»Mehr als Freiheit: Heimat,« sagte sie unwillkürlich.

Hugo Lanz sah sie fragend und wie erwartend an. Ihre Art und Weise nahm ihn

leise gefangen.

»Ich meine,« versuchte Marianne zu erklären, »niemand braucht so sehr

als er breitesten Spielraum, weil alle seine Bewegungen unberechenbarer,

unbezwingbarer sind, als die irgend welcher andern Entwicklung. Aber

in seiner angebornen Sensitivität, in seiner fast hilflosen

Eindrucksfähigkeit hat er zugleich, wie niemand anders, Furcht vor der

Fremde. Seine Freiheit mag sich noch so breit strecken wollen, aber an den

äußersten Grenzen seiner Freiheit, da muß er Heimat um sich fühlen, --

eine Welt, der er vertraut.«

Aus dem Klang ihrer Stimme vibrierte etwas, als wenn sie jedes ihrer Worte

aus tiefen, warmen Glückserfahrungen hebe. Weniger in den Worten selbst,

als in diesem Stimmklang lag etwas Suggestives, was Hugo Lanz ergriff.

»Das ist so nur in einem Paradies!« rief er. -- »In Wirklichkeit gibt es

das nicht,« setzte er traurig hinzu.

Marianne widersprach nicht.

Sie schwieg, doch ihre Augen widersprachen. Sie leuchteten in so ruhigem

Glanz und wendeten sich unwillkürlich dem verschlossnen Rahmen auf dem

Schreibtisch zu.

Da vernahm man von der Thür her Gelächter.

Die Mädchen kehrten zurück, jede mit einer vollgefüllten Tasse in

der Hand. Den Blick starr auf ihre Tassen geheftet, deren Inhalt

überzuschlagen drohte, näherten sie sich langsam und feierlich dem

Schreibtisch, neben dem die Mutter auf ihrem gewohnten Lieblingsstuhle

saß.

»Thee schmeckt bei weitem schöner und regt an, hat Ma stets gesagt,«

behauptete Sophie.

»Kakao ist ihr bei weitem gesunder, hat Doktor Tomasow stets gesagt,«

behauptete Cita, »-- und zwischen dem Schönen und dem Guten, Nützlichen,

wirst du doch nicht lange zaudern, Ma! Bedenke auch, welche schlechte

Einwirkung ein böses Beispiel auf uns haben, könnte.«

»O du überredest, das ist gegen alle Abmachung!« rief Sophie voll

Unwillen.

»Ein Jurist überredet nie genügend, Sophie! -- Also: erst jedenfalls das

Schöne, -- und dann auch noch das Gute, Nützliche,« entschied die Mutter

sofort und zog lachend alle beiden Tassen zu sich heran.

Cita hockte sich auf die Seitenlehne ihres Lutherstuhles.

»Du unmoralische Mutter!« sagte sie.

Hugo Lanz hatte sich beim Eintritt der Mädchen erhoben. Er sah ganz

zerstreut aus. Ihm erschienen mit einemmal alle beide doch noch recht

kindisch, ohne daß er ahnte, wie außerordentlich damit sein Urteil in der

Richtung fehlging.

Wohl empfand er den heitern Reiz der kleinen harmlosen Familienscene,

aber ihm schien, daß alles Intime dieses Reizes doch ganz und gar nur von

dieser köstlichen Frau mit der jungen Stimme und den mütterlichen Augen

ausginge.

»Wollen Sie wirklich schon gehn?« fragte Marianne freundlich, als er sich

jetzt ehrerbietig von ihr verabschiedete. »Nun, ich danke Ihnen noch für

die überbrachte Einladung. Und seien Sie uns hier zwanglos willkommen,

falls einmal Weg und Stimmung Sie bei uns vorüberführen.«

»-- Ja, gnädige Frau, wenn ich das dürfte, -- dann danke ich Ihnen von

ganzem Herzen dafür, aber --« er stockte, »-- dann lassen Sie mich nicht

als einen Fremden kommen und gehn, denn das -- das würde ich nach diesem

kurzen Gespräch schon nicht mehr ertragen,« fügte er leiser, sehr rasch

und, im sichtlichen Kampf gegen seine eigne Schüchternheit, fast heftig

hinzu.

Die Bitte, wiederkommen zu dürfen, hatte er vor einer Stunde erst der

Töchter wegen an sie richten wollen --.

Marianne gab keinen Bescheid in Worten, aber er empfand ihr ganzes Wesen

als eine Antwort. Mit Bestimmtheit fühlte er, daß er von heute an hier

nur noch einkehren würde, wie man bei einer Mutter einkehrt, und nur

allein ihretwegen.

Als er sich beim Abschied über ihre Hand beugte, gab ihm Marianne

unwillkürlich jenen Stirnkuß, auf den nach russischer Haussitte der

Gast Anspruch hat. Und als er sein Gesicht erhob, lag eine so dankbare

Kindlichkeit auf seinen jungen Zügen, daß sie Marianne rührte.

Sobald sich die Zimmerthür hinter ihm geschlossen hatte, bemerkte Cita mit

einem Lächeln: »_Der_ sah dich ja aber mal eben kurios an, Ma. Weißt du,

wie? Ungefähr so, wie wenns ihm schlecht ginge, und er dir gleich den Kopf

in den Schoß wühlen möchte, um dir zu beichten und von dir getröstet zu

werden.«

Sophie mußte lachen.

Cita fuhr, nicht ganz frei von Spott, fort: »Ja, sind Männer nicht

eigentlich höchst wunderliche Pflanzen? So etwas Unmännliches sind sie,

scheint mir. Es klingt gewiß dumm, aber sag selbst, Ma! Könntest du dir

leicht vorstellen, daß ich irgend jemand so -- so hilfsbedürftig ansähe?

Nein, im Gegenteil: kerzengrade würd ich mich grade dann recken. -- --

Alles andre ist eben Schwäche.«

Marianne lächelte fein.

»Nicht notwendig Schwäche. -- -- Schwere Aehren stehn auch nicht

kerzengrade,« sagte sie.

Aber in ihrem Innern empfand sie bei Citas Worten einen heimlichen Stich.

Cita, ihr tüchtiges, kernfestes Mädchen! Sie konnte ihr vertrauen und mit

ihr reden über alle Sorgen und Nöte, fast wie mit einem klugen Freunde,

ja fast wie mit einem Mann --.

Ja, das alles konnte sie. Aber -- den Kopf noch einmal

anschmiegungsbedürftig in Mas Schoß wühlen, das würde Cita doch wohl

nie mehr --.

Sophie hatte sich ans Fenster gestellt. Sie sah Hugo Lanz, der aus dem

Hause herausgetreten war, unten über den Fahrdamm gehn. Er sah schlank und

fein aus in der dunkeln Pelzmütze und trotz des Pelzes, der alle Konturen

vermischte. Eigentlich gefiel er ihr doch sehr gut, viel besser, als sie es

Citas Spottlust einzugestehn wagte.

Jetzt äußerte sie aber doch:

»Du, -- den mag ich trotzdem gern. Warum soll er auch Ma nicht angucken,

wie er will? -- -- Ich habe mich mit ihm schon prachtvoll unterhalten,

neulich in der Gesellschaft, ehe du hier warst, Cita. Ich erzählte ihm von

den höhern Mädchenkursen, und dann, daß mich die Naturwissenschaften so

sehr interessieren, -- daß ich aber noch weit lieber ein Arzt würde, --

grade wie Doktor Tomasow.«

»Aber das alles sind ja dem jungen Dichter völlig gleichgültige

Beschäftigungen, Sophie,« meinte Cita und trug die Tassen der Mutter

hinaus.

»Die Beschäftigungen an sich: ja!« gab Sophie kleinlaut zu und schaute

noch immer angestrengt einem dunkeln Punkt in weiter Entfernung -- einer

Pelzmütze -- nach, obschon sie nicht mehr ganz sicher war, ob es nicht

längst eine andre Mütze auf dem Kopfe eines andern sei. »Aber,« fuhr

sie eifrig fort, »auf die Art der Beschäftigung kommt es auch nicht

an, sondern darauf, daß er _auch_ hinausstrebt, -- fort, hinaus! Mit dem

einzigen Unterschied, daß er das infolge von Gedichten thut. Das schadet

aber doch nichts. Die Hauptsache haben wir doch gemeinsam. Auch ihm ist

eng, auch er hat allerlei Träume, die er kaum zu Hause zu nennen wagt, --

auch seine Pläne lassen sich nun einmal nicht zu Hause verwirklichen. Und

seine Familie, -- die hält ihn. Wie sollten wir da nicht sympathisieren?!

Wie sehr kann ich ihm doch das alles nachfüh--.«

Sie stockte jäh.

Die Nase an die Scheibe gedrückt, hatte sie ganz vergessen, wo sie sich

eigentlich befand. Ihr ward plötzlich erst bewußt, was sie da sagte.

Cita konnte es überhaupt nicht mehr hören, die war ja eben mit den beiden

Tassen hinausgegangen.

Aber da, im Luthersessel vor dem Schreibtisch, mit dem Gesicht grade zum

Fenster, da saß, Sophie im Rücken, ganz schweigsam -- Ma --

Einen Augenblick lang, einen Augenblick nur, war ihr Ma wirklich ganz und

gar aus dem Gedächtnis entschwunden gewesen.

Wohl eine volle Minute stand Sophie wie erstarrt. Sie bekam ein Gefühl,

als wär es noch besser, sich mit ihrer kleinen Nase ganz durch das

Fensterglas durchzubohren, um nie, nie wieder die Augen zurückwenden zu

müssen.

Ihr Herz schlug heftig, sprunghaft, die Lippen wurden ihr trocken. »Arme,

süße, liebe Ma!« dachte sie außer sich, voller Wut.

Plötzlich drehte sich Sophie gewaltsam um, zu ihrem eignen Schreck. Sie

sah das Zimmer vor sich wie im Nebel. Sie lief auf die Mutter zu, fiel vor

ihr auf die Kniee und umhalste sie wortlos, stürmisch.

»Ach Ma, -- dummes Zeug -- solch dummes, -- ich benutzte unwillkürlich

seine Worte, -- weißt du: einfach seine Worte -- sie passen ja auch einzig

und allein für ihn, alle, alle diese Worte!« stammelte sie endlich, ganz

in Thränen, und dann lachte sie fast ein wenig, verlegen und sonderbar.

Marianne herzte sie ganz leise.

»Aber -- du wildes Mädchen, -- wie kann man sich dermaßen erregen!

Viel zu leicht erregt bist du, weißt du das? Du mußt dich besser

zusammennehmen. -- Komm, sei nun wieder ruhig und mein liebes altes heitres

Kind, -- ja?«

Sophie hob den Kopf. Bei diesen sanften Worten verflog langsam ihr Schreck,

sänftigte sich auch ihre Reue. -- Vielleicht hatte Ma gar nicht so genau

hingehört vorhin -- --.

Marianne strich ihr liebreich über das schimmernde blonde Haar. Ihre Augen

aber schauten großgeöffnet über ihr Kind hinweg.

Dann stand sie auf.

»Man braucht nur ein wenig wieder ›daheim‹ zu sein, um gleich wieder

zu vergessen, daß es auch noch ein ›Draußen‹ mit allerlei Pflichten

gibt, -- ich muß ja fort,« sagte sie zu Cita, die eben eintrat und einen

heimlich verwunderten Blick auf das thränenfeuchte, gerötete Gesicht der

Schwester warf.

»Ach, mußt du schon gehn, Ma? Ist es nicht zu früh?« Cita holte schnell

den Pelz und die Ueberschuhe vom Vorflur herein. »Komm, ich helfe dir! Du

wirst wohl von Tante Ottilie später nach Hause kommen, als wir.«

»Wohl nur wenig später,« meinte Marianne, »und ihr wißt: wer zuerst

kommt, geht schlafen, ohne zu warten, -- nach unsrer alten Verabredung.«

»Es ist aber wirklich noch viel zu früh, deine Stunde fängt viel später

an,« murmelte Sophie, die der Schwester Mas Ueberschuhe hastig aus der

Hand gezogen hatte. Sie kniete mit ihnen zu Füßen der Mutter, um sie ihr

anzuziehen.

Marianne ließ es schweigend geschehen.

»Lebt wohl, ihr Kinder, und vergnügt euch so gut wie möglich! Der Himmel

ist jetzt klar, und ich denke, ihr bekommt herrlichen Sternenschein zu

eurer Ausfahrt.«

Sie sagte es einfach und harmlos. Aber die Art, wie sie beide noch einmal

küßte, war voll unterdrückter Leidenschaftlichkeit. Rasch ging sie fort.

Die reine kalte Winterluft draußen that ihr wohl. Ihr war das Herz

plötzlich so schwer geworden, so bange und schwer.

Einen Augenblick lang, vorhin, fühlte sie deutlich, -- so deutlich wie in

einer grellen höhnischen Beleuchtung, die sie blendete und verwirrte, --

ihre beiden Kinder fern von sich: die eine lebenssicher, im Grunde fertig,

nur noch ein Gast im Mutterheim, und die andre -- ja, die andre sich

sehnend, -- sich von ihr hinwegsehnend.

Es war in der That noch nicht die Zeit für die beiden Privatstunden,

die sie, ganz in der Nähe von Ottiliens Wohnung, in einem reichen

Kaufmannshause zu geben hatte. Es hatte sie nur nicht länger gelitten, mit

ihrer wehen Angst, unter den Augen der Kinder.

Marianne ging einige Straßen weit in der Richtung auf ihr Ziel, dann blieb

sie unterwegs vor einem Stift für arme Frauen stehn. Von zwei kleinern

Nebenbauten flankiert, lag es lang und flach hinter einem grün

angestrichenen hölzernen Zaun.

Noch ehe sie sich überlegt hatte, ob sie eintreten wolle, war sie bereits

aus einem Fenster des Erdgeschosses von derjenigen bemerkt worden, der ihr

Besuch galt.

Kaum stand sie im steingepflasterten Flur, der die ganze Mitte des Hauses

durchschnitt, als sich auch schon eine der vielen Zimmerthüren zu seinen

beiden Seiten öffnete, und die ihr wohlbekannte energische Stimme auf

russisch erfreut herausrief: »Willkommen! Willkommen! Frau Marinka!«

Aus dem Hintergrunde des Flurs, wo dieser in ziemlich dunkle Küchenräume

zu münden schien, quoll starker Dampf und Speisegeruch. Eine dralle Magd,

mit aufgekrempelten Aermeln und in Bastschuhen, schlürfte vorüber.

Aber im Zimmer selbst, das Marianne betrat, war es, trotz seiner rohen

grellbunten Tapete und den ungestrichenen Dielen, nicht unbehaglich. Wer

hier eigne Möbel um sich aufstellen konnte, entbehrte nicht ganz eines

gewissen Komforts.

Aus einem Sessel am Fenster hatte sich eine große, starkknochige

Sechzigerin erhoben und ging Marianne belebt entgegen, wobei sie sich auf

einen Stock stützte.

»Nun, meine Liebe, das ist wirklich aufopfernd von Ihnen, -- ich wäre

Ihnen auch längst auf dem zugkalten Flur entgegengelaufen, aber, Sie

wissen: die dumme Gicht! Und Doktor Tomasows Verbot! -- Setzen Sie sich,

meine Einzige; was kann ich Ihnen anbieten: Thee, Obst, Schokolade, Konfekt

oder etwa kaltes Rebhuhn?« -- fragte sie, in rascher, lebhafter Rede, mit

der Miene einer Schloßfrau, die bewirtet; zugleich hob sie den Krückstock

und deutete damit auf die verschiedenen Stellen im Zimmer, wo die

angebotenen Herrlichkeiten ihren Platz gefunden hatten.

Marianne mußte lächeln, sie sah um sich. Ja, da standen in der That

allerlei Leckereien, -- die guten Bekannten hatten sie gebracht.

»Ach, Wera Petrowna, das ist ganz gut, aber daß Sie hier wohnen müssen!

Sie sollten es jetzt besser haben: hat Tomasow Ihnen von der neuen billigen

Pension erzählt?«

Wera Petrowna lachte voll Nichtachtung und zeigte dabei ihre starken,

gelblichen, wohlerhaltenen Zähne.

»Thorheit, meine Liebe, Thorheit!« sagte sie und zog Marianne neben sich

auf das große, mit verblichener geblümter Wolle überzogene Sofa. »Von

meinem winzigen Gelde kann ich auch in der billigsten Pension nicht leben.

Armenstift, -- das ist Vorurteil. -- Und Konfekt und Rebhuhn, das ist ja

recht schön, aber wenn meine Verwandten glauben, daß sie mich dadurch

ködern und willfährig machen können, -- daß ich deshalb bei ihnen

irgendwie als gute Tante unterkriechen würde! -- Ich esse einfach die

guten Sachen, und komme doch nicht.«

Die Alte wußte ganz gut, welch schmerzlicher Stein des Anstoßes ihren

ansehnlichen Verwandten ihr »Schloß« war, wie sie das Armenasyl nannte.

Sie nahm bedächtig eine Prise.

»Kommen Sie nicht vielleicht morgen zu uns zum Frühstück?« fragte

Marianne. »Heute habe ich knapp Zeit, aber dann könnten wir von den

Weihnachtseinkäufen plaudern. Ich weiß schon, daß Sie so gut sind,

mir mancherlei Besorgungen abzunehmen, -- ich komme ja erst dicht vor

Thorschluß dazu.«

Wera Petrowna nickte.

»Ja, so gut bin ich, -- sehr gern, thu ich sehr gern. Sie wissen ja, wie

für mein Leben gern ich in den schönen Läden herumflankiere. -- Mit

einigen blanken Rubeln oder ein paar Papierscheinchen lauter gute

Dinge ansehen und bestellen, -- nun, und die Verkäufer, die haben auch

höllischen Respekt vor meinen scharfen Augen und müssen herzeigen,

worauf ich mit dem Stock weise, -- und sollten sie sich selbst beim

Hinundherklettern den Hals verrenken.«

»Aber reinen Mund vor den Kindern!« warnte Marianne.

»Natürlich. Freue mich recht, morgen die beiden wiederzusehen. Sah die

Cita ja lange nicht. Und sie sind beide so recht hübsch zum Ansehen, --

nun, auch zum Sprechen gut, wirklich sehr gut. Schade, zu denken, daß so

was bald weggeheiratet wird. Schade, schade.«

»Ganz so pessimistisch urteile ich darüber nicht, ein solches Fortgehn

ist nicht das schlimmste Fortgehn,« sagte Marianne leise.

»Nun, ist vielleicht auch wahr. Wenn ich so denke, wie es mir erging.

Verschlagen ins ärgste Gutsleben in entlegenster russischer Provinz --

vom ersten Tage der Ehe an. Und hineingekommen mitten aus der feinsten

städtischen Erziehung, -- ja, alles, was wahr ist: mitten aus den feinsten

Pensionaten und voll von allerlei Bildungsbedürfnissen. Und trotzdem --

was meinen Sie wohl? -- trotzdem hab ich doch diesen Menschen bis an seinen

Tod angebetet, diesen prachtvollen Jungen, meinen Mann! Konnte er etwa mehr

als Gutsarbeit, Trinken, Spielen --? Nein, keine Spur! Und brutal war er

auch, wenn er nicht grade zärtlich war. Was that mir das alles? Tottreten

hätt er mich dürfen! -- -- Nun ja, Leidenschaft ist blind und taub, das

weiß man ja, -- und mitunter ist sie auch unglaublich dauerhaft dabei,

-- das muß wahr sein. -- -- Die längste Zeit des Lebens ist man einfach

verrückt.«

Es klang fast cynisch. Marianne kannte diesen Ton. Aber auch das kannte

sie: daß Wera Petrowna dasaß und durch ihr lebhaftes Erzählen von irgend

etwas Marianne von der Unterhaltung enthob, weil sie merkte, wie wenig

Marianne, ihrer lieben »Marinka«, nach Unterhaltung zu Mute sei. Und was

merkte sie nicht? Gewiß schon bei den ersten Begrüßungsworten hatten

diese hellgrauen fast ironisch blickenden Augen alles, was sie wollten,

gesehen.

Wera Petrowna griff nach einem frisch angebrochenen Zigarettenkästchen und

machte Feuer.

»Geschenk von meinem Neffen!« bemerkte sie kurz. »Und Sie rauchen noch

immer nicht? -- -- Wird auch noch kommen, meine Einzige, wird auch noch

kommen. Wissen Sie überhaupt: alle wahren Genüsse kommen im Alter, -- und

so weit sind Sie eben noch immer nicht, Sie Aermste. -- Da hat man nämlich

erst die Ruhe dazu, -- ich meine: so die inwendige Ruhe. Man hat

kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt nicht alles so wahnsinnig

persönlich, woraus ja doch allein alle schrecklichen Schmerzen kommen. --

Nun, ich will Ihnen übrigens alle diese spannenden Vorteile nicht vorweg

erzählen, Sie erleben sie ja auch noch. -- Es ist wirklich zu schön,

sagte der Bauer, und da ließ er sich zur Ader, so lange, bis er

starb --.«

Sie lachte auf und rauchte wie ein Schornstein.

Marianne sah nach der Uhr.

»Jetzt muß ich zur Stunde,« sagte sie bedauernd, »also auf morgen. Wie

gut und ruhig sitzt es sich bei Ihnen, man ruht aus.«

»Ja, mein Täubchen, wollten Sie nur noch bleiben, -- ich würde gern das

Maul halten; übrigens, ich begleite Sie, wenn Sie erlauben. Fahre mit der

Pferdebahn von der Ecke an in der Richtung der Schmiedebrücke. Ich habe,

weiß Gott, hier nichts zu thun. -- Für gestern abend bekam ich richtig

noch ein überzähliges Theaterbillett zugesteckt. Ein Lotterleben führt

die Alte, was?«

Sie erhob sich schwerfällig und streichelte Marianne liebkosend die Wange.

»Ein Leben, um dessen Frische und Elastizität der Jüngste Sie beneiden

muß,« versetzte Marianne, »wer von uns würd es an Ihrer Stelle wohl

ohne Trübsal aushalten -- bei diesem Mangel an dem Ihnen gewohnten Behagen

und Ueberfluß?«

Wera Petrowna hatte ihre Haube von dem ganz dünnen grauen Haar

heruntergenommen und band sich umständlich einen wattierten Kapottehut,

mit Ohrenklappen für den Wind, auf dem Kopf fest.

»Behagen? Da hust ich drauf!« antwortete sie derb, und es wetterleuchtete

von Spott über ihren scharf geschnittenen Zügen; »was schert mich denn

das bißchen Behagen? Eiderdaunen und Tischporzellan, fette Braten und

Dienerschaft rechts und links, bis man sich nicht mehr rührt noch regt,

sondern irgendwo einschläft. Mit all dem Behagen haben wir uns da hinten

auf dem Gut gestopft, wie Mastgänse. Das Behagen quoll uns direkt zum

Halse heraus. Aber das Leben stand mir still, -- all mein Leben, bis auf

das eine verliebter Leute. Nun bin ich als Mastgans alt geworden, aber vom

Leben will ich noch schnell was mitnehmen, soviel eben eine alte Gans noch

begreift.«

Sie ließ sich von Marianne in ihren Pelz helfen, versorgte sich reichlich

mit Zigaretten und klapperte mit ihrem Stock auf den steinernen Flur

hinaus.

Sie gingen nur ein kleines Stück gemeinsam, bis zu der Pferdebahn.

»Sehen Sie, da kommt sie schon!« sagte Wera Petrowna mit

innigem Vergnügen und wies mit ihrem Stock auf den herannahenden

Straßenbahnwagen: »Und nun geht es für bloße fünf Kopeken mitten

hinein in die Wagen und Menschen, Schauläden und Ausstellungen -- und

sogar in die Unglücksfälle -- meinetwegen, wenn das Genick doch schon

gebrochen sein muß.«

Marianne blieb lächelnd stehn, bis sie die Alte im Inneren des Wagens gut

placiert sah, dann schritt sie schneller aus, zu ihrer Privatstunde.

Die Eindrücke des heutigen Nachmittags zu Hause traten dabei langsam in

den Hintergrund, und die Notwendigkeit, alles zurückzudrängen, was sie

nicht in ihren Beruf mitbringen durfte, erwies sich, wie so oft, heilsam

befreiend für ihre Stimmung. Als sie vom Unterricht zu ihrer Schwester

ging, hatte ihre Grundnatur, getrost und tapfer, bereits wieder den Sieg

über die Traurigkeit gewonnen.

Es war schon halb neun Uhr. Sie kam bei Ottilie grade noch zum Abendthee

zurecht. Neben dem Tisch im Eßzimmer dampfte schon der silberne Samowar

auf seinem Gestell, die Theegläser standen bereit und dazwischen

flache Schüsseln mit eingekochten Früchten und mit winzigen belegten

Brotschnittchen, -- jedes grade ein Mundvoll groß, fast so zierlich wie

Konfekt hergerichtet.

»Aber seid ihr etwa nicht allein heute?« fragte Marianne beunruhigt, als

sie diese kunstvollen Zuthaten zum Abendthee wahrnahm und die hübschen

gestickten Tellerservietten, -- Ottiliens eigne mühsame Handarbeit.

»So gut wie allein,« versetzte ihr Schwager, der sie empfangen und

hereingeführt hatte, »Ottilie sitzt nur noch drinnen mit einem Fräulein

-- eine ausländische Konzertsängerin, glaub ich --. Jedenfalls schwärmt

Tilie für das Fräulein Clarissa.«

Er machte bei seinen Worten ein gutmütiges, behagliches Gesicht. Ihm

gefiel, wenn schon nicht die Konzertsängerin, so doch der um ihretwillen

so schön bestellte Theetisch sehr gut.

Ueber die Schüssel mit den zierlichen Brotscheibchen gebeugt, steckte er

eins davon, mit geräuchertem zartrotem Lachs belegt, in den Mund. Grade

wollte er Marianne auffordern, sich der gleichen Beschäftigung hinzugeben,

als seine Frau mit dem fremden Fräulein bereits eintrat.

Nun wurde nach den Kindern gerufen, man nahm geräuschvoll Platz und

tauschte die üblichen Redensarten. Inotschka, die dreizehnjährige

Tochter, erschien schüchtern an der Thür, sie machte vor der Fremden

ihren eingelernten Knix mit einer Befangenheit, die sie linkisch aussehen

ließ und die schlanke Grazie ihrer feinen Bewegungen ganz verwischte.

Rot bis an den lichtbraunen Haarschopf über ihrer Stirn, setzte sie sich

in ängstlicher Haltung neben ihre Mutter, deren Stirnrunzeln sie schon

bemerkt hatte. Aber dabei flog ihr Blick mit einem Aufleuchten zu Marianne

hinüber, die von ihr in all der Verlegenheit nicht einmal begrüßt worden

war. Dafür grüßten sie ihre Augen nun fortwährend und brachten dadurch

ihr Theeglas in Gefahr, von den unachtsamen schmalen, rötlichen Händen

umgestoßen zu werden.

Nikolai, der älteste Sohn, ein großer Junge in der kleidsamen

Gymnasiastenuniform, saß neben Marianne, mit der er sich ebenfalls

besonders gut stand. An seinen freien Montagnachmittagen war er ihr

Schüler, da trieben sie auf Wunsch des Vaters englische und französische

Konversationsstudien, und bei diesen Gelegenheiten hatte er mit vielen

grammatikalischen Fehlern Marianne mehr von seinen vierzehnjährigen

Wünschen und Nöten anvertraut, als je auf gut russisch seinen eignen

Eltern. Heute klagte er Marianne heimlich, mit ausdrucksvollen Andeutungen,

sein Leid über diesen unerwarteten Damenbesuch; er wollte zu bestimmter

Stunde einen Kameraden treffen, und nun konnte »die Geschichte schrecklich

lange dauern hier bei Tisch«.

Seine beiden kleinen Brüder schauten hinter ihren breiten Milchtassen nur

ganz verstohlen auf den fremden Gast in dem für einen simpeln Familienthee

etwas zu prächtig geratenen Gesellschaftsanzug. Sie waren beide

beängstigend artig, -- so artig, wie, nach Mariannens in diesem Punkt

ziemlich trüben Lebenserfahrungen, lebhafte Kinder nur dann sind, wenn

sich bald darauf etwas Fürchterliches ereignet.

Aber diese Kleinen hier regierte auch bei Tisch der wachsame Blick ihrer

Mutter mit unmerklicher Strenge. Der Jüngste, Mariannens Liebling, war

schon zu Bett.

Ottilie verstand es musterhaft, in sich stets gleichbleibender

Liebenswürdigkeit sowohl für die Unterhaltung wie für das Betragen der

Kinder zu sorgen. Und während sie emsig ihrem Mann den Thee auf seine ganz

spezielle Weise mit Fruchtgelee anrührte, blieb sie doch ganz Ohr und

fiel bei jeder heitern Aeußerung ihres Gastes mit einem kleinen hellen,

klingenden Lachen ein.

Ma: Ein Porträt · 第 4 / 11 段