Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Vorwort.

Wer sich mit einem Gegenstande lange und eifrig beschäftigt hat,

hegt unwillkürlich den Wunsch, die Ergebnisse seines Studiums und

Nachdenkens zu ordnen und für die Dauer festzuhalten. So habe ich

dieses Buch nicht bloß für den Leser, sondern auch für mich selbst

geschrieben, und darum wird es bei aller Objektivität, die eine

wissenschaftliche Veröffentlichung selbstverständlich auszeichnen muß,

doch auch den Eindruck des Persönlichen machen. Über die Anschauungen

von der Welt, und auch über die vom Leben, ist schon viel geschrieben;

das Thema ist ja für Laien und Gelehrte wichtig und interessant genug.

Ich glaube aber, daß noch kein Buch vorhanden ist, das die Aufgabe

von so allgemeinen Gesichtspunkten und in so umfassender Darstellung

behandelt, wie das vorliegende. Meist sind es Ausschnitte aus einzelnen

Gedankengebieten der Völker und Forscher, die geboten werden, entweder

vom Standpunkte des Anthropologen, oder des Gottesgelehrten, oder

des Philosophen und des Naturforschers. Ich habe es versucht, alles

in eins zusammenzufassen, Anthropologie, Religion, Philosophie und

Naturwissenschaft, denn nur aus einer Darstellung des Ganzen wird man

das Bedeutungsvolle des Gegenstandes zu übersehen und das Einzelne

zu würdigen vermögen. Und nicht nur das ist von Interesse, was

Große denken und sagen, sondern auch, was Völker, selbst in ihrem

Naturzustande, erdichten und zur Richtschnur ihres Lebens in sich

und mit Anderen machen. Es sind wunderliche und wunderbare Bilder,

die kaleidoskopisch an uns vorüberziehen. Es handelt sich aber, wie

ich, um Mißverständnissen vorzubeugen, hervorheben muß, nicht um eine

Geschichte, sondern um eine Schilderung der Anschauungen selbst.

Darum ist der Inhalt, wie ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis lehrt,

durchaus nur sachlich geordnet, und wo Raum und Zeit zu entscheiden

scheinen, hat sich dieses im Rahmen des Tatsächlichen von selbst

eingestellt. Darum sind auch nur die Hauptmomente behandelt, und

sollte ein Leser den einen oder anderen Namen vermissen, so hat der

Verfasser ein Besonderes, das sich an diesen Namen für seine besondere

Aufgabe knüpft, nicht feststellen können. Manche glauben, daß ein

Verfasser, was er nicht sagt, auch nicht weiß und nicht gedacht hat.

Es wäre beschämend, wenn man nicht unendlich viel mehr wüßte und

dächte, als man in seinen Büchern, so zahlreich sie schon sein mögen,

niedergelegt hat. Aber es ist nicht angängig, alles, was man weiß und

denkt, weiterzugeben, denn man muß auch den Leser berücksichtigen. Auch

ist zwar vielfach das Leben lang genug das wichtigste zu lernen, aber

leider allzu kurz, was man möchte, zu schaffen.

Ich habe eine rein wissenschaftliche Darstellung gewählt, denn die

Anschauungen sind nicht bloß geschildert, sondern aufs sorgfältigste

zergliedert und auf ihren Wert untersucht. Auch sind sie von der hohen

Warte des allgemeinen Menschengeistes und des großen Wissens unserer

Zeit betrachtet. Wer über Welt- und Lebenanschauungen umfassend

schreiben will, muß sich nicht allein mit der Arbeit der Vergangenheit

vertraut machen, sondern sich auch in die Strömungen der Gegenwart

versenken können, und bedarf außerordentlich eingehender Kenntnisse

auf allen Gebieten der menschlichen Betätigung. Der Leser soll

unterrichtet werden, und zwar sorgfältig und richtig, nicht, wie es

durch so viele populäre Werke leider geschieht, oberflächlich oder

gar falsch. Außerdem soll er zum eigenen weiteren Denken angeregt und

angeleitet werden. Bereicherung mit Kenntnissen und Ideen, Bereicherung

mit geistigem Streben ist die Aufgabe eines wissenschaftlichen Buches.

Trotz des großen Ernstes der Behandlung und der sehr erheblichen

Schwierigkeit der Materie wird die Darstellung, wie ich hoffe, als klar

und einer guten Prosa angemessen befunden werden. Ich bin keiner noch

so tiefgründigen Untersuchung aus dem Wege gegangen, habe jedoch, wo

Sonderkenntnisse erforderlich waren, diese stets mitgeteilt. Kritik

ist fast auf jeder Seite geübt, ich habe mich bestrebt Objektivität

und Ruhe des Urteils zu wahren. Das Buch ist für den Fachmann und für

den Gebildeten, überhaupt für jeden, der sich auf dem wichtigsten

Gebiete des menschlichen Denkens und Dichtens unterrichten will,

geschrieben. Das Persönliche kommt in der Darstellungsweise und in der

Geltendmachung der eigenen Meinungen und Anschauungen zum Vorschein.

Ich habe vor längerer Zeit zwei Bücher geschrieben, auf die ich mich

oft berufe: „Philosophische Grundlagen der Wissenschaften“ und „Die

Entstehung der Welt und der Erde nach Sage und Wissenschaft“. Mit dem

vorliegenden Buche bilden diese Bücher, wenn auch jedes für sich ein

selbständiges Ganze darstellt, eine höhere Einheit, die ich freilich

noch gern durch ein Buch über das Leben selbst ergänzen möchte. Bei

aller Sorgfalt ist es in umfangreichen Werken nicht immer möglich,

Unebenheiten und Versehen zu vermeiden. Ein Herr aus Frankreich hat

mich auf eine Stelle in den „Philosophischen Grundlagen“ aufmerksam

gemacht, die ich, einem so geschmackvollen und liebenswürdigen Volke

gegenüber, wie das französische in der Tat gerne nicht geschrieben

haben möchte.

Die wichtigeren Werke, die ich bei Abfassung meines Buches verwendet

habe, sind in diesem Buche selbst verzeichnet. Wo es mir nur irgend

möglich war, habe ich mich an die Originale gehalten; benutzte ich

bei fremden Sprachen zur Erleichterung Übersetzungen, so paßte

ich sie möglichst dem Wortlaut der Originale an. Es ist schon ein

melancholisches Geschäft, aus Arbeiten Anderer Auszüge zu machen, aber

abstoßend langweilig, Auszüge auszuziehen. Ich habe letzteres nur

notgedrungen getan, wo mir die Originale nicht zur Verfügung standen

oder die Sprache mir doch verschlossen war. Abbildungen enthält nur

der erste Teil des Buches, die übrigen Teile boten keinen Anlaß, sie

zu schmücken. Ein sehr eingehendes Inhaltsverzeichnis und Namen- und

Sachregister wird, hoffe ich, die Brauchbarkeit des Buches auch zum

Nachschlagen erhöhen. Beim Lesen der Korrekturen hat mich mein Freund,

der Lehrer an der Berliner Baugewerkschule Dr. ~Levy~, formell und

sachlich unterstützt. Ihm und der Verlagsbuchhandlung, die viel Mühe

mit dem Buche gehabt und für eine würdige Ausstattung gesorgt hat,

meinen besten Dank. Möchte der Leser das Buch so gern lesen, wie der

Verfasser es gern und aus dem Innern heraus geschrieben hat.

~Charlottenburg~, im Mai 1910.

_Weinstein_.

Inhaltsverzeichnis.

~Vorwort~ III

~Vorbemerkungen~. Charakteristik, Prinzipe und Einteilung

der Welt- und Lebenanschauungen.

Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis · 第 4 / 108 题