leider geschieht, oberflächlich oder
gar falsch. Außerdem soll er zum eigenen weiteren Denken angeregt und
angeleitet werden. Bereicherung mit Kenntnissen und Ideen, Bereicherung
mit geistigem Streben ist die Aufgabe eines wissenschaftlichen Buches.
Trotz des großen Ernstes der Behandlung und der sehr erheblichen
Schwierigkeit der Materie wird die Darstellung, wie ich hoffe, als klar
und einer guten Prosa angemessen befunden werden. Ich bin keiner noch
so tiefgründigen Untersuchung aus dem Wege gegangen, habe jedoch, wo
Sonderkenntnisse erforderlich waren, diese stets mitgeteilt. Kritik
ist fast auf jeder Seite geübt, ich habe mich bestrebt Objektivität
und Ruhe des Urteils zu wahren. Das Buch ist für den Fachmann und für
den Gebildeten, überhaupt für jeden, der sich auf dem wichtigsten
Gebiete des menschlichen Denkens und Dichtens unterrichten will,
geschrieben. Das Persönliche kommt in der Darstellungsweise und in der
Geltendmachung der eigenen Meinungen und Anschauungen zum Vorschein.
Ich habe vor längerer Zeit zwei Bücher geschrieben, auf die ich mich
oft berufe: „Philosophische Grundlagen der Wissenschaften“ und „Die
Entstehung der Welt und der Erde nach Sage und Wissenschaft“. Mit dem
vorliegenden Buche bilden diese Bücher, wenn auch jedes für sich ein
selbständiges Ganze darstellt, eine höhere Einheit, die ich freilich
noch gern durch ein Buch über das Leben selbst ergänzen möchte. Bei
aller Sorgfalt ist es in umfangreichen Werken nicht immer möglich,
Unebenheiten und Versehen zu vermeiden. Ein Herr aus Frankreich hat
mich auf eine Stelle in den „Philosophischen Grundlagen“ aufmerksam
gemacht, die ich, einem so geschmackvollen und liebenswürdigen Volke
gegenüber, wie das französische in der Tat gerne nicht geschrieben
haben möchte.
Die wichtigeren Werke, die ich bei Abfassung meines Buches verwendet
habe, sind in diesem Buche selbst verzeichnet. Wo es mir nur irgend
möglich war, habe ich mich an die Originale gehalten; benutzte ich
bei fremden Sprachen zur Erleichterung Übersetzungen, so paßte
ich sie möglichst dem Wortlaut der Originale an. Es ist schon ein
melancholisches Geschäft, aus Arbeiten Anderer Auszüge zu machen, aber
abstoßend langweilig, Auszüge auszuziehen. Ich habe letzteres nur
notgedrungen getan, wo mir die Originale nicht zur Verfügung standen
oder die Sprache mir doch verschlossen war. Abbildungen enthält nur
der erste Teil des Buches, die übrigen Teile boten keinen Anlaß, sie
zu schmücken. Ein sehr eingehendes Inhaltsverzeichnis und Namen- und
Sachregister wird, hoffe ich, die Brauchbarkeit des Buches auch zum
Nachschlagen erhöhen. Beim Lesen der Korrekturen hat mich mein Freund,
der Lehrer an der Berliner Baugewerkschule Dr. ~Levy~, formell und
sachlich unterstützt. Ihm und der Verlagsbuchhandlung, die viel Mühe
mit dem Buche gehabt und für eine würdige Ausstattung gesorgt hat,
meinen besten Dank. Möchte der Leser das Buch so gern lesen, wie der
Verfasser es gern und aus dem Innern heraus geschrieben hat.
~Charlottenburg~, im Mai 1910.
_Weinstein_.
Inhaltsverzeichnis.
~Vorwort~ III
~Vorbemerkungen~. Charakteristik, Prinzipe und Einteilung
der Welt- und Lebenanschauungen.