Sophie errötete lebhaft, ohne zu antworten. Sie wußte nur noch dunkel,

auf welche Weise sie gestern schließlich zu Bett gekommen war. Und es

kam ihr im nüchternen Morgenlicht unmöglich vor, der Mutter die großen

Eröffnungen zu machen. Jedenfalls lag es an der Nacht, daß diese Dinge

ihr wesentlich leichter und natürlicher erschienen waren.

Das Dienstmädchen Stanjka, das sich zum Kirchgang rüstete, war die

einzige, die sonntäglich und unbeschwert zwischen ihnen herumging. Sie

trug ein neues grellrot gemustertes Kattuntuch um den Hals und hatte ihr

aschblondes Haar mit Kwas glänzend gemacht; der Sonntag gehörte ihr fast

immer, und sie freute sich auf ihn während der ganzen Woche.

Alles Gute war augenscheinlich immer auf einen Sonntag gefallen: in den

Kirchen, in den Häusern, in den Vergnügungslokalen und Theebuden feierte

man nur ihn! Die Glocken, die mit mächtigen Klängen die Luft erfüllten

und in die Stuben hineintönten, redeten Stanjkas frommer Naivetät ganz

unterschiedslos von himmlischen wie von irdischen Herrlichkeiten, von

Kniebeugungen bei Orgelklang und Kirchengesang, wie vom Tanz zur Balalaika.

Nach dem Gottesdienst brauchte sie nur noch um zwölf Uhr den

Frühstückstisch zu richten und den Samowar aufzustellen.

Kurz vorher erschien Wera Petrowna zur festgesetzten Stunde.

Sie hatte ein altmodisches und durch langen Gebrauch reichlich leuchtend

gewordenes schwarzes Seidenkleid angezogen und trug auf dem Kopf eine

komplizierte Haube mit lila Tolle, die sich im wattierten Kapottehut auf

keine Weise unterbringen ließ, und die sie daher stets in einem besondern

Beutel mit sich führte.

»Um ein Haar wär ich nicht gekommen, ich sollte nämlich heute vormittag

in das Dawydowkonzert,« erklärte sie, als sie sich zu Tisch setzten.

»Das Billet war noch nicht da, ich wartete drauf bis halb zwölf, es kam

jedoch nicht. Es sollte nämlich nur dann kommen, wenn die Frau meines

Neffen, die sich gestern abend schon unwohl fühlte, über Nacht krank

würde. Sie ist aber nicht krank geworden.«

Sophie mußte lachen.

»Dafür ist es freilich kein Ersatz, wenn wir Ihnen später etwas

vorspielen und vorsingen wollen,« meinte sie und legte Wera Petrowna von

den kleinen Pasteten mit gehacktem Fleisch und Kohl vor.

»Nein, meine liebe, schöne, kleine Sophie. Auch muß ich später ohnehin

fortgehn, denn ich habe noch andre Billete. Die habe ich mir eben geholt.

Später drängen sich die Menschen so an der Kasse. Es ist weit besser, man

ist versorgt.«

»Wohin denn?« fragte Cita ohne Neugier. Sie kannte die Ausgehewut und

Belustigungssucht der Alten.

»Diesmal nur zur behaarten Riesin und zum zweiköpfigen Kind,« sagte Wera

Petrowna gelassen und nahm sich Citrone zum Thee.

»Sie sind doch immer kreuzfidel, -- aber wirklich immer!« bemerkte Cita

nachsichtig.

»Kreuzfidel? Nein, ihr junges Volk, das bin ich gar nicht. Ich muß mich

nur beeilen, die Augen aufzureißen, ich habe viel nachzuholen. Wie lange

dauert es, dann heißt es: Mund zu und Erde auf die Augen. -- -- Nun,

hoffentlich dauert es noch ein Weilchen,« ergänzte sie.

»Nachholen? Ja, -- aber -- die behaarte Riesin --?«

»Nun, wenn auch nur eine Riesin. Was meinen Sie denn, ob bei uns dahinten

auf dem Gut auch nur so eine gewesen wäre?! Nein, keine Spur! Das wäre ja

Sensation genug für lange hinaus gewesen. -- Natürlich gibt es auch noch

was Besseres als das. Natürlich. Man muß aber zufrieden sein, wie es sich

trifft; die besseren Treffer kommen auch noch.«

Sie konnte es den jungen Mädchen gut anmerken, daß sie nicht mehr recht

wußten, ob sie sich selbst ironisiere, oder ob sie von ihr zum Narren

gemacht würden. Wera Petrowna gefiel das ausnehmend; sie betrachtete aus

ihren klugen Augen die beiden Schwestern mit Wohlgefallen.

»Ja, ja, wenn ich auch noch so jung wäre. Herr du mein Gott!« sagte sie

und schob den Teller zurück.

»Dann würden Sie sich ohne Zweifel noch weit besser und viel mehr

amüsieren, nicht wahr?« äußerte Cita und zuckte bedauernd die Achseln.

»Nun sehen Sie, daran liegt uns trotz aller Jugend gar nichts.«

»Nein, meine lieben dummen Unschuldstäubchen, -- ich würde ins Kloster

gehen, ja, das würde ich!« behauptete die Alte, und ihr ganzes Gesicht

lächelte fein und spitzbübisch aus allen seinen Fältchen. »Ja, davon

habt ihr noch keinen Begriff,« fuhr sie auf der Mädchen erstaunten Blicke

fort und nickte ihnen zu, »so eine Jugend, die geht ins Zeug! Nun, wohl

bekomm's! Prosit Mahlzeit also!«

Sie stand auf, noch ehe Marianne, die geduldig dasaß und wartete, das

Zeichen dazu gegeben hatte.

Marianne wollte ja mit ihr noch allerhand Weihnachtsbesorgungen besprechen.

Und so viel sah sie recht wohl mit ihren beiden guten Augen: daß ihre

liebe Marinka auch heute ein bedrücktes Herz haben mochte. Aus irgend

einem Grunde, gleichviel aus welchem. Jedenfalls schienen heute selbst die

Kinder dagegen machtlos zu sein, deren Geplauder die Mutter sonst heiter zu

stimmen pflegte.

Ihr schien, daß sich Marianne nach Ruhe sehne, -- vielleicht nach einem

Alleinsein, das die jungen Mädchen grade in ihrer zärtlichen Sorge

vereitelten.

Als alles erledigt war, was zu besprechen gewesen, zog sie ihre Staatshaube

vom Kopf und bestand darauf, fortzugehen. Aber schon im Mantel und

Kapottehut mit zugebundenen Ohrenwärmern, klapperte sie noch einmal an

ihrem Stock in den »Spalt« hinein, wo die Schwestern soeben an Stanjkas

Statt den Tisch abgeräumt hatten.

»Also auf Wiedersehen, meine zwei Täubchen,« sagte sie, -- »wie ist

es nun? Ich bin eine alte Frau, die am Stock humpelt -- in meiner Jugend

würde man so eine nicht allein ins Menschengedränge haben gehn lassen, --

aber die junge Welt von heute --«

Cita und Sophie sahen sich verdutzt an. Sie blieben vor ihr stehn und

machten verlegene Gesichter.

»Ja, warten kann ich nicht!« entschied die Alte und schwenkte aufmunternd

ihren Beutel, »-- also, eins, zwei, drei: geht jemand mit mir ins

Sonntagsvergnügen bei der behaarten Riesin und dem zweiköpfigen Kinde, --

und wer?«

Im edlen Wetteifer, nicht der andern die lästige Pflicht aufzubürden,

riefen sie alle beide kleinlaut: »Ich!«

»Bravo! Bravo! Also alle beide!« lobte Wera Petrowna, und es zuckte dabei

ganz wunderlich um ihre Mundwinkel, in Güte und Bosheit zugleich; »-- nun

freilich! junges Volk ist eben junges Volk, wie ernsthaft es auch thut, da

sieht man wieder: es will sich amüsieren.«

Marianne that es leid, als sie die beiden Mädchen betreten hinter der

Alten fortgehn sah, indessen mochte sie ihr die so dringend provozierte

Begleitung nicht mißgönnen. Ihr Kopf schmerzte heftig, sie hätte sich am

liebsten mutterseelenallein in ein Zimmer mit verhängten Fenstern gelegt.

Aber eine innere Unruhe ließ es nicht zu. Mehr noch als nach Stille und

Vergessen sehnte sie sich nach einem Beistand.

Langsam ging sie durch die Wohnstube. Bei den hohen Blattpflanzen, ihren

gepflegten und geschonten Lieblingen, blieb sie einen Augenblick stehn.

Sie las ein welkes Blatt ab und schaute nach den harten, knollenförmigen

Knospen am Gummibaum.

Der Schreibtisch stand schön aufgeräumt. Neben den Schulheften lagen ein

paar kleine dünne Bücher, -- Kindergeschichten, mit neuem Buchschmuck

herausgegeben. Sie kosteten nur wenige Kopeken, und Marianne hatte sie voll

Entzücken gekauft. Fast immer lag hier dergleichen, als warteten immer

allerlei Kinderhände auf sie --.

So totenstill war es. Man war wie allein auf der Welt. Nichts von der

hastigen Geschäftigkeit der Wochentage in der Wohnung.

Es wollte ihr vorkommen wie ein Atemanhalten um sie her. Alle Dinge wurden

darin beredter, belauschbarer --.

Die Stille machte bange, sie war so selten allein.

Alle Dinge in dieser kleinen Wohnung liebte sie, ein jedes Stück darin

hatte sie mit zärtlichem Bedacht gewählt, -- nur was sie lieb haben

konnte, das hatte sie allmählich zusammengetragen.

Sie hatte gewünscht, diese Räume sollten mehr als wohnlich wirken, -- wie

Arme, die sich weit und warm erschließen.

Aber sie wirkten nur so, weil geliebte Menschen sie erwärmten. Weil immer

noch Sophie in ihnen ging und stand, lebte und lachte, -- weil Sophie in

ihnen die Mutter erwartete, wenn sie abends müde von der Tagespflicht

heimkam.

Wenn alle diese Liebesfülle keine Bethätigung mehr fand, dann konnte auch

keine Liebe mehr auf die Dinge überströmen. Sie blieben nicht länger

beseelt, -- sie entseelten sich, -- -- starben --.

Marianne fröstelte. Und plötzlich richtete sie sich entschlossen auf,

schritt in den Vorflur hinaus und nahm ihren Mantel.

Sie wußte wohl, was sie thun mußte. Einen Beistand brauchte sie. Sie

mußte, wie mit allem, so auch hiermit zu Tomasow. Mit ihm sich beraten,

ihn hören. Daß er da war, das war eine Zuflucht.

Aber in all ihrem Verlangen danach fürchtete sie sich zugleich, und mit

schwerer Hand machte sie sich fertig, zu ihm zu gehn. Sie wußte: zu den

weichen Tröstern gehörte er nicht. Ihm eingestehn, was sie heute quälte,

das hieß sich entscheiden --.

Draußen ruhte frostige Winterdämmerung, obschon es noch früh am

Nachmittag war. Der Wind machte es bitterlich kalt. Marianne durchquerte

einen Teil des Kreml; in dampfenden Wölkchen stieg ihr Atem und gefror zu

Tausenden winziger Eisperlchen an ihrem Pelzkragen fest.

Stumpf und leblos wölbte sich der dicke Schnee um alles ringsum, rundete

jeden Umriß, verwischte jede scharfe Linie. Hier und da klang ein

Glockenton an, -- wie im Traum, -- leise verhallend. Es war, als raune eine

Glocke der andern schlaftrunken etwas zu.

An manchen Kirchenthüren auf dem großen Kremlplatz lagerten Pilger oder

lehnten an den Mauern, auf ihren Pilgerstab gestützt. Marianne war

nicht in der Stimmung, um irgend etwas von der Außenwelt mit Interesse

aufzufassen, aber auf diesem Bilde blieb ihr Blick mit einer dunkeln,

unverstandenen Sehnsucht ruhen; über den zerlumpten Pilgern, --

über ihnen, die sich bis an die Thore der Gotteshäuser in vielleicht

wochenlanger mühseliger Wanderung durchgefroren und durchgehungert

hatten, lag eine solche kindliche Zufriedenheit. Man sah ihnen allen an, --

Greisen, Weibern, jungen Menschen: sie standen am Ziel -- da, wo sich alle

Wünsche erfüllen, und man alle Bürden abwirft, -- _zu Hause_ --.

Gern hätte auch sie ihre Füße wund gelaufen, um Frieden zu finden und

sich alles Schweren zu entlasten. Würde sie das erreichen, unter Tomasows

klugen und guten Worten? würde sie es bei ihm erreichen? In diesem

Augenblick glaubte sie es.

Bald war Marianne an seinem Haus angelangt. In einer ruhigen Straße stand

es, einstöckig und unscheinbar, hinter einem hofartigen Vorgärtchen.

An den Vorflur stieß ein großes Schrankzimmer, wo der Diener, Andrian,

sich aufzuhalten hatte, der, aus Tomasows Heimatsdorf gebürtig, ihm seit

vielen Jahren anhing, und auch alle Reisen ins Ausland mitmachte. Dies

Schrankzimmer erschien Marianne stets als der weitaus behaglichste

Raum zwischen den konventionell eingerichteten Empfangsgemächern im

Erdgeschoß. Vielleicht aus reiner Bequemlichkeit mochte Andrian hier alles

zusammengehäuft haben, was seiner speziellen Pflege oblag: eine stattliche

Reihe hoher Blattpflanzen, besonders mehrere prachtvolle Palmen, an denen

er unermüdlich herumspritzte und putzte; daneben hing am Fenster ein Bauer

mit einem singfrohen Kanarienvögelchen, Batjuschka »Väterchen« genannt,

mit dem Andrian sich den ganzen Tag über alles, was geschah, unterhielt.

Marianne ertappte sich auf dem Gefühl, das manchen von Tomasows Patienten

beschleichen mochte: lieber in diesem friedlichen Idyll von Palmenlaub

und Vogelgezwitscher verweilen zu wollen, als sich weiter zu wagen in die

Zimmer des Arztes.

Indessen noch hatte Andrian ihren Besuch nicht melden können, als bereits

Tomasow selbst erschien, sichtlich beunruhigt über ihr unerwartetes

Kommen. In Anwesenheit des Dieners that er keine Frage, sondern führte sie

gleich durch seine Bibliothek in die Studierstube.

Marianne ließ sich in den ersten besten Sessel sinken, hilflos zu ihm

aufschauend.

»-- Sophie will fort!« sagte sie unvermittelt, wie man mit geschlossnen

Augen blind losschießt.

»-- Hat sie es Ihnen gestanden?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das nicht -- --. Aber untereinander werden beide gewiß schon davon

geredet haben. So direkt sagt sie es nicht. -- -- Aber jetzt weiß ich:

erst neulich brachen beide ganz verlegen ein Gespräch ab, weil ich

unvermutet eintrat. Und ich -- meinte, es handle sich vielleicht nur um

Weihnachten --. -- -- Haben die Mädchen am Ende auch Ihnen -- --?«

»Nein,« entgegnete Tomasow.

Er war vor ihr stehn geblieben, gespannte Aufmerksamkeit im Gesicht,

während sie rasch und mit trockenen Lippen sprach.

»Nun, das ist gut,« fügte er jetzt hinzu.

»-- Gut --?!«

»Ja. Es mußte einmal zur Sprache kommen und zum Ausbruch, -- es war hohe

Zeit!« sagte er ruhig, »denn vorher ließ sich nichts machen, weil Sie

es nicht zuließen, Marianne. Obschon Sie es vor sich selbst verheimlicht

haben, nagte die Furcht davor doch schon unablässig leise an Ihren Nerven.

Das mißfiel mir längst. Aber nun ist es gut, daß es durchgekämpft

wird.«

Marianne hob ihren Blick angstvoll zu ihm auf.

»-- Ich kann aber Sophie nicht hergeben! -- -- Nein, nicht auch Sophie

noch -- --. Sie ist ja auch zart, sie bedarf meiner fortwährend -- -- Gott

sei Lob und Dank, daß sie meiner noch bedarf!«

Tomasow zog einen Stuhl heran.

»Nun lassen Sie einmal sehen, Marianne! Jetzt bitte ohne alle Hinterhalte.

Wie ist es denn mit Sophie? Sie machen doch ihrer Freude am Studium die

weitgehendsten Konzessionen. Sie veranlaßten mich noch selbst, ihrem

Verlangen nach ganz bestimmten Fachbüchern nachzugeben --«

»Ja,« sagte Marianne hastig, »so ist es ja auch. Weil doch ihr Interesse

grade hierfür alle übrigen Interessen so entschieden überwuchs. Und wenn

ich nun bedenke, daß Sophie die höhern Kurse besucht, und daß sie Sie

zum Berater hat und vorwärts lernt, so viel sie nur will, -- ist es damit

nicht genug? Muß sie durchaus auf den praktischen Arzt studieren, -- muß

sie von mir fortgehn --?«

Tomasow zuckte scheinbar erstaunt die Achseln.

»Nein, selbstverständlich muß sie das keineswegs. Sie beruft sich dabei

einfach auf ihr Reifezeugnis zum Universitätsbesuch und auf ihre Neigung,

so zu handeln. Beides braucht ganz und gar nicht den Ausschlag zu geben.

-- Indessen: ob ich sie für genügend befähigt dafür halte, ob mir die

Sache aussichtsvoll erscheint, -- auch das haben Sie doch schon nebenher

von mir zu erfahren gesucht, Ma.«

Marianne entgegnete heiser: »Ja, aber umsonst. -- -- -- Verstehn Sie

denn nicht, Tomasow: ich wollte wissen, wie Sie sich selbst insgeheim dazu

stellen, -- wie Sie selbst -- eventuell -- in meiner Lage handeln würden.

Aber Sie antworteten stets nur auf ganz bestimmte praktische Fragen,

eingehend und gewissenhaft. Dabei erfuhr ich das mir Wesentliche nicht.«

Tomasow erhob sich. Er antwortete zurückhaltend: »Nein, natürlich nicht.

Denn abgesehen von den möglichen praktischen Ueberlegungen, gibt es da

eben keine letzte, objektiv gültige Entscheidung. Was ich thäte, wenn

ich Töchter hätte, kann ich nicht so abstrakt von vornherein feststellen,

vielleicht -- möglicherweise -- wäre meine Erziehung der Ihrigen sogar

entgegengesetzt von allem Anfang an. Vielleicht wäre sie weltlich, oder

philiströs, oder gleichviel wie! Ganz genau aber kann ich feststellen, was

_Sie_ thun werden, -- Ihrem ganzen Sein und Wesen nach, und das hätt

ich Ihnen längst sagen können, wenn Sie es hätten hören wollen. Und

offenbar, wenn ich nicht völlig irre, kamen Sie jetzt auch nur dazu

hierher: nicht um meine Meinung zu erfahren, sondern um -- nun, um eine

letzte kleine Feigheit zu überwinden, die Sie bisher noch hinderte, sich

selbst anzuhören.«

Marianne sprang nervös auf.

»Wie reden Sie denn nur! Sie quälen mich!« murmelte sie gereizt, die

Stimme voll Thränen.

Seine Augen richteten sich mit einem eindringlich forschenden Blick auf

sie.

»Ich weiß, daß ich das thue!« sagte er ernst. »Und ich weiß auch,

daß Ihre Nerven grade heute um Schonung schreien. -- Und nun hören Sie

mich an, Marianne, und zwar ganz getrost, denn ich kann Ihnen wirklich

helfen, wenn Sie nur wollen. Ich schlage vor: überlassen Sie die ganze

Sache mir. Ueberlassen Sie es mir, Sophie von ihren hochfliegenden

Wünschen zu kurieren. So gänzlich zu kurieren, daß sie nie wieder Lust

nach dem ärztlichen Studium und Beruf verspürt. Wollen Sie?«

Marianne sah ihm ungläubig in die Augen.

»Wie sollte das wohl möglich sein? Womit könnten selbst Sie das

erreichen?«

»Das ist meine Sache. Für das Gelingen steh ich ein.«

Ein seliger Hoffnungsschimmer überflog ihr Gesicht, aber so zaghaft noch,

daß es ihn rührte.

»Aber -- warum hätten Sie das dann nicht längst gethan?!«

»Warum? Nun offenbar darum, weil Sie ja für die Pläne und Interessen

Ihrer Kinder nicht nur Nachsicht zeigen, sondern sie gradezu -- in Ihrer

unnachahmlichen Art, Ma, -- heilig halten, ängstlich bemüht um die

geistige Eigenart jedes einzelnen.«

Marianne sah sehr unruhig aus.

»Ja, das ist doch aber auch das einzig Richtige? -- Sie sprechen ja

jetzt doch wohl nur davon, Sophie rechtzeitig in wirklich bestehende und

unausweichliche Schattenseiten Ihres Berufes einzuweihen --?«

Tomasow schwieg einen Augenblick.

»Meine liebe Ma!« versetzte er dann. »Die Dinge sind nun einmal, als was

sie uns erscheinen. Suggestion ist schließlich alles. Ich halte mich für

sehr wohl im stande, stärkern Wesen als ein Mädelchen wie Sophie ihr

Studium für alle Ewigkeit hinaus zu verekeln, unerträglich zu machen,

-- und ebenso bürge ich dafür, daß ich ein viel zarteres kleines

Menschenkind, als sie ist, mit etwas Kraftaufwand durch alle

Schwierigkeiten und Fährlichkeiten derselben Sache mit Erfolg

hindurchbringen würde.«

Marianne machte eine hilflose Bewegung. Sie suchte nach Worten, --

lehnte sich innerlich auf gegen die Worte, die ihr kamen, -- und endlich

entschlüpfte es ihr leidenschaftlich: »-- Nein -- o nicht! Sophie nichts

anthun! Nichts Hemmendes, nichts Arges --. Nichts gegen ihr Wachstum,

nichts gegen ihre Kraft und Freudigkeit --,« sie unterbrach sich und hielt

erschrocken inne.

»... nichts gegen ihren Wunsch, fortzugehn --?« ergänzte Tomasow.

»Also doch!« murmelte er, als sie darauf nichts antwortete.

Er nahm ihre Hand in die seine, küßte sie fast unwillkürlich und hielt

sie fest, während er sich dicht über Marianne neigte: »Kind! Jetzt

haben Sie sich richtig selbst in die Entscheidung hineingestoßen, -- jetzt

besiegen Sie auch die Angst, die Sie haben, weiter zu sprechen. Sehen Sie

nun ein, wie wenig es hilft, Ihnen helfen zu wollen? Sie laufen ja doch

gradeswegs in das hinein, was Ihnen das Schwerste ist und Sie ängstigt.

Und eben deshalb muß es entschieden sein! Dieser hingezogene Kampf ist ein

Wahnsinn. Verwerfen Sie meinen Vorschlag von vorhin, so siegt Sophie. Soll

sie das --? Soll sie gehn dürfen, oder soll sie bei Ihnen bleiben --?«

»-- Gehn!« sagte sie und brach in ein bitterliches Weinen aus.

Tomasow ließ sie mehrere Minuten gewähren.

Er atmete tief auf und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Sein Gesicht

behielt dabei den gespannten, aufmerksamen Ausdruck.

Dann kam er wieder zu Marianne. Er zog ihr leise, mit sanftem Zwange die

Hand von den Augen, die sie verdeckt hielt.

»Nun ist es aber genug!« äußerte er lächelnd, »zeigen Sie Ihren

Nerven den Herrn. -- Wollen Sie nicht eine Tasse Thee nehmen? Sehen Sie,

dort steht das ganze Geschirr noch, -- ich war grade dabei, als Sie kamen.

Zur Strafe trinken Sie ihn nun kalt, natürlich.«

Sie gehorchte mechanisch und ließ sich ein wenig Thee eingießen, in den

Tomasow aus einem Arzneifläschchen ein paar Tropfen mengte.

Dann überließ er sie wieder sich selbst und nahm den Spaziergang im

Zimmer von neuem auf.

Aber Marianne erhob sich vom Eisbärfell.

»Es ist spät geworden. Ich will nach Hause gehen,« sagte sie mit einer

leisen Stimme, »die Kinder sind gewiß schon zurück und warten erstaunt.

Sie waren nur für kurze Zeit mit Wera Petrowna ausgegangen.«

Tomasow blickte auf die Uhr.

»Wie Sie wollen, Ma. Vielleicht ist es so am besten. Indessen -- sind Sie

jetzt auch schon dazu im stande? Sind Sie Ihrer selbst ganz sicher? Ich

lasse Sie nicht fort, ehe ich das genau weiß.«

Und als Marianne ihn müde fragend ansah, fügte er hinzu: »Ihrer Töchter

halber ist es notwendig, daß sie ihre Mutter in dieser Angelegenheit

fest und sicher auftreten sehen. Als eine Autorität -- nicht wie ein

hingeschlachtetes Opferlamm. -- Darum müssen Sie es sein, Marianne, die

entschlossen die Initiative ergreift.«

»-- Ich soll selbst --?« murmelte Marianne.

»Ja. Das ist notwendig, und zwar sofort. Lassen Sie die Ungewißheit keine

Stunde länger anstehen. Lassen Sie sich keinen Raum zu Beängstigungen und

Traurigkeiten dazwischen. Bringen Sie noch heute -- heute noch! die Sache

zur Sprache und Entscheidung.«

»-- Heute?!« wiederholte sie erschreckt.

Sie war tief erblaßt.

Tomasow ergriff ihre Hand und nahm sie in seine beiden Hände. Er sagte

ermutigend: »Versuchen Sie es nur! Bleiben Sie nicht mitten im Kampf

stecken, der Ihren Nerven stündlich härter zusetzen wird -- überstehen

Sie es schnell ganz. Hinterher kommt die allheilende Ruhe. -- Glauben Sie,

daß Sie es mir versprechen können?«

»Ja. Ich will es thun,« sagte sie traurig.

»Dann lasse ich Sie ruhigen Herzens fort. -- Wenn Sie erlauben, geleite

ich Sie selbst an einen Schlitten,« bemerkte Tomasow und führte Marianne

durch die Bibliothek hinaus.

Er schellte nicht dem Diener, sondern gab ihr selbst den Mantel um.

Marianne that seine Art so wohl, wie einem leise umsorgten Kinde.

»Ich bin ganz zerschlagen und wund,« meinte sie mit einem mühsamen

Lächeln, »aber ich danke Ihnen, Tomasow.«

»Ach, Ma --« er stockte und murmelte: »Wenn Sie nur -- wenn Sie

wenigstens ohne Groll herdenken. Es ist eine schändliche Aufgabe, die

mir wiederholt zufällt, Ihnen weh thun zu müssen, Sie zu etwas Hartem

ermannen zu müssen. -- Die Erleichterung wird auch diesmal nachkommen, ich

hoffe es mit Bestimmtheit. Aber die Ueberwindung ist deshalb nicht minder

schwer.«

Marianne schwieg. Sie stand, fest an ihn gelehnt und schloß die Augen.

Nein, so feige würde sie doch nie sein, sich nicht immer diesem

unbestechlichsten aller Freunde mit ihren Nöten und Schwächen

anzuvertrauen, weil er streng gegen sie war! Ein großer Dank gegen ihn

stieg in ihr auf. Wenn nur er ihr blieb --!

Tomasow verstand die stumme Antwort vollkommen.

Er öffnete die Thür und rief Andrian zu, einen Schlitten vor das

Gitterthor zu winken.

Dann geleitete er Marianne durch den verschneiten Vorgarten, half ihr

einsteigen und knüpfte ihr die Felldecke um die Kniee.

»Ich bin heute viel aus,« bemerkte er dabei, -- »darf ich gegen Abend

für einen einzigen Augenblick bei Ihnen vorsprechen? Mich überzeugen, wie

alles steht --?«

Marianne nickte. Sie wußte, wovon er sich überzeugen wollte --. Dann also

mußte es schon geschehen sein --. Ihr schlug das Herz stärker bei dem

Gedanken.

Als der Schlitten fortfuhr, ging Tomasow langsam ins Haus zurück.

Andrians Gesicht strahlte, er freute sich immer, wenn er Marianne sah, denn

es kam vor, daß sie sich von ihm Geschichten aus dem Dorfleben erzählen

ließ, und das war ihm das Höchste. So erfuhr sie manche Einzelheit aus

Tomasows Kindheit, der als kleiner Bursche, zu Besuch beim Großvater, --

einem echten alten Bauern, -- mit Andrian noch barfuß umhergelaufen war.

»So ein Mütterchen, -- wirklich, so ein prächtiges!« entschied

Andrian, und sah seinen Herrn lächelnd an, während er seine schwachen

kurzsichtigen Augen zukniff, die der Schnee blendete. Ganz wie sein Herr

trug er einen Kneifer, wenn auch keinen goldnen, und nur einen mit dunkelm

Schutzglas. Er fühlte sich sehr stolz auf diesen Kneifer, und kam sich

darin ganz wie ein Ausländer vor.

Tomasow würdigte Andrian keiner Antwort. Er ging schweigend in sein Zimmer

hinüber und ließ den Thee forträumen.

Nachdenklich schritt er dabei auf und ab.

Ma: Ein Porträt · 第 6 / 11 段