Sie sprach: »Und die Frau?«

»Empfängt, verwandelt und gibt heraus, nicht wahr? gebiert. Der

Mann aber bringt hervor. Er hat die Kraft des Zusammensehens, er

schafft, indem er neu sieht ... Weislingen erblickt das Neue hinterher

und versteht es, er sieht ein. Niemals baut er Brücken zwischen

Getrenntem und sieht nur Endgültiges; Götz begriffe nie, daß es dabei

Schwierigkeiten gibt ... Götz nimmt die Dinge fragmentarisch, als

Vielheiten, die einer Einheit bedürfen, und hat doch mehr Ehrfurcht vor

ihnen als Weislingen, der sich dem einzelnen Ding oder Zustand blind

hingibt und sich beständig verliert.«

Claudia befand sich plötzlich nicht bei der Sache. Erst war ihr, als

rede er irgendwie von sich, Ungünstiges. War nicht er vor allem

einsichtig? Waren nicht auch Herodes, auch Kandaules irgendwie typisch

männlich Handelnde, die ihm verwandter sein mußten? Warum gerade Götz,

sein Widerspiel? Und dann ertappte sie sich: in seinen zögernden Sätzen

klang etwas Inspiriertes mit, und sie lauschte mehr als dem Inhalt der

Worte diesem Ton, der ihnen etwas schwer und langsam sich Lösendes

gab, etwas Rührendes. Doch war ihr für diese Stimmung das Gesagte

zu wichtig, und so nahm sie den Entschluß abzubrechen wieder auf.

Eigentlich wollte sie sagen: Ihr Typus tut Ihnen Unrecht, dazu haben

Sie ihn geformt; aber sie wandte es allgemein und meinte: »Ich glaube,

Ihr Typus tut den Lebenden Unrecht. Nun, davon nachher; ich Barbar

habe jetzt nichts als Hunger, und Mama ließ keinen Zweifel übrig, daß

auch für Sie ein Butterbrot da sein würde, wenn Sie uns so spät noch

Gesellschaft leisten wollten.«

Er hörte willig auf. Es quälte ihn, von einem Gegenstand, der ihn so

nahe anging, in einem Fahrtgespräch zu plaudern; auch mußte er seinen

Geist dem zuwenden, was sie eben gesagt hatte. Ein Gefühl von Glück --

noch eine Stunde mit ihr! und ein drängendes Unbehagen erfüllte ihn; er

wußte wieder einmal nicht, ob man wirklich auf ihn als gern begrüßten

Gast sah, oder ob das Gefühl des Wohlseins in diesem schönen Heim ihn

über eine schmähliche Rolle als aufdringlicher und lächerlicher Besuch

hinwegblendete. Er sagte leise: »Ihre Frau Mutter ist sehr gut zu mir

... aber ich weiß nicht ... ich hatte den Entschluß fassen wollen,

nicht mehr so häufig bei Ihnen zu sein ...« Ein beizender Haß gegen

sich und eine augenblickliche Wut über seine widersetzlichen Organe

explodierte in seiner Brust: das hatte ganz anders geformt und gesagt

werden müssen -- nun klang alles falsch.

Von Zeit zu Zeit rief die Hupe mit einem lauten tiefsingenden Ton. Es

lag darin die Stärke und Weisheit eines großen Tieres, das seines Weges

gewiß ist und Schwächeren nicht schaden will. Manchmal antworteten

andere Wagen, hell und schnarrend, sie schossen vorüber wie flüchtig

oder verfolgend und aus Dunkel in Dunkel tauchend. Zu beiden Seiten lag

Schwärze, aus der einzelne Laternen Bäume und Gebüsch hoben; man hatte

fast ohne Übergang die Stadt verlassen und schoß auf der nächtlichen

Asphaltstraße, die sich unter dem quellenden Licht der Scheinwerfer

emporzuwölben schien, dem heimischen Villenort zu. Claudia wandte ihm

ihr Gesicht wieder zu: »Langweilen wir Sie?« fragte sie befremdet, doch

mit einer ungläubigen Miene, die davon wieder etwas wegnahm. Sie erriet

ihn ungefähr, und als Antwort stellte sich eine Freude dieser Art ein:

wie reizend ungeschickt kann solch ein kluger Mensch sein! Wenn er sich

nur nicht so quälte ...

Er wischte mit der Hand über die Stirn und murmelte: »Sie wissen, wie

sehr Sie unrecht haben, Fräulein Claudia. Aber ich bin nun schon so

oft und so lange bei Ihnen,« und er redete endlich etwas freier, »daß

ich nicht begreife, wie Sie und Ihre Frau Mutter ... Sie wissen doch,

ich bin nun einmal kein Elegant ... Sie haben so viel Nachsicht für

mich ...« Er konnte alsbald nicht weiter, denn sie lachte ihr helles,

reizendes Gelächter eines jungen Mädchens, dem sie sich um so lieber

hingab, weil es sich so sehr zu rechter Zeit einstellte. Er sollte sich

nicht beschämen und, nicht einmal harmlos, erniedrigen. Sie schüttelte

schnell den Kopf: »Nachsicht, lieber Doktor Rohme? Aber wofür denn?

Sie haben noch nie ein Nippes zerschlagen und weder Tee noch Wein auf

das Tischtuch gegossen.« Mußte man ihm nicht gut sein? Unbedingt ...

»Aber ich könnte es jeden Augenblick tun, ich bewundere mich selbst in

diesem Augenblick,« lächelte er. Ihre Heiterkeit tat ihm sehr wohl, sie

entführte das Gespräch in eine Sphäre voll leichter Luft ohne Schwüle.

»Nein, denken Sie nicht stets an das was sein könnte. Sie machen sich

überhaupt zu viele Gedanken über sich, ich finde, man muß darin maßvoll

bleiben,« und sie nahm einen mütterlich ermahnenden Ton an, der ihn

mit körperlicher Süße durchdrang. Oh ja, allerdings, er liebte sie

sehr, sehr, allzusehr! -- Aber vielleicht mochte man ihn hier wirklich

leiden, fand ihn erträglich, sah ihn gern? Er fragte fast froh: »Ihre

Frau Mutter hat also auf mich gezählt?«

»Mama und ich bescheidenes Wesen. Hatte ich Ihnen nicht einen Platz

in unserer Loge angeboten? Ich konnte ja nicht ahnen, daß Sie den

Entschluß hatten fassen wollen, uns oder mich zu negligieren.« Sie

wußte gut, daß ihm der Klang des Spottes in ihrer Stimme angenehm und

verständlich sein würde; es lag ihr daran, die völlige Leichtigkeit

einer Konversation herzustellen, und er ging darauf ein. Er schüttelte

vergnügt den Kopf, so daß ihm eine lange Strähne rötlichen Haares in

die Stirn fiel, über eine weiße, sehr durchdachte Stirn, deren Haut

viele Sommersprossen zeigte; er ließ den dicken rotblonden Schnurrbart

durch die Hand gleiten und nahm ihren Ton munteren Spottes wieder auf,

indem er ihn gegen sich kehrte:

»Sie haben also gegen mich recht behalten. Während ich mich ankleidete,

habe ich mir bewiesen, und zwar mit algebraischer Gültigkeit bewiesen,

was ich tue, sei Unfug, denn ich würde mich ja doch nicht in Ihrer Loge

zeigen.«

»Sehr unrecht, mein Herr Doktor Rohme,« sagte sie strafend. Sie schien

ihn ruhig zuhörend anzusehen; in Wirklichkeit aber musterte sie ihn

und prüfte: er sah offenbar überanstrengt aus. Er fuhr fort: »Ich

wollte mir, da ich endlich am Theater war, an der Kasse nämlich, einen

Parkettsitz kaufen, aber es war ausverkauft, nichts mehr da.« Er sollte

nicht soviel lesen. Es tat ihm nicht gut, unbedingt nicht, und half zu

nichts, denn am Ende stellte sich stets heraus, daß er alles neu machen

und aus sich selbst holen mußte.

»Nun also,« lächelte sie. Und seine großen grauen Augen blickten heute

zweifellos besonders matt. Er setzte hinzu: »Es gab nur noch Stehplätze

und Logen. Das ging beides nicht, das erste mochte ich nicht und

das zweite konnte ich nicht, denn ich dachte, es wäre beinahe eine

Beleidigung.«

»Sicherlich,« war ihr Einwurf. »Ich hätte es Ihnen nie verziehen.« Sie

mahnte sich: gib bitte acht; aber sie mußte ihn weiter ansehen. Kannst

du dir vorstellen, daß er nicht mehr da wäre? Sie widersetzte sich:

natürlich! ... Ehrlich? nein. Sie hörte unterdessen: »So beschloß ich,

nach Hause zu gehen.«

»Pfui,« verurteilte sie. Hin und wieder brach schon wieder Licht

durch die Fenster ein, man war bereits im Ort. Dann wurde sein Glas

undurchsichtig und seine Augen verschwanden. Es war fast unhöflich,

so einsilbig dazusitzen und im Innersten abwesend zu sein; freilich

weilte auch ihre Unaufmerksamkeit bei ihm ... Wenn er davon wüßte! Es

war doch sehr gut, daß er gerade berichtete: »Aber nun entdeckte ich,

während ich zwei- oder dreimal im Foyer auf und ab ging, daß ich mich

schon seit einigen Tagen innerlich darauf gestimmt hatte, diesen Abend

im Theater und ... mit Ihnen zu verbringen und spürte die Macht des

tyrannischen Vorsatzes. Außerdem stieß ich fortwährend an Leute, die

hineinwollten, während es keiner Seele einfiel, hinauszugehen. Da ließ

ich mich denn tragen und stand vor Ihrer Loge, ehe ich es recht wußte,

und während ich ausschließlich dachte, daß ich doch hinauswollte, nach

Hause. Wenn ich selbst hätte öffnen müssen, so wäre mir das vermutlich

peinlich gewesen, so unmöglich, daß ich vielleicht doch noch auf die

Straße gefunden hätte, aber gleich machte mir ein Diener die Tür auf,

und Sie empfingen mich leise, denn es hatte natürlich schon begonnen.

Aber die Hand gaben Sie mir doch noch, Fräulein Claudia.« Sie hatte

den Sinn seiner Worte in einer oberen Schicht ihrer Seele erfaßt und

konnte sogar antworten: »Und warum nicht? Sie störten ja niemand. Es

ist hübsch, daß man ungeniert ist auf diesen Plätzen -- wie sagt der

Engländer geschmackvoll? ›~stalls~‹ sagt er, Ställe. Sie machen Theater

und Konzerte möglich und menschensicher. Aber ich glaube, da sind wir.

Endlich,« und sie seufzte befriedigt. Im Zimmer konnte man sich bewegen

und hatte Resonanz, Deckung und vertrauten abgegrenzten Raum zu rechtem

Beisammen und Gespräch ... Das Automobil fuhr mit einer knirschenden

Kurve durch das Gartengitter und vor das Tor der Villa. Der Diener

öffnete, es war noch kühl und der Atem dampfte.

Dr. Rohme ging allein in dem behaglich gestalteten Zimmer umher und

dachte nach, gesellschaftsmäßig angekleidet, schwarz, mit breiter

schwarzer Kravatte und weißer Hemdbrust. Er kannte hier jedes Möbel

und jedes Bild, obwohl er für neuere Bilder nicht gerade maßloße

Begeisterung zu haben pflegte. Ein dicker, blauer Teppich sog jeden

Laut seiner ruhelosen Füße auf. Er dachte an Claudia und bewegte

aufgeregt die Lippen, als spräche er lautlos vor sich hin. Er liebte

sie, daran durfte er nicht länger zweifeln. Weilte er bei ihr, so war

ihm wohl ums Herz und er dachte dann wenigstens nicht an sie. Freilich

mußte er sich oft zusammennehmen, aber außerdem war sie gütig. Erst

hatte er alles dem Hause zugerechnet, den schönen Zimmern, in denen man

zu dreien, dann zu zweien Tee nahm, später der lieben Herrin, ihrer

Mutter, und endlich hatte er entdeckt, daß die Tochter ihn lockte und

festhielt, die Tochter. Kannte er seine Pflicht? Fort mußte er, fort

auf der Stelle und ohne zu zögern. Denn was sollte daraus werden? Er

konnte sie doch nicht heiraten. Er war ein junger Dozent mit winzigen

Einnahmen, in Fachkreisen genannt wegen einer polemischen Zerlegung des

Begriffes »Willen«, und nichts mehr; und sie, Claudia Eggeling, hatte,

wie man sagte, unbändig viel Geld. Ein Mitgiftjäger, wie? Also das war

ganz unmöglich ... es blieb ihm nichts weiter übrig, als zu gehen,

unwiderruflich zu gehen, sofort. Denn wie sollte er ihr, er, ihr, seine

Gründe sagen: Sollte er anfangen: »Claudia, ich liebe Sie, aber ...«

Sieh da, unterbrach er sich verzweifelt, er hatte vorhin wieder einmal

nur an sich gedacht, wie immer. Sie hatte augenscheinlich eine gewisse

Einwilligung auszusprechen, ehe man sie heiraten konnte. Sein Denken

zeigte sich heute stupid und gründlich albern.

Er blieb vor dem Spiegel stehen, um sich wieder einmal zu bestätigen,

daß es für ihn, Walter Rohme, lächerlich und hoffnungslos blieb, eine

Frau zu suchen. Nicht allein, daß er rot von Haar war, gefärbt wie

ein Kupferkessel, und sommersprossig überdies -- sein Aussehen war

einfach komisch: und er betrachtete mit ohnmächtiger Erbitterung den

da hinter dem Glase, den er hemmungslos hätte schlagen können -- das

gewohnte und vertraute Bild eines breiten Mannes, mit Augenbrauen und

Schnurrbart, dick und buschig überhängend, dem Eindrucke eines Piraten

nahe; einem Eindruck, den der zweite Blick übrigens zerstörte, weil

die Augen sich wunderlich unsicher bewegten, grau hinter den dicken

Gläsern der zerbrechlichen Goldbrille, weil sein Mund unterm Barte sich

blaß und geradezu zaghaft verzog, seine Stimme hoch klang und dünn, das

Kinn allzuzart geformt schien und die Stirn übertrieben nachdenklich.

Ja, dieser Gegensatz mußte zum Lachen reizen, wenn man zu guterletzt

noch wahrnahm, daß er nur über Bewegungen linkischer und ungewandter

Art verfügte, nachdrücklich und nichtssagend in einem, wobei es stets

bleiben würde. Und das untersteht sich und ist Ich, stöhnte es in ihm.

Nie im Leben war er sich so unerträglich gewesen wie eben jetzt ...

Claudia hatte zwar jüngst mit Wärme behauptet, daß ihr wenig an eines

Mannes Schönheit gelegen sei, Adonis und Absalom seien vermutlich dumm

gewesen -- aber ganz gleich, er mußte fort. Sie kannte ihn ja kaum,

wenn sie auch ziemlich klug war. Wie sollte sie wohl dazu gelangen,

ihn so tief zu erraten, wie er von ihr Wissen in sich trug ... Nur

das Leiden um Menschen macht hellsehend und öffnet die Seelen. Er

ging neben ihr unerkannt und für immer unzugänglich. Denn er konnte

nicht von sich reden, und wenn er es versuchte, so zwang ihn Scham

und Haß zur ungerechten Maske. Sie hatte nicht erraten, wen er vorhin

verdammte, als er den Berlichingen zum Typus Mann erhob -- wie hätte

sie es auch können! Wenn sie ihn nicht erriet, durfte er nicht bei ihr

bleiben, und wenn sie ihn sah, war es gleichfalls zu Ende. Hatte sie

wohl einen Begriff davon, wie unzuverlässig er manchmal war, und daß

bei Dingen des täglichen Lebens oft die letzte Stimme seiner Ratgeber

seine Handlungen regelte? Würde sie ihn nicht bald regieren, wie? und

würde er vielleicht nicht in allem ihres Willens sein? Ganz gewiß:

und dann ergab sich in ihrer Seele mit Notwendigkeit, daß er ihr erst

lächerlich wurde und dann verächtlich, widerwärtig, ein Abscheu ...

Sie nannte ihn Freund, nun gut, sie lasen gewisse philosophische

Bücher zusammen, sie hörten und machten hin und wieder gemeinsam

Musik, sie spielte ihm vor, sie gingen wie heute ins Schauspielhaus

oder in die Oper -- damit war nichts bewiesen. Nein, Claudia handelte

entschlossen, sie ritt, sie brauchte sich nicht zweimal zu besinnen

und dachte zuerst an den Götz. Was sagte sie doch jüngst, als ihre

Mutter sich verspätete? »Ich bin pünktlich und verlange Pünktlichkeit.

Unzuverlässige Menschen sind mir ein Greuel.« So ist es, unzuverlässige

Menschen sind ihr ein Greuel ... Das Herz klopfte ihm im Halse,

und seine Hände verkrampften sich: er war verurteilt, und bebende

Verzweiflung machte ihn zittern.

So folterte er, ehrlich und mannhaft, seine Seele mit der heillosen

Psychologie.

»Mama müssen Sie entschuldigen, lieber Doktor, sie hat sich bereits

zurückgezogen,« sagte Claudia hinter ihm. Sie hatte in der kurzen

Wartezeit jenes hängende braune Hauskleid angelegt, das er sehr liebte,

das am Hals und an den Ärmeln graugrün besetzte. Das war die Gestalt,

ihm bis in seine Träume hinein vertraut, dieses schlanke, sanfte Wesen

mit ruhigen Bewegungen und den klugen schnellen Augen, deren braune

Iris die Seidenfarbe des Kleides enthielt und beseelte, während das

tiefschwarze Haar gleich den großen Pupillen glänzte. Ihre Nase bog

sich kühn und fein zugleich: oh, eine Römerin von Grund auf mit der

gleitenden Stimme eines dunkelsingenden Vogels. Ja, diese liebte er --

und sie, die er aufzugeben hatte.

»Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen,« fuhr sie fort. Da entschloß

er sich trotz alledem zu einem plötzlichen und brüsken Abschied, zu

Flucht und Aufschub und brieflicher Erledigung, weil das wohl das

leichteste sein würde: »Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt,

Fräulein Claudia,« gab er zurück und suchte seine Stimme festzuhalten,

damit sie nicht nach Trauer klinge, »es ist wohl Zeit ...« Das Mädchen

ging sehr ruhig auf die Schwelle des Eßzimmers zu, wandte sich, die

Hand auf dem Türgriff, zu ihm und bemerkte: »Ich denke, es ist besser,

Sie bleiben und helfen mir essen. Es gibt ohnehin nur Eier. Das haben

wir davon, wenn wir ins Theater gehen.« Sie öffnete, ging voraus und er

zögerte, hob hilflos die Achseln und folgte ihr.

Von der weißen Decke herab strömte Licht. Schwarze Täfelung und das

schwarze Holz der Möbel mahnten zur Haltung; aber das Grün des Teppichs

und der Stoffe auf den Sitzen und Vorhängen leuchtete rasenhaft und

milderte den Ernst des schönen Raumes zu gelassener Heiterkeit. Es war

gut darin zu speisen. Der Tisch, an dem sie einander gegenübersaßen,

war mit weißem feinfädigem Linnen gedeckt und symmetrisch bestellt

mit Schüsseln voll Brotscheiben, dünn und locker, mit Wurstarten in

einer Tonleiter von Rot, mit Gläsern für Bier und Tee, mit silbernen

Bestecken und kelchartig geformten Eierbechern aus dünnem Porzellan

und mit Tellern mancher Größe aus derselben edlen weißen Erde. An

diesem einladenden und weißleuchtenden Tische saßen sie nun einander

gegenüber, Claudia Eggeling und der Doktor Rohme, sie freimütig und

heiter, leicht vorgeneigt und essend, nach Herzenslust in Bewegung

mit ihrem braunen, zartrauschenden Seidenkleid -- er aber noch immer

ein wenig steif, noch immer etwas beengt und geradeaufragend, schwarz,

mit weißer Brust, hohem Kragen und rotem Schopf, an einen Specht

erinnernd ... Sie aßen beide in Emsigkeit -- die späte Stunde, die in

dem lichthellen Zimmer nicht galt und zur Gegenwart kam, meldete sich

mit Hunger -- und selbst wenn Claudia Lust verspürt hätte, sogleich

zu plaudern, wäre es nötig gewesen den Doktor zu wecken: denn sein

ausdruckslos und starr beiseite gewandter Blick verriet zur Genüge,

daß nur sein Leibliches hier anwesend sei, um zu essen, und daß sein

Geist indessen anderswo schweifte, Gott weiß in welchen Gefilden

... Claudia lächelte in sich hinein, ganz wenig und schalkhaft, und

ließ ihn gern seinen Weg gehen, weil sie sich inzwischen herzliche

Blicke gönnen durfte, nach denen ihr Gemüt drängte -- sie glaubte, er

sei noch im Schauspiel oder irgendwo in Goethes Welt; aber wie wäre

sie erschrocken, wenn sie die Gedanken ihres Nachbarn gehört hätte!

Er war nicht weit fort, er befand sich vielmehr in ihrer Nähe, er

tummelte sich auf einem engen Kreise rund um sie beide und war schwer

von Bitterkeit: »Und warum fühle ich mich Ihnen gegenüber gar so

niedrig und mangelhaft, Claudia? Warum sitzen Sie so selbstgewiß und

maßgebend da, während ich mich vor Ihnen demütige? Weil ich mich aus

der Dürftigkeit meiner Geburt zu Ihnen emporgerissen habe, in eine

Luft, die das Klima meiner Seele ist, und weil mein Intellekt größer

ist als der Ihre, aber im Körper eines Knechts; weil ich für jeden

Entschluß mehr gleichwertige Möglichkeiten sehe, weil ich nicht jemand

in mir blind wählen lasse, sondern erwäge, und mittlerweile überwältigt

werde. Und warum lasse ich mich überwältigen? Weil ich für Entschlüsse

und Taten so leicht ein Lächeln habe, ein geringschätziges, bitte ich;

weil diese Leute von pompöser Tatkraft und kurzem Geiste in ihrer

Einfalt grotesk wirken ... Sie haben mehr Kraft und mehr Erfolg -- aber

seit wann bedeuten diese beiden etwas im Reiche des Geistes? Ach nein,

kleine Claudia, wenn Sie auch über mich siegen und lächeln: ich bin

der höhere Typus, der schwächere, verfeinerte, geistigere -- und was

Ihrer Klasse Macht über mich gibt, was diesen Götz über uns Weislingen

triumphieren läßt, das ist bloße Physis, nichts als Körper, nur Natur!«

-- Aber diese böse und hochmütige Aufwallung ebbte im Fortschreiten des

Mahles; und während er ihren Händen zusah, die flink und anmutig für

ihn sorgten, löste sich der Krampf seiner zu Einsamkeit verurteilten

Seele in ruhige Wehmut; nichts blieb davon als ein trauernder und

sanfter Blick hinter den scharfen Brillengläsern. Er würde es bald

nicht mehr so gut haben. Vielleicht war dies das letzte Mal -- und ihn

schauderte vor seinen leeren Zimmern, in denen er einst seine Zuflucht

zu sehen pflegte. Sie hießen Verbannung.

Während sie aßen, waren anfangs nur wenig Worte hin und her gegangen,

ein Scherz, eine Bitte um Brot, eine Aufforderung sich zu bedienen.

Aber nach der Stillung des ersten Hungers entfaltete sich das Gespräch

persönlicher. Claudia beschloß, jetzt das herbeizuführen, was sie

vorhin vermieden hatte. Indem sie aus dem Aufschnitt wählte, der auf

einer Platte lag, besann sie sich: »Sie erzählten vorhin, auf wie

merkwürdige Art Sie endlich doch in meine Loge kamen. Kommt Ihnen

das öfters vor, dieses ... Schwanken, oder haben Sie es als etwas

Ungewöhnliches behalten?« Er seufzte leicht: »Ach, Fräulein Claudia,

solche absurde Überwältigungen meiner selbst berechne ich nicht mehr.

Es lohnt nicht der Mühe. Habe ich Ihnen die Geschichte erzählt, wie

ich einmal ein Postpaket von Freiburg abschickte?« Er erschrak über

die Worte, die soeben, im Augenblick vorher noch ungewußt, über seine

Lippen rollten, und erstaunte. Wie kam jetzt diese alte beschämende und

vergessene Sache zu ihm? War diese Eingebung die Frucht eines Suchens,

das unterhalb des Bewußtseins fortgestöbert hatte und ihm jetzt reif

und fertig ein passendes Beispiel zuwarf, das ihn lächerlich zeigte?

Aber mit düsterem Frohlocken begrüßte er sie. Woher auch immer sie kam,

gerade jetzt, sie war willkommen, sie kam gut; an ihr würde sie ihn

erkennen und alles würde zu Ende sein.

»Niemals; also erzählen Sie. Ist sie nett? -- Nehmen Sie Tee oder

Bier?« Was beabsichtigte er mit diesem Postpaket? Sie konnte sich

täuschen, aber irgendeine Spannung und Erregung schien den ganzen Abend

aus seinem Wesen zu quellen. Sie wollte doch zusehen; ihr war so wohl

zumute in seiner Anwesenheit, und so sollte auch er sich nicht nutzlos

quälen.

»Tee, bitte; mittel; so, danke sehr. Sie ist sehr spaßig und sehr

langweilig, diese Geschichte, außerdem kann ich gar nicht erzählen,

aber ich erzähle sie doch. Ich bin überzeugt davon, daß Sie nachher

nichts mehr werden von mir hören wollen.« Mit schmerzlicher Wollust

genoß er den Doppelsinn, von dem sie ohne Ahnung sein mußte.

»Lassen wir es darauf ankommen, Doktor,« sagte sie fröhlich. Wie klein

und bleich ihre Hände waren! Sie trug keinen Ring. Und diese sollte er

verlieren! Überwältigendes Mitleid mit sich drohte seinen Entschluß

aufzulösen, aber er zwang es hinab, und es schwand. Er fühlte sich von

Notwendigkeit gedrängt und begann tapfer:

»Also, ich lebte in Freiburg, eine gewisse Zeit lang. Es regnete viel,

dann wollte ich wieder fort. Ich packte alle meine Sachen in Koffer

und in Kisten für die Frachtbeförderung durch eine vertrauenerweckende

Gesellschaft, deren Inhaber die Herren Säbelberger & Cie. waren und

Haftpflicht ausübten.« Er schwieg, weil er sah, wie sie die Lippen

leise auseinander tat, um etwas zu sagen, und schwieg gern.

»Hatten Sie damals schon Ihre vielen Bücher?« Ihre Finger machten sich

daran, ein Ei abzuschälen, und schufen aus diesem winzigen Vorgang ein

Spiel, anmutig wie ein Tanz von Kindern -- man durfte nichts tun, als

ihnen zusehen ... Er schreckte auf und antwortete:

»Wie hätte ich es sonst wohl aushalten können, glauben Sie? Übrigens

ist es gar nicht lange her. Die Bücher lagen in einer großen Kiste,

gut verpackt, das können Sie sich denken. Aber es ließen sich nicht

alle darin unterbringen, und als ich mir überlegte, daß diese Kiste

sehr lange brauchen könnte, ehe sie mir hierher geschickt werden würde,

wählte ich die Bücher, die ich am nötigsten hatte, weil sie mir die

liebsten waren, und machte aus ihnen ein Paket, ein gutes Postpaket,

fest aus Pappe und Schnur hergestellt. Darin lag nun beisammen

die Kritik der reinen Vernunft in einem großen Lederbande, eine

Schopenhauer-Erstausgabe, die Meditationes von 1650, ein denkwürdiger

Pergamentband,« -- er lächelte ein wenig -- »Sie wissen, Descartes;

drei oder vier alte französische Drucke des Montaigne und Konsorten,

einige schöne englische Shakespearebände und dergleichen. Lauter gute

wertvolle Bücher.« Wie wäre es, wenn er jetzt noch innehielt, ablenkte,

aufhörte, ehe es zu spät war? Nein, feig wäre es.

»War der Larochefoucauld dabei, den Sie mir geborgt haben?«

»Auch, ja. Also ich nahm das Paket unter den Arm (es schien recht

schwer) und begab mich damit auf die Post, Samstag nachmittags. Der

Beamte hatte zwar rote schmutzige Hände, aber ein gutes Herz, denn er

wog das Volumen mitleidig und riet mir, es doch lieber leichter zu

machen, denn es wöge fünfundzwanzig Pfund, und das würde mich einen

schönen Batzen Geld kosten. Oder er empfahl mir die Eilfracht. Also

empfing ich das Paket wieder aus seinen Händen zurück, dankte ihm und

begab mich damit zur Eilfracht.«

»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre Frage klang beinahe

träumerisch, denn sie sagte sich unterdessen: wenn er mit seinen lieben

Büchern so sorglich umging -- wie gut würde es erst eine ... ein

geliebter Mensch in seiner Nähe haben ... und sie errötete verwirrt.

»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig Pfund trug, das

machte das Tragen schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten von der

Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man empfing mich dort ziemlich hastig,

denn am Samstag nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da hat man

bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der Beamte bemerkte, man wolle es

besorgen, aber ob ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den Preis,

denn die Menschen sind dort leutselig. Er betrug etwa das doppelte des

Postsatzes. Hm, sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn

ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken könne, kein

Mensch nicht, so sollte ich doch die Post nehmen, oder die gewöhnliche

Fracht. Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu gehen. Wir

schrieben Samstag, und am Montag um neun Uhr gedachte ich abzufahren.«

Jetzt konnte nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man es dringend

wünschte ...

»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie ihn an. Wie umständlich

solch ein Mann sein konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend

kindlich.

»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein Claudia. Ja. Ich ging

nach dem Güterbahnhof. Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie

solche Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte meine

fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arm.

Es blieb ein Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und lachte

mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich, vielleicht ging alles

noch gut ab. Gib, daß es so sei, sagte er dringlich zu irgend wem.

»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand zum Tragen zu mieten?« Wenn er

lachte, sah er aus wie ein Junge.

»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja nicht allzufern, aber

einerseits sah ich niemand in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar

jetzt allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane gewesen, und

dergleichen mißfällt mir. Ich kam auch allein endlich zum Güterbahnhof.«

»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht wahr?« -- Die Erkenntnis,

die er unter Wunsch und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte,

sprang jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er gab sich

verloren.

»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens. Also, da lag ein ziemlich

umfangreicher Komplex, wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren

und dergleichen. Auch mit Büroräumen. Aber alles fest geschlossen. Nun,

es schlug viertel sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang,

dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man läßt doch so etwas

nicht allein. Nicht einmal ein Hund bellte, worüber ich mich übrigens

freute, denn Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein Klopfen

und Pochen, und da fand ich einige Leute mit Eisenbahnermützen auf dem

Kopfe irgendwie untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte sie,

der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines Jackett anhatte und

eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze auf den Haaren. An den wandte ich

mich mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer freundlich,

ich solle das Zeug nur dalassen, er wolle das Zeug schon besorgen, da

brauchte ich gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen und am

Montag ging's fort, da sei gar kein Wort mehr not. Ich sagte ihm vielen

Dank, ließ mein kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen Händen

zurück und machte mich auf den Heimweg.« Seine weiche und hohe Stimme

klang noch heiserer als sonst. Claudia bemerkte es:

»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen Sie noch Tee?«

»Ja, das dachte ich auch. -- Nun, wenn ich bitten darf, noch eine

Tasse, den letzten, danke. Ich fühlte mich ziemlich guter Laune; die

Sonne ging bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff, was,

weiß ich nicht mehr.«

Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den Blick, der durstig von

ihrem Gesicht getrunken hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr.

Schade, dachte er, während er den Tisch besah, auf dem das gebrauchte

Gerät ungeordnet und unschön stand, unsere Bedürfnisse hinterlassen

noch immer Häßlichkeit, trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin

dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf all dem Weiß von

Porzellan und Linnen ... und ist jetzt ein schlimmer Anblick ... Da

stand Claudia auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund, ich

schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört mich. Nehmen wir unsere

Tassen und rauchen wir nebenan eine Zigarette. Wie?«

Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit dieses Gefühls kein

Wort; er ergriff nur seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in

den rotbraunen Raum. Und während sie sich im Hin- und Hergehen alles

nötige Geschirr holten, wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis

in ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten dennoch Gemeinsames,

vielleicht mehr als sie wußten -- sollte er nicht auch davon reden, wie

sehnsüchtig und erstarrt und gleichgültig gegen alle äußeren Dinge er

damals hinlebte? Sollte er sich nur beklagen, nicht auch entschuldigen

und erklären? Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in jede Tat

stürzen würde -- sollte er das nicht gestehen? Nein. Nein, nein. Seine

Aufgabe stand, genau umrissen. Wenn sie ihn +gesehen+ hatte, konnte

sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt sicher sein, daß sie ihn

verwerfen werde. Aber die Hoffnung war verblüht.

Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf dem ein Licht mit

orangenfarbenem Schirm brannte, und breite rote Klubsessel nahmen sie

auf, während das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen und

zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte. Eine hohe Uhr pochte

beharrlich und mahnend. »Ich bitte ... Sie ziehen die Zigarre vor;« und

Claudia atmete schon den weißen und duftenden Rauch aus. »Eigentlich

soll ich nicht rauchen ... danke, da ist Feuer. Wo hielt ich ... Wenn

Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt, es ist langweilig.«

Wenn sie jetzt ablenkte, wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren

aufhören und ein andermal den Abschied in Szene setzen. Nur noch diese

Stunde bat er genießen zu dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf

dessen Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem wohlriechenden

Schleier von Rauch.

»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht weiß, was noch kommen

kann; es ist ja fertig, und Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war

fertig, in der Tat, es war fertig -- und es zitterte einen Moment lang

in ihm nach: fertig.

»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin auf -- halt, ich

weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch -- und erschrak vor

einem Gedanken. Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der

Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein Papier, daß er von Dr.

Rohme ein Paket bekommen habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen

eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über Eisenbahnmützen

zu kommandieren oder vielmehr müßig bei ihnen zu stehen, um eine

Vertrauensperson zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket nur zu öffnen,

um morgen meine schönen Bücher bei allen Antiquaren der Stadt zu

zerstreuen, ich wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein kleines

Jackett, ein Jockeymützchen -- wenig, wenig. Ich hatte schon ein

ziemliches Stück Weges hinter mir, ich blieb also stehen und wollte

mich entschließen, zurückzugehen --«

»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete Claudia ein --

»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen, die am Samstag

Nachmittag um ein viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet

hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten Zeugen dar, drei

wohlbeleumdete Zeugen. Das dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls

schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches Paket anvertraut

hatte; und getröstet machte ich mich wieder auf den Weg zur Stadt,

denn ich war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und erinnert, von

Vergangenheit überkommen. »Ihre Bücher hätten Sie durch diese Zeugen

aber auch nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man würde heute

nicht mehr zu jener Unterhaltung kommen, die sie vorhin verschoben

hatte, denn die Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun,

morgen.

»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß auch der Mann des

kleinen Jacketts an sie dachte. Sie bildeten eine moralische Ziffer.

Mit einem Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie? Moral? Aber

Geld war sicherlich stärker als Moral. Arme Leute haben Geld lieber

als Moral, Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte einen

Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen wurde ihm bewußt, daß er

von nun an wieder zu Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm

ihm den Atem. Er sah sie an, -- sie dachte: um sie zu einer Äußerung

zu veranlassen, und sie zog harmlos den Schluß, indem sie fand, daß

seine Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie gegen Geld zum

Schweigen.« Und die Form seiner Stirn wies sicherlich zarte Schönheit

auf.

»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man konnte sie bestechen.

Reisemützchen würde für meine Bücher eine anständige Summe haben,

davon konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen waren dahin,

schwiegen, blieben stumm wie das Grab, um dem Volksmunde nachzureden.

Und unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb ich stehen,

überwand Hunger und Müdigkeit und marschierte zurück. Ich kam kurz

nach dreiviertel auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen

ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte den ganzen Güterboden.

~Personne.~ Ich rief -- umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von

Ekel und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und müde doppelt so

sehr als zuvor, ging ich nach Hause. Um acht kam ich in die Stadt.

Ich wollte die Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei, aber

ich schämte mich, und dann war es mir auch schon gleichgültig.« Wozu

erzählt er mir das eigentlich, fragte sie sich in leichtem Erstaunen.

Es ist nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich jedoch und

sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme:

»Ich verstehe das.« Er streifte schweigend die Asche von der Zigarre

und fuhr dann fort, schneller, weil der Schluß wie ein Abgrund das

Fließen der Erzählung beschleunigte, gleichsam einsog, und indem er auf

ihre Hände sah, die ruhig nebeneinander auf dem Tische lagen:

»Ich schlief schlecht diese Nacht. Am Morgen stand ich um sechs Uhr

auf, am Ruhetag, am Sonntag, und ich pflegte mich sonst auch Wochentags

nicht vor zehn zu erheben, ich hielt mich zur Erholung in Freiburg

auf. Ich stand also um sechs auf und begab mich auf den Güterbahnhof.

Natürlich traf ich keinen Menschen dort, nicht eine Seele. Ich

wiederholte diese vergeblichen Spaziergänge um zehn, um halb zwölf und

um vier, alle Male mit demselben Erfolge. Ich dachte nicht mehr, ich

war vielmehr von der Idee besessen, das Meinige wiederzuhaben.«

Er schwieg wieder und betrachtete seine Zigarre, die zu Ende ging. Ihr

Blick ruhte nachdenklich und ein ganz klein wenig spöttisch auf ihm:

eigentlich macht er davon viel Aufhebens.

»Nun?« fragte sie endlich. Er schrak zusammen:

»Ich bin gleich fertig,« sagte er und sah von ihrem Gesicht wieder auf

den Teppich. »Montag nach neun ging mein Zug. Montag um halb sieben

stand ich im Büro der Güterabfertigung. Natürlich sah ich, sowie

ich eintrat, mein Paket. Es lag ordnungsgemäß da, der Mann hatte es

abgeliefert, redlich, es war fertig zum Abschicken.« Er schwieg ohne

aufzusehen.

»Nun ist ja alles gut,« meinte sie geringschätzig, denn sie fühlte, daß

er auf ein Wort wartete. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte

auf den Tisch:

»Was denken Sie also, das ich getan habe?«

»Sie haben sich entschuldigt und sind vergnügt zur Bahn gegangen«,

entgegnete sie ohne Zaudern.

»So. Ja. Nein, ich nahm das Paket an mich, sagte, es habe Eile und trug

es zur Post.«

Claudia lehnte sich langsam wie erstarrt in ihren Sessel zurück:

»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt. Und dann kam ihr

die Anwandlung laut und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie.

»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal. Ja, ich genierte mich,

wissen Sie.« Er nickte mehrere Male, ohne den Kopf aus der Hand zu

heben oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte traurig und sagte

noch einmal: »Ja.«

Claudias Augen sprachen von dem Schrecken, der langsam in sie hinabsank

wie ein Eimer in einen dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben

Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte Linie. Sie zürnte

ihm; sie warf ihm eine stumme Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche

läppischen Streiche? und sah ihn hart und schweigend an. Die große Uhr

pochte unablässig; Doktor Walter Rohme besah reglos den Schimmer der

rötlichen Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken. Da sitzt

er nun auf seiner Heldentat, dachte sie zornig. Warum verteidigt er

sich nicht? Wo verbarg sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes

Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund gegeben hatte zu

glauben, er werde ihren Weg vor allem Häßlichen behüten, damit nichts

sie kränke und verstöre -- warum zeigte er sich ihr heute so hilflos,

so ausdrücklich schwach? Da saß er nun gebeugten Nackens wie ein

Verurteilter und rührte sich nicht ... Und sie begriff. Ein Blitz schoß

auf und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall und ganz

lauter. Eine Wonne stieg aus ihr empor wie ein Eimer aus durchsonntem

Brunnen, von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie lächelte immer

verstehender, immer seliger, sie fühlte eine Wärme und einen süßen

Druck in ihrem Herzen und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand

und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über den Tisch, bis die

feinen Fingerspitzen seinen Handrücken berührten. Er fuhr aus toter

Verzweiflung auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen --

erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte die Hand mit einem

brennenden langen erlösten Kusse.

»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob sich. »Ich danke Ihnen

für diese Erzählung, ja, ich danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch

immer, und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen kommen

Sie zum Tee, dann reden wir von Weislingen und musizieren ein wenig,

wie?« Ihre Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch nie gehört

hatte, und er drückte die geliebte Hand. »Ja,« sagte er glücklich.

Die Novellen um Claudia · 第 11 / 18 题